Dienstag, 30. November 2010

Die Klapperschlange (1981)

John Carpenters futuristischer Action-Thriller DIE KLAPPERSCHLANGE (Escape from New York) war einer der erfolgreichsten Filme von 1981, hat Kurt Russell über Nacht zum Starruhm katapultiert und seinen Filmcharakter Snake Plissken ("Call Me Snake!") zur Kultfigur und Ikone des 80er Kinos werden lassen.
DIE KLAPPERSCHLANGE ist auch heute noch eine atmosphärisch absolut überzeugende Achterbahnfahrt, die trotz geringen Budgets und schlichter Tricks mit einer genialen Grundidee und vielen guten Einfällen begeistert. Er gehört zu Carpenters originellsten und unterhaltsamsten Filmen.

Bevor die Handlung beginnt, gibt uns ein Voice-Over (gesprochen von Jamie Lee Curtis) einen Überblick über Ort und Zeit. New York, 1997. Die komplette Insel Manhattan ist abgeschottet und in ein Hochsicherheitsgefängnis verwandelt worden, um der Flut von Verbrechern Herr zu werden. Bewacht wird die Insel rundum von bewaffneten Grenzposten. Wer einmal nach Manhattan gebracht wird, kommt nie wieder heraus. Leider aber wurde soeben der US-Präsident samt seiner Air Force One von Terroristen entführt, die das Flugzeug direkt auf der Insel abstürzen lassen, um die Freilassung der Gefangenen zu erpressen.
Jetzt kann nur noch einer helfen - Snake Plissken (Kurt Russell), selbst ein gerade gefasster Bankräuber und Kriegsveteran, wird nach Manhattan eingeschleust. Er hat 24 Stunden Zeit, den Präsidenten zu finden und heil herauszubringen. Um ihn ein bisschen mehr zu "motivieren", wird ihm per Spritze ein Gift in die Blutbahn injiziert, das ihn nach 24 Stunden tötet. Eine atemberaubende Suche beginnt in den düsteren Straßen und Gassen von New York, in denen ganz eigene Gesetze herrschen...

Diese von Carpenter erfundene Story samt politischem Hintergrund ist so originell konzipiert und umgesetzt, dass man als Zuschauer kaum zum Nachdenken über Logik oder Wahrscheinlichkeit kommt. Sie ist im besten Sinn 'fantastisch', und Carpenter erweist sich hier als begnadeter Geschichtenerzähler. Seine Trumpfkarte ist Kurt Russell, der nicht nur eine glänzende Clint Eastwood-Parodie hinlegt, sondern auch einen ganz eigenen Charakter entwickelt. Unterstützt wird er von lakonischen Dialogen ("Ich dachte, du wärst tot" muss er sich von jedem anhören, dem er begegnet, woraufhin er an einer Stelle "Bin ich auch" erwidert) und einem coolen Outfit. Allein die Augenklappe ist Gold wert. Die Schlange, die er als Tätowierung und Markenzeichen trägt, ist übrigens eine Kobra, keine Klapperschlange, wie uns der deutsche Verleih weismachen möchte.

Ursprünglich sollte der Film mit einer Sequenz beginnen, die Russell/Snake beim Bankraub und seine folgende Verhaftung zeigt (diese sehr sehenswerte Eröffnung ist auf einigen DVD-Versionen als Bonus enthalten), doch Carpenter entfernte diese (immerhin) fast zehn Minuten Film, weil sie Russells Figur vermenschlicht und ihn weniger den schweigsamen, brütenden Einzelgänger sein lässt, den wir nun kennen lernen.

John Carpenters Bewunderung für Howard Hawks zeigt sich nicht nur in der typischen Western-Story, die hier in ein Zukunfts-Szenario verlegt wurde, sondern auch in der Figurenzeichnung. Adrienne Barbeau etwa spielt eine ultimative Hawks-Figur, eine zähe Kämpferin, die loyal zu ihrer Liebe (Harry Dean Stanton) hält, für den sie sogar ihr Leben opfert, mit der ansonsten aber nicht zu spaßen ist. Auch Taxifahrer Ernest Borgnine, der als komischer Sidekick Snake Plissken durch die Hölle Manhattans kutschiert und sich über eine Musical-Aufführung am Broadway ("Everyone's Coming to New York!") freut, gehört zum Charakter-Arsenal des Vorbilds.
Wie bereits in seiner "Rio Bravo"-Hommage "Das Ende" (1976) und auch "The Fog" (1979) findet sich im Lauf des Films eine kleine Gruppe von Außenseitern zusammen, die gemeinsam gegen zahlenmäßig überlegene, scheinbar übermächtige Gegner antritt und dabei einige Leben einbüßt.

Obwohl der Film innerhalb von 24 Stunden spielt, herrscht fast durchgängig Nacht in Manhattan, was zunächst wie ein Logikfehler wirkt, der von Kritikern oft bemängelt wurde, tatsächlich aber verschafft dieser Dreh dem Film genau die düstere, beklemmende Atmosphäre, die er braucht, um zu funktionieren. Gleichzeitig bekräftigt Carpenter damit seinen Ansatz, der Manhattan als Welt jenseits jeder Ordnung beschreibt, zu der sogar das Sonnenlicht keinen Zugang hat.
Obwohl an der Oberfläche ein Actionfilm, streut Carpenter genug Ironie und satirische Elemente ein, und in mehreren Passagen - wie der Fahrt durch den Broadway mit den abgetrennten Köpfen am Straßenrand - streift er kurz das Horror-Genre.
Wenn Skane Plissken seinen Segelflieger Richtung Manhattan steuert, sieht man in einer grafischen Darstellung (die ein PC-Bild simuliert, das es damals noch nicht gab) das Flugzeug auf die Türme des World Trade Centers zufliegen. Diese Szene hinterlässt heute einen etwas bitteren Beigeschmack, auch wenn sie natürlich nicht prophetisch nennen kann.

Erwähnt werden muss noch John Carpenters Elektronik-Score, der perfekt zur Stimmung des Films passt und ihn als "echten" Carpenter der 80er kennzeichnet. Damals wusste man sofort, wenn man es mit einem Carpenter zu tun hatte, und niemand konnte diesen Sound auch nur annähernd gut kopieren.

In dieser Hochphase seiner Karriere lieferte der Regisseur eine Meisterleistung nach der anderen ab. Nach der KLAPPERSCHLANGE inszenierte er mit dem Hawks-Remake "Das Ding" (1982) seinen vielleicht künstlerisch wichtigsten Film, der aber an den Kinokassen katastrophal floppte. Den (finanziellen) Erfolg dieser Anfangsjahre - von "Das Ende" über "Halloween" (1978) bis zur KLAPPERSCHLANGE - sollte Carpenter nie wiederholen können.
1996 hat er die lang ersehnte Fortsetzung "Flucht aus L.A." gedreht, die mehr Remake als Fortsetzung ist. Hier dominieren augenzwinkernde CGI-Effekte und bissige Satire. Obwohl der Film auf leichtfüßige Art bestes Popcorn-Entertainment ist, zeigten sich die Fans enttäuscht, und der erhoffte Erfolg blieb aus. Möglicherweise kam der Film einfach zu spät. Gegen das Original hat er ohnehin keine Chance. Das ist so unterhaltsam und hochspannend wie eh und je und ein Klassiker des Action-Kinos, den man immer wieder sehen kann.

10/10


Der coolste Held der 80er - Snake Plissken alias Kurt Russell

Montag, 29. November 2010

Liebende Frauen (1969)

Was die Qualität von Romanverfilmungen angeht, ist Ken Russells LIEBENDE FRAUEN (Women in Love) aus dem Jahr 1969 ein Musterbeispiel, denn hier wird die Vorlage von D.H. Lawrence in Wort und Geist eingefangen, der Film bleibt aber ein eigenständiges, hochgradig visuelles Erlebnis und trägt die deutliche Handschrift seines Regisseurs.

