Mittwoch, 31. März 2010

Die Nacht der tausend Augen (1973)

In der Spätphase ihrer Karriere hat Elizabeth Taylor in mehreren Filmen mitgewirkt, die früher unter ihrer Würde gewesen wären (der schlimmste davon: "The Driver's Seat/Identikit" aus dem Jahr 1974, der so schlecht ist, dass man fassungslos davor sitzt, ganz besonders wenn Liz in der ersten Szene auf einem Flughafen von einer Kontrolleurin befummelt wird, als gäbe es kein Morgen).
Der britische Psycho-Thriller DIE NACHT DER TAUSEND AUGEN (NIght Watch) aus dem Jahr 1973 ist der einzige Horrorfilm, in dem sie je mitgespielt hat, und ob er Trash oder gute Unterhaltung ist, soll bitte jeder für sich entscheiden. Als ich NIGHT WATCH als Kind im TV sah, hatte ich nächtelang Alpträume. Aus heutiger Sicht ist er immer noch spannend, wirkt aber sehr viel naiver und auch gelegentlich unfreiwillig komischer.

Worum geht es? Die gute Liz spielt eine reiche Amerikanerin, die mit ihrem Ehemann Laurence Harvey (beide spielten bereits in Taylors Oscar-Erfolg "Butterfield 8") in London wohnt und von schlimmen Alpträumen geplagt wird. Ihr erster Ehemann kam mit seiner Geliebten bei einem bizarren Autounfall ums Leben. An einem Gewitterabend glaubt sie nun, eine Leiche im verlassenen Haus gegenüber zu sehen, doch als die Polizei nachschaut, ist keine zu finden (sonst wäre der Film auch zu Ende). Wer spielt da ein gemeines Spiel? Will jemand Elizabeth in den Wahnsinn treiben? Oder plant gar jemand einen Mord? ...

Freunde von Psycho-Thrillern in bester "Die Diabolischen"-Tradition, gemischt mit einem Schuss "Haus der Lady Alquist", kommen bei NIGHT WATCH sicher auf ihre Kosten. Ein paar kleinere Längen werden durch Elizabeth Taylor wettgemacht, die Dreh- und Angelpunkt des Films ist. Zwar bleibt ihr Spiel wie so oft begrenzt - insbesondere ihre manchmal übertrieben melodramatischen Gesten (bevorzugt: Hände vors Gesicht schlagen oder in die Faust beißen, um Entsetzen darzustellen), doch besitzt sie einfach eine Menge Star-Appeal und Ausstrahlung. An ihrer Seite wirkt Laurence Harvey leider etwas schwach. Er war schon sehr von seiner Krankheit gezeichnet und starb noch im selben Jahr, dies war sein vorletzter Film.
Als beste Freundin und Geliebte von Harvey (man beachte die gleiche Figurenkonstellation wie im Doris Day-Vehikel "Mitternachtsspitzen") zeigt Billie Whitelaw wie immer eine hervorragende Leistung, sie gehört zu den Schauspielerinnen die ich immer wieder gern sehe, und die irgendwie keiner kennt.

Die Gruseleffekte von Regisseur Brian G. Hutton beschränken sich auf ständiges Gewitter und verzerrte Rückblenden (in denen die merkwürdige Optik sowohl Taylors Geisteszustand schildern als auch ihr wahres Alter verschleiern soll, was nicht wirklich klappt), das Finale im alten Haus gegenüber hat es allerdings in sich. In fast vollständiger Dunkelheit darf man sich auf einige schockierende und blutige Details gefasst machen. Das Ende serviert dann einen genialen Twist, den man nicht kommen sieht. Das große Vorbild Hitchcock wird mehrfach bespielt (so müssen etwa frisch gepflanzte Blumen wieder ausgegraben werden, weil besagte Leiche darunter vermutet wird, was den Gärtner gar nicht froh stimmt), aber natürlich nie erreicht.

Leider ist NIGHT WATCH weltweit noch nicht auf DVD erhältlich und wird so gut wie nie im TV gezeigt. Wer aber Gelegenheit hat, sollte das Licht sowie die Erwartungen etwas herunterschrauben und diesen Grande Dame-Schocker wohlig genießen.
Einer meiner Lieblings-Geheimtipps!

09/10

Angels Fall - Verschlungene Wege (2006)

Wieder ein TV-Movie im Kino-Blog, aber Schwamm drüber, zumal er wirklich sehenswert ist.

ANGELS FALL, nach dem Roman von Nora Roberts, erzählt eine spannende Story in atmosphärischem Setting. "Sammy Jo" Heather Locklear spielt eine mysteriöse Frau, die wegen einer Wagenpanne im verschlafen Bergnest "Angels Fall" strandet, dort vorübergehend einen Job als Köchin in einem Imbiss annimmt und bei einem Streifzug durch die Berge einen Mord beobachtet, den ihr aber keiner glauben will...

Was an dieser TV-Produktion angenehm überrascht, ist die Sorgfalt, mit der unsere Heldin eingeführt wird. Die starke Spannung der ersten Filmhälfte besteht in der Frage, was eigentlich das Problem, bzw, die Backstory von Locklears Figur ist - wird sie von der Polizei gejagt? Von einem brutalen Ehemann? Sie scheint auf der Flucht zu sein, aber wir erfahren nicht, vor wem oder warum. Das habe ich lange nicht so gut in einem Film gesehen und hat mich wirklich an den Bildschirm gefesselt. Die Auflösung ist übrigens geschickt erdacht und überzeugend. Danach geht Locklear auf die Suche nach dem mutmaßlichen Mörder, unterstützt wird sie dabei von dem Schriftsteller Brody (Jonathon Schaech), ein - typisch für einen Frauenroman - sehr attraktiver, dunkelhaariger und etwas zwielichtiger Love-Interest (der klassische "Tall, Dark Stranger"). Natürlich landen sie auch bald in den Betten.

Die Darsteller spielen durch die Bank gut, es gibt viele Verdächtige, die Identität des Mörders ahnt man irgendwann und wird dann bestätigt, und Regisseur Ralph Hemecker inszeniert stark auf Tempo. Das Drehbuch springt von Höhepunkt zu Höhepunkt, hält alle Szenen knapp, rafft Zeit und verzichtet auf Nebensächlichkeiten, so wie ein guter TV-Film eben aufgebaut sein muss. Die Figurenzeichnung bleibt außer bei unserer Protagonistin zwar oberflächlich, aber das wird im Kino häufig nicht besser gemacht. Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren viele überproduzierte Kino-Thriller gesehen, die in Punkto Spannung durchaus von diesem kleinen Film übertroffen werden.

Zuletzt sollte noch das Setting erwähnt werden. Das kleine, geheimnisvolle Örtchen in den Bergen, mit grandiosem Panorama, stets winterlich verregnet, gibt eine klasse Kulisse für die Mörderjagd ab.

ANGELS FALL ist die richtige Wahl für einen Sonntagnachmittag vor dem Fernseher, ein altmodischer Whodunit mit interessanten Charakteren in stimmungsvoller Umgebung, schnell und modern erzählt. Keine weiteren Einwände von mir.

07/10

Liebe auf den zweiten Blick (2008)

Der zweite Spielfilm von Autor und Regisseur Joel Hopkins erzählt vom Amerikaner Harvey (Dustin Hoffman), der zur Hochzeit seiner Tochter nach London reist, dort gedemütigt und abgeschoben wird, seinen Job verliert und lediglich durch die Begegnung mit der reizenden Flughafenangestellten Kate (Emma Thompson) neuen Lebensmut schöpft. Aber hat diese Beziehung eine Chance?

Zunächst muss man feststellen, dass es eine Wohltat ist, einen aktuellen Kinofilm zu sehen, der sich ohne blaue 3D-Männchen ganz auf seine zwei Hauptdarsteller konzentriert. Weiterhin ist es schön, einer so simplen, aber herzerwärmenden Geschichte beizuwohnen. Insofern ist LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK (Last Chance Harvey) auf jeden Fall sehenswert und höchst unterhaltsam. Der positive Gesamteindruck wird nur durch ein paar überflüssige Klischees und offene Fragen geschmälert - inwieweit diese den Zuschauer negativ beeinflussen, muss jeder für sich entscheiden, es gab zum Film sowohl genug Lob als auch Verrisse.

Die erste Hälfte der Romanze, die das Leben der beiden Protagonisten in durchgehender Parallelmontage erzählt, ist dabei deutlich besser ausgefallen. Die Peinlichkeiten, die Dustin Hoffman durchmachen muss, sind so schrecklich-schön mitanzusehen, dass es eine wahre Freude ist. An seinem Hochzeitsanzug klebt noch das Sicherheitsetikett aus dem Kaufhaus, er rutscht auf Deko-Kieseln aus, sein Handy klingelt in den unmöglichsten Momenten, etc. Er wird vom Film so sehr als bemitleidenswerter Loser eingeführt, dass es fast schwer fällt, ihn später als ernsthaften Love-Interest für die wundervolle Thompson wahrzunehmen.

Emma Thompson spielt durchweg mit Understatement, Natürlichkeit und Intelligenz. Sie bemüht sich, eine "einfache Frau" darzustellen, die sich in eleganter Umgebung nicht wohl fühlt. Das funktioniert nur bedingt, denn - sie ist immerhin Emma Thompson und damit eine der elegantesten, schönsten und klügsten Leading Ladies des aktuellen Kinos - und zwar in jeder Beziehung (und vor allem jenseits von maskenhaften Botox-Gesichtern und belanglosen Girlies). LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK ist schon allein wegen Thompson ein Genuss. Ob sie auf einer Kneipentoilette mühsam mit den Tränen kämpft, ihre ständig anrufende Mutter abbürstet oder am Ende vor lauter Angst vor Nähe keine Entscheidung mehr treffen kann. Dustin Hoffman spielt das, was er in den letzten Jahren meistens spielt, den alt gewordenen Rain Man, der nie ganz begreift, was um ihn herum vorgeht. Das macht er sehr gut, aber er zeigt auch nichts Überraschendes.

