Donnerstag, 30. September 2010

The Card Player (2004)

Mit THE CARD PLAYER (Il Cartaio) inszenierte Dario Argento nach dem Erfolg von "Sleepless" (2002) erneut einen modernen Giallo, diesmal aber fiel das Ergebnis enttäuschender aus, und das beste, was man über seinen Cyber-Thriller sagen kann ist, dass er nicht ganz so schlecht ist wie sein Ruf.

Worum geht es? Die römische Polizistin Anna (Stefania Rocca) wird von einem Unbekannten per Mail aufgefordert, an einem Online-Pokerspiel teilzunehmen. Der Gewinn: das Leben einer entführten Touristin! Verliert Anna, stirbt das Entführungsopfer. Und genau das geschieht auch. Während der Serienkiller munter weitere Frauen entführt und die gesamte Polizei beim Pokerspiel in Atem hält, kommt Anna mit Hilfe des britischen Kollegen John (Liam Cunningham) der Identität des Mörders, der sich ganz in ihrer Nähe befindet, auf die Spur. Bis sie schließlich selbst um ihr Leben spielen muss...

So leidlich spannend sich die Story auf dem Papier anhört, so wenig überzeugend ist sie in der Umsetzung. Das größte Problem mit THE CARD PLAYER besteht in der Tatsache, dass Argento versucht, einen "modernen" Serienkiller-Thriller zu inszenieren, dabei aber unzählige Fehlentscheidungen trifft und hoffnungslos naiv und altmodisch wirkt. So läuft z.B. die Polizeipsychologin immer mit Brille und schwerem Wälzer in der Hand herum, der IT-Spezialist, der den Killer per Tracking-Software aufspüren soll, ist selbstverständlich übergewichtig und trägt knallbunte Schals, der Polizeichef brüllt den Killer im Computer an "Wir kriegen dich!", und der peinliche Pathologe singt Opern-Arien und führt skurrile Tänze auf, während er die Leichen aus dem Schrank holt. Das ist alles so haarsträubend dümmlich, dass man kaum glauben mag, welcher Meister der Bilder eigentlich hinter der Kamera steht.

Die Fans zeigten sich am meisten enttäuscht über den banalen Look des Films, der wie ein TV-Movie aussieht, kalt, grau und flach. Die wenigen Mordsequenzen spielen sich dazu alle im Off ab, und das Gewimmere der Opfer, die während der Pokerspiele auf dem PC-Monitor zu beobachten sind, tötet dem Zuschauer den letzten Nerv - das heißt, falls der Soundtrack von Claudio Simonetti das nicht erledigt, der ebenfalls einen sehr schlechten Tag erwischt hat. Tatsächlich ist sein Techno-Thema, mit dem er das Finale unterlegt, so enervierend, dass das Publikum euphorisch jubelt, wenn Stefania Rocca schließlich den CD-Player (aus dem die Musik angeblich kommt) mit der Dienstwaffe zerschießt.
Das alles ist deshalb so frustrierend, weil Kamera, Musik und Mordszenen genau die Stärken des "alten" Argento waren, und wenn diese versagen, was bleibt dann noch?

Das Positive: an der Darstellung der Hauptrollen gibt es überraschenderweise nichts auszusetzen. Stefania Rocca ist eine starke und verletzliche Heldin, die als Polizistin wesentlich glaubwürdiger und authentischer wirkt als z.B. eine Asia Argento. Roccas Charakter wird leider mit unnötigem Ballast beladen. So ist ihr Vater am Pokerspiel zugrunde gegangen (?), weswegen sie mit dem Spiel mehrere Probleme hat. Ihre Romanze mit dem versoffenen Kollegen Cunningham verläuft dagegen stimmig (auf die klischeehafte Schlusspointe hätte Argento allerdings verzichten können) und bleibt sympathisch - (Achtung, SPOILER!) umso schockierter ist der Zuschauer, wenn Cunningham unerwartet in eine böse Falle läuft. Hier gelingt Argento ein wunderbar poetischer Moment, wenn Cunningham im Augenblick des Todes die Sonne durch das Blätterdach des Gartens scheinen sieht. Es sind solche Einstellungen, die auch die schwächeren Argentos auszeichnen und gegenüber der US-Konkurrenz sehenswert machen.

Italiens Jungstar Claudio Santamaria ("Casino Royale", 2006) spielt einen weiteren Kollegen von Rocca, der darunter leidet, ein Spiel gegen den Killer zu verlieren, und auch er zeigt eine ansprechende Leistung. Teenager Silvio Muccino ("Ein letzter Kuss") überzeugt als Gewohnheits-Zocker Remo, der von Rocca zum Pokerspiel gegen den Killer überredet werden muss und dafür einen hohen Preis bezahlt. Er spielt die wohl liebenswerteste Figur, die Argento in langer Zeit geschaffen hat. Leider wird auch seine Darstellung von extrem albernen Dialogen sabotiert. Es gibt wohl kaum einen Zuschauer, der nicht in schallendes Lachen ausbricht, wenn Stefania Rocca dem nervösen Muccino (der sein Spiele-Talent mit "Es ist, als ob ein Wind durch mich hindurch geht!" beschreibt) auf der Polizei-Toilette Mut zuredet und allen Ernstes zu ihm sagt: "Lass den Wind durch dich hindurch gehen!"

Ein weiterer, äußerst unglücklicher Dialog verrät leider gleich in der ersten Szene des Films die Identität des Killers, er ist schlicht zu dick aufgetragen und winkt mit dem berühmten Zaunpfahl.
Neben solchen Ausfällen aber gibt es durchaus gute Ideen. Dazu zählen ein zunächst unidentifizierbares Geräusch und bizarre Pflanzen, die den Aufenthaltsort des Mörders kennzeichnen, die nächtliche Jagd auf Silvio Muccino, oder der Moment, in dem Stefania Rocca erkennt, dass der Killer direkt neben ihr sitzt und die Ruhe bewahren muss. In der besten Sequenz wird Rocca nachts vom maskierten Mörder besucht. Der Einfall ist zwar nicht neu (es gab ähnliche Szenen in "Deep Red" und "Opera"), doch hier blitzt Argentos Talent für hochspannende und außergewöhnliche Set Pieces auf. Das Tempo stimmt ebenfalls, so dass man in gnädiger Stimmung nicht unbedingt über die vielen Albernheiten nachdenken muss.
Das Finale hingegen, in dem der Mörder Rocca per Handschellen an Bahngleise kettet (wie auch immer er das anstellt) und sie zwingt, per Laptop Poker gegen ihn spielen, während ein Zug heranrast, ist an Dämlichkeit kaum zu überbieten, zumal der Griff in die Küchenpsychologie-Kiste auch noch den letzten Rest Suspense zerstört (hatte ich die plärrende Techno-Musik schon erwähnt?).

Insgesamt könnte man sagen, dass THE CARD PLAYER für Nicht-Argento-Fans am besten geeignet ist, weil er sein Programm neben den Entgleisungen allzu uninspiriert und vorhersehbar, dafür aber mit Tempo herunterspult. Für Fans ist der Film ein harter Schlag nach dem durchaus gelungenen "Sleepless", der zwar seine Schwächen und Längen hat, daneben aber auch echte Glanzlichter bietet. Dass THE CARD PLAYER nicht der schlimmste Argento ist (diese "Ehre" gebührt meiner Meinung nach ohnehin dem verkorksten "Phantom der Oper" von 1998, ich persönlich finde ihn auch besser als "Trauma", 1993), sollte sich einige Jahre später zeigen, als der lang erwartete und katastrophale "Mother of Tears" (2007) das grauenvolle Licht der Leinwand erblickte...

06/10

Mittwoch, 29. September 2010

Do You Like Hitchcock? (2005)

Nach seinem eher unterdurchschnittlichen Thriller "The CardPlayer" (2004), der viele Fans enttäuscht bis entsetzt hat, inszenierte Italiens Kultregisseur Dario Argento mit DO YOU LIKE HITCHCOCK? (Ti Piace Hitchcock?) den ersten Beitrag einer TV-Filmreihe, in welcher dem Meister der Spannung Tribut gezollt werden sollte. Herausgekommen ist ein unterhaltsamer, kleiner, wenngleich komplett belangloser Thriller, der weder die Brillanz von Argentos besten Werken erreicht, noch als meisterhafte Hitchcock-Hommage in die Filmgeschichte eingehen wird.

