Donnerstag, 30. Dezember 2010

Odette Toulemonde (2007)

Die verwitwete Belgierin Odette Toulemonde (Catherine Frot) arbeitet als Verkäuferin in der Kosmetikabteilung eines großen Kaufhauses. Ihre ganze Liebe gehört dem Schriftsteller Balthazar Balsan (Albert Dupontel), dessen Liebesromane sie Tag für Tag verschlingt, um aus dem tristen Alltag auszubrechen. Bei einer Autogrammstunde steht sie dem Idol endlich gegenüber und bekommt nicht einmal ihren Namen korrekt heraus, weswegen er "Für Dette" ins Buch schreibt. Beim zweiten Treffen schreibt Odette ihm deswegen einen langen Brief, in dem sie ihm erklärt, wie sehr sie ihn und seine Bücher liebt.

Balthazar hat dagegen mit eigenen Problemen zu kämpfen. Ein bekannter Kritiker verreißt sein neuestes Werk, seine Frau hat ein Verhältnis (mit besagtem Kritiker), und sein eigener Sohn schämt sich für seinen berühmten Namen. Da kommt der herzzerreißende Brief von Odette gerade recht, der ihm beweist, dass es doch noch jemanden gibt, der ihn liebt. Odette staunt nicht schlecht, als Balthazar plötzlich vor ihrer Tür steht. Sie nimmt ihn bei sich auf, in ihrer kleinen Wohnung mit der stets schlecht gelaunten Tochter (Nina Drecq), deren peinlichem Lebensgefährten und dem schwulen Sohn (Fabrice Murgia) mit seinen wechselnden Lovern. Balthazar schöpft wieder Kraft fürs Leben und die Kunst. Aber hat die Liebe der beiden eine Chance in der Realität?

ODETTE TOULEMONDE (Odette Toulemonde) war ein Riesenhit in Frankreich. Regisseur Éric Emmanuel Schmitt, der auch die Vorlage zum Film - die gleichnamige Kurzgeschichtensammlung - schrieb, ist eine wundervoll leichte und beschwingte romantische Komödie gelungen, voller liebenswerter Details, Musik und magischer Momente. In der Welt von Odette Toulemonde ist trotz der vorgegebenen Tristesse alles möglich. Wenn sie ein Buch von Balthazar liest, schwebt sie über dem Boden, ein Bekannter namens Jesus wandelt übers Wasser und blutet aus den Handflächen, Tapetenmuster werden lebendig, und wenn Odette verliebt ist, fliegt sie hoch hinaus über die Dächer, im Finale sogar bis auf den Mond.

Die kleinen Anleihen bei "Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001), der das Kino in Frankreich deutlich geprägt hat, sind unübersehbar. Die ärmliche Umgebung von Odettes Welt ist nur behauptet, allein die Ausstattung in ihrer Wohnung ist so gekonnt gekünstelt, dass Almodóvar seine helle Freude hätte.
Im Gegensatz zu amerikanischen Komödien wird hier nicht die Partnersuche zum einzigen Lebensziel erklärt. Odette ist über 40 und hat sich mit den Gegebenheiten des Lebens abgefunden, die Liebe gibt es obendrauf, weil sie ein wundervoller, mitfühlender Mensch ist, der es verdient hat, geliebt zu werden. Mit der Figur der Odette gibt sich der Film die meiste Mühe, und es ist herrlich, Catherine Frot zuzuschauen, wie sie mit Staubwedel zur Musik von Josephine Baker durch die Wohnung tanzt, bei der Begegnung mit Balthazar aus dem Stottern nicht mehr herauskommt oder mit der ganzen Familie eine Bananentanz-Choreografie aufführt.

Um zum Happy-End zu kommen, muss Schmitt zwar im letzten Akt auf ein paar Klischees zurückgreifen, die sich bis dahin nicht im Film finden, aber das ist nur ein winzig kleiner Kritikpunkt. Insgesamt ist ODETTE TOULEMONDE ein herzerwärmendes Filmerlebnis voll skurriler Komik, liebenswerter Charaktere und bezaubernder Momente.
Einer der schönsten Filme, die ich in diesem Jahr gesehen habe und ideal geeignet, der letzte Blogeintrag in diesem Jahr zu werden. Guten Rutsch!

09/10

Die nackte Wahrheit (2009)

Hier ist ein Vorschlag für die FSK und andere "Schutzorgane": Wie wäre es, wenn Filme wie DIE NACKTE WAHRHEIT (The Ugly Truth) ab 18 freigegeben oder am besten gleich auf dem Index landen würden?
Denn wenn man davon ausgeht, dass Jugendliche nach dem Konsum von Horrorfilmen oder Ballerspielen auf die Straße gehen und Leute umbringen, dann darf man sicher auch davon ausgehen, dass junge Mädchen aus Filmen wie diesem kommen, sämtliche Selbstachtung verloren haben und das nächstbeste Macho-Arschloch heiraten, das sie verprügelt, wenn das Essen anbrennt.
Ist dieselbe Logik.