In der zweiten Hälfte sind eigentlich alle Probleme bereits gelöst, also muss der Film neue auffahren und greift leider zu einer wirklich ausgelutschten Konstruktion - die Verabredung, die beide einhalten müssen, um zueinander zu kommen, und die einer von beiden dank widriger Umstände nicht einhalten kann. Ein Dreh, der bereits aus dem Cary Grant/Deborah Kerr-Klassiker "An Affair to Remember" bekannt ist, welcher das klare Vorbild von LIEBE AUF DEN 2. BLICK ist. Jenseits davon, dass es im Jahre 2008 Handys gibt und man nicht mehr darauf angewiesen ist, unbedingt pünktlich zu einer lebenswichtigen Verabredung zu erscheinen, die ganze Aktion macht den Film und den weiteren Ablauf vorhersehbar, es passiert genau, was passieren muss. Das ist schade, weil bis dahin auf bemühte Konstruktionen verzichtet wurde. Die Nebenhandlung um Thompsons Mutter, die in ihrem polnischen Nachbarn einen Serienkiller vermutet, wird ebenfalls verschenkt und löst sich praktisch in Nichts auf.

Die große Frage bleibt - funktioniert die Liebesgeschichte?

Auch wenn man den Altersunterschied von über 20 Jahren ignoriert (natürlich kein Problem, da der Mann der ältere ist, das ist die gängige und ärgerliche Kinomoral), bleibt das unangenehme Gefühl, dass Emma Thompson im Grunde einen charismatischeren Mann verdient hätte, und dass beider Beziehung nach dem Abspann nicht den Hauch einer Chance hat. Zwischen den Darstellern besteht eine gute Chemie (insbesondere bei ihrer ersten längeren Unterhaltung im Flughafenrestaurant, der mit Abstand besten Szene des Films), aber es knistert nicht, dazu bleibt Hoffman zu bedauernswert und Thompson zu sophisticated.

Mit diesen Abstrichen aber ist LIEBE AUF DEN 2. BLICK beste Unterhaltung im altmodischen Sinne. Ich hatte wenig bis keine Erwartungen und wurde angenehm positiv überrascht. Für einen gemütlichen DVD-Abend und die beruhigende Gewissheit, dass mit 50 der Ofen noch nicht komplett aus ist, kann man diese Romanze sehr genießen. Von mir eine Empfehlung.

Und eine letzte Frage - wäre ein noch unorigineller deutscher Titel möglich gewesen?

07/10

Montag, 29. März 2010

Tabloid - Gefährliche Enthüllungen (2001)

Für seinen Thriller TABLOID hat sich der britische Regisseur David Blair die abgründige Welt des Enthüllungs-TVs vorgenommen, für eine schnonungslose Abrechnung. Leider bleibt es bei dem Vorsatz.

Darren Daniels (Matthew Rhys) sucht als Star-Moderator einer Live-Show Leichen in den Kellern von Prominenten und findet sie auch. Seine Sendung ist der ultimative Quotenrenner, bald soll sie ins US-TV übernommen werden, wäre da nicht ein flotter Dreier, den Darren in seinem Apartment plant, und der durch einen Unbekannten (John Hurt) zum Blutbad gerät. Nun hat Darren selbst zwei Leichen im Keller und einen Erpresser am Hals...

Das klingt spannend und kann über die knappe Lauflänge auch gut unterhalten, aber eine Enthüllungsstory über die Machenschaften der TV-Industrie oder eine Abrechnung mit einem absurden Starkult ist TABLOID weißgott nicht geworden, dazu liefert er zu viele Klischees und ist nicht besonders kenntnisreich. Die erfolgreiche TV-Show wirkt unspektakulär und unglaubwürdig in ihrem gesamten Ablauf, die Beteiligten verhandeln ohne Agenten oder Anwälte, die skrupellose TV-Produzentin (Mary E. Mastrantonio) vergisst an einer Stelle tatsächlich, nach den Quoten zu sehen, weil der Film diese Information noch geheim halten muss.

Das ist schade, weil TABLOID gute Ansätze hat. Dass ein dummer Junge über Nacht zum Superstar mutiert, der von Fans belagert und von der Presse gefeiert und gehasst wird, sollte eigentlich ein interessantes und aktuelles Thema abgeben, doch leider kann Hauptdarsteller Matthew Rhys nicht wirklich überzeugen, wirkt ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt. Seine große Wandlung vom arroganten Koks-Schnösel zum verzweifelt Gejagten und seine finale Offenbarung vor den Live-Zuschauern ("Ich bin ein Nichts") strotzt nur so vor Plattitüden. Er ist hübsch anzuschauen, Abgründe findet man hinter seiner jungenhaften Fassade leider nicht, diese wären aber zwingend notwendig.
An seiner Seite gibt die eigentlich hervorragende Mary Elizabeth Mastrantonio Le Bitch in Reinkultur, stets in schwarzen Kostümen, mit schlimmer Dauerwelle und Kette rauchend. Die obligatorische TV-Produzentin ohne Seele, der es nur um Quoten geht, wurde bereits 1976 von Faye Dunaway in NETWORK zehnmal komplexer dargestellt, ohne diese banalen Versatzstücke. Überhaupt haben beide Filme das gleiche Anliegen, beim direkten Vergleich schneidet TABLOID aber gegen NETWORK erbärmlich ab - auch, weil er keinen Humor besitzt und somit als Satire schon gar nicht funktioniert.

Was man anerkennen muss - Regisseur Blair hält das Tempo hoch und den Film straff, die Kameraarbeit ist sehr stilisiert, aber gelungen, und der Plot im Grunde raffiniert konstruiert. Gegen Ende gibt es einen entscheidenden Twist, der wirklich überraschend kommt (zumindest kam er das für mich), leider aber nicht ganz ausgekostet wird.
Das grundsätzliche Problem von TABLOID ist, dass der Film den Absturz eines gefeierten Medienstars zeigen sollte, aber viel zu lange braucht, um endlich zum Absturz zu kommen. Dieser findet erst in der letzten Szene und nach dem Abspann statt. Da wäre deutlich mehr drin gewesen.

Zuletzt sei noch gesagt, dass die deutsche Synchronfassung zum Davonlaufen ist.

06/10

Samstag, 27. März 2010

The Shining (1997)

Ich persönlich habe noch nie begriffen, warum so viele Menschen unbedingt ihre Lieblingsbücher 1:1 zum Mitlesen auf der Leinwand sehen wollen, als würde die Werktreue alleine schon einen guten Film ausmachen.
Und das kommt also dabei heraus, wenn man mit einem Kubrick-Film unzufrieden ist und beschließt, es selbst zu machen.

Anders als in Stanley Kubricks Version von 1980 hat Stephen King zu diesem TV-Mehrteiler selbst das Drehbuch nach seinem Roman "The Shining" verfasst. Es folgt tatsächlich wortgetreu dem Roman - aber was soll's? Immerhin hatte Kubrick als Regisseur eine Vision von der Geschichte, die vielleicht nicht unbedingt der Kings entsprach, die aber faszinierend, klaustrophobisch und in höchstem Maße visuell war. Diese TV-Version ist schlicht langweilig. Das Gerede nimmt einfach kein Ende, die vielen Details und Backstories der Charaktere helfen der Handlung nur auf dem Papier. Die Tricks sind einfach lächerlich.
Stephen King war besonders enttäuscht darüber, dass Kubrick seine Lieblingsidee, die lebendig werdenden "Gebüschtiere" weggelassen hatte, weil er sie albern fand. Jetzt sind sie da, und was sind sie? Albern, albern, albern!
Zu allem Überfluss gibt's noch ein übersentimentales, weinerliches Happy End, bei dem man nur noch den Kopf schütteln kann.

Den Darstellern sei hier nichts vorgeworfen, sie tun ihr Bestes (mit Ausnahme des Kindes, das ständig guckt, als würde es gleich vom Auto überfahren werden, und das 4 Stunden lang), aber die Inszenierung ist lahm, unspektakulär und uninspiriert.

Wer auf genaueste Umsetzung eines Buches zum Film Wert legt, dem sei diese Version ans Herz gelegt, aber wer wirklich begriffen hat, dass es einen gewaltigen Unterschied der Medien Buch und Film gibt, der wird sehr enttäuscht sein von diesem überlangen, zahnlosen TV-Film.

02/10

Freitag, 26. März 2010

Das Rätsel des silbernen Halbmonds (1972)

Dieser letzte Beitrag der langjährigen Edgar Wallace-Reihe war erneut eine deutsch-italienische Co-Produktion und gibt im Gegensatz zu den vorigen Filmen nicht einmal mehr vor, in London zu spielen, sondern siedelt seine Handlung gleich in Italien an.

Wie so oft in der bekannten Mischung aus deutschem Krimi und Italo-Giallo ist es ein schwarz behandschuhter Mörder, der sein Unwesen treibt, junge Frauen tötet und am Tatort einen Hinweis auf seine Identität hinterlässt - genau, einen silbernen Halbmond. Uschi Glas steht als nächste auf seiner Liste, doch kann der Anschlag auf sie gerade noch vereitelt werden. Offiziell wird sie nun als tot ausgegeben und hilft der Polizei bei der Suche nach dem unheimlichen Serienkiller...

Wieder einmal ist das Motiv für die Morde in der Vergangenheit zu suchen und klug erfunden - der Mörder rächt sich für den Tod seines Bruders, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Das Auto steuerte jemand, dessen Identität der Killer nicht kennt, der aber zur selben Zeit mit besagtem Bruder in einem Urlaubshotel abgestiegen war. Um den richtigen zu erwischen, beschließt der Wahnsinnige einfach, alle umzubringen, die in Frage kommen könnten. Das nennt man effizientes Meucheln!

Hervorragend gelungen sind Regisseur Umberto Lenzi, der in den 80ern mit seinen Kannibalen-Filme bekannt und berüchtigt wurde - die Mordsequenzen, welche in bester Argento-Manier ablaufen. Dazwischen herrscht leider ein wenig Leerlauf. Obwohl die Geschichte eigentlich sehr spannend ist, wird sie relativ zäh erzählt und hängt mehrfach durch.

Uschi
Glas und ihr Film-Verlobter Antonio Sabato geben ein äußerst attraktives Paar ab, das auf der Jagd nach dem Killer in Lebensgefahr gerät. In einer Nebenrolle ist die junge Petra Schürmann zu sehen, und Erotik-Ikone Marisa Mell darf gleich eine Doppelrolle spielen. Sie wird vom Täter mit einer handlichen Bohrmaschine um die Ecke gebracht - es besteht kaum ein Zweifel, dass Brian De Palma den Film gesehen und sich später für seinen "Body Double" daran erinnert hat (er hat sich übrigens auch bei "Dressed to Kill" verschiedener Gialli bedient, was angesichts des ewigen Vorwurfs, er würde stets Hitchcock kopieren, doch amüsant erscheint).