Ken Russell, der britische Regie-Exzentriker, hat mit LIEBENDE FRAUEN seinen Publikums-Durchbruch geschafft, der Film erhielt den Golden Globe sowie einen Oscar für die brillante Glenda Jackson. Eine Handlung im klassischen Sinne besitzt LIEBENDE FRAUEN dabei nicht, er ist auch weit entfernt von gepflegter Langeweile, wie sie im Kostümdrama häufig vorkommt. Hier geht es nicht um tadellose Frisuren und geschmackvolle Kostüme.
Ken Russell erzählt von vier Menschen, die sich im England der 20er vor dem Hintergrund der Industrialisierung im Beziehungschaos befinden, und es sind diese stark definierten Charaktere und ihre Standpunkte, die den Film vorantreiben. Während die Männer nach der Definition von Liebe suchen und sich in männliche Verbrüderung flüchten, haben sich die Frauen bereits entschieden, mit allen Konsequenzen.

Ken Russell, bekannt für seine Lust an provokanten Themen, hat das Kino der späten 60er mit LIEBENDE FRAUEN ein großes Stück vorangebracht, insbesondere durch die Darstellung von unverklemmter Nacktheit und einer den Film dominierenden erotischen Spannung zwischen allen Beteiligten. Dazu liefert er Szenen, die nur ihm einfallen - der nackte Alan Bates streift im Mondlicht durch den Garten und wird eins mit der Natur, Glenda Jackson tanzt sich durch eine Herde Bullen, ein bizarres Ballet wird zur Charleston-Nummer. Das Alte muss dem Neuen weichen, Menschen werden durch Maschinen ersetzt, aber die Fragen nach Liebe, Leben und Tod bleiben dieselben.

In einer köstlichen Sequenz, die einem Gedicht von D.H. Lawrence entstammt, erklärt Alan Bates bei einem Picknick, wie man eine Feige isst, und das macht er auf so obszöne Weise, dass nicht nur die versammelte Gesellschaft Gänsehaut bekommt. Und in der wohl berüchtigsten Szene tragen Bates und Oliver Reed einen nackten Ringkampf vor flackerndem Kaminfeuer aus, den sie keuchend und schwitzend bis zum Höhepunkt führen. Russell sagte später, der Film hätte auch "Liebende Männer" heißen können, und die Beziehung von Bates und Reed sei die wahre Liebesgeschichte des Films.

Das alles ist eigenwilliges, aber insgesamt sehr kontrolliertes, pralles Kino, ein filmischer Leckerbissen mit durchweg intelligenten Dialogen und fantastischen Schauspielern. Ein wichtiger und großer Film der 60er, der auch heute noch fesselt, weil er viele Regeln der Erzählkinos bricht. 1989 inszenierte Russell mit "Der Regenbogen" (The Rainbow) die Vorgeschichte der LIEBENDEN FRAUEN, ebenfalls nach einem Roman von Lawrence - eine sehr sehenswerte Verfilmung.

09/10

Samstag, 27. November 2010

Victor/Victoria (1982)

Nachdem Blake Edwards mit seinem sehr persönlichen Angriff auf Hollywood, "S.O.B." (1981), einen finanziellen Flop produziert hatte, wagte er sich mit VICTOR/VICTORIA (Victor/Victoria) an ein aufwändiges Remake des UFA-Klassikers "Viktor und Viktoria" von 1933, peppte die ohnehin schon originelle Story mit wundervoller Musik von Henry Mancini und einer geistreichen Betrachtung von Geschlechterrollen auf.

Er schuf damit seinen vielleicht schönsten Film.

Der Schauplatz ist das winterliche Paris, 30er Jahre. Die arbeitslose und hungernde Opernsängerin Victoria (Julie Andrews) ist kurz davor, ihre Unschuld für ein Fleischbällchen zu verhökern, da begegnet ihr der homosexuelle Entertainer Toddy (Robert Preston), mit dem sie sich spontan anfreundet, und der auf eine geniale Idee kommt, wie man gemeinsam aus der Misere herauskäme - indem sich Victoria als männlicher Travestiekünstler ausgibt. Umgehend wird Victoria in den schwulen polnischen Grafen Victor Grasinski verwandelt, der auf der Bühne vorgibt, eine Frau zu sein. Bald darauf wird Victor/Victoria zum umjubelten Star der Pariser Bühnen.
Die Probleme beginnen, als Gangsterboss King Marchand (James Garner) sich in die Sängerin verliebt. Da er davon ausgehen muss, dass es sich bei Victoria um einen Mann handelt, stürzt ihn das in mittelschweres Gefühlschaos, das ihn dazu bringt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Victoria und Toddy hingegen müssen einiges anstellen, damit die geschaffene Illusion nicht von einem Privatdetektiv, dem abservierten Gangsterflittchen Norma (Lesley Ann Warren) oder anderen Neidern entlarvt wird...

Hatte Blake Edwards in "S.O.B." noch das Publikum mit einer Unmenge egozentrischer Charaktere und Karikaturen überfordert, so wimmelt es in VICTOR/VICTORIA geradezu von sympathischen und liebenswerten Figuren. Das Paris der 30er ist ein hervorragender Schauplatz für diese ganz moderne Betrachtung von Liebe zwischen gleichen und verschiedenen Geschlechtern, auch wenn es ungefähr so realistisch ist wie das Paris in Billy Wilders "Irma La Douce" (1963). Die ebenfalls gelungene UFA-Komödie von 1933 wird dabei kräftig entstaubt und liefert eine glänzende Vorlage zur Modernisierung, so ist VICTOR/VICTORIA auch ein Musterbeispiel für ein gutes Remake, das dem Original keinen Schaden zufügt und es dank neuer Darstellungsmöglichkeiten und veränderter Moralvorstellungen um weitere Dimensionen bereichert.
Die 30er waren auch die Zeit der großen Hollywood-Diven, und so beginnt der Film auch mit einem Foto von Marlene Dietrich, deren berühmte Auftritte in "Männerkleidung" und emanzipierte Haltung von Julie Andrews übernommen wird, während Lesley Ann Warren in Kostüm und Makeup deutlich an Jean Harlow erinnert.

Viele von Edwards' schwächeren Filmen leiden unter dem Ungleichgewicht von Slapstick, Sentimentalität und Ernsthaftigkeit. In VICTOR/VICTORIA ist die Mischung perfekt. Die Dialoge sprühen gleichzeitig vor Tiefsinn und Leichtigkeit, der Slapstick (wie die Choreografie gleich mehrerer Massenprügeleien) ist exakt getimt und behindert nie die dramatische Konstellation.
Edwards zeigt keine Berührungsängste, wenn es um das Thema Homosexualität geht, mit einer Ausnahme - ursprünglich sollte sich James Garner in Andrews verlieben, ohne zu wissen, dass sie in Wirklichkeit eine Frau ist ("Es ist mir egal, ob du ein Mann bist", sagt Garner, wenn er Andrews küsst, darauf sie: "Ich bin es nicht!", darauf er: "Das ist mir trotzdem egal!"). Wie Edwards später zugab, verließ ihn kurzzeitig der Mut, und er baute eine Szene ein, in der Garner sich in Andrews' Badezimmer versteckt und somit die Wahrheit kennt. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn immerhin erzählt der Film ja nicht, dass Garner sich tatsächlich in einen Mann, sondern eben in Andrews verliebt.

Nicht nur einmal übrigens wird man an Billy Wilders Klassiker "Manche mögen's heiß" (1959) erinnert, sowohl in der Art der Darstellungen wie im Spiel mit Geschlechter-Identitäten. Hier wie da geht es um zwei arbeitslose Musiker, die durch eine Verkleidung ihrer prekären Situation entkommen. Auch die Dialoge (wie der Austausch von Garner mit seinem Bodyguard Alex Karras: "Ruh dich aus, wir gehen morgen früh Golf spielen!" - "Aber Boss, es schneit draußen!" - "Dann nehmen wir eben ROTE Bälle!") stehen ganz in der Tradition von Wilder und Lubitsch. Das ist das größte Kompliment, das man einer Komödie der 80er Jahre machen kann.

