Samstag, 31. Juli 2010

Baby Doll (1956)

Eine schmutzige Geschichte aus dem Süden.

Die 19-jährige Baby Doll (Carroll Baker) wurde von ihrem Vater vor dessen Tod genötigt, den Baumwollmühlenbesitzer Archie ( Karl Malden) zu heiraten, damit sich jemand um sie kümmert und die Familienplantage weiterführt. Archie musste versprechen, seine minderjährige Frau nicht vor dem 20. Geburtstag anzufassen und die Ehe zu vollziehen. Dieser Tag steht kurz bevor, und Archie kurz vor der Explosion.
Da taucht unerwartet der Sizilianer Vacarro (Eli Wallach) auf, ein erfolgreicher Konkurrent, dessen Büro von Archie aus Wut angezündet wurde. Um sich für die Brandstiftung zu rächen, macht Vacarro sich an Baby Doll heran, und es beginnt ein Psychokrieg um das naive Mädel...

Tennessee Williams schrieb selbst das Drehbuch nach seinem Bühnenstück und fungierte auch als Co-Produzent, die Regie übernahm Elia Kazan, dessen Williams-Verfilmung "Endstation Sehnsucht" (1951) zu den Sternstunden des Hollywood-Kinos zählt.

BABY DOLL (Baby Doll) entfachte einen nie dagewesenen Sturm der Entrüstung, als er das Licht der Leinwand erblickte. Die katholische "Legion of Decency" (allein dieser Name...) forderte sein Verbot und rief zum Boykott auf. "Time" nannte ihn den "dreckigsten amerikanischen Film, der jemals legal zu sehen war". In mehreren Ländern - wie Schweden - wurde er gleich ganz verboten. Seriöse Kritiker zeigten sich mehr als überrascht von der deutlichen sexuellen Offenheit des Films, den man nicht als Drama, sondern als schwarze Komödie verstehen sollte. Noch heute ist er kaum zu sehen, und gegen die berühmten und allseits verehrten Williams-Verfilmungen "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1958) oder "Endstation Sehnsucht" wirkt BABY DOLL tatsächlich wie das unanständige schwarze Schaf einer respektablen Familie.

In der Welt von BABY DOLL existiert kein einziger sympathischer Charakter, auch ehrliche Gefühle sind weit und breit nicht zu sehen. Bei allem Streit und Drama zwischen den Familienmitgliedern in Williams' Stücken weiß man doch immer, wer wirklich ehrlich zueinander steht. In BABY DOLL manipulieren sich alle Figuren nur gegenseitig, sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Abschaum und haben der Welt außer der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse nichts zu geben. Die Aufmerksamkeit, die Carroll Baker als Baby Doll von beiden Männern erhält, hat mit Zuneigung nichts zu tun. Der eine will ihr endlich an die Wäsche, der andere will sie nur benutzen, um seinen Widersacher zu demütigen. Keine der Figuren besitzt irgendeine Form von Bildung (Baby Doll hat nach der 4. Klasse die Schule abgebrochen), Anstand, Erziehung oder Klasse.

Der Charakter der Baby Doll machte Carroll Baker ebenso berühmt wie berüchtigt. Als beinahe erwachsene Frau verhält sie sich durchweg wie ein Kleinkind, sie lutscht am Daumen, schläft in einer Wiege, albert herum und macht sich entweder über ihren notgeilen Mann lustig oder schreit ihn an, weil er zu nichts imstande ist. Ihr ehemals schönes Haus ist ein einziger Dreckstall (der Verfall des ehemals "glorreichen" Südens von "Vom Winde verweht" ist überall spürbar), Ehemann Archie Lee ist ein schmieriger Versager, wie er im Buche steht.
Karl Malden, der schon in Elia Kazans "Endstation Sehnsucht" glänzte, zeigt hier eine umwerfende Darstellung. Er beobachtet seine Frau durch Löcher in der Wand und dreht vor sexuellem Notstand fast durch. Ihrer Demütigung hat er nur Brutalität entgegenzusetzen. Eli Wallach hingegen spielt in seinem Filmdebüt eine völlig untypische Rolle als abgebrühter Verführer und hinterhältiger Charmeur.

Regisseur Elia Kazan filmt das Geschehen in kontrastreichen Schwarzweißbildern und treibt seine Darsteller wie gewohnt zu Höchstleistungen. In der wohl bemerkenswertesten Sequenz weckt Eli Wallach in der unbedarften Baker zum ersten Mal das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit, vielleicht auch Sex, während sie beide auf einer Schaukel sitzen. In dieser sehr langen, wortreichen (und symbolischen) Szene knistert es gewaltig, und Bakers Wandlung vom unreifen Gör zur mitfühlenden Frau vollzieht sich praktisch vor den Augen des Zuschauers völlig naturalistisch. Eine wundervolle Sequenz in einem unglaublich unterschätzten Film.

BABY DOLL erhielt mehrere Oscar-Nominierungen, aber die öffentliche Meinung war so gegen den Film, dass er keine Chance hatte. Aufgrund der Boykott-Aufrufe und der Tatsache, dass viele Kinos diesen folgten und den Film aus dem Verleih nahmen, war er auch kein finanzieller Erfolg. - Ein gutes und warnendes Beispiel für die Zensur durch selbsternannte Hüter der Moral, und wir wissen ja alle, wie 'moralisch' gerade die katholische Kirche in Sachen Minderjähriger agiert.

BABY DOLL ist ein hervorragender, ungewöhnlicher Filmklassiker sowie großes Schauspielerkino, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

09/10

Der Kuss vor dem Tode (1991)

Ira Levins Romanvorlage wurde bereits 1956 mit dem jungen Robert Wagner in der Hauptrolle verfilmt. Regisseur James Dearden modernisierte 1991 die Geschichte und fand eine erstklassige Besetzung, trotzdem ging DER KUSS VOR DEM TODE (A Kiss Before Dying) im Kino ungerechterweise sang- und klanglos unter.

Matt Dillon spielt in diesem Psycho-Thriller den Studenten Jonathan Corliss, der seine Verlobte Dorothy Carlsson (Sean Young), Tochter des mächtigen Industriellen Thor Carlsson (Max von Sydow), gleich in der Eröffnungssequenz vom Dach eines Hochhauses wirft. Offenbar hätte ihre ungeplante Schwangerschaft zur Enterbung geführt, das konnte Jonathan nicht zulassen. Hinter seiner attraktiven Fassade verbirgt sich nämlich ein seelenloser Psychopath, der nur ein Ziel kennt - den sozialen Aufstieg bis zur Spitze des Carlsson-Unternehmens.
Einige Jahre später sieht er sich fast am Ziel, als er Dorothys Zwillingsschwester Ellen (ebenfalls Sean Young) heiratet und vom Schwiegerpapa herzlich in die Familie und die Firma aufgenommen wird. Doch dann beginnt Ellen etwas zu ahnen, und die Vergangenheit holt ihn ein...

In der 56er Version stand die Beziehung Jonathans zur "ersten" Schwester Dorothy (damals von Joanne Woodward gespielt), inklusive ungewollter Schwangerschaft und raffiniert ausgeführtem Mordplan, im Zentrum des Films. Dieser ganze Komplex dient in Deardens Neubearbeitung lediglich als Sprungbrett und wird in den ersten zehn Minuten abgeschlossen, wobei Sean Youngs brutaler Filmtod das Publikum völlig überraschend trifft.

Matt Dillons Darstellung in DER KUSS VOR DEM TODE ist durchweg hervorragend, er ist gleichzeitig sexy und charmant wie finster und bedrohlich. Obwohl Dillon als Schauspieler nie auf einen bestimmten Typ festgelegt war, traut man ihm diese blutigen Taten (er beseitigt im Lauf des Films zwei Belastungszeugen) eigentlich nicht zu, damit erzielt der Film seine beste Wirkung. Sean Young wirkt dagegen in ihrer Doppelrolle Dorothy/Ellen stets etwas entrückt. Ihre Darstellung ist gut, aber sie gehört nicht zu den Schauspielerinnen, mit denen sich der Zuschauer gern identifiziert, ihr fehlt die "warme" Ausstrahlung.
Die Jury der "Goldenen Himbeere" verlieh Young übrigens für DER KUSS VOR DEM TODE gleich zwei Auszeichnungen, einen für die beste Nebenrolle als "Schwester, die stirbt" und für die Hauptrolle als "Schwester, die überlebt". Diesem harten Urteil würde ich nicht zustimmen, zumal ich Sean Young immer gern sehe, auch wenn sie nicht die begnadetste Schauspielerin aller Zeiten ist.

Regisseur James Dearden erzählt seine Mordgeschichte in schönen Hochglanz-Bildern (insbesondere die Vorspann-Sequenz in der Stahlfabrik der Carlssons ist beeindruckend) und baut mehrere Hitchcock-Anspielungen ein. So ähnelt die Grundstory mit der Konzentration auf die Frage "Ist mein Mann ein Mörder?" dessen Klassiker "Verdacht" (1941), die Doppelrolle von Sean Young als Blondine/Brünette erinnert natürlich an "Vertigo" (1958) - und für alle, die die Anspielung nicht erkennen, zeigt Dearden einen Ausschnitt, den sich Sean Young im Fernsehen ansieht! Nicht gerade subtil. Darüber hinaus gelingen ihm einige sehr spannende Sequenzen. Das nervenzerrende Finale, in dem Young gegen Dillon um ihr Leben kämpfen muss, endet mit einer letzten Hitchcock-Hommage an "Im Schatten des Zweifels" (1943).
Howard Shores düstere Musik unterstützt den Film ausgezeichnet, in Nebenrollen agieren so bewährte und sehenswerte Darsteller wie von Sydow, Diane Ladd und James Russo.

Warum DER KUSS VOR DEM TODE ein Flop war, lässt sich schwer erklären, denn qualitativ steht er den erfolgreichen Psycho-Thrillern der frühen 90er in nichts nach. Vielleicht machte er mit seiner ruhigen Erzählweise und unspektakulären Regie einen doch zu altmodischen Eindruck. Diese Qualität hat ihn aber frisch gehalten, er lässt sich heute noch gut anschauen. Einer meiner Geheimtipps!

7,5/10

Freitag, 30. Juli 2010

Terror in der Oper (1987)

Nachdem Dario Argento der Traum mehrfach verwehrt wurde, eine Oper inszenieren zu dürfen, verwirklichte er diesen Wunsch kurzerhand in seinem Horrorfilm TERROR IN DER OPER (Opera), der sein letzter großer Film und eine Art Best-Of seines bisherigen Oeuvres werden sollte.


