Freitag, 30. April 2010

KLASSIKER-LISTE: Die 5 besten Edgar Wallace-Filme


1.
DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (1961)

Nie war London nebliger als bei Alfred Vohrer, der die Grenze von Krimi zu Horror locker überschreitet und einen Klassiker des deutschen Nachkriegsfilms abliefert. Dieter Borsche brilliert als nicht so blinder Reverend, der seine Opfer zu Beethoven ertränkt. Unvergessliche Set Pieces wie das finale Gasbrenner-Duell Borsche/Fuchsberger, der unheimliche Überfall auf Karin Baal im Treppenhaus oder die im brennenden Kellerloch eingesperrte Ida Ehre heben den Film weit über das Niveau anderer Produktionen der Reihe.

2. DAS INDISCHE TUCH (1963)

Der Halstuchmörder meuchelt die noble Verwandtschaft in dieser Wallace-Adaption, die weniger mit der Romanvorlage, dafür mehr mit dem klassischen Stoff "The Cat and the Canary" zu tun hat. Hier schauen Augen aus Gemälden, in jedem Schrank steckt eine Geheimtür, und lange vor John Carpenters "Halloween" betrachten wir die Morde aus der Subjektive des Killers. Eddi Arents Teewagen gehorcht aufs Wort, das Ende liefert die ultimative Selbstironie und durchbricht die vierte Wand. Grandioses Spiel aller Beteiligten. Gisela Uhlen als zickige Nymphomanin und Elisabeth Flickenschildt als (Über-)Mutter des geisteskranken Hans Clarin machen den Film größer als er oft eingeschätzt wird.

3. DER HEXER (1964)

Nonstop-Action, Verkleidungen, Witz und Ironie in dieser wahrscheinlich gefälligsten, aber auch rasantesten Wallace-Verfilmung, die mit Fuchsberger und Drache gleich zwei Urgesteine der Rialto-Produktion auffährt und mit René Deltgen einen der raffiniertesten Verbrecher vorweisen kann, der allein aus Rache handelt und Selbstjustiz unkorrekt charmant serviert. Im Gegensatz zu vielen anderen Beiträgen der Reihe wurde Wallace hier werkgetreu adaptiert und hätte wohl seine Freude gehabt. Ein herrliches Katz- und Mausspiel und einer der größten Hits der Reihe.



4. DER FROSCH MIT DER MASKE (1959)

Die erste Wallace-Verfilmung bietet bereits alles, was der Fan liebt - einen maskierten Verbrecher, 35 Subplots inklusive melodramatischer Ausflüge zum Henker von London, eine halbnackte Eva Pflug, die "Nachts im Nebel an der Themse" singt (wenngleich nicht selbst), reichlich brutale Morde und Darsteller in erhöhter Spielfreude. Siegfried Lowitz spielt mit Understatement alle an die Wand. Harald Reinls Tempo lässt keine Langeweile aufkommen und nicht weiter über die absurden Wendungen und Zufälle nachdenken. Eine Frage bleibt - ist der Täter nicht eher ein Mann in einer Froschmaske als ein Frosch mit Maske??

5. NEUES VOM HEXER (1965)

Von vielen missachtet, von mir hoch geschätzt, dieses straffe Kammerspiel, das bereits packend beginnt und nicht wieder loslässt. Barbara Rütting ist die coolste Heldin der Reihe. Dazu Klaus Kinski in einer definitiven Rolle als killender Butler und meine ganz speziellen Lieblinge Agnes Windeck und Hubert "Hupsi" von Meyerinck - wie kann man diesen Film nicht lieben?

Mittwoch, 28. April 2010

Die Horror-Party (1986)

In Fred Waltons DIE HORROR-PARTY imitiert Komponist Charles Bernstein fröhlich seinen eigenen Score aus "A Nightmare on Elm Street", und der ist auch das mit Abstand Beste an diesem Film, der erfolglos versucht, im Fahrwasser der Slasher-Welle mitzuschwimmen und ordentlich baden geht.

Worum geht es, und wer will es wissen? Ein paar dumme Teenager verbringen das Wochenende auf einer idyllischen Insel, alle sind zu einer Party von Mitschülerin Muffy oder Fluffy, oder wie immer sie heißen mag, eingeladen. Bald schon liegen gruselige Puppen herum, die Teenies werden mit Sünden der Vergangenheit konfrontiert und dahingemeuchelt - oder doch nicht?

Nun, der Originaltitel "April Fool's Day" könnte einen Hinweis auf die überraschende Auflösung liefern, die am Ende aus der Kiste springt. Was haben wir gelacht, es war alles nur ein Scherz! Keiner ist tot, Fluffy oder Muffy wollte lediglich mal testen, ob sie das Haus nicht als Hotel mit Mörderspiel für Abenteuer-Reisende nutzen kann.

Da drängen sich natürlich mehrere Fragen auf, welche diese dümmliche Idee noch absurder werden lassen - wo verbringen die "Toten" den Rest der Zeit, während die "Überlebenden" um ihr Leben fürchten? Wann und wie werden sie eingeweiht? Wie soll das mit echten Gästen funktionieren - müssen die dann ihren Urlaub im Wald verbringen, wenn sie zufällig als erste "ermordet" werden? Was sollen die ausgegrabenen Jugendsünden wie Abtreibung, Fahrerflucht, etc.? Sollen sich Gäste darüber freuen? Oh wie nett, Schatz, schau mal, der Hotelbesitzer weiß von dem Mord, den wir begangen haben, hier steigen wir öfter ab! (??)

Regisseur Fred Walton hat schon feine Psycho-Thriller und Horrorfilme gedreht, aber hier ist ihm kein Ruhmesblatt gelungen. Er folgt blind den ausgetrampelten Pfaden eines "Freitag der 13.", nur ohne dessen Blutgehalt, der ja nicht geht, weil keiner der Morde echt ist. Ganz schlecht ist DIE HORROR-PARTY nicht, das Tempo stimmt, die Darsteller sind nett anzuschauen und spielen o.k., das Cinemascope-Format sorgt für ein paar stimmungsvolle Bilder. Das war's dann aber auch schon. Wie gesagt, Bernsteins Musik ist am besten.

Wer jetzt sauer ist, weil ich die Pointe verraten habe, dem kann ich folgendes sagen: die macht den Film nicht wirklich besser, und der wahre Witz des Ganzen ist die Tatsache, dass ausgerechnet von diesem Heuler 2008 ein Remake gedreht wurde, das NOCH SCHLECHTER ist als das Original.

03/10

Die Nacht der lebenden Toten (1968)

Bruder und Schwester besuchen einen Friedhof, stoßen dort auf einen lebenden Toten, Brüderchen stirbt, und Schwesterlein flieht in ein abgelegenes Farmerhaus, wo sich bereits andere Personen verschanzt haben, während draußen eine Armee der Untoten näher rückt...

Zu diesem Film muss nicht mehr viel gesagt werden. George A. Romero hat mit seiner düsteren Parabel 1968 einen Meilenstein der Filmgeschichte geschaffen, der mit nur wenigen Sets und Darstellern sowie einfachsten Mitteln und seiner fast expressionistischen Kameraführung ein bedrückendes, spannendes und unter die Haut gehendes Schreckens-Szenario entwirft.

NIGHT OF THE LIVING DEAD begründete das sogenannte Mitternachtskino und brach mit gängigen Filmregeln. Geradezu revolutionär ist Romeros Figurenzeichnung, in der ein schwarzer Held der interessanteste, intelligenteste und menschlichste Charakter sein darf. Das zynische Ende krönt einen Film, der trotz seines Alters weiterhin nichts für schwache Nerven ist. Wer einen billigen Horror-Schocker erwartet, dürfte überrascht sein, wie viele Subtexte, Lesarten und Beleuchtung amerikanischer Traumata er anbietet.

"Sie kommen, um dich zu holen, Barbara!" ist in die Filmgeschichte eingegangen.

10/10

Ein Sohn (2003) / Der kleine Tod (1995)

Das Problem mit dieser DVD ist, dass die beiden Filme, die hier unter dem Oberbegriff "Söhne" zusammengefasst werden, nicht wirklich zusammenpassen - was noch nichts über deren Qualität aussagt.

"Ein Sohn" ist ein stiller kleiner Film (ca. eine Stunde Laufzeit) über einen Vater, der nach dem Tod des Sohnes von dessen Doppelleben als Stricher erfährt. Der Film ist ansatzweise besonders in seiner Schweigsamkeit ausgezeichnet, kommt aber um ein paar Klischees auch nicht herum und endet leider, als es gerade auf psychologischer Ebene richtig spannend wird - denn wie nun der Vater mit dem gerade erfahrenen Doppeleben seines Sprösslings umgeht, sehen wir nicht mehr. Das ist schade, aber man sollte nicht beklagen, was nicht vorhanden ist, und so bleibt ein unterhaltsamer, kleiner Film mit einem - das soll nicht unerwähnt bleiben - intensiven und sehr attraktiven Hauptdarsteller.

Francois Ozons "Der kleine Tod" ist da schwieriger. Er ist vom Ton her ähnlich (düster und humorlos), aber bei weitem nicht so gelungen (und das fällt mir als großem Bewunderer von Ozon wirklich schwer zu sagen). Hier wird die Lakonie zur Banalität, die Dialoge sind schlecht, die Charaktere uninteressant bis anstrengend. Der Film wirkt einerseits zu kurz, um wirklich etwas zu erzählen, auf der anderen Seite hat er leider auch nicht viel zu erzählen. Dass die Hauptfigur Männer beim Orgasmus fotografiert, ist der einzige (und sehr ausgedachte, künstliche) Einfall des Ganzen. Die Tabu-Überschreitung, wenn er seinen sterbenden nackten Vater fotografiert, wirkt gewollt und unangenehm.

Beide Filme haben das Problem, dass sie sich zu ernst und wichtig nehmen. Wie so viele schwule Filme wollen sie um jeden Preis Tragödien erzählen, ihre schwulen Helden tragen das Unglück der ganzen Welt mit sich herum und erleben nie einen Augenblick der Freude. Aber diese Geschichten kann man durchaus auch mit einem Augenzwinkern und Lockerheit erzählen kann. Ernsthaftigkeit bedeutet nicht zwangsläufig Humorlosigkeit und führt oft zu über-langsamen, verkrampften Inszenierungen.

