Montag, 31. Mai 2010

Duell (1971)

Steven Spielbergs erster Spielfilm wurde fürs US-Fernsehen produziert, war aber so erfolgreich, dass er in Europa auch in die Kinos gelangte.
DUELL (Duel) ist einer der spannendsten Thriller aller Zeiten, und das ohne viel Dialoge, Aufwand oder Effekte. Ein perfekter Drehbuchaufbau von Richard Matheson, die überzeugende Leistung von Dennis Weaver in der Hauptrolle und Spielbergs virtuose Erzähltechnik haben DUELL über die Jahrzehnte frisch und aufregend gehalten.

Die Story: Auf seiner Fahrt durch Kalifornien wird der Geschäftsreisende David Mann (Weaver) scheinbar grundlos von einem Truck verfolgt. Offenbar trachtet ihm der Fahrer nach dem Leben. Alle Versuche, mit dem (unsichtbaren) Verfolger in Kontakt zu treten, scheitern. Bald muss David um sein Leben fahren, und einer von ihnen wird diese Jagd nicht überleben...

Hier steckt viel drin, beginnen wir mit dem Offensichtlichen, den Hitchcock-Zitaten. Spielberg hat ohne Zweifel vom Besten gelernt und macht das auch deutlich. Zu den Reminiszenzen gehören die inneren Monologe Weavers während der Autofahrt (ebenso wie die Highways erinnern sie an "Psycho"), und wie Hitchcocks "Vögel" scheint auch der Truck einer übergeordneten Zerstörungskraft zu gehorchen, die Bedrohung kommt aus dem Nichts und schlägt unbarmherzig zu. Die berühmte Maisfeld-Sequenz aus "Der unsichtbare Dritte" ist das Vorbild für den gesamten Film.

Dennis Weaver spielt überzeugend einen Jedermann (sein Name ist Programm), wir sollen uns mit ihm identifizieren, und das gelingt Spielberg einerseits dadurch, wie er seine Kamera führt uns uns stets in Weavers Rolle hinter dem Steuer zwingt, andererseits durch Weavers Reaktionen, die exakt dem entsprechen, was wir alle durchmachen würden, wenn wir in seiner Lage wären, verstärkt durch dessen hörbare Gedankengänge - was will der Unbekannte, was soll ich tun? Soll ich einfach weiterfahren oder ihn konfrontieren? Was könnten seine Beweggründe sein? - Weavers anfängliche Genervtheit wird zunehmend zu Nervosität und schließlich nackter Panik. Man schwitzt und leidet mit ihm. Er hat nichts heldenhaftes, im Gegenteil, wir erfahren ganz nebenbei, dass seine Frau zu Hause das Sagen hat und sein Leben nicht weiter bemerkenswert verläuft.

So wird das Duell des Jedermann gegen den unbekannten Feind auch zu einem archaischen Kräftemessen. Weaver muss beweisen, dass er als 'Mann' und Mensch der Bestie überlegen ist. Kein Zufall, dass der Truck einen mehr als altmodischen Eindruck macht und ein urzeitliches Dinosauriergrunzen ausstößt, wenn er am Ende in den Abgrund stürzt und sich Weaver wie ein kleines Kind freut. Martin Scorsese hat das Konzept für seinen Schlusskampf in "Cape Fear" wieder aufgegriffen. Der Mensch wird aller zivilisatorischer Merkmale entledigt und auf den niedersten Instinkt reduziert - den Überlebenskampf.

In seinem späteren Welterfolg "Der weiße Hai" (Jaws, 1975) sollte Spielberg erneut vom Kampf Mensch gegen Bestie erzählen. Neben solchen Lesarten aber bleibt DUELL ein hochspannender, nervenzerrender Film, der von Beginn an fesselt und den Zuschauer bis zum Ende nicht mehr loslässt.
Warum nur kann ein Steven Spielberg heute nicht einfach wieder einen Film von solch schlichter Klasse inszenieren? Ich würde es mir wünschen.

10/10

Jung und unschuldig (1937)


Zwischen Alfred Hitchcocks vielbesprochenen britischen Meisterwerken "Eine Dame verschwindet" und "39 Stufen" gerät die Kriminalkomödie JUNG UND UNSCHULDIG (Young and Innocent/ The Girl was Young) oft in Vergessenheit, ich persönlich mag diesen sympathischen kleinen Film von allen britischen Filmen des Meisters am liebsten, weil er sich selbst nicht besonders ernst nimmt, eine straffe, spannende Geschichte und liebenswerte Protagonisten aufbietet.

Die Story ist schnell erzählt: Gewittergrollen, Blitze, die rauschende Meeresbrandung, ein Ehekrach, ein eifersüchtiger Ehemann mit beunruhigendem Augenzwinkern, und schon wird frühmorgens eine Frauenleiche am Strand angespült. Der junge Derrick de Marney findet die Tote und wird gleich für ihren Mörder gehalten. Als er eine Chance bekommt, der Polizei zu entfliehen, nutzt er sie und zieht die Polizistentochter Nova Pilbeam gleich mit ins Abenteuer. Gemeinsam suchen sie alsbald den wahren Täter...

Viele von Hitchcocks bekannten Motiven finden sich bereits hier - der Unschuldige auf der Flucht, die naive junge Dame, die zur erwachsenen Liebenden reift, die Verkettung widriger Umstände, die unfreiwillige Bindung der Helden aneinander (diesmal allerdings nicht mit Handschellen wie in den "39 Stufen"), das Wechseln von Identitäten (De Marney muss sich u.a. als Anwalt verkleiden). Dazu kommen ein paar kreischende Möwen, eine Wasserleiche ("Frenzy") und mehrere eingenommene Mahlzeiten.
Verzichtet hat Hitchcock dieses Mal auf seine eisgekühlte Blondine mit Feuer unter der abgebrühten Oberfläche, stattdessen zeichnet er mit der erfrischenden Nova Pilbeam (die 1934 in Hitchcocks erster Verfilmung von "Der Mann, der zuviel wusste" als entführtes Kind ihr Leinwanddebüt gab) ein "gewöhnliches" Mädel mitten aus dem Leben, das mit Herz und Verstand eingreift und sich durch ihre Erlebnisse vom Vater, dem behüteten Zuhause und der eingenommenen Mutter-Rolle lösen kann.

Zitiert wird oft die große Kamerafahrt durch einen kompletten Ballsaal, die am Ende den wahren Mörder enthüllt, welcher in einer Band verkleidet Schlagzeug spielt, und der sich der nahenden Kamera (und uns) durch sein neurotisches Augenzwinkern verrät (hatte nicht Norman Bates ein Stotter-Problem...?), bevor die Helden ihn bemerken.
Doch es sind vielmehr die Kleinigkeiten, die JUNG UND UNSCHULDIG so zauberhaft machen. Die Familienszenen im Polizistenhaushalt etwa sind äußerst bemerkenswert und bestechen nicht nur durch den skurrilen Humor, sondern erfahren auch eine entscheidende dramaturgische Änderung, wenn Pilbeam beim letzten Mittagessen bereits eine völlig andere Frau geworden ist und ihre Brüder dies mit Anteilnahme und Respekt zur Kenntnis nehmen, während sie sich zu Beginn des Films nur um eigene Belange gekümmert haben.
An einer anderen Stelle muss sich Pilbeam im buchstäblichen Sinne für ihren weiteren Lebensweg entscheiden, wenn sie mit ihrem Wagen an eine Kreuzung gerät und eine Richtung zum sicheren Zuhause führt, die andere hinein ins Abenteuer Liebe. Hitchcock erleichtert ihr die Entscheidung durch ein augenzwinkerndes Detail, doch ihr Weg ist ohnehin klar.

Derrick de Marney wird bei der Besprechung Hitchcocks früherer Werke selten berücksichtigt, zu sehr steht er im Schatten von Robert Donat, aber er ist ein rührender, komischer und sympathischer Jedermann, der sich mit List aus brenzligen Situationen zu retten weiß und als Held erblüht, wenn er Nova Pilbeam aus dem Wagen rettet, der in einen Minenschacht zu stürzen droht. Beiden zur Seite steht Edward Rigby als Obdachloser Old Will, der den Schlüssel zur Enttarnung des Mörders besitzt, ohne es zu ahnen.

In der wohl besten Szene des Films geraten Pilbeam und De Marney auf ihrer Flucht in einen Kindergeburtstag, wo sie alles mögliche anstellen müssen (inklusive dem schnellen Beschaffen eines Geschenks), um keinen Verdacht bei einer misstrauischen Tante zu wecken - eine der vielen überdominanten Mütterfiguren in Hitchcocks Werk, die von ihrem Ehemann erst als 'blinde Kuh' verkleidet werden muss, damit unser junges Paar fliehen kann.
Hier befindet sich Hitchcock auf dem Höhepunkt seiner Kreativität und schafft eine wunderbare Verbindung von Suspense und Humor. Diese Sequenz wurde übrigens für die Auswertung in den USA entfernt, vermutlich fand man sie zu albern - so falsch kann man liegen.

JUNG UND UNSCHULDIG fehlt die atemlose Spannung und lässige Screwball-Eleganz von "Eine Dame verschwindet", auch geraten unsere Helden nicht in einen expressionistischen Alptraum wie Robert Donat in den "39 Stufen", aber die für Hitchcock typischen Elemente finden sich alle am richtigen Platz, während er sich gleichzeitig amüsiert zurücklehnt. Man merkt dem Film an, dass er nicht mehr sein will als er ist, humorvolle und spannende Unterhaltung ohne eine Minute Langeweile.

10/10

Die Frösche (1972)

Nachdem Alfred Hitchcock 1962 seine Vogelschwärme auf die Zuschauer und die arme Tippi Hedren losließ, wurden so ziemlich sämtliche Tierarten von deutlich weniger begabten Regisseuren ebenfalls vor die Kamera gezerrt. Aber kein Tierhorror-Film ist so unfreiwillig komisch, blöd und unterhaltsam wie der Öko-Thriller FRÖSCHE (Frogs) von George McCowan.

Hier feiert der steinreiche Patriarch Ray Milland im Kreis seiner (verhassten) Lieben auf einer Insel in Floridas Sümpfen seinen alljährlichen Geburtstag, und während sich die Familie anzickt, macht sich die Natur auf die Socken, die menschlichen Umweltverschmutzer auszurotten...

So schön FRÖSCHE auch mit einer atmosphärischen Bootsfahrt durch die Sümpfe beginnt, so albern ist alles, was folgt. FRÖSCHE erzählt von Menschen, die sämtlich zu dumm zum Leben sind. Entgegen aller Warnungen spazieren sie grundsätzlich alleine durch die Natur und fallen den gefräßigen Tieren zum Opfer, und manche lassen sich sogar von Echsen überlisten, die in einem Gewächshaus ominöse Gefäße mit Pestiziden umstürzen (?), deren Dämpfe dann zum Erstickungstod führen (???).
Die Dialoge sind allesamt zum Davonlaufen, und neben dem stupiden Verhalten der Beteiligten gibt es auch noch weitere schwachsinnige Ideen - so schaffen es zum Beispiel die Frösche, alle Telefonleitungen zum Haus zu kappen, wahrscheinlich mit einer Heckenschere. Neben Fröschen sorgen auch noch muntere Alligatoren (mit sichtbar zugeklebtem Maul), Spinnen, Schlangen und andere Spezies für den baldigen Tod der idiotischen Partygesellschaft. Der Höhepunkt ist ein Frosch mitten auf der Sahnetorte - Bon Appétit!

Ray Milland, Star aus vielen guten Filmen inklusive Hitchcocks "Bei Anruf Mord", muss sich gegen jede Logik und jeden Menschenverstand wie ein Riesen-Arschloch aufführen und trotz des Todes mehrerer Angestellter und Verwandter weiter darauf bestehen, dass seine Geburtstagsfeier fortgesetzt wird. Die gerechte Strafe bekommt er dann im Finale, wenn er von Dutzenden der schleimigen Titelfiguren umzingelt wird (allerdings nie im selben Shot - Milland bestand darauf, dass kein Frosch ihm zu nahe kommen durfte).

FRÖSCHE ist ein kleiner Klassiker des Trash-Horrors und bietet neben einigen Ekel-Szenen auch genügend Lacher - nur eben nicht unbedingt an den Stellen, wo sie beabsichtigt waren.

03/10

Sonntag, 30. Mai 2010

Auf der Suche nach Mr. Goodbar (1977)

Die Geschichte eines Doppellebens - die junge Theresa (Diane Keaton) arbeitet tagsüber als Lehrerin für taubstumme Kinder, nachts zieht sie durch die Bars und reißt Männer auf. Dabei gerät sie schließlich an den falschen...

Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn es ist gerade die Unvorhersehbarkeit, die AUF DER SUCHE NACH MR. GOODBAR (Looking for Mr. Goodbar) so sehenswert macht. Zu Beginn stellen sich dabei ein paar Längen ein, wenn wir das häusliche Leben Keatons und ihre Erlebnisse als Assistentin eines Uni-Professors, zu dem sie ein sexuelles Verhältnis pflegt, erleben. Als diese Beziehung abrupt endet und sie sich eine eigene Wohnung sucht, kommt der Film in Fahrt und schildert Keatons nächtliche Erlebnisse in einer Mischung aus Faszination und Abscheu.
Regisseur Richard Brooks bleibt stets dicht an seiner Protagonistin und erschafft durch die absolut realistische Darstellung des Großstadt-Nachtlebens einen fast dokumentarischen Charakter - man könnte ihn in gewisser Weise mit Friedkins "Cruising" vergleichen, nur dass hier eine weibliche Hauptfigur im Zentrum steht und der Film mehr Psychogramm als Thriller sein will. Die ständige Untermalung mit 70er Songs verstärkt den authentischen Charakter, und die Kamera von William Fraker hebt die Nachtszenen drastisch von den wenigen Tagszenen ab. Der assoziative Schnitt sorgt für eine beunruhigende Atmosphäre.

Diane Keaton zeigt in der Hauptrolle eine beeindruckende Vorstellung, auch wenn sie für die Rolle der widersprüchlichen Theresa nicht hundertprozentig geeignet ist. Sie hat einige Schwierigkeiten, die Abgründe der Figur darzustellen - oder wie Woody Allen einst sagte, Keaton kann immer nur Keaton spielen, darin ist sie so großartig wie keine andere, aber sie kann keine Nicht-Diane Keaton spielen. Dem kann man in diesem Fall zustimmen, nichtsdestotrotz besitzt Keaton eine so einnehmende Ausstrahlung, dass man das Interesse an ihrer Figur nie verliert. Auf ihren Streifzügen durch die Bars begegnet sie einer ganzen Palette von gestörten Männerfiguren. Der junge Richard Gere spielt hier lange vor seinem Durchbruch einen beängstigenden Psychopathen, einen Aufreißer, stets auf Droge und zu allem fähig. Den Biedermann mit neurotischem Innenleben verkörpert William Atherton, und ein ebenfalls sehr junger Tom Berenger spielt einen sexuell verwirrten Charakter (er führt eine schwule Beziehung und steckt voller Selbsthass), der schließlich Keaton zum Verhängnis wird.

Als Zuschauer braucht man ein wenig Durchhaltevermögen für diesen 135 Minuten langen Film, wird aber schließlich mit einer geradezu atemberaubenden Schluss-Sequenz belohnt, in welcher das Drama ins Horrorgenre abkippt und Keaton ein Schicksal erleidet, das so schrecklich und nervenzerrend inszeniert ist (die letzte Szene spielt sich bei flackerndem Stroboskop-Licht ab und ist fast unerträglich in ihrer Suggestivität), dass der Film seine FSK 18-Freigabe locker rechtfertigt, wobei diese wohl eher dem Umstand zu verdanken ist, dass der Film eine sexuell freizügige, selbstständige Frau schildert.

Einige Kritiker haben dem Film reaktionäre Tendenzen vorgeworfen, weil er die Erlebnisse eben jener sexuell aktiven Frau darstellt, die schlussendlich ihre "Strafe" erhält. Solche Anfeindungen greifen aber ebenso kurz wie die gegen De Palmas "Dressed to Kill", in welchem Angie Dickinson ähnliches erlebt wie Diane Keaton. Beide Filme sind nicht als Warnung an Frauen zu verstehen, lieber brav zu Hause und bei ihrem Ehemann zu bleiben, sondern sie zeigen eine von kranken Männern bevölkerte Welt, die Frauen mit Gewalt daran hindert, ihre geheimen Fantasien auszuleben. Sie sind daher mehr zynisch als konservativ.

AUF DER SUCHE NACH MR. GOODBAR ist leider nirgendwo auf DVD erschienen, gelegentlich kann man ihn im TV-Nachtprogramm erwischen.

09/10

Berüchtigt (1946)

Was für ein Film!

BERÜCHIGT (Notorious) gehört zu den herausragenden Werken Alfred Hitchcocks, Francois Truffaut erklärte ihn gar zu seinem Lieblings-Schwarzweiß-Hitchcock, und man ist geneigt, ihm zuzustimmen. BERÜCHTIGT ist ein vielschichtiger Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert, und dessen Stärken nicht (nur) in großen Set Pieces, sondern in der ebenso intelligenten wie faszinierenden Figurenführung liegen.

Worum geht es? Ingrid Bergman wird als Tochter eines verurteilten Nazi-Spions vom amerikanischen Geheimdienst gezwungen, sich an Claude Rains, den mutmaßlichen Chef eines geheimen Rings geflohener Nazis in Rio, heranzumachen. Sie tut dies in erster Linie aus Liebe zum Agenten Cary Grant, der sich zwar ebenfalls in sie verliebt, aber ihren lockeren Lebensstil und ihre Vorliebe für Alkohol missbilligt. Als sie überraschend einen Heiratsantrag von Rains erhält, geht sie darauf ein, aber ihre Enttarnung steht kurz bevor...

Berühmt ist BERÜCHTIGT vor allem wegen der unvergesslichen Party-Sequenz im letzten Drittel, in der Bergman und Grant im Weinkeller von Rains' Haus eine Flasche mit Uran entdecken. Hier haben wir den klassischen Hitchcock-Suspense auf höchstem Niveau, der bis zum Ende nicht mehr abreißt. In den ersten beiden Dritteln erzählt Hitchcock seine Agentenstory aber zunächst als Liebesgeschichte. Durch sie erhält der Thriller seinen doppelten Boden und sorgt für die emotionale Spannung im letzten Akt.

Die wundervolle Ingrid Bergman wird von Hitchcock als leichtlebiges Partygirl eingeführt, die den Kummer über den verräterischen Vater im Alkohol ertränkt. Cary Grant bleibt für den Zuschauer zunächst unsichtbar und wird scheinbar nur von Bergman wahrgenommen. Nach einer halsbrecherischen Autofahrt sehen wir Grant dann erneut in einer verzerrten Perspektive, wenn er der verkaterten Bergman morgens einen Saft bringt und buchstäblich auf dem Kopf steht, während der ganze Raum verschwommen bleibt.

Cary Grant, der so oft den eleganten Leading Man spielte, bekommt hier durch Hitchcocks Inszenierung eine düstere, gefährliche Note (ebenso wie im früheren "Verdacht"). Er ist nicht der strahlende Held, sondern eine zwiespältige Figur. Seine Gefühle für Bergman sind echt, aber seine Ablehnung ihres Charakters nimmt im weiteren Verlauf fast schon paranoide Züge an (insbesondere im Schlussteil, wenn er Bergman, die von ihrem Ehemann langsam vergiftet wird, unterstellt, sie würde wieder an der Flasche hängen). Grants moralische Entrüstung über Bergmans Lebenswandel wird dann auch schnell als heuchlerisch entlarvt, wenn er keine Minute zögert, Bergman zu opfern und sie Rains vor die Füße zu werfen (beinahe buchstäblich, wenn er ihrem Pferd während eines Ausritts einen Tritt versetzt). Auch später, wenn Bergman den Heiratsantrag bekommt, hält er sich mit einer Meinung zurück, obwohl Bergman nur auf seinen Protest wartet. Es ist nicht nur Bergmans Perspektive, die verzerrt ist - alle Figuren zeigen sich blind gegenüber der Wahrheit. Wie üblich macht Hitchcock kaum Unterschiede zwsichen den "guten" und den "bösen" Mächten. Die Methoden des US-Geheimdienstes mögen die besseren Ziele verfolgen, sind aber nicht weniger schmutzig und menschenverachtend.

Geradezu genial wird "Bösewicht" Claude Rains geführt. Er ist als Chef des Nazi-Rings verachtenswert, aber Hitchcock gibt ihm nicht nur eine über-dominante, grausame Mutter an die Hand, er zeigt dessen Liebe zu Bergman als absolut aufrichtig. Rains spielt diesen jämmerlichen Schwächling, der auch noch etwas zu klein geraten ist und neben der Bergman wie ein Männlein wirkt, so unglaublich authentisch (und dabei nie effekthascherisch), dass er vielleicht als bester aller Hitchcock-Schurken bezeichnet werden kann.
Wenn Grant am Ende die vergiftete Bergman aus Rains' Haus rettet und diesem den Zugang zum Wagen verwehrt, während im Hintergrund die Nazi-Verbrecher warten, tut er das nicht nur, um Rains seiner gerechten Strafe zuzuführen, sondern es ist auch der Racheakt eines eifersüchtigen Liebhabers. Dieses Ende hinterlässt beim Zuschauer einen gewollt bitteren Nachgeschmack, weil man Rains das drohende Ende durch die Kollegen weder gönnt noch wünscht - zu sehr hat man Mitleid mit ihm. In diesem Punkt unterläuft Hitchcock alle Erwartungen und inszeniert geradezu subversiv.

Während BERÜCHTIGT an der Oberfläche von Bergmans Wandlung vom Partyluder zur verantwortungsbewussten Frau erzählt, verändert sich auch Cary Grants Figur vom misstrauischen Frauenfeind zum bekennenden Liebenden fast unmerklich im Hintergrund. Das alles gelingt Hitchcock und seinem Autor Ben Hecht völlig ohne Klischees, Melodramatik, mit intelligenten Dialogen und einem differenzierten Gut/Böse-Schema. Niemals ist BERÜCHTIGT vorhersehbar, nur gelegentlich richtet Hitchcock das Interesse auf sich und die Kamera - wenn er während der verhängnisvollen Party von einer Totalen direkt auf die Hand von Bergman zufährt, in welcher sich der Schlüssel zum Weinkeller befindet, oder wenn er Grant und Bergman sich in der großen Liebesszene über zwei Minuten lang küssen lässt.

1950 kam BERÜCHTIGT mit einer sinnentstellenden Synchronisation in die deutschen Kinos, in welcher aus Nazis Drogendealer und aus dem Uran Heroin gemacht wurde. Diese absurde Synchronfassung findet sich immer noch auf einigen deutschen DVDs (wie der SZ-Cinemathek). Die korrekte Neusynchronisation lässt dagegen leider die Atmosphäre vermissen. So oder so sollte man dieses filmische Juwel im O-Ton genießen.

10/10

Mittwoch, 26. Mai 2010

Lipstick - Eine Frau sieht rot (1976)

Das war es, was die Welt gebraucht hat - die weibliche Version von Bronsons "Ein Mann sieht rot", auf welchen der deutsche Titel gleich mal kräftig hinweist.
Das Schöne an LIPSTICK (Lipstick) ist die Tatsache, dass der Film sich keine Minute bewusst ist, wie trashig er ist. Er versucht zwischendurch sogar noch, eine sozialkritische Message durchzubringen, und das, obwohl er selbst so sleazy ist, dass man hinterher duschen möchte.

Maßgeschneidert wurde der Thriller für Margaux Hemingway (Enkelin von Ernest), die für kurze Zeit in den Spät-70ern "heiß" war. Sie spielt ein Lippenstift-Model, das aufreizende Werbefotos am Strand macht, was die Aufmerksamkeit des Lüstlings/Musiklehrers Chris Sarandon erregt, der sie später besucht und vergewaltigt. Als Margaux ihn anzeigt, behauptet er, es wäre einvernehmlicher Sex gewesen, und vor Gericht wird Sarandon freigesprochen, weil die Geschworenen meinen, eine Frau, die Lippenstift-Reklame macht, habe es auch nicht anders verdient. Als sich Sarandon aber später auch noch an Hemingways kleine Schwester (Mariel Hemingway) heranmacht, rastet Margaux endgültig aus und schlägt zurück...

Die arme Anne Bancroft muss in diesem Exploitation-Kracher die Anwältin von Margaux spielen und wirkt dabei äußerst beschämt, liefert aber die beste Leistung des Films. Chris Sarandon ist leider viel zu nett für seine fiese Rolle, und Hauptdarstellerin und Glamour-Girl Margaux beweist leider nur, dass sie hübsch aussieht, ansonsten aber talentfrei ist. Die Gerichtsverhandlung im Mittelteil steckt voller Lacher, besonders als Sarandons Musik vorgespielt wird - er komponiert nämlich elektronische, etwas schräge Musik, was seinen gestörten Geisteszustand beweisen soll... hm.

