Sonntag, 31. Oktober 2010

Halloween - Die Nacht des Grauens (1978)

Haddonfield, eine Kleinstadt in Illinois, Halloween-Nacht 1963.
Der kleine Michael Myers beobachtet, wie die Teenager-Schwester mit ihrem Freund im Schlafzimmer verschwindet. Er setzt sich eine Maske auf und greift zum Kuchenmesser. Der Freund verschwindet nach (offenbar sehr) kurzem Austausch von Körperflüssigkeiten. Michael, dessen Subjektive wir mittels Kameratrick längst eingenommen haben, betritt das Zimmer seiner Schwester, die nackt vor dem Spiegel sitzt - und wenn wir eines wissen, dann dass Eitelkeit und sexuelle Freizügigkeit im Horrorfilm nie lange ungesühnt bleiben. Das Messer saust auf Michaels Schwester hinab, wieder und wieder.
Michael landet in der Psychiatrie. Im Alter von 21 gelingt ihm der Ausbruch. Es ist wieder Halloween-Nacht in Illinois. Das Laub fällt, die Kürbislaternen werden angezündet, die Babysitter machen Popcorn und andere heiße Sachen. Und Michael kommt nach Hause...

1978 schuf John Carpenter einen Low Budget-Horrorstreifen, der das Genre für immer verändern sollte, der heute noch unermüdlich kopiert, variiert und sogar parodiert wird. Er war der erfolgreichste unabhängig produzierte Spielfilm aller Zeiten (bis er vom "Blair Witch Project" abgelöst wurde), er versetzte eine ganze Generation von Kinogängern in Angst und Schrecken und tut dies immer noch mit neuen Generationen - die allerdings so viele Klone des Films gesehen haben, dass es für sie schwerer wird, die unglaublichen Stärken des Originals zu würdigen.

HALLOWEEN - DIE NACHT DES GRAUENS (Halloween) stieß nicht gerade auf Zustimmung der Kritiker, zu simpel erschien ihnen die Geschichte um einen maskierten Killer, der in der Halloween-Nacht Babysitter ermordet. Simpel ist sie auch, aber deswegen nicht einfältig. Michael Myers gehört zu den ewigen Ikonen des Horror-Kinos. Wir erfahren weder Hintergründe noch Ursachen für seine Taten. Sein Psychiater (Donald Pleasence) schildert ihn als das "pure Böse", und das ist er auch. Das pure Böse geht um in dieser Halloween-Nacht. Da helfen weder Wissenschaft noch Revolverkugeln. Dieser Killer ist unaufhaltsam. Oder wie der kleine Tommy Doyle (Brian Andrews) sagt: "War das der Boogey-Man?" Die Kinder verstehen die Natur der Angst am besten und werden von Michael nicht bedroht. Sie wissen, wer oder was der 'Schwarze Mann' ist. Die sexuell aktiven Teenager und klugen Erwachsenen können sich nicht wehren, weil sie den Glauben an etwas so unerklärbar Böses verloren haben.

HALLOWEEN ist eine ebenso unaufhaltsame Terror-Maschine wie sein Killer. Grandios und mühelos elegant fotografiert von Dean Cundey mit maximaler Ausnutzung des Cinemascope-Formats, in welchem Michael Myers stets am Bildrand auftaucht, wenn man ihn am wenigsten erwartet, dazu genial begleitet von John Carpenters pulsierendem Score, der viel von Morricone und Herrmann verwendet und doch ganz eigen klingt (er gehört zu den Soundtracks mit dem größten Wiedererkennungswert), lässt HALLOWEEN nicht für eine Sekunde die Spannungsschraube locker, sondern dreht sie immer weiter.

Neben den zahlreichen "Jump"-Momenten, die Carpenter (und auch Michael Myers) mit Vorliebe inszenieren, laufen auch szenischer Suspense und eine beklemmende Atmosphäre der wachsenden Paranoia und Klaustrophobie auf Hochtouren. Wenn sich unsere Heldin Jamie Lee Curtis im Finale des Films als "Final Girl" in immer engere Räume rettet und sich mit banalsten Haushaltsgegenstädnen wie Stricknadeln und Drahtbügeln gegen Michael (erfolglos) zur Wehr setzt, ergreift auch uns die Panik, weil wir mit ihr fühlen.

HALLOWEEN ist ein grausiges Märchen über das sexuell unreife Mädchen, das den großen, bösen Wolf trifft und fast von ihm gefressen wird, würde nicht "Jäger" Donald Pleasence (ein Van Helsing der Neuzeit) mit seinem Revolver auftauchen und sie retten - wenn auch nur vorläufig, wie die unausweichliche Fortsetzung "Halloween 2" (1981) beweist.
So erklärt sich auch der weltweite Erfolg des Films. HALLOWEEN ist eine archaische Geschichte im modernen Gewand, in der sich jeder wieder findet, die unsere Urängste ans Tageslicht holt und perfekt erzählt ist. Was soll man da noch sagen?

10/10

Prototyp des Final Girls und Pin Up der Serienschlitzer: Laurie Strode (Jamie Lee Curtis)

Dienstag, 26. Oktober 2010

Geschichten, die zum Wahnsinn führen (1973)

Ein weiterer Vertreter des Episodenhorrors, wieder aus der Hand von Freddie Francis ("Geschichten aus der Gruft", 1972).

GESCHICHTEN, DIE ZUM WAHNSINN FÜHREN (Tales that Witness Madness) gilt als schwacher Genrebeitrag, aber wer so genannte 'Omnibus-Filme' mag, wird auch an diesen vier makaberen Geschichten seine Freude haben.

In der Rahmenhandlung - die stark an "Asylum" (1972) erinnert - besucht ein Psychiater (Jack Hawkins, der kurz nach Beendigung des Drehs verstarb und von Charles Gray synchronisiert wurde) die Anstalt eines Fachkollegen (Donald Pleasence), der ihm eine bahnbrechende neue Behandlungsmethode und vier seiner Patienten vorstellt, deren Geschichten wir umgehend serviert bekommen.

Die erste Episode handelt von einem kleinen Jungen, der unter den ewig streitenden Eltern leidet. In seiner Fantasie schließt er Freundschaft mit einem Tiger, der immer realere Züge annimmt und schließlich die Rabeneltern zerfleischt. - Eine nette kleine Geschichte mit hohem Blutgehalt und einigen interessanten Kommentaren zu Kindern, die in lieblosen Ehen aufwachsen.

Die zweite Episode erzählt von einem Antiquitätenhändler (Peter McEnery), der mittels eines Gemäldes und eines alten Fahrrads in die Vergangenheit gesaugt wird. Weniger Horror als Kostümdrama, bietet die Story leider wenig Überraschendes und kann kommentarlos zu den Akten gelegt werden. Danach wird es deutlich besser.

Im dritten Segment wird Joan Collins von ihrem Ehemann genervt, der als Naturliebhaber einen Baumstumpf mit seltsam weiblichen Zügen mit nach Hause bringt und diesem mehr Zärtlichkeit zukommen lässt als seiner Gattin, was diese nicht so ohne weiteres hinnehmen will...
Klingt absurd und ist es auch, aber dank einer genialen Joan Collins macht die Episode großen Spaß. Während die ersten Geschichten weitgehend humorfrei bleiben, kommt hier endlich der typisch schwarze Humor durch, der die Horror-Anthologien so sehenswert macht.

In der letzten und besten Episode entdeckt Literaturagentin Kim Novak den jungen hawaiianischen Künstler Michael Petrovich, dem zu Ehren sie ein traditionelles "Luau"- ein Festessen - ausrichtet. Als Petrovich ein scheinbar sexuelles Interesse an ihrer Tochter zeigt, wird die eitle Kim eifersüchtig und versucht sie loszuwerden, doch ihr Klient hat ganz andere Pläne. Er braucht noch eine Jungfrau für die Wiedererweckung seiner toten Mutter und serviert zum "Luau" ein ganz besonderes Mahl...
Obwohl einen Tick zu lang, wird diese bittere Geschichte sehr schön entwickelt und endet in einem scheußlich-makaberen Finale mit Shakespearschen Untertönen - inzestuöser Kannibalismus ist nicht jedermanns Sache, und so lässt sich auch die FSK 18-Freigabe des ansonsten eher harmlosen Films erklären.