Francois Ozon hat später bewiesen, dass er mit ein wenig mehr Leichtigkeit und Tempo großartiges Charakterkino machen kann ("Swimming Pool" und "5x2") und gehört heute zu den wichtigsten Regisseuren des französischen Kinos. Hier probiert er sich noch aus.

04/10

Blutweihe (1984)

Wer auf Slasher der 80er steht, für den ist BLUTWEIHE (The Initiation) mein Geheimtipp. Die deutsche DVD bietet übrigens als Extra einen kompletten Spielfilm, nämlich den Horror-Trash "Frozen Scream" (USA, 1975, Regie: Frank Roach), der aber leider grottenschlecht ist.

Zu BLUTWEIHE: hier geht es um ein paar Mädels, die gern in eine Studentinnenverbindung aufgenommen werden wollen und zu diesem Zweck nachts in ein gigantisches Kaufhaus einbrechen, um dort dem Wachmann die Uniform zu stehlen. Leider ist zur selben Zeit ein psychopathischer Mörder aus der Psychiatrie ausgebrochen und bläst zur Jagd auf die Kids...

Diese Inhaltsangabe gibt nur einen kleinen Teil der verschachtelten Handlung wieder (das Geschehen im Kaufhaus findet erst nach ca. 60 Minuten statt), sie betrifft aber den Kern des Films und die spannendste Strecke in bester Slasher-Tradition. Zuvor geht es noch um die Alpträume unserer jungen Heldin (Daphne Zuniga), bei denen es sich möglicherweise um verschüttete Erinnerungen handeln könnte.

Regisseur Larry Stewart inszeniert den Horrorspaß nicht gerade künstlerisch ambitioniert, aber solide. Unter den Darstellern befinden sich neben dem üblichen Teenie-Kanonenfutter auch Genre-Größen wie Vera Miles und Clu Gulager sowie TV-Schwarm James Read als heldenhafter Psychologiedozent. Daphne Zuniga spielt in der Hauptrolle durchaus reizend und bemüht sich um eine ernsthafte Charakterisierung.

Neben einer völlig überflüssigen Partysequenz, in der die Studenten wilde Cocktails mixen oder als Riesenpenis verkleidet auftauchen (ein alberner Versuch, die Teenie-Klamotte im Stil von "Porky`s" in einem Aufwasch mit zu verwursten) bleibt die Handlung konstant unterhaltsam, der nächtliche Ausbruch aus der Psychiatrie ist sehr gelungen, und das Finale im Kaufhaus bietet einige hübsche Einfälle (ein Mord, der über Lautsprecher in alle Abteilungen übertragen wird) sowie eine Menge unheimlicher Schaufensterpuppen. Zum Schluss gibt es noch eine überraschende Wendung, die man so nicht erwarten konnte und alle Handlungselemente zusammenführt. Da kann man nicht meckern.

Insgesamt handelt es sich bei BLUTWEIHE nicht um ein Must-See, aber als blutiger Appetithappen für zwischendurch ist er bestens geeignet. Regisseur Stewart hat nach BLUTWEIHE übrigens nur noch bei einer TV-Serie Regie geführt, und zwar bei "Lassie"... tja.

08/10

Ab in die Ewigkeit (1981)

Hier haben wir es mit einem typischen Vertreter der 80er-Slasher-Welle zu tun. AB IN DIE EWIGKEIT (was für ein schöner Titel) bietet neben einigen pikanten Mordszenen (u.a. per Kebab-Spieß) "Unsere kleine Farm"-Darstellerin Melissa Sue Anderson in einer gar nicht so lieben Rolle als Studentin, deren Kommilitonen der Reihe nach einem maskierten Killer zum Opfer fallen.

Neben Anderson spielt das in die Jahre gekommene, aber immer noch überzeugende Hollywood-Schwergewicht Glenn Ford eine wichtige Rolle, und als Andersons Vater ist "Scanners"-Darsteller Lawrence Dane zu sehen.

Der Plot ist hierbei nebensächlich. Regie-Veteran J. Lee Thompson (Ein Köder für die Bestie) kümmert sich mehr um die einzelnen Set-Pieces, die allesamt gelungen sind. Dazwischen herrscht allerdings auch Leerlauf, weil die Erzählung immer wieder in obskure Nebenhandlungen abgleitet, die eher für Konfusion und Langeweile sorgen.

Wirklich sehenswert wird AB IN DIE EWIGKEIT gegen Ende, wenn das Drehbuch plötzlich die irrsten Purzelbäume schlägt und vier bis sechs überraschende Wendungen auffährt (ich habe nicht mitgezählt), welche ungläubiges Staunen auslösen sollen, den Film aber endgültig zum Trash verdammen. Bis dahin aber kann man sich einigermaßen gut mit dieser Geburtstags-Schlachtplatte amüsieren. Und man sieht, was aus Kindern wird, zu deren Geburtstagspartys keiner kommt...

Die deutsche DVD des Slasher-Kultfilms bietet (neben einem schrecklichen Cover) den Film in ungekürzter Länge und - zumindest in der deutschen Fassung - mit dem stimmungsvollen Original-Soundtrack von Lance Rubin! Aus rechtlichen Gründen ist die Originalversion hier und weltweit mit einem neuen, furchtbaren Score ausgestattet.

07/10

Schatten der Wahrheit (2000)

Was geht vor im Haus der Spencers?

Zunächst bellt der Hund den See hinter dem einsamen Anwesen an, ein undurchsichtiger Nachbar zieht ein, dessen Frau auf merkwürdige Weise verschwindet, und dann scheint es auch noch zu spuken. Bildet sich die labile Claire (Michelle Pfeiffer) alles nur ein, oder wird sie wie einst Ingrid Bergman im "Haus der Lady Alquist" in den Wahnsinn getrieben?

Keins von beiden, die Wahrheit ist noch schrecklicher...

Man muss Robert Zemeckis zugestehen, dass er sich bei SCHATTEN DER WAHRHEIT sehr zurückhält, was seine übliche Vorliebe für übertriebene Special Effects und den Hang zum Edelkitsch angeht. Stattdessen versucht er sich auf Hitchcocks Spuren, hat dabei ein gut konstruiertes Drehbuch zur Hand und eine fabelhafte Besetzung. Michelle Pfeiffer ist die ideale Besetzung der nervösen Heldin mit neurotischem Hintergrund, und wer Harrison Ford einmal nicht als sympathischen Draufgänger sehen möchte, der dürfte hier eine ziemliche Überraschung erleben (man sieht, wie viel Spaß Ford die Rolle macht).

Die Spannung wird mit Kleinigkeiten und Andeutungen geschickt gesteigert (wobei der anfängliche "Fenster zum Hof"-Plot irgendwann fallen gelassen wird und beim zweiten Sehen deutlich überflüssig und irgendwie sinnlos wirkt) und mündet in ein aufregendes Finale, das stark versucht, einen Effekt zu erzielen, der "Les Diaboliques" und "Psycho" zu Klassikern gemacht hat, nämlich eine unvergessliche Badezimmersequenz. Die hat es dann in der Tat auch in sich und entschuldigt einige kleinere Längen.

Wenn auch insgesamt die Schuhe des Großmeisters ein wenig zu groß für Zemeckis sind, muss man doch sagen, dass SCHATTEN DER WAHRHEIT glänzende Hollywood-Unterhaltung mit ein paar wirklich gelungenen Schockeffekten darstellt - ein im besten Sinne altmodischer Psycho-Thriller.

08/10

Die Nacht der Abenteuer (1987)

Chris Columbus inszenierte diesen harmlosen, familienfreundlichen Spaß als eine Art Light-Variante von Scorseses "After Hours".

Die reizende Elisabeth Shue spielt darin die Vostädterin Chris, die eigentlich mit ihrem Freund den Abend in einem französischen Restaurant verbringen wollte, stattdessen aber auf ein paar anstrengende Kinder aufpassen muss.
Als ihre skurrile Freundin (Penelope Ann Miller, fast unkenntlich vor ihrem Durchbruch) auf einem Busbahnhof in der Stadt festsitzt, macht sich Chris mit den Kindern auf, sie abzuholen, hat aber unterwegs eine Reifenpanne, die zu einer Serie von nächtlichen Erlebnissen führt, in denen die Gruppe von Autoschiebern gejagt wird, an Hochhaus-Fassaden entlangklettert und Blues singen muss, bevor alle wieder glücklich zu Hause landen.

DIE NACHT DER ABENTEUER kommt zwar nie über das Prädikat "nett" hinaus, bietet aber genug Wendungen und Einfälle, dass man sich als Zuschauer kaum langweilt. Die Charaktere sind sämtlich sympathisch gezeichnet, und Chris Columbus beweist sein Gespür für kindliche Befindlichkeiten und Teenager-Nöte. So ist denn Keith Coogan als Pubertierender heftig in Elisabeth Shue verliebt und versucht sich stets als Mann zu beweisen, während seine kleine Schwester, mit Helm und Hammer ausgestattet, vom Superhelden Thor träumt, der ihr schließlich in einer Autowerkstatt begegnet. Penelope Ann Miller, durch Kostüm und Maske all ihrer Attraktivität beraubt, muss sich derweil auf dem Bahnhof mit Obdachlosen und Waffenbesitzern herumschlagen, verliert ihre Brille und hält eine Ratte für ein süßes Kätzchen.

Alle Teenies im Film erleben die Schrecken der "bösen Großstadt" (in der es aber auch genügend nette Menschen gibt) und sind froh, wenn sie am Ende wieder in ihrem behüteten Vorort landen, wo ihnen nichts passieren kann. Diese Art der Verlogenheit gehört natürlich zum Genre des Familienfilms. Der anarchische, schwarze Humor von "After Hours" ist hier nirgendwo zu finden.

