Dienstag, 31. August 2010

Kino-Liste: die 15 schlimmsten Remakes aller Zeiten

Dass Remakes nicht grundsätzlich schlecht sein müssen, haben Regisseure wie Cronenberg, Hitchcock und Carpenter bewiesen. Wie schlecht sie aber sein können, das zeigen meine Top 15-Favoriten. Nicht nur beleidigen sie alle das jeweilige Original, sie beleidigen auch die Intelligenz des Publikums und sind eine künstlerische Bankrotterklärung der Verantwortlichen, darunter durchaus gute Regisseure.

1. PSYCHO (1999)
Was um alles in der Welt hat Gus van Sant geritten, als ihm ein Shot-für-Shot-Remake von Hitchcocks Klassiker in den Sinn kam? Der überflüssigste Film aller Zeiten beschädigt das Andenken an einen der besten Filme aller Zeiten. Neuerungen? Norman Bates darf onanieren. Juhu!





2. DIE FRAUEN VON STEPFORD (2004)
Dem sonst verlässlichen Frank Oz gelingt das Kunststück, ein Juwel des feministischen Paranoia-Thrillers zu einer saudummen, unwitzigen und frauenfeindlichen "Komödie" zu verwursten, die so Over the Top und peinlich ist, dass man sich unentwegt fremdschämt.





3. DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND (2008)
Keanu Reeves in der Hauptrolle.
Muss ich noch mehr sagen?







4. DAS GEISTERSCHLOSS (1999)
Jan de Bont nimmt Robert Wises Lehrstück in Sachen 'Suggestives Grauen' und trampelt alles mit schlechten CGIs und lautem Getöse zu Tode, mit schönen Grüßen von Herrn Spielberg.






5. POSEIDON (2006)
Als wenn "Troja" nicht schon schlimm genug gewesen wäre, belästigt uns Wolfgang Petersen mit einer seelen-, witz- und spannungslosen "Neuinterpretation" eines Katastrophen-Klassikers. Künstlerische Integrität? Gekentert.





6. THE WICKER MAN (2006)
Früher sah man Nicolas Cage hin und wieder in guten Filmen, seit über 10 Jahren dient sein Gesicht nur noch als Warnhinweis für Rohrkrepierer, und diese Neuverfilmung hier ist ein Paradebeispiel. Ellen Burstyn, wie konnten Sie nur?






7. THE EYE (2002)
Stellvertretend für alle Asia-Remakes steht dieser todlangweilige und endlos vorhersehbare Malen-nach-Zahlen-Horror mit einer grottenschlechten Jessica Alba, deren angebliche Reize mir bis heute ein Rätsel sind.






8. THE FOG (2002)
Stellvertretend für alle Horror-Remakes, die sich erdreisten, atmosphärische Vorgänger und liebgewonnene Klassiker mit strunzdummen Story-Änderungen, Popsong-Berieselung, billigen CGI-Effekten und Schauspielern auf TV-Niveau "aufzumöbeln". Der Nebel soll sie holen!





9. FRAUEN WAREN SEIN HOBBY (1983)
Aus Truffauts geistreichem "Der Mann, der die Frauen liebte" wird ein schwerfälliges, aufgeblasenes Hollywood-Starvehikel mit einem uncharmanten Burt Reynolds unter der Regie von Blake Edwards, der es besser wissen müsste.




10. PLANET DER AFFEN (2001)
Wunderkind Tim Burton kocht auch nur mit Wasser, hier sogar mit sehr abgestandenem. Und ich bin nicht mal ein Fan des Originals!






11. DIE FRAUEN (2008)
Selten waren Frauen so enervierend wie in dieser hysterischen "Frauenkomödie", allen voran die grotesk entstellte Meg Ryan, die nach ihren Schönheits-OPs aussieht wie Heath Ledgers "Joker". Lang lebe das Original!





12. INVASION (2007)
Wo wir schon bei Schönheits-OPs sind - auch eine Botox-Kidman kann diese x-te Variante der "Body Snatchers" mit ihren aufgepumpten Brüsten nicht retten. Regisseur Hirschbiegel versagt auf ganzer Linie, verschwendet noch Daniel Craig und muss sich von den Wachowski-Brüdern unter die Arme greifen lassen. Hilft alles nichts.




13. THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (2003)
Michael "Ich hätt's gern lauter" Bay sollte für jedes seiner Leinwandverbrechen geteert, gefedert und mit Einzelhaft inklusive Endlosschleifen seiner 'Werke' nicht unter 20 Jahren bestraft werden.






14. GLORIA (1999)
Der ansonsten untadelige Sidney Lumet versucht sich an einer Neuauflage des grandiosen Cassavetes-Thrillers und geht komplett baden. Sharon Stone statt Gena Rowlands? Wohl kaum.






15. DIABOLISCH (1996)
Schon wieder Sharon Stone in einem missglückten Remake, diesmal vergriff sich Jeremiah Chechik am französischen Meister-Thriller "Die Teuflischen", bevor er mit seiner grottigen Adaption der "Avengers" endgültig aus der Stadt gejagt wurde.





Filmbeiträge, die es leider nicht unter die Top 15 geschafft haben: "Begegnungen" (und wieder diese Stone!), "Swept Away" (Madonna kann's nicht lassen), "Das Dorf der Verdammten" (John Carpenter hat mit "The Thing" das beste Remake aller Zeiten gedreht, bei diesem Film aber komplett versagt), "Sabrina" (todlangweilige Wilder-Vergewaltigung von Sydney Pollack, der es auch besser wissen sollte), "April Fools Day" (einen der dümmsten Slasher noch um Lichtjahre zu unterbieten, dazu gehört schon was) und "Rollerball".

Zwei besonders tragische Fälle von schlechten Remakes sind "Nightwatch" (1997, Ole Bornedal) und "The Vanishing" (1993, George Sluizer). In beiden Fällen wurden die Regisseure genötigt, alle Kanten ihrer eigenen, genialen Vorbilder zu entfernen, wobei "The Vanishing" theoretisch noch ein guter Film hätte sein können, wenn er nicht ein stupides Happy End dranhängen würde.

My Bloody Valentine 3-D (2009)

Regel Nr. 1: Remakes sind nicht grundsätzlich schlecht (fragen Sie Hitchcock).

Regel Nr. 2: Schlechte Remakes werden auch durch 3-D nicht besser.

Übrigens wird kein Film durch 3-D besser, obwohl Hollywood aktuell verzweifelt das Gegenteil zu beweisen versucht und einen Rohrkrepierer nach dem nächsten in 3-D herausbringt, was lediglich zu Kopfschmerzen beim Publikum und stetiger Qualitätsentwöhnung führt.
Hier haben wir nun das Remake zum eher unbekannten 80er-Slasher "Blutiger Valentinstag" (1981), das absolut nicht nötig war, aber wenn es schon mal da ist, kann man auch drüber reden. Die Geschichte wurde minimal verändert. Wieder kehrt ein junger Mann (Jensen Ackles) in seine Heimatstadt - diesmal ironisch Harmony genannt - zurück, aber nicht, um in der Mine zu arbeiten, sondern um selbige zu verkaufen. Das bringt ihm nicht nur den Unmut der Bevölkerung ein, sondern es beginnt auch zeitgleich eine brutale Mordserie. Ein unheimlicher Killer im Bergwerks-Outfit dezimiert die ohnehin schon kleine Gemeinde...

Wer hinter der Maske steckt, wird ebenso wie im Original als Whodunit geschildert, wobei es nur zwei Verdächtige gibt, die in Frage kommen - entweder Hauptdarsteller Ackles, der immer böse dreinblickt und Tabletten einwirft, oder der von Kerr Smith gespielte Dorf-Sheriff, der mittlerweile mit Jensens Mädel von damals verheiratet ist (wieder das öde Dreiecksverhältnis!) und überhaupt keinen Grund für die Morde hat. Hm... welcher könnte es wohl sein?

Man muss es MY BLOODY VALENTINE 3-D (My Bloody Valentine 3-D) zumindest zugestehen, dass er das Publikum nett und spannend unterhalten will, anstatt es zu deprimieren. Der Film gibt nie vor, mehr zu sein als er ist, ein dummes, aber konsumierbares Horrorfilmchen mit einigen herben Splatter-Effekten, um die herum eine dünne Story gestrickt ist. Das Original war auch nicht mehr. Ob solche Neuverfilmungen nötig sind, ist eine müßige Frage, man setzt auf den Wiedererkennungseffekt des (klasse) Titels, und das düstere Outfit des Slashers (dicke Jacke, Stiefel, Atemschutzmaske und Spitzhacke) sorgt wieder für ein paar wirkungsvolle Schock-Momente. Regisseur Patrick Lussier bemüht sich stellenweise um echten Suspense zwischen den langweiligen Dialogszenen, so wird eine Verfolgung durch einen nächtlichen Supermarkt relativ spannend in Szene gesetzt.

Komplett scheitert der Film ausgerechnet im Ausnutzen seiner Locations. Anstatt Großteile der Handlung in die Mine zu verlegen, die genug Möglichkeiten für atmosphärischen Terror bietet, finden beinahe sämtliche Mordszenen in banalen Sets statt (Hinterhof, Motel, Einfamilienhaus, Wald). Obwohl dem Film eine "echte" Kleinstadt zur Verfügung steht (mit durchgehend miesem Wetter), wirkt er künstlich und leider auch sehr billig - man sieht z.B. nie mehr als zwei Kleindarsteller durchs Bild laufen. Straßen, Supermarkt und Kneipe sind verwaist, was nicht etwa inhaltlich begründet ist, sondern Budgetgründe hat. Sieht man den Film im herkömmlichen 2-D, wirkt er noch flacher und fernsehhafter.
Die 3-D-Effekte sind zahlreich und originell eingesetzt, offensichtlich wurde hierfür die meiste kreative Energie aufgebracht. Das Drehbuch strotzt vor dümmlichen Dialogen (mein Liebling: eine nackte Blondine steht dem Killer gegenüber, der bereits die Spitzhacke schwingt, und schreit: "What the F... do you want from me?" - Hm, mal geschwind nachgedacht, was könnte er wohl von ihr wollen?), und der Whodunit ist so simpel konstruiert, dass es weh tut.

Die Schauspieler sind bekannt aus TV-Serien und erfüllen - wenn überhaupt - nur die Mindestanforderungen. Jensen Ackles in der Hauptrolle ist ungemein attraktiv, keine Frage, aber er spielt so hölzern, dass man es kaum aushält. Genau wie er sind Kerr Smith als Sheriff und Jamie King als dessen Frau deutlich zu jung für ihre Rollen (besonders witzig, wenn nach dem Auftakt der Titel "10 Jahre später" erscheint und alle genau so aussehen wie 10 Jahre zuvor), sie wirken wie verkleidete Laiendarsteller und flüchten sich zu oft in Klischees. Lediglich das Wiedersehen mit Tom Atkins macht Freude. Den besten Auftritt absolviert Drehbuchautor Todd Farmer als nackter Trucker Frank, der sich beim Sex filmt und die Spitzhacke in die Glatze bekommt.