ACHTUNG, SPOILER! Nichts aber kann das Finale toppen, wenn Margaux im roten Abendkleid von einem Shooting (!) flieht, um mit einer Schrotflinte, die sie zufällig im Auto hat, Sarandon bei Sonnenuntergang über den Haufen zu schießen. Ein absurder Schluss-Titel verrät dem geneigten Zuschauer, dass Margaux für diesen Mord übrigens nicht verurteilt wurde!! Was wieder mal beweist: Vergewaltigung ist falsch, Selbstjustiz hingegen immer richtig! Und für alle Fälle sollte jedermann stets eine Schrotflinte im Handschuhfach haben.Was wäre Amerika ohne die Waffenverliebtheit? Chris Sarandon hat das Gemetzel übrigens überlebt und tauchte später als Untoter in "Fright Night" (1984) wieder auf, wo er dem armen Teenager William Ragsdale nachstellt. Der Mann ist einfach nicht tot zu kriegen.

Margaux Hemingway wurde übrigens trotz aller Bemühungen kein Star, dafür aber ihre ungleich talentierte Schwester Mariel, unvergessen als Woody Allens Love-Interest in "Manhattan". Margaux nannte sich später Margot, das hat ihre Karriere aber auch nicht in Fahrt gebracht.LIPSTICK kann man sich heute nur als Trash oder unfreiwilie Lachnummer reinziehen, dann unterhält er ausgezeichnet.

03/10

Montag, 24. Mai 2010

Body of Evidence (1992)

Madonna treibt es wild in diesem Möchtegern-Erotik-Thriller, der nach dem Erfolg von "Basic Instinct" der Pop-Queen endlich den erhofften Durchbruch beim Kinopublikum bescheren sollte, stattdessen aber nur für herzhafte Lacher und gähnende Langeweile sorgte.

Das Schöne an Madonna-Vehikeln ist die Tatsache, dass man nie Mitleid mit ihr haben muss, egal wie sehr sie sich zum Affen macht, denn der Erfolg ist ihr ja auf anderen Gebieten stets geblieben.
Leid tun müssen einem allerdings die unbescholtenen Schauspieler Willem Dafoe, Joe Mantegna, Anne Archer und Frank Langella, die wahrscheinlich ihren Auftritt einer verlorenen Poker-Runde zu verdanken haben, denn es gibt für keinen von ihnen auch nur einen rationalen Grund, in diesem Schrott mitzuspielen.

Der deutsche Regisseur Uli Edel inszenierte diesen Feuchte-Bettlaken-Thriller, der bereits in der ersten Einstellung schamlos Verhoevens Hit klaut. Madonnas Lover, auf dem sie offenbar Sensationelles veranstaltet, segnet kurz darauf das Zeitliche, woraufhin die Blondine angeklagt wird, ihn... naja... zu Tode ge(pieps)t zu haben. Da kommt das tolle Wortspiel aus dem Titel zur Geltung. Und ist das nicht mal eine realistische Anklage? Barbara Salesch wäre begeistert.

Vorhang auf für ein absurdes Gerichtsdrama. Anwalt Dafoe verteidigt Madonna ("Es ist kein Verbrechen, toll im Bett zu sein!"), sie verteidigt sich selbst ("Ich f... eben jeden, na und? Das kann ich am besten!" - diese Zitate sind nicht von mir erfunden, sondern Filmdialoge), und der Zuschauer kämpft gegen ein Wachkoma aufgrund von Sex-Szenen, die irgendwie schamlos sein sollen, aber in ihrer Verzweiflung nur lächerlich wirken. Kalter Champagner und heißes Wachs sorgen für den un-erotischsten Beischlaf, der je auf der Leinwand zu sehen war (ich müsste mich sehr wundern, wenn heißes Wachs im Intimbereich ein Antörner für irgendjemanden wäre), später hält Willem Dafoe noch den nackten Hintern in Glasscherben, während er es mit seiner Klientin (die das tut, was sie angeblich am besten kann) direkt in der Parkgarage des Gerichts hinter sich bringt.

Interessiert jemanden der Ausgang der Verhandlung? - Nö.

Die beinahe rührende Beharrlichkeit, mit der Madonna es immer und immer wieder versucht, das Publikum von ihrem "Talent" zu überzeugen, grenzt an Nötigung. Dass sie nicht fähig ist, auch nur einen Satz überzeugend zu sprechen oder eine Emotion zu vermitteln, hat sie darüber hinaus so oft bewiesen, dass man sich bei jedem neuen Versuch nur kopfschüttelnd abwenden kann. Von sämtlichen ihrer filmischen Katastrophen ist BODY OF EVIDENCE allerdings die mit Abstand trashigste und lustigste.

01/10

Rebecca (1940)

Die Adaption von Daphne du Mauriers berühmtem Schauerroman war die erste Hollywood-Arbeit Alfred Hitchcocks, und mit dieser landete er gleich einen Volltreffer, einen internationalen Hit, der mittlerweile zu den großen Klassikern gehört. Dabei sollte Hitchcock ursprünglich die filmische Aufarbeitung des "Titanic"-Untergangs drehen, dazu fiel ihm aber nach eigenen Angaben außer einer Eröffnungs-Sequenz nichts ein (Gerüchten zufolge wurde die Geschichte später u.a. recht erfolgreich von James Cameron inszeniert).

REBECCA erzählt von der scheuen, jungen und namenlosen Heldin (im Buch die "Ich"-Erzählerin) - gespielt von der hinreißenden Joan Fontaine - , die sich in den attraktiven Schlossbesitzer Maxim de Winter (Laurence Olivier) verliebt. Nach stürmischer Romanze und spontaner Heirat bringt er sie auf seinen Herrensitz "Manderley", wo der Geist von Maxims verstorbener erster Frau Rebecca über allem schwebt, insbesondere der bösartigen Haushälterin Mrs. Danvers (Judith Anderson), die alles daran setzt, die neue Herrin loszuwerden...

Von der ersten Einstellung, welche die mysteriöse Rückkehr unserer Heldin nach "Manderley" beschreibt, halb Wunsch-, halb Alptraum (und nicht unähnlich der Anfangs-Sequenz von "Citizen Kane"), arbeitet Hitchcocks visueller Einfallsreichtum auf Hochtouren.
Nach diesem atmosphärischen Beginn, der Lust auf mehr macht, fährt er wie so oft mit mehreren humoristischen Szenen fort, welche die Romanze beschreiben (inklusive einer typisch Hitchcockschen reichen und skurrilen alten Dame und Mutterfigur), bevor er die anfängliche Düsternis wieder aufnimmt und das verliebte Mädel in einen wahren Alptraum stürzt, aus dem es sich selbst wieder befreien muss.
Im letzten Drittel, nach der Auffindung von Rebeccas Leiche und der anschließenden Gerichtsverhandlung, weist sein Film kleinere Längen auf, die aber dem Umstand geschuldet sind, dass er die Romanvorlage verändern musste, um das Hays Office milde zu stimmen (so hat Maxim de Winter in Hitchcocks Film seine Ehefrau nicht ermordet, sondern sie starb unglücklich). Dafür bietet er aber unvergessliche Szenen wie die schicksalhafte Vorbereitung für einen Kostümball oder die ersten Tage der neuen Mrs. de Winter auf "Manderlay", in denen sie einen Fehler nach dem nächsten begeht und man förmlich Hitchcocks Freude merkt, was er ihr noch alles an Ungeschicklichkeit in die Schuhe schieben kann, um sie später zu demütigen.

Mehr als in jedem anderen Hitchcock erlebt der Zuschauer das gesamte Geschehen durch die Augen der Protagonistin Fontaine. Sogar Hauptdarsteller Laurence Olivier bleibt eine verschlüsselte Figur, aus der man nie ganz schlau wird, weil man sie lediglich durch Fontaines Wahrnehmung erfährt. Joan Fontaine ist in REBECCA fast überirdisch schön und verletzlich. Gerüchten zufolge behandelte Olivier die junge Schauspielerin mit Geringschätzung, weil er gern seine eigene Frau Vivien Leigh in der Rolle gesehen hätte, was Hitchcock zum Anlass nahm, Fontaine zu erzählen, das gesamte Team würde sie hassen, um genau die scheue und unsichere Darstellung aus ihr herauszukitzeln. Fontaine zeigt eine starke Leistung, bleibt durchweg sympathisch und verändert sich im Lauf des Films fast unmerklich, sie gewinnt an Selbstsicherheit und ist kurz vor Schluss sogar Oliviers Retterin, als er zusammenbricht.

Laurence Olivier befand sich hier auf dem Höhepunkt seiner Attraktivität und Nonchalance, dank seiner Kunst wird eine eher eindimensionale Figur (der starke, aber leidende Held) faszinierend lebendig und facettenreich. Ein Beispiel seines Talents sieht man in der großen Offenbarungs-Szene im Bootshaus, wenn ein Feuerzeug-Requisit offensichtlich nicht angeht und er dies übergangslos in sein Spiel miteinbezieht.
Neben den beiden Hauptdarstellern hinterlässt natürlich Judith Anderson den stärksten Eindruck. Sie ist der wahre "Geist" von "Manderley", eine Untote, die durch das düstere Gemäuer schwebt und ihrer alten Herrin nachtrauert, deren Wäsche und Toilettenartikel liebkost (ein deutlich fetischistisches Verhalten, das Hitchcock sicher gefallen hat). Mit ihrer Figur kehrt Hitchcock erstmals in den Bereich des Horrorkinos zurück, das er nach seinem Stummfilm "The Lodger" zugunsten von Spionage- und Mordgeschichten aufgegeben hatte. Wenn sie in einer Nebelnacht Fontaine zu überreden versucht, aus dem Fenster zu springen, erreicht REBECCA eine geradezu expressionistische Qualität, bei der man unwillkürlich an Fritz Lang denkt.

Der Oscar, den Joan Fontaine ein Jahr später für Hitchcocks "Verdacht" bekam, gilt allgemein als Entschuldigung dafür, dass ihr der Preis für REBECCA vorenthalten wurde. REBECCA wurde von der Academy zum besten Film des Jahres gewählt, Komponist Franz Waxman erhielt für seine atmosphärische Musik ebenfalls die begehrte Trophäe. Hitchcock ging leer aus, so sollte es leider auch bleiben. Aber sein Einstieg ins Hollywood-Geschäft war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg, mit REBECCA als zeitlosem, künstlerischem wie kommerziellem Triumph.

9.5/10

Der große Frust (1983)

Nach dem Selbstmord eines ehemaligen Studenten treffen sich einige seiner engsten Freunde und Kommilitonen zu seiner Beerdigung und verbringen ein gemeinsames Wochenende. Es wird gekifft, geredet, gelacht, getanzt, man erkennt, dass sich die Wertevorstellungen geändert haben, und es bilden sich neue Paare...

Regisseur Lawrence Kasdan hatte es trotz des Sensationserfolgs von "Body Heat" schwer, seinen Stoff DER GROSSE FRUST (The Big Chill) an ein Hollywood-Studio zu verkaufen. Schließlich ließ man ihn bei der Columbia gewähren. Kasdan stellte ein großartiges Ensemble auf die Beine, und dieser kleine, dialoglastige Film, in dem auf der reinen Handlungsebene nichts passiert (im Kino der frühen 80er undenkbar), wurde ein Riesenerfolg und gilt heute als einer der wichtigsten Filme der 80er und Bestandsaufnahme einer Generation.

Man muss sich kurz die Besetzung auf der Zunge zergehen lassen: Glenn Close, William Hurt, Kevin Kline, Tom Berenger, Jobeth Williams, Jeff Goldblum und Meg Tilly. So eine Besetzung garantiert nicht unbedingt einen guten Film, in diesem Fall aber mehr als das. Keiner der Darsteller - viele von ihnen befanden sich noch am Anfang ihrer Karriere - versucht dabei einen Alleingang, alle bilden ein absolut homogenes Ensemble, aus dem heraus jeder seinen großen Moment bekommt.
William Hurt spielt dabei den interessantesten Part (nicht nur, weil er gleich zu Filmbeginn zu spät zur Beerdigung erscheint und schon dadurch eine Sonderstellung einnimmt), den störrischen "Loser", der sich nicht anpassen will und die Masken der anderen durchschaut. Meg Tilly hingegen hat als hinterbliebene Geliebte des Toten nur wenig Dialog, hinterlässt aber aufgrund ihrer wie immer ätherischen Erscheinung einen bleibenden Eindruck.