Zu den Highlights gehören ein schmissiger Soundtrack (Shue kleidet sich im Vorspann zu "And Then He Kissed Me" an - eine Sequenz, die umgehend gute Laune macht), der "Babysitter-Blues", den Elisabeth Shue in einem Jazzclub singen muss, sowie eine Begegnung mit zwei Gangs in der U-Bahn ("Don't Fuck with the Babysitter!"). Das Finale auf dem Dach eines Wolkenkratzers ist zwar leicht übertrieben und unglaubwürdig geraten, aber doch so gut inszeniert, dass man den Atem anhält. Mein liebster Einfall ist das Playboy-Magazin, das im Film immer wieder als Running Gag benutzt wird, in dem sich vielleicht oder vielleicht auch nicht Nacktfotos von Shue befinden.

Zu den Schwächen gehört auf jeden Fall Bradley Whitford, der als Shues Freund viel zu alt besetzt ist - Er spielt einen 19-jährigen, war aber bereits 27 und sieht wie 35 aus.

DIE NACHT DER ABENTEUER ist sicher kein großer Wurf, aber wer sich an Kostüme und Beleuchtung (buntes Neonlicht überall) der 80er gern erinnert, wird mit diesem harmlosen Spaß viel Freude haben.

07/10

Dienstag, 27. April 2010

Highway Psychos (2001)

Die Imbiss-und Motelangestellte Beth (Radha Mitchell) erhält eines Tages unerwarteten Besuch von einem verletzten jungen Mann, hinter dem einige scheinbar skrupellose Killer her sind. Als diese auftauchen, verhilft sie ihm zur Flucht, doch die Männer erzählen ihr eine ganz andere Version der Vorgänge. Und bald schon gerät sie selbst in Lebensgefahr zwischen den Fronten...

Mit 0 Erwartungen hat mich dieser kleine, feine Film komplett überrascht.
Die Handlung von HIGHWAY PSYCHOS (When Strangers Appear) spielt auf engstem Raum in einem verlassenen Diner, einem ebenso verlassenen Motel und einer Tankstelle. Schon hier wird deutlich, dass das Ganze eine klasische Hitchcock-Hommage sein soll, und "Highway-Psychos" spielt ebenso wie "Psycho" gekonnt mit den Erwartungen des Zuschauers und steigert die Spannung kontinuierlich, bis man irgendwann nicht mehr weiß, welcher der Figuren man überhaupt noch trauen kann und was als nächstes passiert.

Die Darsteller sind alle überzeugend, insbesondere Radha Mitchell in der Hauptrolle, sie ist eine klasse B-Film-Heldin. Wenn sie sich am Ende vor der explodierenden Tankstelle eine Zigarette anzündet, muss man sich mit ihr und über ihre Coolness freuen. Die Dialoge sind sparsam und effizient, die Story steckt voller Überraschungen. Von diesem unbekannten Film könnte sich manch große Hollywood-Produktion, die sich für einen Thriller hält, ein bis zwanzig Scheiben abschneiden.

Ein echter Geheimtipp!

07/10

Hide and Seek (2005)

Es ist schon traurig, wie Robert DeNiro immer öfter sein Talent an Filme verschwendet, deren Drehbücher er vor 20 Jahren nicht mal zu Ende gelesen hätte. Nach dem grauenvollen "Godsend" (2004) ist dies ein weiterer "Thriller", in dem er komplett gelangweilt wirkt und sich dies sofort auf den Zuschauer überträgt.

Tatsächlich ist HIDE AND SEEK eine Riesen-Enttäuschung. Alles, was er bietet sind Klischees, und zwar am Fließband. Das einsame Haus, der Alptraum, der im Laufe des Films immer länger wird, die unheimlichen Kinderzeichnungen, Botschaften auf dem Duschvorhang, die tote Katze, bla bla bla. Nichts Neues, nur recyceltes Material aus "Shining", "Amityville Horror", "Der Exorzist" und einem Dutzend anderer Filme - die alle hundertmal besser sind. Regisseur Polsons voriger Beitrag zum Thriller-Genre war "Swimfan", das reicht eigentlich schon aus, um einen weiten Bogen um HIDE AND SEEK zu machen, denn der Mann hat einfach keine eigenen Ideen.

Die Story: nach dem Selbstmord seiner Frau (Amy Irving) zieht Psychologe David Callaway (DeNiro) mit seiner merkwürdigen Tochter (Dakota Fanning, wieder mal das gruselige Horror-Mädel) aufs Land in ein unheimliches Haus mit unheimlichen Nachbarn - eine SEHR intelligente Idee für einen Psychologen!
Neben so offensichtlichen Fragen wie "Muss das Kind eigentlich nie zur Schule?", die der Film nie beantwortet, passiert nichts, und das geschlagene 60 Minuten lang. Das wäre nicht so schlimm, wenn der Film wenigstens Atmosphäre aufbauen würde, aber er ist leider einfach nur langweilig. Der einzige Schockeffekt ist die Hauskatze, die unerwartet aus dem Schrank springt, und jeder weiß inzwischen, dass dies ein ganz billiger Ersatz für Originalität und echte Spannung ist.

Die Schauspieler schlafwandeln ähnlich wie der Zuschauer durch ihre Rolle. Warum Elisabeth Shue sich an DeNiro heranmacht und im kalten Herbst ständig mit weit aufgerissener Bluse um ihn herumturtelt, weiß der Himmel, wir erfahren ohnehin nichts über ihren Charakter (außer dass sie geschieden ist), und das betrifft auch die übrigen Figuren.
Und als wenn das alles noch nicht schlimm genug wäre, gibt es dann kurz vor Schluss die typische "M. Night Shyamalan"-Wendung, die alles auf den Kopf stellt. Diese Wendung kann man relativ früh ahnen, aber sie ergibt trotzdem keinen Sinn. Ganze Sequenzen vorher werden durch sie sinnlos und unlogisch.

Die DVD präsentiert übrigens vier (!) alternative Enden, was immer ein ganz schlechtes Zeichen ist (obwohl sogar auf dem Cover damit geworben wird - als wenn jemand sagen würde "Hey, toll, vier Enden, da kriegt man ja richtig was für sein Geld geboten!"), da keiner offensichtlich wusste, wie man die Geschichte richtig beendet und sich dann auf Test Screenings verlässt, in denen Leute von der Straße die Arbeit der Filmemacher übernehmen. Auf dem Audiokommentar hört man dann ununterbrochen, wie genial der Film ist und fragt sich, über welchen da gesprochen wird...

02/10

Alice lebt hier nicht mehr (1974)

Nach dem Tod ihres Mannes macht sich Alice (Ellen Burstyn) mit ihrem Sohn auf den Weg nach Kalifornien, um dort als Sängerin zu arbeiten. Unterwegs muss sie in verschiedenen Kaffs als Sängerin und schließlich als Serviererin in einem Trucker-Restaurant arbeiten, wo sie sich in den sympathischen Rancher David (Kris Kristofferson) verliebt. Ihr Traum rückt in weite Ferne - oder nicht?

Nach dem großen Erfolg mit "Der Exorzist" wollte Warner Brothers einen weiteren Film mit Ellen Burstyn machen, sie durfte das Buch aussuchen und einen Regisseur vorschlagen. Sie entschied sich für dieses sensible Frauenporträt und wählte Martin Scorsese, der gerade mit seinem Film "Hexenkessel" Aufmerksamkeit erregt hatte, und der schon beim ersten Treffen mit der Schauspielerin erklärte, dass er von Frauen keine Ahnung habe.

ALICE LEBT HIER NICHT MEHR ist voll und ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten, die eine Glanzvorstellung als alleinerziehende Mutter eines unerträglich nervenden und altklugen Sohns abliefert. Ihre Alice ist keine klassische Filmheldin, sie hat gleich mehrere Schwächen, wird zu schnell Opfer für dahergelaufene Männer und trifft viele falsche Entscheidungen, aber genau das macht sie so menschlich und authentisch. Hier wird nichts geschönt, die Charaktere und Milieus werden von Scorsese mit maximalem Realismus dargestellt. Scorsese probiert sich in ALICE noch aus und baut Hommagen an Hitchcock ein (ALICE spielt an den gleichen Schauplätzen wie "Psycho", und die Kamerafahrt in Alices Fenster zu Beginn ist eine klare Verbeugung).

In Nebenrollen brillieren der junge Harvey Keitel als prügelnder Lover von Alice sowie die wunderbare Diane Ladd ("Wild at Heart") als Kellnerin.
Hauptdarsteller Kristofferson hatte nur wenig Filmerfahrung, was man ihm auch anmerkt, für mich ist er die einzige Schwachstelle im Film. Sein Rauhbein mit dem weichen Kern schrammt nah am Klischee vorbei, und mit seinem Erscheinen verliert der Film etwas an Dynamik, aus dem Überlebenskampf von Alice wird eine doch stellenweise vorhersehbare Love-Story.

ALICE LEBT HIER NICHT MEHR gehört insgesamt nicht zu Scorseses besten Filmen, aber er ist ein lebendiger und ehrlicher Film ohne jeden Kitsch. Was Frauenporträts anbelangt, bleibt er in Scorseses Schaffen unerreicht.

07/10

Montag, 26. April 2010

Andy Warhols Bad (1977)

BAD ist tatsächlich der passende Titel für diesen Schmuddelfilm aus der Warhol-Factory, dabei ist er alles andere als schlecht. Doch die Charaktere gehören zu den miesesten, die man jemals im Kino bewundern durfte.

Die Hauptrolle in BAD spielt Carroll Baker, die Jahrzehnte zuvor ihren Durchbruch als "Baby Doll" feierte und nach kurzer Hollywood-Glanzzeit zum europäischen Trashfilm wechselte (sie spielte u.a. in mehreren italienischen Gialli mit). Ganz und gar nicht kindlich-naiv agiert sie aber hier als Hazel Aiken, Besitzerin eines Kosmetikstudios. Neben Pickelaudrücken und Enthaarung aber läuft ein sehr lukratives Nebengeschäft - ihre "Kosmetikerinnen" führen gegen Bezahlung so ziemlich jeden schmutzigen Job - inklusive Mord - aus, den man sich vorstellen kann. Der örtliche Detective ist eingeweiht und lässt sich ebenfalls für sein Wegschauen entlohnen, doch nun muss er dringend jemanden verhaften, und die die Ereignisse überschlagen sich...