Patrick Lussier hält ansonsten das Tempo hoch und liefert schon in den ersten 15 Minuten den gesamten Body Count des Originals ab. Abgesehen von den 3-D-Effekten hat er nur einen guten visuellen Einfall, wenn Ackles im Finale die Lampen in der Mine kaputtschlägt und bei jedem Funkenschlag kurz die Gestalt des Killers aufblitzt.
MY BLOODY VALENTINE ist nicht mehr oder weniger als leicht konsumierbares Wegwerf-Horrorkino. Tut niemandem weh, muss aber auch nicht sein.

05/10

Blutiger Valentinstag (1981)

"Es gibt mehr als eine Art, sein Herz zu verlieren."

Der kanadische Horrorfilm BLUTIGER VALENTINSTAG (My Bloody Valentine) versuchte auf der erfolgreichen Slasher-Welle, ausgelöst durch "Halloween" (1978) und "Freitag der 13." (1980) mitzuschwimmen und hat in Fankreisen einige Verehrer gefunden, im Grunde bietet er neben ein paar hübschen Locations aber nichts, um in Ekstase zu geraten und bedient das übliche und zu oft kopierte Schema F des Sub-Genres.

In der kleinen Bergwerks-Gemeinde Valentine Bluffs wollen die jungen Leute eine Valentinsparty veranstalten, dies wird ihnen jedoch untersagt, weil vor 20 Jahren am Valentinstag ein grauenvolles Ereignis das Städtchen erschütterte. Durch ein Grubenunglück wahnsinnig geworden, ermordete ein Minenarbeiter namens Harry Warden mehrere Menschen und stopfte ihre Herzen in Valentins-Schachteln. Die Kids von heute kümmert das wenig, sie wollen saufen, feiern und sich paaren. Die Party wird heimlich direkt in die Mine verlegt. Doch der unheimliche Killer mit Spitzhacke und Atemmaske ist schon auf der Pirsch...

Regisseur George Mihalka filmte seinen Slasher-Beitrag an Originalschauplätzen und mit unbekannten Darstellern, was seinem Film zu einen authentischen Look verhilft. Es tut gut, einmal kein Highschool-Ambiente zu sehen, durch das stumpfsinnige Teenager gehetzt werden. Auch die Mine bietet viel Gelegenheit für atmosphärischen Thrill. In der besten Szene wird ein Mädel von herabsausenden Bergwerks-Outfits zu Tode geängstigt (die Szene wurde im Remake 1:1 kopiert), und die finalen Verfolgungsjagden durch die düsteren Stollen erfüllen die Spannungs-Anforderungen des Genres.
Zuvor allerdings muss der Zuschauer eine geschlagene Stunde die Geschichte eines Heimkehrers erdulden, der vor Jahren das Kaff und sein Mädchen verließ, um es in der Großstadt zu schaffen. Nun ist er wieder da, und seine Geliebte ist inzwischen mit einem Minen-Kollegen und ehemaligen Freund zusammen. Dieses lahme Dreiecksverhältnis nimmt leider zu viel Filmzeit in Anspruch. Auch der arg bemühte Whodunit kann nur bedingt begeistern und macht nach der überraschenden Auflösung im Rückblick wenig Sinn.
Worauf es beim Slasherfilm in erster Linie ankommt, sind die Mordszenen, und die wirken leider sehr holprig, weil der Film für das erhoffte R-Rating gekürzt werden musste. Ganze neun Minuten Spezialeffekte fielen der Schere zum Opfer. Mittlerweile ist in den USA eine DVD erschienen, in denen das Splatter-Material aus den Archiven wieder eingefügt wurde, in dieser Version macht der Film deutlich mehr Spaß. Die Fans haben lange darauf gewartet.

In der unendlichen Reihe von "Halloween"-Nachahmern ist BLUTIGER VALENTINSTAG nicht der schlechteste Beitrag, zu empfehlen ist er aber letztlich nur für Komplettisten, die nicht genug von der ausgelutschten Slasher-Formel bekommen können. Das beste am Film ist die oben erwähnte Werbezeile.

05/10

Montag, 30. August 2010

Eden Lake (2008)

"Bei der nächsten Gelegenheit sofort umkehren!" warnt das Auto-Navigationssystem mit der sanften Stimme von Kylie Minogue.

Hätte unser sympathisches Upperclass-Pärchen Michael Fassbender und Kelly Reilly nur auf Frau Minogue gehört, wäre ihnen viel Ärger und Blut erspart geblieben am Eden Lake. Dort wollen die beiden ein paar romantische Stunden abseits der Zivilisation verbringen, doch die Idylle wird durch ein paar Unterschichten-Teenager mit Handys, Ghettoblaster und Rottweiler empfindlich gestört. Die Spannungen arten in einen Kleinkrieg aus, und der steigert sich bis zu Mord und Totschlag...

Im Jahr 1972 schockte John Boorman die Welt mit seinem Überlebens-Thriller "Deliverance", in welchem eine Gruppe Städter gegen zurückgebliebene und brutale Hinterwäldler um ihr Leben kämpfen musste.
Der britische Regisseur James Watkins reanimierte für EDEN LAKE (Eden Lake) den Konflikt Bildungsbürger gegen Unterschicht in hübscher Umgebung, nur dass die mörderischen Kids keine minderbemittelten Einsiedler sind, sondern Teenager, wie man sie jeden Tag auf der Straße und - im schlimmsten Fall - in den Nachrichten sieht. Der Horror-Thriller (man weiß nicht genau, in welches Genre man EDEN LAKE stecken soll) nutzt die durch Medien geschürte Angst vor der "eiskalten Brutalität" dieser Kids für seine durch und durch manipulative Spannung. Eine Atmosphäre der drohenden Gewalt und Eskalation liegt bereits über den Anfangs-Sequenzen, und es fällt schwer, keine Partei zu ergreifen oder nicht wütend zu werden.
Formal ist Watkins ein durchaus grimmiges Stück Terrorkino gelungen, das mit einem harten und unnötig niederdrückenden Ende aufwartet (welches ironisch auf Wes Cravens "Last House on the Left" anspielt und diesen von innen nach außen kehrt).
Spaß macht EDEN LAKE jedenfalls nicht (auch, weil er kein bisschen Humor hat), und man fragt sich - warum? Hat der Film wirklich etwas zu sagen, wie viele Kritiker meinen?

Ich denke nicht. Wenn es Watkins tatsächlich um eine realistische Schilderung gesellschaftlicher Missstände ginge, würde er sich eventuell bemühen, beide Seiten mit ausreichend Hintergrund auszustatten. Stattdessen soll der Zuschauer das Yuppie-Pärchen von Anfang an ins Herz schließen, weil sie die Natur zu schätzen wissen und ehrliche Gefühle füreinander hegen - Watkins verzichtet nicht einmal auf das uralte Klischee des Heiratsantrags, der geplant, aber nicht durchgeführt werden kann.
Die Unterschichten-Kids hingegen zeichnet er schon beim ersten Auftritt als böse, abgestumpft, beleidigend und dumm. Sie hören zu laute Musik, haben ihren Hund nicht unter Kontrolle und zücken immer ihr Handy, wenn es etwas Brutales aufzuzeichnen gibt. Sie entspringen genau den Horror-Schlagzeilen, mit denen die Boulevard-Presse Stimmung macht. So wie Watkins den Konflikt zwischen den Parteien schildert, gibt es ganz klar die Guten und die Bösen. Damit wird jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Film zunichte gemacht.
Das Verhalten der Erwachsenen, die doch eigentlich als intelligent eingeführt werden, wird im Laufe des Films zunehmend idiotischer - so besteht Michael Fassbenders Steve darauf, am See zu bleiben, obwohl alle Anzeichen auf Eskalation stehen, später bricht er in das Elternhaus der Kids ein, wobei nicht klar ist, was er dort will, und wenn er seinen Wagen weitab vom Schuss stehen lässt, nachdem der Konflikt bereits am Überkochen ist (und der Wagen zuvor bereits demoliert wurde), muss man sich fragen, ob sein Gehirn überhaupt noch arbeitet.

Wirklich spannend wäre es gewesen, zwei friedliche Parteien zu zeigen, die durch ein Missverständnis oder mangelnde Kommunikation (oder was auch immer) einen Streit heraufbeschwören, der zum blutigen Krieg mutiert. Man wird das Gefühl nicht los, dass James Watkins mit einem Film wie EDEN LAKE einen Skandal provozieren will, doch dafür ist er schlicht nicht aufsehenerregend genug.
Am Ende bleibt ein solider, stellenweise harter psychologischer Thriller, der das Publikum gekonnt deprimiert, aber mehr auch nicht.

04/10

Das Grab des Grauens (1964)

DAS GRAB DES GRAUENS, auch bekannt als "Das Grab der Lygeia" (The Tomb of Ligeia) war der siebte und letzte Beitrag des Corman/Poe-Zyklus' und spaltet bis heute die Fangemeinde. Die einen halten ihn für einen der besten Filme der Reihe, andere für den schwächsten.

Zunächst kurz zum Inhalt, den man mit "Poe trifft Rebecca" umschreiben könnte.
Der unvermeidliche Vincent Price spielt den Witwer Verden Fell, der um seine tote Ehefrau Ligeia trauert und aufgrund eines Augenleidens stets eine Sonnenbrille tragen muss. Als er der selbstbewussten Lady Rowena (Elizabeth Shepherd) begegnet, verliebt diese sich in Fell. Nicht lange, und die beiden heiraten. Doch der Geist der verstorbenen Ligeia hält Verden fest umklammert. Wie sich herausstellt, hat Ligeia ihren Gatten vor ihrem Tod mit einem hypnotischen Bann belegt, und die neue Lady Fell entdeckt hinter einer Spiegelwand ein grausiges Geheimnis...

Vincent Price bezeichnete DAS GRAB DES GRAUENS als seinen Lieblingsfilm der Reihe. Seine Darstellung ist wie so oft äußerst theatralisch und übergroß, die Sonnenbrille verlieht ihm dazu ein bizarres Aussehen. Dass eine junge Schönheit wie Shepherd sich auf den ersten Blick in den merkwürdigen Price verliebt, scheint mehr als nur leicht unglaubwürdig, aber man kann das akzeptieren, weil Price nun mal eine starke Präsenz besitzt.