Kasdan erzählt im GROSSEN FRUST von Menschen, die ihren Platz im Leben gefunden haben, noch suchen oder diesen schon wieder verlassen wollen. Manche sind in den 60ern stehen geblieben, andere sind zu angepasst, wieder andere wissen gar nicht, wohin und lassen sich treiben. Warum sich ihr Freund umgebracht hat, weiß niemand, das spielt auch keine Rolle. Kasdan unterläuft alle Erwartungen. Es brechen weder alte Konflikte auf, noch folgen große Auseinandersetzungen. Alles findet nur im kleinen statt, die meiste Zeit verstehen sich die Figuren gut und vermitteln das Gefühl einer Gruppe, die auseinandergerissen wurde und glücklich ist, wieder beieinander zu sein ("Wir bleiben für immer", ist der letzte Filmdialog).

Die Charaktere werden sensibel und zurückhaltend gezeichnet, man muss genau hinschauen und zuhören, um Unterschiede zu erkennen (man stelle sich den gleichen Film heute vor - allein in der Kirche zu Beginn müsste mindestens ein Handy klingeln, und eine Frau müsste in High Heels durch Matsch waten, um ihren beruflichen Aufstieg zu kennzeichnen).

"Zurückhaltung" ist überhaupt das Zauberwort für den GROSSEN FRUST. Fast wirkt er wie ein Bergman-Drama, außer dass er dafür zu (bewusst) komisch geraten ist. Der Humor bleibt durchweg feinsinnig und sarkastisch, er macht den besonderen Reiz des Films aus. Auch in den schwersten Stunden verlieren die Figuren nicht ihren Witz. Man wird an eigene vergangene Tage erinnert, an Schulfreundschaften und abgebrochene Beziehungen. Am Ende tauschen alle ihre Adressen und Nummern aus, aber man weiß schon, dass sie es wieder nicht schaffen werden, Kontakt zu halten. So ist das Leben.

DER GROSSE FRUST ist so vieles in einem, großes Schauspielerkino, Kammerspiel, Gesellschaftsporträt, Zeitdokument, und daneben einfach wunderbar unterhaltsam.

Auf der deutschen DVD befindet sich ein ausführliches Making Of (60 Minuten), in welchem man von den Beteiligten alles über die Entstehung erfährt.

08/10

Die Affäre (2009)

Die verheiratete Suzanne (Kristin Scott Thomas) verliebt sich in den spanischen Bauarbeiter Ivan (Sergi Lopez) und verlässt Ehemann Samuel (Yvan Attal) und ihre Kinder. Samuel sperrt die Konten und verlangt ihre Rückkehr, bald sind Suzanne und Ivan pleite, harte Zeiten brechen an, kaum noch besteht die Möglichkeit eines guten Ausgangs...

Diesen Ausgang erzählt Regisseurin Catherine Corsini gleich zu Beginn und lässt den Film dann als Rückblende ablaufen. Schade, denn so weiß man von Anfang an, wie die Geschichte ausgeht (bzw. man ahnt es stark und liegt damit richtig). Mich hat dieser Kunstgriff doch sehr gestört, weil er einen Großteil der psychologischen Spannung zerstört, gerade im letzten Drittel.

Corsini konzentriert sich in dieser Erzählung einer typisch französischen "Amour Fou" ganz auf ihre Protagonistin, was ebenso Segen wie Fluch ist. Segen, weil Kristin Scott Thomas eine unglaublich intensive und eindringliche Darstellung zeigt. Die britische Schauspielerin hat mittlerweile einen festen Platz im französischen Kino, das ist bewundernswert. Sie wird mit jedem Jahr schöner und verletzlicher, nach "So viele Jahre liebe ich dich" ist dies erneut eine Paraderolle.
Der deutsche Titel DIE AFFÄRE trifft es nicht genau, der Originaltitel "Partir" (Verlassen) macht es deutlicher. Es geht um einen Befreiungsschlag, und der läuft mit Schmerzen und Gewalt ab. So ist Suzanne eine zwiespältige Figur, sie entscheidet (ganz in der Tradition des französischen Films) alles impulsiv und mit dem Herzen. Sie macht dabei entscheidende Fehler und verhält sich äußerst ungeschickt, aber sie kann nicht anders, das glaubt man ihr.

Leider bleiben viele Dinge neben dem faszinierenden Porträt der Suzanne im Unklaren. Nachdem wir sehen durften, wie verletzt Ehemann Samuel aufgrund des "Verrats" reagiert, verhält er sich für den Rest des Films doch sehr vorhersehbar wie ein Monster-Patriarch. Er verlangt seine Frau, seinen Besitz, zurück. Suzannes Kinder hingegen erhalten nicht einmal den Hauch von Charakterisierung. Der Sohn hält zur Mutter, die Tochter zum Vater, mehr erfahren wir nicht.
Suzannes Liebhaber Ivan (der wunderbare Lopez, der im noch besseren "Eine pornographische Beziehung" ebenfalls das Objekt weiblicher Begierde darstellte) wirkt authentisch und sympathisch, leider wird aber nie ganz klar, was ihn und Suzanne außer heißem Sex eigentlich verbindet. Sie spielen am Strand, lieben sich in der Natur, aber was geschieht darüber hinaus? Begibt sich Suzanne nicht von einer Abhängigkeit in die nächste? Und ist eine Frau nach 20 Jahren Ehe wirklich innerhalb weniger Tage komplett pleite? Hat sie in all den Jahren und bei den guten Beziehungen ihres Mannes keine Freunde, die ihr helfen? So erfrischend es ist, den Film gleich mit der Begegnung Suzanne/Ivan zu beginnen, ich hätte doch gern gewusst, wie Suzannes Leben vorher aussah (auch um zu begreifen, was sie alles aufgibt), dieser Hintergrund wird komplett ausgeblendet.

An diesen Stellen wirkt DIE AFFÄRE altmodischer als er sein müsste. In einer sehr guten Szene versucht Suzanne, einen Kredit zu bekommen, doch für die Bank war sie nur als Ehefrau von Wert, nicht als Geschiedene/Alleinstehende. In einer weiteren starken Sequenz verlässt Suzanne ein Abendessen mit den Schwiegereltern, um zu ihrem Geliebten zu fahren und wird gewaltsam von Ehemann Samuel wie ein Kind im Schlafzimmer eingesperrt. Den Koffer, den sie später packt, wirft sie ihm um die Ohren.
Ein bisschen "Lady Chatterley" ist drin, "Madame Bovary" auch, und vor allem Truffauts "Die Frau nebenan", der ähnlich endet. Dieses Ende kam für mich übrigens zu früh, der Fortgang wäre spannend gewesen. Chabrols "Die untreue Frau" wäre für mich das Beispiel, wie man die gleiche Geschichte noch differenzierter und packender erzählen kann.

DIE AFFÄRE ist empfehlenswert allein schon wegen Kristin Scott Thomas und der eleganten Schlichtheit der Inszenierung. Er verzichtet auf überflüssigen Schnickschnack und wirkt extrem realistisch, auch wenn es (zumindest für mich) mit der Glaubwürdigkeit etwas hapert. Daneben ist er einfach Balsam für Freunde des Autorenkinos abseits von Hollywood.

07/10

Mirrors (2008)

Aus der Reihe "Asia-Remakes", die keiner braucht, hat Regisseur Alexadre Aja, der aus einem mir nicht schlüssigen Grund Kultstatus in Horror-Fankreisen besitzt, einen weiteren aufgeblasenen, hübsch fotografierten Möchtegern-Schocker inszeniert, der sich nur durch unglaubliche Langeweile auszeichnet.

Die Story: der ausgebrannte Kiefer Sutherland nimmt einen Job als Nachtwächter in einem ebenso ausgebrannten Gebäude an und kommt unheimlichen Vorgängen auf die Spur. - Soweit, so bekannt, über nähere Details will ich mich gar nicht weiter auslassen. In der überladenen Pre-Title-Sequenz verwechselt Aja erneut das Vergießen von literweise Kunst- bzw. CGI-Blut mit echtem Horror. Der Vorspann bietet dann die Titel in - ACHTUNG - Spiegelschrift! Wer ist bloß auf diese sensationelle Idee gekommen? Fairerweise muss man sagen, dass die Titelsequenz sehr gelungen ist, was nicht zuletzt an der hervorragenden Musik von Javier Navarrete liegt.

Kiefer Sutherland stolpert im weiteren Verlauf stets mit Taschenlampe durchs nächtliche Gebäude (dessen "verbrannte" Fassade - wie so vieles im Film - schlecht animiert ist), ohne zu bemerken, dass er hier nicht Jack Bauer aus "24" spielen soll. Daneben streitet er sich mit seiner Ex, die nicht möchte, dass er sich unangemeldet um seine Kinder kümmert, was zu einer Auseinandersetzung der beiden führt, in dessen Verlauf sich eines der Kinder die Ohren zuhält - das kann man verstehen, denn nicht nur ist der Dialog erbärmlich, die Charaktere werfen sich Dinge an den Kopf, die sie längst wissen und sich schon hundertmal gesagt haben, für den Zuschauer zur Info aber ein aktuelles Schmierentheater aufführen müssen. Die Figur des traumatisierten Ex-Cops, der Menschenleben auf dem Gewissen hat und sich durch Alkoholkonsum um Job und Familie gebracht hat, ist ein so ödes Klischee, dass es weh tut.

Dabei ist Sutherland noch das einzig echte am Film, alles andere wirkt extrem künstlich. Jeder Schatten, jedes Feuer, sämtliches Blut, alles stammt aus dem Computer, die Frauen wahrscheinlich auch. Mir ist bewusst, dass ich in dem Punkt altmodisch bin und mich nicht an den Zeitgeist anpassen kann, aber offensichtliche CGI-Effekte erzeugen bei mir keine Gänsehaut oder Schauer, sondern nur Gähnen, tut mir sehr leid.

Alexandre Aja hat in seinen (stark überschätzten) Genre-Beiträgen "Haute Tension" und "The Hills Have Eyes" lediglich bewiesen, dass er ein Händchen für attraktive Optik und extreme Brutalität besitzt, damit bewegt er sich natürlich genau auf dem aktuellen Massengeschmack im Horror-Bereich. Weder kann er Schauspieler führen noch einigermaßen überzeugende Dialoge schreiben oder echtes Grauen erzeugen, und von Originalität ist er ebenfalls weit entfernt. In seiner kurzen Filmografie finden sich eine Slasher-Hommage, zwei Remakes, und im Moment dreht er mit "Pirahnha 3-D" ein weiteres Remake! Ein Genie?

So bleibt auch MIRRORS eine reine Fingerübung in Äußerlichkeiten. Wer es mag, soll seine Freude daran haben, ich konnte dem Film rein gar nichts abgewinnen.

04/10

Donnerstag, 20. Mai 2010

Blackout - Anatomie einer Leidenschaft (1980)

In dem Beziehungsdrama BAD TIMING (das den dämlichen deutschen Titel 'Blackout' erhielt) besetzte Regissseur Nicolas Roegs erstmals seine spätere Ehefrau Theresa Russell in der Hauptrolle, mit der er fortan noch viele weitere Werke inszenieren sollte. Das Drama um eine obsessive Leidenschaft mit brutalem Ausgang verschwand seinerzeit schnell aus den Kinos - wohl auch, weil es der Produktionsfirma unangenehm war (sie zog sogar das Logo vor dem Vorspann zurück). Erst vor einigen Jahren wurde BAD TIMING neu entdeckt.

Eine Liebesgeschichte wie jede andere?
Psychologe Alex (Art Garfunkel von "Simon & Garfunkel") und Milena (Russell) lernen sich auf einer Party kennen und beginnen eine Affäre. Es stellt sich heraus, dass Milena noch verheiratet ist, ihr Mann (Denholm Elliott) lebt in der Tschechoslowakei. Alex wird immer eifersüchtiger und besitzergreifender, verlangt die Scheidung, aber Milena braucht ihre Freiheit. Bald schon können sie nicht mehr mit- oder ohne einander leben, und eine Katastrophe bahnt sich an...

Der Film beginnt mit einem Krankenwagen, der durch Wien rast. Milena hat sich mit Tabletten das Leben zu nehmen versucht, im Krankenhaus bemühen sich die Ärzte, ihr Leben zu retten, während Alex vom Polizisten Netusil (Harvey Keitel) verhört wird. Etwas stimmt nicht an Alex' Aussage, der zeitliche Ablauf ergibt keinen Sinn. Dieser zeitliche Ablauf, der das "Bad Timing" des Originaltitels beschreibt, lässt Netusil keine Ruhe.