Katherine Heigl, die RomCom-Darstellerin du jour, spielt hier eine gutaussehende und intelligente TV-Producerin mit sinkenden Einschaltquoten - bis der Berufs-Neandertaler Gerard Butler die Sendung übernimmt, der mit seinen "nackten Wahrheiten" über Männer und Frauen für Kontroversen und Quoten sorgt. Butler benimmt sich wie ein Schwein und hilft Heigl nach anfänglichen Differenzen, sich den charmanten Nachbarn zu angeln, indem er ihr verrät, was Männer von Frauen wollen. Männer wollen lebende Sexpuppen, alles klar?
Also muss Heigl sich in viel zu knappe Outfits zwängen, dümmlich daherreden und sich wie eine Pornoqueen benehmen. Als solche hat sie nämlich beste Chancen, noch einen Kerl abzukriegen, denn seien wir ehrlich - was wäre sie ohne? Im Hollywoodschen Raster ist Heigl ohnehin trotz blendendem Aussehen, Schlagfertigkeit und gutem Job ein Loser, wenn kein Mann ihr sagt, was sie zu tun hat, und selbstverständlich ist sie wegen ihrer privaten Dürreperiode auch schon verzweifelt, obwohl sie die 30 gerade mal überschritten hat.
Dass eine Frau wie Katherine Heigl im wahren Leben nicht einmal den Hauch eines Problems hätte, einen Mann zu bekommen, lassen wir mal beiseite.

Gerard Butler, der mittlerweile auf den Typ des sympathischen Kotzbrockens abonniert ist, darf natürlich nicht ganz abstoßend sein, also gibt ihm der Film noch einen herzallerliebsten Neffen an die Hand, um den er sich rührend kümmert. Der Kleine darf übrigens die offenherzige TV-ShowSendung vom Ersatz-Papa nicht sehen. So viel zu Butlers propagierter "nackter Wahrheit".

Auf dem "Höhepunkt" des Films kommt Katherine Heigl zu selbigem, als sie vibrierende Unterwäsche bei einem Geschäftsessen trägt, während ein Technik-begeistertes Kind am Nebentisch mit der Fernbedienung ihrer heißen Höschen herumspielt und sie bis zum Orgasmus orgelt. Die Szene soll zweifellos ein Update der berühmten "Harry und Sally - Ich will genau das, was sie hatte"-Nummer werden, ist aber so schlecht inszeniert und gespielt, dass sie nur peinlich ist.

Am Ende verlieben sich dann Butler und Heigl (haben wir es nicht geahnt?) ineinander. Butler erkennt die "wahre" Heigl, die doch viel besser ist als das Frankensteinsche Porno-Geschöpf, das er geschaffen hat, Heigl hingegen erkennt, dass... ja, ich weiß nicht genau, was, er ist immer noch ein Kotzbrocken, aber irgendwie müssen die beiden ja zusammenkommen. Das Happy-End findet bei einem Heißluftballonausflug statt, und der Hintergund mit Sonnenuntergang und Ballons ist so schlecht animiert, als würden sich die beiden in einem Videospiel aus den 80ern befinden.

Glücklicherweise - das rettet den Film nicht, macht ihn aber erträglicher als viele andere der Kategorie - kann DIE NACKTE WAHRHEIT mit ein paar herben Vulgaritäten aufwarten, verzichtet außerdem auf allzu süßlichen Schmalz und hält sich mit keiner Szene allzu lange auf, so dass er relativ temporeich vorbeizieht. Die Verwicklungen sind bekannt, das Konstrukt auch, immerhin gibt es aber ein paar Lacher.

Katherine Heigl beschwerte sich nach dem Riesenerfolg "Knocked Up - Beim ersten Mal" (2007) darüber, dass der Film doch etwas frauenfeindlich sei. Warum sie dann für DIE NACKTE WAHRHEIT zusagte, in dem Frauen durchgängig wie Dreck behandelt werden, bleibt ihr süßes Geheimnis.

04/10

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Black Heaven (2010)

Kombiniert man David Lynch, Brian De Palma und Marilyn Monroe, bekommt man vielleicht BLACK HEAVEN (L'Autre Monde) heraus, den französischen Thriller von Gilles Marchand (Autor von "Lemming", 2005, dessen Regisseur Dominik Moll hier am Drehbuch mitschrieb).

Der Inhalt: das junge Paar Gaspard (Grégoire Leprince-Ronguet, "Chanson der Liebe", 2007) und Marion (Pauline Etienne) findet in einer Umkleidekabine am Strand einer französischen Küstenstadt ein fremdes Handy mit seltsamer Botschaft. Gaspard ist dazu fasziniert von einer blonden Schönheit, deren Foto er auf dem Handy findet. Die beiden spionieren den Besitzern des Handys nach und müssen mitansehen, wie die Blondine namens Audrey und ihr Freund versuchen, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Die mysteriöse Audrey kann gerettet werden, der Freund stirbt. Marion hat jetzt genug vom Detektivspiel, aber Gaspard ist noch immer wie besessen von Audrey. Bald schon begegnet er ihr erneut, ebenso wie ihrem undurchsichtigem Bruder (Melvil Poupaud, "Die Zeit, die bleibt", 2005), und ehe er sich versieht, befindet er sich in ganz übler, krimineller Gesellschaft, aus der es kein Entkommen mehr gibt...

Gilles Marchand hat seine Vorbilder "Blue Velvet" (1986) und "Lost Highway" (1997) sehr gut studiert, und der naive Held, der durch die Bekanntschaft mit einer schönen Unbekannten in Lebensgefahr gerät, könnte ebenso De Palmas "Body Double" (1984) entstammen, zumal BLACK HEAVEN auch mit der Doppelung Blondine/Brünette spielt.