Das große Ensemble harmoniert trotz unterschiedlichster Spielweisen ganz wunderbar. In den Hauptrollen zeigen Andrews und Garner die vielleicht besten Leistungen ihrer Karriere, während Robert Preston und Lesley Ann Warren in den etwas kleineren Parts so fantastisch spielen, dass sie fast den Film im Alleingang stehlen, was Regisseur Edwards nur dadurch verhindert, indem er ihnen begrenzte Filmzeit einräumt. Lesley Ann Warrens Over the Top-Darstellung des blondierten Gangsterliebchens ("Ich bin geil!") gehört zu den einprägsamsten komischen Darbietungen der Filmgeschichte, und Robert Preston erhält als tuntiger, aber nie cartoonhaft überzogener schwuler Freund von Andrews die besten Dialoge und menschlich berührendsten Momente.
Für die Running Gags zuständig sind urkomische Nebendarsteller wie Graham Stark als skurriler Kellner oder Herb Tanney (als 'Sherlock' Tanney im Abspann aufgeführt) als trotteliger Detektiv in bester Peter Sellers-Manier, der abwechselnd vom Blitz getroffen wird, sich die Finger bricht oder von maroden Barhockern fällt. Eine sehr sensible Darstellung (die fast im Spektakel untergeht) zeigt Alex Karras als Leibwächter von Gangsterboss Garner, der sich dank dessen Bekenntnis zu Victor/Victoria endlich zum eigenen Coming Out durchringt.

Keine Rezension des Films wäre vollständig ohne die Erwähnung von Henry Mancinis Musik und der Muscialnummern, die fabelhaft inszeniert und choreografiert sind. Die beiden großen Ausstattungsnummern "Le Jazz Hot" und "The Shady Dame from Seville" sind ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus, die "kleineren" Nummern bestechen durch liebevolles (und humorvolles) Arrangement. Der eigentliche Höhepunkt ist Julie Andrews' Interpretation von "Crazy World", die gänzlich in ihrer Schlichtheit betört - eine Großaufnahme von Andrews und ein 360°-Kameraschwenk reichen völlig für den maximalen emotionalen Effekt aus.
Den größten Abräumer hält sich Edwards bis zum Schluss auf, wenn Robert Preston als Schlussdarbietung eine Parodie auf Julie Andrews' "Shady Dame from Seville" auf die Bühne legt, komplett in Drag und dementsprechenden Pannen (die Tänzer brechen unter seinem Gewicht zusammen oder weigern sich, ihn überhaupt zu halten, was ihm ein "You Bitches!" entlockt). Der Film ist übrigens sehr gut und sorgfältig synchronisiert worden.

VICTOR/VICTORIA erhielt jubelnde Kritiken und wurde ein großer internationaler Erfolg. Mancini und Leslie Bricusse erhielten einen verdienten Oscar für die Filmmusik, Andrews, Edwards, Warren und Preston wurden nominiert. Über zehn Jahre später entstand das gleichnamige Broadway-Musical, mit dem Julie Andrews erneut große Erfolge feiern konnte.
Der Film ist ein moderner Klassiker und eines der letzten großen Filmmusicals. Blake Edwards ist nicht nur beschwingtes, augenzwinkerndes und dennoch anspruchsvolles Entertainment gelungen, sondern auch ein aufrichtiges Plädoyer für Toleranz und das Vertrauen in sich selbst, ganz egal, wie anders man sich fühlt.
VICTOR/VICTORIA gehört zu meinen persönlichen zehn Lieblingsfilmen.

10/10


Der Gangsterboss und der schwule polnische Graf - James Garner & Julie Andrews

Freitag, 26. November 2010

S.O.B. - Hollywoods letzter Heuler (1981)

Dass man in Hollywood keinen Spaß versteht, wenn es um die Beschmutzung des eigenen Nests geht, das weiß man spätestens seit Billy Wilders "Sunset Boulevard" (1950), der bei seinem Erscheinen nicht gerade gut ankam und bei den Oscars gnadenlos ignoriert wurde. Auch spätere Versuche, die "Traumfabrik" zu beleuchten (etwa Schlesingers großartiger "Der Tag der Heuschrecke", 1975), scheiterten beim Publikum.

So erging es auch Regisseur Blake Edwards, der nach dem Riesenerfolg von "Zehn - Die Traumfrau" (1979) freie Hand bei der Stoffauswahl hatte und sich entschloss, seine bitteren Erfahrungen, die er Jahre zuvor mit dem gigantischen Flop "Darling Lili" (1970) gemacht hatte, in einer bitterbösen Hollywood-Satire zu verarbeiten.

In S.O.B. - HOLLYWOODS LETZTER HEULER (SOB) hat der gefeierte Produzent Felix Farmer (Richard Mulligan) gerade einen teuren Flop namens "Night Wind" produziert, woraufhin er einen Nervenzusammenbruch bekommt. Nun versucht er mehrfach erfolglos, sich das Leben zu nehmen, stellt sich aber jedes Mal zu ungeschickt an. Seine Ehefrau Sally (Julie Andrews), Hauptdarstellerin des Misserfolgs, will sich scheiden lassen, wovon ihr aber Agenten und PR-Berater abraten, weil das ihr Image beschädigen könnte. Felix' Freunde und Bekannte veranstalten lieber Nackt-Parties als sich mit Felix' Problemen herumzuschlagen. Doch dann kommt Felix die rettende Idee - aus dem Reinfall könnte man durch zusätzliche Szenen und Umschnitte einen Softporno machen, der ganz Hollywood die Sprache verschlägt. Sogar die prüde Sally ist bereit, sich für die Kamera auszuziehen, um den Ruf der ewigen Jungfrau loszuwerden. Umgehend produziert Farmer eine erotische Version seines Streifens, doch beim Versuch, den Film an sich zu bringen, der vom Studioboss (Robert Vaughn) einkassiert wurde, wird Felix von der Polizei erschossen. Ganz Hollywood versammelt sich zu einer bewegenden Trauerfeier, nicht ahnend, dass Felix gar nicht im Sarg liegt. Seine Leiche wurde nämlich von drei Freunden entwendet und für einen letzten Ausflug auf hoher See zurecht gemacht...

Das klingt nach einer Menge Spaß, Zynismus und gemeinen Seitenhieben, doch leider kann S.O.B. seinen Anspruch nur bedingt erfüllen. Ironischerweise bekam Edwards schon während der Fertigstellung genau die Probleme, über die er im Film erzählt. Er überzog das Budget und musste sich Einmischungen des Studios gefallen lassen. Als der Film herauskam, wurde er ein gnadenloser Flop - so schließt sich der Kreis. Aufgrund seines Misserfolgs gilt S.O.B. heute - wie viele Flops - als unterschätzte Meisterleistung.

Tatsächlich gelingen Edwards ein paar grandiose Szenen. So sehen wir z.B. den Film-im-Film "Night Wind" in zwei Varianten - zunächst als harmloses Musical, in dem Julie Andrews durch eine Traumlandschaft voll überdimensionalem Spielzeug tanzt, später dann als erotisch aufgepeppte Version mit halbnackten Tänzern in Sadomaso-Kostümen und einem sexy Verführer, der Andrews nachstellt, bis sie dann in einem Spiegelkabinett die nackten Brüste zeigt, was nur möglich ist durch eine Injektion mit Muntermachern, die ihr vom Arzt Robert Preston verabreicht wurde.
Diese Szene war offensichtlich auch für Andrews wichtig, die in S.O.B. eine klar autobiografisch angelegte Figur spielt und selbst stets mit dem Sauberfrau-Image zu kämpfen hatte, das ihr Filme wie "Mary Poppins" (1964) und der Edelkitsch "The Sound of Music" (1965) eingebrockt hatten. Dass Andrews auch sexy sein kann, wird dennoch nicht bewiesen, denn sogar ihre Entblößung bleibt irgendwie harmlos. Aber muss man mit dem Talent auch noch sexy sein?