Regie bei diesem Festival des schlechten Geschmacks führte Jed Johnson, Cutter von früheren Warhol-Produktionen wie "Dracula" und "Frankenstein". Der hübsche Perry King gibt hier den offensichtlichen Dallesandro-Ersatz als Jüngling, der aus Geldmangel ebenfalls Angestellter des Mörderinstituts wird, aber beim Sex versagt (das wäre Dallesandro nie passiert). Carroll Baker spielt ihre hundsgemeine Abschaum-Chefin mit Hingabe und ist so unsympathisch, dass man ihr die Pest an den Hals wünscht. John Waters wäre begeistert von diesem Ensemble.

Berühmt wurde BAD durch eine Sequenz, in der eine junge Mutter ihr Baby aus dem Fenster eines Wolkenkratzers wirft, nachdem die eigentlich dafür engagierten Damen aus dem Kosmetikstudio sich verspätet haben. Das Baby landet als blutiger Schlamassel auf dem Gehsteig, was eine ungerührte Mutter zu ihrem Spross sagen lässt: "Siehst du, das passiert dir auch, wenn du nicht artig bist!"
Neben diesem "Highlight" gibt es noch abgetrennte Finger, gequälte Hunde, und im Finale wird Frau Baker in ihrem eigenen Abwaschwasser ertränkt. Nicht gerade eine Pilcher-Verfilmung.

Wer Freude an bewussten Geschmacklosigkeiten hat, die mit zynischem Witz und Bissigkeit eine Welt servieren, in der es vor derangierten Persönlichkeiten nur so wimmelt (und in welcher der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär bis ins Extrem umgekehrt wird), der dürfte seinen Spaß mit BAD haben.

06/10

Mord im Spiegel (1980)

James Bond-Regisseur Guy Hamilton übernahm 1980 die Regie des Star-Vehikels THE MIRROR CRACK'D (Mord im Spiegel), einer weiteren Agatha Christie-Verfilmung, mit der an die erfolgreichen Vorgänger "Mord im Orientexpress" (1974) und "Tod auf dem Nil" (1978) angeknüpft werden sollte, was aber nur teilweise gelang.

Angela Lansbury spielt hier die berühmte Miss Marple, in deren friedliebendes Dorf eine Horde von Hollywood-Stars einfällt, um einen Film über Maria Stuart zu drehen. Zuerst stürzt Miss Marple unglücklich und muss fortan am Stock gehen, dann wird bei einem Empfang der Leinwandgrößen eine Dorfbewohnerin vergiftet... aber galt der Mordanschlag wirklich ihr?

Das britische Dörfchen kann natürlich schwer mit dem Orient-Express oder Ägyptens Sehenswürdigkeiten konkurrieren, dementsprechend kleiner und beschaulicher ist diese Verfilmung ausgefallen.
Hauptattraktion sind natürlich die Hollywood-Stars Elizabeth Taylor, Kim Novak und Rock Hudson, die Anfang der 80er nicht gerade täglich im Kino zu sehen waren. Sehenswert ist MORD IM SPIEGEL dann auch in erster Linie wegen der geschliffenen Dialoge, insbesondere der zickigen Beleidigungen, die sich Taylor und Novak als verfeindete Top-Stars unentwegt an den Kopf werfen. Geraldine Chaplins sarkastische Kommentare schließen sich nahtlos an.

Die Dialoge können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spannungskurve nicht gerade in schwindelerregende Höhen steigt. Der Mord und dessen Aufklärung bleiben merkwürdig uninteressant. Die Tatsache, dass Miss Marple gar nicht selbst ermittelt, sondern mit bandagiertem Fuß zu Hause sitzt und stattdessen deren Neffe vom Scotland Yard die Verhöre durchführt, hilft ebenfalls wenig - auch wenn besagter Neffe von Edward Fox brillant gespielt wird (er liefert die mit Abstand beste Darstellung in diesem doch sehr selbstgefälligen Ensemble).

So muss man sich dann an die Stars halten, und die haben auch schon bessere Tage gesehen. Elizabeth Taylor wird in absurde Gewänder und Hauben gesteckt, die ihre üppige Figur (erfolglos) verbergen sollen und eher für Spott sorgen. Auch Guy Hamilton und sein Kameramann fangen nicht immer die besten Seiten der Diva ein, um es mal vorsichtig auszudrücken (in einer Szene wirft sie sich Hudson in die Arme, der darauf nach hinten umfällt, was sehr uncharmant wirkt). In einer Rückblende, die Taylor Jahrzehnte zuvor bei der Truppenbetreuung zeigt, wirkt sie kein einziges Jahr jünger und wird in den Totalen offensichtlich gedoubelt.
Dafür gehört ihr aber auch der beste Moment des Films, wenn sie kurz vor dem Mord wie versteinert dasteht und ein Bild anstarrt, das für die spätere Auflösung von Bedeutung ist. In diesem Augenblick stellt sie ihre faszinierende Leinwand-Magie und Präsenz nachhaltig unter Beweis. Kim Novak hat sich fantastisch gehalten und spielt mit Freude die vulgärste und dümmste Schauspielerin aller Zeiten, Rock Hudson wirkt leider durchweg müde und ausgebrannt (er starb 5 Jahre später), Geraldine Chaplin ist dagegen wie immer hinreißend. Angela Lansbury kann die Erinnerung an Margaret Rutherfords Miss Marple leider nicht verblassen lassen, so sehr sie sich auch bemüht.

Ein weiteres Manko des Films besteht darin, dass der Zuschauer an der Aufklärung des Mordes nicht beteiligt wird, weil ihm dafür schlicht die nötigen Hintergrund-Informationen fehlen. Das war teilweise auch bei früheren Christie-Verfilmungen so, aber hier hinterlässt der Schluss - der eigentlich tragisch bewegend sein müsste - einen eher unbefriedigenden, schalen Nachgeschmack.

Zu Beginn macht sich Guy Hamilton mit einem Film-im-Film über die typisch britischen Whodunits lustig. Zwei Jahre später inszenierte er mit "Das Böse unter der Sonne" eine weitere und bessere Christie-Verfilmung. Insgesamt kann MORD IM SPIEGEL aufgrund der Dialoge und Star-Power gut unterhalten, wenn man nicht zuviel erwartet.

07/10

Bunny Lake ist verschwunden (1965)

Otto Preminger, der in jedem Genre zu Hause war, inszenierte mit BUNNY LAKE IS MISSING (Bunny Lake ist verschwunden) einen britischen Psycho-Thriller in bester Hitchcock-Tradition, wie es so schön heißt. Die Geschichte ist bereits deutlich an den Großmeister der Spannung angelehnt - wer erinnert sich nicht gern an die verschwundene Dame aus dem gleichnamigen Klassiker?

Hier verschwindet ein Kind namens Bunny Lake, das von seiner amerikanischen Mutter Carol Lynley in einem Londoner Kindergarten abgegeben wird. Lynley kommt aus den Staaten, um ihren Bruder Keir Dullea zu besuchen, doch als sie die kleine Bunny wieder abholen will, fehlt jede Spur von ihr. Keine der Angestellten will sie gesehen haben, und auch die Polizei, angeführt von Sir Laurence Olivier, kann das Kind nicht ausfindig machen. Stattdessen gerät die Mutter in Verdacht - ist sie womöglich eine Psychopathin, die sich das Kind nur eingebildet hat? ...

Bei der Nacherzählung fällt dem Kinogänger natürlich automatisch der Jodie Foster-Thriller "Flightplan" ein, der eine fast identische Prämisse benutzte, aber in der albernen Auflösung scheiterte. Die Auflösung von BUNNY LAKE ist dagegen ebenso unheimlich wie überraschend - und ohne Hitchcocks "Psycho" nicht denkbar.

Otto Preminger inszeniert das Drama sehr straff und mit gutem Blick für Details. Caroly Lynley überzeugt als verzweifelte Mutter (dass das Kind nur in ihrer Einbildung existiert, glaubt man nicht eine Minute), und der Film schildert ihre Situation so nachvollziehbar, dass man nicht nur darüber nachgrübelt, wie wohl die Auflösung sein könnte, sondern man fühlt mit der verängstigten Muter und sorgt sich um das verschwundene Kind.
Der große Laurence Olivier besticht hier durch Understatement. Tatsächlich ist seine Rolle als zweifelnder Ermittler sehr unspektakulär gestaltet, aber er füllt sie mit Witz und Menschlichkeit aus, ohne seine Kollegen an die Wand zu spielen, und wirkt extrem glaubwürdig.

Zuletzt sollte noch die atmosphärische S/W-Kameraarbeit erwähnt werden. Aus irgendeinem Grund ist BUNNY LAKE nicht so bekannt, wie er sein müsste. Ein sehenswertes Stück Spannungskino ohne die absurden Wendungen eines Jimmy Sangster ("Ein Toter spielt Klavier"), dafür mit sehr viel Lokalkolorit, Realismus und Einfühlungsvermögen.
Ein Geheimtipp!

10/10

Samstag, 24. April 2010

The Chase - Ein Mann wird gejagt (1966)

THE CHASE - EIN MANN WIRD GEJAGT war ein kolossaler Flop, wurde von Kritikern und Publikum ausgelacht, und alle Beteiligten distanzierten sich von diesem Werk, das für mich in die Kategorie "gut gemeint, vollkommen verunglückt, aber unterhaltsam" fällt. Oder auch "High Noon" trifft "Peyton Place".

Die Geschichte in Kürze: ein entlaufener Sträfling (Robert Redford) will sich in seiner Südstaaten-Heimatstadt verstecken und muss vom aufrechten Sheriff (Marlon Brando) vor einem wütenden Lynch-Mob beschützt werden, der gegen den blinden Hass seiner Mitmenschen aber keine Chance zu haben scheint...