Nicolas Roeg, der für assoziative Schnitte und offenherzige Sex-Szenen bekannt ist, erzählt die Liebesgeschichte als zerstückelte Rückblende, während Milena in der Gegenwart auf dem OP-Tisch um ihr Leben kämpft und Netusil nach der Wahrheit sucht. Das "schlechte Timing" bezieht sich dabei nicht nur auf den Tathergang, sondern - wie Roeg später erklärte - bereits das erste Zusammentreffen des Paares auf der Party ist schicksalhaft getimt. Wären beide früher gegangen oder gekommen, wäre ihre Geschichte nicht existent, das ganze Drama hätte sich nicht abgespielt. Ein weiteres Beispiel ist ist der Heiratsantrag, den Alex genau im falschen Augenblick macht, oder beider sexuelle Lust, die stets zu unterschiedlichen Zeiten entflammt. Das Leben besteht aus nichts anderem als gutem oder schlechtem Timing.

Theresa Russell und Art Garfunkel spielen ihre Rollen mit äußerster Intensität, wobei Russell aufgrund ihres extrovertierten Filmcharakters (sie säuft, wirft Tabletten ein, zieht sich in der Öffentlichkeit aus und kreischt vom Balkon) deutlich mehr Raum zum Overacting erhält. Garfunkel, der auf den ersten Blick eine merkwürdige Besetzung zu sein scheint (schon wegen seiner verwirrenden Frisur), liefert eine erstklassige Leistung als mal geh-, mal enthemmter Psychologe, der an der Uni Vorträge über Voyeurismus hält (ebenso wie Roegs Kamera ist er ein Beobachter), während er selbst seiner Geliebten in manischer Eifersucht nachspioniert. Beide ergeben das klassisch gestörte Paar - sie ziehen sich an und stoßen sich ab, will der eine mehr, will der andere weniger, es folgt Gewalt, ein tragisches Ende ist unabwendbar.

BAD TIMING ist ein sehr sehenswerter Beitrag zum Thema "gestörte Beziehungen" und bietet sehr viel mehr Tiefe und Subtexte als ähnliche "Amour Fou"-Geschichten über gegenseitige Abhängigkeiten, aus der man sich nur mittels Gewalt befreien kann. Roegs Film hat ein paar Längen, und aufgrund der extremen Charaktere fällt es schwer, sich auch nur für einen der beiden Protagonisten wirklich zu erwärmen. Harvey Keitel zeigt in seiner erst kleinen, dann immer wichtiger werdenden Rolle eine ebenso sensationelle Leistung und ist noch die sympathischste Figur. Dementsprechend unterschiedlich wurde BAD TIMING auch aufgenommen. Viele lehnen ihn als zu zynisch und artifiziell ab, viele halten ihn für Roegs besten Film (dies wäre dann aber doch "Wenn die Gondeln Trauer tragen").

Am Ende löst Roeg das Geheimnis um den "Zeitfehler" auf, und was wir da zu sehen bekommen, kann zwar heute nicht mehr schockieren (damals wohl schon), bringt aber den von Garfunkel gespielten Alex und das Verhältnis der beiden auf den Punkt. Ein bitteres Kapitel geht zu Ende, als Zuschauer möchte man nach dem Film so wenig wie möglich mit Liebe oder Beziehungen zu tun haben. Von mir trotzdem eine Empfehung für dieses ungewöhnliche Drama, das noch lange nachwirkt.
In Deutschland ist BAD TIMING kurioserweise ab 18 freigegeben. Da sind wir heutzutage aber deutlich Schlimmeres gewohnt. Neben einem sehr drastischen Luftröhrenschnitt auf dem OP-Tisch (allerdings sehr unappetitlich) könnte man sich höchstens an ein paar freizügigen erotischen Szenen stören, aber auch die sind nicht für Voyeure geeignet und dienen der Erzählung.

06/10

Petulia (1968)

Seinerzeit von Kritikern und Zuschauern weitgehend missachtet, gilt Richard Lesters PETULIA heute als einer der essentiellsten Filme der 60er, ein unkonventionelles Meisterwerk voller Avantgarde, Anti-Amerikanismus, getragen von großartigen Schauspielern.

Der Plot ist simpel genug: Der desillusionierte Arzt Archie (George C. Scott) verliebt sich in die flatterhafte, verheiratete Petulia (Julie Christie). Als ihr neurotischer Ehemann (Richard Chamberlain) davon erfährt, bahnt sich eine Tragödie an...

Soweit so bekannt, sollte man meinen. Aber Regisseur Richard Lester zerschmettert die lineare Erzählung zu einem filmischen Puzzle, er beginnt im Mittelteil (Scott und Christie sind längst ein Paar), anhand von Rückblenden und Vorblenden erfahren wir im Laufe des Films, wie es begann und wie es endet. Der Zuschauer muss selbst die Chronologie im Kopf zusammenstellen (eine Technik, die u.a. im grandiosen "21 Gramm" wieder aufgegriffen wurde). Ebenso bleibt das Beziehungsgeflecht verschlüsselt. Sympathien und Antipathien gegenüber den Charakteren werden ebenfalls nicht vorgegeben, alle Figuren besitzen ebenso liebenswerte wie abstoßende Züge. Ihr Verhalten wird nie bewertet. Damit gehört Lesters wohl bester Film zu den herausragenden Beispielen des späten 60er/frühen 70er-Kinos, das wir heute so schmerzlich vermissen. Dies war eine Zeit, in der das amerikanische Mainstream-Kino ein weites Feld der Experimente sein durfte.

Werden viele Elemente in PETULIA bewusst unklar gehalten, läuft der Kultur- und Sozialpessimismus von Richard Lester ungebremst auf Hochtouren. In einer Schüsselszene wollen Petulia und Archie eine Liebesnacht in einem Motel verbringen, doch das voll-automatisierte Einchecken wird zu einer bitterbösen Tortur. Das moderne Leben, der unaufhaltsame Fortschritt, sorgt nicht nur für eine gesellschaftliche Dehumanisierung (Menschen werden durch Maschinen ersetzt), sondern auch für allgemeine Entfremdung und Beziehungskälte. Moralische Richtlinien existieren nur noch rudimentär. Nachrichten über den Vietnamkrieg laufen durchgehend im Hintergrund.

Dennoch ist PETULIA kein deprimierender Film. Er erzählt sein erschütterndes Drama in faszinierenden, teils psychedelischen und hypnotischen Bildern, eingefangen vom genialen Kameramann und späteren Regisseur Nicolas Roeg. Tatsächlich scheint Roegs Anteil hier entweder sehr hoch zu sein, oder er hat sich in seinen eigenen Filmen stark an PETULIA orientiert. Seine assoziativen, blitzschnellen Szenenwechsel und Schnitte innerhalb von Sequenzen wurden sein Markenzeichen. Beim ersten Sehen mag PETULIA durch seine bewusste Künstlichkeit etwas anstrengend wirken, doch wenn man die Geschichte für sich aufgeschlüsselt hat, kann man ihn wunderbar genießen.

Dazu ist PETULIA ein hervorragender Schauspielerfilm. George C. Scott spielt eine seiner beeindruckendsten Rollen, Julie Christie ist wieder einmal hinreißend schön, dabei gleichzeitig verletzlich und zutiefst gestört, Richard Chamberlain zeigt in einer ungewohnten Rolle eine brillante Leistung. Hinter seiner geschniegelten, eisigen Fassade lauern unberechenbare Brutalität und Machtgier. Er will Petulia besitzen und dominieren, leidet dabei selbst unter einem Minderwertigkeits- und Vaterkomplex, Petulia hingegen schafft es nicht, sich von ihm zu lösen, weil sie selbst die Demütigung sucht. George C. Scott möchte endlich wieder "etwas fühlen". Keine schöne neue Welt, in der sie wie Kinder miteinander spielen und aufeinander eindreschen. In einer atemlos nach vorne steuernden Umgebung sind sie (und wir) die emotional Zurückgebliebenen.

PETULIA ist leider hierzulande nicht auf DVD erschienen, dafür aber in den USA. Er gehört zu den wichtigsten Filmen der 60er und genießt verdienten Kultstatus. Er wird oft als Anti-"Reifeprüfung" bezeichnet, weil er das Lebensgefühl der Generation ebenso exzellent einfängt wie Nichols' Film, dabei aber die US-Mythen gnadenlos entlarvt, anstatt ihnen zu huldigen.

08/10

Mittwoch, 19. Mai 2010

Das Dorf der Verdammten (1995)

Ein friedliches Dorf wird von einer außerirdischen Macht in kollektiven Tiefschlaf versetzt. Kurz darauf sind alle Frauen schwanger und gebären seltsame Kinder mit weißen Haaren und leuchtenden Augen, die telepathische und mörderische Fähigkeiten besitzen...

Es ist immer ein Kreuz mit Remakes von Horror-Klassikern, besonders wenn sich etablierte Regisseure, die ihren Höhepunkt bereits überschritten haben, daran versuchen. John Carpenter, einst Garant für spannungsgeladenes, intelligentes Erzählkino, hat nun seit mehreren Jahrzehnten kein wirklich richtungsweisendes oder erfolgreiches Werk abgeliefert und präsentiert mit dem DORF DER VERDAMMTEN (Village of the Damned) seine vielleicht schwächste Arbeit - zumal das Original so stark, düster und beängstigend gewesen ist.

Bei Carpenter kommt hingegen nie Spannung auf. Trotz mehrerer Horror-Momente plätschert der Film lustlos vor sich hin, und einzig im Finale wird man ein wenig in das Geschehen hineingezogen. Too little, too late, wie der Amerikaner sagt. Das reicht nicht, um den lahmen Gesamteindruck zu zerstören.

Dabei beginnt DAS DORF DER VERDAMMTEN sehr eindringlich mit einer beeindruckenden Titelsequenz und unterhaltsamer Exposition, in der die verschiedenen Ensemblemitglieder vorgestellt werden. Auch die Szenen um das kurze Koma der Dorfgemeinde sind ansehnlich. Danach aber bricht die Handlung unter der Last der vielen unbeantworteten Fragen zusammen, zu denen sich auch so nebensächliche, aber irritierende gesellen wie "Warum tragen alle Kinder die gleichen Klamotten?" Gut, natürlich soll sich die Gruppe visuell abheben, aber ehrlich, wie glaubwürdig ist das? Gibt es in dem Dorf einen Laden, in dem Sack-Kleider für außerirdische Sprösslinge angeboten werden? Und welche Frau würde ernsthaft ein Kind zur Welt bringen, das ihr womöglich von einer außerirdrischen Intellizenz im Koma eingepflanzt wurde? Warum gehen die Kinder überhaupt zur Schule, wo sie doch den Menschen ohnehin überlegen sind und sie niemand zwingen kann? Warum hat Kirstie Alley so viel zugenommen seit "Fackeln im Sturm"?

Ein paar gute Dinge gibt es am Film. Visuell ist er wie alle Carpenter-Filme uneingeschränkt genießbar. Die Widescreen-Bilder sind exquisit konzipiert, Carpenters Musik wie immer gelungen, wenn auch nicht genial. Die Besetzung ist interessant und besteht aus vielen Gesichtern, die man nicht jeden Tag sieht. Linda Koslowski, Christopher Reeve und Michael Paré sind allesamt fähige und sympathische B-Darsteller, Kirstie Alley ist ohnehin immer eine Klasse für sich und als zynische Wissenschaftlerin mit dunklem Geheimnis hübsch gegen den Typ besetzt. Nur "Luke Skywalker" Mark Hammill ist mittlerweile so abgetakelt, dass seine Präsenz eher unangenehm in Erinnerung bleibt. Er hätte nach "Star Wars" einfach aufhören sollen. Sein Abgang im DORF DER VERDAMMTEN ist dementsprechend erbärmlich.

Für Carpenter-Fans ist das DORF DER VERDAMMTEN einen Blick wert, aber wer sich spannend und gruslig unterhalten möchte, dem sei dann doch der Klassiker ans Herz gelegt, der diesem öden Remake um Lichtjahre voraus ist.

04/10

Sweet November (2001)

Willkommen zu einer der unerträglichsten Schmonzetten des neuen Jahrtausends. Das schöne Sterben wurde in Hollywood gern und oft zelebriert. Wir heulten mit Bette Davis in "Opfer einer großen Liebe" (1939), mit Olivia de Havilland in "Vom Winde verweht" (1939), sogar mit Ali McGraw in "Love Story" und Debra Winger in "Zeit der Zärtlichkeit". Bei Bad Actor DeLuxe Keau Reeves und Charlize Theron kann man leider nur über die beiden heulen. Charlize Theron leidet hier an der typischen Filmkrankheit, die zwar keinen Namen hat (weil frei erfunden), bei welcher aber der Patient exakt weiß, wann genau er abtreten wird, dabei jedoch bis kurz vor Ende unwiderstehlich schön bleibt und dann plötzlich Augenringe, Hustenanfälle und starke Blässe entwickelt, bis es Minuten später auch schon vorbei ist.