Der typische Edwards-Slapstick darf natürlich nicht fehlen, und ein besonders grimmiger Running Gag besteht darin, dass vor Felix Farmers Strandhaus den gesamten Film über eine Leiche liegt, die von niemandem bemerkt wird, weil alle nur mit sich selbst beschäftigt sind. Lediglich der Hund des Toten wacht bei dem verstorbenen Herrchen. Merke: in Hollywood haben nur Hunde ein Gefühl für Anstand und Loyalität. Nicht nur in Hollywood, würde ich sagen.

Neben solch brillanten Einfällen aber fehlt es S.O.B. sowohl an klarer Struktur als auch an Rhythmusgefühl und Konzentration. Die erste Filmstunde schildert lediglich die gegebene Situation von Felix Farmer und dessen Selbstmordversuche, die Handlung kommt dabei nicht vom Fleck. In der zweiten Hälfte ist man als Zuschauer kurz gespannt, wie die erotische Version des Flops aussieht und ob der Plan aufgeht, doch nach der oben beschriebenen Sequenz endet dieser Erzählstrang abrupt, um dann zu den Vorbereitungen für Farmers Trauerfeier überzugehen. Das bisschen Spannung, das sich aufgebaut hat, endet vollkommen unbefriedigend. Der folgende Einbruch beim Bestatter, in dessen Verlauf Felix' Leiche entwendet wird, ist viel zu lang und langatmig inszeniert, und die holprige Dramaturgie, die sich stets neuen Hauptfiguren zuwendet (so taucht Julie Andrews in der ersten Filmhälfte kaum auf, übernimmt dann plötzlich den Hauptpart, um ihn kurz darauf an Holden und Webber abzugeben), lässt den Zuschauer jedes Zeitgefühl verlieren.

Die namhafte Darsteller-Riege von Shelley Winters über Larry Hagman, William Holden und Robert Webber hat offensichtlich Spaß, aber dieser überträgt sich nicht immer auf den Zuschauer. Robert Vaughn als Studioboss trägt beim Sex gern Mieder und Strapse, der heruntergekommene Arzt Robert Preston (der in Edwards' "Victor/Victoria" 1982 eine Glanzleistung zeigen sollte) verpasst jedem eine Spritze, wenn er sich gerade nicht mit Wodka zuschüttet, und Loretta Swit wird als geifernde Klatschkolumnistin ständig verletzt und ins Krankenhaus transportiert. Hauptdarsteller Mulligan, an dessen Geschichte man eigentlich interessiert sein sollte, spielt seinen durchgeknallten Felix Farmer (der Name spielt auf Frances Farmer an, den Hollywood-Star, der an der Traumfabrik zugrunde ging, siehe auch "Frances", 1982) vollkommen überzogen, und auch einige von Edwards' rohen Gags gehen nach hinten los.

So erklärt sich auch die vollkommen unterschiedliche Aufnahme S.O.B.s von Seiten der Kritik. S.O.B. wurde für den Golden Globe als auch die Goldene Himbeere nominiert. Man kann ihn als gnadenloses Abschlachten der Hollywood-Eitelkeiten bewundern oder ihn als vollkommen misslungen betrachten. Ich selbst habe ihn mehrmals gesehen und jedes Mal unterschiedlich bewertet. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer in der Mitte.

Unterhaltsam ist S.O.B. auf jeden Fall, und er bietet ein paar saftige und bissige Gags. Er hat aber auch einige Längen, und wenn es um düstere Einblicke hinter die Kulissen der Hollywood-Maschinerie geht, ziehe ich die oben genannten Filme vor.

07/10


Das (grässliche) deutsche Plakat zum Film

Das Haus der Krokodile (1975)

Der Sechsteiler DAS HAUS DER KROKODILE aus dem Jahr 1975 gehörte immer zu meinen liebsten TV-Kindheits-Erinnerungen, einige Bruchstücke und Sequenzen habe ich nie vergessen.
Umso schöner, dass dieser kleine TV-Klassiker auf DVD veröffentlicht wurde, und auch wenn die technische Qualität zu wünschen übrig lässt, konnte mich die Geschichte wieder angenehm spannend unterhalten.

Worum geht es? Die Eltern sind verreist, der junge Victor (Tommi Ohrner) lebt mit seiner Schwester Cora (Carolin Ohrner) und der älteren Schwester Louise (Evelyn Palek) allein in der großen, unheimlichen Wohnung. Als eines Tages plötzlich ein Fremder im Spiegel auftaucht, reift in Victor der Verdacht, dass jemand heimlich die Wohnung durchsucht. Aber was sucht er? Und was hat das mit einem tödlich verunglückten Mädchen zu tun, das wir auf Kinderzeichnungen sehen, in denen sie von riesigen Augen beobachtet wird...?

Die Geschichte ist in sechs Teile von je ca. 30 Minuten geteilt, und bereits die erste Episode mit dem Einbrecher im Spiegel kann immer noch eine nette Gänsehaut bereiten. Allein schon wegen der 70er-Ausstattung und Kostüme bietet DAS HAUS DER KROKODILE eine hübsche Nostalgie-Zeitreise. Die Geschichte wird durchweg spannend und ohne unnötige Subplots oder Schnörkel erzählt. Die Inszenierung von Wilm ten Haaf, der auch für das Drehbuch nach der Vorlage von Helmut Ballot verantwortlich zeichnete, ist unaufwendig, aber effektiv.

Von den Schauspielern kann vor allem der junge Tommi Ohrner überzeugen, der später als 'Timm Thaler' und 'Manni, der Libero' deutsche TV-Erfolge feiern sollte. Lediglich die von Evelyn Palek gespielte ältere Schwester bleibt steif und unsympathisch, sie hat allerdings auch die undankbarste Rolle und wird vom Drehbuch stets zur Arbeit oder Verabredungen geschickt, damit die beiden jüngeren Geschwister alleine sind.
Die Geschichte bedient sich klassischer Spannungs-Elemente, die Vorbilder sind u.a. bei Polanski (der Mann im Spiegel stammt aus "Ekel", 1962) und Bava (die Wollfäden, die Victor spannt, um zu beweisen, dass der Einbrecher in der Wohnung war, sind Bavas Klassiker "The Girl Who Knew Too Much" von 1962 entliehen) zu finden, keine schlechte Wahl. Victors Detektiv-Arbeit erinnert gelegentlich an die Abenteuer der "Drei Fragezeichen".

Mit technisch einwandfreien und gelackten TV-Produktionen von heute hat DAS HAUS DER KROKODILE nichts zu tun - man beachte z.B., dass die Zimmer der Kinder vollkommen unaufgeräumt sind, was man in heutigen Produktionen so nicht mehr findet. Auch die sehr originelle Sequenz, in welcher der junge Victor beim Geburtstag des Onkels von mehreren Erwachsenen Alkohol bekommt und schließlich betrunken beim Essen sitzt und in Ohnmacht fällt, würde in ihrer Unkorrektheit heutzutage nicht mehr durch die Mühlen einer TV-Redaktion kommen. Besonders einprägsam und atmosphärisch ist das Klavierstück des Vor- und Abspanns gelungen, gelegentlich schaltet sich auch ein Erzähler ein.

So kann DAS HAUS DER KROKODILE wahrscheinlich bei Jugendlichen des Jahres 2009 nicht mehr als ein müdes Gähnen hervorrufen, doch ich habe die Serie als Kind geliebt und sie gern wieder gesehen, weil Spannung, Witz und Originalität zeitlose Qualitäten sind.

07/10


Der Fremde im Spiegel

Donnerstag, 25. November 2010

Rot..Rot..Tot (1978)

Weil das Wiedersehen mit Wolfgang Petersens 'Tatort' "Reifezeugnis" (1977) so schön war, folgt hier gleich mein zweiter Lieblings-Beitrag der Krimi-Reihe, der mit Curd Jürgens einen internationalen Star aufweisen kann.