Der Film unterscheidet sich von allen Vorgängern insbesondere dadurch, dass Regisseur Roger Corman hier erstmals nicht komplett in Studio-Kulissen, sondern auch an Originalschauplätzen gedreht hat. Tatsächlich scheint zum ersten Mal in einer Corman/Poe-Verfilmung die Sonne. Die Ruinen eines mittelalterlichen Klosters (Norfolk Abbey) sind als Schauplatz sehr gut eingesetzt und sorgen für einen authentischen Look, auch wenn die Charaktere und Dialoge dagegen künstlich ausfallen.
Das Drehbuch stammt diesmal von Robert Towne, der später selbst Regie führen und mit "Chinatown" (1974) eines der besten Filmscripts aller Zeiten schreiben sollte.
Mit Edgar Allan Poes Vorlage "Ligeia" hat der Film nicht viel gemein, stattdessen streuen Towne und Corman links und rechts diverse Poe-Zitate ein, am deutlichsten eine schwarze Katze, die mehrfach unsere Heldin erschreckt, und in der sich vielleicht Ligeias Geist befindet.

DAS GRAB DES GRAUENS ist wie üblich gut ausgestattet und hervorragend fotografiert. Mir persönlich schleppt sich die Handlung ein wenig zu träge dahin, und die Spezialeffekte - ganz besonders das Feuer, welches im Finale ausbricht und die makabere Liaison zwischen Price und seiner Ligeia ein für allemal beendet - sehen alles andere als überzeugend aus. Die schwarze Katze wird von vielen Fans als Highlight der Verfilmung bewertet, sie kann aber auch nerven, weil sie allzu offensichtlich für Spannung sorgen soll, wenn die Geschichte auf der Stelle tritt. Zusammen mit Prices exaltiertem Spiel ergibt das einen nur bedingt gelungenen Film, dem ich frühere Beiträge wie "Satanas" (1964) klar vorziehe.

Wie das Geschmacksurteil aber auch ausfällt, nach dem GRAB DES GRAUENS war für Corman Schluss mit den Poe-Adaptionen. Er hatte bewiesen, dass er als Regisseur zu künstlerischer Hochform auflaufen kann und damit viele Kritiker Lügen gestraft, die in ihm immer nur den Produzenten alberner Trash-Filmchen sehen wollten. Corman hat mit diesen Filmen eine sehr erfolgreiche, eigene Marke geschaffen, und ein paar Klassiker obendrein.
Es gehört zu seinen Stärken, dass er erkannt hat, wann man aufhören muss.

07/10

Vincent Price als sonnenempfindlicher Verden Fell

Sonntag, 29. August 2010

Satanas - Das Schloss der blutigen Bestie (1964)

Von Roger Cormans Poe-Adaptionen ist SATANAS - DAS SCHLOSS DER BLUTIGEN BESTIE (Masque of the Red Death) die extravaganteste, teuerste, visuell ausschweifendste und spektakulärste. Nach Motiven der Geschichten "Die Maske des Roten Todes" und "Hopp-Frosch" strickten Corman und seine Autoren ein Horror-Festival der besonderen Art, das viele Fans begeistert hat. Diese immerhin bereits sechste Poe-Verfilmung von Corman zeigt keinerlei Anzeichen von Müdigkeit, im Gegenteil. Nach der atmosphärischen Anthologie "Schwarze Geschichten" (1962) und dem heiteren Poe-Mix "Der Rabe - Duell der Zauberer" (1963) markiert SATANAS einen weiteren Höhepunkt der Reihe.

Die Handlung spielt im mittelalterlichen Europa, das Land bleibt ungenannt. Prinz Prospero (Vincent Price) tyrannisiert und unterdrückt die arme Bevölkerung, während er in seinem Schloss in Saus und Braus lebt und sich neben auch noch dem Satanismus verschrieben hat. Als der 'Rote Tod' - eine tödliche Plage - über das Land zieht, bietet Prospero Gleichgesinnten und Edelleuten Schutz hinter seinen Schlossmauern, während er Dörfer und Bauernfamilien, die sich mit der Krankheit angesteckt haben, rücksichtslos niederbrennen lässt. Prospero lädt schließlich zu einem rauschenden Maskenball, auf dessen Höhepunkt der Rote Tod höchstpersönlich erscheint...

Roger Corman produzierte den Film aus finanziellen Gründen komplett in England und fand in Kameramann Nicolas Roeg - dem späteren Regisseur von Kultfilmen wie "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) - einen Künstler, der Cormans Visionen kongenial auf die Leinwand zaubern konnte. So ist SATANAS in erster Linie ein Fest fürs Auge und schwelgt geradezu in satten Farben. Wer den Film gesehen hat, wird nie das Zusammentreffen der unheimlichen Todesboten vergessen, die alle in verschiedenfarbigen Kutten gekleidet sind und nicht zufällig an Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" (1957) erinnern. Ebenso unvergesslich ist auch die Ausstattung des Schlosses, in dem sich mehrere Räume befinden, die jeweils ausschließlich in einer einzigen Farbe eingerichtet sind. Auch der finale Maskenball und Auftritt des Roten Todes ist ein einziger Farbenreigen.

England als Drehort bescherte Roger Corman auch einen ganzen Strauß hervorragender Nebendarsteller wie Patrick Magee ("Uhrwerk Orange"), Jane Asher, Nigel Green und Hazel Court, die bereits in "Lebendig begraben" (1961) für Begeisterung sorgte und hier ihre Attraktivität noch mehr zur Schau stellen kann, insbesondere in einer satanischen und psychedelischen Traumsequenz, in der sie sich nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet als Teufelsopfer wiederfindet. Überhaupt findet sich hier dank gelockerter Moralvorstellungen Mitte der 60er mehr unmoralisches Treiben als in Cormans vorigen Filmen.

In der Hauptrolle brilliert wie so oft ein hundsgemeiner Vincent Price, der mit sichtbarer Lust an der Bösartigkeit seinen verdorbenen Prinzen spielt und nicht eine Sekunde durchblicken lässt, dass er privat vielleicht ein ganz netter Mensch ist. Er besitzt genau die Art magnetischer Präsenz, die ein so reichhaltig ausgestatteter Film braucht. Price lässt sich nie von dem Material erschlagen und triumphiert stets über die Technik. So gehört SATANAS zu seinen besten Filmen.

08/10

Der Rote Tod sinniert über das Leben

Lebendig begraben (1961)

In dieser dritten Poe-Verfilmung von Roger Corman spielte ausnahmsweise nicht Vincent Price die Hauptrolle, stattdessen übernahm Ray Milland den Part des Protagonisten. Trotz der Abwesenheit von Price gehört LEBENDIG BEGRABEN (Premature Burial) zu den besten Beiträgen der Reihe, auch weil Milland eine ganz andere, seriöse Qualität in den Film einbringt.

Milland spielt hier den von Ängsten gepeinigten Guy Carrell, dessen größte Furcht darin besteht, lebendig begraben zu werden. Um diesem schrecklichen Ereignis vorzubeugen, hat er sich eine Gruft konstruieren lassen, die auf alle Eventualitäten vorbereitet ist. Es gibt eine Alarmglocke, einen geheimen Ausgang und weitere Sicherheitsvorkehrungen. Carrells Verlobte (Hazel Court) hält nichts von seiner Paranoia und schlägt ihm vor, das Grab seines Vaters zu öffnen, um ihm zu beweisen, dass dieser nicht lebendig begraben wurde. Dahinter steckt natürlich ein zielgerichteter Plan der hübschen Dame, und schon bald findet sich Carrell in seiner eigenen Gruft wieder...

In LEBENDIG BEGRABEN thematisiert Roger Corman eine der größten Ängste des Schriftstellers Poe, die er in zahlreichen Geschichten aufgearbeitet hat. Tatsächlich kamen solche Fälle zu Poes Zeiten auch öfter vor als man befürchten musste. Mit der direkten Vorlage "The Premature Burial" hat der Film aber nur das Thema gemein, darüber hinaus strickt Corman einen mörderischen Plot, dessen Überraschungen man früh ahnt, der aber dennoch Riesenspaß macht und eher im Stil von Clouzots "Die Teuflischen" (1955) als in Poes Sinne erdacht ist. Einen übersinnlichen Aspekt gibt es im gesamten Film nicht.

Ray Milland besitzt nicht die überragende Persönlichkeit eines Vincent Price, dafür spielt er seinen Part aber ernsthaft und lässt den Zuschauer an seinen Ängsten teilhaben. Im Gegensatz zu Price, der in Cormans Poe-Adaptionen eher den verführerischen bis wahnsinnigen Bösen spielte, ist Milland hier ein echter Sympathieträger und Opfer teuflischer Machenschaften. Interessanterweise sind auch die Farben dieses Mal etwas gedämpfter als in den Vorgängern.
Milland zur Seite steht eine berückende Hazel Court, die viele Horrorfilme der 60er mit ihrer Anwesenheit veredelte, und in einer kleinen Nebenrolle ist Cormans Stammschauspieler Dick Miller zu sehen.

Visuell steht LEBENDIG BEGRABEN seinen Vorgängern in nichts nach, er ist herrlich anzuschauen, seine Cinemascope-Bilder sind wundervoll komponiert. Obwohl die Geschichte sich nur an wenigen Schauplätzen abspielt, gibt es genug Friedhöfe, Trockennebel, Grabkammern und wehende Vorhänge, dass für reichlich klassischen Gruselstoff gesorgt ist.
In den folgenden Produktionen übernahm Vincent Price wieder die Hauptrolle. So bleibt LEBENDIG BEGRABEN der einzig untypische Film aus Cormans Reihe, aber er gehört definitiv in der Rangfolge ganz nach oben.

08/10

Das Pendel des Todes (1961)

Von den sieben Filmen, die Roger Corman nach Vorlagen von Edgar Allan Poe inszeniert hat, ist DAS PENDEL DES TODES (The Pit and the Pendulum) aus dem Jahr 1961 mein Liebster, auch wenn viele Fans seinen Erstling DIE VERFLUCHTEN für den besten halten.

Mit Poes Vorlage hat der Grusler außer dem titelgebenden Mordinstrument nicht viel zu tun, im Grunde variiert Corman hier erneut den "Untergang des Hauses Usher" und schildert den Besuch des jungen John Kerr in einem düsteren Gemäuer an der spanischen Küste, in dem seine Schwester (Barbara Steele) jüngst verblichen ist. Deren Ehemann (Vincent Price), Nachfahre eines Inquisitoren, steht bereits am Rand des Wahnsinns, und unheimliche Ereignisse wie die vermeintlich spukende Ehefrau treiben ihn bald zu einer mörderischen Tat...