Und genau weil sie das weiß, hat sich unsere Charlize vorgenommen, jeden Monat einen unglücklichen Mann zu beglücken, schmutzigen Sex mit ihm zu haben (hat da jemand 'Schlampe' gesagt?) und aus ihm einen besseren Menschen zu machen. Mutter Theresa wäre stolz auf Charlize. Ihr "Mister November" ist der ewig hölzerne Keanu, dessen Designer-Hemden mehr Ausstrahlung und Persönlichkeit haben als er selbst. Nun kann ich mir Keanu schon als "Mister November" vorstellen, dann aber bitte in einem Unterwäsche-Kalender, nicht in einem Filmdrama.

SWEET NOVEMBER (Sweet November) plätschert lustlos vor sich hin, es tauchen die typischen Klischee-Figuren aus der Klamottenkiste auf (wie der schwule Nachbar aus der Stereotypen-Schublade No.1), Keanu, der als Werbefachmann so unter Druck steht, dass man es ihm fast ansieht (aber nur fast, es ist Keanu), findet Freude an neckischen Strandspielen, Modellbootsrennen und verliebt sich so hemmungslos in unsere Todgeweihte, dass er als Nikolaus zu ihr ins Fenster steigt, in seinem Sack einen Haufen Geschenke mit sich tragend, darunter einen Geschirrspüler. Wenn das kein Romantiker ist! Oder in Anlehnung eines ollen Werbespruchs: Keanu weiß, was Frauen wünschen.

Das Schlimmste an SWEET NOVEMBER aber ist nicht etwa der aus allen Filmporen triefende Kitsch, der von diesen unsäglichen Charakteren fabriziert wird, sondern die schlussendliche Aussage, dass man lieber gehen sollte, bevor der geliebte Partner stirbt, damit man ihn in aller jugendlicher Schönheit im Gedächtnis behalten kann. Gott bewahre, dass man ihm beim Sterben zusehen muss! Allein stirbt es sich doch am besten.

Liebe heißt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen, einen schlechten Film gemacht zu haben.

01/10

Montag, 17. Mai 2010

Der Fall Paradin (1947)

Alfred Hitchcock zeigte sich unglücklich mit seinem Gerichtsdrama DER FALL PARADIN (The Paradine Case). Produzent David O. Selznick saß ihm ständig im Nacken, Kosten und Drehzeit schossen in die Höhe, er musste wieder einmal Besetzungen hinnehmen, die er nicht wollte (statt Gregory Peck hätte er gern Laurence Olivier gesehen - ich auch!), herausgekommen ist ein äußerst dialoglastiges Mörder- und Beziehungsgeflecht mit zu vielen Figuren, aber auch sehr vielen Ideen. Die Bewertung ist schwierig und hängt davon ab, wie sehr man sich mit den Charakteren anfreunden mag. Der typisch Hitchcocksche Suspense findet hier jedenfalls nicht statt.

Worum geht es? Die reiche Mrs. Paradin (Alida Valli) wird wegen Mordes an ihrem blinden Ehemann verhaftet und angeklagt. Der Staranwalt Keane (Peck) wird mit ihrer Verteidigung beauftragt und verliebt sich in die schöne Klientin. Diese jedoch interessiert sich nur für ihren Stallburschen (Louis Jourdan), weist Keane empört ab und sorgt durch ein überraschendes Geständnis für Keanes öffentliche Demütigung...

Hitchcock ließ für seinen Film den Gerichtssaal des Londoner "Old Bailey" beeindruckend nachbauen, in welchem sich der Hauptteil der Handlung abspielt. Dialoglastigkeit in einem Gerichtsdrama ist nun weißgott keine Seltenheit, doch tendieren die Charaktere dazu, auch außerhalb des Gerichts zu lange Monologe zu halten und in Unterhaltungen alles dreimal zu sagen. So entsteht ein geschwätziger Gesamteindruck, der die wirklichen Qualitäten des Films mindert. Das beste Beispiel ist Pecks Schluss-Monolog vor Gericht, bei dem er seine Verfehlung eingesteht. Prinzipiell ist dagegen wenig zu sagen, doch wäre der Moment so viel stärker, wenn Peck einfach nur schweigen würde. Auch Ann Todd muss in der letzten Einstellung ihren Mann wieder bei sich aufnehmen, doch anstatt Größe zu zeigen und ihn stumm in den Arm zu nehmen oder sonst etwas zu tun, hält sie eine lange Rede, baut sein Selbstvertrauen wieder auf und spricht ihm Mut für die Zukunft zu. Überflüssig, wir haben es schon verstanden.

Die Kritik Hitchcocks an den Schauspielern ist im Nachhinein nur teilweise nachvollziehbar. Gregory Peck ist vieles, aber kein britischer Strafverteidiger, da helfen auch graue Schläfen nicht. Aber man glaubt ihm die Zuneigung zu seiner Klientin und die Scham, die er gegenüber seiner Ehefrau Ann Todd empfindet. Was die Frauenfiguren betrifft, haben wir es mit Archetypen zu tun - die etwas brave Ehefrau, die für alles Verständnis hat (Todd), und die meuchelnde Upperclass-Dame im Pelz (Valli). Als Zugabe gibt es noch die burschikose und mit eher männlichen Attributen ausgestattete, asexuelle Kumpel-Frau (Joan Tetzel), die man öfter in Hitchcocks Filmen findet (meist wird sie von seiner Tochter Patricia gespielt). Heilige oder Hure, blond oder brünett, die klassischen Gegensätze. Die devote Rolle, die Ann Todd einnehmen und ihrem Ehemann alles verzeihen muss (nicht nur hat er sie belogen, er hätte absichtlich einen Unschuldigen an den Galgen geschickt), spielt sie makellos, man wünscht ihr aber einen anderen Ausgang.
Bei Alida Valli interessiert sich Hitchcock insbesondere dafür, wie sie als Frau aus der Oberklasse durch Inhaftierung gedemütigt wird, um sie dann später durch das "Lady Chatterley"-Syndrom noch weiter zu beschädigen. Louis Jourdan als Stallbursche ist dabei die größte Fehlbesetzung, während Valli und Todd durchaus faszinierende Leistungen zeigen. Jourdan bleibt (wie so oft) hölzern und steif, sieht blendend aus, aber nicht wie jemand, der auch nur einen Tag seines Lebens mit den Händen gearbeitet hat.

In der Inszenierung verzichtet Hitchcock auf optische Mätzchen und konzentriert sich auf den Dialog. Lediglich die Sequenz, in der Peck das Landhaus des Verstorbenen besucht und Vallis Porträt entdeckt (Spuren von "Rebecca" und auch von Premingers "Laura"), lebt von stummem Spiel und wird von Komponist Franz Waxman effektiv untermalt. Francois Truffaut gegenüber gab Hitchcock zu, dass er den Ablauf des Mordes nie verstanden hat, und so bleibt die große dramatische Enthüllung auch etwas konfus, weil man als Zuschauer ebenfalls das Kreuzverhör durch Staatsanwalt (und Hitchcock-Veteran) Leo G. Carroll kaum nachvollziehen kann. Da sich aber das juristische längst dem menschlichen Drama untergeordnet hat (glaubt irgend jemand, Valli wäre nicht schuldig?), ist das nicht so schlimm.

Letztlich wäre mein Haupt-Kritikpunkt, dass Hitchcock nicht das dramatische Potential der Geschichte ausgeschöpft hat. Es fehlt auch der Humor, der hier nur in zynischer Form vorhanden ist, wenn Richter Charles Laughton (unvergleichlich brillant) seine Walnüsse knackt und gegenüber seiner Frau (Ethel Barrymore) die Hinrichtung von Valli verkündet. Laughton ist das mit Abstand beste Element im Film. Wenn er zu einer Abendgesellschaft erscheint, die nackte Schulter von Ann Todd erspäht, sich zu ihr setzt und unverfroren ihre Hand nicht mehr loslässt, hält man schon den Atem an bei so viel Lüsternheit. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Wenn ein zugegebenermaßen hinkender Vergleich gestattet ist - ich persönlich ziehe Billy Wilders "Zeugin der Anklage" jederzeit aufgrund seines geschliffenen Witzes und der raffinierten Handlung Hitchcocks Gerichtsdrama vor, in dem es zwar um deutlich mehr geht ("Zeugin der Anklage" will kein Beziehungsdrama sein), das aber einfach nicht so gut unterhält.

Die Meinungen über PARADIN gehen sehr auseinander. Für mich rangiert er auf den mittleren Plätzen in Hitchcocks Schaffen, was angesichts der vielen Meisterwerke nichts über mangelnde Qualität aussagt.

08/10

Wolfen (1981)

Der New Yorker Detective Wilson (Albert Finney) untersucht gemeinsam mit der Polizeipsychologin Rebecca (Diane Venora) den Mord an einem schwerreichen Immobilienmakler und dessen Frau, die beide schwer verstümmelt aufgefunden wurden. Erst durch die Bekanntschaft mit einem Indianer (Edward James Olmos), der beim Brückenbau beschäftigt ist, erfährt Wilson die Wahrheit über die 'Wolfen', eine mystische Wolfsgattung mit übernatürlichen Kräften, die sich von den Lebenden speist, und deren Lebsnraum durch moderne Städteplanung schwindet...

Nach dem Roman von Whitley Strieber inszenierte Michael Wadleigh ("Woodstock") diesen düsteren Horrorfilm mit Botschaft, der zwar im Kino floppte, sich aber bald zum Geheimtipp mauserte und heute als Geheimtipp gilt. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein Horror-Schocker sowohl ein politisches, ökologisches wie auch soziologisches Gewissen besitzt, WOLFEN ist hier eine herausragende Ausnahme.

Besonders beeindruckend ist die atmosphärische Kameraführung von Gerry Fisher, der das Cinemascope-Format brillant ausnutzt und für die Szenen aus der Sicht der 'Wolfen' faszinierende optische und akustische Verfremdungseffekte einsetzt, die hier "Alienvision" genannt werden. Der Film spielt überwiegend nachts. In einer der wenigen Tag-Szenen klettert Albert Finney zum Indianer Olmos auf einen Brückenpfeiler hoch über der Stadt. Diese Sequenz ist in ihrem Realismus und der Verbindung von Trick- und Originalaufnahmen so atemberaubend, dass Menschen mit Höhenangst - wie ich - sie kaum verfolgen können, ohne das ihnen selbst schwindlig wird.

Einen interessanten Gegensatz findet WOLFEN in der Gegenüberstellung der South Bronx mit ihren leerstehenden Abrissgebäuden, den Obdachlosen und riesigen Müllhalden zu den teuren Manhattan-Locations, wo die ersten Morde stattfinden. Die 'Wolfen', eigentlich mutierte indianische Geister, ernähren sich von den Überresten der Gesellschaft, wozu auch die Armen, Hungernden und Heimatlosen gehören. Sie stehen vor der Ausrottung durch die Zivilisation. Durch die Figur des von Albert Finney (wie üblich) hervorragend dargestellten Detectives zeigt Wadleigh die Angst der zivilisierten Normalbürger vor Riten, Gebräuchen und möglicherweise auch übernatürlichen Kräften der Indianer. Auch wenn er die Taten der 'Wolfen' als schockierend und brutal inszeniert (wir sind immerhin in einem Horrorfilm), können sie erst dann gebändigt werden, wenn Finney am Ende das Modell eines geplanten Bauunternehmens zerstört, welches den Kreaturen für immer den Lebensraum genommen hätte. Der Fortschritt aber wird nicht vor den 'Wolfen' Halt machen, und so endet Wadleighs Film auch offen.

Was die schlussendliche Botschaft des Films sein soll, bleibt verschwommen, aber er liefert sehr viele Denkanstöße und Subtexte über Zivilisation und Natur, Fortschritt und Tradition, Mensch und (menschliche) Bestien. So gesehen gehört WOLFEN mit zum besten, was das Genre hervorgebracht hat. Von mir eine klare Empfehlung!

09/10

Sag niemals nie (1983)

Keine Bond-Werkschau wäre komplett ohne den inoffiziellen SAG NIEMALS NIE (Never Say Never Again), der parallel zu "Octopussy" gedreht wurde, und für den Sean Connery aus seinem Ruhestand als Geheimagent zurückkehrte.

