Dienstag, 10. August 2010

Ein Kuss vor dem Tode (1956)

Gerd Oswald inszenierte EIN KUSS VOR DEM TODE (A Kiss Before Dying) nach einer Vorlage von Ira Levin ("Rosemary's Baby") diesen Klassiker des Thrillers, in dem der junge Robert Wagner als seelenloser Mörder glänzt.

Er spielt den Studenten Bud Corliss, der nur ein Ziel kennt - in die Familie und das Unternehmen des Industriellen Leo Kingship einzusteigen. Aus diesem Grund hat er sich an dessen Tochter und Kommilitonin Dorothy herangemacht. Als diese jedoch eine ungewollte Schwangerschaft feststellt, die zwangsläufig zu ihrer Enterbung führen wird, bleibt dem skrupellosen Bud nur eine Möglichkeit: er muss die schwangere Geliebte beseitigen, die ihm im Weg steht...

Im 90er-Remake des Films von James Dearden wird die Beseitigung der schwangeren Dorothy in den ersten Filmminuten abgehandelt. Im Vorgänger nimmt dieser Komplex die gesamte erste Filmhälfte ein, und diese ist äußerst spannend inszeniert.
Dabei verwendet Regisseur Oswald eine ähnliche Taktik wie der Meister Alfred Hitchcock, wenn er Robert Wagner bei der Vorbereitung des kaltblütigen Mordes mehrere Hindernisse in den Weg stellt, und der Zuschauer jedes Mal gegen seinen Willen hofft, dass er sie überwindet, obwohl dies schreckliche Konsequenzen für seine unschuldige Geliebte haben wird, die von Joanne Woodward äußerst sympathisch gespielt wird.
Man zittert mit, wenn er etwa bei einem Einbruch ins Chemie-Labor der Universität (wo er ein Gift besorgt, das er Woodward als "Vitamintablette" unterjubeln will) fast erwischt wird. Das hat die Qualität, die man in "Psycho" findet, wenn Norman Bates das Auto der ermordeten Janet Leigh im Sumpf versenkt und es kurz so aussieht, als gehe es nicht vollständig unter. Man stellt sich auf die Seite des Mörders, weil das Gelingen eines Plans, und sei er noch so widerlich, ein menschliches Bedürfnis ist und man Raffinesse immer bewundert, auch wenn sie einem schmutzigen Ziel dient. Der Film macht es dem Publikum nicht leicht, wenn Robert Wagner sehr früh Woodward, die ihm gerade von der Schwangerschaft erzählt hat, brutal eine Tribüne hinunterwirft und man trotzdem noch an ihm dranbleibt.

Ansonsten besticht EIN KUSS VOR DEM TODE durch zahlreiche inhaltliche Schlenker und Einfälle. Wagner lässt sich von Woodward einen spanischen Text ins Englische übersetzen, der später als Abschiedsbrief nach einem vermeintlichen Selbstmord dienen soll. Nach der Ermordung von Woodward präsentiert der Film wie beiläufig den neuen Freund von Woodwards Schwester - nämlich Robert Wagner, der sich mittlerweile an sie herangemacht hat, und von dessen abscheulicher Tat sie nichts ahnt. Diese überraschenden Wendungen halten den Thriller stets abwechslungsreich und spannend, selbst wenn Regisseur Oswald visuell eher bieder bleibt. Sein Film ist in schönen Farben und mit guter Cinemascope-Verwendung inszeniert, aber von der Raffinesse eines Hitchcock ist er natürlich um einiges entfernt.

Wagners Darstellung ist makellos, hinter seiner hübschen Fassade lauern tatsächlich düstere Abgründe. Unbezahlbar ist sein entsetzter Gesichtsausdruck, wenn Joanne Woodward plötzlich in der Uni-Vorlesung auftaucht, obwohl sie eigentlich längst tot sein müsste. Was ihn wirklich antreibt - außer dem Wunsch, den ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen, in denen er aufgewachsen ist - erfahren wir nicht, müssen wir auch nicht.
Die zweite weibliche Hauptfigur - Virginia Leitch als Woodwards Schwester - wird erst nach der ersten Filmhälfte eingeführt, was durchaus ungewöhnlich ist (auch hier lässt der spätere "Psycho" grüßen). Einziger Schwachpunkt bei der Besetzung ist der völlig hilflose George MacReady als starrköpfiger Vater von Leitch und Woodward. Er steht immer nur steif in der Deko herum, hält sich an Möbeln fest und spielt ohne jede Emotion. Als Wagners Mutter, die von ihrem Sohn wechselnd umschmeichelt und beleidigt wird ("Warum hast du dir diese scheußliche Bluse gekauft?"), bekommt Mary Astor zu wenig Gelegenheit, ihr Können zu zeigen.

Ebenfalls nicht überzeugend ist die Sequenz, in der Wagner einen Mitstudenten ermordet, der ihn auffliegen lassen könnte, und der nur wie ein Kaninchen dasitzt und sich mehr als bereitwillig von Wagner erschießen lässt, anstatt auch nur den Versuch zu unternehmen, sich zu wehren. Das wäre einem Hitchcock dann doch nicht passiert.
Etwas seltsam ist auch der poppige Vorspann (mit roten Kussmündern auf schwarzem Untergrund) zu fröhlichem Jazz, der eher eine Doris Day-Komödie vermuten lässt.

Neben diesen kleinen Unebenheiten bietet EIN KUSS VOR DEM TODE aber sehr spannende, für einen Film der 50er ungewöhnlich abgründige Unterhaltung mit guten Schauspielern, einem hervorragenden Bösewicht und einem äußerst raffinierten Drehbuch. Das Remake ist ebenfalls sehr sehenswert, weil es das Original nicht kopiert, sondern trotz gleichbleibender Handlung andere Ebenen (Ist mein Mann ein Mörder?) auslotet.

08/10

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