Film-Ikone Vincent Price liefert hier eine seiner besten theatralischen Darstellungen ab, für die man ihn lieben muss, selbst wenn man sie für übertrieben halten kann. Barbara Steele - ebenfalls Kultfigur des Horrorkinos seit Mario Bavas "Die Stunde, wenn Dracula kommt" (1960) - hat nur eine kleine Rolle als verstorbene Gattin (oder lebt sie gar noch...?), bleibt aber durch ihr extravagantes Äußeres und ihre eiskalte Darstellung unvergesslich.

Dazu gibt es die typisch knalligen Farben und Breitwand-Spielereien von Roger Corman, komplett mit verzerrten Optiken, Rückblenden und Alpträumen, welche die im Grunde magere Story auf Spielfilmlänge strecken sollen, aber genau den zeitlosen Reiz dieser Filme ausmachen. Zahlreiche Spinnweben, Fackeln, Geheimgänge und Kerzenleuchter sorgen für die richtige Gänsehaut-Atnosphäre.
Wenn dann noch im Finale Poe zu seinen verdienten Ehren kommt und sich endlich das Pendel schwingt, wird das Ganze auch noch nervenzerrend spannend. Was kann der Grusel-Fan noch mehr verlangen? Ich kann das PENDEL DES TODES immer wieder sehen.

09/10

Die Verfluchten (1960)

DIE VERFLUCHTEN (House of Usher) war die erste von sieben Edgar Allan Poe-Adaptionen, die Regisseur Roger Corman für American International Pictures inszenierte. Obwohl mit geringem Budget ausgestattet, bedeuteten die Verfilmungen einen wichtigen Schritt für Corman, der zuvor für C-Movies à la "Wasp Woman" (1959) bekannt war. In den Poe-Filmen konnte er in Farbe und Cinemascope arbeiten und sich als Künstler weiter entwickeln. Für viele gilt DIE VERFLUCHTEN nach wie vor als bester Beitrag der Poe-Reihe.

Drehbuchautor Richard Matheson (Veteran der "Twilight Zone") adaptiert Poes Geschichte relativ werkgetreu und baut lediglich eine Liebesgeschichte ein, die so bei Poe nicht vorkommt. Mark Damon spielt in Cormans Film den jungen Philip Winthrop, der das abgelegene Haus der Familie Usher aufsucht, um seine Verlobte Madeline zu besuchen und mit sich zu nehmen. Schon bei seiner Ankunft wird ihm der Zutritt zum Haus verwehrt, und Madelines Bruder Roderick Usher (Vincent Price) benimmt sich ebenfalls höchst sonderbar. Offenbar leidet Madeline an einer geheimnisvollen Krankheit und schleichendem Wahnsinn, der Generationen der Ushers aufgrund eines Fluchs befällt. Als Madeline unerwartet stirbt, überschlagen sich die Ereignisse...

Aus heutiger Sicht ist DIE VERFLUCHTEN sehr langsam und bedächtig inszeniert, und sehr lange geschieht auf der reinen Handlungsebene nichts. Roger Corman baut seine Spannung und Atmosphäre sorgsam auf, mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Die Sets, in denen sich das überschaubare Ensemble von nur vier Darstellern bewegt, sind einfallsreich gestaltet und lassen nostalgische Gruselstimmung aufkommen. So ist die Ahnengalerie der Ushers zum Beispiel unvergesslich grotesk.
Die Langsamkeit und Ereignislosigkeit sind auf Poe zurückzuführen, und man kann es auch als Verbeugung vor dem Schriftsteller werten, dass der Film keinerlei Ablenkungen oder Nebenstränge einbaut, um ihn auf Hochtouren zu halten. Natürlich sind alle Räume zu hell ausgeleuchtet, und die Farben zu bunt, um der extrem Düsternis von Poes Zeilen gerecht zu werden, doch ist DIE VERFLUCHTEN visuell so erlesen fotografiert, dass dies keine Rolle spielt. Eine Poe-Verfilmung, die exakt den Ton des Autors trifft, habe ich bis heute nicht gesehen.
Eine surreale Alptraumsequenz, in der Corman die Farben spielen lässt, hat mit Poe zwar nichts zu tun, setzte aber einen Standard für die weiteren Verfilmungen.

In der Hauptrolle wirkt Mark Damon (aus Mario Bavas "Black Sabbath", 1963) reichlich blass, dafür gehört der Film aber einem unglaublich intensiven Vincent Price, der mit weißgefärbten Haaren einen bizarren Anblick bietet und seinen Part ungewöhnlicherweise extrem unterspielt. Tatsächlich ist sein Understatement so exaltiert, dass man es schon wieder als Overacting bezeichnen kann (zumal er auf einige melodramatische Seufzer und Gesten nicht verzichten kann), aber er drückt der Verfilmung absolut seinen persönlichen Stempel auf und wurde durch seine Darstellung zum Gesicht und Markenzeichen von Cormans Poe-Adaptionen.

Trotz leichter Schwächen - von der hervorragenden Kameraarbeit bis zu Prices unvergesslicher Darstellung bietet DIE VERFLUCHTEN sehr angenehme Gruselunterhaltung für verschneite Winterabende.

08/10

Vincent Price als Roderick Usher

Planet des Schreckens (1981)

Bruce D. Clarks PLANET DES SCHRECKENS (Galaxy of Terror) ist ein lupenreiner "Alien"-Abklatsch aus dem Hause Roger Cormans, der mittlerweile selbst einen beträchtlichen Kultstatus genießt.
Das liegt zum einen daran, dass er lange Jahre selten zu sehen und schwer zu finden war, zum anderen, weil er neben einigen herben Splatter-Effekten eine kultige Besetzung auffährt und kein geringerer als der junge James Cameron für Kostüme, Production Design und Effekte zuständig war.

Wie im Vorbild muss hier eine zusammengewürfelte Crew auf einen fremden Planeten düsen, um dort merkwürdige Ereignisse zu untersuchen. Dort angekommen, entdecken die Astronauten eine Pyramide, die einem futuristischen Irrgarten des Schreckens gleicht, in welchem jedes Besatzungsmitglied mit einem Monster konfrontiert wird, das direkt seinen eigenen Ängsten zu entspringen scheint...

Den surrealen Look von PLANET DES SCHRECKENS kann man mit billig, aber effektvoll beschreiben. Der Planet ist eine Art düsterer Schrottplatz im Dauernebel (James Camerons späteres Meisterwerk "Aliens" sieht ungefähr genau so aus, war eben nur weitaus teurerer), die Innenausstattung des Raumschiffs "Quest" steckt voller fantasievoller Details. Aufgrund des geringen Budgets wurden sogar Styropor-Verpackungen von "MacDonalds"-Burgern angemalt und an die Wände geklebt.
Die Spezialeffekte, die stellenweise sehr blutig ausfallen, sind allesamt handgemacht und besitzen einen nostalgischen Charme, dem kein CGI-Trick das Wasser reichen kann. Köpfe werden zerquetscht, Arme abgerissen, Innereien plumpsen aus dem Körper, und das alles ziemlich überzeugend.
Berüchtigt war PLANET DES SCHRECKENS wegen einer geschmacklosen Sequenz, in der eine blonde Astronautin von einer schleimigen Riesen-Made vergewaltigt wird, allerdings ist die Szene heute eher trashig-lächerlich denn erschreckend. Damals war sie so heftig, dass sie gekürzt werden musste, damit der Film sein 'R'-Rating erhält.

Bei der Besetzung begeistern vor allem die Nebendarsteller. Zur Crew gehören neben Grace Zabriskie (als Kommandantin, die eine merkwürdig erotische Beziehung zu ihrem Raumschiff pflegt und gern die Armaturen streichelt) auch Hollywood-Veteran Ray Walston ("Küss mich, Dummkopf"), Zalman King (der später "9 1/2 Wochen" produzierte und ins Regiefach wechselte) sowie "Freddy Krueger" himself, Robert Englund, der hier eine hervorragende Vorstellung zeigt und als sein eigenes böses Ich gegen Ende des Films schon einige Freddy-Eigenarten vorführt.

Die fantastische Idee, dass die Besatzung gegen Kreaturen ihres Unterbewusstseins antritt, war auch 1980 nicht neu, sie stammt aus dem Klassiker "Forbidden Planet - Alarm im Weltall" (1956) und wurde im Sci-Fi-Genre auch in späteren Filmen wie "Sphere" (1998) und "Event Horizon" (1997) wieder benutzt.
PLANET DES SCHRECKENS war ein großer Erfolg für Produzent Roger Corman, und es ist absolut erstaunlich, was für ein atmosphärischer und ideenreicher Film mit so wenig Geld entstehen konnte. Für Trash-Fans unverzichtbar, stellt er unter den unzähligen "Alien"-Imitaten eine sehr spaßige Variante dar, und für Horror-Fans gibt es viel zu entdecken.

Hierzulande ist PLANET DES SCHRECKENS offiziell nur auf VHS zu haben, das Tape hat mittlerweile Seltenheitswert. In den USA ist aktuell eine grandiose DVD/Blu-Ray des Films erschienen, auf der sich auch ein 60-minütiges Making Of befindet, in dem viele der Beteiligten lustige bis haarsträubende Anekdoten erzählen und sich mal wieder zeigt, dass James Cameron schon vor seinem Durchbruch irgendwie keiner leiden konnte.

05/10

Samstag, 28. August 2010

The Hole (2001)

Vier Teenager verbringen das Wochenende statt auf einem Schulausflug mit Musik und Alkohol in einem verlassenen alten Bunker mitten in der Wildnis. Doch als das Wochenende vorbei ist, ist der Eingang verschlossen. Keiner kommt mehr hinaus. Treibt jemand ein übles Spiel mit den Kids? Oder steckt etwa einer von ihnen dahinter?

Bei der britischen Produktion THE HOLE (The Hole) handelt es sich - obwohl das Cover dies suggeriert -nicht um einen typischen Teenie-Slasher-Film mit kreischenden Teenies und maskierten Serienschlitzern. Stattdessen erzählt der Thriller eine Geschichte über jugendlichen Wahnsinn, und wozu Pubertierende in ihrem obsessiven, realitätsfernen Liebeswahn fähig sein können. Regisseur Nick Hamm verbindet dies gekonnt mit klaustrophobischem Terror und Urängsten.

Wie das Ganze passieren konnte, und wer dahinter steckt, das erfahren wir in Form von Rückblenden. Zunächst erzählt die scheinbar einzige Überlebende des Wochenendes, Thora Birch, ihre Geschichte und die Abläufe der Psychologin Embeth Davidtz. Doch in ihrer Erzählung bleiben Fragen offen. Als der Ablauf ein zweites Mal geschildert wird - dieses Mal von Birchs Jugendfreund Daniel Brocklebank, der von Birch beschuldigt wurde, das Ganze angezettelt zu haben - sieht die Story schon ganz anders aus. Die ganze Wahrheit und die Abgründe hinter scheinbar unschuldigen Fassaden erfahren wir erst im Schluss-Drittel, und in diesem letzten Akt des Films liegt auch das größte Beklemmungspotential.