Bei SAG NIEMALS NIE handelt es sich um eine Neuverfilmung des "Feuerball"-Drehbuchs, an dem die Bond-Produzenten der Eon keine Rechte besaßen. Theoretisch könnte es nach wie vor jederzeit neu verfilmt werden. Den Wettlauf um die Gunst des Publikums gewann zwar "Octopussy", dennoch kann sich dieser Bond-Ableger mehr als sehen lassen, auch wenn er in vielen Bereichen zu amerikanisch wirkt (US/britische Co-Produktion) und nicht unbedingt gut gealtert ist.

Worum geht es? Nach "Feuerball"-Motiven werden auch hier mittels eines raffinierten Planes zwei Atomsprengköpfe gestohlen und auf dem Meeresgrund bei den Bahamas versteckt. Drahtzieher ist der ewige Widersacher Blofeld (Max von Sydow) mit seiner Organisation "SPECTRE", ausgeführt wurde der Coup von Handlanger Largo (Klaus Maria Brandauer) und dessen Gehilfin Fatima (Barbara Carrera).

Das Gute zuerst: Sean Connery ist wieder da und in Top-Form! Das Toupet sitzt, der Martini ist geschüttelt, nach einem kurzen Vorlauf liefert er sich einen sensationellen Fight durch ein komplettes Sanatorium, bis er den Gegner mit seiner Urinprobe unschädlich macht. Connery wirkt durchgehend entspannt, gut gelaunt und bereit zu jeder Schandtat, er legt beinahe Roger Moore-Attitüden an den Tag.

Regisseur Irvin Kershner ist kein großer Künstler, aber ein fähiger Action-Regisseur. Unter seiner Regie spielen sich einige irrwitzige Szenen ab, und er ermutigt seine Darsteller zum skurrilen Overacting. An vorderster Front im Psychopathen-Stadl agiert Barbara Carrera als unvergessliche Killerin Fatima, die mit Schlangen knutscht, beim Cocktail Hotelzimmer in die Luft jagt und in bizarrer Garderobe über Freitreppen tanzt. Sie dominiert alle Szenen, und ihr explosiver Filmtod (es bleibt nur noch ein High Heel von ihr übrig) hinterlässt Gesichter des Bedauerns.

Dagegen kann Kim Basinger als Bond-Girl und gutmütige 'Domino' kaum punkten, zu langweilig ist ihre brave Rolle geraten. Sie sieht allerdings bezaubernd aus, und ihr Tango mit Bond vor einer versammelten Gästeschar auf Largos exklusiver Party ist ein echter Höhepunkt.
Klaus Maria Brandauer spielt seinen eitlen Fatzke Largo sehr überzeugend (kein Kommentar!), eine Bedrohung geht allerdings nicht von ihm aus, dazu macht er zu viel Kasperletheater. Nicht zuletzt sorgt der schrullige Rowan "Mr. Bean" Atkinson für ein paar Lacher.

Einige Elemente wie Basingers Aerobic-Outfit lassen den Film heute älter wirken als er ist. Eleganz und Glamour der offiziellen Bond-Reihe finden sich kaum, dafür jagt Kershner den Plot von einem Höhepunkt zum nächsten. Die ausschweifenden finalen Unterwasser-Sequenzen von "Feuerball" wurden für SAG NIEMALS NIE drastisch reduziert - und sind immer noch zu lang! Statt des gewohnten Bond-Logos und Vorspann-Designs zu Beginn (beides wurde den Produzenten seitens Eon untersagt) bietet der Film eine rasante Titelsequenz, die sich als Übung von Bond herausstellt. Das Titellied von Rita Coolidge geht schnell ins Ohr (und nie wieder raus).

Highlights: die Entführung der Sprengköpfe, Bonds Motorrad-Jagd durch Nizza, Fatimas Tod, Das "Domination"-Game Bond gegen Largo.

Minuspunkte: die Musik von Michel Legrand versagt auf ganzer Linie, sie wirkt stellenweise sogar störend! Wie konnte das passieren?

Alles in allem ist SAG NIEMALS NIE ein freches, humorvolles Spektakel geworden, das mit mehr als nur einem Auge zwinkert. Connery beweist, dass er der beste Bond aller Zeiten ist, auch wenn man den Film schnell zu den Akten legen kann.

07/10

Ein Quantum Trost (2008)

Der 22. Bond ist wahrscheinlich der am schwierigsten zu beurteilende Beitrag überhaupt.
Beim ersten Sehen war ich entsetzt, wie schlampig der Film mit den Vorgaben des exzellenten "Casino Royale" umgeht, wie konfus er geschnitten, erzählt und uninteressant er geschrieben ist, wie nichtssagend die Frauen und Bösewichter, und wie eindimensional die Bond-Figur angelegt ist.

Beim zweiten Sehen musste ich aber etwas Kritik revidieren. Noch immer kann mich EIN QUANTUM TROST (Quantum of Solace) nicht überzeugen, und er rangiert für mich innerhalb der Reihe auf den hintersten Plätzen. Dazu muss ich sagen, dass ich nicht zu den Bond-Fans gehöre, die eine klare Vorstellung von ihrem Bond haben, und von der nicht abgewichen werden darf. Von mir aus kann Bond Korn trinken und Hawaii-Hemden tragen, ich will aber einen guten Film! Und der ist QUANTUM leider nicht.

Inhaltlich knüpft QUANTUM an "Casino Royale" an. Bond versucht, den Tod von Vesper Lynd (Eva Greene) im Vorgänger zu rächen und die Hintermänner ausfindig zu machen. Dabei gerät er an Dominic Greene (Mathieu Amalric), der mit unterirdischen Wasservorräten in Bolivien das große Geschäft machen will...

Für jemanden, der "Casino Royale" nicht gesehen hat, ist die Handlung des Nachfolgers kaum zu verstehen, die wichtigen Infos werden nur beiläifig serviert. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn denn der Masterplan des Gegenspielers Greene einigermaßen interessant wäre. So richtig die Idee scheint, in der heutigen Weltlage Wasser als kostbares Vermögen für den Oberbösewicht zu nutzen, so unspektakulär und nachlässig wird der Plot nach Hause geschaukelt. Er rangiert auf einer Ebene mit den Silicon Valley-Plänen Christopher Walkens in "A View to a Kill", einige Einstellungen von tropfenden Wasserhähnen in armen Dörfern helfen da bei weitem nicht, um eine weltweite Bedrohung zu vermitteln.
Mathieu Amalric, der in französischen Filmen so hervorragend agiert, gehört leider zu den uninteressantesten Gegenspielern der Bond-Geschichte. Nicht nur scheint er überfordert mit der Rolle und flüchtet sich in Klischees (er spricht sehr leise, um dann "überraschend" loszubrüllen, und das jedes Mal mit Ansage), er besitzt auch keinerlei Präsenz in all dem technischen Overkill. Die deutsche Synchronisation versetzt ihm übrigens den Todesstoß, indem er mit einem schlimmen französischen Akzent gesprochen wird (und das ausgerechnet von Oliver Rohrbeck, einem meiner Lieblingssprecher! Schäm dich, Oliver!).

Gleiches gilt für Bonds Partnerin Olga Kurylenko, die vielleicht auf Laufstegen für Furore sorgt, aber keinen einzigen Satz glaubwürdig über die Lippen bringt und den gesamten Film mit einem einzigen glasigen Gesichtsausdruck absolviert. Gerade nach der charismatischen Eva Greene im Vorgänger ist sie ein ganz furchtbarer Rückfall in Tanya Roberts-Zeiten. Gemma Arterton als britische Konsulats-Angestellte kann da schon mehr erfrischen, doch der Film gibt ihr nicht genügend Raum. Ihr Filmtod ist so dreist aus "Goldfinger" gestohlen (wieder diese angebliche Hommage...), dass einem die Spucke wegbleibt. Ihr Tod berührt ebenso wenig wie der Rest des Films. Man schaut unbeteiligt zu, wird in der kurzen Lauflänge von 106 Minuten (ein Novum) leidlich unterhalten, aber nie mitgenommen. Wieder einmal wird Humorlosigkeit mit Ernsthaftigkeit verwechselt.

Weitere Minuspunkte: der ohrenbetäubende Titelsong, der auch nach dem zwanzigsten Hören nicht besser wird, ein schwerfälliges Finale mit zu vielen CGI-Effekten, eine schrecklich langweilige Haiti-Passage und zu guter Letzt wieder der Griff in die Psychologie-Kiste für Anfänger à la "Goldeneye" ("Dein Gefängnis ist da drinnen", stammelt Kurylenko zu Bond und deutet auf seinen Kopf - wie wahnsinnig tiefschürfend!).

Allgemein kritisiert wurde die Schnitt-Technik von Regisseur Marc Forster, die ähnlich wie in der "Bourne"-Trilogie dem Zuschauer keine Möglichkeit gibt, das Geschehen zu verfolgen, sondern nur bruchstückhaft zu "erleben". Diese Art des Schnitts befindet sich tatsächlich auf der Höhe der Zeit, das Kino-Publikum wird konstant dazu erzogen, diesen als gängige Praxis zu akzeptieren. Regisseure wie Forster häufen lediglich eine Menge Material an, das im Schneideraum unzählige Varianten möglich macht. Das ist ebenfalls gängige Praxis (böse Zungen würden behaupten, diese Art des Schnitts ist überhaupt nur entstanden, weil es immer mehr unfähige Regisseure gibt, die ihr Handwerk nicht beherrschen). Sei es, wie es will, mich persönlich hat der Schnitt weniger gestört als die müde Handlung.

Gibt es Highlights? Ja, wenige.
Die "Tosca"-Sequenz, in welcher Bond während einer Opernaufführung ein Geheimtreffen der Bösewichte belauscht und sich zu Erkennen gibt, wird von Forster grandios in Szene gesetzt. Der Vorspann ist erneut exzellent gestaltet, Judi Dench erhält angenehm viel Raum zur Entfaltung und kann sogar mit Gesichtsmaske bei der Abendtoilette begeistern. Giancarlo Giannini ist eine willkommene Bereicherung, sein Filmtod in einem Müllcontainer ebenso zynisch wie intelligent.
Der stilisierte Look von QUANTUM kann ebenfalls gefallen (Gibt es eigentlich eine Vorschrift beim MI6, die besagt, dass alle Angestellten nur Schwarz oder Weiß tragen dürfen?). Wenn Craig und Kurylenko in Abendgarderobe durch die Wüste stolpern, verbindet sich das ultra-moderne mit dem klassischen Bond-Kino.

Bleibt noch Bond selbst. Daniel Craig bekommt dieses Mal so wenig Dialog wie nie zuvor, er ist ein schweigsamer, mürrischer und rachsüchtiger Held, ähnlich wie Timothy Dalton in "Lizenz zum Töten" (ihm wurde genau das zum Verhängnis). Humor gibt es für ihn keinen, er stapft weitgehend emotionslos durch den Film, wird erneut an jeder Ecke ramponiert und bringt alles um, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das macht er zwar überzeugend, und allein seine physische Präsenz ist enorm, aber es bleibt doch ein Rückschritt gegenüber der differenzierten Charakterzeichnung aus "Casino Royale". Im Jahr 2008 dürfen sich Action-Helden nicht mehr wohl fühlen. Action- und Comic-Helden bekommen Identitätskrisen und geraten in moralische Dilemmas. Für mich ein alberner, überflüssiger und öder Trend, aber das Publikum will es offenbar so.

Unterm Strich kann mich EIN QUANTUM STUSS, äh, TROST nach wie vor nicht begeistern. Wenn gerade nichts Aufregendes passiert, tritt der Film auf der Stelle oder sackt in Belanglosigkeit ab. Das ist nach "Casino Royale" wirklich enttäuschend. Bleibt also abzuwarten, wie es mit der Reihe weitergeht...

03/10

Casino Royale (2006)

Was wurde nicht alles geschrieben und sich beschwert über Daniel Craig, bevor auch nur ein belichteter Filmmeter zu sehen war. Allein die Tatsache, dass er blond ist, wurde schon von Bond-Fans zum Anlass genommen, ihn abzulehnen (nebenbei, Kinder, auch Roger Moore war nicht wirklich dunkelhaarig).
Als CASINO ROYLE dann endlich gestartet wurde, war schnell klar, dass Craig kein guter, sondern ein fantastischer Bond ist. Regisseur Martin Campbell hatte einst Pierce Brosnan in dessen Debüt "Goldeneye" in Szene gesetzt, hier ist es ihm erneut auf spektakuläre Weise gelungen, einen neuen Bond für eine neue Generation zu definieren.