Insgesamt handelt es sich beim "silbernen Halbmond" um einen soliden Thriller, der mit Edgar Wallace außer der Vermarktung nichts mehr zu tun hat, aber auf seine eigene Weise unterhält. Ich mag ihn trotz seiner Schwächen ganz gerne. Die deutsche Fassung ist natürlich gekürzt, der DVD aus der Wallace-Box liegt aber eine englischsprachige Langfassung bei. In den USA ist der Film ungekürzt unter dem klangvollen Titel "Seven Bloodstained Orchids" erschienen.

08/10


Das Gesicht im Dunkeln (1969)

Der Spät-Wallace "Das Gesicht im Dunkeln" schwankt so sehr zwischen Meisterwerk und absolutem Schund, dass einem schwindlig wird, genau diese Diskrepanz aber macht ihn auch immer wieder sehenswert.

Mit dem gleichnamigen Roman von Edgar Wallace hat der Film nichts mehr gemein, stattdessen lehnt er sich eher an die Hammer-Produktionen aus der Feder von Jimmy Sangster an. Es geht um Erbschleicher, Menschen, die in den Wahnsinn getrieben werden, sowie reichlich Mummenschanz. Der stets verlässliche Klaus Kinki spielt hier erstmals in einer Wallace-Produktion nicht den Fiesling oder Handlanger des Bösen, sondern das weitgehend unschuldige Opfer eines hinterhältigen Mordkomplotts. Kinskis vermögende Frau Margaret Lee kommt bei einem Autounfall (dazu gleich mehr) ums Leben, eine mysteriöse junge Frau (die knackige Christiane Krüger) nistet sich in Kinskis Villa ein, bald schon mehren sich Anzeichen, dass die angeblich verstorbene Gattin noch unter den Lebenden weilt und in einem freizügigen Film die Hauptrolle spielte. Wer betrügt da wen?

Im Gegensatz zu vielen - um nicht zu sagen, den meisten - Wallace-Verfilmungen gibt es im "Gesicht im Dunkeln" keinen maskierten Mörder oder blödelnden Sidekick. Der Thriller - eine italienische Co-Produktion - bleibt tödlich ernst und streut hier und da ein bisschen nackte Haut und psychedelische Sequenzen ein, die wir am europäischen Kino der Spät-60er und 70er so lieben. Der Plot ist tatsächlich geschickt konstruiert und spannend erzählt. Kinski spielt angenehm zurückhaltend, die englischsprachigen Darsteller Margaret Lee und Sydney Chaplin können ebenfalls punkten. Die Musik von Nora Orlandi wird hervorragend eingesetzt.

Leider, leider aber werden diese guten Elemente von Ricardo Freda immer wieder durch extreme Schlampigkeiten in der Inszenierung sabotiert. Da gibt es Anschlussfehler, die nicht einmal Debütanten passieren dürfen - so ist Kinski mal mit, mal ohne Hut in ein- und derselben Sequenz zu sehen. Die Spezialeffekte haben die Bezeichnung nicht verdient. Ganz besonders der Autounfall, mit dem die Geschichte beginnt und endet, ist so stümperhaft umgesetzt, dass man die Spielzeugeisenbahn, die in das Matchbox-Auto donnert, klar als solche erkennen kann. Das geht bei einem Kinofilm, der immerhin mit dem Wallace-Gütesiegel ausgezeichnet ist, überhaupt nicht, und dementsprechend schlecht wurde der Film auch aufgenommen. Mit ein bisschen mehr Liebe zum Detail hätte "Das Gesicht im Dunkeln" einer der besten Wallace-Filme werden können. Atmosphäre, Darsteller und Story sind hochklassig, aber insgesamt sorgen diese Ausfälle und ein paar Längen immer wieder dafür, dass man komplett aussteigt.

Der Film wurde mehrfach in Handlungsszenen beschnitten, die längste und vollständigste Fassung ist in den USA erhältlich, dort ist er unter dem Titel "Liz & Helen" auf DVD erschienen.

07/10

Das Geheimnis der grünen Stecknadel (1972)

In der Spätphase der Edgar Wallace-Reihe entstanden mehrere italienische Co-Produktionen, die wenig bis nichts mit den frühen S/W-Gruslern um nebelverhangene Schlösser und wahnsinnige Erbschleicher zu tun hatten, sondern vielmehr in die aktuelle Giallo-Richtung gingen, die mit Dario Argentos Sensationserfolg "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1968) populär wurde. Bei vielen Fans der klassischen Wallace-Krimis stießen diese Filme auf Unverständnis und Ablehnung, vom heutigen Standpunkt aus sind sie deutlich interessanter als einige der naiven Schauermärchen der frühen 60er.

"Das Geheimnis der grünen Stecknadel" ist in meinen Augen der beste Beitrag jener Spätphase. Ein Mörder (wir üblich mit schwarzen Handschuhen) tötet in London junge Frauen und hinterlässt am Tatort jeweils eine grüne Stecknadel. Die Ermittlungen von Inspektor Blacky Fuchsberger führen ihn in ein Mädcheninternat. Dort pflegt der attraktive Sportlehrer Fabio Testi eine außereheliche Affäre mit einer Schülerin und steht bald unter Mordverdacht, doch um die Wahrheit zu finden, müssen beide Männer in der Vergangenheit graben...

Mag die Verbindung von deutschem Wallace-Stamm-Ensemble (Fuchsberger, Karin Baal, Günther Stoll) und italienischen Darstellern wie Testi und der reizenden Cristina Galbo zunächst irritieren, bleiben doch alle auf ihre Art äußerst wirkungsvoll. Während Fuchsberger auf Seriosität setzt, bringt der ausgezeichnete Testi, der oft ungerechterweise als Sean Connery-Ersatz besetzt wurde, internationales Flair in die Produktion. Das Drehbuch rückt dabei Fuchsberger als offiziellen Ermittler in die zweite Reihe, während Testi als zwiespältiger Protagonist (er ist möglicherweise unschuldig an den Morden, betrügt aber seine Ehefrau) mehr Filmzeit erhält. Cristina Galbo wird als Hauptdarstellerin eingeführt und fällt überraschend früh dem maskierten Mörder zum Opfer - ein Dreh, der sich klar an Hitchcocks "Psycho" (1960) anlehnt.

Der italienische Einfluss ist sowohl in den geschmacklosen Morden erkennbar (den Opfern wird ein Fleischermesser in den Unterleib gestoßen, was man aber lediglich in Röntgenaufnahmen aus der Autopsie sieht), als auch in einigen skurrilen Sequenzen, etwa wenn eine Gruppe Priester zur Gegenüberstellung auf dem Polizeirevier erscheint. Wurde früher auf Sex und Gewalt weitgehend verzichtet, betont Regisseur Massimo Dallamano beides ausgiebig, so gibt es neben den harten Mordsequenzen auch ausgiebige Duschszenen der jungen Damen, die inhaltlich überhaupt keine Berechtigung haben, aber für reichlich nackte Haut und Umsatzsteigerung sorgen.

Filmisch hat Massimo Dallamano viel bei Argento gelernt und nutzt insbesondere das Widescreen-Format maximal aus. Die Rückblenden des Finales, welche die traumatische Backstory und Begründung für die Mordserie liefern, besitzen eine alptraumhafte Qualität.
Ennio Morricone hat einen wunderbar zarten und gleichzeitig beunruhigenden Score komponiert. Mit einem "Frosch mit der Maske" hat das alles nichts mehr gemein, und man muss es Produzent Horst Wendlandt lassen, dass er zumindest versucht hat, sich dem aktuellen Kinogeschmack anzupassen, anstatt weiter ausgetrampelte Pfade zu beschreiten.

"Das Geheimnis der grünen Stecknadel" ist spannendes Thriller-Kino der 70er mit kleinem Sleaze-Faktor (und scheußlicher Garderobe), bis heute übrigens gibt es keine ungekürzte deutsche Fassung des Films. Wer den Schocker uncut genießen möchte, muss zur US-DVD mit dem Titel "What have you done to Solange?" greifen, wo der Film in sehr schönem Cinemascope vorliegt und auf den typischen "Hallo, hier spricht Edgar Wallace"-Vorspann verzichtet.

08/10


Mittwoch, 24. März 2010

Der Gorilla von Soho (1968)

Jede Reihe hat ihren Tiefpunkt. Für jeden "Goldfinger" (1964) gibt es einen "Stirb an einem anderen Tag" (2002), für "Die toten Augen von London" (1961) gibt es den GORILLA VON SOHO, den unbestritten schlechtesten Edgar Wallace-Film aller Zeiten. Wie kam es dazu?

Die Kurzfassung: nachdem Wallace Nr. 26, "Im Banne des Unheimlichen" recht erfolgreich lief, wurde ein Drehbuch mit dem Titel "Der Gorilla von Soho" erarbeitet, das aber entweder nicht gefiel oder nicht zu realisieren war, also kamen Regisseur Alfred Vohrer und Produzent Horst Wendlandt auf die 'geniale' Idee, einen der erfolgreichsten Wallaces, "Die toten Augen von London" umzuarbeiten und ein Quasi-Remake zu drehen, das sich aber nicht als solches zu erkennen gab. Alle Namen, Schauplätze und Berufe wurden geändert, und obwohl die Geschichte weitgehend gleich blieb, trennen beide Filme Welten!

Statt eines unheimlichen Blinden treibt in dieser Neufassung nun ein Mörder im Gorillakostüm sein Unwesen, der es auf reiche Herren abgesehen hat, die ihr Vermögen einer dubiosen Organisation vermachen. Die Meuchelei bringt Schnarch-Inspektor Horst Tappert auf den Plan, der gemeinsam mit Schätzchen Uschi Glas einer hinterhältigen Betrügerbande, angeführt von Albert Lieven, auf die Schliche kommt...

Logik, Sinn und Zusammenhang waren nie das Gütesiegel der Edgar Wallace-Filme, aber "Der Gorilla von Soho" ist in jeder Beziehung so dramatisch grauenvoll, dass es einem fast den Atem raubt, weswegen er sich aber auch extrem gut anschauen lässt, weil es an unfreiwilliger Komik weißgott nicht mangelt. Zu den behämmerten Ideen gehört in erster Linie das Affenkostüm des Mörders, das mehr zum Kichern als zum Gruseln animiert. Dieser Killer kann jedenfalls keinen Kindergeburtstag das Fürchten lehren.

