Mittwoch, 16. Juni 2010

Das Grauen kommt um 10 (1979)

"Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?"

Babysitterin Jill Johnson (Carol Kane) verbringt die schlimmste Nacht ihres Lebens, als sie auf zwei kleine Kinder aufpassen soll und ein anonymer Anrufer sie unentwegt bedroht. Sie kann dem Killer gerade noch entkommen, nachdem er die beiden Schützlinge ermordet hat, doch Jahre später ist er wieder auf freiem Fuß. Bald schon bekommt die nun erwachsene Jill erneuten Besuch...

Fred Waltons DAS GRAUEN KOMMT UM 10 (When a Stranger Calls) ist ein Film, für den man wirklich starke Nerven braucht, denn die ersten 15 Minuten gehören zum spannendsten und unheimlichsten, was das Horror-Genre je hervorgebracht hat. Allein in dem abgelegenen Haus mit zwei schlafenden Kindern und einem zutiefst Gestörten am Telefon erzeugt Fred Walton eine so beklemmende Atmosphäre, dass man förmlich in den Film hineingezogen wird. Er spielt auf geniale Weise mit Ton und Stille, alltägliche Geräusche wie der Eiswürfelbereiter am Kühlschrank sorgen für Gänsehaut, und simple Gegenstände wie das Pendel einer Standuhr bekommen durch ungewöhnliche Kameraperspektiven ein Eigenleben. Carol Kane spielt die Babysitterin überzeugend und bleibt nachvollziehbar in ihren Handlungen, sie wird nicht absichtlich verdummt oder zur Scream Queen degradiert. Gerade durch die Identifikation mit ihr wird der Horror spürbar.

Diese Anfangspassage hatte Fred Walton bereits Jahre zuvor als 20-minütigen Kurzfilm namens "The Sitter" gedreht. Nach dem Erfolg von John Carpenters "Halloween" inszenierte er diesen Kurzfilm noch einmal neu und erzählte die Geschichte weiter. So kann der Rest von DAS GRAUEN KOMMT UM 10 nicht mehr ganz mit der Dichte des Anfangs mithalten, ist aber weit davon entfernt, schlecht zu sein.
Der Mittelteil schildert die Erlebnisse des aus der Nervenheilanstalt entlassenen Killers Duncan (Tony Beckley), der verzweifelt versucht, Kontakt zu finden, aber von der Gesellschaft gnadenlos abgewiesen wird. Beckley spielt diesen Psychopathen mit so intensiver Verzweiflung, dass man Mitleid mit ihm bekommt. Stephen King schrieb in seinem Buch "Danse Macabre", dass die Identifikation mit dem Killer den Film ruiniere, aber ich bin anderer Ansicht. Es stimmt, dass die jämmerliche Person Duncan nicht ganz zu der bedrohlichen Stimme der Eingangspassage passen will, aber wenn er im Finale wieder als Bedrohung auftaucht, ist das ein Moment puren Schreckens, und man hat die gleiche Angst vor ihm wie zu Beginn, auch wenn man zwischendurch auf seiner Seite war.

Fred Walton schildert parallel die Bemühungen von Ex-Cop Charles Durning, den Psychopathen zu fassen, und Durning verhält sich ebenso obsessiv und mitleidlos wie der Gejagte. In Colleen Dewhurst findet Beckley ein neues Opfer, das sich aber widerspenstig zeigt. Zu den großen Stärken des Films gehört das Ensemble, das nicht aus kreischenden Teenagern, sondern ernst zu nehmenden Erwachsenen besteht. Die Milieus sind heruntergekommene Bars, schlichte Wohnungen, unansehnliche Treppenhäuser, ein Armenhaus, Hinterhöfe, der ganze Schmutz der Großstadt. Diese Großstadt produziert Menschen wie Beckley, die Unschuldige terrorisieren, weil sie selbst Opfer sind.

DAS GRAUEN KOMMT UM 10 wurde beim Start zwar mit einigen lobenden Kritiken bedacht, ist aber insgesamt untergegangen. Sein Ruf ist in den Jahren stetig gewachsen, und heute darf man ihn zu den besten Psycho-Thrillern der 70er zählen. Dialoge wie "Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?" oder "Der Anruf kommt aus Ihrem Haus!" haben Eingang in die US-Pop-Kultur gefunden.

2006 entstand ein kreuzdummes Remake ("Anonymer Anrufer"), das lediglich die ersten 15 Minuten von Waltons Film nimmt und zu einer Spielfilmhandlung aufbläst, dabei ständig die Location wechselt, vor Unlogik nur so strotzt und dröhnend laut daherkommt - in der Hauptrolle: ein dämlicher Teenager! Hurra!

10/10

Kommentare:

  1. Das ist natürlich ein Film, den ich schon lange auf DVD suche. Ich habe mir vor einigen Wochen tatsächlich das Remake gekauft (Doppelpack mit dem Prom Night Remake) und die lieben beide noch im Ungesehen Stapel. Nach deiner Einschätzung steht mir da ganz anderer Horror bevor, als den, den ich erwartet habe.
    LG

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  2. Das ist ja ein echter Horror-Doppelpack! :-) Wobei dann "Anonymer Anrufer" immer noch besser ist als das "Prom Night"-Remake... das ist wirklich grauenvoll schlimm. Ich würde sie erstmal bei "Ungesehen" lassen, das Leben ist doch zu kurz... LG!

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