Der Inhalt: Filmstudent Giulio (Elio Germano) verbringt den Sommer und seine Freizeit damit, alte Filme zu schauen und seine attraktive Nachbarin von gegenüber mit dem Fernglas zu beobachten. Als diese brutal ermordet wird, entwickelt er sich zum Hobbydetektiv und sucht nach dem Täter. Dabei spielt Hitchcocks "Der Fremde im Zug" (1951) eine wichtige Rolle, den sich das Mordopfer kurz zuvor aus der Videothek ausgeliehen hat. Bald schon kommt Gulio der Wahrheit nahe und muss selbst um sein Leben fürchten...

Hitchcock-Hommagen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, und da dies das vorgegebene Ziel von DO YOU LIKE HITCHCOCK war, darf man feststellen, dass sämtliche Hitchcock-Anspielungen von Argento und seinem Co-Drehbuchautor Franco Ferrini leider wenig subtil und mit dem Holzhammer präsentiert werden. Statt die Filmsprache des Meisters zu verwenden oder sich strukturell dessen Werken zu nähern, hängen hier einfach überall Hitchcock-Poster im Hintergrund, und "Der Fremde im Zug" wird als Spur des Verbrechens ebenso plump benutzt.

Am meisten enttäuscht jedoch die Tatsache, dass Argento - auch aufgrund von TV-und Budget-Beschränkungen - kaum eine interessante Kamerafahrt bietet oder seinen speziellen visuellen Einfallsreichtum ausspielen kann. Der Film ist ein TV-Movie und sieht auch so aus, der Fokus liegt hier eindeutig auf dem Plot, nicht der Optik. Giulios Beobachtung der Nachbarin per Fernglas scheint dabei weniger von Hitchcock als von De Palmas "Body Double" (der selbstverständlich auf Hitchcock beruht) inspiriert zu sein, so muss man sich ab und an fragen, welchem Regisseur eigentlich gehuldigt wird, zumal auch die Verwendung von Komponist Pino Donaggio - der mit Argento bereits in "Two Evil Eyes" (1990) und "Trauma" (1993) zusammen arbeitete - unweigerlich an De Palma erinnert, ganz besonders, wenn er einen Striptease mit allzu ähnlicher Musik unterlegt.

Ein weiterer Schwachpunkt ist - wie so oft bei Argento - die Führung der Darsteller. In der Hauptrolle kann der hübsche Elio Germano zwar überzeugen, doch kann sich der Film nicht entscheiden, ob er nun ein typischer "Nerd" sein soll (in dem Fall scheint seine Beziehung zur attraktiven Freundin etwas unglaubwürdig) oder der sympathische Junge von nebenan, dessen Hormone verrückt spielen. Sein Mutterkomplex und Kindheitstrauma stammen natürlich auch aus Hitchcocks Repertoire. Die weiblichen Darsteller agieren leider überwiegend laienhaft, und die alte Hitchcock-Regel, dass ein Film immer so gut ist wie sein Bösewicht, spielt hier keine Rolle, da es sich bei DO YOU LIKE HITCHCOCK? um einen simplen Whodunit handelt und der Täter keine Möglichkeit erhält, sich vor der Auflösung als Bösewicht zu präsentieren.

Glücklicherweise schafft es Argento, das Tempo straff zu halten, so dass wenig Langeweile aufkommt, und er inszeniert ein paar durchaus sehenswerte Sequenzen. In der einzigen Szene, die überhaupt eine Art Hitchcock-Feeling aufkommen lässt, versucht Elio Germano während eines Unwetters dem mutmaßlichen Killer per Motorroller zu entkommen, wobei er sich so dumm anstellt, dass er sich das Bein verletzt und mit seinem defekten Roller immer wieder umfällt, während der Bösewicht näher und näher kommt. Hier stimmt die Mischung aus Suspense und makaberem, schadenfrohem Humor (die Sequenz funktioniert offensichtlich nicht für jeden - ich sah den Film mit jemandem, der sie extrem nervig und albern fand).
Auch das Finale, in dem Germano vom Mörder in seiner Wohnung besucht wird, ist spannungsmäßig gelungen, auch wenn Hitchcocks "Rear Window" (1954) sehr simpel kopiert wird.

Argentos Fans warten seit "Opera" (1987) auf dessen Rückkehr zu alter Form, wahrscheinlich vergeblich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. DO YOU LIKE HITCHCOCK? ist davon weit entfernt, bietet aber solides Thrillerkino (bzw. Fernsehen) mit einigen unfreiwillig komischen Momenten, aber bei weitem nicht so vielen wie in Argentos schlimmsten Werken. Er ist definitiv kein "Phantom der Oper" (1998). Und mir persönlich ist ein schwacher Argento ohnehin zehnmal lieber als ein stromlinienförmiger Genre-Beitrag amerikanischer Herkunft.

6,5/10

Montag, 27. September 2010

Easy Riders, Raging Bulls (2003)

1998 veröffentlichte Autor Peter Biskind sein Buch "Easy Riders, Raging Bulls: How the Sex-Drugs & Rock 'n Roll-Generation Saved Hollywood", in welchem er den Aufstieg der Autorenfilmer-Generation der späten 60er und den Beginn des sogenannten "New Hollywood" schildert. Diese Gruppe von Filmbesessenen namens Coppola, Scorsese, Spielberg, Hopper, Lucas und Co. haben Hollywood für immer verändert. Das Buch wurde zum Bestseller und gilt als wichtigstes Werk zum Thema.
Sehr zum Missfallen der angesprochenen Künstler beleuchtet Biskind aber auch die Schattenseiten ihres Erfolgs, die Ego-Trips, die Flops, den Größenwahn und die Drogenexzesse. Kein Wunder also, dass Regisseur Kenneth Bowser für seine Dokumentation EASY RIDERS, RAGING BULLS nicht alle von ihnen vor die Kamera locken konnte. Einige reagieren noch immer allergisch auf die bloße Erwähnung des Titels. Aber wie Schauspieler Richard Dreyfuss am Ende des Films sagt: "Warum sich über das Buch ärgern? Die Wirklichkeit war viel schlimmer!"

Mit "Bonnie & Clyde" (1967) fing alles an, einem Film, den keiner der etablierten Filmbosse verstand, in dem nicht zwischen Gut und Böse unterschieden wurde, der mit Sex und Gewalt vollkommen anders umging, der von einigen einflussreichen Kritikern Kritikern geliebt wurde und die jungen Zuschauer ansprach wie kein anderer. Während aufgeblasene, überproduzierte Hollywood-Produktionen wie "Cleopatra" (1963), "Hello Dolly" (1969) oder Star! (1968), die verzweifelt Glamour und Starruhm des "Old Hollywood" zu bewahren versuchten, kolossal scheiterten, gelang es einer Gruppe von jungen Regisseuren, die stark vom europäischen Film (insbesondere der "Nouvelle Vague") beeinflusst waren, ein neues Publikum ins Kino zu locken, das bislang nur von B-Film-Produzenten wie Roger Corman als Zielgruppe erkannt worden war.

Amerika hatte sich verändert, politisch und gesellschaftlich. Die Filme der neuen Generation trugen dieser Veränderung Rechnung. Filme wie "Easy Rider" (1969), "Midnight Cowboy" (1969), "Five Easy Pieces" (1969), "The Last Picture Show" (1971) und "Mean Streets" (1973) änderten das Gesicht Hollywoods und katapultierten ihre Regisseure über Nacht zu Star-Ruhm. Für kurze Zeit regierten die jungen Wilden in Hollywood, es entstanden radikale, authentische Werke, die mit allen Regeln der Traumfabrik brachen. So lange, bis Spielberg und Lucas mit "Jaws" (1975) und "Star Wars" (1977) diese Ära beendeten und die Epoche der Blockbuster einläuteten, welche zu dem Kino führte, das wir heute kennen - einem Kino, in dem die Einspielergebnisse des Startwochenendes und das Erreichen des kleinsten gemeinsamen Nenners der angepeilten Zielgruppen, inklusive Testvorführungen, Marketing-Kampagnen und Merchandising mehr bedeuten als die künstlerische Qualität des Films oder die Auseinandersetzung mit der Realität.
Oder wie George Lucas seinerzeit sagte: "Ich werde mit dem Verkauf von Plastikpuppen mehr Geld verdienen als ihr alle zusammen!". Er sollte Recht behalten.