BLACK HEAVEN ist sehr ruhig erzählt und entwickelt über die Laufzeit eine starke innere Spannung, hat aber auch wegen der Langsamkeit einige Längen. Der besondere Reiz liegt in den Virtual Reality-Sequenzen. Die Charaktere begegnen sich in einer "Second Life"-ähnlichen Internet-Plattform namens "Black Hole", eine schwarzweiße Noir-Welt, in der sie ihre Fantasien ausleben, geheime Treffen vereinbaren oder sich durch Selbstmord an einen schwarzen Strand beamen können, an dem die Zeit still steht und alle Sorgen verschwunden sind. Diese digitalen Sequenzen mit den verfremdeten Stimmen der Darsteller werden gut in die Handlung integriert und bestechen durch surreale Bilder. Die Verbindung von Realszenen und virtueller Realität hat in Spielfilmen nicht oft funktioniert, hier bereichert sie die Erzählung.

Schauspielerisch ist BLACK HEAVEN nicht außergewöhnlich. Grégoire Leprince-Ronguet ist sehr hübsch anzuschauen und bekommt reichlich Großaufnahmen, aber er bleibt weitgehend emotionslos. Nur in der letzten Szene zeigt er, dass er auch spielen kann. Louise Bourgoin ist in erster Linie schön und besitzt die nötige geheimnisvolle Ausstrahlung für ihre Femme Fatale, Melvil Poupaud spielt den leicht durchgeknallten Bösewicht nicht schlecht, aber er wirkt einfach viel zu nett und sympathisch. Hervorragend gelungen ist dafür der düstere, hypnotische Soundtrack der Elektropop-Band "M83", deren Titelthema ein echter Ohrwurm ist.

BLACK HEAVEN hätte ein bisschen mehr Tempo und Figurenzeichnung gut getan, aber die deutlichen Vorbilder, die Virtual Reality-Sequenzen und der Soundtrack sorgen für ein interessantes Filmexperiment.

07/10

Der unschuldige Held auf dem Weg in den Abgrund -
Grégoire Leprince-Ringuet in "L'autre Monde"

Whatever Works (2008)

Da ist er wieder, der zynische und neurotische alte Mann, ein Physiker, der sogar schon für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde, ihn aber nicht erhalten hat, seitdem mehr oder weniger verbittert seine Umwelt mit Lebensphilosophien belästigt, und dessen Alltag und Weltsicht durch ein unkonventionelles, sexy junges Mädel durcheinandergewirbelt wird.

Hm
.

Den alten Mann spielt Larry David ("Seinfeld"-Autor und Erfinder des genialen "Curb Your Enthusiasm"), das junge Ding spielt Evan Rachel Wood, der Film stammt von Woody Allen und heißt WHATEVER WORKS (Whatever Works).
Das Drehbuch hat Allen bereits in den 70ern verfasst und aus unerfindlichen Gründen im Jahr 2008 wieder aus der Schublade geholt (offiziell, um einem Autorenstreik zuvor zu kommen), dabei hat man die Geschichte von Allen schon dutzende Male gesehen. Ich bin normalerweise jederzeit bereit, einen Allen zu verteidigen - wenn er nicht gerade so schlecht ausfällt wie "Scoop" (2006) - aber WHATEVER WORKS hat mich nach 20 Minuten eher genervt als belustigt.

Ja, es gibt die gelegentlich witzige und scharf formulierte Pointe, es gibt die bekannten Neurosen der ewig plappernden New Yorker und den ab und zu auf den Punkt gebrachten politischen Blick. Auf der anderen Seite gibt es keinen visuellen Einfall (mit Ausnahme der nicht gerade originellen Idee, Larry David direkt in die Kamera sprechen zu lassen und damit die vierte Wand zu durchbrechen), dafür aber holzschnittartige Charaktere, Klischees über Künstler, Konservative und offene Beziehungen, und am Ende werden irgendwie doch alle glücklich, auch wenn es bei dem einen oder anderen sehr schnell gehen muss, ihn unter die Haube zu kriegen. Auch schauspielerisch gibt es nur Mittelmaß. Hauptdarstellerin Wood ist zum Beispiel vollkommen austauschbar und uncharismatisch.

Nein, da habe ich schon weitaus Besseres von Woody Allen gesehen. Wo ist der Esprit des "Stadtneurotikers" (1977), die Magie von "Manhattan" (1979), und wenn schon nicht die, dann wenigstens die Quirligkeit von "Schmalspurganoven" (2000)?
Zum ersten Mal hat mich das pausenlose Gerede gelangweilt und vollständig kalt gelassen. Keine Figur hat mich ansatzweise interessiert, und die dem Stoff zugrunde liegende Altherrenfantasie ist mehr als abgestanden. Didn't Work For Me, um es mal mit der Sprache des Films zu sagen. Vielleicht beim nächsten Mal wieder, denn eines ist sicher - bei Woody Allen gibt es immer ein nächstes Mal.

02/10

Montag, 27. Dezember 2010

Please Give (2010)

PLEASE GIVE (Please Give) gehört zu den Geheimtipps und Entdeckungen, die einen Filmfreund glauben lassen, dass es doch noch Sehenswertes im aktuellen Kino gibt und das gute Autorenkino noch nicht ganz ausgestorben ist.