Horst Tappert spielt seinen Inspektor Perkins mit der gleichen Valium-Intensität, die er später als Derrick jahrzehntelang perfektionierte. Ihm zur Seite steht mit Uwe Friedrichsen als Sergeant Pepper ein komplett unlustiger Eddi Arent-Ersatz, der nur noch von Stefan Behrens im folgenden Wallace "Der Mann mit dem Glasauge" (welcher insgesamt aber deutlich besser ausgefallen ist) getoppt wird. Unsere Uschi bleibt dagegen weitgehend solide und hübsch anzuschauen. Hubert "Hupsi" von Meyerinck als Scotland Yard-Chef Sir Archibald und die wunderbare Ilse Pagé als dessen kesse Sekretärin Miss Finley sind die einzigen Lichtblicke in diesem Kabinett des Schreckens, in dem auch Trash-Ikone Herbert Fux unerwartet durchs Bild stolpert. Die Filmmusik von Peter Thomas klang nie schräger und ohrenbetäubender als in diesem 27. Wallace-Epos.

Das beeindruckendste Set ist übrigens eine Art Bordell, in welchem halbnackte Bodybuilder beiderlei Geschlechts auf Podesten stehen und sich von geilen Zuschauern begaffen oder zeichnen lassen (siehe Bild unten). Der Film war übrigens so erfolglos, dass die Reihe kurz darauf dem Untergang geweiht war, obwohl noch einige sehenswerte Beiträge in italienischer Co-Produktion entstanden.

Man muss sich kurz auf der Zunge zergehen lassen, dass im selben Jahr Filme wie "2001", "Rosemary's Baby" und "Targets - Bewegliche Ziele" entstanden, während in der Bundesrepublik Riesenaffen zur Jagd auf kreischende Uschis bliesen.
Freunden des schlechten Geschmacks kann ich den "Gorilla" wärmstens ans Herz legen. Er ist in jeder Beziehung so strunzdoof, dass man sich seinem Charme nicht entziehen kann.

03/10


Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1959)


Jules Vernes meisterhafte Erzählung über zwei Forscher, die eine unterirdische Reise zum Erdkern unternehmen, ist wie geschaffen für einen abenteuerlichen Kinostoff und wurde mehrfach verfilmt. Die Hollywood-Version von Henry Levin darf als die Gelungenste angesehen werden, auch wenn sie außer der Grundgeschichte mit dem Roman kaum noch etwas gemein hat.

Der allzeit verlässliche James Mason spielt hier einen schottischen Geologen, der mit seinem Studenten Pat Boone, der Witwe eines Kollegen, sowie einem isländischen Helfer und dessen lustiger Ente Gertrud auf besagte Reise geht. Unter Tage geraten sie an Urzeitviecher, Riesenpilze und einen Ozean, sie entdecken Atlantis und müssen nebenbei noch gegen einen Widersacher kämpfen - alles Elemente, die entweder gar nicht oder nur am Rande in der Romanfassung auftauchen.

So ist DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE ein perfektes Beispiel, wie Hollywood aus einer klaustrophobisch-utopischen Geschichte ein witziges Abenteuer für die ganze Familie machen kann.
Dass dieses uneingeschränkt genießbar ist, liegt an den Darstellern, der liebevollen Ausstattung und den wirklich originellen Einfällen. Die Begegnung der Gruppe mit den Urzeit-Echsen z.B. ist nicht nur tricktechnisch brillant, sondern auch mörderisch spannend und heute noch beängstigend. Die Screwball-Dialoge zwischen Mason und seiner widerspenstigen Reisegefährtin (die im Roman nicht existiert - Verne war nicht gerade bekannt für seine starken Frauenfiguren) sprühen vor sarkastischem Witz. Die Ente Gertrud lässt alle Tierfreundherzen höher schlagen. Und wem das alles noch nicht reicht, für den gibt es noch den hübschen Pat Boone, der nicht nur die gesamte zweite Hälfte des Films in zerrissenen Klamotten absolviert, sondern auch noch mehrere Schnulzen trällert, damit sich auch der Soundtrack gut verkauft.

Apropos Soundtrack - der einzige, der sich künstlerisch loyal zur Romanvorlage verhält, ist Komponist Bernard Herrmann. Dessen düstere Musik ist geradezu gewaltig geraten, so wie es einem Erdmittelpunkt angemessen ist. Er verwendete zur Vertonung von Atlantis allein 5 Orgeln und erschafft einen tödlich ernsten Gegenpol zur heiteren Unterhaltung. Man wundert sich fast, dass die 20th Century Fox ihm diese Musik durchgehen ließ.

Alles in allem handelt es sich bei der REISE ZUM MITTELPUNKT... um letztlich harmlose, aber äußerst spannende, witzige und fantasievolle Unterhaltung, die kaum altert. Für Kinder und das Kind in uns allen. Das Logikverständnis soll und muss man bei einem solchen Film selbstverständlich ausschalten - nur am Ende stellt sich die Frage, warum Pat Bone kilometerweit aus einem Vulkan herausgeschleudert wird, in einem ausladenden Baum landet, seine Hose dabei verliert, aber ansonsten nicht einmal einen Kratzer abbekommt. Das geht dann bei aller Liebe doch ein bisschen arg weit in Richtung Blödsinn... oder?

07/10

Bride Wars - Beste Feindinnen (2009)

Eines der größten Rätsel unserer Zeit besteht in der Tatsache, dass es offenbar immer noch ein Publikum für Hollywood-Hochzeitskomödien gibt, dabei haben wir bereits gefühlte 567 Junggesellenabschiede, Tortenverkostungen und Bräute gesehen, die in ihren Hochzeitskleidern aus der Kirche rennen und dem Mann ihrer Träume nachjagen, während sie einen hupenden Verkehrsstau verursachen.
Dass diese Filme seit Jahrzehnten nichts neues zu erzählen haben und nur immer wieder ein- und dieselbe Story mit mehr oder weniger skurrilen Nebenfiguren variieren, stört offenbar auch niemanden. Das Schlimmste aber sind die versteckten Botschaften, die diese "Komödien" unter das Volk, sprich, junge Frauen bringen, und eine davon wird in BRIDE WARS offen ausgesprochen.

"Vor Ihrer Hochzeit sind Sie tot. Erst danach sind Sie am Leben! Im Moment sind Sie tot!"
Bumms, das hat gesessen. Und das sagt ausgerechnet Hochzeitsplanerin Candice Bergen, die selbst in den 80ern mit ihrer Sitcom "Murphy Brown" eine Vorreiterin in Sachen Selbstständigkeit und eine vorbildliche alleinerziehende Mutter war. Aber die Botschaft kommt sicher an. Was genau an einer Hochzeit für Frauen so erstrebenswert sein soll, ich kann es nicht beantworten, doch der Zufall, bzw. die Filmkonstruktion will es, dass die besten Freundinnen Kate Hudson und Anne Hathaway den schönsten Tag ihres Lebens am selben Tag feiern müssen, weil beide unbedingt im Juni und im Plaza-Hotel heiraten wollen. Das gibt Ärger und führt zum kindischen Kleinkrieg, in dessen Verlauf Hudsons Haartracht sich blau, Hathaways Hautfarbe dagegen braun-orange färbt, peinliche Videos ausgegraben und Männer zu Statisten verdammt werden, bis beide endlich einsehen, dass sie doch die - schluchz - besten Freundinnen sind.

Wer an dieser Stelle sein Popcorn noch im Magen behält, hat wirklich starke Nerven. Nun bin ich möglicherweise (oder mit Sicherheit) nicht das Zielpublikum für ein sogenanntes "Chick Flick", aber wie um alles in der Welt können sich Frauen mit zwei Protagonistinnen identifizieren, für die Ort und Zeit einer Hochzeit wichtiger ist als das Ereignis selbst, die wegen eines lächerlichen Termins aufeinander losgehen und sich lediglich um Aussehen und Konventionen scheren? Hudson und Hathaway sind hier zwei der uninteressantesten, egozentrischsten und oberflächlichsten Tussen (das Wort passt am besten), die ich in den letzten Jahren in diesem untoten Genre zu Gesicht bekam, dicht gefolgt von den Damen aus "Sex and the City - der Film" (und ich mochte die Serie). Sind das Charaktere, mit denen man mitlachen, mitfiebern, mitfühlen soll?

Es gibt genau drei gute Gags in BRIDE WARS. Auf 80 Minuten Spielzeit kann sich jeder selbst ausrechnen, was er für sein Geld bekommt. Diese knappen 80 Minuten sind übrigens der letzte Beweis, dass BRIDE WARS nichts zu erzählen hat. Die Attacken, die die Frauen gegeneinander fahren, sind nicht einmal so schrill und überzogen, dass man Spaß an der Zerstörung bekommt, selbst dazu ist Regisseur Gary Winick nicht in der Lage (und wir erinnern uns alle wohlig an den "Rosenkrieg", der genau den nötigen schwarzen Humor besaß) - was nicht verwundert, denn seine Erfahrungen beschränken sich auf TV-Serien und den schrecklichen "30 über Nacht". Und natürlich müssen beide Frauen auch noch etwas lernen -Hathaway bekommt durch den Kleinkrieg mehr Selbstvertrauen, die anfangs toughe Hudson darf auch mal Gefühle zeigen. Die gefühllose Karrierefrau, die u.a. auch von Sandra Bullock in "Selbst ist die Braut" verkörpert wird, scheint eine aktuelle Horrorvision von Hollywood-Produzenten zu sein, es wimmelt geradezu von Filmen, in denen erfolgreiche Frauen auf das "richtige Maß" zurechtgestutzt werden. Widerlich.

Von den Darstellern kann allenfalls noch Kate Hudson überzeugen, sie besitzt zumindest ein gewisses Maß an komödiantischem Talent. Anne Hathaway tut nichts anderes als lieb zu lächeln, selbst wenn sie böse sein will, und mit den Rehäuglein zu kullern. Für die wenigen männlichen Zuschauer, die sich in BRIDE WARS verirren oder von sadistischen Freundinnen mitgeschleift werden (schlechte Idee, denn nach diesem Film versprürt garantiert kein Mann mehr den Wunsch, jemals vor den Traualtar zu treten), darf Hathaway auf ihrer Junggesellinnenparty wenigstens einen einigermaßen heißen Stangentanz vorführen.