Kenneth Bowser ist eine brillante Dokumentation gelungen, in dem ehemalige Weggefährten wie Dennis Hopper (charismatisch und ehrlich), Peter Fonda, Peter Bogdanovich (gewohnt offen), Margot Kidder, Karen Black (beide großartig), Ellen Burstyn, Jennifer Salt, Richard Dreyfuss, Vilmos Zsigmond, Paul Schrader (der das Buch hasst), John Milius, Cybill Shepherd und andere erstaunlich freizügig über ihre Erlebnisse der Zeit berichten. Ebenso wie in der Buchvorlage gibt es neben den filmischen Fakten sehr viel privates zu hören, teilweise werden auch wilde Gerüchte aus dem Buch wieder gerade gerückt.
Wir erfahren, wie Bogdanovichs Ehe am Set von "Last Picture Show" zerbrach, wie John Schlesinger sich bei den Dreharbeiten von "Midnight Cowboy" outete, wie Dennis Hopper völlig zugedröhnt seinen Film "The Last Movie" (1971) in den Sand setzte, warum vielen der genialen Filmbesessenen nach ihren ersten Erfolgen der Ruhm zu Kopf stieg und sie mit ihrer Carte Blanche, die sie von den Produzenten erhielten, gewaltige Misserfolge wie "New York, New York" (Scorsese, 1977) oder "At Long Last Love" (Bogdanovich, 1975) inszenierten. Wir hören auch, wie Sam Peckinpah sich zu Tode soff und die Modedroge Kokain Ende der 70er in Hollywood Einzug hielt und einige glänzende Karrieren beendete.

Die Interviews werden von Filmausschnitten, Fotos und animierten Filmpostern begleitet, insgesamt ist EASY RIDERS, RAGING BULLS ebenso aufschlussreich wie unterhaltsam. Unabhängige Filmemacher wie John Cassavetes oder Woody Allen, die entscheidend zum 70er-Kino beigetragen haben, werden dabei nur am Rande erwähnt, hier empfiehlt sich die Dokumentation "A Decade Under the Influence" (2003).

EASY RIDERS, RAGING BULLS ist hierzulande leider nicht auf DVD erschienen. Die britische DVD bietet als Bonus ca. 90 Minuten weitere bzw. verlängerte Interviews mit Schwerpunkten zu "Midnight Cowboy", Schrader, Bogdanovich und Scorsese. Für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, ist Bowsers Film (ebenso wie Biskinds Buch) Pflichtprogramm.

09/10

Sonntag, 12. September 2010

Zum Tode Claude Chabrols (1930-2010)

Der französische Regisseur Claude Chabrol ist heute, am 12. September 2010, im Alter von 80 Jahren in Paris verstorben.

Neben Francois Truffaut und Jean-Luc Godard zählte er zu den bedeutenden Regisseuren der "Nouvelle Vague". Seine Liebe zum Filmemachen war bis ins hohe Alter ungebrochen, zuletzt inszenierte er "Kommissar Bellamy" (2009). Zu seinen vielen Meisterwerken gehören etwa "Der Schlachter" (1970), "Die Fantome des Hutmachers" (1982) und "Das Biest muss sterben" (1969).

Seine Werke zeichnen sich durch feinsinnigen Humor und bissige Kommentare zur Bourgeoisie aus, deren Scheinheiligkeit und Doppelmoral er immer wieder mit Freude und böser Zunge entlarvte. Auch seine Liebe zu Hitchcock fand sich in vielen seiner Filme wieder. Als Regisseur war Chabrol ein Familienmensch. Ehefrau Stéphane Audran spielte viele Hauptrollen in seinen Filmen, und seit den frühen 80ern sorgte Sohn Matthieu Chabrol für die musikalische Untermalung der Werke seines Vaters. Die Balance zwischen Anspruch und spannender Unterhaltung gelang Claude Chabrol bewundernswert oft, dabei war er stets ein Regisseur der leisen Töne. In den letzten Jahren hat er mehrere europäische Preise für sein Lebenwerk erhalten.
Mit Chabrol verliert das Kino einen seiner wichtigsten, produktivsten und kreativsten Künstler. Er war und ist unersetzlich.



Ausführliche Rezensionen zu Chabrol-Filmen finden sich HIER (die Klassiker) und HIER.

Teufelskreis Alpha (1978)

TEUFELSKREIS ALPHA (The Fury) gehört nach wie vor zu den weniger bekannten Horrorfilmen Brian De Palmas. Nach dem Riesenerfolg von "Carrie" (1976), der sowohl De Palma als auch Stephen King über Nacht zu Starruhm katapultierte, inszenierte der Regisseur diesen Nachzieher, der viele Elemente aus dem Vorgänger (sowie dem King-Roman "Firestarter", der später von Mark Lester verfilmt werden sollte) benutzt, diese aber mit De Palma-spezifischen Lieblingsthemen verbindet (dunkle Polit-Mächte, Observationen, Gehirnwäsche).

Der Plot kreist um die telepathisch begabte Amy Irving, die vom tot geglaubten CIA-Agenten Kirk Douglas aufgegriffen wird, um dessen ebenfalls mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestatteten Sohn (Andrew Stevens) zu finden, der von Douglas' ehemaligem Chef (John Cassavetes) in einem abgelegenen Institut zur Erforschung von Telepathie und ähnlichen Phänomenen festgehalten wird. Aufgrund einiger Gehirnwäschen aber ist aus dem netten Jungen eine menschliche Bestie geworden, die ihre Fähigkeiten nur noch zur Zerstörung einsetzen kann, was zu einer Tragödie führt...

TEUFELSKREIS ALPHA ist zwar nicht besonders geradlinig erzählt, dennoch hat De Palma einen auf der visuellen und akustischen Ebene sensationellen Horror-Thriller mit grandioser Besetzung abgeliefert, der von einem großen Höhepunkt zum nächsten steuert. Die einzelnen Set-Pieces (Amy Irvings Flucht aus dem Institut, das tödliche Karussell) sind schlicht atemberaubend inszeniert. Wie üblich benutzt De Palma alle Tricks, die ihm zur Verfügung stehen, von Split Screen bis Slow-Motion, springt in den Erzähl- und Zeitebenen hin und her und lässt alle Fäden in einem explosiven Finale zusammenlaufen. Der Schluss inspirierte offensichtlich David Cronenberg zu seinem Sci-Fi-Thriller "Scanners" (1981)

Unterstützt wird das Spektakel von einem kraftvollen John Williams-Score, der so gar nichts mit dessen zuckersüßer Spielberg-Musik gemein hat. Ebenso wie in "Carrie" hat De Palma ein fantastisches Ensemble zusammengestellt, darunter Leinwandgrößen wie Douglas (mit dem er 1980 die Satire "Home Movies" realisierte), Autorenfilmer Cassavetes und hervorragende Charakterdarsteller wie Charles Durning, Fiona Lewis und De Palma-Spezi William Finley ("Sisters", 1973, und "Phantom im Paradies", 1974) als gestörtem Medium. In einer Nebenrolle ist Dennis Franz ("Dressed to Kill", "Blow Out") als sympathischer Cop zu sehen, dessen brandneuer Wagen von Douglas ins Hafenbecken befördert wird.

TEUFELSKREIS ALPHA leidet darunter, dass trotz des Staraufgebotes keine echte Identifikationsfigur für den Zuschauer vorhanden ist, aber er ist extrem spannend, SEHR blutig, steckt voll bösem Humor und intelligenter Einfälle. Seine Ablehnung der amerikanischen Geheimdienste und politischen Strippenzieher zeichnen ihn als klaren Beitrag des 70er-Kinos aus . Ein Leckerbissen für Filmfans. Sehr zu empfehlen!

9,5/10

John Cassavetes kurz vor seinem verdienten Ende als Bösewicht

Dracula (1958)

"Hören Sie, die Kinder der Nacht..."

Nachdem die britischen Hammer Films mit "Frankensteins Fluch" (The Curse of Frankenstein) 1957 zum ersten Mal einen Klassiker der Horror-Literatur in Farbe auf die Leinwand brachten und das Publikum sich begeistert zeigte, nahm man sich ein Jahr später des nächsten legendären Horror-Stoffes an, Bram Stokers DRACULA (Horror of Dracula). Zwar erlaubt der Film sich sehr viele Freiheiten im Umgang mit der literarischen Vorlage, aber er war eine ebenso großer Hit bei Zuschauern wie der Vorgänger, und er hat dank der Vorstellungen von Christopher Lee und Peter Cushing den Dracula-Mythos neu definiert.
Heute ist er selbst ein anerkannter Klassiker des Genres, und von allen Verfilmungen Stokers ist er mein persönlicher Favorit.