In TERROR IN DER OPER verbindet Argento Elemente aus Gaston Leroux' "Phantom der Oper"-Erzählung mit dem italienischen Giallo.
Die junge Opernsängerin Cristina Marsillach erhält ihre große Chance, als eine Diva unter einen Wagen gerät und den Hauptpart in der "Macbeth"-Inszenierung nicht singen kann. Doch mit dem Erfolg der Premiere kommt für Cristina auch das Unheil - noch in derselben Nacht wird ihr Freund (William McNamara) vor ihren Augen bestialisch ermordet. Um sie zum Zuschauen zu zwingen, befestigt der Killer mit Tesafilm Nadeln unter ihren Augen - ein Bild, das tief ins Unterbewusstsein dringt und als festes Markenzeichen für den Film steht (so wie für den Zuschauer, der dazu neigt, in den heftigeren Szenen wegzuschauen, was Argento immer gehasst hat). Cristina wird von dem Killer weiter verfolgt, der offenbar eine sadomasochistische Beziehung zu ihrer Mutter hatte und nun in ihr ähnliche Anlagen vermutet...

In erster Linie ist OPERA ein Fest fürs Auge, und was für eins!
Die entfesselte Kamera von Ronnie Taylor fährt, schwebt, kreist und gleitet, als gäbe es kein Morgen, sie steht einfach nie still. Schon zu Beginn sehen wir den Unfall der Diva nicht aus einer neutralen Perspektive, sondern zunächst durch die Augen eines Raben (die im Film und der "Macbeth"-Inszenierung im Film eine entscheidende Rolle spielen), dann aus einer Art Subjektive der Diva. Tatsächlich war zunächst Vanessa Redgrave für die Rolle der Diva engagiert, stieg aber nach Differenzen (angeblich wollte sie mehr Geld) ebenso divenhaft aus. Anstatt sie zu ersetzen, erfand Argento mit seinem Kameramann Taylor diese visuelle Lösung.

Differenzen gab es auch mit seinem primadonnenhaften Star Cristina Marsillach, mit der Argento offenbar nicht zurechtkam, die aber nichtsdestotrotz eine klasse Leistung zeigt.
Als sadistischer Regisseur (und Argentos Alter Ego - eine wütende Kostümbildnerin sagt zu ihm: "Das ist Verdi, und keiner von Ihren lausigen Horrorfilmen!") hinterlässt der Brite Ian Charleson einen ebenfalls starken Eindruck. OPERA war sein letzter Film, bevor er 1990 an den Folgen seiner HIV-Erkrankung stark.
Daria Nicolodi absolvierte in OPERA ihren (bis vor kurzem) letzten Auftritt und war gar nicht begeistert über ihren Abgang, der zu den spektakulärsten Todesszenen in Argentos Schaffens zählt (sie wird durch einen Türspion hindurch erschossen, durch den sie gerade schaut - aua!).

Mit seinen Heavy Metal-Klängen hält sich Argento etwas zurück, setzt sie zumindest effektiver ein als in "Phenomena". Der Gegensatz von klassischer Oper und hartem Rock stellt natürlich einen Reiz dar, dem er nicht widerstehen konnte. So hören wir neben einigen Passagen aus Verdis "Macbeth" auch Arien aus "Madame Butterfly". Claudio Simonettis Synthesizer-Klänge sind dagegen hervorragend und sorgen für spannende Untermalung, wenn sowohl Oper als auch Metal schweigen.

Die Dialoge sind überraschend gut und sogar doppelbödig. Den ermittelnden Inspektor (Urbano Barberini), fragt Ian Charleson, ob es nicht unsinnig sei, "Filme als Leitfaden für die Realität zu nehmen". Damit gibt Argento einen direkten Kommentar zur konservativen Kritik an seiner Person und dem Genre ab. Wer sich intensiv mit Argento beschäftigt, wird schnell feststellen, dass hinter seinen oft grausigen Bildern ein doch äußerst sensibles Gemüt steckt, das Kritik und Angriffe stets in seinen Filmen aufgreift, um sie zu verarbeiten. Ein starker Panzer sieht anders aus.

Enttäuschend an OPERA ist lediglich das Finale, das plötzlich wieder in den Schweizer Bergen spielt - wie zuvor "Phenomena". Die letzte Einstellung, die vielfach kritisiert wurde, ist in meinen Augen allerdings ganz wunderbar gelungen. Nachdem der Killer von der Polizei abgeführt wurde (ein Novum bei Argeno, dessen Killer stets einen spektakulären Tod sterben), wirft sich Cristina Marsillach ins Gras, umarmt die Blumen, hilft einer kleinen Echse, und im Voice Over bejubelt sie die Wunder der Natur und sieht sich selbst als Teil von ihr.
Diese Szene wurde vielfach missverstanden (bzw. gar nicht verstanden, die deutsche Fassung etwa bricht einfach vorher ab, und auch der US-Verleih Orion verlangte die Entfernung), doch in Argentos Universum ist sie keine Seltenheit. Schon "Phenomena" endete mit der bildlichen Verbindung von Mensch und Tier (Jennifer Connelly und Schimpanse). Ihren Frieden finden seine Charaktere nicht mehr in einer zivilisierten, aber durch und durch kranken Welt, sondern im Rückzug zur Ursprünglichkeit, in der Serienkiller und Sadisten nicht existieren.
Hier offenbart sich eine Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Einsamkeit, die man dem Regisseur nach allem Ärger mit Zensoren, Darstellern und Kritikern nicht übel nehmen kann.

Die typische Argento-Unlogik darf aber auch nicht fehlen. So braucht die Polizei Wochen, um herauszufinden, dass es sich bei einer angeblichen Leiche im brennenden Opernhaus nicht um einen Menschen, sondern eine Puppe handelt. (?)

OPERA zog einen Schlussstrich. Die nachfolgenden Argento-Werke waren entweder zu unausgewogen ("Two Evil Eyes"), zu amerikanisch ("Trauma") oder schlicht zu langweilig ("Phantom of the Opera"). Auch der sehr ungewöhnliche und persönliche "Stendhal Syndrome" (1996) konnte trotz seiner Qualität niemanden recht begeistern.
Mit dem modernen Giallo "Sleepless" (2001) gelang Argento ein kurzzeitiges Comeback, doch die Fans warten nach wie vor geduldig und mit der bekannten Hoffnung, die zuletzt stirbt, auf nur einen weiteren "Suspiria", "Inferno" oder "Deep Red" - der wahrscheinlich nie kommen wird.

09/10

Phenomena (1985)

PHENOMENA (Phenomena) galt lange als schwächster Film von Kultregisseur Dario Argento - bis er später bewies, wie ein richtig schlechter Argento eigentlich aussieht ("Phantom of the Opera", "The Card Player").
Zu abstrus mutete selbst für eingefleischte Fans diese wirre Geschichte um telepathische Insekten, rasiermesser-schwingende Schimpansen und einen Frauenmörder in den Schweizer Alpen an.
Tatsächlich offenbart der Film große Schwächen und absurde Ideen, er ist aber bei weitem nicht so schlimm wie sein Ruf und dazu um einiges origineller als jeder x-beliebige US-Slasherfilm.

Die junge Jennifer Connelly spielt in PHENOMENA die Tochter eines US-Filmstars, der sie in ein Schweizer Internat schickt. Dort macht sie sich durch nächtliches Schlafwandeln schnell zur Außenseiterin und beobachtet zufällig einen Serienmörder bei der blutigen Arbeit. Da sie eine telepathische Beziehung zu Insekten hat, schmiedet sie mit dem ortsansässigen Insektenforscher (Donals Pleasence) einen gefährlichen Plan, den Mörder zu fassen...

In der Inhaltsangabe klingen Argentos Filme oft wie Kinder-Abenteuergeschichten. Zugegeben, der ganze Unfug über eine übersinnlich begabte Stubenfliege, die an Jennifers Seite Kriminalfälle löst, ist so hanebüchen, dass er sogar, wenn man ihn als Märchenmotiv versteht, nicht weniger albern wirkt. Argento wirft einfach zu viele Ideen in diesen Horror-Topf und rührt nur halbherzig um. Seine Verwendung von Heavy Metal zur Unterstützung von Suspense-Sequenzen kommt hier erstmals zur Geltung und sollte umstritten bleiben, die Musik macht leider komplette Szenen kaputt, da gibt es auch nichts schön zu reden.
Jennifer Connelly besitzt zwar eine passend ätherische Ausstrahlung, aber schauspielerisch kann sie hier (noch) nicht überzeugen, besonders nicht, wenn man sie mit der starken Jessica Harper in "Suspiria" vergleicht. Donald Pleasence schlafwandelt durch seine Rolle, und neben ein paar groben Längen sind es vor allem ein paar unfreiwillig komische Dialoge, die unangenehm auffallen.

Das Positive: die Atmosphäre stimmt wie immer, Argento fängt die Schweizer Bergwelt mit den pittoresken Häuschen, dem abgelegenen Internat und den verschlungenen Straßen perfekt ein. Auch wenn PHENOMENA visuell nicht herausragend zu nennen ist, gelingen ihm doch einige sehr spannende Sequenzen. Interessanterweise waren es oft die ersten Akte in Argento-Filmen, die überzeugten, hier sind es im Gegenteil eher die letzten 20 Minuten, in denen der Film auf Hochtouren läuft.
Da muss die arme Connelly in ein Erdloch aus Schlamm, Leichenteilen und Maden fallen, bevor sie einem kindlichen Monster begegnet, dem Killer in die Arme läuft, sich mit dem Motorboot auf einen nächtlichen See flüchtet, sich fast selbst in Brand steckt und unter Wasser erneut von dem Monster terrorisiert wird, bis sie schließlich zurück an Land Zeuge einer überraschenden Enthauptung und der Verstümmelung des Mörders durch einen Schimpansen namens "Inge" wird. Da wird ein Psychiater später viel Arbeit haben, möchte man sagen.

Dazu gibt es noch die wohl längste Telefonschnur der Welt, sowie Daria Nicolodis eigenartigste Darstellung in einem Argento-Film. Anfangs spielt sie die verklemmte graue Maus, später ist sie dermaßen außer Kontrolle, dass man nicht mehr weiß, ob man Angst haben oder lachen soll.

In den USA wurde PHENOMENA - wie schon sein Vorgänger "Tenebre" - um einen Großteil der Handlung gekürzt und unter dem Titel "Creepers" gezeigt.
Alles in allem muss man seine Erwartungen etwas herunterschrauben, dann kann einen dieser höchst sonderbare, alberne, aber eigenartig faszinierende Film durchaus packen. Argento selbst hält ihn für einen seiner besten, und er muss es schließlich wissen.

8,5/10

Tenebre - Der kalte Hauch des Todes (1982)

TENEBRE - DER KALTE HAUCH DES TODES (Tenebrae) bedeutete für Dario Argento eine radikale Abkehr von den barocken, übernatürlichen Stoffen "Suspiria" und "Inferno" sowie seine Rückkehr zum Giallo.
Anders als die farbgetränkten Vorgänger ist TENEBRE ein sämtlicher Farbe (außer dem Rot von Blut) beraubter Film voller Licht, er spielt in einem hypermodernen, beinahe futuristischen Rom ohne jede Postkartenansicht, in vorwiegend hellen Räumen. Sogar die Kostüme sind fast durchweg weiß gehalten. Doch hinter der sommerlichen Großstadt-Atmosphäre warten die üblichen derangierten Geister und blutrünstigen Szenarien.