Worum geht es?
Kate (Catherine Keener, wie immer wundervoll und ganz ohne Botox gealtert) kauft Möbel aus den Hinterlassenschaften frisch Verstorbener und verkauft diese teuer in ihrem Vintage-Möbelgeschäft, das sie mit Ehemann Alex (Oliver Platt) betreibt. Wegen dieser etwas unmoralischen Geschäftspraxis entwickelt sie ein dermaßen schlechtes Gewissen, dass sie an keinem Obdachlosen vorbeigehen kann, ohne ihm etwas zuzustecken. Gleichzeitig wartet sie darauf, dass die alte Nachbarin (Ann Guilbert) endlich stirbt, damit sie das Apartment bekommt und einen Durchbruch zu ihrer Wohnung machen kann.
Die beiden Enkelinnen der alten Dame könnten unterschiedlicher nicht sein. Die sarkastische und zickige Mary (Amanda Peet), eine Kosmetikerin, die nur auf Äußerlichkeiten achtet, beginnt eine Affäre mit Kates Ehemann. Die schüchterne Röntgenassistentin Rebecca (Rebecca Hall) wagt sich dagegen erstmals an eine Beziehung. Kates pubertierende Tochter Abby (Sarah Steele) hingegen ist verzweifelt wegen ihrer Pickel und der Tatsache, dass Mami lieber 20 Dollar einem Obdachlosen gibt als ihr neue Jeans zu kaufen...

Mit PLEASE GIVE ist Regisseurin/Autorin Nicole Holofcener eine federleichte, anspruchsvolle und bitter-komische Gesellschaftssatire gelungen, die allein von den Charakteren lebt. Ein Plot ist so gut wie nicht vorhanden, stattdessen steuert der Film episodenhaft von einer großartigen Szene zur nächsten. Das Ensemble aus hochkarätigen Schauspielern (nicht Stars) befindet sich in höchster Spiellaune.
Ein wenig erinnert PLEASE GIVE an die besten Filme Woody Allens. Nicole Holofcener hat einen genauen Blick für menschliche Schwächen und peinliche Situationen (Catherine Keener verschenkt Essen an einen vermeintlich Obdachlosen, der sich als lediglich schlecht angezogener Restaurant-Gast entpuppt und spricht über den Durchbruch zur Nachbarswohnung, während die alte Wohnungsbesitzerin neben ihr sitzt und brav ihren Kuchen isst) und kann beides sowohl komödiantisch als auch dramatisch aufbereiten. Die Charaktere sind reich an Facetten, jeder von ihnen offenbart im Laufe des Films mehr Seiten als man ihm anfangs zugestehen mag. Das Lachen bleibt einem ein ums andere Mal im Halse stecken, und die emotionalen Momente berühren tief, ganz so wie Nicole Holofcener es gerade möchte.

PLEASE GIVE (der von Holofcener zunächst "The Cake Is Good" betitelt wurde, als niemandem ein passender Titel einfiel) beginnt mit einer fürs amerikanische Kino gewagten Provokation, nämlich mit einer Montage nackter Brüste aller Altersgruppen, die zwecks Mammografie auf dem dafür vorgesehenen Objekttisch ausgerichtet werden. Die Regisseurin meinte dazu, sie wollte die ganzen Brüste lieber am Anfang haben, damit das Publikum beruhigt sei und sich die Hauptdarstellerinnen später nicht ausziehen müssen. Dieser sympathische, bissige Humor findet sich durchgehend in PLEASE GIVE, den ich zum besten Film des Jahres küren würde, der neben allem 3D-Schrott und gehyptem Mainstream-Quark vollkommen am Publikum vorbeiging, und der auch bei den Oscars im kommenden Frühjahr garantiert übersehen wird. Jede Wette!

9,5/10

House of Usher (2008)

Darauf hat die Welt gewartet: eine schwule Poe-Adaption!

Böse Zungen würden jetzt fragen, warum, war denn Vincent Price noch nicht schwul genug? Aber nein, dies ist eine offiziell schwule Variante. Schon das Cover-Design von HOUSE OF USHER verspricht wohlgeformte Männerkörper in düster-schaurigem Ambiente. Das könnte interessant sein.
Ist es nicht. Aber rührend lächerlich.

Die "Geschichte" (um es mal gewagt zu formulieren) ist an Poes dutzendfach verfilmte Vorlage "The Fall of the House of Usher" angelehnt. Der äußerst attraktive und gut gebaute Victor (Michael Cardelle) folgt einer schriftlichen Bitte seines alten Freundes und Lovers Roderick Usher (Frank Mentier) und trifft per Motorrad auf dessen Landsitz ein. Der arme Roderick, ebenfalls gut aussehend und leicht entrückt, hat seit Jahren das Haus nicht verlassen und vereinsamt trotz gutaussehender Dienerschaft und Schwester Madeline (Jaimyse Haft). Bald schon merkt Victor, dass sich Roderick nicht nur dringend nach körperlicher Zuneigung sehnt, sondern dass ein dunkles Geheimnis auf dem Haus und seinen Bewohnern lastet...

HOUSE OF USHER ist gefilmt wie der Soft-Erotikfilm eines Pay-TV-Kanals und wirkt stellenweise wie eine zu lang gezogene Unterwäsche-Werbung, denn die Schlüpfer sitzen schon verdammt straff auf den knackigen Apfel-Popos. Dazu liegt ein derart starker Weichzeichner über den flachen Bildern, dass David Hamilton seine helle Freude hätte - man wartet förmlich auf zarte Nymphchen oder zärtliche Cousinen, die durch den Garten oder wehende Vorhängte lustwandeln.