Kim Novak, die hier ihre mehrjährige Leinwandabstinenz unterbrach, sprang übrigens für Rita Hayworth ein, die nach mehreren Drehtagen ohne Ankündigung das Set verließ und nie wiederkam. Ihre beginnende Alzheimer-Erkrankung machte es ihr unmöglich, den Dreh fortzusetzen.
GESCHICHTEN, DIE ZUM WAHNSINN FÜHREN wurde nicht von Amicus produziert, die auf derlei Filme spezialisiert waren, sondern ist ein glasklarer Nachahmer. Für den schnellen Horror-Hunger zwischendurch ist er gut geeignet, darüber hinaus kann man ihn aber auch vernachlässigen.

05/10

Montag, 25. Oktober 2010

Halloween-Special 2010: Die 20 besten Slasherfilme

Maskierte Killer, Final Girls, Sünden der Jugend, Feiertage und kreischende Teenager, das sind die Zutaten des Slasher-Films, der in den späten 70ern in Mode kam, Ende der 80er dann so gut wie tot war und 1996 von Wes Cravens „Scream“ wiederbelebt wurde. Hier ist meine Lieblingsliste der ‚Ur’-Slasher aus der Blütezeit des Genres. Mit Popcorn und Kürbislaterne (siehe oben mein diesjähriges Exemplar) sind sie das beste Filmprogramm für die kommende Halloween-Nacht…


1. HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS (1978)
Ist er ein Mensch oder doch der Boogeyman? Michael Myers schlitzt sich durch seine Heimatstadt und treibt Babysitterin Jamie Lee Curtis zu Verzweiflung und Star-Ruhm. John Carpenters Klassiker ist nicht nur ein Meisterwerk des subtilen filmischen Horrors, er ist auch der Prototyp eines Subgenres, dessen Regeln heute noch unverändert gelten. Eine Sternstunde des Terrorkinos, oft kopiert, nie erreicht. Ausführliche Rezension hier.




2. FREITAG DER 13. (1980)
"Kill Her, Mommy!" - Jasons Mutti nimmt grausame Rache für den Tod ihres Sohnes und verwandelt ein friedliches Ferienlager ins ‚Camp Blood’. Regisseur Sean S. Cunningham nimmt Carpenters Vorbild, befreit es von jeder filmischen Kunst und konzentriert sich auf den Body Count, dargeboten von Effektemeister Tom Savini. Ausführliche Rezension hier.





3. JESSY – DIE TREPPE IN DEN TOD (1974)
Ein Studentinnen-Wohnheim im Schnee, ein unheimlicher Anrufer und auf dem Speicher eine Tote im Schaukelstuhl. Das sind die Zutaten von Bob Clarks Weihnachts-Schocker "Black Christmas", der Carpenters „Halloween“ vorwegnahm, aber nie über Kultstatus hinausgekommen ist. Die Welt war noch nicht bereit für den Slasher-Film. Ausführliche Rezension hier.





4. MONSTER IM NACHTEXPRESS (1980)
Wieder Jamie Lee Curtis, dieses Mal im Nachtzug, Endstation Horror. Eine Kostümparty wird durch einen maskierten Killer dezimiert. Der vielleicht beste „Halloween“-Nachahmer besticht durch furiose Kameraarbeit und originelle Einfälle mit allerlei Tricks, Masken und Illusionen, an vorderster Front: David Copperfield persönlich. Ausführliche Rezension hier.





5. DAS KABINETT DES SCHRECKENS (1981)
Tobe Hoopers Ausflug in den Horror der örtlichen Geisterbahn ist streng genommen kein Slasherfilm, bietet aber kiffende Teenager, ein Final Girl und einen deformierten Mörder unter der Frankenstein-Maske. Damit sind die wichtigsten Kriterien erfüllt, und davon abgesehen ist der Film einfach gut. Ausführliche Rezension hier.






6. PROM NIGHT (1980)
Mach’s noch einmal, Jamie Lee! Unsere liebste Scream-Queen tanzt dem Killer in die Arme, und ihr kleiner Bruder verliert den Kopf, alles wegen eines dummen Kinderstreichs. Diese absurde Mischung aus „Halloween“ und „Saturday Night Fever“ (!) fand zahlreiche Fortsetzungen und ein (unterirdisches) Remake. Ausführliche Rezension hier.






7. BLUTIGER VALENTINSTAG (1981)
Der Killer mit der Spitzhacke geht um in einer kleinen Bergarbeiterstadt und verteilt Herzen zum Valentinstag – und die schlagen sogar noch! Ein langweiliges Liebes-Dreieck wird durch authentisches Lokalkolorit und originelle Todesarten wettgemacht. Ausführliche Rezension hier.







8. HALLOWEEN II (1981)
Der offizielle Nachfolger zum Original ist der wohl ultimative Krankenhaus-Grusel. Michael Myers metzelt sich durchs Horror-Hospital, Jamie Lee flüchtet in schlecht sitzender Perücke. Donald Pleasence jagt alles in die Luft. Ursprünglich zu zahm, wurden nachträglich ein paar blutige Details wie eine Injektionsnadel im Auge (aua) hinzugefügt – und Carpenters fantastischer Score. Beste Szene: dummer Krankenpfleger rutscht auf einer Blutlache aus und fällt in Ohnmacht. Ausführliche Rezension hier.




9. DIE AUGEN EINES FREMDEN (1981)
In Miami geht ein Frauenmörder um. TV-Newslady Lauren Tewes vermutet im Mann von gegenüber den Täter und bringt sowohl sich selbst als auch ihre blinde und taubstumme (geht's vielleicht eine Nummer kleiner?) Schwester Jennifer Jason Leigh in Lebensgefahr. John Carpenters „Das unsichtbare Auge“ (1978) erfährt durch Tom Savini ein Härte-Upgrade.





10. STILLE NACHT, HORROR-NACHT (1984)
Der süße Billy muss ins Weihnachtsmannkostüm und entdeckt seine psychopathische Ader – kurz darauf bleibt kein Kopf mehr auf dem Hals. Berühmt-berüchtigter Slasher der billigen, aber effektiven Sorte, mit jeder Menge Sex, nackter Brüste und dahingemetzelter Nebendarsteller. Ausführliche Rezension hier.







11. BLOODNIGHT (1989)
Bei der nächtlichen Inventur eines Supermarkts landen die Angestellten der Reihe nach auf äußerst blutige Art im Jenseits. Sam Raimi wird am Fleischerhaken aufgespießt, Bruder Ted wird in zwei Hälften zersägt. Over the Top? Cop Bruce Campbell verhaftet am Ende die Falschen. Regisseur Scott Spiegel begeistert durch ausgefallene Kamerapositionen und bekommt 10 von 10 Ekelpunkten für diesen spät nachgeschobenen Beitrag zum Genre. Originaltitel: "Intruder". Rezension hier.




12. TERROR EYES – DER FRAUENKÖPFER (1981)
Die schöne Rachel Ward liebt hier ausnahmsweise keinen Priester, sondern einen fremdgehenden Anthropologen. Dafür müssen dessen Studentinnen büßen. Ein Kopf landet im Erbseneintopf, ein weiterer in der Toilette, ein dritter im Aquarium. Eine lesbische Direktorin nimmt sich der überlebenden Mädels an, sprich: befummelt sie ordentlich. Sehr politisch korrekt! "Night School" bleibt zahm, aber spannend. Klasse Musik von Brad Fiedel. Ausführliche Rezension hier.





13. CURTAINS - WAHN OHNE ENDE (1983)
Unter der Regie von Jonathan Stryker spielt John Vernon einen Regisseur namens Jonathan Stryker (?) und bittet zum Casting in sein verschneites Landhaus. Eine Gruppe von Schauspielerinnen kämpft verbissen um die Hauptrolle in seinem nächsten Film. Eine von ihnen geht sogar über Leichen… Bekannt für seine surrealen Einfälle und eine schreckliche Schlittschuhfahrt mit alter Hexe. Ausführliche Rezension hier.





14. BRENNENDE RACHE (1981)
Noch ein Feriencamp mit Serienschlitzer, und wieder sorgt Tom Savini für die blutig abgehackten Körperteile. Der Killer metzelt mit seiner Heckenschere auch zukünftige Stars wie Holly Hunter und Jason Alexander, und das alles wegen eines dummen Jugendstreichs… hatten wir das nicht schon mal? Macht nix. Ein guter Score von Rick Wakeman und ein grimmiges Finale sind die Highlights von "The Burning". Rezension hier.