Der dramaturgische Kniff, die Handlung aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, die jedes Mal die vorige Lügen strafen, geht zurück bis zu Kurosawas "Rashomon" (1950) und wurde auch in Filmen wie "Carrasco, der Schänder" (1964) oder Brian De Palmas "Snake Eyes" (1998) benutzt. In THE HOLE sorgt diese Erzählform für stellenweise starke Spannung, weil es eben um mehr geht als die reine "Wer war der Täter?"-Frage.
Nick Hamm sorgt für eine düstere, packende Atmosphäre und baut gelegentlich bösartigen Humor ein, etwa wenn die eingeschlossene Thora Birch ihrer Freundin Keira Knightley vom romantischen ersten Kuss erzählt, während Knightley sich gerade aufgrund einer Vergiftung die Seele aus dem Leib kotzt.

Die seit "Scream" (1996) in Mode gekommenen ironischen Genre-Zitate und Selbstreflexionen fehlen hier glücklicherweise. THE HOLE nimmt seine Story und die Figuren ernst - allein das macht ihn zu einer willkommenen Abwechslung im Teenie-Horror-Einerlei. Unterstützt wird der Thriller von einer glaubwürdigen Besetzung, allen voran die aus "American Beauty" bekannte Thora Birch, Keira Knightley und Desmond Harrington, sowie einem sehr atmosphärischem Score von Clint Mansell ("Requiem for a Dream"), der dem Film einen grimmigen, unter die Haut gehenden Sound verpasst.

THE HOLE war ein bescheidener Erfolg an den Kinokassen. Interessanterweise warfen ihm die britischen Kritiker vor, zu amerikanisch zu sein, bzw. die US-Vorbilder zu deutlich zu kopieren. Visuell mag das stimmen, aber inhaltlich unterscheidet er sich deutlich von einschlägiger US-Ware. Dafür bietet er doch die eine oder andere überraschende Wendung mehr. Horror-Fans, die eher an Gore & Guts interessiert sind, werden an THE HOLE wahrscheinlich weniger Freude haben, da er seine Wirkung rein über psychischen Terror und Suggestion von Gewalt erzielt. Sehr empfohlen.

08/10

Freitag, 27. August 2010

Der Leichendieb (1945)

DER LEICHENDIEB (The Body Snatcher), nach einer Kurzgeschichte von Robert L. Stevenson, gehört zu den großen Klassikern des Horrorfilms. Robert Wise, der in vielen Genres zu Hause war, inszenierte die Schauergeschichte unter der Führung des Produzenten Val Lewton, der auch am Drehbuch mitschrieb, und der für so großartige Filme wie "Cat People" (1942) verantwortlich zeichnete, und für den Wise bereits "Curse of the Cat People" (1944) und "Mademoiselle Fifi" (1944) in Szene gesetzt hatte.

Die Handlung spielt im Jahr 1831 in Edinburgh und beginnt unerwartet sonnig. Der hervorragende Mediziner MacFarlane (Henry Daniell) kümmert sich rührend um seine Patienten, auch sein Kutscher Gray - gespielt von Boris Karloff - scheint ein netter Zeitgenosse zu sein. Doch nicht mehr lange, da erfahren wir die düsteren Hintergründe. Für seine Forschungen benötigt Dr. MacFarlane nämlich Leichen, und die besorgt ihm Gray vom Friedhof. Als der Doktor herausfindet, dass Gray zur Not auch Frauen ermordet, um für den Leichen-Nachschub zu sorgen, überschlagen sich die Ereignisse...

DER LEICHENDIEB besticht durch eine exzellente und detailreiche Ausstattung, die trotz geringen Budgets die Atmosphäre des frühen 19. Jahrhunderts hervorragend einfängt. Wises Schwarzweiß-Fotografie ist erlesen, und wie es in den Werken von Produzent Val Lewton üblich ist, spielt sich alle Gewalt immer außerhalb der Kamera ab, bzw. wird nur in Bild und Ton angedeutet.
Was den Klassiker aber in erster Linie so packend macht, ist das Schauspieler-Duell Karloff/Daniell. Neben Frankensteins Monster gehört Kutscher Gray zu den besten Vorstellungen Karloffs. Hinter seiner freundlichen Fassade verbirgt sich ein durch und durch skrupelloses, erpresserisches und menschenverachtendes Wesen, das im wahrsten Sinne über Leichen geht. Henry Daniell ist als Arzt eine Koryphäe, wenn er aber an seine Grenzen stößt (wie bei einem gehbehinderten Mädchen, das auch nach seiner brillanten Operation nicht laufen kann), verliert er die Fassung. Er fühlt sich Gray gegenüber intellektuell überlegen, ist ihm aber bedingungslos ausgeliefert. Er ist besessen von seiner Arbeit und dem Wunsch zu heilen, dafür ist er auch bereit, illegale Wege zu beschreiten. Dieses schwierige Thema wird intelligent und stimmig transportiert.
In einer Nebenrolle spielt übrigens Horror-Ikone Bela Lugosi einen eher unwichtigen Part, dies ist ganz und gar Karloffs Film. Die Schluss-Sequenz, die eine alptraumhafte Kutschfahrt im Gewittersturm beschreibt, ist unvergesslich grausig.

Für Fans klassischer Horrorfilme, in denen Subtilität und Suggestion den Horror erzeugten, ist DER LEICHENDIEB Pflichtprogramm. Die Kunst der Andeutung hat Robert Wise bei Val Lewton studiert und in seinem späteren Meisterwerk "Bis das Blut gefriert" (1963) erneut erfolgreich angewandt.

09/10

Die gehört mir! - Karloff als Kutscher und Leichendieb

Freddy vs. Jason (2003)

Eine goldene Hollywood-Regel lautet - solange es noch potentiell zahlende Besucher für zu Tode gerittene Ideen gibt, werden diese Ideen weiter ausgelutscht - und weiter, und weiter...

Die Idee zu einem Duell der Horror-Kultfiguren Freddy Krueger aus der "Nightmare on Elm Street"-Reihe und Jason Vorhees aus den "Freitag der 13."-Filmen war lange nur ein Gerücht und Wunschdenken von Fans. Nachdem dann bis zu 12 Autoren und Drehbücher verschlissen wurden und zunächst kein Regisseur von Format Lust hatte, den Film zu inszenieren, fand man in Ronny Yu den passenden Kandidaten. Immerhin hatte Yu schon der "Chucky"-Reihe mit "Bride of Chucky" rasantes Leben eingehaucht.
FREDDY VS. JASON (Freddy vs. Jason) genießt seltsamerweise in einschlägigen Foren und Internet-Plattformen einen guten Ruf und wird oft mit Höchstwertungen bedacht - offenbar reicht das bloße Aufeinandertreffen der geliebten Kultfiguren schon für Begeisterungsstürme aus. Mit den tatsächlichen 'Qualitäten' des Films hat das aber nichts zu tun.

Die Story: Freddy langweilt sich in seiner Traumwelt, denn in der Elm Street erinnert sich keiner mehr an ihn. Also reanimiert er Killer Jason, um ein bisschen Teenager-Gemetzel anzurichten. Prompt erinnert man sich wieder an Freddy, und er kann in die Träume der Kids eindringen. Dann muss Freddy Jason aber wieder loswerden, bevor dieser ihm alle Opfer vor der Nase wegschnappt. Das stellt sich als schwierig heraus, und es kommt zum ultimativen Schlussfight...

Dass jemand beim Pitch dieser Idee nicht umgehend aus sämtlichen Meetings entfernt wird, scheint unglaublich. Schon der Ansatz strotzt vor Unlogik. Wenn Freddy in die Träume eines Jason eindringen kann (er tritt dort als dessen Mutter auf), warum geht das dann angeblich nicht bei den Elm Street-Kids? Oder bei deren Eltern, denn die erinnern sich alle sehr wohl noch an Freddy und haben sichtlich Angst vor ihm. - Und das sind nur die ersten Fragen neben so belanglosen wie der, warum zwei aus der geschlossenen Psychiatrie ausgebrochene Kids den ganzen Film über durch die Stadt spazieren können, ohne jemals eingesammelt zu werden (an einer Stelle sitzt einer der Ausbrecher einfach so zu Hause herum, als sei nichts passiert).
Das zusammengestoppelte Drehbuch (offiziell zwei Autoren und ein Bearbeiter, der ordentlich gekürzt hat) hat so viel Löcher wie der berühmte Schweizer Käse, und die Geschichte ist eine einzige Zuschauer-Beleidigung. Keine der uninteressanten Figuren besitzt nur einen Hauch von Charakter, der Film bemüht sich nicht ein einziges Mal um echte Spannung.
Aber vielleicht sollte man sich um die Story (und die peinlichen Dialoge) nicht zu viele Gedanken machen.

Dann kommen wir kurz zu den "Schauspielern" und verlassen sie auch gleich wieder, denn da werden gerade nur die Mindestanforderungen erfüllt. Hauptdarstellerin Monica Keena wirkt 20 Jahre zu alt, um eine Teenagerin zu spielen, die übrigen Darsteller sind hübsch, aber weitgehend talentfrei. Interessante Gastauftritte (außer dem obligatorischen von Produzent Bob Shaye) gibt es auch nicht, so bleibt nur Robert Englund, der den Freddy erneut mit viel Laune spielt, aber das reicht bei weitem nicht aus.

Ronny Yu verzichtet auf die moderne Stakkato-Schnitt-Technik und choreografiert die Action-Szenen stattdessen, das ist immerhin mal etwas anderes. Das Blut fließt in Strömen, die Effekte stammen bis auf ein paar abgetrennte Körperteile aus dem Computer (sogar der Zigarettenrauch im Film ist animiert, so kommt leider keine Atmosphäre auf). Freddys Sprüche waren schon mal cooler, und der Schlusskampf zwischen Freddy und Jason ist so langweilig und plump, dass ich beim ersten Sehen tatsächlich dabei eingeschlafen bin (warum ich mir den Film ein zweites Mal angesehen habe, ich weiß es nicht wirklich). Beide Kultfiguren dreschen unendlich lange aufeinander ein, reißen sich Arme und Finger ab und Organe aus dem Leib, bis irgendwann alles in Flammen aufgeht. Dass keiner von beiden wirklich sterben kann, weiß man als Zuschauer, das macht es so unerträglich öde.