Da es sich hier um eine amerikanische Produktion handelt, ist der angedeutete Sex verklemmt und bieder (wie in US-Pornos behält man auch hier die Socken an!), die "Spezialeffekte" sind aufgrund des Null-Budgets lachhaft, und die Besetzung tut nichts außer sich auszuziehen und verträumt oder böse dreinzublicken. Hübsch anzuschauen sind sie alle, mein Favorit ist eindeutig Michael Cardelle in der Badewanne, der von Händen aus dem Jenseits begrapscht wird. Sehr spaßig hingegen ist der muskulöse Diener/Gärtner, der eine von diesen Latzhosen trägt, bei denen immer das Oberteil 'ganz zufällig' nach unten hängt und die gebräunte Brust entblößt. Beim Herrenausstatter findet man diese Latzhosen in der Abteilung "Sexy Arbeitskleidung für den modernen Hengst von heute". Ach, herrlich, so ein Trash.
Anspielungen auf frühere Poe-Verfilmungen gibt es auch, so trägt Roderick immer eine schwarze Sonnenbrille wie weiland Vincent Price in "Das Grab des Grauens" (1964). Oh, und der Film hat auch eine Pointe! Es ist nämlich nicht alles so, wie es zunächst aussieht.

Leider ist HOUSE OF USHER nicht so schlecht, dass er schon wieder unterhält, er ist nur sterbenslangweilig und pubertär. Da lobe ich mir jeden ehrlichen Hardcore-Film, der nicht versucht, auf "Kunst" zu machen und einfach zur Sache kommt. Ehrlich, Jungs, was soll der Quatsch? Regisseur David DeCoteau mag in den USA Kult sein, aber er ist nicht mehr als ein Dilettant, der statt Ideen nur Pin-Ups im Kopf hat. Oder wie Orson Welles es so treffend formulierte: "Everybody wants to make movies - and my stupid brother too."

Auf der anderen Seite - besser als die "Twilight"-Filme ist HOUSE OF USHER allemal...

02/10 - als Männermagazin 08/10

"War es das kalte Grauen oder bin ich nur mal wieder zu leicht angezogen?" -
Michael Cardelle zu Besuch im "House of Usher".

The Crazies (2010)

Wenn Regisseure grottenschlechte Remakes von ohnehin schon minderwertigen Filmen wie "Die Horror-Party" (1986) inszenieren, dann ist das schlimm genug. Wenn sie sich an modernen Klassikern mit Kultstatus wie George Romeros "The Crazies" (1973) vergreifen, dann kann man nur hoffen, dass die neue Version der alten zumindest keine Schande antut.

Breck Eisners CRAZIES - FÜRCHTE DEINEN NÄCHSTEN (The Crazies) ist glücklicherweise so solide inszeniert, dass man sich nicht ununterbrochen fremdschämen muss. Gleichzeitig hat er weder dem Genre noch dem Subgenre des Zombiefilms irgendetwas Neues hinzuzufügen.
Hier wie dort geht es um eine ländliche Kleinstadt, die von einer Epidemie heimgesucht wird, welche die Bewohner in mordgierige Zombies verwandelt. Das Militär riegelt die Stadt ab, interniert und tötet die Infizierten, nur eine kleine Gruppe entzieht sich dem radikalen Einmarsch und versucht, zu entkommen.

Regisseur Eisner gelingen dabei ein paar spannende Sequenzen, der Höhepunkt ist die Szene im verlassenen Diner. Das Problem ist nur, dass es seit Romeros "Crazies" bereits unzählige Filme zum Thema gegeben hat und die Überraschung über die wild gewordene Landbevölkerung sich mehr als nur in Grenzen hält. Das Zombie-Genre ist mittlerweile so tot, dass es eigentlich einen Romero bräuchte, um es zu reanimieren, aber der wandelt selbst seit Jahren nur noch auf ausgetreteten Pfaden. So ist das erste Drittel von THE CRAZIES nichts anderes als aufgewärmter Kaffee von vorgestern, und das extrem schwache Ende mit der hundertmal dagewesenen "Pointe" schlichtweg ideenlos.

Was an diesem Remake wirklich überrascht ist die Tatsache, dass Eisner Romeros politischen Subtext (der seinerzeit durchaus als Vietnam-Allegorie verstanden werden wollte) lediglich kopiert anstatt ihn auch nur ansatzweise auf heutige Verhältnisse zu übertragen. Er ist dazu nicht mehr Motor der Handlung, sondern nur Beiwerk. Das ist dann doch sehr enttäuschend - ganz zu schweigen von der Vergeudung Radha Mitchells in einer unglaublich undankbaren Rolle. Mitchell hat nicht nur unter Woody Allens Regie ("Melinda und Melinda", 2005) bewiesen, dass sie weitaus mehr kann.

Und wieder stellt sich die (müßige) Frage: wer braucht das? Warum sollte man sich die schwächere Veriante eines guten Originals anschauen, das überall zu haben ist? Und ist "solide" im heutigen Kino schon eine Qualität, die man loben muss? Für einen Hitchcock, Wyler, Welles oder auch einen Romero wäre "solide" eine Beleidigung gewesen. Breck Eisner freut sich. Herzlichen Glückwunsch.

05/10

Vier Frauen und ein Mord (1964)

VIER FRAUEN UND EIN MORD (Murder Most Foul) ist der dritte der vier Miss Marple-Filme mit Margaret Rutherford nach Motiven von Agatha Christie.
Der dem Film zugrunde liegende Roman ist ironischerweise eine Hercule Poirot-Geschichte, wurde aber für die Figur der Miss Marple entsprechend umgearbeitet. Der Originaltitel entstammt einem Zitat aus Shakespeares "Hamlet".