In den 30er und 40er Jahren bestachen die Hollywood-Screwball-Comedys durch enormes Tempo, Dialogwitz und Frauenfiguren, die zumeist stärker und schlagfertiger als die männlichen Gegenparts waren und unabhängige, intelligente Charaktere verkörperten.
Die heutige Romantische Komödie besteht aus unsympathischen Hohlköpfen, deren größte Furcht darin besteht, keinen Kerl abzubekommen und nicht ins Hochzeitskleid zu passen. Wie weit sind wir gekommen!

01/10

Dienstag, 23. März 2010

Die Wahrheit (1960)

Die in erster Linie als Sex-Symbol vermarktete Brigitte Bardot bekam nur wenig Gelegenheit, ihr schauspielerisches Talent zu beweisen. Einige hochklassige Regisseure wie Godard und Malle ermutigten sie allerdings zu fabelhaften Leistungen, und ihre beste zeigt sie in Henri-Georges Clouzots DIE WAHRHEIT (La Vérité) aus dem Jahr 1960.

Bardot spielt die junge Dominique Marceau, die aus der Provinz nach Paris kommt und sowohl in falsche Gesellschaft als auch auf die schiefe Bahn gerät. Ihr zügelloses Leben kostet schließlich einen Menschen (Samit Frey) das Leben, jetzt steht Dominique vor Gericht und muss sich wegen Mordes verantworten...

Clouzot, dessen bester Film der Klassiker "Die Teuflischen" (1955) bleibt, inszeniert dieses mitreißende Gerichtsdrama als Tragödie und Generationskonflikt. Vor Gericht steht hier nicht nur eine Frau, die ein Verbrechen aus Leidenschaft begangen hat, sondern eine ganze Generation, die mit den alten Werten nichts anfangen kann, stattdessen aber keine neuen Ziele definiert. Die Besetzung mit Brigitte Bardot ist insofern ein doppelter Coup, weil die Schauspielerin für eine junge Generation von Filmen stand, die von der Elterngeneration als obszön, frivol und unanständig empfunden wurde.

Dass Clouzot die Jugend nicht denunziert, sondern ernst nimmt, gehört zu den Stärken des Films, der zwar mit Aufwand inszeniert ist, die "Nouvelle Vague" aber dennoch aufgenommen hat. Während der Gerichtssaal zum klassischen Kino gehört, spielen viele der Rückblenden an Originalschauplätzen, in winzigen Apartments, heruntergekommenen Treppenhäusern und billigen Nachtclubs. Die Szenenfolge ist schnell, reißt Dialoge auseinander, fügt sie über den Schnitt wieder zusammen, die Filmmusik besteht hauptsächlich aus Musik, die von den Figuren gehört wird.
DIE WAHRHEIT betont dabei immer wieder die Gegensätze - klassische Musik (Frey spielt einen Musikstudenten, der vom eigenen Orchester träumt) gegen Cha-Cha (der für Bardots aufreizendes Verhalten und Lebenslust steht), alte Herren im Gericht gegen die junge Angeklagte, biedere Moralvorstellungen gegen freie Liebe. Während Hollywood-Filme das romantische Paris verklären, zeigt Clouzot eine verklemmte Gesellschaft, in der Damenbesuch von Vermieterinnen verboten wird und Frauen gerade mal zugestanden wird, sich einen Job oder Ehemann zu suchen, aber nicht, sich auszuleben oder sich Freiheiten zu nehmen. Man gesteht Dominique nicht einmal zu, sich ernsthaft zu verlieben. Immer wieder muss ihr Anwalt sie gegen Angriffe verteidigen, die sie als unmoralisch und verkommen denunzieren sollen.

Dabei ist Bardots Dominique keine Vorreiterin in Sachen Frauenbewegung. Sie lässt sich treiben, ihre Jugend und Schönheit verschaffen ihr stets Vorteile, sexuelle Gefälligkeiten halten sie davon ab, einen Beruf ergreifen zu müssen oder über ihre Zukunft nachzudenken. Sie befindet sich unentwegt im Konflikt mit ihrer Schwester, die vom konservativen Elternhaus geprägt ist und die "wahren Werte" verkörpert - Fleiß, Zielstrebigkeit, Anständigkeit. Sie hat nur gelernt, ihre Reize gewinnbringend einzusetzen und realisiert zu spät, dass sie sich verliebt hat. Ihre große Liebe Gilbert ist ihr mittlerweile hörig, erkennt aber die Ausweglosigkeit ihrer Beziehung und beginnt, sie aus seinem Schuldgefühl heraus zu demütigen, behandelt Monique so wie alle Welt sie sieht, als ein Flittchen. Ihre Verzweiflungstat - der Mord - ist nicht nur ein Schrei nach Liebe, sondern auch die Verzweiflung über ein verpfuschtes Leben.

Bardot spielt in "Die Wahrheit" eine zwiespältige Figur. Man empfindet Sympathie und Mitleid mit ihr, ihr Verhalten bleibt aber selbstzerstörerisch. Wenn sie vor Gericht ihren Lebenswandel verteidigen muss, ist man stets auf ihrer Seite. Der Ausgang der Verhandlung bleibt hochspannend, auch wenn schnell klar wird, dass Bardots Figur zum Scheitern verdammt ist. Das Ende ist entsprechend niederschmetternd. Clouzot nimmt sich sogar die Zeit, ihre Tragödie in einen ebenso nüchtern wie detailliert geschilderten Prozessverlauf einzubinden, an dessen Ende die vermeintlichen Gegner, Anwalt und Nebenkläger, freundschaftlich auseinandergehen, weil sie nur ihre Rollen gespielt haben und die private Tragödie der Dominique als einen traurigen "Fall" hinnehmen. Das wahre Ausmaß ihres Unglücks werden beide nie verstehen, so wie das Gericht Dominique nie verstehen will.

Clouzot gelingt in DIE WAHRHEIT eine differenzierte Abrechnung mit den Idealen sowohl der alten wie der neuen Generation, vor allem aber gelingt es ihm, Brigitte Bardot als ernsthafte Schauspielerin zu etablieren, in einem mitreißenden Drama, das leider viel zu wenig bekannt ist. Einer meiner Lieblingsfilme.

10/10

Die Hand (1981)

Bevor Oliver Stone seinen Durchbruch als Regisseur anspruchsvoller, politisch engagierter Kinostoffe feierte, inszenierte er diesen kleinen, feinen Horror-Thriller mit einem grandiosen Michael Caine in der Hauptrolle.
Dieser spielt in DIE HAND einen Comiczeichner, der bei einem bizarren Autounfall seine rechte Hand verliert. Während sich Frust und Wut über die beendete Karriere und seine gescheiterte Ehe steigern, entwickelt die abgetrennte Hand ein scheinbares Eigenleben und geht auf Rachefeldzug - oder etwa nicht? ...

Abgetrennte Gliedmaßen waren in der Filmgeschichte häufig Todesboten, vom Klassiker "The Beast with five Fingers" (1946) über "Die Todeskarten des Dr. Schreck" (1965) bis Sam Raimis "Evil Dead 2" (1987). In Oliver Stones Film bleibt über weite Strecken die Frage offen, ob die Hand tatsächlich lebt, ob Michael Caines unkontrollierter Zorn sie steuert, oder ob er selbst voll verantwortlich für die Taten ist.
Michael Caine wertet dabei den bescheidenen B-Film deutlich auf. Als Zuschauer schwankt man stets zwischen Mitleid und Ablehnung gegenüber seiner Figur. Sein Unglück ist nachvollziehbar, gleichzeitig sind seine Wutattacken abstoßend, und gegen Ende wirkt er mehr als nur ein bisschen furchteinflößend.

Oliver Stone hält den Film straff und schnörkellos, gelegentlich lässt er die Spannung ein wenig schleifen, entschädigt aber mit einer sehr schönen Schluss-Sequenz, in der Caine einer Psychiaterin (Viveca Lindfors) gegenübersitzt, welche die Geschehnisse rekapituliert, in bester "Psycho"-Tradition. Und er endet mit einem kräftigen Schock. Ebenfalls positiv erwähnt werden sollte die Musik des jungen James Horner.

Die Szenen, in denen die abgetrennte Hand - von Käfern und Insekten bedeckt - allein durchs Dickicht krabbelt, erinnern unwillkürlich an Lynchs "Blue Velvet", der Jahre später entstand, und der sich hier eindeutig bedient hat. Das Thema der gehandicapten Person, die ihren Zorn auf eine ausführende Kraft projiziert, findet sich auch in Cronenbergs "Die Brut" und Romeros "Affe im Menschen".

Im Gegensatz zu vielen späteren Stone-Werken ist DIE HAND vollkommen unprätentiös und solide Horror-Kost für zwischendurch. Die (neue) FSK-Freigabe ab 12 hingegen bleibt unverständlich, weil allein Caines Unfall zu Beginn durchaus drastisch inszeniert ist und der Film auch wegen seiner Humorfreiheit einen äußerst grimmigen Eindruck hinterlässt.

06/10

Montag, 22. März 2010

Die Geschwister Savage (2007)

Das Thema Altersdemenz kommt nicht gerade häufig im Kino vor, so viel Realität wollen die meisten Zuschauer nicht sehen. Regisseurin Tamara Jenkins wählte daher einen ungewöhnlichen Weg und verband ihre deprimierende Geschichte mit den Mitteln der skurrilen Komödie. Herausgekommen ist ein Film, der als Liebling der Filmfestivals viele Auszeichnungen erhalten hat und sicher gut gemeint ist, tatsächlich aber stürzt er nach einem gelungenen Beginn so schrecklich in Banalitäten, Klischees und typische Hollywood-Dramaturgie ab, dass er mich unterm Strich mehr verärgert hat als weniger ambitionierte Filme, die nicht so tun, als hätten sie mehr zu erzählen.

Die Geschwister Savage werden gespielt von Laura Linney und Philip Seymour Hoffman. Sie müssen eine schwere Entscheidung treffen und ihren demenzkranken Vater in ein Pflegeheim einweisen. Durch die nervenaufreibende Situation brechen mehrere verdrängte und offene Konflikte auf...