Nach dem Bühnenstück von Horton Foote schrieb die brillante Dramatikerin Lillian Hellman das Drehbuch, geplant war ein "wichtiger, aufrüttelnder Film" gegen Intoleranz, Rassismus und Selbstjustiz. Zwar trägt THE CHASE seine Absichten plakativ vor sich her, was er aber an Stereotypen, Klischees und seifigen Melodramen anbietet, unterminiert jeden ernsten Ansatz. Die im Grunde spannende Geschichte verzettelt sich in unnötigen Subplots, das dargestellte Südstaaten-Kaff ist ein Sammelbecken von hysterischen, sexbesessenen Frauen, alkoholkranken Weichlingen und brutalen Hinterwädlern, allesamt überzeichnete Karikaturen. Keine Figur verhält sich wie ein normaler Mensch, was in Ordnung wäre, würde der Film nicht ständig den moralischen Zeigefinger heben und seine "wichtige Botschaft" schwingen. Die Dialoge sind stellenweise unerträglich mit "Bedeutung" aufgeladen (Redford zum Stier: "Du hast ja noch Hörner...").

Das eigentlich fantastische Darsteller-Ensemble (Jane Fonda, Robert Duvall, Miriam Hopkins, James Fox, Angie Dickinson und viele mehr) agiert sämtlich im Overacting-Modus - mit Ausnahme von Marlon Brando, der konsequent gelangweilt wirkt (was er Berichten zufolge auch war). Ein gelangweilter Brando besitzt gottseidank noch immer so viel Präsenz (und Sex-Appeal), dass sich THE CHASE seinetwegen absolut lohnt. Die "große" Szene des Films, in der Brando verprügelt wird, ist leider nicht nur ungeschickt inszeniert, Brandos übertriebenes Make-Up lässt ihn für den Rest des Films wie eine misslungene Schöpfung Dr. Frankensteins aussehen. Gegen Ende wird auch noch die Ermordung des mutmaßlichen Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald nachgestellt, als wäre der Film noch nicht symbol-überladen genug.

Lillian Hellmann war nach eigener Aussage todunglücklich mit den Änderungen, die ohne ihr Wissen am Buch vorgenommen wurden, sie hat nach THE CHASE nie wieder ein Filmdrehbuch geschrieben. Heute kann man ihn eigentlich nur noch als schlechte Soap-Opera genießen. Wenn man ihn z.B. mit einem großen Werk wie "Wer die Nachtigall stört" vergleicht, der ähnliche Themen und Schauplätze mit künstlerischer Kraft und Anspruch auf die Leinwand bringt, dann hat THE CHASE keine Chance. Den Todesstoß erhält der Film übrigens durch die deutsche Synchronfassung, welche die Dreistigkeit besitzt, alle Mexikaner im Film wie Idioten sprechen zu lassen, à la "Ich schneiden Artikel aus", "Ich sein guter Freund", etc. Bei einem Film, der Rassismus anklagt, bleibt einem da die Spucke weg.

05/10

Mittwoch, 21. April 2010

Sphere (1998)

Nach einer Vorlage des Bestseller-Autors Michael Crichton (genauer gesagt, einem seiner besten Romane) inszenierte der eher auf anspruchsvolles Kino abonnierte Barry Levinson diesen Science-Fiction/Unterwasser-Thriller mit Starbesetzung und großem Budget. Die Erwartungen waren entsprechend hoch, die Enttäuschungen groß. Ähnlich wie ein Jahrzehnt zuvor James Camerons "The Abyss" ging SPHERE an den Kinokassen komplett baden.

Die Story: ein Team von Wissenschaftlern soll ein außerirdisches Raumschiff untersuchen, das auf dem Meeresgrund gefunden wurde. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich um ein amerikanisches Flugobjekt, das aus der Zukunft dort gestrandet ist. An Bord befindet sich zudem eine überdimensionale, geheimnisvolle Kugel. Bald schon wird die Unterwasser-Station von Kraken, Quallen und anderen Monstern angegriffen. Nur - sind diese Bedrohungen real, oder entspringen sie lediglich der paranoiden Fantasie der Team-Mitglieder? ...

Entegen der landläufigen Kritikermeinung halte ich SPHERE für einen hervorragenden Sci-Fi-Thriller, der nur knapp daran vorbeischrammt, wirklich brillant zu sein, und das liegt in erster Linie daran, dass sich die Drehbuchautoren nicht entscheiden konnten, welche Elemente sie aus der Romanvorlage übernehmen bzw. weglassen sollen. Daher wirkt der Film stellenweise leicht konfus und unrhythmisch, zu viel Zeit wird mit technischem Erklärungs-Blabla verschwendet und zu viele überflüssige Hintergrundinformationen der Figuren lenken von der Handlung ab. Meine Vermutung wäre, dass es so viele unterschiedliche Drehbuchfassungen und Schnittversionen gab, dass am Ende niemand mehr recht wusste, wie die Ereignisse in einen straffen erzählerischen Zusammenhang zu bringen sind. Offenbar waren da einfach zu viele Köche am Brei, nichts Ungewöhnliches bei einer solchen Prestige-Produktion.

Die Idee einer außerirdischen Macht, die unbewusste Ängste der Menschen materialisiert, ist im Sci-Fi-Genre nicht neut und wurde von "Alarm im Weltall" (1957) über "Solaris" (1972) bis zu "Event Horizon" (1997) mehrfach bedient. Zusätzlich erzählt SPHERE eine Begegnung mit einer außerirdischen Intelligenz namens "Jerry", bei der es sich aber - wie sich spät herausstellt - um das Unterbewusstsein des von Samuel L. Jackson gespielten Mathematikers "Harry" handelt. Dieser Strang nimmt im Roman den meisten Raum ein und wird von Michael Crichton faszinierend geschildert, im Film führen die Auseinandersetzungen mit "Jerry" allerdings ins Nirgendwo (und schlimmer, zu einer unfreiwillig komischen Szene, in der Psychiater Dustin Hoffman eine Therapiestunde mit dem unsichtbaren "Alien" abhält). Sie wären besser nicht übernommen worden, denn die materialisierten Urängste der Team-Mitglieder allein hätten einen hochspannenden Thriller abgegeben.
Außerdem müssen sich die Charaktere zu oft unglaubwürdig verhalten - so scheint der Tod zweier Mitarbeiter niemandem viel auszumachen, und Expeditionsleiter Peter Coyote muss angestrengt "böse" agieren, bar jedes gesunden Menschenverstandes.

Nun aber zum Positiven, und davon gibt es reichlich.
Die Tricks, Kameraarbeit und Ausstattung sind erstklassig. Nicht nur wirkt sämtliches technische Equipment authentisch (und besteht nicht nur aus blinkenden Lämpchen und Modellen wie in ähnlichen Filmen), auch die CGI-Effekte sind kaum gealtert und wirken über zehn Jahre später noch überzeugend.
Elliot
Goldenthal hat einen seiner besten und packendsten Scores für den Film komponiert. Der Vorspann ist wundervoll gestaltet, und nicht zuletzt ist es das hervorragende Ensemble, das diese B-Geschichte sehenswert macht. Sharon Stone bekommt ein wenig zu viel "coole Oneliner", die man wohl von ihr erwartet, liefert ansonsten aber eine fabelhafte Darstellung. Samuel L. Jackson bleibt durchgehend mysteriös ("Wir werden hier unten alle sterben!"), Dustin Hoffmans Präsenz in diesem Genrefilm ist erfrischend ungewöhnlich (er muss mehrere Stunts absolvieren, die man zuvor nie von ihm gesehen hat), und Liev Schreiber bekommt die humorvollsten Dialoge zugeteilt, hat aber auch das Wort "todgeweiht" vom ersten Auftritt an auf der Stirn stehen.

Alles in allem bietet SPHERE eine dichte Atmosphäre, enorme Production Values und ein paar hochspannende Sequenzen. Leider ist er nicht hunderprozentig gelungen, und die Fans des Romans waren zu recht enttäuscht. Was Mainstream-Unterhaltung mit Star-Power angeht, kann ich SPHERE bedenkenlos empfehlen.

Dies ist einer dieser Filme, die ich trotz der Schwächen immer wieder gern sehe - natürlich auch, weil ich Unterwasserfilme grundsätzlich und Sharon Stone sowieso liebe, aber das sagte ich wohl schon mehrfach...

7,5/10

Dienstag, 20. April 2010

Andy Warhols Dracula (1974)

Mit derselben Crew und vielen Darstellern des Vorgängers "Frankenstein" inszenierte Paul Morrissey gleich im Anschluss die Bram Stoker-Adaption BLOOD FOR DRACULA (Andy Warhols Dracula), das Wort "Adaption" ist dabei im weitesten Sinne gemeint.
Der Ton des Films unterscheidet sich von den unverfrorenen Albernheiten des Vorgängers, und Morrissey gelingen einige bemerkenswerte Sequenzen. Zudem umweht eine glänzend eingefangene Atmosphäre von Trauer, Verfall und Tragik das absurden Spektakel.

Eben noch der Leichenfledderer Frankenstein, gibt sich Udo Kier als Dracula ganz aristokratisch, wenn er sich gleich zum Vorspann die grauen Haare schwarz bepinselt. Das Problem: für Dracula gibt es in ganz Transsylvanien keine Jungfrauen mehr, sein Geschlecht droht auszusterben. Diener Anton (wieder Arno Jürging, diesmal aber sehr viel zurückgenommener) rät ihm, die beschwerliche Reise nach Italien anzutreten, wo es aufgrund strenger Moralvorstellungen angeblich noch Jungfrauen geben soll.
Im Hause des verarmten Marchese Di Fiore (Vittorio de Sica) macht Dracula Jagd auf dessen schöne Töchter, doch auch diese wurden bereits entjungert - was nicht verwundert, wenn man Sexgott Joe Dallesandro als Gärtner beschäftigt! Der arme Blutsauger muss sich fortan ständig übergeben ("The Blood of These Whores is Killing Me!" keucht er, während er die nächste Ladung ausspuckt), während Gärtner Dallesandro sich anschickt, den Van Helsing zu geben...

Udo Kier wollte den Dracula unbedingt spielen, Paul Morrissey fand ihn aber wegen seines gesunden Äußeren nicht geeignet. Daraufhin stellte Kier so lange die Nahrungsaufnahme ein, bis er so abgemagert aussah, dass er perfekt in die Rolle passte. Kier ist tatsächlich bemerkenswert gut als bleicher Graf, der sich selbst kaum helfen kann und zum Blutsaugen getragen werden muss. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes impotent, muss von seinem Diener im Rollstuhl herumgeschoben werden und kann sich nicht einmal gegen seine eigene Ausmerzung am Ende wehren.