Nach dem hochherrschaftlichen Landsitz und dem Reiterhotel verschlägt es unsere sympathische Heldin dieses Mal an einen weiteren ur-britischen Ort, nämlich auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Nach der Ermordung einer ehemaligen Schauspielerin, bei der ein Tatverdächtiger an Ort und Stelle verhaftet wurde, tritt Miss Marple zunächst als Geschworene in dessen Mordprozess auf und verhindert aufgrund berechtigter Zweifel an seiner Schuld das einstimmige Urteil. Während die Verhandlung neu angesetzt wird, ermittelt sie selbst und gerät an eine Schauspieltruppe, die gerade ein Kriminalstück auf die Bühne bringt. Unter den Mimen muss sich auch der Mörder befinden...

Da man nach dem Erfolg der beiden Vorgänger erneut auf Nummer Sicher gehen wollte, läuft auch VIER FRAUEN UND EIN MORD exakt nach dem Schema von "16 Uhr 50 ab Paddington" (1961) und "Der Wachsblumenstrauß" (1963) ab. Wieder ist Miss Marple undercover unterwegs und macht dem ermittelnden Inspektor Craddock (Charles Tingwell) das Leben schwer, wieder bekommt sie einen männlichen Gegenpart (nach James Robertson-Justice und Robert Morley nun Ron Moody), der ihr in Skurrilität in nichts nachsteht, erneut häufen sich die Todesfälle nach ihrer Ankunft, und wieder entpuppt sich der Mörder als derjenige, den man am wenigsten verdächtigt hat.

Dass dieses im Grunde immer gleiche Rezept wieder so wunderbar funktioniert und eigenständig wirkt, liegt an der Liebe zum Detail, den hervorragenden Dialogen und natürlich den Darstellern. Als ambitionierte Bühnendiva kann Margaret Rutherford herrlich die Rampensau herauslassen und Ron Moody in den Wahnsinn treiben. Moody ist köstlich als Schmierenkomödiant, der sich für einen begnadeten Schauspieler hält (zum Wegschmeißen ist sein Bühnenauftritt mit den viel zu großen Gesten: "Hier lebst du? In dieser Höhle? Ein Sohn von mir?" ).

Das Schöne an den Rutherford-Filmen ist die unprätentiöse Regie George Pollocks, der sein Handwerk perfekt beherrscht und nie versucht, mehr aus den Geschichten zu machen als kurzweilige Krimiunterhaltung. Und so bietet auch VIER FRAUEN UND EIN MORD allerbeste, zeitlose Unterhaltung mit komödiantischen Glanzlichtern.

09/10

Sonntag, 26. Dezember 2010

16 Uhr 50 ab Paddington (1961)

Die Agatha Christie-Verfilmung 16 UHR 50 AB PADDINGTON (Murder, She Said) ist die erste und beste der insgesamt vier berühmten Miss Marple-Filme, in denen die schrullige Margaret Rutherford als herumschnüffelnde alte Dame begeistert.

Der Film beginnt während einer Zugfahrt. Miss Marple (Rutherford) beobachtet einen Mord in einem parallel fahrenden Zug und verständigt sofort den Schaffner, der aber eher zu glauben scheint, die alte Dame sei nicht ganz bei Verstand. Eine Leiche ist auch nicht zu finden. Gemeinsam mit ihrem Freund Mr. Stringer (Stringer Davis) spaziert Miss Marple die Bahnstrecke ab und entdeckt Spuren, die zum Landsitz der Ackenthorpes führen. Dort lässt sie sich kurzerhand als Wirtschafterin einstellen (was erstaunlich leicht gelingt), um der Familie auf den Zahn zu fühlen. Bald schon entdeckt sie die gesuchte Leiche, die der Mörder im Stall versteckt hat, dann fällt die gesamte Familie einem Giftanschlag zum Opfer, ein weiteres Familienmitglied stirbt, und erst eine Spieluhr kann den Täter überführen...

Die Mischung aus Krimispannung und Humor ist hier noch perfekt ausbalanciert (später sollte der Humor dominieren), und trotz einiger atmosphärisch-grusliger Szenen wie dem Auffinden einer Leiche im nächtlichen Garten oder dem Stromausfall bei Gewitter kann man sich bei den Rutherford-Filmen stets wohlig in sein Sofa kuscheln und fühlt sich extrem gut aufgehoben.

16 UHR 50 AB PADDINGTON lebt natürlich in erster Linie von der Präsenz Margaret Ruhtherfords, die Agatha Christies zierlicher Lady ganz und gar nicht entspricht (Christie war von Rutherford auch nicht angetan), die das Publikum aber von Anfang an liebt. Ihre Grimassen sind köstlich anzuschauen, und das Drehbuch verpasst ihr wunderbare Dialoge, Charaktereigenschaften und Running Gags (wie die ständige Behauptung, alle möglichen Turniere gewonnen zu haben).
Auf schauspielerischer Ebene bekommt sie mit James Robertson-Justice als nörgelndes Familienoberhaupt einen launigen Gegenspieler, der sie - wie so oft - am Ende heiraten möchte. Das Zusammenspiel der beiden gehört zu den Highlights der Verfilmung (insbesondere, wenn er sie anbellt, sie sollte "das wegnehmen" und damit die Brühe meint, die sie gerade serviert hat, sie aber mit einem "Sehr gerne" seinen Cognac nimmt).