15. THE PROWLER (1981)
1945 tötet ein heimgekehrter Soldat seine untreue Verlobte mit einer Heugabel. 35 Jahre später soll an gleicher Stelle ein Tanzfest verun...äh, veranstaltet werden. Der mordende Veteran stürzt sich erneut in seine Kampfausrüstung und greift wieder zur Forke des Todes. Dank Tom Savinis Kunst einer der heftigsten Slasherfilme, empfohlen für starke Mägen. Rezension hier.





16. HELL NIGHT (1981)
Teufelskind Linda Blair spuckt hier keine Erbsensuppe, sondern verbringt als Mutprobe gemeinsam mit drei Kommilitonen die Nacht in einem unheimlichen Gemäuer. Dass im Keller ein deformierter Killer haust (oder auch zwei), der sich gleich ans schaurige Werk macht, wer konnte das ahnen? Hübscher Slasher mit ordentlicher Portion Spannung und sympathischen Charakteren, die zur Abwechslung nicht (nur) über Sex reden. Rezension hier.




17. BLUTWEIHE (1984)
"Prinzessin Vespa" Daphne Zuniga soll für die Aufnahme in eine Studentenverbindung (ja, schon wieder!) eine Wachmann-Uniform stehlen. Als sie nachts ins Kaufhaus eindringt, hat sie nicht nur ihre Freundinnen im Schlepptau, sondern auch noch einen brutalen Killer. "The Initiation" ist das beste Argument gegen begrenzte Öffnungszeiten und ein kleiner, feiner Schlitzerfilm mit überraschender Auflösung. Ausführliche Rezension hier.




18. BLUTIGER SOMMER IM CAMP DES GRAUENS (1983)
Wer die überraschende Auflösung von „The Crying Game“ originell fand, sollte sich schnell das Finale von „Sleepaway Camp“ ansehen. Von der wirklich makaberen und absurden Schlusseinstellung abgesehen gibt es ansonsten aber nichts Neues im blutigen Land der Ferienlager.





19. PANISCHE ANGST (1980)
Der Film, den Tom Hanks sicher gern von seiner Filmografie streichen würde. Ein Irrer (wer sonst?) tötet angehende Bräute kurz vor der Vermählung, weil er vermutlich einmal zu oft sitzen gelassen wurde. „He Knows You’re Alone“ kann darüber hinaus ein gutes Spannungsniveau halten. Der Film-im-Film zu Beginn ist extrem sehenswert. Rezension hier.





20. AB IN DIE EWIGKEIT (1981)
Melissa Sue Anderson ohne Häubchen und kleine Farm, dafür mit zurückliegender Gehirnoperation und Schulfreunden, die durch die Hand eines maskierten Täters sterben, per Kebap-Spieß (siehe Plakat) und anders. Ist unsere Melissa wirklich so unschuldig wie sie tut, oder möchte sie doch nur, dass jemand zu ihrer Geburtstagsfeier kommt – tot oder lebendig? "Happy Birthday to Me" ist ein hübscher Slasher mit (ca.) sechs überraschenden Wendungen in den letzten 10 Minuten. Ausführliche Rezension hier.



Okay, einen hab' ich noch:

21. DAS HORROR-HOSPITAL (1981)
Die Auszeichnung für den besten Krankenhaus-Horror habe ich oben schon vergeben, dieser Trip in den Trauma-Flügel ist aber auch gut anzuschauen. Michael Ironside jagt Lee Grant durchs Hospital, weil er Frauen nicht ausstehen kann, die eine eigene Meinung haben. Die kanadische Produktion bietet teilweise Hochspannung und gute Leistungen der Darsteller, in einer Nebenrolle beamt sich William Shatner zur Besuchszeit ins Krankenhaus. Ausführliche Rezension hier. 



Sonntag, 24. Oktober 2010

Geschichten aus der Gruft (1972)

GESCHICHTEN AUS DER GRUFT (Tales from the Crypt) wurde von der auf Horror-Anthologien spezialisierten, britischen Produktionsfirma Amicus hergestellt (siehe auch: "Asylum", 1972, "Totentanz der Vampire", 1970" und "From Beyond the Grave", 1973).
Die Regie übernahm hier Freddie Francis, einer der besten Kameramänner aller Zeiten, der für die konkurrierenden Hammer Films bereits Regie geführt hatte ("Draculas Rückkehr", 1968). Herausgekommen ist ein Höhepunkt des Episodenfilms.

Eine Rahmenhandlung verbindet fünf makabere Geschichten. Diverse Touristen durchstreifen geheimnisvolle Katakomben und landen in einer Gruft, die von einem Mann in Mönchskutte (Ralph Richardson) bewacht wird. Durch ihn erfahren wir das Schicksal jedes einzelnen der Reisenden:

Die erste Episode, in der eine wie immer scharfe Joan Collins ihren Gatten am Weihnachtsabend ermordet, um dann festzustellen, dass ein gemeingefährlicher Irrer aus der nahen Psychiatrie ausgebrochen ist und bereits im Kostüm des Weihnachtsmannes vor ihrem Fenster lauert, sorgt für einen furiosen Auftakt. Mit nur wenig Dialog erzeugt die Episode eine gnadenlose Spannung und sorgt für einen furchterregenden Schock, wenn die Hände des Killers plötzlich nach Collins greifen.

Die zweite, sehr kurze Episode, in der Ian Hendry ("Theater des Grauens", 1973) seine Frau für eine jüngere Geliebte verlässt und dafür zur Hölle fährt (obwohl sein Handeln nicht gerade mit dem brutalen Mord vergleichbar ist, den Joan Collins verübt, und somit kaum ein so drastisches Schicksal verdient), kann nicht ganz mit dem Vorgänger mithalten, aber bereits das nächste Segment, in welchem der arme Peter Cushing als friedvoller Menschenfreund von einem neidischen Nachbarn all seiner Lebensinhalte beraubt wird, Selbstmord begeht und als Zombie aus dem Grab zurückkehrt, ist ein schwarzhumoriges Vergnügen - ganz besonders wenn er am Ende als Valentinsgeschenk ein echtes Herz verpackt...

Das gilt auch für die vierte Episode, in der eine Statue drei Wünsche erfüllt und ein Ehepaar beim Wünschen alles so falsch macht, dass die beiden ein Schicksal erleben, welches schlimmer als der Tod ist. Die Geschichte basiert auf der klassischen Gruselstory "Die Affenpfote" (The Monkey's Paw), die auch kurz im Film benannt wird.

Die letzte Episode bietet dann Horror der grimmigen Art, wenn sich die Bewohner eines Blindenheims eine grausame Rache für die Sadismen ihres unmenschlichen Anstaltsleiters ausdenken: von einem hungrigen Bluthund wird er durch einen engen Kellergang gejagt, an dessen Wänden hunderte von Rasierklingen stecken...

GESCHICHTEN AUS DER GRUFT basiert offiziell auf den gleichnamigen EC-Comics, die auch für andere Filme, wie George Romeros "Creepshow - Die unglaublich verrückte Geisterstunde" (1982), als Vorlage dienten, und so inszeniert Freddie Francis auch mit gutem Auge für schräge Kameraperspektiven und comichafte Überzeichnung. Mit dem wahren Leben hat das alles nichts zu tun. Das Blut etwa sieht aus wie flüssige Kreide, und die zahlreichen Grausamkeiten sind scheußlich-schön anzuschauen, gehen aber nicht unter die Haut.

Eine letzte kleine Überraschung gibt es noch am Ende der Rahmenhandlung. Der aufmerksame Beobachter hat jedoch längst die kleinen Unebenheiten (wie eine Brosche, die gar nicht da sein dürfte oder einen vielsagenden Versprecher) bemerkt, die Freddie Francis eingestreut hat und weiß, worum es geht. In der Schlusseinstellung wendet sich Gruftbewacher Richardson direkt ans Publikum und fragt: "Wer ist der nächste? Sie vielleicht?"

Fazit: Beste britische Schauer-Unterhaltung mit viel schwarzem Humor, grausamer Gerechtigkeit und tollen Darstellern. Sehr empfohlen!

07/10

Monster im Nachtexpress (1980)

Roger Spottiswoode ("James Bond 007 - Der Morgen stirbt nie", 1997) inszenierte auf dem Höhepunkt der Horror-Welle, die John Carpenters "Halloween" (1979) ausgelöst hatte, diesen Slasherfilm, der zu meinen persönlichen Lieblingen zählt.
Die kanadische Produktion besticht durch exzellente Kameraarbeit, ein straffes Script und das originelle Setting - davon abgesehen liebe ich Filme, die in Zügen spielen, wahrscheinlich wegen meiner ewigen Bewunderung für Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938).