ROT..ROT..TOT erzählt von einem Serienmörder, dem im Nobelviertel von Stuttgart rothaarige Frauen zum Opfer fallen. Im Zuge der Ermittlungen stößt Kommissar Lutz (Werner Schumacher) mit seinem Assistenten Wagner (Frank Strecker) immer wieder auf die Familie Pfandler. Familienoberhaupt und Statistiker Konrad (Jürgens) leidet unter seiner fremdgehenden Ehefrau Julia (Renate Schroeter). Sein frustrierter Sohn Uwe (Christian Berkel), der mit Vorliebe seinen roten Sportwagen fährt, ist schon vormittags betrunken. Das erste Mordopfer wurde von Konrad Pfandler kurz vor der Ermordung gesehen, das zweite war mit Uwe liiert. Und die eiskalte Julia Pfandler trägt ihr Haar in auffallend leuchtendem Rot...

Als ich ROT..ROT..TOT in meiner Jugend im TV sah, habe ich mich mehrere Tage nicht nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus getraut, weil ich hinter jeder Ecke Curd Jürgens mit Strangulierseil in den Händen und Mordlust in den Augen vermutet habe
Diesen Effekt hat der Film heute nicht mehr, auch wenn er nach wie vor gut unterhält. Einige kleinere Längen sind leicht zu verschmerzen, dafür wird man mit einem wunderbaren Ensemble entschädigt. Der große Curd Jürgens besitzt eine unvergleichliche Präsenz und überzeugt als introvertierter, gedemütigter Statistiker und Astronom, der von seiner Frau vorgeführt und vom Sohn verachtet wird. Den Sohn spielt der junge Christian Berkel auf den Punkt genau, und Renate Schroeter ist eine herrlich kaltblütige Edelschlampe, die in der ersten Szene morgens von einem Stelldichein mit ihrem Lover nach Hause kommt und diesen vor den Augen ihres Mannes anruft, weil sie ihre Uhr in seiner Wohnung vergessen hat. Sie beendet das Gespräch mit "Ich rufe wieder an, wenn ich einen von euch brauche - dich oder die Uhr!" und fragt ganz unschuldig ihren Gatten Jürgens: "Bist du noch auf oder schon?"

Dass in dieser Form gedemütigte Ehemänner gern zu Serientätern werden, weiß man schon von Patricia Highsmith, und das weiß auch Autor Karl Heinz Willschrei, der sich dicht an die klassischen Vorbilder anlehnt. Ein bisschen Highsmith ("Tiefe Wasser"), ein bisschen Simenon (auf den auch im Dialog angespielt wird), und schließlich auch ein wenig Hitchcocks "Vertigo" (1958), wenn sich herausstellt, dass Jürgens seine Frau Renate Schroeter nur geheiratet hat, weil sie seiner verstorbenen ersten Frau zum Verwechseln ähnlich sieht (auf einem Foto, das die verstorbene Gattin zeigt, ist ebenfalls Schroeter zu sehen).

Dramaturgisch spannend ist die Idee, Jürgens als Täter einzuführen, aber den Zuschauer trotzdem im Unklaren zu lassen, ob er die Morde tatsächlich begangen hat, auch wenn alles dafür spricht. Den Fall aufzuklären ist für die Kommissare nicht weiter schwer, ganz besonders, wenn der Hund des Hauses Pfandler (ein Basset, den auch ein gewisser Inspektor 'Columbo' als Begleiter bei sich führt) ihnen im letzten Akt entscheidend weiterhilft.

Werner Schumacher als Kommissar Lutz gehört zu den weniger charismatischen Ermittlern der 'Tatort'-Reihe, sein Assistent Frank Strecker hat den deutlich interessanteren Part. Letztlich aber ist dies der Film von Jürgens, Berkel und Schroeter, die als wohlhabende, aber charakterlich verkommene Familie hinter den noblen Fassaden des Stuttgarter Villenviertels "Killesberg" (!) eine Galavorstellung liefern.

07/10

Mittwoch, 24. November 2010

Zum Tode Ingrid Pitts (1937-2010)

Am 23. November starb die britische Schauspielerin und Autorin Ingrid Pitt im Alter von 73 Jahren.
Obwohl ihr Name beim Mainstream-Publikum nicht unbedingt bekannt sein dürfte, bleibt sie für Fans des britischen Horror-Kinos unvergessen als feste Größe der Hammer-Studios.

Die als Natascha Petrovna geborene Pitt war in David Leans "Doktor Schiwago" (1965) noch stumme Komparsin und spielte 1968 die Agentin "Heidi" im Richard Burton/Clint Eastwood-Klassiker "Agenten sterben einsam", bevor sie in Hammers "Gruft der Vampire" (1970) die Rolle der Vampirin Mircalle/Carmilla übernahm und von Peter Cushing am Ende des Films spektakulär geköpft wurde.

Fortan war sie in mehreren Horror-Produktionen zu sehen, etwa als Blutgräfin Bathory ("Comtesse des Grauens", 1971) , in der Anthologie "Totentanz der Vampire" (1971) und in einem der besten britischen Horrorfilm aller Zeiten, "The Wicker Man" (1973). Daneben stand sie auch in zahlreichen TV-Serien wie "Nummer 6" vor der Kamera. In ihren Rollen glänzte Pitt stets als schöne, sinnliche und lebenslustige Frau, die mit verführerischer Miene ganz finstere Pläne schmiedet. Ein herrlich beschwipstes und humorvolles Interview mit ihr kann man auf der DVD von "Comtesse des Grauen" bestaunen.

1980 zog sich Pitt nach Argentinien zurück, beendete die Filmlaufbahn und wurde Schriftstellerin. Mit ihr hat das Horror-Kino eine Ikone verloren.
















Wer möchte sich da nicht beißen lassen? Ingrid Pitt in "Totentanz der Vampire".

Reifezeugnis (1977)

Der beste "Tatort" aller Zeiten?

Mit Kino hat Wolfgang Petersens "Tatort" REIFEZEUGNIS aus dem Jahr 1977 zwar auf den ersten Blick nicht viel zu tun (obwohl er auch im Ausland sehr erfolgreich lief), da seine offensichtlichen Qualitäten ihn aber zum Klassiker der TV-Reihe machten und er heute noch besser anzuschauen ist als manch aktueller Kinofilm, sollte er ruhig ein weiteres Mal besprochen werden.

REIFEZEUGNIS erzählt von der 16-jährigen Sina Wolf (Nastassja Kinski), die ein heimliches Verhältnis mit ihrem verheirateten Gymnasiallehrer Fichte (Christian Quadflieg) pflegt. Als die beiden beim Liebesspiel an einem verschwiegenen See von Sinas Mitschüler Michael (Markus Boysen) beobachtet werden, droht dieser, die Affäre auffliegen zu lassen, sollte Sina ihm nicht sexuell gefällig sein. Unter Druck lässt sich Sina überreden, mit Michael in den Wald zu gehen, wo er sich an sie heranmacht. Sina erschlägt ihren Mitschüler mit einem Stein und schiebt die Schuld auf einen Serienvergewaltiger, der gerade von der Polizei gesucht wird, und dessen Phantombild sie in der Zeitung gesehen hat. Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) aber hat seine Zweifel an der Geschichte...