Der Krimiplot ist schlüssig eingefädelt, die Auflösung kommt entsprechend überraschend, als Zuschauer hat man allerdings keine Chance, mitzuraten, weil wichtige Informationen fehlen. Das ist aber kein Problem, denn auch so ist 16 UHR 50 AB PADDINGTON von hinten bis vorne beste britische Krimi-Unterhaltung und ein Film, den man immer wieder sehen kann, und den man einfach lieben muss.

09/10

Miss Marple und Mr. Stringer beim Erklimmen der Ackenthorpschen Grundstücksmauer

Samstag, 25. Dezember 2010

Der Wachsblumenstrauß (1963)

DER WACHSBLUMENSTRAUSS (Murder at the Gallop) ist der zweite der vier berühmten Miss Marple-Filme, in denen die unvergleichliche Margaret Rutherford die von Agatha Christie erfundene, herumschnüffelnde alte Dame darstellt und damit bis heute unerreicht bleibt.

Im WACHSBLUMENSTRAUSS - der übrigens in der Geschichte selbst nur als Zitat vorkommt und mit dem Kriminalfall nichts zu tun hat - muss Muss Marple den Mord an einem herzkranken Millionär aufklären und sich in einem Pferdehotel einmieten, wo sie unter den Hinterbliebenen des Verstorbenen den Mörder vermutet.

Dieser mit 78 Minuten kürzeste Film der Reihe kann zwar nicht an die Spannung des Erstlings "16 Uhr 50 ab Paddington" (1961) anknüpfen, aber dafür gelingen Regisseur Pollock gleich mehrere klassische Humoreinlagen, deren Höhepunkt ohne Frage der flotte Twist von Marple und Mr. Stringer (Stringer Davis, übrigens im wahren Leben der Ehegatte von Margaret Rutherford) während einer Tanzveranstaltung bleibt.
Widersacher ist der ebenfalls brillante Robert Morley als Besitzer des Reiterhofes. Dazu gibt es genug Verdächtige und typisch britischen Humor, um das Vergnügen perfekt zu machen, selbst wenn die Auflösung etwas an den Haaren herbei gezogen ist.

09/10

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Frohe Weihnachten 2010!


Ich wünsche allen Filmfreunden ein fröhliches Weihnachtsfest mit viel Zeit zur Entspannung, zur Ruhe, zum Genießen, zum Rückblick auf das vergangene Jahr und zur Vorschau auf ein hoffentlich spannendes 2011. Ich bedanke mich für Besuche und Kommentare!
Tipps für passende Filme zum Fest gibt es weiter unten.

Kino-Special: Meine zehn liebsten Weihnachtsfilme

Mit den "offiziellen" Weihnachtsfilmen kann man mich jagen. Unterm Tannenbaum will ich weder verkitschte Geschichten um James Stewarts Lebenskrisen, Julie Andrews auf grünen Hügeln oder kleine Lords sehen, und schon gar gar keinen animierten Tom Hanks im "Polarexpress". Auch Judy Garlands wundersame Reise durchs Studioland irgendwo hinterm Regenbogen kann mir gestohlen bleiben. - Hier sind meine Weihnachts-Favoriten:

1. TANZ DER VAMPIRE
Kein Weihnachtsfest wäre komplett ohne Graf Krolock, Alfred, Shagal, Herbert, Professor Abronsius oder die reizende Sarah im Waschzuber, auf den leise der Schnee rieselt... Wollen wir einem Engel gestatten, durchs Zimmer zu gehen?



2. THE SHINING
Nicholson und Kubrick, ein eingeschneites Hotel und ein Labyrinth des Schreckens. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, also lieber heute nochmal anschauen.



3. 16 UHR 50 AB PADDINGTON
Agatha Christie ist Pflicht zum Fest, warum also nicht beim ersten und besten der Rutherford-Filme bleiben? - Ein Mord im Zug, eine Leiche im Stall und eine Spieluhr, die den Täter überführt.



4. GREMLINS - KLEINE MONSTER
Der etwas andere Weihnachtsspaß mit dem kuscheligen Gizmo, der sich nach mitternächtlichem Füttern ungewöhnlich stark vermehrt und eine Horde bösartiger Monster auf die friedliche Kleinstadt loslässt. Die Gremlins als Weihnachtssänger und Treppenlift-Monteure schlagen jeden Capra in die Flucht.


5. MORD IM ORIENT-EXPRESS
Zweimal Christie ist besser als einmal. Sidney Lumets große Kostümschau, Bergmans kleine braune Babys, Finneys schaurig-schmieriger Poirot, und eine Schneewehe, die den Orientexpress mitsamt Mörderbande zum Halten zwingt.



6. VICTOR/VICTORIA
Im verschneiten Paris fallen die Vorurteile zu Mancinis wundervoller Musik. Mann oder Frau, schwul oder hetero, wo ist der Unterschied, wenn es um Liebe geht? Nicht nur zu Ehren des jüngst verstorbenen Blake Edwards ein absoluter Festtagsklassiker für gute Laune und warme Herzen.


7. URTEIL VON NÜRNBERG
Auch das muss sein, ein Film zum Jahresende gegen das Vergessen, und was für einer. Großes Drama, aufrüttelndes Kino und Star-Power, die ihresgleichen sucht. Spencer Tracy versucht, Gerechtigkeit zu finden, aber ist das möglich? Ja!


8. EYES WIDE SHUT
Und noch ein Kubrick. Tom Cruise streift nachts durchs weihnachtliche New York und gerät von einer Versuchung in die nächste, aber am Tag danach sieht alles ganz anders aus. Ein Film voller Lichterketten, Glühlampen und Mysterien.