In TENEBRE verarbeitete Argento quälende Erfahrungen mit einem Stalker, der ihm Todesdrohungen schickte. Hier verkörpert Anthony Franciosa den amerikanischen Schriftsteller Peter Neal, der zu Promotions-Zwecken nach Rom reist, wo ein unheimlicher Killer (natürlich wieder mit schwarzen Handschuhen) Frauen in genau der Weise tötet, wie Neal sie in seinen Büchern vorgibt. In typischer Giallo-Manier ermittelt er selbst und kommt dem Täter auf die Spur, doch als dieser unerwartet mit einer Axt im Kopf endet, weiß bald niemand mehr, wer hinter den Morden steckt...

TENEBRE wurde in Deutschland mit der hübschen Werbezeile "Ein Film wie ein Axthieb" beworben, und zum ersten Mal trifft das voll zu. Argentos Giallo trifft den Zuschauer unvorbereitet und heftig. Das Blut spritzt höher und weiter als in jedem anderen seiner Werke, weswegen der Film auch bis heute hierzulande auf dem Index steht, sogar in der gekürzten Version.
TENEBRE ist auch ein wütender Film, in dem es keine einzige funktionierende Beziehung gibt, er spielt in einer Welt aus Lügen und Betrug, in der niemand dem anderen vertrauen kann, insbesondere nicht den Menschen, denen man am nächsten steht. Sex wird stets mit Tod und Geisteskrankheit in Bezug gesetzt. Kunst und Kunstobjekten kommt eine entscheidende Bedeutung zu (der Killer wird durch einen Kunstgegenstand getötet), und Argento thematisiert die ihm immer wieder vorgeworfene Frauenfeindlichkeit, die hier direkt in Form einer neugierigen Journalistin (die ironischerweise nicht besonders positiv gezeichnet ist und einen grausigen Tod stirbt) angesprochen wird.

TENEBRE ist auch ein Film der Fetische. Der Killer hat schmerzhafte Visionen, die sich als Rückblenden in eine traumatische Jugend entpuppen, und in denen er am Strand von mehreren jungen Männern und einer mysteriösen Frau (dargestellt von der transsexuellen Eva Robins, deren leicht schräge Erscheinung einen wirkungsvollen Effekt erzeugt) verfolgt wird, die ihn mit ihren knallroten High Heels malträtiert. Wessen Erinnerungen dies sind, stellt die größte inhaltliche Überraschung des Films dar, doch bis dahin müssen beinahe sämtliche Darsteller ihr Leben lassen, und das auf spektakuläre Weise. In den Mordszenen legt Argento eine atemberaubende Originalität an den Tag, sie sind ebenso heftig wie eindringlich - die Einstellung, in der eines der Opfer durch das Loch in ihrem zerfetzten und blutbesudelten (weißen) Pullover dem Mörder direkt ins Auge sieht, ist ein Markenzeichen des Giallos geworden.

Die Fans zeigten sich enttäuscht, dass Argento die "Drei Mütter"-Trilogie nicht beendete und die farbenfrohen Wunderwelten so radikal verließ. TENEBRE brauchte etwas, um als das gewürdigt zu werden, was er ist - einer der besten Giallos, ein fantastischer Psycho-Thriller voller Ideen und Überraschungen, von formaler Brillanz und grausamer Wucht.

10/10

Auge in Auge mit dem Killer

Horror Infernal (1980)

Mit HORROR INFERNAL (Inferno) knüpfte Dario Argento inhaltlich und formal an seinen größten Erfolg "Suspiria" (1977) an.

Obwohl er nicht ganz die Wucht und Geschlossenheit des Vorgängers erreicht, gehört er zu Argentos besten Filmen und ist im engen Rahmen des Genres als grandioses Kunstwerk zu betrachten, das heute noch nicht als solches anerkannt ist.

Die Story ist noch loser erzählt als im Vorgänger. Ein altes Buch, in dem der Architekt Varelli darüber berichtet, wie er für die "Drei Mütter" - Hexen, die die Welt mit Schrecken regieren - Häuser in Freiburg (Schauplatz von "Suspiria"), Rom und New York baute. Als die Schriftstellerin Rose (Irene Miracle), die das Buch zuletzt in den Händen hielt, einen grausigen Tod stirbt, reist ihr Bruder Marc (Leigh McCloskey) nach New York, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch jeder, der mit dem Buch in Berührung kommt, muss sterben...

Das Konzept ist der "Omen"-Trilogie nicht unähnlich, und auch die romantische bis frenetische Musik von Keith Emerson (von "Emerson, Lake & Palmer") spielt auf Jerry Goldsmiths Horror-Choräle an. Kann Emersons Musik auch nicht mit der "Goblin"-Komposition von "Suspiria" mithalten, untermalt sie doch das Geschehen exzellent und stimmungsvoll. Sie wird ebenso unterschätzt wie der ganze Film.

HORROR INFERNAL kommt Argentos Traum vom "Reinen Kino" (dem "Pure Cinema") sehr nah, das auf alle Regeln der Narration verzichtet und Emotionen über Klänge, Dekorationen, Farben, Licht und Sensationen erzeugt. Argento verzichtet sogar auf eine Hauptfigur (Hauptdarsteller McCloskey ist teilweise über mehrere Sequenzen hinweg nicht zu sehen) und inszeniert den Horror-Reigen als Ensemblestück, in welchem jeder Protagonist seine große Szene bekommt.
So steuert der Film von einem Höhepunkt zum nächsten. Wie so oft ist dabei der erste Akt am besten gelungen, der sich ausgiebig mit Irene Miracle beschäftigt. Die Sequenz, in der sie im Keller ihres Apartmenthauses in einen bis zur Decke mit Wasser gefüllten Raum hinabtaucht, dort auf ein paar umherschwimmende Leichen stößt und sich unter Wasser eine Tür zu "Mater Tenebrarum" (der "Mutter der Finsternis") öffnet, kann ohne Zögern als Höhepunkt in Argentos Schaffen bezeichnet werden - interessanterweise wurde sie teilweise von seinem Mentor Mario Bava inszeniert, der wegen Argentos kurzzeitiger Erkrankung einsprang und für viele Effektshots zuständig war. Hier schaffen zwei Meister ihres Fachs eine Glanzleistung.

Die weiteren Höhepunkte: Eleonora Giorgi gerät auf der Suche nach dem Buch in den Keller einer alten Bibliothek, in der sie eine wahre Hexenküche vorfindet, inklusive blubbernder Hexenkessel über offenem Feuer. In ihrem Apartment wartet bereits der Tod, der zu Verdis "Nabucco" kommt. Antiquitätenhändler Sascha Pitoeff wird beim Versuch, Katzen im Central Park zu ertränken, von einer Schar Ratten überfallen, bevor er von einem vermeintlich hilfreichen Passanten per Hackebeil ins Jenseits befördert wird. Argentos Ehefrau Daria Nicolodi wird wiederum auf dem Speicher des Hauses von Katzen getötet, und im feurigen Finale entdeckt der bereits vom Tod gezeichnete McCloskey den Erbauer des Gebäudes und die "Mutter der Finsternis", die hinter der harmlosen Maske einer Krankenschwester steckt.

Dieses grausige Spektakel wird von Argento erneut in expressiven Farben inszeniert, die im Vergleich mit "Suspiria" nur eine Spur zurückhaltender eingesetzt werden. Eine "realistische" Sequenz gibt es im ganzen Film nicht, auch die wenigen Szenen bei Tageslicht machen durch absurde Zutaten einen irrealen Eindruck. Überall finden sich barocke Elemente und Ornamente (bereits in der ersten Einstellung, in der Irene Miracle im Buch der "Drei Mütter" liest und die Seiten mit einem antiken Messer durchtrennt. Selbst ihr Schlüsselbund, das noch eine wichtige Rolle spielt, macht einen obskuren Eindruck) und Geheimnisse. Geheime Stockwerke befinden sich unter Fußböden, seltsame Geräusche und unheimliches Flüstern ist durchweg zu hören (alle Darsteller sprechen im Flüsterton), Treppen führen in geheime Räume und über weitere Treppen in noch mehr finstere Räume. Bedrohliche Tieraufnahmen und assoziative Schnitte verstärken die beklemmende Atmosphäre.

Anders als "Suspiria" ist INFERNO kein kindlicher Film voller schreckenerregender Wunderwelten, sondern strahlt deutlich mehr Strenge (in künstlerischer wie inhaltlicher Hinsicht) und Reife aus, die formalen Mittel sind weniger experimentell als zielgerichtet eingesetzt. Das gilt auch für die Besetzung. War "Suspiria" eine Geschichte über unschuldige junge Ballerinas in den Klauen des Bösen, folgen hier sämtlich erwachsene Charaktere den Spuren der "Drei Mütter".

HORROR INFERNAL war nicht der erwartete Erfolg und erhielt keine guten Besprechungen. In den USA sollte er nach dem Erfolg von "Suspiria" groß von Fox vermarktet werden, dort aber wechselte gerade die Chefetage, und der Film kam für Jahre nicht in die Kinos, worüber Argento bis heute verbittert ist. In Deutschland lief sein Werk unter dem Titel "Feuertanz der Zombies" in den Kinos, später wurde er als "Horror Infernal" auf Video veröffentlicht.

Seine Bewunderer sind sich bis heute nicht einig, wie sie ihn beurteilen sollen. Horror-Experte Kim Newman nannte den Film "den vielleicht meistunterschätzten Horrorfilm der 80er", und da kann ich zustimmen. INFERNO ist ein großartiges Gemälde des Schreckens, ein Film, der mich bei jedem neuen Sehen fasziniert und begeistert.

10/10



Untreu (2002)

UNTREU (Unfaithful) ist eine Neuverfilmung des französischen Films "Eine untreue Frau" (1968) und lebt von zwei Dingen - der hervorragenden Regie von Adrian Lyne, der wie immer und größten Wert auf Details legt und ein großartiges Gespür für Timing, Rhythmus und Spannung besitzt - und von Diane Lane, die ihre Rolle mit Würde, Charakter, Sex-Appeal und Herz spielt.
Überhaupt muss man sagen, dass dies eine Rolle ist, wie es sie für Hollywood-Darstellerinnen kaum noch gibt - eine reife Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft, unabhängig von Moral und Prüderie. In diesem Fall zieht das zwar dramatische Konsequenzen nach sich, aber der Film vermeidet es, sie für ihre Untreue zu " bestrafen" und geht sehr sensibel mit dem immer noch prekären Thema um. So wird ihre Affäre auch nicht durch Schwierigkeiten in der Ehe begründet, wie es andere Filme machen würden. Der Film bettelt nicht um Verständnis für das Handeln der Figuren, er zeigt es einfach. Die Anziehung, die zwischen Lane und Martinez ausgeht, bewegt sich jenseits ihres Familienlebens, das im Grunde glücklich ist. Es ist eine Begegnung, bei der die Funken sprühen, und die uns allen jeden Tag passieren kann.
Ebenfalls positiv zu vermerken wäre, dass Richard Gere sich hier widerstandslos unterordnet und die zweite Geige spielt, und das macht er äußerst zurückhaltend und seriös. Der Film verlangt von ihm, einen wirklichen Charakter zu spielen, nicht nur mit seinem Starruhm zu kokettieren, und es ist immer wieder schön, zwischendurch festzustellen, dass Gere auch spielen kann. Olivier Martinez hingegen ist so sexy, dass man es kaum aushält, auch wenn er kaum charakterisiert wird. Er ist hier lediglich Lustobjekt, und das funktioniert perfekt.