Terence Fishers DRACULA spielt zur Gänze in Rumänien (in der deutschen Synchronfassung in England, warum auch immer). Jonathan Harker (John Van Eyssen) ist kein Immobilienmakler, sondern ein als Bibliothekar getarnter Vampirjäger, der den blutsaugenden Grafen Dracula (Lee) zur Hölle schicken will. Stattdessen aber wird er selbst zum Opfer des Vampirs und von seinem Freund Abraham Van Halsing (Cushing) per Holzpflock von dem Vampirfluch erlöst. Van Helsing schickt sich darauf an, Dracula persönlich zur Strecke zu bringen...

Schon an der kurzen Inhaltsangabe merkt man, wie wenig die Handlung im Grunde mit Stokers Vorlage zu tun hat. Dennoch greift das Drehbuch von Jimmy Sangster ("Ein Toter spielt Klavier") genügend Motive, Details und Figuren auf, um den Geist des Romans zu übertragen. Eine der größten Veränderungen betrifft die Figur Van Helsings, der von Peter Cushing meisterhaft und intensiv dargestellt wird. Er ist der positive Held des Films, der unerbittliche Vampirjäger, selbst ein Besessener, dessen ungewöhnliche Methoden seine Umwelt irritieren, der aber am Ende auf spektakuläre Weise sein Ziel erreicht. Damit steht er in der Tradition des klassischen Filmhelden, während er bei Stoker nicht mehr als ein eigenwilliger Gelehrter war, der dem Vapir nur wenig entgegenzusetzen hat.

Christopher Lee hingegen nutzt sein gewaltiges Charisma und seine beeindruckende Statur für eine deutlich sexuellere Komponente in der Darstellung Draculas. Er spricht kaum, dafür flößt er dem Zuschauer und den Charakteren bei jedem Auftritt Respekt und Furcht ein. Und wenn die holde Weiblichkeit des nachts mit weit geöffneter Bluse und wogendem Busen bei offenem Fenster in den Kissen liegt, erwartet sie wahrscheinlich mehr als nur einen Biss des Grafen. Nicht umsonst zeigen die Frauenfiguren allesamt kein romantisches Interesse an einem anderen Mann als Dracula himself.

Kritiker und Experten des Horrorfilms zeigten sich seinerzeit entsetzt von Hammers Freiheiten im Umgang mit dem Stoff sowie der Entscheidung, den Film in Farbe zu drehen, da ihrer Meinung nach nur das atmosphärische Schwarzweiß geeignet war, doch die Zuschauer liebten Hammers Version vom ersten Tag an. Heute darf man feststellen, dass die Farbe in diesem frühen Hammer-Film zwar reißerisch (z.B. um das Blut in sattem Rot auf die Titel tropfen zu lassen), aber auch sorgfältig und stimmungsvoll eingesetzt wird. Eine ähnliche Liebe zum Detail findet sich auch in der Ausstattung und den Kostümen. Die Nebendarsteller leisten zudem gute Arbeit, auch wenn der Film ganz Lee und Cushing gehört, die auch in den Folgeproduktionen immer wieder eingesetzt wurden.
Regisseur Fisher inszeniert viele unvergessliche Momente, etwa die Begegnung Harkers mit einem weiblichen Vampir und Lees folgenden furiosen Auftritt als reißende Bestie. Der beste Moment kommt wenig später, wenn Harker sich aufmacht, Dracula in seinem Sarg zu pfählen, diesen aber leer vorfindet, während Draculas Schatten sich bereits auf dem Weg zur Gruft befindet, um Harkers Leben auszulöschen...

Christopher Lees Darstellung des Dracula war für Jahrzehnte der Standard, an dem sich jeder weitere Interpret messen lassen musste. Für mich ist er bis heute neben dem unsterblichen Lugosi der einzig "wahre" Dracula, an den weder der Brusthaar-toupierte Frank Langella noch der operettenhafte Gary Oldman heranreichen, auch wenn jene Verfilmungen auf ihre Art sehr gelungen waren.

10/10

Das Relikt (1997)

DAS RELIKT - MUSEUM DER ANGST (The Relic) war im Jahr 1997 der Überraschungshit in den Kinos. Die Verbindung aus angenehm altmodischem Monster-Movie und modernster Effekt-Technik hat die Zuschauer angesprochen und sorgte für frischen Wind im stagnierenden Horror-Genre der 90er.
Aus heutiger Sicht darf man feststellen, dass DAS RELIKT nach wie vor ein extrem unterhaltsames Spektakel ist, die Schwächen sind aber unübersehbar und halten sich mit den positiven Aspekten ungefähr die Waage.

Nach (viel zu langer) Exposition irgendwo im Dschungel und in irgendwelchen Häfen springt die Handlung ins Naturkundemuseum Chicagos, in dessen unterirdischen Tunneln sich ein reptilienartiges Monster herumtreibt, das unschuldige Besucher und Angestellte enthauptet und deren Gehirn verschlingt, weil es zum Überleben den menschlichen Hypothalamus benötigt (lecker!). Der knallharte Cop Tom Sizemore und die zähe Evolutionsbiologin Penelope Ann Miller versuchen das Monster zu bekämpfen, das eine feierliche Eröffnung in ein Blutbad verwandelt und Jagd auf eine Gruppe eingeschlossener Partygäste macht...

Regisseur und Kameramann Peter Hyams hat in mehreren Genres gearbeitet und nie einen herausragenden Film inszeniert, dafür aber viel gutes Popcorn-Kino. DAS RELIKT gehört zu seinen besten Werken. Dass der brachiale Score, die Ausstattung und mehrere Drehbuch-Ideen an James Camerons Hit "Aliens" (1986) erinnern, kommt nicht von ungefähr, denn Produzentin Gale Anne Hurd war für beide Produktionen verantwortlich (von denen "Aliens" dann doch der weitaus bessere Film ist).

Ein Großteil des Erfolgs ist den Darstellern zu verdanken, die sich mit Lust und Freude in ihre teils schrägen Rollen werfen. Penelope Ann Miller ist eine B-Filmheldin, wie sie im Buche steht - sexy, intelligent und durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen, während der übergewichtige, mürrische und abergläubische Cop Sizemore (der sich unentwegt mit seiner Ex-Frau um das Sorgerecht für seinen Hund streitet) ständig bemüht ist, nicht unter Leitern durchzugehen und kein Salz zu verstreuen. In Nebenrollen glänzen die wundervolle Linda Hunt als Museumschefin, die unbedingt ihre Eröffnungsfeier durchziehen will, obwohl gerade Köpfe rollen, sowie James Whitmore als an den Rollstuhl gefesselter Anthropologe, dessen Filmtod tatsächlich traurig stimmt, weil seine Figur so liebenswert gezeichnet ist. Einen amüsanten Gastauftritt liefert Audra Lindley als skurrile Pathologin ("Das Gehirn ist zu klein - sogar für einen Mann!").

Peter Hyams legt nach der bedächtigen Exposition ordentlich Tempo vor und kümmert sich weder um Logiklöcher noch sonderlich um Glaubwürdigkeit. So ist die Erklärung für die Entstehung des Monsters (daran beteiligt: ein Wissenschaftler, eine Pflanze, ein Käfer, ein Reptil und vielleicht eine mystische Höllenkreatur, niemand weiß es genau) dermaßen verwirrend geraten, dass man sie schon nicht versteht, wenn sie ausgesprochen wird, geschweige denn im Rückblick.
In der packendsten Sequenz wird das Museum per Computer abgeriegelt, während im Inneren das Monster gerade die Gala aufmischt, was zur Panik unter den Gästen führt. Da rummst und kracht es wie im 70er-Katastrophenkino. Wer jemals im wahren Leben eine Massenpanik erlebt hat, wird an dieser Szene sicher nichts unterhaltsames finden, aber so ist es mit vielen Dingen im Action-und Horror-Kino. In dieser Sequenz wird das im Grunde alberne Monster-Spektakel zu nachvollziehbarem Horror.