Genau wie bereits "Frankenstein" ist auch DRACULA oversexed in jeder Beziehung. Regisseur Morrissey zeigt dabei Freude am Durchbrechen jeder Tabu-Schallmauer - etwa, wenn der Graf sich auf den Boden wirft und das Blut der frisch entjungerten jüngsten Tochter des Hauses aufschleckt. Man stellt sich unwillkürlich vor, wie das amerikanische Publikum gesammelt in Ohnmacht fällt.

Einige interessante Ideen finden sich in DRACULA, der durch die Auftritte von Vittorio de Sica und - in einer Gastrolle - Roman Polanski eine unerwartete Aufwertung erfährt. So ist Joe Dallesandro (der nie besser aussah und sich reichlich nackig machen darf) ein Gärtner mit politischen Idealen. Als Kommunist sieht er im Grafen weniger das Monster als den Klassenfeind, der vernichtet werden muss. So beschreibt Morrissey auch den Niedergang des Adels am Beispiel der Monte Fiore-Familie, deren Oberhaupt die eigenen Töchter - auch die minderjährigen - ohne Wimpernzucken gegen Bezahlung an jeden dahergelaufenen Vampir verhökert, so lange dieser Geld und einen Titel vorweisen kann. Ist der Graf nur noch ein Schatten seiner selbst, bleibt Dallesandro als Held der Arbeiterklasse vital, potent und aggressiv bis zum Ende.

ANDY WARHOLS DRACULA kann - wie schon sein Vorgänger - mit fabelhafter Musik von Claudio Gizzi und ausgezeichneter Kameraarbeit beeindrucken. Er macht in keiner Weise einen schäbigen Eindruck, wirkt elegant und sicher, trotz seiner manchmal kindlichen Freude an der Zerstörung von Mythen und der Überbetonung von Sex (alle weiblichen Darsteller mit Ausnahme der Hausherrin dürfen ihre Brüste präsentieren). Mit blutigen Details hält sich Morrissey zurück, stattdessen gibt es die besagten Kotz-Orgien und gegen Ende eine fröhliche Amputation von Draculas Armen und Beinen, bis er als zappelnder Torso ein erbärmliches Ende findet.

Nicht für jeden Geschmack, aber für mich ein Highlight des 70er Kinos, bleibt ANDY WARHOLS DRACULA ein witziger, erotischer, geschmackloser und gar nicht so dummer Spaß.

08/10

Andy Warhols Frankenstein (1973)

Kein Trash-Blog wäre vollständig ohne die Werke aus der Warhol-Factory, die erstaunlicherweise doch einige Qualitäten aufweisen, sich selbst aber wenig ernst nehmen und trotz stellenweise guter Ideen und Production Values reiner Trash sind.

Der Ausdruck "Over the Top" trifft es nicht annähernd, um ANDY WARHOLS FRANKENSTEIN zu beschreiben, der unter der Regie von Paul Morrissey entstand. Quellen geben gelegentlich den Italiener und Second Unit-Regisseur Antonio Margheriti als Regisseur an, doch wurde dies lediglich seinerzeit zur Vermarktung in Italien proklamiert. Auf den entsprechenden DVD-Kommentaren zu "Frankenstein" und "Dracula" weisen alle Beteiligten den Film als Morrisseys aus.

Jetzt ans Eingemachte. Udo Kier spielt (das "Spielt" sollte eigentlich immer in Anführungszeichen stehen) den berühmt-berüchtigten Baron, der aus irgendeinem Grund mit seiner Schwester verheiratet ist (mal nennt er sie Schwester, mal Gattin), die sich aber lieber um den (k)nackigen Hausburschen Joe Dallesandro kümmert - wer würde das nicht? Der Baron erschafft jedenfalls mit seinem zurückgebliebenen Diener Otto, gespielt von Arno Juerging, ein künstliches Pärchen, um eine neue Rasse von Übermenschen zu züchten, doch leider hat das Horror-Paar wenig Lust aufeinander. Bald schon fliegen die Körperteile und Gedärme umher wie Kamelle auf einem Karnevalsumzug... Und das Schöne daran ist, dass die blutigen Brocken stets direkt in die Kamera, bzw. auf den Zuschauer zufliegen, weil der Film in 3D gedreht wurde. 

Praktisch alles an FRANKENSTEIN ist so gewaltig überzogen, dass der Film zur Komödie mutiert. Die Brutalitäten liegen dabei auf Monty Python-Niveau. Der Baron wird aufgespießt, wobei seine Leber auf der Speerspitze stecken bleibt (ein Einfall, der in John Waters' "Serial Mom" wieder aufgegriffen wurde), das "Monster" drückt die Baronin so herzlich, bis sämtliche Knochen brechen, Diener Otto fummelt so lange an dem weiblichen Kunstgeschöpf herum, bis deren Eingeweide herausquellen, und so weiter. Am Ende sind fast alle tot, nur Joe Dallesandro hängt noch gefesselt herum und wird wohl nach dem Abspann von den überlebenden Kindern des Barons für eigene Experimente benutzt... man weiß es nicht genau.

Sämtliche Charaktere in dieser Geschichte sind Sex Maniacs, die lediglich an der Befriedigung ihrer mehr oder weniger perversen Gelüste Interesse zeigen. Baron Frankenstein hört gerne Wagner, während er Leichenteile zusammennäht und unsterbliche Dialoge spricht wie: "To know death, Otto, you must fuck life in the gall bladder"! Sehr lustig übrigens, wenn man weiß, dass Udo Kier sich die ellenlangen Monologe nicht merken konnte und sie sämtlich vom Tisch abliest, während er Arme und Beine zusammenflickt.
Die Darsteller spielen ihre "Rollen" mit ernsten Mienen (abgesehen von Jürging, der gnadenlos chargiert), Udo Kier wähnt sich geradezu in einer klassischen Oper. Ausstattung und Fotografie können sich sehen lassen, und die Musik von Claudio Gizzi verleiht dem absurden Spektakel eine Aura von Seriosität.

Ein Muss für Trash-Fans, ein Muss für Horror-Fans und absolut verzichtbar für alle, die eine treue Adaption der armen Mary Shelley erwarten, die hier einige Male im Grab rotieren dürfte, ebenso wie ihr Kollege Bram Stoker beim Anblick von ANDY WARHOLS DRACULA.

07/10

L.A. Story (1991)

Kann es in einer oberflächlichen Stadt wie Los Angeles ein tiefgründiges Gefühl wie Liebe geben? Ist es möglich, zwischen Fitnesswahn, Autojagden, Erdbeben und Filmkritikern seinen Seelenverwandten zu finden?

Ja, wenn es nach Steve Martin geht, der das Drehbuch zu L.A. STORY schrieb und die Hauptrolle übernahm.
Ihm und Regisseur Mick Jackson ist ein wundervoll warmherziger und gleichzeitig bissig-ironischer Film gelungen, der sich nie für seinen hemmungslosen Kitsch schämt und diesen mit treffenden Beobachtungen über den alltäglichen Wahnsinn einer durchgeknallten Metropole auffängt.

Steve Martin spielt einen TV-Meteorologen und studierten Philosophen, der seinen Job verliert, weil er das Wetter bereits im Voraus vorhersagt und sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens befindet. Dabei verliebt er sich in die Britin Victoria Tennant (Martins damalige Ehefrau im wahren Leben), die ihre Vorurteile gegenüber L.A. überdenken muss. Aus Angst vor einer ernsthaften Beziehung stürzt sich Martin in eine Beziehung mit der überdrehten Sarah Jessica Parker (die dem Wort "zappelig" eine ganz neue Bedeutung gibt), doch wenn die Liebe einmal zuschlägt, ist man ihr hilflos ausgeliefert...

Martin und Jackson erzählen L.A. STORY deutlich im Stile Woody Allens. Es wird pausenlos geplappert, während nebenbei alltägliche Katastrophen passieren und sämtliche Charaktere sich auf der Suche nach dem richtigen Partner befinden und immer an den falschen geraten. So ist L.A. STORY gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Stadt als auch eine Abrechnung mit ihr. Ob es um die Schwierigkeiten geht, in einem angesagten Restaurant einen Tisch zu bekommen, oder um die obskure Freizeitgestaltung (Martin führt eine Rollschuh-Performance im Museum auf, Sarah Jessica Parker lädt ihn zum nachmittäglichen Einlauf ein), L.A. steckt voller Skurrilitäten. "Ich war zutiefst unglücklich, aber das merkte ich nicht, weil ich die ganze Zeit so glücklich war", beschreibt Martin sein Leben in der Stadt, in der es keine Depressionen geben darf.

Der wohl schönste Einfall des Films ist die sprechende Autobahn-Leuchttafel, die Steve Martin mehrfach den Weg weist, in vielerlei Hinsicht. So ist L.A. auch ein magischer Ort, an dem man den Zauber der Liebe wie eine elementare Wucht empfängt, gegen die man machtlos ist.
Neben Woody Allen wird auch Shakespeare ausgiebig zitiert (Insbesondere "Hamlet" und "Der Sturm", der sozusagen die Vorlage liefert), begleitet wird das muntere Treiben von einem Soundtrack-Mix aus klassischem Jazz (wieder Woody Allen) und mystischen Enya-Klängen, die ich normalerweise nur schwer ertrage, die hier aber ausgezeichnet funktionieren.

Am meisten erstaunt die Tatsache, dass L.A.STORY so verrückt und turbulent beginnt, um sich später zu einer der schönsten Liebesgeschichten des 90er Jahre-Kinos zu entwickeln. Zwischen Martin und Tennant stimmt die Chemie, und man will, dass sie gegen alle Widerstände zusammenkommen - auch wenn diese Widerstände eher klischierter Natur sind. Allein die Sequenz, in der beide durch einen verwunschenen Garten laufen und sich plötzlich als Kinder in viel zu großen Schuhen wiederfinden, spricht für den unglaublichen Einfallsreichtum des Films. Das Ensemble, zu dem sich u.a. auch Woody Harrelson und Chevy Chase in Kurzauftritten gesellen, befindet sich in höchster Spiellaune.