Auf der DVD befinden sich übrigens mehrere Deleted Scenes, zu denen Ronny Yu meint, sie seien zu langweilig und hätten den Film aufgehalten. Aus dem gleichen Grund hätte er eigentlich auch 80% des vorliegenden Materials entfernen können. Das Rezept hat jedenfalls funktioniert, der Film hat viele Fans (warum auch immer), es sei ihnen gegönnt.

Die Frage, wer den Fight eigentlich gewinnt, bleibt - haha - offen! Der Film mag sich da selbst nicht entscheiden, es könnten ja noch ein paar Dollars bei einem Sequel drin sein...

01/10

Donnerstag, 26. August 2010

Der tödliche Freund (1986)

Neben seinen wegweisenden Horrorfilmen "A Nightmare on Elm Street" (1984) und "Scream" (1996) hat Regisseur Wes Craven auch immer wieder Gurken inszeniert, von denen DER TÖDLICHE FREUND (Deadly Friend) vielleicht die schlimmste ist. Diese unausgegorene Mischung aus "Nummer 5 lebt" und "Frankenstein" für Teenager ist weder spannend noch schaurig und in höchstem Maße albern.

Die Story: das junge Technik-Genie Paul (Matthew Laborteaux) zieht mit seiner Mutter in eine neue Umgebung und verliebt sich in die Nachbarstochter Samantha (Kristy Swanson), die unter ihrem prügelnden Vater zu leiden hat. Als dieser sie bei einem Streit unbeabsichtigt tötet, stiehlt Paul Samanthas Leiche aus dem Krankenhaus und reanimiert sie mit einem Mikrochip aus dem "Gehirn" seines Super-Roboters. Eine sehr blasse Samantha geht - nun mit übermenschlichen Kräften ausgestattet (warum auch immer) - auf Rachefeldzug...

Das klingt schon relativ bescheuert und ist es auch in der Umsetzung. Wes Craven kann sich nie entscheiden, was sein Film genau sein will, eine Teenager-Romanze, ein Splatter-Film oder Technik-Komödie. Der Roboter "BeeBee", der die ganze Zeit mit unserem Helden durch die Stadt düst, ist so unerträglich auf "niedlich" getrimmt (inklusive kindlicher Stammel-Sprache), dass er ins Kinderfernsehen gehört.

Dagegen steht das Verhältnis zwischen der liebreizenden Kristy Swanson und ihrem brutalen Vater im krassen Widerspruch, denn hier nimmt Craven sein Thema plötzlich todernst. Nun ist es grundsätzlich schwierig, das Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen und häusliche Gewalt im Unterhaltungskino umzusetzen, aber im Zusammenhang mit dem hanebüchenen Quatsch um Roboter "BeeBee" wirkt das Ganze geradezu geschmacklos, und Szenen, in denen sich Swansons Vater nachts zu seiner Tochter ins Zimmer schleicht, haben in diesem Film weißgott nichts verloren (selbst wenn sie sich als Alptraum herausstellen). Und über die vielen Logik-Löcher, wie die Frage, warum nach Tagen niemand merkt, dass Swansons Leiche verschwunden ist, schweigen wir lieber ganz.

Den Darstellern ist nichts vorzuwerfen, sie spielen ihre Rollen durchweg sympathisch, und die "Romeo & Julia"-Liebesgeschichte zwischen den Teenagern hat sogar einige wenige überzeugende Momente. Daneben bietet DER TÖDLICHE FREUND zwei gute Szenen. In der ersten betäubt Matthew Laborteaux seine Mutter mit Schlafmitteln, um ungestört ins Krankenhaus einzubrechen, was Craven sehr schwarzhumorig inszeniert.
Die zweite ist mittlerweile das Aushängeschild des Films und war auf VHS-Veröffentlichungen stets geschnitten. Darin rächt sich "Robo-Samantha" an Nachbarin Anne Ramsey, in dem sie deren Kopf mit einem Basketball zum Zerplatzen bringt. Ein grausiger Effekt, der sehr unerwartet kommt und gut umgesetzt wird (er wurde nachträglich hinzugefügt, weil das Studio mehr Blood & Gore verlangte), allerdings darf man befragen, ob Ramseys Figur diesen Abgang verdient hat. Die arme Schauspielerin wurde kurz darauf in Danny De Vitos schwarzer Komödie "Schmeiß die Mama aus dem Zug" (1987) erneut ins Jenseits befördert.

Insgesamt ist DER TÖDLICHE FREUND nur für Craven-Komplettisten zu empfehlen. Er hat durchaus einige Fans, für mich aber funktioniert er auf keiner Ebene. Wes Craven selbst mag ihn nicht besonders, und das zu recht.

02/10

Mittwoch, 25. August 2010

Nacht, Mutter (1986)

Jessie Cates (Sissy Spacek) sieht keinen Sinn mehr im Leben und will sich umbringen. Dies eröffnet sie ihrer Mutter Thelma (Anne Bancroft) vor dem Abendessen. Jessie hat sich um alles gekümmert, alles sorgfältig geplant, sie hat Zettel im Haus verteilt, auf denen Anweisungen stehen, sie hat für alles vorgesorgt, jetzt will sie Abschied nehmen. Thelma hält das zunächst für einen Witz, dann ist sie geschockt, schließlich wird sie wütend.
Kann sie Jessie davon abhalten, sich das Leben zu nehmen?

Das Zweipersonenstück NACHT, MUTTER (Night, Mother) feierte 1983 seine Erstaufführung am Broadway (mit Kathy Bates in der Rolle, die in der Filmversion von Anne Bancroft gespielt wurde) und war ein Erfolg bei Kritikern und Publikum.
Die werkgetreue und hervorragende Filmversion von Tom Moore verlässt - ebenso wie das Stück - nie das Haus auf dem Lande, in dem sich das Drama abspielt, und die Frage "Tut sie es oder tut sie es nicht?" hält ihn in Spannung - auch wenn man sehr früh ahnt, dass sie "es" wahrscheinlich tun wird, denn sonst hätte der Film kein wirkliches Ende (zumindest glaubt man nicht an Wunder).

Obwohl der Film einen äußerst deprimierten Zuschauer zurücklässt, gibt es überraschend viel Humor, der zumeist aus den hilflosen Versuchen Thelmas entsteht, ihrer Tochter die schönen Dinge des Lebens aufzuzählen, die von Jessie mit sarkastischen Bemerkungen kommentiert werden. Für Jessie gibt es keinen Grund zum Weiterleben. Sie kann sich auf nichts in der Zukunft freuen, und die Vergangenheit steckt voller unangenehmer Situationen, die sie vergessen will. Ihr Ehemann hat sie verlassen, ihr Sohn ist kriminell und lässt sich kaum zu Hause blicken, dazu ist Jessie Epileptikerin und schämt sich für ihre Anfälle.
"Wenn ich nur irgendwas richtig gern hätte - wie Reispudding", sagt sie, "Das würde schon reichen." Aber da ist nichts, auch wenn Thelma findet, dass Reispudding eine gute Sache sei. Sich umzubringen, ist die einzige Entscheidung, die sie treffen kann, ohne dass ihr jemand hineinredet, der Tod ist das einzige, was sie selbst bestimmen kann.
Die etwas schlichte Thelma freut sich schon über Süßigkeiten und Klatsch mit der besten Freundin, das genügt ihr als Lebensinhalt. Mutters Bemühungen, die Tochter vom Selbstmord abzuhalten, sind ebenso rührend wie skurril (an einer Stelle verbietet sie es ihr einfach, als würde sie mit einem ungezogenen Kind sprechen).

Spacek und Bancroft leisten in NACHT, MUTTER grandiose Arbeit und sorgen dafür, dass sich über die gesamte Laufzeit kaum Längen einstellen. Spacek ist dabei ständig in Bewegung, sie trifft die letzten Vorbereitungen für ihren Abgang, schreibt Zettel, hakt Listen ab und sagt Mutter, was sie zu tun hat. Anne Bancrofts Thelma hingegen weiß nicht, wohin mit sich und der Situation, sie sieht Jessie zu und versucht, das Unaufhaltsame aufzuhalten. Ist Spaceks Jessie eine Frau mit sehr eigenwilligem Charakter, kann sich der Zuschauer leicht mit Bancrofts Thelma identifizieren, man kennt diese Mutter, die sich um nicht viel Gedanken macht und plötzlich vollkommen überfordert ist. Sie ist die Verbindung zum Zuschauer, Jessie bleibt ein Rätsel, das ist im Stück so angelegt.

Die Regie von Tom Moore konzentriert sich ganz auf die beiden Frauen und lässt ihnen den Raum zur Entfaltung. Das ist nachvollziehbar, gleichzeitig wäre hier mehr möglich gewesen. Neben den hervorragenden Schauspielleistungen fehlt dem Film ein wenig das Zwingende, Packende, das Meisterwerke wie "Endstation Sehnsucht" oder "Wer hat Angst vor VirginaWoolf?" bieten.
Wer keine Berührungsängste mit extrem dialoglastigen Bühnenadaptionen hat und gutes Schauspielerkino mag, für den ist NACHT, MUTTER genau das richtige, auch wenn er nicht gerade zur wohlfühligen Unterhaltung geeignet ist.

Die deutsche FSK hat den Film übrigens ab 18 Jahren freigegeben. Das ist zwar absurd, zeigt aber auch, wie empfindlich man dort beim Thema Selbstmord reagiert - man möchte offensichtlich niemanden zum Nachmachen animieren. Das spricht für die Überzeugungskraft des Films, bleibt aber im höchsten Maße lächerlich.

08/10

Dienstag, 24. August 2010

Im Zeichen des Bösen (1958)

"He was some kind of a man. - What does it matter what you say about people?"

Orson Welles' Meisterwerk IM ZEICHEN DES BÖSEN (Touch of Evil) ist so schwarz, dass der Begriff "Film Noir" nicht ausreicht, um ihn zu beschreiben. Welles' letzter in den USA produzierter Film wurde seinerzeit - wie so oft - von Produzentenseite verstümmelt in die Kinos gebracht. Anhand eines langen Memorandums von Welles wurde 1998 eine Fassung erstellt, die der ursprünglichen Vision des Regisseurs am nächsten kommt, und nur in dieser Fassung sollte man den Film auch genießen.