Über den Inhalt des Films sei hier nicht zuviel verraten, da er nach der Hälfte mit mehreren überraschenden Wendungen spielt, die kaum vorhersehbar sind (zumindest wenn man das Original nicht kennt). Auch das Ende ist angenehm ambivalent. Insgesamt lohnt sich das Ansehen von UNTREU für alle, die gutes Schauspielkino mögen und keine Angst vor Sexszenen haben. Die werden natürlich in einem Lyne-Film praktisch erwartet und sind hier äußerst originell und geschmackvoll.

08/10

Donnerstag, 29. Juli 2010

Death Ship (1980)

Wer kennt das nicht?
Da will man eine hübsche kleine Kreuzfahrt machen, wird dann mitten auf dem Ozean von einem alten Nazi-Frachter, der führerlos durch die Weltmeere treibt, gerammt, und wenn man sich auf selbigen gerettet hat, will einen das verdammte Schiff auch noch um die Ecke bringen.
Schon ist der schöne Urlaub dahin!



Die kanadische Produktion DEATH SHIP (Death Ship) gilt nicht gerade als Sternstunde des Horrorfilms, um es mal vorsichtig auszudrücken, hat aber merkwürdigerweise ein paar Anhänger, zu denen ich auch gehöre.

Überraschenderweise spielen einige Darsteller von Rang und Namen mit, allen voran George Kennedy, der sich nach vier "Airport"-Filmen mit Katastrophen-Szenarien auskennen sollte. Als ausrangierter Kapitän des Luxusliners findet er auf dem menschenleeren Nazi-Kahn seine neue Bestimmung, hört Stimmen, die ihn antreiben, das Kommando zu übernehmen, und die Maschinen des Frachters folgen wie von Geisterhand seinen Befehlen. Kennedys Wandlung vom mürrischen Kreuzfahrt-Kapitän zum wahnsinnigen "Todesschiff"-Führer ist allerdings kaum wahrnehmbar, weil er von Beginn an unsympathisch ist und nicht alle Tassen im Schrank zu haben scheint. Da wird leider viel Potential verschenkt.

In weiteren Rollen spielen der hübsche Nick Mancuso, der unwitzige und wie immer nervtötende Komödiant Saul Rubinek, zwei ebenso nervtötende Kinder, die grundsätzlich allein durchs Schiff stolpern, weil der Junge eine schwache Blase hat (woraufhin seine Schwester jedes Mal stöhnt: "Männer!", was herzlich wenig Sinn macht), sowie Richard Crenna ("Rambo"). Kate Reid erleidet ein schlimmes Schicksal, als sie ein paar Nazi-Bonbons nascht und ihr Gesicht sich daraufhin furchtbar entstellt. Was sonst noch so auf diesem Dampfer los ist: Aus einer Dusche spritzt Blut statt Wasser, ein Fischernetz birgt unzählige Leichen von Nazi-Opfern, und noch mehr Leichen von gefolterten Kriegsgefangenen befinden sich in einem Kühlraum. Die Bordunterhaltung besteht aus alten Wochenschau-Aufnahmen der frühen 40er, die sogar weiterlaufen, nachdem der Filmprojektor zerstört wurde.

Das klingt zugegebenermaßen alles geschmacklos, und das ist es auch, aber der Streifen besitzt neben seinem Trash-Charme und dem Fehlen jeder sichtbaren Regie eine gelungen bizarre Atmosphäre, die oft über verkantete Kamerapositionen und Einstellungen des gigantischen Frachters aus der Unterperspektive erzielt werden. Eine "Haunted House"-Geschichte an Bord eines verwaisten Schiffes zu erzählen, stellt zudem eine zumindest vielversprechende Prämisse dar, und die heruntergekommenen Sets im Bauch des Schiffes wirken durchaus unheimlich und überzeugend.
Die Story hingegen steckt voller Logiklöcher, verzichtet auf jede Erklärung der Ereignisse (was mich persönlich nicht stört, mir reichen die Andeutungen auf die zurückliegenden Schrecken, die auf dem Kahn stattgefunden haben), und es gibt Anschlussfehler ohne Ende (Tag und Nacht wechseln minütlich). Die Aufnahmen des Kreuzfahrtschiff-Untergangs zu Beginn wirken wie aus einem anderen Film und passen nicht zum Rest von DEATH SHIP. Kameramann René Verzier ("Rabid") filmt fast durchgängig mit Handkamera und war deshalb bereits als "lebender Dolly" bekannt.

Alles in allem haben wir hier schön schlechte Horror-Unterhaltung, in der ein todernstes Thema als Hintergrund für einen billigen kleinen Gruselfilm benutzt wird, was allein schon reichlich Dreistigkeit verlangt. Das beste am Film ist das Plakatmotiv, das von der späteren Hollywood-Produktion "Ghost Ship" (2002) schamlos abgekupfert wurde.

05/10

Suspiria (1977)

Vorhang auf für eine wahnsinnige Reise in die Tanzakademie nach Freiburg, dem Hort von Hexen und Hexenbeschwörern, dem Zuhause einer der "Drei Mütter", die die Welt mit Schrecken regieren. Wo Blindenhunde zu reißenden Bestien werden, Lilien an der Wand den Eingang zu einem Labyrinth hinter den Mauern freigeben und eine unschuldige Heldin (Jessica Harper) gegen die Oberhexe "Mater Suspiriorum" (Mutter der Seufzer) antritt, um sie zurück in die Hölle zu schicken...

Dario Argentos SUSPIRIA (Suspiria) gehört zu den wuchtigsten und künstlerisch beeindruckendsten Horrorfilmen aller Zeiten. Einen schlüssigen Plot sollte man gar nicht erst suchen, man wird ihn nicht finden. SUSPIRIAS Handlung ist eine Mischung aus Folklore, Märchenmotiven und Sämtliche Primärfarben explodieren auf Argentos Palette, und der ohrenbetäubende Soundtrack der Band "Goblin", in dem das gezischte Wort "Witch" immer wieder für akustische Gänsehaut sorgt, brennt sich tief ins Unterbewusstsein. Argentos farbgetränkte Bilder in der Tanzakademie erschaffen eine so geschlossene, irreale Welt, dass die wenigen "realistischen" Szenen außerhalb (ein Treffen von Jessica Harper mit Udo Kier am BMW-Gebäude) absolut befremdlich wirken.
Argento nimmt uns bei der Hand und führt uns durch ein Reich der Schatten, Farben und Musik, die sich zu einem einzigartigen Erlebnis verbinden, das mit einer bizarren Geisterbahnfahrt noch am ehesten zu vergleichen ist. SUSPIRIA ist ein Film, der gleichzeitig Spaß macht und sein Publikum heftig bei der Kehle packt und durchschüttelt, von den ersten Sequenzen an, in denen Harper während eines Gewittersturms in Deutschland eintrifft und ein grausiger Doppelmord stattfindet.

Befreit von allen Konventionen der klassischen Filmerzählung stattet Argento sein Pop-Art-Werk mit Ideen aus, die nur seinen Alpträumen entsprungen sein können. Harpers Zimmergenossin (Stefania Casini) wird durch die nächtlichen Räume der Schule gejagt und landet in einem Raum voller Draht, aus dem sie sich nicht befreien kann (in der Filmgeschichte gibt es keine zweite Szene, die das Traumgefühl des panischen Nicht-Vorankommens besser verdeutlicht und sinnlich erfahrbar macht). Während sich die Mädchen der Ballettschule für die Nacht zurechtmachen, regnet es plötzlich Maden von der Decke. Als sie darauf sämtlich in der Sporthalle übernachten, verwandelt sich der Raum mit den drapierten Bettlaken durch Argentos Lichtgebung in eine surreale Schreckenskammer, mit der schnarchenden Oberhexe gleich hinter dem nächsten Vorhang. Kunstgegenstände, Ornamente und Tieraufnahmen erzielen eine durchweg bedrohliche Wirkung.
SUSPIRIA stößt uns direkt zurück in die Kindheit, nicht zuletzt durch die Verwendung von Versatzstücken aus Märchen und Kinderbüchern, wie dem nächtlichen Zählen von fremden Schritten, welche zu einem Geheimgang führen, oder die geflüsterte Beratschlagung der beiden Freundinnen Harper und Casini, wie sie dem Geheimnis der Schule auf die Spur kommen, während besagte Schritte und unheimliche Seufzer zu hören sind. "Gretel und Gretel" im Hexenhaus, sozusagen.

Bei so viel visuellem und akustischem Bombast könnten die Schauspieler leicht untergehen, aber die hervorragende Jessica Harper ("Phantom im Paradies", 1974) ist eine fabelhafte, starke und sympathische Heldin. Sie ist die mit Abstand beste Frauenfigur in Argentos Werk, ein unbedarftes Mädel, das in den Schlund der Hölle geworfen und wieder ausgespuckt wird. Neben ihr spielen Alida Valli ("Der dritte Mann") und Hollywood-Legende Joan Bennett ("Scarlet Street", 1945) mit grandioser Präsenz die Leiterinnen der Tanzschule und Hexen-Anbeter.

SUSPIRIA war ein weltweiter Riesenhit und katapultierte Argento zu internationalem Ruhm. In den USA wurde er durch den Film erstmals bekannt. Seine Geschichte über die "Drei Mütter", von denen die erste hier erledigt wird, sollte er in seinem folgenden "Inferno" (1980) weiter erzählen, auch wenn es sich um keine direkte Fortsetzung handelt (auf visueller Ebene schon). Jahrzehntelang haben die Fans auf einen Abschluss der "Mütter"-Trilogie gewartet, doch sein offizieller Beitrag "Mother of Tears" (2009) konnte die Erwartungen leider auf keiner Ebene erfüllen. Momentan wird an einem Hollywood-Remake gearbeitet, jedes weitere Wort dazu ist überflüssig.

Für Horror-Fans führt kein Weg an SUSPIRIA vorbei. Inspiriert von den barocken Farbspielen Mario Bavas und den Erzählungen der Gebrüder Grimm ist dies ein einzigartiger, unvergleichlicher und alle Sinne berauschender Film.

10/10


In den Labyrinthen der Tanzakademie

Mittwoch, 28. Juli 2010

Adel verpflichtet (1949)

Ein wunderbares, zeitloses Beispiel für den erlesenen schwarzen Humor der Briten bietet der Filmklassiker ADEL VERPFLICHTET (Kind Hearts and Coronets) von Robert Hamer, der den Serienmord als gepflegte Unterhaltung serviert.