Scream-Queen Jamie Lee Curtis spielt in MONSTER IM NACHTEXPRESS (Terror Train) eine Medizinstudentin, die mit ihren Kommilitonen eine Silvester-Kostümparty in einem altmodischen Zug feiert, der durch nächtliche Schneelandschaften rast. Das feucht-fröhliche Gelage wird allerdings von einem Serienkiller gestört, der in verschiedenen Masken die Gäste dahinmetzelt. Hauptverdächtiger ist ein zwielichtiger Magier (David Copperfield), der eigens für die Party engagiert wurde. Oder treibt da ein ganz anderer sein böses Spiel? Immerhin gab es doch mal vor Jahren einen gemeinen Streich, der einen Mitstudenten in die Irrenanstalt befördert hat, und an dem Jamie Lee maßgeblich beteiligt war...

Regisseur Spottiswoode erzeugt eine Menge Spannung und spielt intelligent mit dem Thema "Illusionen". So wechselt der Killer mehrfach die Masken (er tritt u.a. als Groucho Marx und als "Creature from the Black Lagoon" auf), während Zauberkünstler David Copperfield magische Tricks an Bord vorführt. Die Identität des Mörders wird sehr geschickt verborgen und bietet eine wirklich überraschende Auflösung. Gegen Ende steht Jamie Lee dann ihrem Killer gegenüber, und Spottiswoode zieht alle Register des Genres, lässt den Mörder mehrfach verschwinden und wieder auftauchen und wirft Jamie Lee von einer lebensgefährlichen Situation in die nächste, bis sie sich - ganz in der Tradition von "Halloween" - in einem verschlossenen Käfig wiederfindet, nur Zentimeter vom Slasher entfernt.

Kameramann John Alcott, der viel für Kubrick fotografiert hat ("Barry Lyndon", 1975, "Uhrwerk Orange", 1971) leuchtet das Geschehen wirkungsvoll aus und findet trotz der Enge des Zuges immer wieder interessante Kamerapositionen. Dank seiner Leistung und der fantasievollen Ausstattung wirkt der Film wesentlich teurer und aufwändiger als die meisten Konkurrenten. Der Gewaltfaktor hält sich dazu sehr in Grenzen, was dem Film zugute kommt. Neben Jamie Lee Curtis spielen Altstar Ben Johnson (als Zugführer) und Jungstar Hart Bochner ("Apartment Zero", 1988) als unsympathischer Macho.

Natürlich spielt kein Slasherfilm in der Liga von "Halloween", aber MONSTER IM NACHTEXPRESS sorgt mit seinen hohen Production Values und guter Regie für hervorragende Thriller-Unterhaltung und die eine oder andere Gänsehaut.

08/10

Stille Nacht, Horror-Nacht (1984)

Der kleine Billy muss als Kind mit ansehen, wie seine Eltern am Weihnachtsabend von einem bewaffneten Räuber brutal ermordet werden. Als wäre das noch nicht schlimm genug, wird er – gemeinsam mit seinem kleinen Bruder – daraufhin von Nonnen in einem katholischen Waisenhaus aufgezogen, wo er von der Mutter Oberin regelmäßig verprügelt wird.

Jetzt ist Billy (Robert Brian Wilson) erwachsen und bekommt einen Job im örtlichen Spielzeugladen. Als das Weihnachtsfest naht, wird er genötigt, im Weihnachtsmannkostüm nörgelige Kinder auf den Schoß zu nehmen. Da braucht es nur noch ein paar Gläser Rotwein, und bei Billy knallen die Sicherungen durch. Mit Feueraxt und anderen Utensilien bewaffnet, meuchelt er alles dahin, was ihm in die Quere kommt…

STILLE NACHT, HORROR-NACHT (Silent Night, Deadly Night) verursachte einigen Wirbel, als er direkt zum Weihnachtsfest in den Kinos gestartet wurde und empörte Elternverbände Sturm gegen den Film liefen. Die Tatsache, dass hier die Erziehung im Waisenhaus mit dem anfänglichen Elternmord gleichgesetzt wird (in beiden Fällen wird Billy vorgeführt, dass Sex unweigerlich zu Bestrafung und Tod führt), machte die Sache nicht wirklich besser.

Formal gehört STILLE NACHT zu den typischen Slasherfilmen der 80er, wobei hier die Identität des Killers kein Geheimnis ist und ihm kein positiver Protagonist gegenübergestellt wird, weder das obligatorische Final Girl noch sonst jemand. Insofern ist STILLE NACHT beinahe ein Psychodrama, das durchgehend aus der Sicht des gestörten Billy erzählt ist.

Regisseur Charles E. Sellier hat zwar kein nennenswertes Budget zur Verfügung (weswegen alle Sets billig wirken), aber er hat eine Menge Spaß an schwarzhumorigen Geschmacklosigkeiten. So schenkt der mordende Billy als Weihnachtsmann einem kleinen Mädchen ein blutiges Teppichmesser, mit dem er gerade sein letztes Opfer aufgeschlitzt hat, und wenn er am Ende von der Polizei niedergeschossen wird, geschieht das im Waisenhaus direkt vor einer Gruppe von Kindern, denen Billy im Sterben zuraunt: „Ihr müsst keine Angst mehr haben, der Weihnachtsmann ist tot.“

Für den Genre-Fan gibt s reichlich originelle Morde zu sehen. Unter den Opfern befindet sich auch eine - wie üblich - nackte Linnea Quigley, die von Billy auf das Geweih eines Hirschkopfes an der Wand gespießt wird, und ein betrunkener Teenager wird während einer Schlittenabfahrt von Billy geköpft. Ho-ho-ho.

Die Verbindung von Sex, Katholizismus und Gewalt im Zusammenhang mit Kindern rief natürlich die Jugendschützer auf den Plan, und so wurde der Film hierzulande gekürzt. Auf Video war er so erfolgreich, dass mehrere Sequels gedreht wurden.
Mittlerweile ist STILLE NACHT, HORROR-NACHT Kult, und als Weihnachtsfilm sehe ich ihn zehnmal lieber als Capras Kitschfest „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) oder den "Kleinen Lord", zumal Hauptdarsteller Wilson einfach ein Leckerchen ist, bei dessen Anblick sich sogar der lüsterne Spielzeugladenchef kaum bremsen kann…

07/10

Böse gewesen? Der Weihnachtsmann (Robert Wilson) bei der Arbeit

Jessy - Die Treppe in den Tod (1974)

Weihnachten.
Leise rieselt der Schnee, bunte Lichter leuchten, Weihnachtsgesänge sind zu hören. Im abgelegenen Studentinnen-Wohnheim befinden sich nur noch ein paar junge Frauen, die sich für ihren Weihnachtsurlaub bereit machen oder die Feiertage an Ort und Stelle verbringen wollen. Die festliche Stimmung wird durch einen unheimlichen, anonymen Anrufer gestört, der die Mädels bedroht und um das Haus herumschleicht. Als bald darauf eine der Studentinnen verschwindet, wird die Polizei gerufen, doch der Psychopath ist nicht aufzufinden...

Mit JESSY - DIE TREPPE IN DEN TOD, der mittlerweile unter seinem Originaltitel "Black Christmas" auf DVD erhältlich ist, inszenierte der Kanadier Bob Clark den direkten Vorläufer des modernen Slasher-Films. Viele der etwas später unter John Carpenters Regie in "Halloween" (1978) benutzten Schocktechniken- und Elemente werden hier bereits vorweg genommen.
Und ähnlich wie Hitchcocks "Psycho" (1960) spielt Clark gelungen mit der Kombination von klassischen und modernen Horrormotiven - das alte, düstere Haus, der Schnee, die Stille, die unheimlichen Telefonanrufe, die raffinierten und kreativen Mordszenen, die nie selbstzweckhaft und über Gebühr brutal werden. Einige makabere Einfälle wie die Leiche, die auf dem Dachboden des Hauses in einem Schaukelstuhl sitzt, erinnern ebenfalls an den Meister des Suspense. Eine Einstellung im Finale (s.u.) erinnert dazu an einen der besten Horrorfilme aller Zeiten, Robert Siodmaks "Die Wendeltreppe" (1945).