Steve Martin hat in den letzten Jahren sein Talent leider an belanglose Disney-Produktionen und die schrecklichen "Pink Panther"-Neuverfilmungen verschwendet, in denen er hauptsächlich nur grimassiert. L.A. STORY ist dagegen ein erwachsener Film voller Witz und Sarkasmus. Sehr empfohlen!

09/10

Beim Sterben ist jeder der Erste (1972)

John Boormans's "Deliverance" ist ein moderner Klassiker des Thrillers - wobei die Einteilung in ein bestimmtes Genre schwer fällt, denn er benutzt gleichermaßen Dramatik, Spannung und Action für seine packende Geschichte.

Die Story: eine fröhliche Kanupartie von vier erwachsenen Großstädtern (Burt Reynolds, Jon Voight, Ronny Cox und Ned Beatty) auf einem Gebirgsbach entwickelt sich zu einem Apltraum, als Natur und zwei sehr bedrohliche Gestalten plötzlich Jagd auf die Freunde machen...

Von Beginn an entwickelt "Deliverance" eine gandenlose Spannung. Das schafft Boorman durch die präzisen Charakterisierungen der vier Männer, die viel mehr als nur Kanonenfutter im Film sein dürfen (und dazu glänzend gespielt werden - dies ist wahrscheinlich die beste Rolle von Burt Reynolds, der immer unterschätzt wurde), durch die brillante Naturkulisse, die in keiner Sekunde einer Postkarten-Idylle gleicht, und durch die konstante Bedrohung (schon Ronny Cox' berühmtes "Dueling Banjos" mit einem skurrilen Waldbewohner zu Beginn des Films erreicht diese Intensität). Zu der Thriller-Handlung, in der die zivilisierten Großstädter unbewaffnet um ihr Leben kämpfen, gesellt sich noch ein ebenso spannender Subtext über die unaufhaltsame Zerstörung der Natur durch eben jene Zivilisation. Und nicht zuletzt zeigt "Deliverance" eine der furchteinflößendsten Schlusseinstellungen der Filmgeschichte.

09/10

Asphalt Cowboy (1969)

"Asphalt Cowboy" gehört zu den wichtigsten und besten amerikanischen Filmen aller Zeiten. Der Film erzählt die Geschichte des naiven Texaners Joe (Jon Voight), der mit dem Traum nach New York kommt, ein erfolgreicher Callboy zu werden, doch schnell holt ihn die bittere Realität ein. Die Bekanntschaft mit dem schwerkranken Verlierer "Ratso" Rizzo (Dustin Hoffman) wird zu einer tiefen Freundschaft, die den Abstieg beider im Großstadtdschungel aber auch nicht verhindert.

Regisseur John Schlesinger erzählt seine deprimierende, traurige und so reale Geschichte über die Kehrseite des amerikanischen Traums in realistischen, düsteren Bildern, mit blitzartigen Rückblenden und teilweise halluzinatorischen Szenen. Noch heute hat "Asphalt Cowboy" die Kraft, den Zuschauer vollkommen zu erschüttern und hilflos zurückzulassen. Er ist schonungslos in seiner Abkehr vom glamourösen Hollywood-Film und erzählt offen über die Kälte der Großstadtgesellschaft gegenüber gescheiterten Existenzen, den alltäglichen Überlebenskampf in der Gosse und die Sinnlosigkeit von Lebensträumen. Die Darsteller liefern brillante Charakterstudien ab, und der Film wimmelt nur so von unvergesslichen Charakteren bis in die Nebenrollen.

"Asphalt Cowboy" war der erste (und bis heute einzige) Film, der den Oscar für den besten Film des Jahres erhielt und gleichzeitig nur für Erwachsene zugelassen war - er erhielt das gefürchtete X-Rating, sonst nur für Hardcore-Pornos vorgesehen. Dennoch überzeugte er das Publikum und die Kritiker in aller Welt und läutete eine neue Ära im Hollywood-Film ein. Leider ist diese Ära lange vorbei, und heute bemüht sich auch die Academy bei der Verteilung ihrer Oscars mehr um politische Korrektheit und Sentimentalität als um aufrüttelnde Meisterwerke. Aber sei es drum.

10/10

Die erste Vorstellung (1977)

Es ist nicht nur die erste Vorstellung, sondern auch die beste, und zwar von Gena Rowlands, die eigentlich in jedem Film der absolute Wahnsinn ist.

Unter der vertrauten Regie ihres Ehemanns John Cassavetes, dem intellektuellen Außenseiter Hollywoods, spielt sie sich die Seele aus dem Leib. Sie raucht, trinkt, schimpft, leidet und zerreißt sich, als gäbe es kein Morgen. Das ist eine Vorstellung, die man als Fan von Schauspieler-Filmen nicht verpassen sollte. Dazu ist der Film noch eine so messerscharfe Sezierung des Theatermilieus, wie sie sonst nur von "Alles über Eva" oder "Sein oder Nichtsein" vorgeführt wird.

Es geht um den Unterschied von "Spielen" und "Sein" auf der Bühne und im Leben. Es geht um Identitäten und Lebenskrisen, um die Angst vor Tod, Alter und Versagen. Großartig die Szenen, in denen Rowlands betrunken auf die Bühne kommt und ihr Partner, gespielt von Cassavetes, hilflos improvisieren muss, oder wenn sie buchstäblich zu ihrer Garderobe kriechen muss. Das geht unter die Haut. Man möchte fast wegschauen, aber man kann nicht. Hier ist wirklich eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Gena Rowlands bekam zu Recht den silbernen Bären und (natürlich) keinen Oscar. Wann hat es zuletzt im amerikanischen Film eine derart vielschichtige, psychologisch ausgefeilte Frauenfigur jenseits der 40 gegeben?

Ich empfehle die erste Vorstellung in einer Doppel-Vorstellung mit Cassavates' "Gloria", allein um zu verstehen, wie viele Facetten eine Schauspielerin haben kann. Großes Kino, große Menschlichkeit, ein absoluter Geniestreich. Wo sind solche Filme heute, wo wir sie brauchen?

09/10

Die erste Todsünde (1980)

"Die erste Todsünde", der letzte Spielfilm von Frank Sinatra, erzählt von einem New Yorker Detective, der kurz vor der Pensionierung steht, nebenbei seine todkranke Frau pflegt und auf der Jagd nach einem psychopathischen Serienkiller ist, der auf offener Straße Männer mit einer ganz speziellen Waffe erschlägt.

Junge Zuschauer dürften mit dem sehr langsamen, actionarmen Erzählstil des Thrillers nicht viel anfangen können und werden sich eher langweilen, zumal keine der Figuren jemals in Gefahr gerät und sich der Film eher auf die Suche nach dem Killer über die Suche nach der Waffe erzählt. Insofern ist "Todsünde" auch kein Psycho-Thriller, wie er es heutzutage sicher wäre, sondern ein Krimi mit Anleihen beim Slasher-Film.

"Die erste Todsünde" bezieht seinen Reiz in erster Linie aus der Präsenz Sinatras, der seiner Rolle durch minimalsten Aufwand absolute Glaubwürdigkeit verleiht. Verstärkung erhält durch hervorragend besetzte Nebendarsteller wie Joe Spinell, Brenda Vaccarro und besonders Martin Gabel, der einen Waffenexperten spielt, der freiwillig bei der Suche nach dem Täter mitmacht, was u.a. zu einer sehr komischen Szene in einem Baumarkt führt, wo er den Verkäufer nach einem Werkzeug fragt, mit dem man jemanden auf praktische Weise umbringen kann. Neben diesen wenigen humorvollen Einlagen ist aber der Grundton des Thrillers todernst. Der Film spielt im winterlichen New York und verbreitet eine sehr kühle, depressive Atmosphäre, die schließlich den Weg bereitet für einen sehr merkwürdigen Abschluss, der eher zu einem Charles-Bronson- Film gepasst hätte (tatsächlich weist der Film starke Ähnlichkeit mit diversen Bronson Filmen wie "Ein Mann wie Dynamit" auf).

Einziger echter Schwachpunkt ist Faye Dunaway, die mit einer undakbaren Rolle gestraft ist. Als Ehefrau von Sinatra verbringt sie den gesamten Film über im Krankenhausbett, und Regisseur Hutton schafft es nie, diese Szenen mit den Ermittlungsarbeiten zu verknüpfen. Um es ganz krass zu formulieren - man kann sämtliche Dunaway-Szenen überspringen und verpasst keine Minute des Thrillers. Das darf natürlich nicht passieren.

Fazit: solide, kühle Krimi-Unterhaltung mit einem grandiosen Sinatra und einem spannenden Finale. Sicher kein Meilenstein, aber ich persönlich ziehe den Film jederzeit modernen Serienkiller-Thrillern mit den ewig gleichen Mustern vor, weil er Klasse und Atmosphäre besitzt und sich an ein erwachsenes Publikum richtet.

07/10

Martin (1977)

George Romero, bekannt durch seine "Zombie"-Trilogie, hat mit "Martin" ein kleines Wunder vollbracht. Der Film ist Horrorfilm, Teenager-Drama und Sozialstudie in einem, und diese Vielschichtigkeit gelingt ihm mühelos.

Die Story: der junge Martin, der zu seinem Onkel und dessen Familie nach Pittsburgh zieht, glaubt, ein Vampir zu sein. Er tötet seine Opfer, in denen er ihnen zunächst ein Schlafmittel spritzt und sie dann im bewusstlosen Zustand aussaugt und nebenbei den Beischlaf vollzieht. Das geht so lange gut, bis er sich verliebt, das falsche Opfer auswählt und sein Onkel (der ebenfalls von Martins Bösartigkeit überzeugt ist) sich in einen Vampirjäger verwandelt.