Im frühen 20. Jahrhundert wartet der Herzog Louis d'Ascoyne (Dennis Price) auf seine Hinrichtung und schreibt währenddessen an seinen Memoiren, in denen er berichtet, wie er in die Todeszelle gekommen ist. Er erzählt von seinem unaufhaltsamen Aufstieg zum Herzogtitel, auf den er als Sohn einer aus dem Adelskreis verbannten Mutter nur Anspruch besitzt, wenn alle d'Ascoynes, die vor ihm in der Erbfolge stehen, beseitigt werden. So geht Louis frisch ans Werk und bringt einen nach dem anderen d'Ascoyne um die Ecke, findet dabei in einer trauernden Witwe (Valerie Hobson) eine hinreißende Ehefrau, doch die Beziehung zu seiner frühen Liebe Sibella (Joan Greenwood) macht ihm einen verhängnisvollen Strich durch die Rechnung...

Das bemerkenswerteste an dieser köstlichen Komödie ist die Tatsache, dass sämtliche Familienmitglieder, die über die Klinge springen, von Alec Guiness gespielt werden. In insgesamt acht Rollen verkörpert er unter anderem einen trotteligen Pfarrer (Zitat: "Wie üblich wurde das dümmste Mitglied der Familie auserkoren, den Beruf des Pfarrers auszuüben"), einen langweiligen Genral, einen störrischen Kapitän und eine kampflustige Feministin, die mit ihrem Heißluftballon eine Bruchlandung erlebt. Von dieser "Agatha" hätte man übrigens gern mehr gesehen. Alle Auftritte von Guiness in den verschiedenen Masken sind Kabinettstücke der Schauspielkunst, und allein die Idee der multiplen Guiness-Figuren ist genial, bedeutet sie doch nicht nur einen Heidenspaß, sondern impliziert auch den familiären Inzest über die Jahrzehnte.

Der ironische Voice-Over von Dennis Price sprüht vor subtilem Witz, und die Erzählung schreitet zügig voran, wirkt mit ihren vielen kurzen Einstellungen heute noch modern. Der Film ist dazu exquisit ausgestattet und von Douglas Slocombe ("Der Diener", "Tanz der Vampire") hervorragend in edlem Schwarzweiß fotografiert. Das Drehbuch liefert einen brillanten Einfall nach dem anderen und setzt den Serienmord seines Hauptdarstellers stets in Bezug zu seinen perfekten Manieren, so lehnt er etwa die Jagd als "blutrünstigen" Sport ab und hat Mitleid mit den "armen Tieren", während er kaltblütig - aber immer vornehm - seine Familie vergiftet, erschießt und in die Luft sprengt.

ADEL VERPFLICHTET gehört zu den besten britischen Filmen aller Zeiten und erfreut sich heute noch großer Beliebtheit. Er taucht regelmäßig in den Film-Bestenlisten auf und hat in über 50 Jahren nichts von seiner Klasse und seinem Witz verloren.

9.5/10

Dienstag, 27. Juli 2010

Dead Zone - Der Attentäter (1983)

Mit DEAD ZONE (The Dead Zone) betrat der kanadische Kultregisseur David Cronenberg neues Terrain.

Erstmals zeichnete er nicht selbst für das Drehbuch verantwortlich, und mit Stephen King als Autor der Romanvorlage wandte sich der Film klar an ein Mainstream-Publikum, das sich normalerweise nicht unbedingt einen Film des "King of Body Horror" Cronenberg ansehen würde.

Stephen King verfasst selbst ein Drehbuch nach seinem Roman, welches aber von Cronenberg verworfen wurde (was King wiederum gar nicht gefiel). Autor Jeffrey Boam schrieb schlussendlich das Script, und ihm gelang es, Kings Visionen in eine emotionale und spannende Geschichte mit sympathischen Figuren zu übertragen.

Christopher Walken zeigt eine seiner besten Darstellungen als Lehrer Johnny Smith (der perfekte Jedermann, schon dem Namen nach), der nach einem schweren Autounfall ins Koma fällt. Als er fünf Jahre später aus selbigem erwacht, hat nicht nur seine große Liebe (Brooke Adams) mittlerweile einen anderen Mann geheiratet, er besitzt auch die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, wenn er Menschen berührt...

Cronenbergs Film ist klar in drei Abschnitte unterteilt. Der erste zeigt Johnnys Akzeptanz der "Gabe" und wirft Fragen über Ethik und Verantwortung auf ("Wenn Sie durch die Zeit reisen könnten und Hitler vor seiner Machtübernahme begegnen - würden Sie ihn ermorden?"), die im dritten Akt beantwortet werden. Im zweiten Abschnitt findet er dank seiner seherischen Fähigkeiten einen gesuchten Serienkiller (Nicholas Campbell), im dritten und entscheidenden Teil lernt er Politiker Gregg Stillson (Martin Sheen) kennen und erkennt in ihm einen Psychopathen, der nach seiner Wahl zum Präsidenten den Atomkrieg starten wird. So wird Johnny schließlich zum Attentäter.

DEAD ZONE ist wie so oft bei Cronenberg im Winter angesiedelt, was perfekt mit seinen Themen von Verlust und Einsamkeit harmoniert. Johnny Smith ist ein zutiefst unglücklicher und schließlich sogar tragischer Held, der seine "Gabe" verflucht, die ihm nichts als Kummer und Schmerz bringt und zu allem Überfluss noch einen Gehirntumor verursacht (ein zentrales Thema bei King, das in der Filmversion heruntergespielt wird). Eine große Verbesserung gegenüber des Romans, die sogar Stephen King anerkannte, ist die Art, wie Cronenberg Christopher Walken Teil seiner Visionen werden lässt. Er sieht nicht nur die Zukunft, er befindet sich mittendrin und leidet mit. Wenn er das brennende Kinderzimmer einer Krankenschwester sieht, liegt er dort im Kinderbett. Als Zeuge eines brutalen Mordes des Serienkillers kann er nur zusehen und nicht eingreifen.

Cronenberg hält sich sehr mit blutigen Details zurück, lediglich der Selbstmord des Killers Nicholas Campbell hat die bizarre Qualität seiner früheren Werke. Vor allem ist dies eine emotionale Geschichte, und zum ersten Mal in Cronenbergs Schaffen sehen wir eine Liebesgeschichte, die berührt.
Neben dem sensationellen Christopher Walken spielen ausgezeichnete Darsteller wie Colleen Dewhurst, Herbert Lom und Tom Skerritt. Martin Sheen, der sich zunächst weigerte, eine so negative Figur zu spielen, ist als populistischer und machtgeiler Politiker, der die Welt zerstören wird, extrem sehenswert.
Zum ersten und einzigen Mal komponierte nicht Howard Shore die Musik für Cronenberg (er war verhindert), sondern Michael Kamen. Ihm ist ein sehr eindringlicher Score gelungen, der die große Traurigkeit der Geschichte auch in den actionreichen Passagen immer mitschwingen lässt.

DEAD ZONE war kein Riesenhit (als Popcorn-Kino ist er viel zu traurig und deprimierend), aber ein relativ bescheidener Erfolg. Er wird oft als Fingerübung für Cronenbergs Meisterwerk "Die Fliege" (1986) gesehen, in welchem der Regisseur seine ganz persönlichen Horrorszenarien mit einer überzeugenden emotionalen Geschichte verbinden sollte.

08/10

Videodrome (1983)

Long Live The New Flesh!

Max Renn (James Woods) ist Mitinhaber eines kleinen Kabelsenders, der hauptsächlich Schund zeigt, um im Geschäft zu bleiben. Als ihm ein völlig neuartiges Programm namens "Videodrome" angeboten wird, welches reale Gewalt und Folter zu Unterhaltungszwecken bietet, ist er fasziniert und will mehr wissen. Je länger er aber "Videodrome" zusieht, desto mehr verändert sich seine eigene Realität. Er entwickelt Halluzinationen und wähnt sich bald als Opfer einer Verschwörung, welche per Video-Signal die Weltherrschaft übernehmen will, und für die er zum programmierbaren Attentäter wird...

Mit VIDEODROME (Videodrome) erreichte der kanadische Regisseur David Cronenberg einen Höhepunkt seiner Karriere und schuf ein verstörendes, visionäres Werk voller beängstigender Ideen und absurder Schreckensfantasien, mit dem aber niemand so recht etwas anfangen konnte. Erstmals von einem großen Studio (Universal) produziert, bedeutet VIDEODROME eine so radikale Abkehr von klassischen Erzählstrukturen, dass er weder richtig vermarktet werden konnte (der völlig irreführende Trailer spricht Bände) noch auf große Zuschauer-Resonanz stieß.
Beim ersten Sehen fällt es schwer, VIDEODROMEs Brillanz gänzlich zu erfassen, er profitiert ungemein von wiederholtem Sehen, ähnlich wie das "Videodrome"-Signal im Film selbst, das beim Zuschauer allerdings Gehirntumore und Visionen auslöst - oder auch nicht...

VIDEODROME wird konsequent aus der Sicht von James Woods' Charakter Max Renn erzählt. Das geht soweit, dass sich große Teile des Films (möglicherweise alles ab seiner ersten Vision) in seinem Kopf abspielen und man als Zuschauer nicht weiß, was überhaupt noch real ist. Da der Film sich weigert, jemals wieder diese Subjektive zu verlassen und die Handlung nie in die Realität zurückkehrt, wird der Zuschauer komplett in seinen Sehgewohnheiten erschüttert.

Zu Cronenbergs bizarren Fantasien gehören groteske Körperöffnungen (Woods entwickelt eine Vagina auf seinem Bauch, die als Ein- und Ausgang für zu Fleisch gewordene Videokassetten und Waffen dient) und atmende Fernsehgeräte, in deren Bildschirme man eintauchen kann. Ein Schuss aus einer Pistole löst eine Explosion von Krebsgeschwüren aus. Das Fernsehen ist überall, sogar die Obdachlosen in einer Mission werden vor TV-Geräte gesetzt. Es geht ums "Sehen" in allen Formen. Der vermeintliche Produzent von "Videodrome" ist ein Optiker, das Vermächtnis eines Medienprofessors besteht aus einer Unmenge Videokassetten, die er von sich aufgezeichnet hat.

Cronenberg kämpfte lange, um seinen Film ungekürzt in die Kinos zu bringen, zu intensiv sind seine Bilder. Viele Kritiker verstanden VIDEODROME als Kritik am Fernsehen und gewalttätigen Filmen, doch das ist viel zu kurz gegriffen. Viel mehr schildert Cronenberg eine möglicherweise realistische Zukunft, in der die Manipulation durch die Medien eine völlig neue Spezies heranreifen lässt, das "neue Fleisch", wie Cronenberg es nennt. Ursprünglich wollte er im Finale seine drei Hauptdarsteller verschmelzen, zu "neuem Fleisch" mit neuen Geschlechtsorganen, doch diese Idee wurde nicht realisiert.