Der Film bietet einige starke Schauspieler, die - ungewöhnlich für einen Slasherfilm - 'wirkliche' Charaktere darstellen, um die man sich sorgt. Olivia Hussey ist als bedrohte Heldin äußerst sympathisch und verletzlich, Keir Dullea ("Bunny Lake ist verschwunden", 1965) als ihr leicht gestörter Freund hält geschickt eine schwierige Balance - trauen wir ihm zu, der Mörder zu sein, oder will er seine Freundin nur beschützen? Diese Ambivalenz macht das Finale in besonderer Weise aufregend. In Nebenrollen glänzen Margot Kidder ("Sisters", 1973), John Saxon ("A Nightmare on Elm Street", 1984) und Art Hindle ("Die Brut", 1979).

Während viele moderne Horrorfilme zu laut, grell, aufdringlich und dabei so harmlos wirken, schafft Bob Clark in BLACK CHRISTMAS gerade durch die Langsamkeit, die kleinen Details und die Stille eine perfekte Grusel-Atmosphäre, in der das Klingeln eines Telefons und das Besteigen eines Dachbodens furchterregende Momente sein können. Ein Kultfilm und kleiner Klassiker des Genres.
Im Jahr 2006 wurde das obligatorische Remake gedreht, in dem nicht zu unterscheidende Kreisch-Mädels von der Stange, alberne Tabubrüche und dämlicher Humor beweisen, wie gut das Original ist.

9.5/10

Er beobachtet dich...

Samstag, 23. Oktober 2010

Zimmer 1408 (2007)

Der schwedische Regisseur Mikael Hafström inszenierte mit der Stephen King-Adaption ZIMMER 1408 (1408) einen modernen Geisterfilm, der durch das Weglassen von Gewalt und Splatter sowie die Konzentration auf Charaktere und Atmosphäre Freunde klassischer Horrorfilme wie "The Haunting" (1963) anspricht.
Der große Erfolg an den Kinokassen (1408 ist die zweiterfolgreichste King-Verfilmung aller Zeiten, nach "The Green Mile", 1999) bewies, dass auch ein großes Publikum bereit ist, einen Horrorfilm zu akzeptieren, in dem über 30 Minuten lang scheinbar nichts passiert.

Tatsächlich passiert eine ganze Menge, und zwar auf der Charakterebene. Mike Enslin (John Cusack) schreibt mehr oder weniger erfolglose Ratgeber über angebliche Spukhäuser, er selbst glaubt aber nicht an übersinnliche Phänomene. Sein neuer Auftrag führt ihn ins 'Dolphin'-Hotel in New York. Dort sind im Zimmer 1408 mehrere Menschen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Manche sprangen aus dem Fenster, ein Zimmermädchen hat sich die Augen ausgerissen. Der Manager (Samuel L. Jackson) versucht alles, Mike davon abzuhalten, eine Nacht in 1408 zu verbringen, kann ihn aber nicht überzeugen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Im Zimmer selbst scheint zunächst alles normal, doch dann beginnt langsam der Terror...

Mikael Hafström verzichtet während der langen Exposition komplett auf jeden Schockeffekt, sondern führt den Zuschauer an John Cusacks Mike heran, der hinter seiner zynischen und rotzigen Fassade einige Probleme mit sich herumträgt. Welche, das erfahren wir erst später.
In der sehr ausführlichen Sequenz mit Samuel L. Jackson wird die Erwartungshaltung des Publikums derart geschürt, dass man es kaum erwarten kann, endlich dieses ominöse Zimmer zu betreten, welches dann ironischerweise vollkommen harmlos wirkt - zunächst. Die Ähnlichkeit des Zimmers 1408 mit den Räumen des 'Overlook'-Hotels aus Stanley Kubricks King-Verfilmung "The Shining" (1980) ist sicher nicht zufällig gewählt.

Einige Rezensenten können diesen Passagen nicht viel abgewinnen, weil der Horror "lediglich" darin besteht, dass Toilettenrollen sauber gefaltet sind, die eben noch abgerissen waren, oder - im ersten echten Schockeffekt des Films - aus dem Radio unerwartet laute Musik dringt - in typischer King-Ironie übrigens die "Carpenters" mit "We've Only Just Begun". Ein gutes Beispiel liefert Hafström, wenn Cusack seine blutende Hand unter den Wasserhahn hält und unerwartet kochend heißes Wasser über die Wunde schießt. Das ist menschlich nachvollziehbarer Horror, der auf mich eine hundertmal größere Wirkung hat als der x-te Folter- oder Slasherfilm.

Nach diesen ersten seltsamen Phänomenen schaltet sich dann Cusacks Wecker auf 60 Minuten und zählt einen Countdown - wie wir von Samuel L. Jackson wissen, hat niemand länger als eine Stunde in diesem Zimmer überlebt, und der Rest des Films läuft ab dieser Sekunde in (quasi) Echtzeit ab. Wer zu Beginn Action vermisst, wird in der zweiten Hälfte dann mit Eisstürmen, Feuer, Geistern, plötzlich auftauchenden Serienmördern und allerlei anderem Spektakel "entschädigt", und 1408 liefert einen wirkungsvollen Schocker nach dem anderen. So ist z.B. die Szene, in der Cusack durchs offene Fenster im Haus gegenüber einen Mann erkennt, den er um Hilfe anruft, und der sich als er selbst herausstellt, nicht nur eine Anspielung auf Polanskis "Der Mieter" (1976), sondern auch so perfekt aufgebaut, dass sie bei jedem neuen Sehen für Gänsehaut sorgt und einer der besten Momente des modernen Horrorkinos.

Alle Ereignisse im Zimmer 1408 sind dabei stets an Cusacks Charakter gekoppelt und dessen "Aufgabe", die er zu bewältigen hat, sprich die unbearbeitete Vergangenheit. Erst gegen Ende schleichen sich ein paar Schwächen ein, wie die zu süßliche Rückblenden. Hier versucht Hafström zu aufdringlich, das Publikum emotional mitzureißen und neben der Gänsehaut auch noch Tränen der Rührung zu entlocken, was nur bedingt gelingt.

Da 1408 im Grunde ein Einpersonen-Stück ist, braucht es einen Hauptdarsteller, der imstande ist, die Geschichte im Alleingang zu tragen, und hier leistet John Cusack wunderbare Arbeit. Erst nach und nach erkennen wir, was ihn wirklich bewegt und welche Probleme er zu bewältigen hat. Seine Darstellung entwickelt sich (auch wenn er für machen nach den ersten Vorgängen im Spukzimmer zu schnell seine Fassung verliert) vom coolen Understatement hin zu Panik, Entsetzen und dem finalen Akzeptieren des eigenen Schicksals. Seine Monologe sind geschliffen formuliert und beinhalten eine gute Portion Selbstironie. Samuel L. Jackson hat im Grunde nur eine einzige (lange) Szene, aber es ist eine Wohltat, ihn mit absoluter Zurückhaltung spielen zu sehen, und das auf den Punkt genau.
Alle übrigen Elemente - Kamera, die Musik von Gabriel Yared mit den verzerrten Sounds, Schnitt und Ausstattung - sorgen dafür, dass der Zuschauer eine echte Geisterbahnfahrt erlebt.

1408 ist ein Film, der den Zuschauer mit festem Griff packt und nicht mehr loslässt. Ob er ein Klassiker wird, muss die Zeit zeigen, aber was überzeugende Spukgeschichten angeht, von denen es nicht allzu viele gibt, spielt er in der oberen Liga und kann auch bei mehrfachem Sehen begeistern. Für mich gehört er neben "Das Waisenhaus" (2007) zu den Höhepunkten des modernen Geisterfilms.

08/10

Freitag, 22. Oktober 2010

Shutter Island (2010)

Dass Martin Scorsese zu den wichtigsten und besten Regisseuren aller Zeiten zählt, ist unbestritten, und er hat mit "Taxi Driver" (1976) und "King of Comedy" (1983) allein zwei meiner absoluten Lieblingsfilme aller Zeiten inszeniert.
Sein jüngstes Werk SHUTTER ISLAND (Shutter Island), die Adaption eines Romans von Dennis Lehane, ist schwierig zu rezensieren, weil es grandiose Einzelelemente bietet, mich letztlich aber nicht wirklich mitgerissen hat und der Film insgesamt - angesichts eines klassischen B-Movie-Plots - einen überproduzierten Eindruck hinterlässt, den man wiederum von Scorsese kennt.