Zu Hyams' Regiekonzept gehört es, das von Stan Winston kreierte Monster so wenig wie möglich zu zeigen und es im Kopf des Publikums entstehen zu lasen. Das ist zwar lobenswert und ganz im Sinne des klassischen Horrorfilms, führt aber dazu, dass viele Szenen so schlecht ausgeleuchtet und rasant montiert sind, dass man zum Teufel nicht begreift, was gerade vor sich geht. Was ich ursprünglich für einen Fehler des DVD-Prints hielt, wird auch auf der hochauflösenden US-Blu-Ray nicht besser, schade.
Mit seiner Lauflänge von 110 Minuten ist DAS RELIKT dazu deutlich zu lang geraten, und viele Szenen in den feuchten Katakomben des Museums wirken redundant. Das Finale, in dem Penelope Ann Miller im Cocktailkleid durch die Laboratorien gehetzt wird, bevor sie das Ungeheuer in tausend Teile sprengt, entschädigt dann wieder für einige Längen, und die Spezialeffekte des brennenden Relikts, das Miller verfolgt, können sich heute noch sehen lassen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass DAS RELIKT für einen Film, der sich so ausgiebig bei anderen Werken bedient und im Grunde nichts Neues bietet, erstaunlich gut funktioniert.

07/10

Samstag, 11. September 2010

Indiskret (1958)

Nach Ingrid Bergmans grandioser Rückkehr nach Hollywood (sie verließ 1949 Ehemann, Tochter Pia und Amerika, um mit Roberto Rossellini in Italien zu leben und zu arbeiten, was Hollywoods Moralhüter mit einem Sakrileg gleichsetzten) und dem Oscar für "Anastasia" (1956) konnte sich die Schauspielerin ihre Rollen wieder aussuchen und wählte als Nachfolger die leichte Komödie INDISKRET (Indescreet), nach der erfolgreichen Boulevard-Komödie "Kind Sir", in der Charles Boyer (früherer Bergman-Partner im "Haus der Lady Alquist", 1944) und Mary Martin die Rollen spielten, die in der Filmversion von Bergman und Co-Star Cary Grant übernommen wurden.

Die erfolgreiche Schauspielerin Anna Kalman (Bergman) kommt nach London, wo sie sich in den internationalen Finanzexperten ("Ich bin verrückt nach harter Währung!") Philip Adams (Grant) verliebt. Der ist jedoch verheiratet, was die Affäre aber nicht verhindert. Dann findet Anna heraus, dass Philip die angebliche Ehe nur erfunden hat, um sich nicht binden zu müssen. Jetzt sinnt die einfallsreiche Lady auf Rache, ungeahnt der Tatsache, dass Philip sich längst entschlossen hat, die Lüge aufzudecken und Anna zu ehelichen...

Grant und Bergman standen bereits zuvor unter der Regie Alfred Hitchcocks in dessen Meisterwerk "Berüchtigt" (1946) vor der Kamera, und ihre perfekte Chemie ist ungebrochen. Den beiden zuzusehen, ersetzt komplette Filmplots, was sehr hilfreich ist, denn INDISKRET besitzt auch keinen nennenswerten.
Die Hälfte der Filmzeit beschreibt allein das Kennenlernen und die Entwicklung der Romanze zwischen beiden, und so handlungsarm diese Passagen auch sind, so wundervoll sind sie anzuschauen. Die hinreißend schöne Ingrid Bergman darf berückende Abendkleider von Christian Dior tragen und unentwegt sarkastische Kommentare abgeben, während Grant den formvollendeten Kavalier mit Hang zu kleinen Bösartigkeiten bereits so perfektioniert hat, dass er für alle Zeiten die Idealbesetzung in dieser Art Rolle ist. Seine Sternstunde erfolgt auf einer noblen Abendgesellschaft, wenn er einen skurrilen Gesellschaftstanz vorführen muss, von dem er keine Ahnung hat, während eine amüsierte Bergman in goldener Robe zusieht und feststellt, dass sie sich in ihn verliebt hat.

Die Londoner Locations werden von Regisseur Stanley Donen farbenprächtig in Szene gesetzt, die Dialoge sind amüsant und geistreich, die Liebesgeschichte entwickelt sich unter reifen, erwachsenen Charakteren, die sich zwar zuweilen wie Kinder aufführen, um der Komödie Rechnung zu tragen, insgesamt aber genügend Tiefe und Ernsthaftigkeit besitzen, damit diese Beziehung im Rahmen des Hollywood-Glamours glaubwürdig bleibt.
Es hilft natürlich, dass man über Bergmans "Skandal" und Grants zahlreiche gescheiterten Ehe-Versuche (kein Kommentar!) Bescheid weiß. Dieses Wissen bereichert den Film noch um eine weitere, sehrdelikate Dimension.

INDISKRET versucht nicht, eine Botschaft oder Moral loszuwerden, sondern will lediglich angenehm, charmant und niveauvoll unterhalten, das macht ihn so sympathisch. Wenn man sich anschaut, wie heutige "Romantic Comedies" verzweifelt versuchen, Lacher durch schlüpfrigen Slapstick zu erzeugen und mit ausdrucks- und persönlichkeitsarmen Darstellern besetzt werden, die zufällig gerade "in" sind, kann man einen so entspannten, sicheren und augenzwinkernden Klassiker wie INDISKRET nur noch mehr genießen, der dank seiner bestens aufgelegten Stars für immer unsterblich sein wird.

08/10

Donnerstag, 9. September 2010

Freitag der 13. (1980)

Die Zeit: Mitte der 80er. Der Videorekorder hält Einzug in die bundesdeutschen Haushalte, überall entstehen kleine Videotheken in verschwiegenen Seitenstraßen. Der Zutritt ist erst ab 18 Jahren gestattet, es darf drinnen geraucht werden, es riecht nach Muff und Staub und blauem Dunst.
Die Erwachsenenfilme, zu denen auch die Horror-Abteilung gehört, befinden sich hinter einem extra Vorhang aus klapperndem Bambus oder Bretterverschlägen. Man kann zwischen VHS, Video 2000 und Beta wählen. Ich selbst bin noch keine 18, habe mich aber im Schatten meiner großen Schwester hineingeschummelt und erschaudere wohlig beim Anblick der verranzten VHS-Cover. Blutige Turnschuhe, aufgespießt auf Holzpfählen ("Sleepaway Camp"), Kleinkinder mit Teufelsfratzen ("Die Brut"), explodierende Köpfe ("Scanners"), ich glaube, ich bin im Himmel.
Eines dieser Cover sieht besonders gefährlich aus. Eine blutige Axt steckt in einem harmlosen Kopfkissen, darüber steht FREITAG DER 13. (Friday the 13th). Muss ich sehen!

Zu Hause wird das Licht gedimmt, die Kartoffelchips stehen auf dem Tisch, es geht los. Das Band wurde offenbar sehr oft geliehen, das Bild läuft durch, es gibt Drop-Outs und Spurprobleme. Egal. Zwei Sommercamp-Mitarbeiter werden noch vor dem Vorspann umgebracht, nicht besonders blutig. Okay, das ist nicht so schlimm, das stehe ich durch. Die Handlung plätschert weiter, dann wird die Köchin Annie (Robbi Morgan) nach einer Fucht durch den Wald vom Killer ermordet. Dabei wollte sie doch nur mit Kindern arbeiten und eine schöne Zeit verbringen, jetzt liegt sie mit durchschnittener Kehle im Laub... diese Szene hat es in sich, mit bleibt die Luft weg.

Heute kann jedes Kind die Qualität der CGI-Effekte als gut oder schlecht beurteilen. Von denen kann keiner nachvollziehen, wie dieses sensationelle "Wow, wie haben die das gemacht?" sich anfühlt. Der Horrorfilm, und insbesondere der Slasherfilm, war Anfang der 80er das, was die Rummelplatz-Freakshow in alten Zeiten war. Maskenbildner und Effekte-Guru Tom Savini begründete mit FREITAG DER 13. seinen Ruhm durch ausgefeilte, spektakuläre Blut- und Ekelszenen. Einen FREITAG der 13. zu sehen war wie eine Mutprobe - wer bis zum Schluss aushielt, hatte starke Nerven. Meine Freundin Tini sah den Film heimlich, als sie ungefähr 12 war, und sie hat seitdem nie wieder einen Wald betreten, glaube ich. Noch heute kreischt sie bei Horrorfilmen los, selbst wenn gar nichts passiert.