Die Schauspieler agieren exzellent, allen voran der immer sehenswerte James Woods, der sich mit Haut und Haar in die Rolle wirft. Deborah Harry ("Blondie") liefert eine ebenso faszinierende Darstellung einer S/M-fixierten Radio-Psychologin, die "Videodrome" auf die Spur kommen möchte, um dort mitzumachen ("Ich glaube, ich bin geeignet für "Videodrome") und ein grausiges Schicksal erlebt, zumindest so wie Woods es sich in seinen Fantasien ausmalt. Sonja Smiths als kühle Tochter des Medienpropheten Brian O'Blivion ("Oblivion" für die Blindheit gegenüber der Realität) hinterlässt ebenfalls einen starken Eindruck. Die Atmosphäre des Films ist wie üblich winterlich, die Sets sind heruntergekommen und verranzt, Filmkomponist Howard Shore übertrifft sich selbst mit seinem frostigen Soundtrack, der tief unter die Haut geht.

Mit VIDEODROME beendete der kanadische Regisseur David Cronenberg seine erste Phase visionärer Horrorfilme, die ganz seiner eigenen Fantasie entsprangen. Sein nächster Film sollte die Stephen King-Adaption "Dead Zone" (1983) werden, bei der er erstmals nicht das Drehbuch schrieb, und die einen deutlichen Schritt Richtung Mainstream darstellt. Mit dem folgenden "Die Fliege" (1986) erzielte er seinen größten Publikumshit. VIDEODROME ist und bleibt mein Lieblings-Cronenberg.

Wer den Film ebenso liebt wie ich, sollte sich das Buch "Videodrome - Studies in the Horror Film" von Tim Lucas zulegen, der die Dreharbeiten begleitete und sämtliche Details kennt. Sehr empfohlen!

10/10

Sonntag, 25. Juli 2010

Die Brut (1979)

David Cronenberg hat DIE BRUT (The Brood) halb scherzhaft als seine Version von "Kramer gegen Kramer" (1979) bezeichnet. Nach seinen frühen, apokalyptischen Filmen, die stets mit dem kompletten Zusammenbruch des Systems endeten, erreichte Cronenberg mit seinem dritten Spielfilm eine neue Stufe seiner Entwicklung als Regisseur. So ist ihm mit DIE BRUT einer der anspruchsvollsten, persönlichsten und verstörendsten Horrorfilme aller Zeiten gelungen.

Wie so oft bei Cronenberg beginnt der Film mit einer öffentlichen Darbietung. Der wie ein Guru verehrte Psychiater Raglan (Oliver Reed) demonstriert vor Zuschauern seine spezielle Therapieform, die den Patienten, bzw. dessen Körper dazu bringt, verdrängten Kummer und Zorn auf bizarre Weise auszudrücken. Zu seinen Patienten gehört auch Nola Carveth (Samatha Eggar), die in seinem Institut lebt, mitten in einer Scheidung steckt und in den Sitzungen mit Raglan ihre Kindheitserinnerungen an eine prügelnde Mutter und einen versagenden Vater durchlebt. Als aber ihre Eltern brutal von scheinbar deformierten Kindern getötet werden, offenbart sich ihrem Noch-Ehemann (Art Hindle), der um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter kämpft, ein schreckliches Geheimnis: die mörderischen "Kinder" sind Kreaturen ihres Zorns...

Zum ersten Mal standen Cronenberg für die Realisierung seiner Horror-Visionen namhafte Schauspieler zur Verfügung, und alle leisten hervorragende Arbeit. Der oft übertreibende Oliver Reed zeigt hier eine sehr zurückgenommene und kontrollierte Darstellung. Sein Dr. Raglan ist einer der vielen tragischen Wissenschaftler in Cronenbergs Schaffen, die aus positivem Antrieb heraus absolute Schreckensszenarien kreieren.
Samatha Eggar als psychisch labile Nola und "Mutter" der Brut meistert ihren schwierigen Part grandios. Man lehnt sie ab, weil sie besitzergreifend, hasserfüllt und verbittert ist, aber man fühlt ihren Schmerz und die Unfähigkeit, ihre Vergangenheit zu bewältigen. In ihren gemeinsamen Sitzungen zeigen Reed und Eggar großes Schauspielkino, das im Horror-Genre nicht gerade häufig zu sehen ist.
Hauptdarsteller Art Hindle fällt dagegen etwas ab, er ist als Charakter lange zu passiv und lediglich Beobachter der Ereignisse, zudem wirkt er nicht besonders sympathisch. Er ist offensichtlich das Alter Ego des Regisseurs, der während der Drehbuchphase selbst in einer unschönen Scheidung steckte und nach eigener Aussage seinen ganzen Frust im Film verarbeitete, der besonders in seiner Hauptfigur erkennbar ist, der sich am Ende nicht anders zu helfen weiß, als seine Frau mit bloßen Händen zu erwürgen, um seine Tochter zu schützen.

Was DIE BRUT zudem auszeichnet, ist die gelungene Aufarbeitung des Kreislaufs häuslicher Gewalt. Samatha Eggars Nola wurde als Kind von ihrer Mutter misshandelt, während der Vater weggeschaut hat. Nachdem sie von ihrer Tochter im Institut besucht wurde, weist diese ebenfalls Spuren von Misshandlung auf (die, wie sich später herausstellt, von der "Brut" verursacht wurden). Wenn sich in der letzten Einstellung des Films die Kamera dann auf den Arm der Tochter konzentriert, an dem sich kleine Bläschen gebildet haben (so, wie sie auch Eggar in der Kindheit besaß), ist klar, dass die nächste "Brut" nur darauf wartet, geboren zu werden. Aus der Gewaltspirale gibt es kein Entkommen.

Für DIE BRUT arbeitete Cronenberg erstmals mit Kameramann Mark Irwin und Komponist Howard Shore zusammen, die zu langjährigen Begleitern wurden (Shore ist heute noch für Cronenbergs Soundtracks verantwortlich). Die eisige Winter-Atmosphäre des Films ist körperlich spürbar. Was die Effekte angeht, hält sich Cronenberg anfangs sehr zurück, die Mordsequenzen sind eher fantasievoll/spannend als abstoßend inszeniert. Die volle Wucht seiner grotesken Bilder hält er sich bis zum Finale auf, in dem wir sehen, wie Samatha Eggar ihre "Brut" zur Welt bringt, während Oliver Reed versucht, Hindles Tochter aus der Gewalt der "Brut" zu befreien. Hier erreicht der Film eine Intensität des Grauens, die nicht mehr zu steigern ist.

Für einen ironischen Kommentar sorgt Cronenberg, indem er die "Brut" in bunte Schlafanzüge, - sogenannte "Dr. Dentons" - steckt, die normalerweise das ultimativ "niedliche" Bekleidungsstück für Kinder sind. Hier sind sie eher der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden und kommen direkt aus dem Unterbewusstsein.

Samantha Eggar übrigens war sich offenbar nicht wirklich bewusst, wie verstörend der Film ist und reagierte noch Jahre später allergisch auf die Erwähnung des Titels.
Die Kritik konnte zum ersten Mal einem Cronenberg-Film etwas Positives abgewinnen. Mit dem folgenden "Scanners" (1981) erzielte Cronenberg seinen ersten echten Publikumshit, um dann mit "Videodrome" (1983) seine wohl beste Arbeit abzuliefern.
So sehr Cronenberg heute für seine anspruchsvollen Mainstream-Werke geschätzt wird ("A History of Violence", "Eastern Promises") - keines von ihnen kann die Einzigartigkeit dieser fantastischen frühen Filme erreichen, durch die er für immer einer der großen Visionäre des Genres bleiben wird.

10/10

Samstag, 24. Juli 2010

Ein Köder für die Bestie (1962)

In bester Hitchcock-Tradition inszenierte Regisseur J. Lee Thompson EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE (Cape Fear), der zu den packendsten Psycho-Thrillern der 60er gezählt werden kann, und der ohne viel Aufwand sein Publikum von der ersten Minute an mitreißt.

Gregory Peck spielt hier einen Anwalt, dessen intaktes Familien- und Berufsleben von einem Tag auf den anderen erschüttert wird, und zwar von Robert Mitchum, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, in das ihn Peck vor Jahren befördet hat. Nun sinnt Mitchum auf Rache, und die fällt beängstigend aus. Sein Psychoterror wird immer bedrohlicher, bis Peck keinen anderen Ausweg mehr sieht, als Mitchum für immer loszuwerden. Zu diesem Zweck verschanzt er sich mit Frau und Tochter auf einem Hausboot am Cape Fear, wo er nachts auf das Eintreffen seines Widersachers wartet, um ihn endgültig zur Strecke zu bringen...

Der oft unterschätzte J. Lee Thompson war sicher kein Künstler hinter der Kamera, aber er hat von den 50ern bis weit in die 80er immer wieder gutes und straffes Spannungskino inszeniert. EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE ist sein mit Abstand bester Film. Mit einer rohen Intensität erzählt er seine Parabel über Gewalt und Gegengewalt und kann dabei auf hervorragende Schauspieler setzen.
Robert Mitchum war immer brillant, aber sein Max Cady ist ein wirklich furchterregender Bösewicht, den er mit vollem Körpereinsatz spielt. Der Film zeichnet ihn als menschliche Bestie mit animalischen Instinkten, die nur bezwungen werden kann, wenn man sich auf ihre Ebene der Gewalt begibt. Argumente, Bestechung oder Vernunft erzielen keine Wirkung. In seiner Darstellung erinnert Mitchum nicht zufällig an seine Paraderolle in Charles Laughtons "Die Nacht des Jägers" (1955), in dem er ebenso unerbittlich agierte, und auf den Thompsons Film subtil anspielt.
Gregory Peck ist ebenso überzeugend als (fast) unschuldiger Jedermann, der mit einer Bedrohung umgehen muss, gegen die es offenbar kein legales Mittel gibt, und der nach und nach seine zivilisierte Umgangsform aufgeben muss. In Nebenrollen sind Polly Bergen als Pecks Gattin und der junge Telly Savalas (noch mit Haaren) als Privatdetektiv zu sehen.

J. Lee Thompson verunsichert den Zuschauer, indem er nicht vor Tabus zurückschreckt, sondern sie voll bedient. So inszeniert er im Mittelteil die Verfolgung von Pecks minderjähriger Tochter durch den finsteren Mitchum als beinahe separates Stück Terrorkino, das ein unangenehmes Gefühl hinterlässt. Die Atmosphäre von EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE ist durchweg grimmig, und wenn Peck im Finale Frau und Tochter als "Köder" für den gewaltbereiten Mitchum benutzt, verschwimmen auch die Grenzen zwischen Gut und Böse. Als Zuschauer weiß man nie, wie weit Mitchum und der Film gehen werden, beide spielen virtuos mit menschlichen Urängsten und dem totalen Kontrollverlust.

