Mittwoch, 24. März 2010

Der Gorilla von Soho (1968)

Jede Reihe hat ihren Tiefpunkt. Für jeden "Goldfinger" (1964) gibt es einen "Stirb an einem anderen Tag" (2002), für "Die toten Augen von London" (1961) gibt es den GORILLA VON SOHO, den unbestritten schlechtesten Edgar Wallace-Film aller Zeiten. Wie kam es dazu?

Die Kurzfassung: nachdem Wallace Nr. 26, "Im Banne des Unheimlichen" recht erfolgreich lief, wurde ein Drehbuch mit dem Titel "Der Gorilla von Soho" erarbeitet, das aber entweder nicht gefiel oder nicht zu realisieren war, also kamen Regisseur Alfred Vohrer und Produzent Horst Wendlandt auf die 'geniale' Idee, einen der erfolgreichsten Wallaces, "Die toten Augen von London" umzuarbeiten und ein Quasi-Remake zu drehen, das sich aber nicht als solches zu erkennen gab. Alle Namen, Schauplätze und Berufe wurden geändert, und obwohl die Geschichte weitgehend gleich blieb, trennen beide Filme Welten!

Statt eines unheimlichen Blinden treibt in dieser Neufassung nun ein Mörder im Gorillakostüm sein Unwesen, der es auf reiche Herren abgesehen hat, die ihr Vermögen einer dubiosen Organisation vermachen. Die Meuchelei bringt Schnarch-Inspektor Horst Tappert auf den Plan, der gemeinsam mit Schätzchen Uschi Glas einer hinterhältigen Betrügerbande, angeführt von Albert Lieven, auf die Schliche kommt...

Logik, Sinn und Zusammenhang waren nie das Gütesiegel der Edgar Wallace-Filme, aber "Der Gorilla von Soho" ist in jeder Beziehung so dramatisch grauenvoll, dass es einem fast den Atem raubt, weswegen er sich aber auch extrem gut anschauen lässt, weil es an unfreiwilliger Komik weißgott nicht mangelt. Zu den behämmerten Ideen gehört in erster Linie das Affenkostüm des Mörders, das mehr zum Kichern als zum Gruseln animiert. Dieser Killer kann jedenfalls keinen Kindergeburtstag das Fürchten lehren.

Horst Tappert spielt seinen Inspektor Perkins mit der gleichen Valium-Intensität, die er später als Derrick jahrzehntelang perfektionierte. Ihm zur Seite steht mit Uwe Friedrichsen als Sergeant Pepper ein komplett unlustiger Eddi Arent-Ersatz, der nur noch von Stefan Behrens im folgenden Wallace "Der Mann mit dem Glasauge" (welcher insgesamt aber deutlich besser ausgefallen ist) getoppt wird. Unsere Uschi bleibt dagegen weitgehend solide und hübsch anzuschauen. Hubert "Hupsi" von Meyerinck als Scotland Yard-Chef Sir Archibald und die wunderbare Ilse Pagé als dessen kesse Sekretärin Miss Finley sind die einzigen Lichtblicke in diesem Kabinett des Schreckens, in dem auch Trash-Ikone Herbert Fux unerwartet durchs Bild stolpert. Die Filmmusik von Peter Thomas klang nie schräger und ohrenbetäubender als in diesem 27. Wallace-Epos.

Das beeindruckendste Set ist übrigens eine Art Bordell, in welchem halbnackte Bodybuilder beiderlei Geschlechts auf Podesten stehen und sich von geilen Zuschauern begaffen oder zeichnen lassen (siehe Bild unten). Der Film war übrigens so erfolglos, dass die Reihe kurz darauf dem Untergang geweiht war, obwohl noch einige sehenswerte Beiträge in italienischer Co-Produktion entstanden.

Man muss sich kurz auf der Zunge zergehen lassen, dass im selben Jahr Filme wie "2001", "Rosemary's Baby" und "Targets - Bewegliche Ziele" entstanden, während in der Bundesrepublik Riesenaffen zur Jagd auf kreischende Uschis bliesen.
Freunden des schlechten Geschmacks kann ich den "Gorilla" wärmstens ans Herz legen. Er ist in jeder Beziehung so strunzdoof, dass man sich seinem Charme nicht entziehen kann.

03/10


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