Eine Sommernacht an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.
Der Rauschgiftfahnder Vargas (Charlton Heston) und seine junge Frau (Janet Leigh) passieren gerade den Grenzposten, als eine Autobombe in die Luft geht - in einer der brillantesten Eröffnungs-Sequenzen aller Zeiten, in welcher die Kamera mit einer Großaufnahme der Bombe, die im Kofferraum deponiert wird, beginnt und dann in einem ununterbrochenen, dreiminütigem Take den Weg unseres Paares und des Wagens begleitet, bis die Explosion erfolgt. Diese unglaubliche Sequenz ging in die Annalen der Filmgeschichte ein, und große Regisseure zollten ihr über die Jahrzehnte ihren Tribut (wie etwa De Palma in "Snake Eyes" oder Scorsese in "Goodfellas"). - Wer sich wundert, warum Janet Leigh ihren Arm die ganze Zeit unter einer Jacke verbirgt, dem sei gesagt, dass die Schauspielerin die gesamte Drehzeit mit gebrochenem Arm absolvierte.
Nach dieser explosiven Eröffnung ist ein Verdächtiger schnell gefunden und wird von dem unsympathischen Inspektor Hank Quinlan (Orson Welles) mit gefälschten Beweisen ebenso schnell hinter Gitter gebracht. Damit der zweifelnde Vargas, der sich von Quinlans Methoden entsetzt und angewidert zeigt, nicht weiter herumschnüffelt, wird Janet Leigh in ein abgelegenes Motel verschleppt und unter Drogen gesetzt. Das einsame Motel wird von einem beängstigend skurrilen Dennis Weaver geleitet, und wem die Motive "Motel, neurotischer Besitzer und Janet Leigh" irgendwie bekannt vorkommen, der darf sich schnell vergewissern, dass TOUCH OF EVIL vor Hitchcocks "Psycho" entstand!

Die Szenen um Janet Leighs Entführung besitzen eine alptraumhafte, fast unerträglich brutale Qualität, die man in einem Film der späten 50er nicht erwartet, und die noch heute erschauern lässt. So ist die von Leigh gespielte Figur auch die einzig sympathische. Orson Welles als schwergewichtiger Hank Quinlan gibt eine Galavorstellung, er ist vom ersten Moment an abstoßend und verkörpert einen ebenso zynischen, hundsgemeinen wie brillanten und tragischen Cop, der im wahrsten Sinne über Leichen geht. "He was a brilliant detective, but a lousy cop!" heißt es über ihn.
Als sein Widersacher Vargas liefert Charlton Heston, mit dem ich persönlich mich nie anfreunden kann, eine zwar gute Leistung, aber wirklich sympathisch ist auch er nicht. Sein anfangs noch blütenreiner Cop wendet im Finale zur Überführung Quinlans genau die illegalen Methoden an, für die er Quinlan verachtet, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. In einem der düstersten Finale der Filmgeschichte kann Vargas den korrupten Quinlan zur Strecke bringen, doch ein Happy End sieht anders aus. In dieser Welt hat das Gute nur einen kleinen Sieg errungen, aber die Bösen sind in der Überzahl.

In Gastrollen sehen wir Welles' Stammschauspieler Joseph Cotten sowie Zsa Zsa Gabor, Mercedes McCambridge und eine wundervolle Marlene Dietrich als wahrsagende Spelunken-Besitzerin, die keine Zukunft mehr für Welles' Quinlan lesen kann: "Du hast keine mehr. Du hast sie bereits aufgebraucht."
Neben der aufregenden Anfangssequenz bietet Welles noch viele visuelle Highlights wie eine rasende Autofahrt durch die Stadt, eine ebenfalls ohne Schnitt gefilmte, lange Verhörszene und atemberaubende Kamerafahrten. Sein Film steckt voller Spiegel, Schilder, Symbole und Zeichen. Mit seiner bahnbrechenden Filmmusik brachte Henry Mancini den lateinamerikanischen Jazz in den amerikanischen Film. Vom ersten "Tick-Tack" der Bombe begleiten fieberhafte Percussions das Geschehen und verstärken die grimmige, rohe Atmosphäre des Films, der mit seinen Licht- und Schattenspielen alles andere als naturalistisch ist, aber dennoch einen wahrhaftigen, realistischen Charakter besitzt, ein faszinierender Widerspruch.

Zu den Hintergründen von TOUCH OF EVIL existieren viele Gerüchte.
Charlton Heston brachte Welles als Regisseur ins Gespräch, der ein bereits existierendes Drehbuch überarbeitete und dem Studio beweisen wollte, dass er verlässlich arbeiten konnte - sein Ruf als Künstler mochte unantastbar sein, aber als verlässlicher Regisseur stand er nicht hoch im Kurs. Er lieferte den fertigen Film in der vorgeschrieben Zeit ab und brachte befreundete Stars wie Cotten dazu, zu einem Mindesthonorar ungenannt aufzutreten (als man bei Universal sah, dass Marlene mitspielte, bezahlte man ihr prompt mehr Geld, um ihren Namen für die Werbung zu nutzen). Trotzdem wurde Welles der Film entrissen, neue Szenen wurden ohne seine Mitwirkung gedreht, andere entfernt, um die Geschichte "verständlicher" zu machen.
Welles schrieb ein 58-seitiges Memo mit Änderungsvorschlägen, die alle ignoriert wurden (das Memo wurde später für die Erstellung der restaurierten Fassung benutzt). Die amerikanischen Kritiker mochten den Film nicht, in Europa lief er besser und wurde von Filmemachern wie Truffaut gefeiert.
Heute, nachdem die Welt nun endlich eine annähernd "korrekte" Version sehen durfte, gilt TOUCH OF EVIL als Meilenstein (und Endpunkt) des Film Noir. Für mich Orson Welles' bester Film.

10/10

Ein Paar in Gefahr...

Eine Wahrsagerin...

...und ein Mann ohne Zukunft.

Hautnah verfolgt (1987)

Karen Arthurs Thriller HAUTNAH VERFOLGT (Lady Beware - weder der deutsche noch der Originaltitel sind sonderlich erregend) kam ungefähr zeitgleich mit dem ungleich teureren "Eine verhängnisvolle Affäre" ins Kino und ging im Fahrwasser des Mega-Hits unter, dabei sind seine Betrachtungen zum Thema Stalking, sexuelle Obsession und Psycho-Terror um einiges intelligenter als in Adrian Lynes Hochglanz-Schocker.
Leider fehlt ihm aber auch der Funke, der zum Massenpublikum überspringt, weil er sehr viel weniger lautmalerisch angelegt ist.

Worum geht es? Diane Lane spielt eine junge Designerin, die frisch eingetroffen in Pittsburgh einen Job in einem großen Kaufhaus als Schaufensterdekorateurin bekommt. Ihre originell und kontrovers gestalteten Schaufenster (mit sehr viel Sex und Gewalt) locken nicht nur unzählige Schaulustige, Journalisten und Kunden an, sondern auch einen Psychopathen, der in Diane eine Seelenverwandte zu finden glaubt. Zunächst belästigt er sie mit Telefonanrufen, dann steigt er bei ihr in die Wohnung ein. Als Diane nicht mehr ein noch aus weiß, entscheidet sie sich, zurückzuschlagen. Sie macht den Unbekannten mit detektivischem Gespür ausfindig und beginnt selbst eine Rufmord-Kampagne. Bald stehen sich Opfer und Täter hautnah gegenüber...

Karen Arthurs Thriller nimmt konsequent die weibliche Sicht ein und zeichnet die von Diane Lane gespielte Katya zunächst als Opfer männlicher Attacken, denen sie hilflos ausgeliefert ist. Nachdem der Psychopath bei ihr eingestiegen ist (er badet in ihrer Badewanne und stellt ein paar unerhörte Sachen mit ihrer Unterwäsche an), lässt Diane Lane die Fenster vergittern und verlässt die Wohnung nicht mehr, bis sie erkennen muss, dass sie sich selbst im buchstäblichen Sinne ein Gefängnis geschaffen und ihre persönliche Freiheit und Selbstbestimmung aufgegeben hat.
Während sich üblicherweise in solchen Thrillern die Angriffe des Psychopathen so weit steigern, bis die Heldin sich nur noch mit Gewalt wehren kann, schlägt Karen Arthur jedoch einen anderen Weg ein und lässt Diane Lanes Katya aktiv werden. Katya entdeckt die Identität des Stalkers, lauert ihm auf, verteilt Flugzettel mit seinem Gesicht und bedroht ihn. Der verheiratete Mann, der sich nur aus der Anonymität heraus überlegen fühlte, wird nervös und bekommt plötzlich selbst Panik, dass sein "heiles" Leben aus den Fugen gerät. Das zeigt nicht nur Katyas Intelligenz, sondern auch ihre Entschlossenheit, sich nicht zu unterwerfen.
Dieser Dreh wird oft als feministisch bezeichnet, das kann man so stehen lassen. Auf jeden Fall ist es sehr viel interessanter als der übliche Ablauf, in dem sich die arme Frau von Männern retten lassen muss oder zur Mörderin aus Notwehr wird.

HAUTNAH VERFOLGT ist dabei durchweg spannend, auch wenn der 80er-Look mittlerweile komplett veraltet wirkt - so wohnt Lane z.B. in einem dieser gigantischen Fabrik-Lofts (à la "Flashdance"), ausgestattet mit Schaufensterpuppen, Neonbeleuchtung und ähnlich typischen Zutaten des Jahrzehnts der Geschmacklosigkeiten. Auch der Soundtrack bietet die volle 80er-Dröhnung, und das Karrieregirl, das es in der "großen Stadt" zu etwas bringt, gesellt sich organisch zu ähnlichen Filmen wie "Das Geheimnis meines Erfolges" oder "Mannequin" (in dem Schaufenster ebenfalls eine größere Rolle spielen). Der schwule Dekorateur-Kollege darf natürlich auch nicht fehlen, wobei er hier deutlich sympathischer und weniger beleidigend als in "Mannequin" gespielt wird.

In Lanes aufsehenerregender Ausstattung der Schaufenster stecken übrigens viele hübsche Details, sie sind voller erotischer Fetische und Gewalt (wenngleich vollkommen unrealistisch - so setzt Lane z.B. Schlagsahne-Häubchen als Deko, die wohl kaum mehrere Wochen in Form bleiben). Lane selbst scheint anfangs eine sexuell aufgeschlossene Person zu sein, weswegen sich der Stalker in ihr wiedererkennt, doch das - genau wie ihr Apartment - ist alles nur Fassade. So entgeht der Thriller dem Klischee, dass eine selbstbewusste Frau für ihr sündiges Treiben bestraft wird. Er sagt lediglich, dass man aufpassen sollte, wenn man Sex zur Vermarktung der eigenen Kreativität nutzt - und wen man damit anlockt.

Neben der hervorragenden Diane Lane, die seinerzeit viel zu oft in minderwertigen Filmen vergeudet wurde und erst jetzt einen Status besitzt, der ihr gerecht wird, spielen kaum nennenswerte Darsteller. Ihr Gegenspieler Michael Woods ist sehr schmierig und überzeugend, Katyas Liebesgeschichte mit Journalist Cotter Smith bereichert den Film allerdings nicht wirklich und verläuft im Nirgendwo.
Insgesamt bietet HAUTNAH VERFOLGT sehr gute Unterhaltung, ist aber leider nie über den Geheimtipp-Status hinausgekommen.