Worum geht es? Der gemeingefährliche Börsenspekulant Le Chiffre (Mads Mikkelsen) muss bei einem Pokerspiel eine große Summe gewinnen, nachdem er Gelder seiner Kunden bei einem Terroranschlag verloren hat, den Bond verhindern konnte. Bond wird vom MI6 beauftragt, in die Poker-Runde einzusteigen, verliebt sich nebenbei in eine Mitarbeiterin des Schatzamtes (Eva Greene) und kündigt seinen Job, doch es ist nicht alles so, wie es aussieht...

Als Action-Thriller bietet CASINO ROYALE drei Action-Sequenzen im ersten und letzten Drittel, die als Klammer dienen. In der ersten verfolgt Bond einen Verdächtigen über eine afrikanische Großbaustelle, und allein diese Sequenz ist so unglaublich mitreißend inszeniert (mit gut eingesetzten CGI-Effekten, mit denen nach den schlechten Erfahrungen in "Die Another Day" sehr sparsam umgegangen wird), dass einem Hören und Sehen vergeht. Ich würde sie als beste Action-Sequenz der gesamten Bond-Reihe bezeichnen. Ebenso wie in früheren Beiträgen widersetzen sich Bond und sein Gegenspieler zwar allen Gesetzen der Schwerkraft, aber Regisseur Campbell legt gesteigerten Wert darauf, dass der Zuschauer jeden Schlag, Stoß und Aufprall mitfühlen kann. Craig muss als Bond sehr viel einstecken und sieht mehr als nur leicht ramponiert aus, wenn er einen Auftrag zu Ende bringt.
In der zweiten Action-Nummer muss Bond einen Terroranschlag vereiteln. Auch hier platzt der Film fast vor Spannung, während er gleichzeitig eine groß angelegte Materialschlacht absolviert.
Im venezianischen Finale kommt es zum Showdown zwischen Bond und den Schergen von Le Chiffres Terror-Organisation, in dessen Verlauf ein ganzer Palazzo im Wasser versinkt. Hier erfüllt der Film die Erwartungen an ein überdimensionales Bond-Finale, bleibt aber dennoch auf dem Teppich.

Der Mittelteil zwischen diesen grandiosen Set Pieces schildert Vorbereitung, Ablauf und Nachspiel der Poker-Runde im Casino von Montenegro. Diese Passagen setzen in erster Linie auf Suspense und werden nur durch kleine Action-Vignetten wie einen harten Fight im Treppenhaus oder eine Vergiftung Bonds unterbrochen, um die Action-Fans nicht gänzlich vor den Kopf zu stoßen. Gleichzeitig wird hier die Beziehung Bonds zu seiner Partnerin Vesper Lynd entwickelt, die so eng sein darf wie keine zuvor, von Diana Rigg in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" einmal abgesehen, die ohnehin eine ewige Sonderstellung besitzt.

Praktisch nichts in CASINO ROYALE ist, wie es einst war. Kein 'Q', keine 'Moneypenny', keine Lizenz zum Töten (die muss sich Bond erst verdienen), kein Martini, geschüttelt oder gerührt ("Sehe ich aus, als interessiert mich das?" fragt Bond), kein Bond-Logo vor der Pre-Title-Sequenz. Diese findet in aller Kürze und in Schwarzweiß statt, eine drastische Abkehr von den ausufernden Brosnan-Sequenzen. Das Titeldesgin zum Song von Chris Cornell ist dann gewohnt brillant, bevor es Schlag auf Schlag weitergeht.
Judi Dench spielt weiterhin Bonds Vorgesetzte 'M', sie war das einzig gute und beständige Element der Brosnan-Bonds und wurde glücklicherweise übernommen. Auf die müden doppeldeutigen Oneliner der Vorgänger-Filme wird erfreulicherweise verzichtet, stattdessen wurde mit Paul Haggis ein Autor hinzugezogen, der in der Lage ist, Dialoge zu schreiben. Und so ist das erste Zusammentreffen zwischen Bond und Vesper Lynd im Zug nach Montenegro ebenso prickelnd wie aufschlussreich geraten, auch wenn etwas Küchenpsychologie mitschwingt.

Mit Mads Mikkelsen kann CASINO ROYALE einen hervorragenden Widersacher vorweisen, der keine Weltbeherrschungs-Szenarien verfolgt oder alberne Killersatelliten losschickt. Er gehört als Finanz-Hai zum internationalen Terrorismus. Damit ist Bond sowohl in der Gegenwart wie auch in der Realität angekommen.
Eva Greene darf als Bonds Geliebte schön, intelligent und sensibel sein. Die Schauspielerin war bereits unter Bertoluccis Regie ("Die Träumer") wundervoll und ist es hier auch. Wenn sie sich für das Pokerspiel zurechtmacht, sehen wir sie komplett ungeschminkt und natürlich, ein einmaliger, hinreißender Moment in einem Bond-Film. Wenn sie nach dem Treppenhaus-Fight unter Schock in der Dusche sitzt und Bond sich dazu setzt, erreicht CASINO ROYALE einen emotionalen Höhepunkt, der ohne viel Worte auskommt. Nie zuvor durfte Bond so menschlich und mitfühlend agieren, während er gleichzeitig nie so hart und brutal sein musste.

Daniel Craig lässt alle Vergleiche zu seinen Vorgängern locker hinter sich. Er ist weder Gentleman noch Comic-Figur und schon gar keine Rasierwasser-Reklame (wie Brosnan). Er ist ein Edel-Prolet, desillusioniert, aber kämpferisch, aufmüpfig, aber loyal, ruppig, aber irgendwie liebenswert. Interessanterweise hat auch Timothy Dalton seinen Bond ähnlich angelegt (minus den Proleten) , aber zu seiner Zeit wollte das Publikum keinen ruppigen Bond sehen, und die Filme waren noch nicht dafür maßgeschneidert.
In einer Nebenrolle überzeut der immer sehenswerte Giancarlo Giannini als Bonds Kollege Mathis, dem man nie über den Weg traut. Jeffrey Wright als neuer CIA-Kollege Felix Leiter bleibt dagegen blass.

Trotz aller berechtigter Lobhudeleien ist CASINO ROYALE kein perfekter Film. Er ist mit seinen zweieinhalb Stunden Laufzeit etwas zu lang geraten, und die Liebesgeschichte zwischen Bond und Lynd, anfangs noch so originell geführt, wird schließlich zu dick aufgetragen und verheddert sich in Melodram-Klischees. Da geht dann doch alles sehr schnell und heftig vonstatten (inkusive Bonds Kündigung, die nicht überzeugend vorbereitet ist) - das muss es auch, weil bereits der nächste Bond-Beitrag eben jene Liebesgeschichte und deren Ausgang zur Handlungsmotivation benötigt. Die (wenigen) Gegner von CASINO ROYALE lehnen ihn wegen des "weichgespülten" Bond ab. Wäre man in diesen letzten Passagen etwas subtiler vorgegangen, hätte man auch sie in der Tasche gehabt.

Am Ende dann sagt Bond endlich die unsterblichen Worte "Mein Name ist Bond, James Bond!" ("You Know My Name", wie es bei Chris Cornell heißt), und wir hören erstmals das berühmte Bond-Thema. Mit CASINO ROYALE ist den Produzenten und Martin Campbell ein Triumph gelungen, eine Abkehr vom klassischen Agenten-Abenteuer, eine Neuerfindung der Bond-Figur und einer der herausragendsten Action-Thriller der letzten zehn Jahre.

Wie schade nur, dass im direkten Nachfolger so viel falsch gemacht wurde...

10/10

Freitag, 14. Mai 2010

Stirb an einem anderen Tag (2002)

Superagent James Bond 007 bekommt also mittlerweile nicht mehr mit, wenn eine Gespielin ihm im Schlaf das Magazin aus der Waffe entfernt. Zeit für den Ruhestand?

STIRB AN EINEM ANDEREN TAG (Die Another Day) beginnt mit einer atmosphärischen Sequenz, in der drei Surfer in aufgewühlter nächtlicher See die Küste Nordkoreas erreichen. Was aber darauf zwei geschlagene Stunden folgt, kann nur als Tiefpunkt der Bond-Reihe bezeichnet werden. STIRB AN EINEM ANDEREN TAG verletzt nicht nur mehrere Bond-Regeln, er ist ein leeres, inhaltsloses und aufgeblasenes Modeprodukt ohne jeden bleibenden Wert, Spannung, Humor oder Raffinesse, ein plumper Action-Koloss mit uninteressanten Figuren, einem gelangweilten Brosnan und - schlimmer - mit Madonna!

Worum geht es? Um irgendeinen Nonsens über Laser-Gesichtsoperationen, die jemanden vollständig seines Aussehens, seiner Sprache und Herkunft berauben können, unsichtbare Autos und einen Killersatelliten, der mit Blut-Diamanten bestückt wird. Dass ausgerechnet der müde "Diamantenfieber"-Plot noch einmal aufgewärmt wurde, spricht für sich.

Als Bond-Fan fällt es schwer, gelassen zu bleiben angesichts der gigantischen Blödheit vieler Einfälle, der schrecklichen CGI-Effekte und belangloser Darstellungen. Pierce Brosnan, der als 007 nach dem Vorspann von der ganzen Welt gesucht wird und einfach mal so halbnackt aus dem Hafenbecken steigt, in eine Hotel-Lobby hereinspaziert und seine übliche Suite verlangt, als sei nichts gewesen, hat sich endgültig als nicht-würdiger Nachfolger von Connery und Moore bewiesen. Er wirkt stets schlecht gelaunt oder gelangweilt, manchmal auch beides.

"Oh ja, und besonders von seiner Stoßkraft war ich begeistert!" sagt Halle Berry als Agentin 'Jinx' über Bond. Sehr subtil, und so doppeldeutig - man meint, man wäre im Schulmädchen-Report gelandet. Früher waren die pikanten Zweideutigkeiten Bonds aus dem Mund Sean Connerys nicht immer, aber meistens amüsant, hier bewegt sich der Humor auf pubertierendem Niveau der "American Pie"-Filme (wobei diese besser sind, muss man der Fairness halber sagen).
Praktisch niemandem ist bei diesem Film irgend etwas eingefallen - den Autoren nicht (alles schon einmal da gewesen), Designer Peter Lamont nicht (der Eispalast sieht durchweg wie Pappmaché aus), dem Komponisten David Arnold nicht (einige Musikteile finden sich exakt in "Die Welt ist nicht genug" wieder, auch wenn der Score weitgehend solide ist), über Madonnas Titelsong hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens, ihre Mitwirkung im Film aber ist komplett überflüssig (sie erhielt prompt und verdient die Goldene Himbeere für ihren wie immer nichtssagenden und dazu eitlen Auftritt).
Die arme Judi Dench als 'M' muss durchweg zickig und griesgrämig agieren, keine Spur mehr von Ironie und Charme. Ihre wütenden Gardinenpredigten gegen Bond, den sie aber insgeheim doch in Ordnung findet, sind bekannt und geben nichts mehr her. Halle Berrys Sex-Appeal ist so plump und aufdringlich wie ein Table-Dance. Sie wackelt (wie in "Catwoman") mit den Hüften, als gäbe es kein Morgen, und wenn sie im Bikini aus dem Meer steigt, soll uns das als Hommage an "Dr. No" verkauft werden. Ich nenne das eine kreative Bankrotterklärung und verzweifelte Ausrede für mangelnde Ideenvielfalt.

Wer war noch mal der Bösewicht des Films? Egal.

Die einzigen, die überhaupt so etwas wie eine Darstellung zeigen, sind die exzellente Rosamund Pike als kühle MI6-Agentin Miranda Frost (wieder diese Subtilität...), die ständig die Fronten wechselt, und Rick Yune, der als Scherge Zao eine bizarre Präsenz in den Film bringt.
John Cleese wird erneut verschenkt, sein Auftritt aber wird ohnehin von der dämlichsten Idee überschattet - dem unsichtbaren Wagen, der für 007 konstruiert wurde! Die Bond-Filme waren oft albern und bewegten sich jenseits jeglichen Realitätssinnes, da fällt es schwer, mit Logik zu argumentieren, aber ein unsichtbarer Wagen? Nein, nein, nein. Das ist "Mit Schirm, Charme und Melone" (dort wäre der Einfall wunderbar), nicht Bond.

Das Vorspann-Design von Danny Kleinman ist gewohnt brillant, etwas positiveres kann ich nicht sagen.

Highlights? Fehlanzeige.

Minuspunte? Unzählige.

STIRB AN EINEM ANDEREN TAG konnte an den Kinokassen erneut Rekorde brechen, aber der Unmut vieler Fans wurde gehört und ernst genommen. Die Tage von Pierce Brosnan waren gezählt, es war Zeit für einen Neuanfang. Für diesen setzten die Produzenten alles auf eine Karte. Und gewannen.

01/10
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