REIFEZEUGNIS war bei seiner Erstausstrahlung ein Straßenfeger und sorgte nicht nur wegen Nastassja Kinskis freizügiger Darstellung für wochenlange Diskussionen. Wolfgang Petersen und Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld thematisieren Unzucht mit minderjährigen Schutzbefohlenen und zeichnen dazu den Lehrer mit Vorliebe für 16-jährige Mädels als sympathischen jungen Mann, der durch die Ereignisse in die Klemme und bald unter Verdacht gerät. Mit der Besetzung von Christian Quadflieg wird dieser gewagte Kniff auf die Spitze getrieben, denn ihm gelingt es mühelos, das Publikum auf seine Seite zu ziehen und seine Liebe zur Schülerin Kinski glaubhaft zu machen. Man möchte, dass er davonkommt, obwohl er seine Ehefrau (Judy Winter) betrügt, Schularbeiten fälscht und nur an seinem eigenen Wohlergehen interessiert ist. Nicht einmal, als die Affäre endgültig bekannt ist, schafft er es, sie zu beenden, sondern landet gleich wieder mit Kinski im Bett.

Das Drehbuch von Herbert Lichtenfeld ist in jeder Hinsicht ein Musterbeispiel, das ganze Drehbuchseminare ersetzt. Jede Figur erfüllt eine Funktion für die Geschichte, jede Szene bringt die Handlung voran und/oder definiert die Charaktere, in jeder Situation weiß der Zuschauer exakt, was die Charaktere empfinden und was sie wollen. Es gibt trotz der Lauflänge von 107 Minuten keine einzige überflüssige Sequenz, man möchte eher mehr als weniger sehen. Der ermittelnde Kommissar Schwarzkopf taucht erst nach 25 Minuten auf, was heute undenkbar wäre. Die Dialoge sind weder um Skurrilität und Witz bemüht, noch wird hier um Betroffenheit gebettelt. Wolfgang Petersen inszeniert nüchtern, mitleidlos und ökonomisch, auch er verschwendet keine Kameraeinstellung und bleibt immer dicht an den Charakteren. Auch wenn das gemächliche Tempo junge Zuschauer heute eher einschläfern dürfte, entwickeln Buch und Regie von der ersten Minute an eine klassische Krimi-Spannung, obwohl sie auf den Whodunit verzichten und den Zuschauer nie im Unklaren lassen.

Und es wird noch besser. Neben der Kriminalhandlung entwirft Autor Lichtenfeld ein geradezu entlarvendes Gesellschaftsbild. Die idyllische Umgebung der Holsteinischen Schweiz mit den hübschen Einfamilienhäusern und adretten Gymnasien beherbergt Charaktere, die keinerlei moralische Reife (!) aufweisen, weder die Schüler noch die Lehrer. Jeder, der von dem heimlichen Liebesverhältnis erfährt, nutzt es für seine Zwecke, niemand entrüstet sich darüber. Mitschüler Boysen versucht es mit sexueller Nötigung bei Kinski und muss dafür mit dem Leben bezahlen, während zwei mittelmäßig begabte Schülerinnen sich umgehend bessere Noten verschaffen, indem sie Lehrer Quadflieg erpressen. Der hat ohnehin kein Gefühl für Verantwortung und Anstand. Seine kühle Frau - grandios gespielt von Judy Winter - erschrickt nicht einmal, als sie von der Beziehung erfährt (scheinbar ist das schon häufiger vorgekommen), sondern fragt nur "Schläfst du mit Sina?", befiehlt ihrem schwächlichen Gatten, das Verhältnis zu beenden und der jungen Schülerin nicht das Gefühl zu geben, sie "wäre nur ein Spielzeug" gewesen. Weder macht sie ihm Vorwürfe, noch ändert das Geschehene etwas an ihrer liberalen Einstellung. Sogar der Assistent des Kommissars hat Verständnis für Quadflieg, weil Nastassja Kinski so "ein Bild von einem Mädchen" ist, und ergeht sich in Mitgefühl, bis sein Chef ihm trocken sagt "Hör jetzt auf!", der wohl wichtigste Satz mit mehrfacher Bedeutung für den Film und die Figuren.

Nastassja Kinski ist unter Petersens Regie das Zentrum des Films. REIFEZEUGNIS beginnt mit ihrer im Off gesprochenen Liebeserklärung und endet mit der Verhaftung des verzweifelten Mädchens, das unfähig ist, sich umzubringen ("Ich war sogar im Wasser, aber ich kann ja schwimmen!").
Dass die junge Kinski mehrfach ihren nackten Busen zeigt, hat das deutsche Fernsehpublikum seinerzeit ebenso schockiert wie entzückt, sie wird nicht nur von den Charakteren, sondern auch vom Film deutlich sexualisiert. Auch das wäre heute so nicht mehr möglich. Für seine Zeit war REIFEZEUGNIS ein hochmoderner Film, der mit einigen Tabus brach und ein Stück Realität in deutsche Wohnzimmer brachte, und das alles versteckt hinter einer Krimi-Handlung, die überraschend einfach gestrickt ist und doch wegen der Charaktere so fesselt.

Ein wenig erinnert REIFEZEUGNIS - auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick etwas gewagt scheint - an die Filme Claude Chabrols, in denen ebenfalls der gehobene Mittelstand mit all seinen Abgründen unterhaltsam und mit gezielter Bösartigkeit beleuchtet wurde.
REIFEZEUGNIS ist natürlich gealtert, lohnt sich aber immer wieder als Beleg für die Klasse und Sorgfalt deutscher TV-Produktionen der 70er. Er genießt seinen Ruf absolut zu Recht.

9.5/10

Montag, 22. November 2010

Zehn - Die Traumfrau (1979)

Manchmal trifft ein Film so sehr den Nerv seiner Zeit, dass sein Erfolg in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Qualität steht.
Regisseur Blake Edwards hat in seiner Karriere viele sehr gute Filme inszeniert, aber sein großer Hit ZEHN - DIE TRAUMFRAU (Ten) gehört nicht unbedingt dazu.
Ich erinnere mich noch, wie er erstmals in den 80ern im TV lief und ich ihn damals - besonders angesichts seines Rufs - als schwerfällig, geschwätzig und langweilig empfand. Heute, 25 Jahre später, ist der Eindruck immer noch derselbe.

ZEHN erzählt die Leidensgeschichte des Komponisten Dudley Moore, der mit 42 frustriert und selbstmitleidig seiner verlorenen Jugend nachtrauert und ständig jungen Frauen hinterhergafft, obwohl er ein großzügiges Haus, einen teuren Wagen und mit Julie Andrews eine hinreißende, erfolgreiche Partnerin an der Seite hat. Das hilft aber nicht, wenn man tief in der Midlife-Krise steckt. Als Dudley die schöne Bo Derek (eine "10" auf der 1-10-Skala, daher der Titel) auf dem Weg zu ihrer Trauung beobachtet, fühlt er sich magisch angezogen, und als er ihr im Urlaub in Mexiko erneut begegnet, setzt er alles daran, der frisch Verheirateten näher zu kommen, was zu mehreren peinlichen Situationen führt. Schließlich aber wird das Unglaubliche wahr, und Bo lädt ihn in ihr Apartment ein. Sie zündet einen Joint an, legt Ravels "Bolero" auf, und ab geht die Post...oder wird Dudley etwa doch rechtzeitig bewusst, dass er einem Phantom nachjagt?

Mit der Zeichnung einer männlichen Hauptfigur, die mitten in einer selbst gemachten Lebenskrise steckt, hat Blake Edwards zweifellos den Zeitgeist getroffen, und so wurde sein Film zum Riesenhit. ZEHN ist ebenfalls untrennbar mit Ravels "Bolero" verbunden und hat Bo Derek auf einen Schlag so berühmt gemacht, dass Frauen in aller Welt ihren Afro-Look nachahmten - eine eindeutige Geschmacksverirrung der frühen 80er. Noch heute soll es Menschen geben, die mit den Klängen des "Bolero" ihr müdes Sexleben aufpeppen wollen (ebenso wie Leute nach Adrian Lynes "9 1/2 Wochen" ihre Kühlschränke zweckentfremdeten). Das Orchesterstück wurde durch den Film dermaßen zu Tode gespielt, dass ich persönlich es nicht mehr hören kann - in die gleiche Kategorie fällt auch Orffs "Carmina Burana", das in penetranter Regelmäßigkeit für saudumme Einmärsche von Boxern, Fußballspielern und anderen Feingeistern missbraucht wird.