09/10

Freitag, 20. August 2010

Blutige Seide (1963)

Im Modehaus von Cameron Mitchell und Eva Bartok geht ein unheimlicher Mörder um, der es auf die wunderschönen Models und jeden, der in den Besitz eines bestimmten Tagebuchs kommt, abgesehen hat. Die Polizei ist machtlos, während der Killer immer neue Opfer findet. Steckt gar einer der Salon-Besitzer selbst hinter den Taten? Spielt das für den Genuss des Films überhaupt eine Rolle?

Nein. Der italienische Regisseur und Kameramann Mario Bava hat mit BLUTIGE SEIDE (Blood and Black Lace / Sei Donne Per L'Assassino) den Urvater des späteren Slasherfilms inszeniert, und ein Meisterstück des Giallo-Kinos.
Seine Wurzeln reichen zurück zu Alfred Hitchcock, Agatha Christie und den deutschen Wallace-Produktionen, die Regeln sind klar definiert. Eine Gruppe hübscher Menschen wird durch einen maskierten Mörder hingerichtet. Seine Motive spielen eine untergeordnete Rolle, auch die Polizeiarbeit ist nicht weiter wichtig. Entscheidend für den Giallo und den Slasher sind die Mordsequenzen, in denen sich der künstlerisch ambitionierte Regisseur austoben kann.

So präsentiert BLUTIGE SEIDE einen originellen Todesfall nach dem anderen. Die Models werden ertränkt, verbrannt, mit einer Stahlklaue aufgespießt (Vorzeichen von Freddy Krueger...) und atemlos durch Irrgärten des Schreckens gehetzt. Mario Bava inszeniert das alles mit purer Lust an visuellem Bombast. Schon der Filmvorspann, der die Darsteller als lebende Schaufensterpuppen in düster-knalligen Dekors zeigt, ist ein Augenschmaus für sich. Als erste Handlungseinstellung sehen wir dann ein im nächtlichen Gewittersturm hin- und herschwingendes Messingschild des Modehauses, das mit Wucht hinweggefegt wird und den Blick freigibt auf einen knallbunten Springbrunnen und die hell erleuchteten Räume im Inneren des Gebäudes - meine persönlich liebste Anfangseinstellung aller Zeiten.

Bavas Farben explodieren auf der Leinwand, und seine Kamera ist stets auf der Suche nach neuen Sensationen. Während einer Modenschau sehen wir nichts von Laufsteg und Zuschauern, die Kamera bleibt stets hinter den Kulissen und filmt die Models beim Umziehen in einem langen Tracking Shot vorbei an den Umkleidekabinen. Als das Wort "Tagebuch" ausgesprochen wird, erhält jeder der Darsteller eine spontane Großaufnahme voll mysteriöser Bedeutung - alle sind verdächtig im Sinne des Plots, alle haben etwas zu verbergen, und sie alle sind nur Marionetten in den Händen des großen Spielleiters, der sie von einer wundervollen Dekoration in die nächste jagt.
Sein Killer hat kein Gesicht (er -oder sie - trägt eine Art Strumpfmaske, die sämtliche Details verbirgt), seine Identität wird im Finale gelüftet, nur um gleich darauf einen weiteren doppelten Boden zu präsentieren. Am Ende sind alle tot, aber der Film lebt weiter, und wie!

BLUTIGE SEIDE gehört zu den Sternstunden des Thriller-Kinos. Kritiker warfen ihm seinerzeit einen Hang zu Grausamkeit und Sadismus vor, was man verstehen kann, da er lediglich eine Mordszene an die nächste reiht und diese förmlich zelebriert. Aus heutiger Sicht sind die Morde relativ zahm, aber für das Publikum war dieser Tanz des Todes seinerzeit etwas völlig Neues. In Italien war der Film ein Riesenhit, und noch Jahrzehnte später bedienten sich Filmemacher aus aller Welt der Filmsprache, der Bilder und der von Bava aufgestellten Regeln des Terrorkinos. Ist es nicht eine grausame Ironie des Schicksals, dass Bava selbst nie die Anerkennung gefunden hat, die ihm gebührte, wärend sich weit weniger begabte Regisseure mit seinen Federn schmückten?

BLUTIGE SEIDE ist ein Festmahl für jeden Cineasten, ein Film, der visuell so einzigartig und brillant gestaltet ist, dass er im Grunde vollständig auf Dialoge verzichten könnte. Bavas Bilder allein weisen dem Publikum den Weg durch dieses Labyrinth aus Schatten, Farben, edlen Stoffen, schönen Körpern und der allgegenwärtigen Gewalt, der jeder zum Opfer fallen kann.

10/10


Italienisches Plakatmotiv

Der Mörder ohne Gesicht

In der Stille der Nacht (1982)

Filmische Hommagen an den Meister des Thrillers, Alfred Hitchcock, gibt es wie den berühmten Sand am Meer, und nur wenige können dem Vorbild das Wasser reichen.
Regisseur Robert Benton - frisch von seinem Erfolg "Kramer gegen Kramer" (1979) - versuchte sich 1982 an so einer Reminiszenz. Herausgekommen ist ein sehr sehenswerter, leiser Thriller mit überragenden Darstellern.

Roy Scheider spielt in IN DER STILLE DER NACHT (Still of the Night) den Psychiater Sam Rice, dessen Patient George Bynum (Josef Summer) brutal getötet wird. Als er die Geliebte des Ermordeten (Meryl Streep) kennen lernt, ist er fasziniert von der kühlen Blondine. Für die Polizei ist sie die Hauptverdächtige, aber Sam hat Zweifel. Steckt hinter der geheimnisvollen Schönen wirklich eine eiskalte Mörderin? Als er der Wahrheit näher kommt, gerät Sam selbst in Lebensgefahr...

Robert Benton stritt zunächst ab, eine direkte Hitchcock-Kopie inszenieren zu wollen (ebenso wie Brian De Palma behauptete er stets, man könne keinen Thriller machen, ohne Hitchcocks Handschrift zu benutzen, was ebenso wahr wie falsch ist), doch die Parallelen sind offensichtlich. Der Plot variiert überdeutlich die Handlung von Hitchcocks "Spellbound" (1945) mit vertauschten Geschlechterrollen, dazu spielt Jessica Tandy (aus Hitchcocks "Die Vögel", 1963) Scheiders Mutter, und hier hören die Gemeinsamkeiten noch lange nicht auf.

Roy Scheider und Mery Streep fehlt der Glamour eines klassischen Hollywood-Paares wie Bergman/Peck oder Grant/Kelly, sie sind aber als Schauspieler so brillant, dafür bieten sie aber viel Einblicke in ihre komplexen Charaktere. Besonders Meryl Streep, die zu jener Zeit eher als Kandidatin für neurotische, schwierige Frauenrollen galt, überrascht als (fast) typische Hitchcock-Blondine - wobei man sagen muss, dass Hitchcocks Blondinen eher selten als Femme Fatale eingesetzt wurden, am ehesten noch Kim Novak in "Vertigo" (1958).
"War sie es oder war sie es nicht?" ist dann auch die Frage, die den Film 90 Minuten lang spannend hält, und Streeps suggestive Darstellung lässt die Frage wunderbar offen.

Roy Scheider hingegen ist ein Filmheld, mit dem man sich leicht identifizieren kann, er ist intelligent, besitzt einen subtilen Humor (ebenso wie der ganze Film) und zeigt an passenden Stellen nachvollziehbare Angst, etwa wenn er unheimliche Geräusche im Waschkeller hört oder Streep nachts durch den Park folgt und von einem Räuber bedroht wird, der kurz darauf ermordet wird - hier treffen sich übrigens Benton und De Palma, denn die Sequenz erinnert stark an "Dressed to Kill" (1980), in dem Nancy Allen in der U-Bahn von einer bedrohlichen Situation in die nächste gerät.

Streeps Filmcharakter arbeitet in einem Auktionshaus, was zu einem Highlight des Films führt ("Der unsichtbare Dritte", 1959, lässt schön grüßen!). Während einer laufenden Auktion muss Roy Scheider, der sich unter den Zuschauern befindet, Streep eine Warnung zukommen lassen, da die Polizei eingetroffen ist, um sie zu verhaften. Dafür benimmt er sich äußerst skurril, ersteigert ein teures Gemälde, das er "ausgesprochen scheußlich" findet und steckt Streep einen Zettel zu, mit dem sie ewig herumspielt, bevor sie ihn endlich liest und das Weite sucht. In dieser Sequenz funktioniert Hitchcocks berühmter Suspense hervorragend. Als Zuschauer möchte man Streep anschreien, sie möge endlich den verdammten Zettel lesen, und man leidet mit dem armen Roy Scheider mit, den es vor Spannung kaum auf seinem Sitz hält.

Das echte Glanzstück des Films aber ist das Finale. Der anfangs ermordete Patient hatte seinem Psychiater Scheider zuvor einen Alptraum geschildert, der im Laufe des Films entschlüsselt werden muss, und in welchem der Mörder identifiziert werden kann (wieder "Spellbound"). In einem nächtlichen Strandhaus gehen Scheider und Streep den Traum Schritt für Schritt durch, was zu mehreren visuellen Schocks führt, die Robert Benton gekonnt in Szene setzt. Das Finale bietet dazu einen Monolog von Streep, in dem sie ein traumatisches Erlebnis ihrer Kindheit schildert, und das tut sie in einem einzigen, langen Take (eine Verbeugung vor "Sklavin des Herzens", 1949), ein großartiges Beispiel für die Brillanz ihres Schauspiels.

IN DER STILLE DER NACHT ist ein feiner, düsterer Psycho-Thriller, weitgehend ohne Action, dafür aber mit interessanten Charakteren, guten Dialogen und jeder Menge Spannung. Auch wenn er dem großen Vorbild etwas zu sklavisch folgt und eine eigene Handschrift vermissen lässt (wie etwa De Palma sie stets bietet), ist er doch mehr als sehenswert.

Ein großer Erfolg war der Film nicht. Laut Robert Benton waren Zuschauer und Kritiker wahrscheinlich enttäuscht, dass er nach seinem anspruchsvollen Drama "Kramer gegen Kramer" "nur" einen klassischen Thriller inszenierte, doch sein Film hat die Zeit gut überdauert und kann heute noch so packend unterhalten wie einst. Von mir sehr empfohlen!

09/10

Bei Anruf Mord? Meryl Streep in "In der Stille der Nacht"
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