DIE GESCHWISTER SAVAGE beginnt sehr vielversprechend mit ironisch überzeichneten Bildern und skurrilen Situationen, der Film scheint keine Berührungsängste mit seinem Thema zu haben und nimmt seine Charaktere ernst. Die erste heftige Probe fürs Publikum kommt, als Linney mit ihrem verwirrten Vater ein Flugzeug besteigt und er dringend auf die Toilette muss, eine peinliche Situation für Linney, die der Film reichlich auskostet, bis er plötzlich einen Rückzieher macht und den Vater (grandios: Philip Bosco) lediglich mit heruntergelassener Hose im Mittelgang stehen lässt. Peinlich ja, komisch auch, aber nicht schmerzhaft.

Und das trifft leider auf den gesamten Rest des Films zu. Jedesmal, wenn es hart zu werden droht, fängt Tamara Jenkins die Ernsthaftigkeit ab. Was wie ein Konzept wirkt, entpuppt sich bald als Feigheit, denn im Grunde gibt es hier nichts zu sehen, was den Zuschauer fordern, bewegen oder aufrütteln könnte. Der demente Vater wird völlig in den Hintergrund gerückt und zu einem Statisten degradiert, stattdessen muss man endlose Dialoge der Geschwister über sich ergehen lassen, die sich darüber streiten, wer von beiden ein Literatur-Stipendium verdient hätte. Man kann argumentieren, dass diese Nichtigkeiten bewusst das reale Problem verdrängen sollen, doch verweilt Tamara Jenkins für meinen Geschmack zu sehr auf diesen Problemen und nimmt sie viel zu ernst.
Wo Jenkins komplett scheitert, ist ihr lahmer Versuch, sich an ein literarisch gebildetes Publikum anzubiedern. So diskutiert Philip Seymour Hoffman mehrfach über Brecht, Weill und Lenya - in der einzigen Sequenz, in der dies etwas bringen würde, nämlich wenn er eine Klasse unterrichtet, scheibt er aber lediglich Banalitäten über Brechts Methodik an die Tafel (selbstverständlich mit Kreide!), die Frau Jenkins wahrscheinlich bei Wikipedia recherchiert hat. Leider begegnet man dieser Art zu oft im Hollywood-Kino. Ist es nicht Brecht, wird gern Shakespeare herangezogen, um Charakteren einen intellektuellen Anstrich zu verpassen. Dahinter steht dann oft nichts außer Halbwissen.
Ebenso langweilig ist die überzogene Political Correctness des Films. Die einzig vertrauenserweckende Figur ist ein schwarzer Pfleger, der natürlich Linneys selbst verfasstes Theaterstück lobt und ein guter Zuhörer und weiser Ratgeber ist. Als es kurz so aussieht, als würde es zu einer Affäre zwischen beiden kommen, macht der Film wieder einen seiner vielen Rückzieher.

Ganz schlimm jedoch wird es am Ende, wenn der Film nach einen Zeitsprung behauptet, Linney und Hoffmann hätten durch die gemeinsamen Erfahrungen alle Probleme gelöst und zu einer gesunden Beziehung und innerem Frieden und Stärke gefunden. Das ist nicht nur unglaublich verlogen und klischiert, man fragt sich: was haben die beiden eigentlich genau durchgemacht? Sie haben ihren Vater in ein Heim gesteckt und sich ständig gestritten, mehr nicht. Die Charaktere der Geschwister sind bei genauerer Betrachtung nichts weitzer als ichbezogene, selbstverliebte Langweiler. Dass der Film sich nicht für das weitere Schicksal des Vaters interessiert, sondern mit den geläuterten Geschwistern schließt, passt in das Bild eines Films, der offensichtlich für das Sundance-Publikum gemacht wurde, das längst zum absoluten Mainstream verkommen ist.
Einen großartigen Moment gibt es, wenn Papa Savage im Auto sein Hörgerät abstellt, um das Gezetere seiner Kinder nicht länger mitanhören zu müssen. Da war ich ganz bei ihm.

Gelobt werden müssen natürlich die Darsteller. Sowohl Linney als auch Hoffmann sind einfach hochtalentierte Schauspieler, und sie allein machen den Film sehenswert. Ich hätte allerdings darauf verzichten können, Linney als Neurotikerin zu sehen, die (natürlich) ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat und ständig mit ihrem Baum unterm Arm unterwegs ist, das sind sämtlich Klischees.

Ich verstehe, warum alle Welt diesen Film ins Herz geschlossen hat - er scheint auf den ersten Blick mutig und originell und ist dabei gleichzeitig so knuddelig und humorvoll. Kratzt man aber an seiner Oberfläche, kommt sehr viel heiße Luft hervor. Ich habe mich noch zwei Tage später über DIE GESCHWISTER SAVAGE geärgert. Ein Film wie "An ihrer Seite" geht mit dem gleichen Thema sehr viel verantwortungsbewusster und intensiver um.

02/10

Er kam nur nachts (1964)

ER KAM NUR NACHTS stammt aus der Zeit nach "Was geschah wirklich mit Baby Jane", in der viele von Hollywoods Grande Dames in billig produzierten Horrorschockern auf die Leinwand zurückkehrten. Hier ist es Barbara Stanwyck, die unter der Regie des Gimmick-Spezialisten William Castle für wohligen Grusel sorgt, obwohl sie - anders als die Kolleginnen Crawford und Davis - nicht axtschwingend unterwegs ist, sondern das Opfer eines hinterhältigen Psycho-Krimis spielt.

Die Story: Stanwycks blinder, eifersüchtiger Ehemann kommt bei einer Explosion in seinem Labor ums Leben, doch er verfolgt sie weiter in ihren Träumen - ebenso wie ein gutaussehender Fremder, der ihr im Traumland nachstellt. Will jemand unsere Heldin in den Wahnsinn treiben? Steckt womöglich der Anwalt Robert Taylor dahinter? Oder ist es am Ende doch ganz anders, als man denkt?

ER KAM NUR NACHTS ist nur selten zu sehen und besitzt kaum Kultstatus, dabei hat er ein paar sehr delikate Sequenzen zu bieten, etwa die surreale "Vermählung" von Stanwyck und ihrem imaginären Geliebten in einer alten Kirche, mit rotierendem Kronleuchter und Schaufensterpuppen als Trauzeugen. William Castle, der Zeit seines Lebens Hitchcock imitierte, streut ein paar hübsche Schock-Momente ein, etwa wenn Stanwyck im verqualmten Labor nach dem Lichtschalter tastet und plötzlich ihr toter Ehemann neben ihr steht. Sehr gelungen ist auch die verspielte, ironische Musik von Vic Mizzy, die im Grunde aus nur einem Thema besteht, das immer wiederholt wird.

Wer wirklich hinter den gemeinen Plänen steckt, bleibt lange ein Geheimnis, so kann ER KAM NUR NACHTS alle Freunde von S/W-Gruslern gut unterhalten. Mit Stanwyck und Taylor hat William Castles Film außerdem zwei Schwergewichte zu bieten, die eine glänzende Vorstellung abliefern. Von Hitchcocks Kunst ist Castle aber - wie so oft - Lichtjahre entfernt. Sind Hitchcocks Werke zumeist cineastische 5-Gänge-Menüs, bleiben Castles Schocker schmackhaftes Fast Food, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

09/10


Aber ich wollte doch nur eine Dauerwelle!

All meine Sehnsucht (1953)

In ALL MEINE SEHNSUCHT (All I Desire) aus dem Jahr 1953 spielt die großartige Barbara Stanwyck eine etwas heruntergekommene Bühnenschauspielerin, die nach Jahren zu ihrem Ehemann und den Kindern zurückkehrt, die sie seinerzeit wegen ihrer Karriere aufgegeben hat. Zurück in der Kleinstadt, muss sie sich entscheiden, was für ein Leben sie fortan führen will, und ihr Glück wird von einer ehemaligen Affäre bedroht...

Das Melodram (streng genommen ist es keines, da schicksalhafte Wendungen ausbleiben und alles auf ein Happy End zusteuert) ist straff und in exquisiten Schwarzweiß-Bildern erzählt. Regisseur war Douglas Sirk, dessen Spezialität tragische Frauengeschichten waren.

Darüber hinaus gehört der Film ganz Barbara Stanwyck, die eine grandiose Vorstellung abliefert als starke, unabhängige Frau, deren Entscheidung für einen Mann immer freiwillig bleibt, sie lässt sich weder von der Gesellschaft noch von dem Mann selbst dazu zwingen. Allein ihr vollkommen überraschter Gesichtsausdruck, wenn ihre Tochter sie fragt "Hast du Angst?" bringt hervorragend zum Ausdruck, wie weit sie vom Image der typischen Hollywood-Frau entfernt ist.

In der wohl herzzerreißendsten Szene erklärt sie ihrem kleinen Sohn, dass niemand perfekt ist, auch nicht die, die man am meisten liebt. ALL MEINE SEHNSUCHT gehört zu den Filmen, die auch heute noch berühren können und ist eine sehr gute Wahl für einen nostalgischen Filmabend.

07/10

Es gibt immer ein Morgen (1956)

Es GIBT IMMER EIN MORGEN (There's Always Tomorrow) aus dem Jahr 1956 kann wegen seiner Schauspieler und Douglas Sirks kluger Regie überzeugen, auch wenn er von dessen Meisterwerken weit entfernt ist. Die Konstruktion des Films allerdings ist äußerst schwach, weil im Grunde nichts wirklich dramatisches passiert.

Fred MacMurray spielt einen Spielzeugfabrikanten, der sich in seinem glücklichen 50er Jahre-Heim mit heiler Familie langweilt. Als ihn seine Teenager-Kinder verdächtigen, eine Affäre mit der ehemaligen Angestellten Barbara Stanwyck zu haben, gerät die heile Welt ins Wanken, und aus dem Missverständnis wird beinahe Wahrheit...

Hier liegt auch schon das große Problem des Films, denn die dramatische Konstruktion baut sich lediglich auf einem dummen Missverständnis auf, das leicht geklärt werden könnte, wenn die Figuren nur miteinander sprechen würden. Alle Versuche aber werden unentwegt unterbrochen, vom Telefon, von Nebenfiguren, von Terminen, etc. Das kann schnell wahnsinnig machen.