Zunächst die Story: Im Jahr 1954 werden zwei US-Marshalls (Leonardo DiCaprio und Mark Ruffalo) auf eine Insel vor der Ostküste geschickt, wo sich eine Heilanstalt für geisteskranke Kriminelle befindet, aus der eine Patientin ausgebrochen ist. Die Marshalls begegnen neben beänstigenden Insassen auch zwei dubiosen Ärzten (Max von Sydow und Ben Kingsley), dazu wird unser Hauptdarsteller von traumatischen Erinnerungen - dem Tod seiner Ehefrau (Michelle Williams) und den Ereignissen rund um die Befreiung des KZs Dachau, der er als GI beiwohnte - gequält. Je tiefer er sich in den Fall verstrickt, desto stärker entwickelt sich seine Paranoia. Geht hier wirklich alles mit rechten Dingen zu?

Scorseses Rückkehr zum Genre-Film (sein erster Psycho-Thriller seit "Kap der Angst", 1991) ist ohne Frage sehenswert. Das liegt in erster Linie an der fantastischen Kameraarbeit von Robert Richardson, dem beeindruckenden Production Design von Dante Ferretti (das ein geniales Set nach dem nächsten liefert) und der Auswahl klassischer Orchesterstücke als Musikbegleitung, die gelegentlich an Kubrick erinnert und absolut gelungen ist.

Dazu wartet der Film mit einer ganzen Garde hervorragender Schauspieler auf, die sich in Nebenrollen tummeln - neben den bereits erwähnten Größen sorgen Patricia Clarkson, Emily Mortimer, Ted Levine und Elias Koteas für darstellerische Glanzlichter.
Über Leonardo DiCaprio kann ich nicht viel sagen, außer dass ich Scorseses Fixierung auf ihn nach wie vor nicht verstehe, ich empfinde sein Spiel als angestrengt und äußerlich, ganz besonders, wenn er mit Meistern wie Kingsley oder Von Sydow agiert, die scheinbar mühelos jede gewünschte Reaktion durch kleinste Mittel erreichen.

Zum Film jedoch passt das durchaus, denn - wie bereits oben erwähnt - ist Scorsese ein Meister der Bilder, Sounds (ganz hervorragend funktoniert hier das Wechselspiel von Stille und Lärm) und Montagetechnik, aber Subtilität gehört nicht zu seinen markantesten Eigenschaften (oder Zielen). Die Rückblenden, welche Di Caprios Traumata schildern, sind weniger surreal und verschlüsselt als symbolbeladen und aufdringlich (verbunden mit ein paar schlechten CGI-Effekten wie dem Zerfallen der verstorbenen Ehefrau zu Asche).
Auch die gewollte 'Noir'-Atmosphäre des Films (DiCaprio musste sich Gerüchten zufolge mehrfach Tourneurs "Out of the Past" als Einstimmung ansehen) ist sehr dick aufgetragen, und die 140 Minuten Lauflänge stehen nicht wirklich im Verhältnis zu der im Grunde dünnen Geschichte, die hier erzählt wird.
Beim Sehen fiel mir der kaum bekannte "Session 9" (2001) ein, der ähnliche Themen in einer fast identischen Umgebung erzählt, und der mich aufgrund seiner einfachen Mittel deutlich mehr gepackt hat als SHUTTER ISLAND.

Der überraschende Twist am Ende lässt sich übrigens früh erahnen, aber das gehört zum Konzept des Films, der tiefer und tiefer in die Welt des Wahnsinns schreitet. Genre-Fans werden umgehend an Filme wie "1408" (2007) oder "Identität" (2003) erinnert. Daneben huldigt Scorsese einigen Klassikern des Horrorfilms wie der Val Lewton-Produktion "Isle of the Dead" (1945), die wiederum auf Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" basiert. Wenn Scorseses Kamera die Insel zum ersten Mal erfasst, wird die Anspielung nur zu deutlich (s.u.).

SHUTTER ISLAND wurde zunächst vom US-Verleih Paramount für Oktober angekündigt und dann plötzlich auf Februar verschoben, was im Normalfall darauf schließen lässt, dass man nicht zufrieden mit dem Film war und ihn gar nicht erst ins Oscar-Rennen schicken wollte. Die Befürchtungen waren jedoch unberechtigt - zwar ist der Thriller tatsächlich kein Oscar-Kandidat, aber er war ein finanzieller Erfolg für Scorsese, der zumindest bewiesen hat, dass er immer noch ein großes Publikum erreichen kann.
Dass ein "Taxi Driver" heutzutage nicht mehr machbar ist, damit habe ich mich abgefunden, ich würde aber dennoch gern wieder einen kleineren, persönlicheren 'Scorsese' - gern auch ohne Leonardo DiCaprio - sehen, mit etwas weniger großer Oper und dafür mehr echter Leidenschaft.

05/10


Böcklins "Toteninsel" (1880)

und Scorseses Pendant (2010)

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Killerhaus (1986)

Als Vorzeige-Irrer war der einzigartige Klaus Kinski immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte. KILLERHAUS (Crawlspace) gehört zu seinen geschmacklosesten Filmen, und das heißt im Klartext: wir haben es hier mit extrem unterhaltsamen Trash zu tun, wie er heute nicht mehr existiert. Schon allein die Inhaltsangabe beschert mir rote Ohren, aber schließlich bin ich für das Drehbuch nicht verantwortlich, sondern lediglich Chronist und Konsument.

In KILLERHAUS spielt Kinski den Vermieter eines Wohnhauses, der mit Vorliebe an sexy Damen vermietet. Die beobachtet er dann heimlich bei diversen Sexspielen und befördert deren Herrenbesuche durch ausgefallene Methoden (wie einen Stuhl, aus dem Messer hervorschnappen, wenn man draufsitzt - Aua!) ins Jenseits.
Wenn Herr Kinski gerade nicht im weitverzweigten Luftschacht-Labyrinth herumkriecht (daher "Crawlspace"), sitzt er in seiner Dachkammer und spielt entweder Russisch Roulette mit sich selbst, hält die Hand über eine Gasflamme, bis es qualmt (und sticht dann in hübschen Nahaufnahmen die Brandblasen auf) oder vollzieht teuflische Experimente, die ihm der Papa - ein ehemaliger KZ-Arzt - beigebracht hat. So weckt er die Organe seiner Opfer in Einmachgläsern ein (wahrscheinlich für schlechte Zeiten) und hat eine ehemalige Assistentin im Käfig eingesperrt und ihr die Zunge herausgeschnitten - vermutlich, damit sie sich nicht mehr über Überstunden beschweren kann (man hört, der 'Schlecker'-Konzern und 'KiK' haben bereits ähnliche Pläne)... au weia, kann man da nur sagen.

Wer das alles schlucken möchte, der sollte unbedingt einen Blick ins Killerhaus (mit dem schönen Untertitel "Horror der grausamsten Art!" - wenn das kein Lockmittel ist!) riskieren. Regisseur David Schmoeller ("Tourist Trap", 1979) zieht alle Register, um seinen Horrorfilm so krank wie möglich zu halten. Fast könnte man meinen, es handle sich um eine Parodie, aber nein, das ist alles ernst gemeint, und Kinski spielt seinen Vermieter aus der Hölle mit der ihm eigenen Intensität und Leidenschaft. Von Edgar Wallaces Butlern und Werner Herzogs Antihelden ist das alles weit, weit entfernt, aber deswegen nicht unbedingt schlechter. Die Kamerafahrten durch den Luftschacht-Irrgarten sind durchaus ansprechend, und Pino Donaggio ("Dressed to Kill" , 1980) hat einen schönen Score dazu komponiert.

Geht es eigentlich nur mir so, oder sieht Kinski auf dem Plakat wie Norman Bates' Mutter aus?

Fazit: wenn es draußen mal wieder regnet und man keine Lust auf "Jenseits von Afrika" hat, dann kann man mit diesem herrlich kranken, durch und durch blöden, aber schön trashigen Film seinen Spaß haben. Dank Kinski kommt hier genug Stimmung auf.

Der US-Verleih krähte: "You're just inches away from a fate worse than death". Aber so schlimm ist er nun doch nicht.

06/10

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Dracula und seine Bräute (1960)


Nachdem die britischen Hammer-Studios mit "Dracula" (1958) einen ihrer größten Hits verzeichnen konnten, lag die Idee einer Fortsetzung natürlich auf der Hand, allerdings zögerte Christopher Lee, die Rolle des Vampirgrafen schon wieder zu übernehmen, weil er befürchtete, auf den Blutsauger festgelegt zu werden (was genau später passierte, als er die Rolle erneut spielte).
Den Obervampir nach seinem spektakulären Ende einfach wieder auferstehen zu lassen, hielt man ebenso für problematisch, aus Respekt vor der Vorlage (später war man nicht mehr so zimperlich).