Die Handlung ist so simpel wie schlüssig - eine Gruppe junger Leute, die ein Feriencamp am Waldsee neu eröffnen will, in dem vor Jahren ein schreckliches Unglück sowie mehrere Morde geschahen, wird von einem Unbekannten auf kreative Art und Weise dezimiert. Alles in einer Nacht, ganz wie in "Halloween" (1978), der eindeutig als Pate Vorbild stand. Ein kleiner, dreckiger und billiger Film ist dabei herausgekommen, das geringe Budget merkt man schon am Fehlen von Stuntleuten, die Darsteller machen alles selbst.
FREITAG DER 13. wurde ein Riesenerfolg, der Unsummen einspielte. Der Name Jason Vorhees ging in die Horror-Geschichte ein, auch wenn er hier in Teil 1 bekanntermaßen nicht der Killer ist, sondern seine Mutti, gespielt von Betsy Palmer, die nette TV-Dame von nebenan, deren Auftritt als gemeingefährliche Meuchlerin das US-Publikum schockte – so als hätte bei uns die selige Inge Meysel eine Serienkillerin gespielt.
Die Kritiker zerrissen den Film in der Luft und starteten eine Kampagne gegen Paramount, die den Film kauften und ihn mit enormem Werbeaufwand vermarkteten. Der Protest der Kritiker und Medien (der sich darauf gründete, dass ein Major Studio wie Paramount mit FREITAG DER 13. zu tief gesunken war) führte dazu, dass viele Folgeproduktionen einem strengeren Freigabe-Code unterlagen und häufig gekürzt wurden, bevor sie in die Kinos kamen.

Und dennoch: Regisseur Sean S. Cunningham, der nur wenig Erfahrung im Genre hatte, gelingt es, eine grimmige, realistische Atmosphäre zu erschaffen und zumindest die zweite Filmhälfte in Hochspannung zu halten. Komponist Harry Manfredini hat mit seinem Ch-ch-ch-ha-ha-ha-Score einen Horror-Sound kreiert, der gleich neben John CarpentersHalloween“-Thema und Bernard Herrmanns kreischenden „Psycho“-Geigen seinen festen Platz in der Horrorgeschichte eingenommen hat.
Die Darsteller, darunter der junge Kevin Bacon, der gleich noch seinen nackten Hintern in die Kamera halten darf, agieren passabel, Charakterisierungen gibt es ohnehin nicht – nicht einmal das „Final GirlAlice (Adrienne King) wird als besonders züchtig gezeichnet, wie es so oft im Slasherfilm vorkommt. Sie behält zwar beim Strip-Monopoly die Bluse an, aber nur, weil sie Glück im Spiel hat. Die Schauspieler sind unwichtig, der Star heißt Tom Savini, und der sorgt für jede Menge abgetrennter Köpfe, durchbohrte Körper und durchtrennte Halsschlagadern. Wie machen die das? Das war der Spaß an Filmen wie diesem. Eine Geisterbahnfahrt. Eine Achterbahn. Man kreischt und freut sich, dass man am Leben ist.
Am Ende ist alles schön grün, die Sonne scheint, der Sheriff kommt... und Sean Cunningham holt zu seinem ultimativen Schock aus.

FREITAG DER 13. mag nicht das letzte Wort in Sachen Horror sein, dafür ist er zu simpel gestrickt, aber wer mit dem Videorekorder groß geworden ist, für den werden Filme wie dieser und Besuche in der örtlichen Videothek für immer unvergesslich bleiben.

10/10

Freitag der 13. - Die Sequels (1981-2001)


FREITAG DER 13. Teil 2 (1981)

Mit größerem Budget und besseren Production Values erzählt Steve Miner die Geschichte weiter, bzw. noch einmal von vorne. Jasons Mutti Betsy Palmer hat den ersten Teil bekanntermaßen ohne Kopf verlassen, also muss diesmal der Sohnemann selbst die Morde ausführen. Mit einem Sack über dem Kopf, aus dem ein Auge herausglotzt, geht er ans blutige Werk. Sean S. Cunningham und Autor Victor Miller sowie Tom Savini beteiligten sich nicht am Projekt.
Der Film plätschert lange Zeit dahin, die Morde sind erstaunlich unblutig (was auf Kürzungen seitens Paramount zurückgeht, die nicht schon wieder ihren guten Ruf aufs Spiel setzen wollten). Buch und Regie bedienen sich ausgiebig bei Mario Bavas "Bay of Blood" (1971). Hauptdarstellerin Amy Steel ist ein überzeugendes Final Girl, und der Schlussfight zwischen ihr und Jason bietet ein paar spannende Sequenzen. Ansonsten leidet der Film an der typischen Sequel-Krankheit. Alles schon dagewesen und keine neuen Ideen.

UND WIEDER IST FREITAG DER 13. (1982)
Der dritte Teil der Reihe wartet als einziger mit Cinemascope und 3-D auf, inhaltlich gibt es wenig Neues. Wieder fahren ein paar dumme Teenager aufs Land, geraten an eine böse Rockerbande und werden von Jason dahingemetzelt.
Dies ist der Teil, in dem Jason endlich seine Hockeymaske erhält, die zum Markenzeichen wurde. Die 3D-Effekte sind relativ albern, mit Ausnahme einer Harpune, die direkt auf den Zuschauer abgefeuert wird. Die Darsteller sind nicht der Rede Wert, die Mordsequenzen drastischer als in Teil 2, aber in solch einem absurden Kontext besitzen sie keinen Schockwert. Trotzdem ist der Film nach wie vor bundesweit wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt, was sicher nur die verstehen, die dafür verantwortlich sind.

FREITAG DER 13. - DAS LETZTE KAPITEL (1984)
Von wegen letztes Kapitel!
Das einzig bemerkenswerte an diesem erneuten Aufguss sind die Auftritte von Crispin Glover und dem jungen Corey Feldman als Horrorfreak Tommy Jarvis, der Jason letztendlich zur Strecke bringt, sowie die Tatsache, dass Tom Savini erneut für die Spezialeffekte zuständig war. Daher ist dieser Beitrag auch wieder etwas härter ausgefallen als die Vorgänger.
Regisseur Joseph Zito spult das blutige Geschehen düsterer als gewohnt herunter, und so wurde das "letzte Kapitel" mit seinem Grand Guignol-Finale (Jason "fällt" kopfüber in eine Machete - autsch!) zum beliebtesten Sequel der Fans.

FREITAG DER 13. - EIN NEUER ANFANG (1985)
Wer hätte das gedacht? Das Morden geht weiter.
Gäbe es Teil 8 nicht, wäre dieser Beitrag wohl der schlechteste. Die Erfolgsformel wird überraschend verlassen, um einen simplen Whodunit zu erzählen. Regisseur Danny Steinmann inszeniert ohne jede Handschrift, die unsympathischen Charaktere geben dem Film den Rest. Und von Jason ist weit und breit keine Spur zu sehen, da sich in diesem Aufguss nur jemand dessen Mordmerkmale ausborgt.
Lediglich Hauptdarsteller John Shepherd kann einigermaßen als gealterter und von Jason besessener Tommy Jarvis überzeugen. Aber ist er auch für die Morde in einer Erziehungsanstalt verantwortlich?

FREITAG DER 13. - JASON LEBT (1986)
Regisseur Tom McLoughlin setzt Jason wieder in den Wald, wo er hingehört. Er bemüht sich zudem um kreative Ideen in der ausgelutschten Storyline und baut selbstironischen Humor ein. So sehen wir etwa vor dem Vorspann das Erkennungsmerkmal der Bond-Filme mit Jason als 007, und einige Dialoge sollen eher zum Schmunzeln denn zum Fürchten anregen. Das reicht aber nicht, um den Film über das absolute Mittelmaß zu heben.
Hauptdarsteller Thom Mathwes ("Return of the Living Dead") ist hübsch anzuschauen, und der Film erzielt einen Riesen-Lacher, wenn ein Pärchen nachts im Wald auf Jason trifft und der junge Mann (Tony Goldwyn) beschließt, ihm Angst zu machen, woraufhin seine Freundin erwidert: "Wir machen IHM Angst?"