Martin ist ein für einen Horrorfilm ungewöhnlich komplexer Charakter. Bis zum Ende weiß der Zuschauer nie, was er von seinen vampirischen Umtrieben zu halten hat. Zwar ist er selbst als einsamer Außenseiter Opfer seines Irrglaubens und daher nicht unsympathisch, gleichzeitig sind seine Tötungsakte berechnend und grausam. Romero streut vereinzelt schwarz-weiße Rückblenden ein, die aus klassischen Universal-Filmen zu stammen scheinen, und die suggerieren, dass Martin schon länger als realistisch möglich in dieser Welt lebt - und schoin immer gejagt wurde und nie zur Ruhe kam. Ob diese Rückblenden "echte" Erinnerungen oder nur künstlerische Überhöhungen sind, lässt Romero bewusst im Dunkeln.

Gleichzeitig verabschiedet er sich vom klassischen Vampir-Mythos der Fangzähne, Dunkelheit, Knoblauch, etc. Martins Mordmethode ist kühl und klinisch, und doch so sehr Ausdruck seiner Einsamkeit und dem Wunsch nach Nähe, die er weder von seiner Familie noch in der Umgebung eines heruntergekommenen, vollkommen tristen und deprimierenden Pittsburgh bekommt. Die Kulisse Pittsburgh (Romeros Heimatstadt) steht für den industriellen Verfall Amerikas, für Arbeitslosigkeit und soziale Kälte.

Als Zuschauer schwankt man stets zwischen Bedauern, Mitleid und Ablehnung der Martin-Figur, die hervorragend von John Amplas dargestellt wird. Seine hilflosen Anrufe in einer Radio-Talkshow sind reinste Teenager-Verzweiflung und kaum verschlüsseltes Symbol für die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens in einer verwirrenden Welt. Regisseur Romero lockert die düstere, deprimierende Handlung immer wieder mit Humor auf - zum Beispiel wenn er selbst als Pfarrer auftaucht und den "Exorzisten" zu seinem Lieblingsfilm erklärt.

"Martin" ist keine leichte Kost, kein Hochglanz-Schocker für Teenies, sondern ein ernst zu nehmender Horrofilm für Erwachsene, gleichzeitig spannend und mitreißend. Einer der besten Arbeiten innerhalb des Genres und für mich sicher Romeros bester Film.

9,5/10

Ein kalter Tag im Park (1969)

Die großartige Sandy Dennis ("Wer hat Angst vor Virginia Woolf?") spielt hier eine reiche, aber einsame Enddreißigerin, die isoliert in ihrem noblen Apartment mit Blick auf den Park wohnt, von wo aus sie eines Tages einen jungen Mann (Michael Burns) beobachtet, der dort im Regen auf einer Parkbank sitzt. Sie bittet ihn hinein, damit er sich aufwärmen kann. Er spricht nicht, sie kümmert sich um ihn. Sie kleidet und badet ihn, gibt ihm zu Essen, er zieht bei ihr ein. Aus der anfänglich zarten Beziehung wird aber bald eine Obsession...

In diesem düsteren Psychodrama, das sich im weiteren Verlauf zum Thriller entwickelt, konzentriert sich Regisseur Robert Altman ganz auf die angeschlagene Psyche seiner weiblichen Hauptfigur, die von Sandy Dennis meisterhaft porträtiert wird. Hinter ihrer Freundlichkeit und tadellosen Fassade lauern bösartige Abgründe. "Ich weiß noch, wie einsam meine Mutter war, als mein Vater starb", sagt sie, und die Angst vor dieser Einsamkeit treibt sie zu Verzweiflungstaten. Michael Burns als 19-jähriges Objekt ihrer Begierde, muss nicht viel spielen, das übernimmt Dennis für ihn mit. Auch sein Charakter erfährt eine überraschende Wendung. Im Grunde handelt es sich hier um ein Zwei-Personenstück, die Handlung verlässt kaum Dennis' Apartment.

Dank der exzellenten Kameraführung von Laszlo Kovacs bleibt das Kammerspiel aber über die meiste Zeit interessant, oft sehen wir die Protagonisten verzerrt durch Spiegel und Glasscheiben, die ständige Dunkelheit in der Wohnung schafft ein Gefühl von Klaustrophobie. Einige kleinere Längen schmälern zwar den Gesamteindruck, aber insgesamt ist THAT COLD DAY ein sehenswerter Film, der unverständlicherweise völlig unbekannt ist.

06/10

Der Elefantenmensch (1980)

DER ELEFANTENMENSCH ist ein Jahrhundertfilm, ein großes, künstlerisches Werk voller Emotion, Schönheit und Poesie, ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz.

Dass dieser Film ausgerechnet von David Lynch, einem der umstrittensten Filmkünstler überhaupt inszeniert wurde, der nicht gerade für die Zugänglichkeit seiner Filme oder gradliniges Erzählen bekannt ist, grenzt fast an ein Wunder. Dass ausgerechnet Mel Brooks ihn produziert hat, mutet fast absurd an, doch genau so ist es. Mel Brooks hat Lynch die volle künstlerische Kontrolle überlassen, er war sogar einverstanden, den Film in Schwarzweiß zu drehen (und das 1980!).

Der Inhalt: Im endenden 19. Jahrhundert entdeckt der Wissenschaftler Treves (Anthony Hopkins) auf einem Rummelplatz den stark deformierten John Merrick (John Hurt in einer der schwierigsten und großartigsten Darstellungen der Filmgeschichte), welcher dort als Freak ausgestellt wird, um Kinder und Frauen zu erschrecken. Er nimmt ihn in seine Obhut und entdeckt sowohl die feinsinnigen Seiten des "Monsters" als auch seine eigene Menschlichkeit. Doch die Demütigungen der Gesellschaft sind noch nicht vorbei...

DER ELFANTENMENSCH beginnt mit einer surrealen Sequenz, einem Alptraum, der stark an Lynchs "Eraserhead" erinnert. Und es gibt noch mehr, was den Film mit Lynchs übrigen Werken verbindet. Während der Regisseur sonst das Übel hinter der heilen Fassade sucht, entdeckt er hier in der Umkehrung die Würde, Schönheit und Anmut hinter der schlimmsten Fassade, die man sich vorstellen kann. Die Geschichte von John Merrick (die auf einem wahren Fall beruht) lässt niemanden kalt, sie ist sogar so tief berührend, dass es schwerfällt, nach Ansehen des Films die Welt mit gleichen Augen zu sehen. Dabei verzichtet Lynch auf jeglichen Kitsch oder Sentimentalitäten. Seine Inszenierung ist sensibel, aber klar und unprätentiös, er vertraut ganz dem Buch und den Schauspielern, die alle Höchstleistungen vollbringen. Viel mehr muss man gar nicht sagen. Ich kann jedem, der den Film nicht kennt, nur raten, sich heranzuwagen.

DER ELFANTENMENSCH ist eine Erfahrung, die das Leben verändern kann und sollte nach meiner bescheidenen persönlichen Meinung Pflichtprogramm an Schulen sein, weil selten so eindringlich und ergreifend Mitgefühl und Respekt gegenüber einem Mitmenschen, der uns zunächst fremd erscheint, einem Publikum vermittelt wird. Sicher, man braucht starke Nerven, weil der Film einen an all den emotionalen Stellen packt, an denen es wirklich weh tut. Aber indem er dies tut, öffnet er vollkommen neue Horizonte. Ein absolutes Meisterwerk, das man nicht genug empfehlen kann!

10/10

Der Mann, der vom Himmel fiel (1976)

Der ehemalige Kameramann und britische Regie-Exzentriker Nicolas Roeg schuf nach seinem Meisterwerk "Wenn die Gondeln Trauer tragen", das von Kritikern und Publikum bejubelt wurde, 1976 mit DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL einen wilden Mix aus Science Fiction, Drama, Liebesgeschichte und Gesellschaftsanalyse, der sich nicht einordnen und so viel Raum für Interpretationen lässt, dass man ihn mehrfach sehen muss, um ihn in all seiner Komplexität zu erfassen.

Die Geschichte: Ein Außerirdischer (David Bowie) landet auf der Erde, um mit Hilfe der Wasservorräte seinen vom Austrocknen bedrohten Heimatplaneten zu retten. Er baut sich mit wissenschaftlichen Patenten seiner hochentwickelten Zivilisation ein Firmenimperium auf, verliebt sich, wird aber zunehmend unglücklicher. Als die Menschen seine wahre Natur entdecken, wird alles für ihn noch schlimmer...

Nicolas Roeg spielt mit verschiedenen Symbolen und Themen. Kapitalismuskritik, der Gegensatz von Zivilisation und Natur, sowie die Stellung des Menschen im Universum sind nur einige. Letztlich geht es ihm auch um die Unfähigkeit der Menschen, ein Individuum mit all seinen Absonderlichkeiten zu akzeptieren und ihn als Geschenk wahrzunehmen, anstatt ihn unter Zwang integrieren zu wollen (brisant aktuell, wenn man so will). So verliert Bowie immer mehr die eigene Identität. Die schöne Welt der Zukunft wird von Firmen und Konzernen kontrolliert und duldet keine Selbstverwirklichung oder persönliches Glück. Wenn Bowie gequält vor 20 Fernsehbildschirmen sitzt und sich dem Bildersturm nicht entziehen kann, erreicht Roegs Werk geradezu prophetische Qualität. Wie üblich streut er immer wieder assoziative Bilder ein (darunter Erinnerungen an den Wüsten-Heimatplaneten), die das Geschehen verzerren und den Blick öffnen. Der Soundtrack besteht aus Dutzenden von Musikstilen. Die Kameraführung von Anthony Richmond ist brillant (das ist man selbst von Roegs schwächeren Werken gewohnt).

Ob der Film sich letztlich verzettelt oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Mir wäre eine straffere Erzählung lieber gewesen, so stellen sich bei 140 Minuten doch ein paar Längen ein, auch wenn zu keiner Sekunde inhaltlicher Leerlauf besteht.

DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL war kein Erfolg beim Publikum und genießt heute Kultstatus, auch wegen David Bowies einzigartiger, bizarrer Präsenz. Er ist die perfekte Besetzung und zeigt als unglückliches Alien eine wirklich außergewöhnliche Leistung. Sehenswert ist Roegs Film allemal, er ist Lichtjahre entfernt vom Mainstream und konnte so nur in den 70ern entstehen. Man kann ihn allerdings leichter bewundern als mögen.

06/10
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