Neben diesen Popkultur-Phänomenen aber bietet ZEHN reichlich wenig. Der Witz hält sich arg in Grenzen und besteht fast ausschließlich aus Slapstick, der zwar zu Blake Edwards' Spezialitäten gehört, hier aber oft schlecht getimt ist. Die Dialoge erreichen nur manchmal intelligentes Niveau, auf jeden Fall gibt es viel zu viele davon. Geschieht kein Slapstick, gehen die Figuren am Strand spazieren oder sitzen wahlweise im Bett, an Bars oder am Klavier. Von dem irrwitzigen Tempo, das Edwards' "Pink Panther"-Reihe auszeichnet, und das eine solche Komödie brauchen würde, ist hier nichts zu spüren, und so hinterlässt ZEHN einen schwerfälligen, aufgeblasenen Eindruck. In dem ganzen Gerede gehen die wenigen wirklich intelligenten Sätze oft verloren.

Die Rolle von Dudley Moore wurde ursprünglich von George Segal ("Achterbahn", 1977) gespielt, der aber nach kurzer Drehzeit ausgewechselt wurde. Ohne seine Szenen gesehen zu haben, könnte man sich durchaus vorstellen, dass der attraktive Segal in der Rolle des armen Würstchens doch fehlbesetzt war. Moore hingegen ist als Würstchen hervorragend. Er gibt eine absolut jämmerliche Gestalt ab, und man fragt sich, was eine Julie Andrews an ihm finden mag. Das gehört natürlich zum Reiz des Films, in dem ein Mann nicht erkennen kann, was er alles erreicht hat und nur nach Dingen verlangt, die scheinbar unerreichbar sind - bis er sie erreicht und feststellt, dass er bislang eigentlich ganz glücklich war.

Julie Andrews (Edwards' Ehefrau) wird leider verschenkt, darf einige Songs zum besten geben und sich ansonsten stets Sorgen um Dudley Moores Eskapaden machen, ohne jemals zurückzuschlagen oder sich abzunabeln. Die kluge Frau wartet, bis der Mann den Weg nach Hause findet, sagt der Film, dem kann man zustimmen oder auch nicht.
Bo Derek, die durch ZEHN weltweit zum Schönheitsideal einer ganzen Genreration erklärt wurde, hat schauspielerisch wenig zu bieten, wird aber spektakulär in Szene gesetzt. Über Schönheit mag ich mich nicht streiten, finde aber, dass Derek schon hier in jungen Jahren extrem künstlich aussah und vermutlich als Anfang vom Ende natürlicher Schönheit in Hollywood Maßstäbe setzte. Die Auswirkungen dieses Schönheitsideals sehen wir heute.

Exzellent besetzt sind die Nebenrollen mit hochkarätigen Darstellern wie Dee Wallace, Brian Dennehy und Robert Webber. Webber lebt mit seinem jungen Lover in einem hübschen Strandhaus, und die schwule Beziehung wird von Blake Edwards nie zum Ziel von Hohn oder Spott, sondern ist die einzig stabile Liebesbeziehung im gesamten Film. Als Moore seinen Freund Webber zu dessen Liebhaber befragt: "Macht der eigentlich auch was anderes außer Schwimmen und Sonnenbaden?", erwidert Webber ungerührt: "Ja. Er macht mich glücklich, und dafür kann er von mir aus den ganzen Tag schwimmen und sonnenbaden."
Diesen erwachsenen Umgang mit einer schwulen Liebe hat Edwards in dem kurz später entstandenen "Victor/Victoria" (1982), der zu seinen schönsten Filmen zählt, fortgesetzt. Das ist für einen Film der späten 70er keine Selbstverständlichkeit.

Der zuvor entstandene französische Film "Ein Elefant irrt sich gewaltig" (1976), der viele von Edwards Themen vorwegnimmt, ist klar der bessere Film, und sogar das US-Remake "Die Frau in Rot" (1984) kann heute besser unterhalten als ZEHN. Wer aber aus nostalgischen Gründen sehen will, was die ganze Welt an Bo Derek und ihrem Afro-Look erotisch fand, und wie der "Bolero" Einzug in die Popkultur hielt, der kann mit ZEHN eine ganz nette Zeitreise unternehmen.

Nach seinem großen Erfolg mit ZEHN fiel Edwards mit seiner folgenden Hollywood-Satire "S.O.B. - Hollywoods letzter Heuler" (1981) bei Kritikern und Publikum gnadenlos durch und musste lernen, dass man in Hollywood einen Tag lang der Liebling der Massen und am nächsten der Buhmann der Nation sein kann. Er erholte sich aber schnell mit dem populären "Victor/Victoria". Im Jahr 1989 inszenierte Edwards mit "Skin Deep - Männer haben's auch nicht leicht" ein Quasi-Update von ZEHN, mit mäßigem Erfolg. Die Zeit von Männern in der Midlife-Krise war definitiv vorbei.

04/10

Samstag, 20. November 2010

Im Banne des Unheimlichen (1968)

IM BANNE DES UNHEIMLICHEN stammt aus der späteren Phase der Edgar Wallace-Verfilmungen und gehört nicht unbedingt zu den unverzichtbaren Klassikern, kann aber einigermaßen gut unterhalten, wenn man über mehrere Albernheiten gnädig hinwegsieht.

Worum geht es? Bei der Trauerfeier des verstorbenen Sir Oliver Ramsey dringt plötzlich schallendes Gelächter aus dem verschlossenen Sarg. Sir Cecil (Wolfgang Kieling), der leicht neurotische Bruder des Verstorbenen, ist fest überzeugt, sein Bruder sei noch am Leben - zumal dieser scheinbar immer wieder vor dessen Fenster als verkleidetes Schreckgespenst auftaucht. In dieser Maske begeht der Unheimliche auch zahlreiche Morde mit einem giftigen Skorpionstachel.
Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) von Scotland Yard kommt zunächst auf die Spur eines afrikanischen Gifts, dann auf einen Versicherungsbetrug und jede Menge dubioser Machenschaften, während Freunde, Verwandte und Ärzte des Toten vom Unheimlichen ins Jenseits befördert werden...

Von Edgar Wallaces Roman "Der Unheimliche" bleibt da nicht mehr viel übrig, muss ja auch nicht. Stattdessen feiert man bei der Rialto lieber deftigen Mummenschanz, mit einem als Leichengerippe verkleideten Mörder, der wohl eher die Lachmuskeln animierte, würde nicht Filmkomponist Peter Thomas dem Unheimlichen jedes Mal eine schaurige Auftrittsmusik gönnen.
Von echter Spannung kann leider keine Rede sein, und der klassische Werbespruch "Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein" trifft auch keineswegs zu, da der Film nach der Hälfte seiner Laufzeit deutliche Längen aufweist und die Demaskierung des Killers - eigentlich der Höhepunkt der Filme - nicht mehr so recht interessiert. Ein echtes Highlight oder Set Piece gibt es nicht, dafür aber jede Menge Nonsens, z.B. den modischen Dietrich, mit dem Blacky Fuchsberger angeblich eine verschlossene Tür aufbekommt, und der aussieht wie ein Taschenventilator. Die vielen Kleindarsteller mit Berliner Schnauze, die Gerüchten zufolge Briten darstellen, sind ebenfalls - wie so oft - höchst amüsant.
Keine Besprechung vom UNHEIMLICHEN wäre allerdings komplett ohne die Erwähnung von Peter Mosbacher, der als grün geschminkter "West-Inder" Ramiro den Gipfel der Peinlichkeit im gesamten Wallace-Universum darstellt. Nicht einmal der affige Gorilla, der im Nachfolger "Der Gorilla von Soho" (1968) Uschi Glas nachstellt, ist so albern wie diese beschämende Maske.