FREITAG DER 13. - JASON IM BLUTRAUSCH (1988)
Und noch eine neue Idee im Horror-Einerlei, auch bekannt als "Jason vs. Carrie".
Hier trifft der unkaputtbare Killer Jason auf ein telekinetisch begabtes Mädel namens Tina. Neben einem höheren Body Count, einem attraktiven Cast und dem scheußlich-schönen Anblick von Jasons Horror-Fratze ohne Maske bietet der Film ein effektemäßig ansehnliches Finale im ewigen Kampf Gut gegen Böse, kann aber letztlich nur Hardcore-Fans begeistern.
Was soll man von einem Teil 7 auch erwarten?

FREITAG DER 13. - TODESFALLE MANHATTAN (1989)
Der Film hält leider nicht, was der Titel verspricht, denn nach New York schafft es Jason erst in den letzten 20 Minuten, der überwiegende Teil des Sequels spielt auf einem Ausflugsdampfer, auf dem einige Teenager dem fröhlichen Beischlaf und Discomusik frönen, während unser Killer an die Arbeit geht.

Die lächerlichen Effekte, das Fehlen von Harry Manfredinis Musik und die komplette Ideenlosigkeit des Ganzen macht diesen Beitrag zum schlechtesten Teil der Reihe. Reine Zeitverschwendung.

JASON GOES TO HELL (1993)
New Line Pictures übernahmen die Rechte an der Reihe von Paramount und ließen erstmals "ihren" Jason auf die Leinwand los, um ihn sogleich in die Hölle zu schicken. Die Fans waren begeistert aufgrund des hohen Gore-Faktors, inhaltlich aber ist diese "Neuinterpretation" dermaßen konfus und spannungslos geraten, dass der Film kaum ein offizieller Schlusspunkt sein konnte.
War er auch nicht.
Die Klingenhand von Freddy Krueger, die in der Schlusseinstellung Jasons Maske in die Tiefen der Hölle reißt, war die Geburtsstunde der Idee, die später in "Freddy vs. Jason" (2003) realisiert werden sollte.

JASON X (2001)
Oder auch "Jason im Weltall". Der zweite von New Line produzierte Beitrag zur unsterblichen Slasher-Reihe wartet mit guten Effekten, kreativen Morden und einer ansehnlichen Portion Humor auf, außerdem spielt Regisseur David Cronenberg eine kleine Rolle und sorgt als einziger für ein bisschen Klasse.

Ansonsten gibt es weder echte Spannung noch Atmosphäre, die Grundidee wirkt sehr verzweifelt. Der Film lag zwei Jahre im Regal und war ein Flop, als er schließlich veröffentlicht wurde. Möglicherweise ist für einen Jason, der so sehr Prototyp des 80er-Kinos war, einfach kein Platz mehr im Kino der 2000er. "Freddy vs. Jason" und das überflüssige Remake des Originals von 2009 haben das nachdrücklich bewiesen.

Ich würde mich vielleicht nicht unbedingt als Hardcore-Fan der Reihe bezeichnen, aber ich sehe sie immer wieder mal gerne (wenn auch häufig im Schnelldurchlauf). Aus objektiver Sicht muss man aber feststellen, dass keiner der Teile auch nur eine einzige künstlerisch wertvolle Sequenz, gute Dialoge oder überdurchschnittliche schauspielerische Leistung bietet. Schon erstaunlich.

Sonntag, 5. September 2010

Hitcher, der Highway-Killer (1986)

Plötzlich steht er da, mitten im Unwetter, nachts auf einsamer Landstraße, und streckt den Daumen raus. Der mysteriöse Anhalter heißt John Ryder (Rutger Hauer), der junge und naive Jim (C. Thomas Howell) nimmt ihn mit, um nicht am Steuer einzuschlafen. Eigentlich wollte er nur ein Fahrzeug überführen, jetzt hat er einen Serienkiller auf dem Beifahrersitz.
"Sag vier Worte: ich möchte tot sein!" verlangt der Hitcher, bevor Jim ihn in letzter Sekunde aus dem Wagen befördern kann.

Doch damit fängt der Alptraum erst an...

Robert Harmons Regiedebüt HITCHER, DER HIGHWAY-KILLER (The Hitcher) gehört zu den Thriller-Highlights der 80er. Die Verbindung aus Psycho-Thriller, Roadmovie und Western-Motiven ist mit das Spannendste, was das Jahrzehnt filmisch hervorgebracht hat. Harmon, der viel von Hitchcock gelernt hat und den Unschuldigen zum Gejagten werden lässt, spult das mörderische Geschehen souverän vor endlosen Wüstenpanoramen, in einsamen Motels, verlassenen Diners und Tankstellen ab.
John Ryder ist dabei weniger der Killer aus Fleisch und Blut als ein mystischer Todesengel, der den jungen Jim (dessen Mutter ihn noch warnte, keine fremden Männer mitzunehmen) ins Verderben reißt. Er ist der namenlose Reiter (Rider/Ryder), unaufhaltsam, nur an der Zerstörung, vielleicht noch an der Verführung interessiert. Die Beziehung zwischen Jim und Ryder ist geprägt von homoerotischen Momenten - als sie eine Polizeisperre passieren, spielt der Killer den Beamten eine sexuelle Beziehung zu Jim vor. Ist Jims fahrlässige Mitnahme der zwielichtigen Gestalt ausreichend durch Sehnsucht nach Gesellschaft begründet, oder schlummern auch in ihm Sehnsüchte nach Zugehörigkeit? Besteht Ryders Wunsch darin, einen Gefährten zu finden und macht ihn deshalb zum Outlaw, wie sich selbst?

Robert Harmon (nach einem Drehbuch von Eric Red, der ein Jahr später den Western mit dem Vampirfilm in Kathryn Bigelows "Near Dark" verband) inszeniert atemlos und dreckig. Wenn C. Thomas Howell mit Benzin übergossen wird, kann man den Sprit riechen, und man spürt den Sand und Staub der Landschaft. Gegen Ende stapeln sich die Schrottautos auf der Landstraße wie in George Millers "Mad Max" (1979). In harmlosen Pommes verbirgt sich ein abgetrennter Finger, eine Polizeistation wird komplett niedergemetzelt (bis auf den Schäferhund, das Tier, das bezeichnenderweise von Ryder verschont wird), und der armen Jennifer Jason Leigh, die doch nur helfen will, widerfährt ein so schreckliches Schicksal, dass man es kaum aussprechen mag.

Am Ende stehen sich Jim und John wie Antagonisten eines Westerns im Sonnenuntergang gegenüber, aber nur einer trägt eine Waffe. Der andere ist die Waffe.
Eines ist klar - der "Hitcher" kehrt zurück, spätestens im unsäglich konventionellen Remake von 2007. Harmons Film ist ein Meisterwerk an Atmosphäre, unterstützt von einem tranceartigen Tangerine Dream-Soundtrack und dem unendlich charismatischen Rutger Hauer als personifiziertem Bösen.

09/10

Der Schwanz des Skorpions (1971)

Sergio Martinos DER SCHWANZ DES SKORPIONS (La Coda Della Scorpione) gehört zu den spannendsten und temporeichsten Gialli der 70er und weist beinahe sämtliche Merkmale des Genres in exemplarischer Weise auf.

Der Inhalt: ein Flugzeug explodiert, an Bord ein vermögender Engländer, der kurz zuvor eine Lebensversicherung über eine Million in Athen abgeschlossen hat. Seine Witwe Lisa (Ida Galli) reist nach Griechenland, um das Geld zu kassieren, im Schlepptau jede Menge finsterer Verfolger, darunter Versicherungsdetektiv Peter (George Hilton). Als Lisa von einem Unbekannten im Taucheranzug ermordet wird, entbrennt ein mörderisches Katz- und Mausspiel zwischen allen Parteien, inklusive Polizei und Interpol, und mit Hilfe der sexy Reporterin Cleo (Anita Strindberg) versucht Peter, hinter das Geheimnis des Killers zu kommen und das Geld sicherzustellen...

Die Vorbilder sind deutlich zu erkennen. Sergio Martino, der zu den besten italienischen Thriller-Regisseuren zählt, bedient sich fröhlich bei Hitchcocks "Psycho", indem er die vermeintliche Hauptdarstellerin nach einer halben Stunde Filmzeit blutig ins Jenseits befördert, andere Motive nimmt er aus Dario Argentos frühen Gialli, wie etwa das fehlende Detail, an das George Hilton sich verzweifelt zu erinnern versucht. Der Taucheranzug des Killers steht ganz in der Tradition der "schwarzen Handschuhe", und die Mordszenen bieten reichlich Thrill und durchschnittene Kehlen.