Wie die "heile" Familie einen Menschen kaputt machen kann, das hat Sirk in WAS DER HIMMEL ERLAUBT mit Jane Wyman sehr ähnlich, aber überzeugender erzählt. Gerettet wird die Geschichte aber durch die Paarung Stanwyck/MacMurray, das mörderische Paar aus Billy Wilders FRAU OHNE GEWISSEN, die hervorragend harmonieren. In einer Nebenrolle wird die großartige Joan Bennett (Femme Fatale aus mehreren Fritz Lang-Filmen) etwas verschenkt. Sirk inszeniert sehr sparsam, findet aber viele ironische Bilder, zumeist im Zusammenhang mit den Spielzeugen, die MacMurray herstellt. Mit seinen knapp 80 Minuten Lauflänge kommt auch trotz der dramaturgischen Schwächen kaum Langeweile auf, ein Muss ist der Film aber auf keinen Fall.

07/10

Sonntag, 21. März 2010

Erdbeben (1974)

Zugegeben, es ist ein bisschen gemein, ERDBEBEN zum Trash zu zählen, doch besitzt dieser Klassiker des Katastrophenkinos zum einen alles, was das Herz eines Liebhabers von schlechten Filmen hochschlagen lässt, zum anderen wurde der Film von Mark Robson inszeniert, und dieser hat mit "Peyton Place" und "Tal der Puppen" schon so gigantische Bad Movies hingelegt, dass er sich seinen Platz im Trash-Himmel redlich verdient.

ERDBEBEN erzählt von...genau, einem Erdbeben, das ganz L.A. in Schutt und Asche legt. Wenn es gerade nicht rumort (im extra für den Film entwickelten "Sensurround"-Verfahren), spielen sich neben den Szenen der Verwüstung höchst schnulzige und bizarre Soap-Plots ab.

Da hätten wir zunächst Charlton Heston, dessen Star-Status (inklusive Oscar!) angesichts seiner völligen Talentfreiheit eines der größten Mysterien unseres Universums bleibt. Er agiert so steif, als hätte ein unsichtbarer Puppenspieler seine Hand in Hestons Hintern (reizende Vorstellung) und würde dessen Mund nur auf- und zuklappen. An seiner Seite spielt sich hingegen die abgetakelte Ava Gardner die Seele aus dem Leib. Ihr erster Dialog in ERDBEBEN ist "Gottverdammt", und das mag sie wohl auch beim Lesen des Drehbuchs gedacht haben - ein Grund mehr für sie, kurz darauf einen Selbstmordversuch vorzutäuschen, der jedoch durch das plötzliche Rumpeln des nahenden Erdbebens enttarnt wird - gottverdammt aber auch.
Der größte Witz von ERDBEBEN ist die Besetzung von Lorne Greene als Gardners Vater(!). Nicht nur sieht Ava Gardner zehn Jahre älter aus als ihr Filmpapa, sie ist es wahrscheinlich auch.
In einer Nebenrolle spielt George Kennedy, der sich nach diesem und sämtlichen Airport-Filmen, in denen er mitgespielt hat (namentlich ALLE), das offizielle Maskottchen des Katastrophenkinos nennen darf. "Dallas"-Heulsuse Victoria Principal darf mit schicker Afro-Frisur hier und da ihre Brüste präsentieren, und als Gaststar spielt Walter Matthau unter seinem bürgerlichen Namen 'Walter Matuschanskayasky' einen besoffenen Kneipengast mit rotem Hut, der vom Erdbeben nichts mitbekommt. Das kann man lustig finden, muss man aber nicht.

Die Spezialeffekte um die einstürzende Stadt rangieren von ausgezeichnet bis lachhaft. Gelegentlich fallen deutlich erkennbare Pappmaché-Teile auf die bedauernswerten Kleindarsteller, manchmal wackelt einfach nur die Kamera, beim Massaker eines abgestürzten Fahrstuhls "spritzt" Zeichentrick-Blut über die Leinwand. Das große Problem von ERDBEBEN ist die Tatsache, dass nach dem Beben nicht wirklich viel aufregendes mehr passiert, bis zum Schluss noch ein Staudamm bricht. So plätschert der Film eher belanglos nach der ersten Katastrophenwelle dahin. Lustig aber, wie alle Hauptdarsteller sich in der Millionenstadt ständig an jeder Ecke über den Weg laufen, als wäre L.A. das reinste Kuhkaff.

Am Ende dann droht Ava Gardner - ebenso wie ihre Filmkarriere - im Abwasserkanal zu ersaufen. Der beherzte Heston springt mutig hinterher, anstatt sich um die reizende Genevieve Bujold zu kümmern. So blöd können Männer sein...
Beide verschwinden auf Nimmerwiedersehen in der Kloake. Schade um Ava Gardner, doch.

08/10

Flammendes Inferno (1974)

FLAMMENDES INFERNO aus dem Jahr 1974 bildete den Höhepunkt der 70er-Katastrophenfilm-Welle, mit der verzweifelt versucht wurde, das Publikum von den TV-Bildschirmen weg und ins Kino zu locken. Dafür wurden haufenweise Top-Stars ertränkt, verbrannt und unter einstürzenden Städten begraben.

In dieser wirklich spektakulären Produktion - die so teuer war, dass gleich zwei Major Studios sie finanzierten, nämlich Warner Bros. und 20th Century Fox - geht ein Wolkenkratzer (der angeblich "Höchste der Welt") in Flammen auf. Architekt Paul Newman und Feuerwehrchief Steve McQueen versuchen, der Katastrophe Herr zu werden, während eine vornehme Party im Dachgeschoss ums Überleben kämpft...

Auch wenn der Film insgesamt mit seinen knapp 160 Minuten etwas zu lang geraten ist, kann er immer noch durch hervorragende Effekte und die beeindruckende Ansammlung von Schauspielern begeistern: Faye Dunaway sieht atemberaubend aus, Richard Chamberlain spielt hübsch zickig den korrupten Fieslig, dem sämtliche Menschenleben wurscht sind, die Altstars Jennifer Jones und Fred Astaire erleben eine nette Romanze, und O.J. Simpson rettet eine Katze vor dem Feuer. Dazwischen wird sich durch kilometerlange Fahrstuhlschächte abgeseilt, eine provisorische Seilbahn zum Nachbargebäude errichtet (eine unvergessliche Sequenz für Menschen mit Höhenangst), und Helikopter explodieren auf dem Dach. Um es kurz zu machen - hier ist einfach eine ganze Menge los, man kommt kaum zum Durchatmen.

Steve McQueen erwies sich bei den Dreharbeiten übrigens als Diva und verlangte exakt so viel Text wie Paul Newman. Beider Namen mussten im Vorspann nebeneinander stehen. Er ist als Chef der Feuerwehr aber ungemein überzeugend und verrichtet einen Stunt, den man gesehen haben muss: auf dem Dach eines Außenfahrstuhls, der mit einem Karabiner an einem Helikopter befestigt ist, welcher den Lift aus tödlicher Höhe nach unten befördert, hält er einen abgestürzten Kollegen so lange fest (am Ende mit nur einer Hand!), bis alle den sicheren Boden erreichen. Nun ja, alle bis auf Jennifer Jones, die verabschiedet sich bereits zuvor kopfüber aus dem Fahrstuhl und landet als erste unten.

Im wahnsinnigen Finale werden schließlich die Wassertanks unter dem Dach des Wolkenkratzers gesprengt, was nicht nur zu einer atemberaubenden Sequenz führt, sondern neben den Dutzenden Brandopfern für ebenso viele Wasserleichen sorgt.
Der Film erhielt drei Oscars, u.a. für den lahmen Kitsch-Song "We May Never Love Like This Again", bei dem sich die Haare aufrollen.

9.5/10

Der Blob (1988)

DER BLOB (The Blob) aus dem Jahr 1988 ist ein Remake des gleichnamigen Trash-Klassikers von 1958 mit dem jungen Steve McQueen.
Erzählt wird von einer unheimlichen Glibbermasse, die aus einem abgestürzten Meteoriten quillt und sich über die Bewohner einer verträumten Kleinstadt in Colorado hermacht. Je mehr Menschen sie vernascht, umso größer wird sie, und bald schon müssen sich Militär und Wissenschaft der Situation annehmen...

DER BLOB war ein unerwarteter Flop an den Kinokassen, und es fällt schwer, Gründe dafür zu finden, denn er bietet so viel Spannung, Witz und hervorragende Spezialeffekte, dass man 90 Minuten lang grandios unterhalten wird. Zudem besitzt er einen unwiderstehlichen Trash-Charme, nimmt sich selbst nicht besonders ernst und bekennt sich klar zu seinen Wurzeln. Er ist dazu äußerst unkorrekt, herrlich bösartig und scheut sich nicht, sowohl Helden, Hauptdarsteller, Obdachlose und auch Kinder dem Blob zum Fraß vorzuwerfen, so dass man sich kaum sicher sein kann, was als Nächstes passiert. Die Hauptrollen spielen einige bekannte Teenager-Gesichter der späten 80er wie die reizende Shawnee Smith und Kevin Dillon als Kleinstadt-Rebell samt Motorrad in bester Brando-Tradition. Die Charaktere sind ausnehmend sympathisch und liebevoll gezeichnet, die Situationen originell und die Dialoge hübsch sarkastisch.

Hauptattraktion aber ist und bleibt der Glibber-Blob, der unaufhaltsam über die Leinwand wabbelt, Imbiss-Köche durch Abflussrohre saugt, Gesetzeshüter in Telefonzellen verspeist und Jagd auf hysterische Kinozuschauer macht. Die Effekte sind dabei stellenweise so verblüffend, dass sie heute noch überzeugen - abgesehen von einigen Stop-Motion-Effekten, die eindeutig als Hommage ans Original gedacht sind. Regisseur Chuck Russell ("A Nightmare on Elm Street 3") hält das Geschehen auf hohem Tempo, streut immer wieder komische Momente ein und übertreibt lediglich gegen Ende leicht, wenn nach Auftauchen des Militärs in typisch weißer Schutzkleidung (à la "Crazies") die Handlung doch etwas sehr bekannte Züge annimmt. Alles in allem aber bietet DER BLOB perfekte Horror-Unterhaltung mit einigen entzückenden Scheußlichkeiten.

08/10

Der Blob bei der Arbeit - lecker!