Also verfasste Jimmy Sangster ein Script (welches von zwei weiteren Autoren überarbeitet wurde), in dem Dracula selbst gar nicht auftaucht, sondern sein Verwandter, Baron Meinster (David Peel), eine jüngere und blondere Variante des berühmten Vampirs, dessen blutrünstige Arbeit übernimmt. Dieser lebt - angekettet von seiner eigenen Mutter - in einem Schlossverlies, bis ihn eine junge, hübsche Durchreisende (Yvonne Monlaur) aus Mitleid befreit und damit einen tragischen Fehler begeht. Meinster verlässt das Schloss und macht sich auf die Jagd nach hübschen Damen, glücklicherweise ist ein Mädcheninternat nicht weit. Vampirjäger Van Helsing (Peter Cushing) kann den Vampir schließlich mit seinen Bräuten in einer alten Mühle stellen...

Auch ohne Christopher Lee kann DRACULA UND SEINE BRÄUTE (Brides of Dracula) absolut überzeugen und gehört zu den besten Hammer-Filmen. Regisseur Terence Fisher inszeniert auf den Punkt und mit straffem Tempo, Kamera und Ausstattung sind äußerst sorgfältig und atmosphärisch. Anstelle von James Bernard komponierte Malcolm Williamson einen ebenso grandiosen Score. Die typisch klassische Gothic-Gruselatmosphäre mit alten Schlössern, finsteren Verliesen, Wäldern und düsteren Kutschen, die durch die Nacht rasen, ist hier reichlich vorhanden und entzückt den Fan. Die Dekolletés der Bräute sind ein bisschen tiefer als zuvor, und der junge David Peel, der seinen Beruf als Schauspieler kurz darauf aufgab und Antiquitätenhändler wurde, ist ein guter Ersatz für Christopher Lee. Mit seiner flotten Haartolle und Popstar-Ausstrahlung wendet er sich auch an eine junge Generation von Kinozuschauern.

Peter Cushing hatte offensichtlich keine Bedenken, die Rolle des Vampirjägers erneut zu übernehmen, und so darf er hier noch besessener agieren als im Vorgänger "Dracula" - diesmal wird er sogar selbst vom Vampir gebissen, woraufhin er sich in bester Tradition unerschrockener Action-Helden die Bissmale mit einem glühenden Eisen ausbrennt, um dem drohenden Vampirismus zu entgehen - was für ein Kerl! Und ein toller Schauspieler obendrein.

Das Finale in der brennenden Mühle, bei dem der Vampir Meinster durch ein aus Mühlenflügeln improvisiertes Kreuz sein untotes Leben aushaucht, ist quasi eine spektakuläre Wiederholung des "Dracula"-Finales und zählt zu den besten Sequenzen in der Geschichte der Hammer-Produktion.

DRACULA UND SEINE BRÄUTE war ein großer Erfolg an den Kinokassen, doch es sollte noch fünf Jahre dauern, bis die Fortsetzung "Blut für Dracula" (1965) entstand, in der nach langer Abstinenz Christopher Lee wieder den Vampirgrafen verkörperte.
Während in den USA Alfred Hitchcocks "Psycho" (1960) das Horror-Genre für immer veränderte, setzte man bei Hammer weiterhin auf bewährte Kostüm-Klassiker, versuchte aber kurz darauf mit Psycho-Thrillern wie "Ein Toter spielt Klavier" (1961) auch den neuen Trend aufzugreifen. Diese Phase gehört zu den spannendsten der britischen Filmindustrie.

07/10

Dienstag, 19. Oktober 2010

Der Affe im Menschen (1988)

"Zombie"-Schöpfer George A. Romero inszenierte drei Jahre nach dem (finanziellen) Misserfolg von "Day of the Dead" (1985) diesen psychologischen Horrorfilm um den querschnittsgelähmten jungen Ex-Sportler Allan (Jason Beghe), der von einem befreundeten Wissenschaftler (John Pankow) ein Kapuzineräffchen geschenkt bekommt. Dieser Affe namens Ella wurde eigens dafür trainiert, Behinderten zu helfen - Ella kann Bücher umblättern, ans Telefon gehen, Essen machen und sogar staubsaugen. Was Allan aber nicht weiß - Ella stammt aus einem Versuchslabor und wurde von seinem Freund mit einer speziellen Mixtur "behandelt", die ein schnelleres Gehirnwachstum ermöglichen soll. Allan, der wegen seines hilflosen Zustands immer stärkere Aggressionen gegenüber seiner Umwelt entwickelt, überträgt diese auf das Äffchen. Und bald schon führt Ella - kurzgeschlossen mit Allans Psyche - dessen angestaute Wut aus...

DER AFFE IM MENSCHEN (Monkey Shines) basiert auf einem Roman von Michael Stewart. Der Film hat seinerzeit Romeros Fans enttäuscht und wurde vom Rest des Publikums ignoriert, dabei handelt es sich hier um einen hervorragenden Thriller mit durchaus anspruchsvollen Themen, die vom Horror-Meister wie immer intelligent und packend umgesetzt werden. Was fehlt ist jede detaillierte Gewaltdarstellung. Obwohl Tom Savini für die Effekte verantwortlich war und die meisten Fans ein Splatter-Festival im Stil von "Zombie" (1978) erwartet hatten, bleibt DER AFFE IM MENSCHEN fast komplett blutleer (Savinis Arbeit beschränkte sich auf die Herstellung künstlicher Affen für die Action-Sequenzen).
Die FSK 18-Freigabe, die der Film dennoch erhielt, ist Romeros Ruf geschuldet, sowie der Tatsache, dass der Film Muttermord und Suizid thematisiert, stets heiße Eisen bei der Selbstkontrolle. Auch der extrem grimmige Unterton des Films kann unbedarfte Zuschauer verstören, doch das genau ist Romeros Spezialität.

Ein Punkt, in dem sich alle einig sind, ist die unglaubliche Vorstellung des trainierten Äffchens (bzw. mehreren davon), das die menschlichen Darsteller locker an die Wand spielt. Jason Beghe kann in der Hauptrolle durchaus überzeugen, während einige Nebendarsteller eher schwache Leistungen abliefern, das mag aber auch an ihren eindimensionalen Charakteren liegen. Hervorragend ist Joyce van Patten (eine meiner Lieblingsmörderinnen aus "Columbo") als Beghes dominante Mutter, der man die Pest an den Hals wünscht, deren Handlungen aber dennoch menschlich nachvollziehbar bleiben. In einer Nebenrolle spielt Romeros Gattin Christine eine zickige Krankenpflegerin, die das niedliche Äffchen am liebsten umbringen würde.

Thematisch nimmt sich Romero hier nicht nur Tierversuchen und den Grenzen der Wissenschaft an (die einzige wirklich verabscheuungswürdige Figur ist ein Mediziner, der mit Vorliebe Tiere im Namen der Forschung tötet und seziert), sondern auch der Mensch/Tier-Dualität. Während sich bei Affe Ella im Zusammensein mit Allan (man beachte die Ähnlichkeit der Namen) Gefühle von Eifersucht und Rachegelüsten verstärken, entwickelt Allan mehr und mehr animalische Instinkte, sein Wut wird unkontrollierter, seine Reaktionen direkter, bis er im Finale selbst zum "Tier" werden muss, um sein Leben zu retten. Mit seiner Filmmutter verbindet ihn eine fast ödipale Beziehung, die mehrfach zum Ausdruck kommt, etwa wenn er sich hilflos und nackt in der Badewanne von ihr waschen lassen muss. Ihre "Aufopferung" trägt sado-masochistische Züge und verschafft ihr sowohl Befriedigung (einen "Sinn" im Leben) wie auch Frust und Depressionen. Und da wundert sich noch jemand über die FSK-Freigabe...