Untermalt wird der Thriller von einem furiosen Score des Hitchcock-Stammkomponisten Bernard Herrmann. Die Schwarzweiß-Kamera verzichtet weitgehend auf Mätzchen und dokumentiert das Geschehen in realistischen Bildern, lediglich im Finale erzielt Thompson mit dem Spiel aus Licht und Schatten beeindruckende Effekte.

EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE wurde seinerzeit von der Kritik vorgeworfen, zu reißerisch und sensationslüstern mit seinen Themen umzuspringen, doch es ist genau diese Qualität, die ihn heute noch so fesselnd macht.

1991 inszenierte Martin Scorsese ein aufwändiges und psychologisch überladenes Remake, das ebenfalls ein großer Hit war, gegenüber dem Original aber enorme Schwächen aufweist, wie die cartoonhafte Überzeichnung des Bösewichts, dargestellt von einem grimassierenden Robert de Niro, der niemals die Intensität eines Robert Mitchum erreicht.

08/10

Maniac Cop (1988)

Sie haben das Recht, zu schweigen... für immer!

Das findet zumindest der unheimliche Cop, der nachts durch New Yorks Straßen zieht und weder Freund noch Helfer ist, sondern ein offenbar geistesgestörter Mörder. Dabei tötet er nicht etwa Kriminelle in einem übersteigerten Selbstjustiz-Blutrausch, sondern unschuldige Passanten, Autofahrer und Menschen, die Hilfe bei ihm suchen. Durch einen dummen Zufall gerät der nette Polizist Bruce Campbell unter Verdacht, und gemeinsam mit dem ermittelnden Cop Tom Atkins kommt er dem wahren Täter auf die Spur, bei dem es sich um einen ehemaligen Kollegen handelt, der nach eigener Verhaftung im Gefängnis brutal angegriffen und für tot erklärt wurde...

MANIAC COP (Maniac Cop) ist eine sehr spaßige Mischung aus Action und Horror von Regisseur William Lustig, der zu Beginn der 80er mit seinem Horrorfilm "Maniac" für Aufsehen sorgte. Als klassischer B-Film inszeniert, verzichtet MANIAC COP auf jeden Schnörkel oder Subplot und jagt Hauptdarsteller Bruce Campbell von einem Spannungs-Szenario zum nächsten. Höhepunkt des Films ist Campbells Flucht aus einem Polizeirevier, in dem der Killer gerade gewütet hat und alle Hinweise erneut auf Campbell als Täter deuten.
Der Film ist nicht übermäßig brutal, sondern setzt mehr auf Suspense und Tempo. Kleinere bis größere Logiklöcher darf man gnädig übersehen (warum ausgerechnet Unschuldige dran glauben müssen, obwohl unser Titelheld eigentlich nur Rache an seinen Peinigern nehmen könnte, wird z.B. nie erklärt).

Kameraarbeit und Musik (Jay Chattaway) sorgen für eine angenehm düstere Atmosphäre, und die Besetzung besteht aus gleich mehreren Horror-Veteranen. Neben Campbell (aus der "Evil Dead"-Reihe) und Atkins ("The Fog") spielen Laurene Landon, Richard Roundtree und - hervorragend als irre Geliebte des durchgedrehten Cops - Ex-Busenwunder Sheree North mit Krückstock und Mordlust in den Augen.

MANIAC COP ist sicher kein Must-See, aber nette Horror-Unterhaltung für zwischendurch. Das Finale enttäuscht ein wenig, weil es nur auf Autoverfolgung statt konsequenter Weitererzählung der Geschichte setzt, aber der Gesamteindruck bleibt positiv.
Der Film war so erfolgreich, dass Regisseur Lustig selbst zwei Fortsetzungen inszenierte, die man sich aber schenken kann. Im zweiten Teil wird Bruce Campbell gleich zu Beginn getötet, um den Weg frei für eine neue Geschichte zu machen - ein gern genommener Dreh, den ich grundsätzlich nicht ausstehen kann (siehe "Freitag der 13., Teil 2, "Hostel 2", etc.), weil er den Zuschauer und dessen Sympathie mit dem Helden des Originals beleidigt.

Heute arbeitet Lustig übrigens nicht mehr als Regisseur und kümmert sich mit seinem DVD-Label "Blue Underground" lobenswert um die gute Veröffentlichung von Klassikern seiner Horror-Kollegen.

07/10

Freitag, 23. Juli 2010

RoboCop (1987)

Als Paul Verhoevens erste Hollywood-Arbeit ROBOCOP (RoboCop) 1987 herauskam, löste sie in erster Linie eine heftige Diskussion um Gewalt im Kino aus. Der Film wurde hierzulande stark verstümmelt, aber auch in den USA entsprach die Kinoversion nicht Verhoevens ursprünglichem Konzept. Erst später wurde auch sein Director's Cut auf Laserdisc und DVD veröffentlicht.
Die ganze Aufregung um die überzeichneten Brutalitäten konnten seinen enormen Erfolg nicht verhindern (im Gegenteil), überlagerte jedoch die beeindruckenden Qualitäten des Films, der alles andere als ein hirnloses Krachbumm-Spektakel ist.

Kurz zur Handlung: Detroit, nahe Zukunft. Die Kriminalität hat beängstigende Ausmaße angenommen, die überforderte Polizei, die vom Konzern OCP kontrolliert wird, droht mit Streik. Die Präsentation eines vollautomatischen Cops geht mächtig daneben (aufgrund einer Fehlfunktion durchsiebt dieser einen Angestellten mit Maschinengewehrfeuer), aber ein weiteres Modell steht zur Verfügung, es braucht nur ein menschliches Versuchskaninchen. Das findet sich in Cop Murphy (Peter Weller), der bei einem Einsatz erschossen und auf dem OCP-Operationstisch in "RoboCop" verwandelt wird - halb Mensch, halb Maschine, ganz Cop. Er wird schnell zur neuen Wunderwaffe der Polizei, doch dann meldet sich seine Erinnerung...

Paul Verhoeven verbindet in seinem Action-Spektakel ein für das 80er-Kino typisches Szenario (die einsame Kampfmaschine, Waffenfetischismus) mit dem klassischen Frankenstein-Mythos (die Kreatur, die sich gegen ihren Schöpfer wendet). So kann sein Film sowohl auf der Action-Ebene überzeugen als auch emotional packen.
Dazu baut Verhoeven eine Menge satirischer Ideen ein. Die Handlung wird immer immer wieder von TV-Nachrichten und Werbespots unterbrochen, in denen sich Konsumenten ihr eigenes künstliches Herz aussuchen können und Familien sich bei Gesellschaftsspielen ("Nuke'Em") gegenseitig atomar auslöschen.
Diese Zugaben bilden nicht nur einen willkommenen Gegenpol zu der harten und ungeschönten Action, sie werfen durchaus ernsthafte Fragen auf (auf welcher Seite steht eine privatisierte Polizei?). ROBOCOP spart auch nicht mit Medienkritik. TV-Teams sind überall, wo es Schießereien und Leichen in Großaufnahme zu bestaunen gibt, die Nachrichten sind eindeutig auf der Seite der Konzerne. Die Politik hingegen spielt überhaupt keine Rolle mehr, OCP regiert die Stadt, die Menschen und die Medien.

Die Brutalität des Films erreicht ein beinahe unerträgliches Maß, aber sie steht in einem ernsthaften Kontext und ist weit entfernt von der harmlosen Gewalt der Bond-Abenteuer, wo Menschen unblutig schnelle Tode sterben. Verhoevens Gewalt ist schmutzig und abstoßend, realistisch. Verhoeven selbst war von den Zensur-Kürzungen mehr als entsetzt, es war gerade seine Absicht, die Gewalt nicht zu verschönern oder zu ästhetisieren, und die Kürzungen erzielten nach seiner Meinung genau diesen Effekt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die oben beschriebene Szene, in der ein Firmenangestellter durch einen fehlerhaften Roboter (der aussieht wie ein überdimensionaler Elektro-Rasierer) getötet wird. In der gekürzten Version erzielt sie einen Lacher (verstärkt durch den trockenen Ausspruch "Ich bin schwer enttäuscht!" von Konzernchef Daniel O'Herlihy). In der ungeschnittenen Fassung ist sie schwer zu verdauen und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Hier haben wir ein Musterbeispiel dafür, wie angeblicher Jugendschutz ins Gegenteil verkehrt wird - anstatt dem Publikum zu zeigen, wie es tatsächlich aussehen könnte, wenn ein Mensch durchlöchert wird, darf munter gelacht werden, und Schwamm drüber.

Völlig untypisch für das Kino der Reagan-Ära, in dem das Yuppie-Dasein stets bejubelt wurde (bis hin zu Teenie-Komödien wie "Das Geheimnis meines Erfolges", die der amerikanischen Jugend Geld, Macht und Statussymbole als erstrebenswerte Lebensziele verkauften, und in denen Multi-Konzerne den wohligen Familienersatz darstellten) und die Zukunfts-Szenarien dank Spielberg, Lucas & Co. kunterbunte Kindheits-Fantasien realisierten, geht Verhoeven den entgegen gesetzten Weg und zeichnet eine düstere, pessimistische und zynische Welt, in der die Konzerne von machtgierigen, seelenlosen und nur von Profitgier motivierten Charakterschweinen geleitet werden.
Wenn Nancy Allen am Ende schwer verwundet wird, sagt RoboCop nur "Keine Angst, die kriegen das wieder hin - die kriegen alles wieder hin! ("They'll fix everything!"). Der Mensch ist in dieser Welt - wie alles andere - nur ein Produkt, das man zur Not reparieren kann, wenn es kaputt gegangen ist (schlimmstenfalls mit Ersatzteilen), damit es wieder funktionstüchtig wird.

Dargeboten wird das alles von einem erstklassigen Ensemble. Peter Weller schafft es, trotz seines Stahlanzuges, dass wir den Menschen Murphy nie vergessen. An seiner Seite spielt Nancy Allen eine wunderbar ruppige Polizistin und einzige Vertrauensperson für RoboCop. In einer bemerkenswerten Szene hilft sie ihm, das automatische Zielvisier neu auszurichten, indem sie seine Waffe führt, mit der er Gläser mit Babynahrung zerschießt. Verhoeven verzichtet ganz auf Andeutungen einer Liebesgeschichte, sondern erzählt von Freundschaft, Vertrauen und Loyalität, während die Babynahrung erneut einen sarkastischen Kommentar liefert.
Die "bösen" Strippenzieher werden von Kurtwood Smith, Ronny Cox (der im folgenden Verhoeven-Spektakel "Total Recall" wieder den Oberbösen geben durfte) und Miguel Ferrer gespielt.

Paul Verhoeven inszeniert mit Schmackes und ohne jede Länge, die Atmosphäre ist grimmig, die Spezialeffekte sind heute noch überzeugend. Basil Poledouris hat dazu einen klasse Score komponiert.
ROBOCOP gelingt es, sowohl massenkompatibel als auch höchst subversiv zu sein. Für mich ist er Verhoevens bester Film und ein Höhepunkt des 80er-Kinos.