Nur in einem Punkt verlässt Martino die Pfade des Giallos. So wird sämtliche Gewalt im Film durch Habgier motiviert, nicht durch eine psycho-sexuellen Störung des Täters. Als Antriebsfeder für die Charaktere dient stets der Koffer mit der Million, und so ist DER SCHWANZ DES SKORPIONS auch mehr ein actionreicher Thriller als ein psychologischer Horrorfilm. Der Plot mag dabei nicht unbedingt glaubwürdig sein, aber die überraschenden Wendungen erfolgen im Minutentakt, und es kommt zu keiner Zeit Langeweile auf.

Die typischen Trash-Momente dürfen dabei nicht fehlen. So serviert Reporterin Strindberg ihrem Lover George Hilton ein Süppchen, in dem sie eine ganze Packung Paprikapulver versenkt hat, worauf Hilton sagt: "Ab sofort verplemperst du keine Zeit mehr in der Küche", um sie gleich darauf ins Lotterbett zu zerren. Mit Charakterzeichnungen oder Motivationen hält sich Martino nicht lange auf.

Frauenschwarm Hilton war eine Gallionsfigur des Giallos und funktioniert hervorragend, Anita Strindberg kommt als heiße Journalistin gleich nach dem ersten Interview zur Sache und ist die schönste von mehreren schönen Frauen, die sich hier die Klinke in die Hand geben. Wenn sie im Finale klatschnass und leicht bekleidet über die Klippen der griechischen Küste stolpert, bietet der Film gleich mehrere Sehenswürdigkeiten auf einmal.

Überhaupt kann der Film mit wundervollen Außenaufnahmen von Athen und Umgebung punkten (der Beginn spielt in London), ein Schauplatz, den man nicht jeden Tag im Genre sieht. Wenn Strindberg auf einem Tauchgang vor der Küste das gesuchte Geld in einer unterirdischen Höhle entdeckt, stellt sich sogar ein bisschen "Bond"-Feeling ein, und man darf feststellen, dass sich spätere Filme beim SCHWANZ DES SKORPIONS bedient haben (wie der Hochsee-Thriller "Todesstille"), so wie er selbst seine Motive von anderen übernimmt, ein Geben und Nehmen.

Dazu hat Bruno Nicolai einen klasse Score komponiert, der ebenfalls ganz im Zeichen der Giallo-Vorbilder (insbesondere Morricone) steht.
Für Freunde des italienischen Thrillers der 70er ist DER SCHWANZ DES SKORPIONS ein Muss. Er bietet in seinen 90 Minuten jede Menge Sex, Gewalt, Spannung und Schauwerte. Bestes Exploitation-Kino, wie es leider nicht mehr existiert.

07/10

Samstag, 4. September 2010

Der Mann, der zweimal lebte (1966)

John Frankenheimers düsterer Sci-Fi-Thriller DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE (Seconds) ist ein faszinierendes filmisches Experiment, das mit ungewöhnlicher Kamera und einem exzellenten Rock Hudson in der Hauptrolle aufwarten kann, und das trotz leichter Schwächen auf der erzählerischen Ebene ein packendes Filmerlebnis bleibt.

Wer Frankenheimers "Botschafter der Angst" (1962) mochte, wird sich auch für "Seconds" begeistern können.

Worum geht es? Banker Arthur Hamilton (John Randolph) hat sein langweiliges Leben in einer lieblosen Ehe satt, er will aussteigen und neu anfangen. Zu diesem Zweck kontaktiert ihn eine Firma, die darauf spezialisiert ist, Menschen zu einer neuen Identität zu verhelfen. Nach einigen Zweifeln lässt sich Hamilton darauf ein und erhält neben einer komplett neuen Biografie und einem Haus an der Westküste auch ein neues Gesicht, und zwar das von Rock Hudson.
Er heißt ab sofort Tony Wilson, ist Maler und bewohnt ein Strandhaus. Ein Butler (Wesley Addy) hilft ihm über Anfangsprobleme hinweg und versucht, ihn zur Kontaktaufnahme mit einem neuen Bekanntenkreis zu bewegen. Tony begegnet der jungen und zwanglosen Nora (Salome Jens), macht Bekanntschaft mit einer Art Hippie-Gemeinde und findet kurz unbeschwerte Freude am neuen Leben.
Als er aber erfährt, dass sämtliche seiner neuen Bekannten ebenfalls "Wiedergeborene" sind und die Firma sein Leben komplett kontrolliert, will er alles rückgängig machen. Doch da hat er nicht mit der Grausamkeit des Systems gerechnet, in dessen Hände er sich begeben hat, und das ihn längst als Feind identifiziert hat...

Kameramann James Wong Howe erhielt eine mehr als verdiente Oscar-Nominierung für seine harten, kontrastreichen und surrealen Schwarzweißbilder, die dem Film eine abgrundtief verstörende Atmosphäre verleihen. Stets hat man das Gefühl, die Handlung durch Zerrspiegel zu betrachten, was mit vielerlei Tricks erreicht wird, u.a. durch eine direkt am Körper der Darsteller befestigte Kamera und andere Spielereien.
John Frankenheimer lässt sich viel Zeit mit der Exposition und inszeniert mehrere Sequenzen von kafkaesker Qualität im Inneren der Organisation, die der Zuschauer erst im letzten Drittel versteht, wenn sie sich wiederholen und man die Wahrheit über die Firma und die Situation ihrer "Klienten" erfährt. Dementsprechend bitter fällt auch die zynische Schlusspointe aus, die den Zuschauer mehr als hilflos und frustriert zurücklässt. Man könnte DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE auch als "Twilight Zone"-Episode in Spielfilmlänge beschreiben.

Es dauert 40 Minuten, bis Hauptdarsteller Rock Hudson zum ersten Mal auftaucht, zunächst unter Bandagen, dann mit schrecklich entstelltem Gesicht. Die gewagte Besetzung mit Leinwandidol Hudson, der in erster Linie für romantische Komödien bekannt war, ist die größte Überraschung des Films, und der Schauspieler zeigt eine bislang nie gesehene, intensive und ernsthafte Darstellung, die man ihm nicht zugetraut hätte. Der erste Blick in den Spiegel erschüttert nicht nur ihn, sondern auch uns. Seine Tränen sind echt und bewegen zutiefst. Dass die Firma dem unscheinbaren Randolph ausgerechnet das Gesicht von Frauen- und Männerschwarm Hudson "verpasst" ist natürlich pure Ironie.
Neben Hudson brilliert Murray Hamilton als ehemaliger Freund Hudsons, der die gleiche Prozedur durchlebt hat und selbst keinen Ausweg aus dem Teufelskreis findet. Unterstützt wird der Film von einem eiskalten Jerry Goldsmith-Score.

Neben der formalen Brillanz weist die Geschichte im Mittelteil leider einige Längen auf, in denen Hudson sich an seine zweite Identität gewöhnt, diese sind aber angesichts der beeindruckenden Gesamterzählung zu verschmerzen. Frankenheimer verzichtet auf alle gängigen Klischees und bleibt weit über dem Mainstream-Durchschnitt, er wirft dazu existenzielle und existenzialistische Fragen auf. Wie sehr wird das eigene Leben fremdbestimmt, und haben Menschen überhaupt die Möglichkeit für ein selbstbestimmtes Leben? Ist ein vollständiger Neuanfang möglich, wenn man zwar die Haut wechseln, aber nicht aus seiner Haut heraus kann? Wo genau befindet sich der Schlüssel für unsere eigene Identität, und können wir uns innerlich einer neuen Identität anpassen (so wie Hudson unter Drogeneinfluss bekennt, er wäre gern Maler - als ihn aber die Firma zu einem solchen macht, muss er erkennen, dass ihm das Talent dazu fehlt)?

Fragen über Fragen in einem eigenwilligen Film, der die Zuschauer seinerzeit aufgrund seiner extremen Künstlichkeit nicht erreichte, dafür aber auf zahlreichen Filmfestivals für Aufsehen sorgte. In Cannes war er für die Goldene Palme nominiert. Mit Sicherheit gehört er zu den interessantesten Filmentdeckungen der 60er.

9.5/10

Kurz vor der Enthüllung des neuen Gesichts - "Seconds"
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