Im letzten Drittel erreicht DER AFFE IM MENSCHEN echte Hochspannung, wenn der gelähmte und eingeschlossene Beghe gegen das mittlerweile mordlüsterne Äffchen kämpfen muss, das - mit Rasiermesser und Injektionsnadel bewaffnet - sowohl ihn als auch die bewusstlose McNeil attackiert. Hier läuft Romeros Horror-Handwerk auf Hochtouren.
Das angehängte Happy-End hingegen, das so nicht in der Romanvorlage existiert, musste Romero auf Druck der finanzierenden Orion-Studios inszenieren (sie waren es auch, die ihm einige Darsteller "aufzwängten", sogar Romeros Ehefrau musste ein Casting durchlaufen, bevor sie akzeptiert wurde). Das Ende ist vollkommen unglaubwürdig, aber der arme Jason Beghe hat im Film so viel durchgemacht, dass man ihm diesen unrealistischen Abschluss dennoch gönnt (ich zumindest).

Fazit: wer einen "Zombie"-Nachfolger sucht, der ist mit dem AFFEN IM MENSCHEN sicher schlecht bedient. Gleichzeitig ist die Reduktion von Romero durch sogenannte "Fans" als Lieferant bluttriefender Details nicht nur ungerecht, sondern auch respektlos. Sicher hat er in dieser (seiner ersten) Mainstream-Produktion einige Zugeständnisse gemacht, die sich in seinen früheren Independent-Werken nicht finden, dennoch gehört der Film zu den besten Horrorfilmen der späten 80er - eine Zeit, als überwiegend Stagnation im Genre herrschte.
Er trägt eine deutliche Handschrift und ist gerade aus heutiger Sicht - trotz leichter Schwächen - absolut sehenswert.

07/10

Sonntag, 17. Oktober 2010

Dracula braucht frisches Blut (1973)

DRACULA BRAUCHT FRISCHES BLUT (The Satanic Rites of Dracula) ist der traurige Schwanengesang der Dracula-Reihe aus den Hammer-Studios. Zwar wurde mit "Die 7 goldenen Vampire" (1974) noch ein weiterer Dracula-Stoff nachgereicht, doch ohne Christopher Lee.
Hier treten Lee und Peter Cushing noch ein letztes Mal zusammen als Dracula und dessen Erz-Widersacher Van Helsing auf, doch ihr Abgang ist leider nur als unwürdig zu bezeichnen.

Ebenso wie der erfolglose Vorgänger "Dracula jagt Mini-Mädchen" (1972) spielt DRACULA BRAUCHT FRISCHES BLUT im modernen London. Hohe Regierungsmitglieder treffen sich unter Kapuzen zu satanischen Zeremonien. Unter ihnen befindet sich auch Dracula höchstpersönlich. Mittels gezüchteter Pestbakterien will er die komplette Menschheit vernichten, aber da hat er die Rechnung ohne seinen Gegner Van Helsing gemacht...

DRACULA BRAUCHT FRISCHES BLUT ist ein kruder Mix aus Science Fiction und Agentenparodie, von Horror fehlt hier - abgesehen vom durchaus sehenswerten Finale - jede Spur. Der ganze Film sieht aus wie eine Folge der "Avengers", bzw. der "New Avengers", und auch der Plot ist dementsprechend skurril gestaltet. Ungewöhnliche Kameraperspektiven und Dekorationsgegenstände, die die Sicht verdecken, sind nur einige der typischen Versatzstücke. Leider wird nie klar, was von dem absurden Spektakel ernst gemeint, und was Parodie sein soll, und die Handlung ist weder spannend noch interessant und schon gar nicht zum Fürchten (das schon, aber aus anderen Gründen).

Einige der Darsteller aus "Mini-Mädchen" wiederholen hier ihre Rollen, Van Helsings Enkelin Jessica wird allerdings nicht mehr von Stephanie Beacham, sondern von Joanna Lumley (Patsy aus "Absolutely Fabulous") gespielt, deren Anwesenheit noch mehr an die "New Avengers" erinnert. Mit ihr hat Van Helsings Enkelin nicht nur ihr Aussehen, sondern auch Alter und Charakter grundlegend verändert.
Christopher Lee zeigt deutlich seinen Unwillen und taucht überhaupt erst nach der Hälfte der Laufzeit auf, Peter Cushing, der bereits reichlich müde und abgemagert wirkt, bemüht sich wie immer um eine ernsthafte Darstellung, das Material steht ihm aber stets im Weg. Die weiteren Darsteller sind nicht erwähnenswert, außer dass die meisten von ihnen grauenvolle 70er-Klamotten wie Fellwesten, grelle Hemden mit riesigen Kragen und meterlange Koteletten tragen. Nicht schön.

Um auf der Höhe der Zeit zu sein, werden nackte Brüste und blutige Details eingefügt, aber was soll man von eingekerkerten Vampiren halten, die durch eine Sprinkleranlage vernichtet werden? Beim Anblick von DRACULA BRAUCHT FRISCHES BLUT wünscht man sich sehnsuchtsvoll Bodennebel, Kutschfahrten durch dunkle Wälder und den Obervampir mit weißgewandeter Schönheit in den Armen zurück. Das waren die klassischen Zutaten und Stärken der Hammer-Studios. Dieser Beitrag hat nichts mehr mit Bram Stoker oder der Vorstellung eines Dracula zu tun und ist in jeder Beziehung unterirdisch.

Christopher Lee trat noch ein weiteres Mal als Dracula in der französischen Parodie "Die Herren Dracula" (1976) auf, wo er sich und das Genre kräftig auf die Schippe nahm.

03/10

Samstag, 16. Oktober 2010

Grabgeflüster (2002)

In einer beschaulichen Kleinstadt in Wales sterben die betagten Einwohner wie die Fliegen. Bestatter Boris Plots (Alfred Molina), der seit Jugendtagen in Betty (Brend Blethyn), die Frau des Stadtrats, verliebt ist, hat alle Hände voll zu tun, zumal ihn zwei Konkurrenten (Christopher Walken und Lee Evans) mit extravaganten "Themen"-Bestattungen aus dem Geschäft drängen wollen.
Als Bettys Schwiegermutter an einer Portion Vollkornflakes erstickt, verliebt sich Betty in den schüchternen Boris, und da eine Scheidung für sie nicht in Frage kommt, inszenieren sie bald Bettys Ableben - welches auch schon von Meredith (Naomi Watts), der Geliebten von Bettys Ehemann, geplant wird...

Die Komödie GRABGEFLÜSTER (Plots With a View / Undertaking Betty) ist ein wunderbares Beispiel für besten britischen Humor. Die Charaktere sind skurril, aber dennoch menschlich glaubwürdig, der Witz ist oft schwarz und pietät-, aber nie geschmacklos.
Regisseur Nick Hurran inszeniert mit Liebe zum Detail und sorgt neben der hinreißenden Liebesgeschichte zwischen Molina und Blethyn für jede Menge Hintergrund-Slapstick (Senioren, deren Rollstühle durchdrehen, oder die auf der Straße tot umfallen). Den Vogel aber schießen Christopher Walken (in absurder Perücke) und Lee Evans als Billig-Bestatter ab, die sich für ihre Kunden zu Discount-Preisen außergewöhnliche Zeremonien einfallen lassen, etwa eine Vegas-Shownummer oder eine 'Star Trek'-Beerdigung, welche regelmäßig die Trauergäste zu staunendem Entsetzen veranlassen.

In den Hauptrollen bezaubern Brenda Blethyn, eine der besten britischen Filmschauspielerinnen ihrer Generation, und der immer schräge Alfred Molina als verliebter Bestatter, der gern zu Musik der 30er Jahre tanzt und alles für seine große Liebe tun würde. In einer Nebenrolle kann Naomi Watts als blonde Schlampe überzeugen, die sich um jeden Preis Blethyns widerlichen Ehemann angeln will und dafür - im wahrsten Sinne - über Leichen geht.

Die Handlung mag ihre Logikschwächen haben (wozu der unglaublich komplizierte Plan, wenn eine Scheidung doch alle Probleme lösen könnte?), aber die ausgezeichneten Darsteller und die vielen kleinen Einfälle (wie die Zwischentitel, die regelmäßig zur aktuellen Beisetzung einladen, eine Anspielung auf "Vier Hochzeiten und ein Todesfall") machen den Film zu einem herzerwärmenden Genuss.
Anders als der misslungene "Sterben für Anfänger" (2007), der allzu bemüht und mit plattem Humor Geschmacksgrenzen überschreiten möchte, besticht GRABGEFLÜSTER durch Zurückhaltung und die Zuneigung zu seinen Charakteren. Und wer von seelenlosen amerikanischen Romantic Comedies genug hat, dem sei diese liebenswerte britische Komödie ans Herz gelegt.

09/10
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...