ROBOCOP war so erfolgreich, dass er zwei Kino-Fortsetzungen erlebte, die dem Original aber nicht das Wasser, bzw. Schmieröl, reichen können, außerdem regte er eine Zeichentrickserie, eine Miniserie und eine TV-Serie an.
Seit Jahren wird an einem Remake herumgedoktert, das immer wieder auf Eis gelegt wird. Ich würde stattdessen einfach wieder das Original ins Kino bringen, denn das hat nichts von seiner Wucht verloren und kann auf keinen Fall verbessert werden, schon gar nicht in der vollkommen oberflächlichen Filmlandschaft, wie wir sie heute vorfinden. Subversiv im Jahr 2010? Wohl kaum.

10/10

Donnerstag, 22. Juli 2010

D.N.A. - Experiment des Wahnsinns (1996)

H.G. Wells' Roman "The Island of Dr. Moreau" wurde von Hollywood mehrfach verfilmt, aber die 96'er Version DNA - EXPERIMENT DES WAHNSINNS (The Island of Dr. Moreau) gehört zu den Sternstunden des schlechten Films.

Die Geschichte ist bekannt: nach einem Flugzeugabsturz landet ein britischer Anwalt (David Thewlis) auf einer abgelegenen Insel. Hier lebt der verschollene Nobelpreisträger Dr. Moreau (Marlon Brando) und führt grauenvolle Experimente durch, in denen er die Gene von Mensch und Tier mixt und so versucht, eine Superrasse zu erschaffen. Seine "Kreaturen" rebellieren bald gegen ihn, und unser Held muss die Flucht ergreifen...

Die Gerüchteküche zu diesem Mega-Flop kochte beinahe über. Der ursprüngliche Regisseur Richard Stanley wurde nach kurzer Drehzeit gefeuert und hat sich angeblich als eine von Moreaus Kreaturen zurück ans Set geschlichen, um den Rest der Dreharbeiten heimlich zu verfolgen. An seiner Stelle wurde John Frankenheimer engagiert, der zwar in den 60ern und 70ern einige brillante Filme vorzuweisen hatte, dessen Flop "Die Prophezeiung" (1979) aber noch allen Horror-Fans in guter, bzw. schlechter Erinnerung war, und der sich gleich nach der Übernahme mit allen überwarf.

Dann war da noch Val Kilmer, welcher sich nach dem Riesenerfolg von "Batman Forever" (1995) auf einem Ego-Trip befand (oft zitierter Ausspruch von Brando zu Kilmer: "Sie verwechseln die Größe Ihres Talents mit der Größe Ihres Schecks!").
Kilmer sollte ursprünglich die Hauptrolle spielen, verlangte aber plötzlich den kleineren Part des Tierarztes Montgomery, als er von seiner Scheidung von Joanne Whalley erfuhr (und zwar aus dem Fernsehen). Diesen Part wiederum sollte eigentlich Rob Morrow spielen, der aber nach der Entlassung von Regisseur Stanley nichts mehr mit dem Film zu tun haben wollte. David Thewlis sprang ein, brach sich während der Dreharbeiten ein Bein und schämte sich so sehr für den Film, dass er nicht zur Premiere erschien und öffentlich verkündete, sich das Endprodukt niemals ansehen zu wollen.

Nun gibt es Filme, denen man solche Katastrophen nicht anmerkt.

DNA gehört nicht dazu.

Das fängt bei Marlon Brando an, der schon bei seinem ersten Auftritt eine so bizarre Erscheinung abgibt, dass man umgehend nicht mehr weiß, was ernst gemeint und was Parodie sein soll (nichts im Film ist als Parodie gemeint!). Er wird auf einer Sänfte getragen (die armen Komparsen!), trägt zentnerdickes, weißes Make-Up, einen Turban, Schmuck und weiße Walle-Gewänder, in denen er aussieht wie ein Elizabeth Taylor-Imitator. Sein monströses Overacting im Film ist so schmerzhaft mitanzusehen, dass er nach Fertigstellung eigentlich mindestens einen seiner Oscars hätte zurückgeben müssen.

David Thewlis hingegen ist ein solcher Profi, dass er es schafft, unbeschadet aus der Katastrophe hervorzugehen, weder übertreibt er, noch spielt er gegen den Film, man sieht ihm nur hin und wieder an, wie peinlich ihm alles ist, darüber hinaus bleibt er aber unangreifbar.
Das gilt NICHT für Val Kilmer. Im Gegensatz zu den Kollegen spielt er absichtlich am Film vorbei. Er steckt sich Blumen in den Mund, verdreht die Augen, singt, stottert, legt seinen Part zwischendurch plötzlich schwul an und liefert schließlich noch eine Brando-Parodie, die so peinlich ist, dass man sich für ihn fremdschämt. Das ist alles ebenso amüsant wie unangebracht. Beruhigend zu wissen, dass sich ein Kilmer heute so etwas nicht mehr erlauben kann, seine Karriere war nach DNA bald beendet.
Der Fairness halber muss man sagen, dass seiner Figur auch jede Motivation abgeht, man versteht nie, was zur Hölle er eigentlich auf der Insel macht, warum er Moreau hilft, den er verachtet, und warum er nicht verschwindet. Seine Rolle ist ein einziges Fragezeichen. Was soll ein Schauspieler damit anfangen?

Ansonsten gibt es kaum etwas über den Film zu sagen. Von Horror findet sich keine Spur, die Liebesgeschichte zwischen Thewlis und der "Katzenfrau" Fairuza Balk überzeugt kein bisschen, Regisseur Frankenheimer versagt vollkommen bei der Inszenierung von Spannung oder Action, und das Drehbuch kann sich nicht entscheiden, welche von den Kreaturen nun böse, gutmütig, wohlerzogen oder animalisch ist, oder warum. Dazu kommen offensichtliche Pannen und Anschlussfehler.
Ganz schlimm wird es am Ende, wenn Frankenheimer plötzlich mit einer "Botschaft" um die Ecke kommt und reale Aufnahmen von Aufständen, prügelnden Polizisten und Straßenschlachten zeigt (der Mensch als Bestie eben). Nicht nur ist dieser erhobene Zeigefinger schwerfällig, wer will sich schon von einem Film moralisch belehren lassen, der so mies ist wie dieser?

Die gute Musik von Gary Chang, das exotische Setting und eine ausgezeichnet gestaltete Vorspann-Sequenz reichen leider nicht aus, um aus DNA einen seriösen Film zu machen. Diese absurde Freakshow, gewürzt mit einigen der merkwürdigsten Darstellungen der Filmgeschichte sowie dem ganzen Krach hinter den Kulissen, ergibt aber Trash allerhöchster Qualität.

04/10

Da hilft kein Beten - dafür gibt es keinen Oscar!

Die Wiege des Bösen (1974)

Das Ehepaar Davis (John P. Ryan und Sharon Farrell) erwartet sein zweites Baby, doch bei der Entbindung stellt sich heraus, dass statt eines süßen Säuglings ein mordendes Ungeheuer zur Welt gebracht wurde, das sich nach einem Massaker im Entbindungsraum nun auf der Flucht befindet. Während das Ehepaar von Reportern belagert, von der Polizei beobachtet wird und sich immer mehr gegenseitig zerfleischt, sucht das Killer-Baby verzweifelt sein Zuhause und hinterlässt dabei eine Blutspur...

Zugegeben, das alles klingt absurd und lächerlich, doch Regisseur Larry Cohen ist seit jeher ein Garant für ungewöhnliche, intelligente B-Filme. Bereits der Filmbeginn weiß zu begeistern, mit den rohen Jump Cuts und der überzeugenden Nervosität der werdenden Väter im Warteraum des Hospitals. Cohen springt direkt hinein in seine Geschichte und verwandelt die alltägliche Normalität in ein angsterfülltes, paranoides Chaos. Damit zeichnet er ein exaktes Bild der 70er-Gesellschaft, und schon bald merkt der Zuschauer, dass hier mehr drin steckt als ein billiges, geschmackloses Monsterfilmchen. Das konservative Bild der "heilen amerikanischen Familie" wird zerschmettert. Für den Kindsvater Ryan bricht eine Welt zusammen, er muss seinen Freunden, der Presse und seinem Arbeitgeber erklären, dass er nicht für das Kind "verantwortlich" ist, dass er es besser hätte abtreiben lassen sollen, er distanziert sich so weit von seinem Neugeborenen, dass es zwischen ihm und seiner Frau zu schmerzhaften Auseinandersetzungen kommt. Letztlich ist dies Ryans Geschichte, der akzeptieren muss, dass sein Kind "anders" ist - im Rahmen des Horrorfilms ist es eben ein blutrünstiges Ungeheuer, aber man spürt, dass dies nur Tarnung ist.

Cohen liefert keinen Grund für die Existenz der Kreatur, so wie es keine Erklärung für die Zombies in Romeros "Nacht der lebenden Toten" oder Hitchcocks "Vögel" gibt. Er bietet aber mehrere an: Röntgenstrahlen, die Pille, Nahrung, Luftverschmutzung... die unerklärlichen Dinge erschrecken und verunsichern uns Rationalisten am meisten. Mit Ryan und Farrell stehen ihm zwei exzellente Method-Actor zur Verfügung, die ein absolut authentisches Bild eines gutbürgerlichen Ehepaares vermitteln, ohne jede Schönfärberei.

DIE WIEGE DES BÖSEN wird brillant unterstützt vom Score des großen Komponisten Bernard Herrmann, der im hohen Alter auf prestigeträchtige Big Budget-Filme verzichtete und seine Kunst kleinen Produktionen zur Verfügung stellte, die ihn interessierten, und die er für wichtig hielt. Larry Cohen beweist in seinem Schocker nicht nur ein Gespür für die Befindlichkeiten und Ängste seiner Zeit, sondern auch ein großes Talent für Spannungsaufbau. Der Blutgehalt bleibt sehr gering (auch die Geburt - der erste Höhepunkt des Films - findet im Off statt), ein Blick auf das Monster-Baby wird so lange wie möglich aufgespart (was auch an den technischen Möglichkeiten liegt, denn wenn es zu sehen ist, kann es leider nicht überzeugen).

Natürlich ist DIE WIEGE DES BÖSEN kein Film für jedermann, und jedem steht es frei, das Szenario lächerlich zu finden. Für mich gehört der Film zum besten, was das 70er Horror-Kino hervorgebracht hat, ein Werk, das mit einfachsten Mitteln und einem ernsten Ansatz tief vordringt in Regionen, wo es wirklich weh tut, und wo sich das Mainstream-Kino nicht hinwagt.
DIE WIEGE DES BÖSEN war so erfolgreich, dass zwei Fortsetzungen unter Cohens Regie entstanden, die aber dem Original nicht die Milch, bzw. das Wasser reichen können. - Man beachte auch die Werbezeile auf dem Plakat, die in höchstem Maße politisch unkorrekt (aber sehr spaßig) ist.

10/10

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