Joachim Fuchsberger spielt entspannt und humorig den Inspektor Higgins, der von der entzückenden Ilse Pagé als Miss Finley kokett "Higgi" gennant wird (da hat wohl jemand "Im Geheimdienst ihrer Majestät" gesehen..), der auch mal einer Bibliotheksangestellten lüstern unter den Rock gafft, wenn sie im Obergeschoss ein Buch sucht. Respekt vor Frauen als ebenbürtige Menschen gibt es in der Filmreihe ohnehin nicht wirklich, es sei denn, sie sehen aus wie Karin Dor.
Die Schwedin Siw Mattson, deren Filmografie ganze drei (!) Auftritte aufweist, ist zwar als geil daherplappernde Reporterin ("Ein Knaller, ? Meine Beine!") ganz nett anzuschauen, darstellerisch bleiben aber einige Wünsche offen, auch wenn sich die Inszenierung heftig bemüht, sie wie eine deutsch/britisch/schwedische Emma Peel wirken zu lassen.
Den unterhaltsamsten Part hat Hubert "Hupsi" von Meyerink als Yard-Chef Sir Arthur, der im Büro Ballett-Schritte tanzt und angeblich seinen in den Ruhestand versetzten Vorgänger Siegfried Schürenberg abgelöst hat, obwohl er deutlich älter wirkt. Den besten Dialog bekommt er, wenn er sich im Yard Fotos von Sängerin Lil Lindfors anschaut (Kommentar: "Sehr attraktiv") und dann bei der Aufnahme ihrer Leiche enttäuscht anmerkt: "In dieser Stellung ist sie natürlich weniger attraktiv!"

In Nebenrollen leisten Wolfgang Spier, Siegfried Rauch und Pinkas Braun gewohnt gute Arbeit, der wunderbare Wolfgang Kieling wird leider verschenkt und muss als paranoider Sir Cecil ständig in Todesangst die Augen aufreißen und herumschreien. Klasse ist der Auftritt von Edith Schneider, eine der besten Synchronsprecherinnen aller Zeiten (u.a. Doris Day und Ava Gardner), in der Rolle einer Giftexpertin. Lil Lindfors singt - begleitet von Voodoo-Trommeln - das schmissige Titellied "The Space of Today", mit einem der sinnlosesten Texte der Musikgeschichte.

An Kamera, Schnitt und Musik gibt es wie immer nichts auszusetzen, Regisseur Alfred Vohrer bemüht sich um hohes Tempo und schnell wechselnde Schauplätze (mit besonderem Augenmerk auf dynamische Szenenübergänge), doch das Buch von Ladislas Fodor gibt leider nicht viel her. Als Zuschauer hat man bis kurz vor Schluss keinen Schimmer, worum es eigentlich in der ganzen Geschichte geht, so bleibt einem auch das Mitfiebern erspart. Man kann sich zurücklehnen, das Gehirn ausschalten und den Unheimlichen vor seinen Augen vorbeiziehen lassen, ohne dass bleibende Schäden entstünden.

Als nächstes produzierte die Rialto übrigens mit "Der Gorilla von Soho" den mit Abstand schlechtesten Wallace aller Zeiten, bevor man das Qualitätsniveau glücklicherweise wieder anhob.

05/10

Donnerstag, 18. November 2010

Die Augen eines Fremden (1981)

Auf dem Höhepunkt der Slasher-Welle verging kaum eine Woche, in der nicht ein brutaler Killer auf der Leinwand jungen Frauen nachstellte. Ken Wiederhorns DIE AUGEN EINES FREMDEN (Eyes of a Stranger) gehört zu den etwas besseren, weil erwachseneren Vertretern dieses Wegwerf-Genres, deren Reiz hauptsächlich in lang ausgedehnten Verfolgungsszenen und blutigen Morden besteht.

Der Plot ist dabei praktischerweise aus mehreren Filmen zusammengeklaut. In Miami geht ein Frauenmörder um, den die Polizei nicht fassen kann, und wegen dessen Untaten die Straßen nachts wie leergefegt sind. TV-Nachrichtenmoderatorin Lauren Tewes glaubt nun, der Täter würde im Apartmenthaus gegenüber wohnen, denn sie beobachtet, wie er mit schlammverdrecktem Wagen nach Hause kommt, in der Tiefgarage seine Kleidung wechselt und sich auch sonst verdächtig benimmt. Je überzeugter sie von seiner Schuld ist, desto besessener wird sie von der Idee, ihn zur Strecke zu bringen, ganz besonders, weil ihre junge Schwester Jennifer Jason Leigh als Kind entführt und missbraucht wurde, weswegen sie nun blind und taubstumm ist. Laurens Recherchen zeigen, dass sie auf der richtigen Spur ist, doch als der Killer merkt, wer da hinter ihm her ist, gerät die arme Schwester erneut in Lebensgefahr...

Ja, das haben wir alles schon mal woanders gesehen. Im Grunde handelt es sich bei DIE AUGEN EINES FREMDEN um ein Update von John Carpenters (exzellentem) TV-Film "Das unsichtbare Auge" (1978), in dem Lauren Hutton den gleichen Part übernimmt (und auch dort fürs Fernsehen arbeitet und in einem sehr ähnlichen Hochhaus wohnt). Wenn Lauren Tewes ins Apartment des mutmaßlichen Täters eindringt und dort fast von ihm erwischt wird, muss man nicht lange überlegen, ob das Ganze vielleicht aus Hitchcocks "Fenster zum Hof" (1954) entliehen wurde. Auch Elemente anderer Slasher wie "Maniac" (1980) werden aufgegriffen. Dazu gehören auch die teilweise harten Morsdszenen, die von Make-Up-Meister Tom Savini blutig in Szene gesetzt wurden.
Sehr lustig ist in diesem Zusammenhang übrigens das deutsche VHS-Cover, auf dem der Zusatz steht: "Dieser Film bezieht seine Spannung aus der Angst vor dem Unbekannten, nicht aus dem Horror abgehackter Köpfe" (oder so ähnlich) - was überrascht, denn der erste abgehackte Kopf landet nach zehn Minuten bereits im Aquarium, und auch sonst ist er Thriller nicht gerade zimperlich mit durchtrennten Kehlen und Hirnmasse auf Badezimmerkacheln.
Ganz besonders, wenn sich im letzten Akt der Killer auf die hilflose Jennifer Jason Leigh konzentriert und fiese Spielchen mit ihr (und ihrem süßen Hund) treibt, gerät der Film deutlich in den Sleaze-Bereich, bei dem das Zuschauen nicht mehr unbedingt Spaß macht, sondern aus verschiedenen Gründen (nicht alle davon positiv) an den Nerven zerrt.

Schauspielerisch geht DIE AUGEN EINES FREMDEN in Ordnung. Lauren Tewes ist vor allem bekannt als Stewardess des "Love Boats", Jennifer Jason Leigh absolviert hier ihr Leinwanddebüt und überzeugt gleich in einer schwierigen stummen Rolle. John DiSanto als grobschlächtiger Killer bekommt kaum einen Dialogsatz oder eine Motivation für seine Taten, aber als unangenehme Präsenz kann man schon Angst vor ihm bekommen.
Filmkomponist Richard Einhorn kopiert Pino Donaggios Musik aus "Dressed to Kill" (1980), und auch Regisseur Ken Wiederhorn hat sich De Palma als Vorbild genommen. So gibt es gleich zu Beginn eine Duschszene, sowie eine lange, stumme Verfolgung des ersten weiblichen Opfers durch die Straßen und ihre Wohnung.

Insgesamt gehört DIE AUGEN EINES FREMDEN zum Horror Fast Food-Kino, das fürs einmalige Sehen durchaus spannende Unterhaltung bietet, in der Geschichte des Genres aber lediglich eine Fußnote darstellt und auch kaum bekannt ist. Das Plakatmotiv ist hübsch surreal. Ich mag ihn wegen seiner düsteren Atmosphäre und der De Palma-Anklänge ganz gern, aber auf eine einsame Insel würde ich ihn nicht mitnehmen.

07/10
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