Das Geisterschloss (1999)

Ein Aufschrei ging unter Horror-Fans los, als bekannt wurde, dass ausgerechnet Jan DeBont die klassische Spukhaus-Geschichte "The Haunting" neu verfilmen sollte, und das, nachdem er gerade mit "Speed 2" eines der schlimmsten Sequels aller Zeiten gedreht hatte. Und tatsächlich ist auch DAS GEISTERSCHLOSS ein trauriger Beweis für Inkompetenz an jeder Stelle.

Die Story: Psychologe Liam Neeson lädt einige Personen, darunter der ewig grinsende Owen Wilson, die selbstverliebte Catherine Zeta-Jones und die neurotische Lily Taylor, zu einem Wochenende in ein berüchtigtes Spukschloss ein, wo er angeblich Schlafstörungen untersuchen will. Tatsächlich aber will er die Angst erforschen, und die lässt auch nicht lange auf sich warten...

Da, wo in Robert Wises Original aus dem Jahr 1963 noch alles subtil angedeutet wurde, fährt DeBont unter Mithilfe von Steven Spielbergs Dreamworks alles auf, was die CGI-Rechner hergeben. Da dröhnt die Musik, da hämmert der Surround-Sound und ertränkt alles in einem überlauten Zirkus, der kilometerweit von jedem auch nur einigermaßen passablen Schockeffekt entfernt bleibt. Besonders die "Kinder-Geister" und lebenden Putten des Hauses sind so unerträglich albern und kindisch, dass man sich fragt, ob der Film für Kleinkinder produziert wurde. Diese Geisterchen stellen dann auch noch so grauenvolle Sachen an wie Lily Taylors Haar zu flechten... brrrrrr. Da bekommt man die Gänsehaut an den ganz falschen Stellen aus den ganz falschen Gründen.

Das Haus selbst, welches der Dreh- und Angelpunkt für verstecktes Grauen sein sollte, ist der geschmacklose Kitsch-Alptraum jedes Innendekorateurs. Alles ist schön ausgeleuchtet, keine Schatten, kein unheimliches Dunkel, nichts was zu einem Horrorfilm gehören würde. Dazu gesellen sich wirklich schlimme und überraschend schlampige Fehler in Schnitt und Anschluss. Wenn ein Film es schon nicht schafft, Catherine Zeta-Jones eine Rolle vorwärts ins Bett machen zu lassen, ohne dass sie im Gegenschnitt genau falsch herum liegt, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch sonst nichts funktioniert. Das viele Geld, das in die Effekte geflossen ist, wäre im Drehbuch besser angelegt.

Die eigentlich gute Besetzung (über das Talent von Zeta-Jones und Wilson kann man sich streiten, auf jeden Fall besitzen beide keine nennenswerte Bandbreite), agiert steif und fühlt sich sichtlich unwohl (besonders Liam Neeson wirkt den ganzen Film hindurch extrem peinlich berührt), und als wenn das noch nicht genug wäre, geht es im sentimentalen Finale tatsächlich (wieder mal) um die wiedervereinte Familie - Töröö! Mit schönen Grüßen von Herrn Spielberg. Gerüchten zufolge hat Spielberg selbst das Ruder übernommen, als er sah, was für ein schrecklicher Film am Ende herauskommen würde. Hat nichts geholfen. "Das Geisterschloss" ist ein Trauerspiel, und das einzig empfehlenswerte bleibt die Musik von Altmeister Jerry Goldsmith, die wirklich einen besseren Film verdient hätte.

02/10

Samstag, 20. März 2010

KIlling Me Softly (2001)

Der erotische Thriller KILLING ME SOFTLY (Killing me Softly) ist so übertrieben, naiv, altmodisch und unfreiwillig komisch, dass er fast schon das Zeug zum Kultfilm hat. Man staunt, dass so ein Schmachtfetzen überhaupt den Weg in die Kinos gefunden hat, denn die Zeit dieser "Basic Instinct"-Nachahmer war 2001 schon lange vorbei. Er war aber auch der vielleicht letzte seiner Art. Heute würde KILLING ME SOFTLY gerade mal als DVD-Premiere erscheinen oder im Pay TV versendet werden.

Der Plot ist schnell erzählt: CD-ROM-Designerin Heather Graham (die über ihren Beruf sagt "Ach, das ist halb so aufregend wie es klingt", und das kann man laut sagen!) lernt den Bergsteiger Joseph Fiennes kennen, beide reißen sich die Kleider vom Leib, und sie verlässt nach ein paar heißen Nächten ihren Freund - der es verdient hat, denn er sieht sich Fußball im Fernsehen an, wenn sie reden möchte. Sie bekommt einen romantischen Heiratsantrag über den Resten eines Straßenräubers, den Fiennes gerade zu Hackfleisch geprügelt hat (sie steht auf Kerle, die auch zuschlagen können. Frauenfeindlich? Egal), dann erhält sie geheimnisvolle Briefe, in denen steht, dass er ein Mörder sein könnte. Aber ist er auch einer?

Warum die anonyme Person keine weiteren Hinweise gibt und Heather in den kommenden 90 Minuten alles selbst herausfinden muss? Weil sonst der Film nach 15 Minuten vorbei wäre. Soll ja ein Thriller sein. Wer den wahren Mörder nicht gleich beim ersten Auftritt erkennt, hat wahrscheinlich noch nie einen Film in seinem Leben gesehen. Heather Graham spielt ihre Figur mit dem liebenswerten Reh-in-Scheinwerfer-Blick und präsentiert so oft wie möglich ihre hübschen Brüste, Fiennes besticht vor allem durch das Body Workout, das er sich angetan hat. Hat sich gelohnt, möchte ich sagen. Knackig anzuschauen sind die beiden auf jeden Fall. Wenn der Thriller auch sonst nichts zu bieten hat, sexy ist er. In der Hochzeitsnacht probieren Fiennes und Graham übrigens eine Sexpraktik mit Seilen, Laken und Kerzen aus, zu der eigentlich ein Warnhinweis nötig wäre - bitte nicht zu Hause nachmachen!

Wer "9 1/2 Wochen" mit Krimi-Einlagen mag, wird begeistert sein. Und wer einen gelungenen Party-Video-Abend mit Freunden haben will, dem sei "Killing Me Softly" absolut ans Herz gelegt. Ich mag den trotz und wegen seiner haarsträubnenden Schwächen sehr gerne, weil ich ein Faible für dieses Genre habe, das weißgott nicht viele gute Filme hervorgebracht hat. Ein "Sea of Love" (1989) kommt eben nur alle paar Jahre mal vorbei.

08/10 (objektiv 04/10)

Samstag, 13. März 2010

Lakeview Terrace (2008)

Regisseur Neil LaBute hat sich als Arthaus-Liebling mit "Nurse Betty" und "Company of Men" einen Namen gemacht, bevor er selbigen mit einem der schlimmsten Remakes aller Zeiten, dem Nicolas Cage-Schrotthaufen "The Wicker Man" komplett ruinierte. Mit dem Thriller "Lakeview Terrace" wird sein Ruf nicht noch weiter sinken (was auch kaum möglich scheint), aber viel Anerkennung dürfte er für dieses Krawallstück ebenfalls nicht erhalten.

Der Plot: Patrick Wilson zieht mit seiner Frau Kerry Washington in das hübsche Viertel Lakeview Terrace, sein Nachbar ist der etwas sonderbare Cop Samuel L. Jackson. Der wacht streng über seine Kinder, stört sich grundsätzlich an der "Interracial"-Ehe der Nachbarn und besonders über deren nächtlichen Sex im Pool. Schneller als man "Fatale Begierde" sagen kann, dreht er auch schon durch und beginnt ein Psycho-Duell, das sich immer weiter hochschaukelt und bald eskaliert...

Der Polizist, dein Freund und Helfer, war in der Filmgeschichte oft der böse Gegenspieler, weil die durch ihn vertretene Staatsmacht den unschuldigen Normalbürger von nebenan so ohnmächtig wirken lässt und beim Publikum sowohl als Hassfigur funktioniert und darüber hinaus Urängste vor Kontrollverlust weckt. Dieser Cop wird von Samuel L. Jackson mit enervierender Tendenz zum Overacting gespielt, die manchem das Wort "Hammer-Leistung" entlocken dürfte, bei mir allerdings eher Gähnen verursacht, weil ich genau diese Nummer schon hundertmal von Jackson gesehen habe und nichts, aber auch gar nichts Neues hinzukommt. Natürlich besitzt er eine einzigartige Präsenz und spielt alle Kollegen an die Wand, aber so eine One-Man-Show kann auf Dauer eben auch ermüden, zumal seine Figur hier so unsympathisch agiert, dass man nicht einmal Spaß an ihrer Bösartigkeit entwickeln kann oder sich wirklich vor ihm fürchtet. Der sonst verlässliche Patrick Wilson bleibt komplett blass, Kerry Washington hat für ihre Darstellung gute Kritiken bekommen, die ich nicht nachvollziehen kann. Ihre Figur ist zwar schlecht geschrieben (sie besitzt überhaupt keinen Charakter), aber Washington spielt sie mit durchgehender Kieksstimme (lächerlich für eine erwachsene Frau) und ständigem Augenmerk auf ihre erotische Präsenz. Wenn Wilson scherzhaft meint, man könne sich ja die Handschellen vom Cop-Nachbarn ausleihen, kiekst sie "I Like That". Oh bitte! Das mag auf viele anziehend und sexy wirken, auf andere auch absurd.

Regisseur Neil LaBute spult hier nach einem relativ interessanten Beginn das Schema F lustlos herunter, das sich schamlos bei ähnlichen Filmen wie dem bereits angesprochenen "Fatale Begierde" bedient. Gegen Ende serviert er jedes Klischee, das man in so einem Thriller erwartet. Ein durchgehender Nebenstrang über zerstörerische Brände, die immer näher kommen und das Finale in Qualm und Flammen hüllen, soll vermutlich eine Metapher sein, die förmlich danach schreit, verstanden zu werden.

"Lakeview Terrace" ist handwerklich solide gemachtes Mainstream-Kino, das so tut, als habe es mehr zu erzählen, dieses Versprechen aber nie einlöst. Die Rassenkonflikte, die dann und wann durchklingen, sind viel zu komplex, um in einem derart formelhaften Film von der Stange verhandelt zu werden. Keine Empfehlung von mir.

03/10
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