9. EINE DAME VERSCHWINDET
Margaret Lockwood bekommt eins auf die Rübe, und prompt verschwindet die nette ältere Dame May Whitty spurlos. - Warum gerade dieser Hitchcock? Vielleicht, weil es einer meiner liebsten ist, und weil er mit einer Schneelandschaft beginnt.



10. STILLE NACHT, HORROR-NACHT
Ihr Kinderlein kommet! Und zwar zum psychopathischen Billy, der als Weihnachtsmann verkleidet noch das eine oder andere Kindheitstrauma abarbeiten muss und mit der Axt loszieht - nicht um einen Weihnachtsbaum zu schlagen...



Und kein Weihnachten wäre Weihnachten ohne:

LORIOTS WEIHNACHTEN MIT FAMILIE HOPPENSTEDT
Früher war mehr Lametta, aber dieses Jahr bleibt der Baum grün und umweltfreundlich! Nebenbei bauen wir uns ein Atomkraftwerk, Mutti macht uns ein paar Schnittchen, und dann wird's gemütlich!

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Die kleinen Füchse (1941)

Das "alte" Hollywood wird nicht besser als DIE KLEINEN FÜCHSE (The Little Foxes) aus dem Jahr 1941. Die Verfilmung des Theaterstücks von Lillian Hellman, in dem Tallulah Bankhead am Broadway ihre größten Erfolge feierte, gehört zu den großen Klassikern des amerikanischen Films, und selbst der strengste Kritiker wird kaum etwas finden, was an diesem Werk auszusetzen ist.
DIE KLEINEN FÜCHSE markiert den künstlerischen Höhepunkt der Zusammenarbeit von Regisseur William Wyler und seinem Star Bette Davis, und das ist angesichts der Meisterwerke, die beide gemeinsam gemacht haben ("Das Geheimnis von Malampur", 1940, und "Jezebel - die boshafte Lady", 1938), schon erstaunlich.

In ihrer Rolle als Südstaaten-Familienoberhaupt Regina Giddens spielt Bette Davis eine durch und durch moralisch verkommene, von Gier besessene Frau, die keine nennenswerte positive Eigenschaft besitzt. Sie kontrolliert und manipuliert alles und jeden, ihre Habsucht kennt keine Grenzen. Sie schreckt nicht einmal davor zurück, ihrem schwachen Ehemann (Herbert Marshall), der sich weigert, ihr den Einsteig in ein gewinnbringendes Geschäft zu ermöglichen, nach einem Herzinfarkt die lebenswichtigen Medikamente zu verweigern und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Am Ende hat sie alles verloren, inklusive der Zuneigung ihrer Tochter Alexandra (Theresa Wright), aber nichts dazu gelernt.

Bette Davis dominiert den Film mit einer ihrer herausragenden Darstellungen, aufgrund derer sie zur Legende wurde. Wie immer gelingt es William Wyler, Davis stets unter Kontrolle zu halten und sie nicht in (zu viele) Manierismen abgleiten zu lassen. Davis' Spielfreude und Energie sind schlicht atemberaubend, und sie ringt nicht einen Moment lang um die Sympathie des Publikums. Mit etwas Augenzwinkern könnte man sagen, ihre Regina Giddens ist das Vorbild für alle Leinwand- und TV-Biester à la Joan Collins' Alexis im "Denver-Clan" (wobei diese durchaus um Sympathie buhlt). Man muss sie einfach hassen und genießt es gleichzeitig, ihr zuzusehen.

Das übrige Ensemble ist hervorragend aufgestellt und spielt ebenso glaubwürdig. Der arme Herbert Marshall hat einfach kein Glück mit Bette Davis als Film-Ehefrau, er musste sich schon in "Malampur" geschlagen geben und wird nun noch mieser von ihr behandelt. Theresa Wright zeigt hier neben Hitchcocks "Im Schatten des Zweifels" (1942) ihre beste Leistung. Ihre grundgute und naive Tochter aus gutem Hause wandelt sich im Laufe des Films zu einer erwachsenen Frau, die die Abgründe ihrer Mutter erkennt und sich endgültig aus deren Manipulationen befreit.

William Wyler hatte bereits 1936 mit "Infame Lügen" (der 1961 von ihm selbst als "Infam" noch einmal inszeniert wurde) eine Vorlage Lilliam Hellmans bearbeitet. DIE KLEINEN FÜCHSE setzte er straff, unprätentiös und immer auf den Punkt in Szene. Er gehört nicht umsonst zu den größten Regisseuren aller Zeiten und beweist, dass er immer exakt weiß, wie er seine Schauspieler zu inszenieren hat, bei wem die stärksten Emotionen liegen und wie er den maximalen Effekt für den Zuschauer erzielen kann. Obwohl dialoglastig und auf wenige Schauplätze begrenzt, platzt DIE KLEINEN FÜCHSE fast vor innerer Spannung. Neben der Gier thematisieren Stück und Film ebenfalls die Werte des "alten Südens" und den Mythos der heilen amerikanischen Familie, die hier nur aus Boshaftigkeit, Neid und Hass besteht.

Ein Film wie DIE KLEINEN FÜCHSE ist im heutigen Kino undenkbar. Eine grausame Geschichte voll bitterer Ironie und faszinierender Figuren, meisterhaft in Szene gesetzt und gespielt, hoch unterhaltsam und dennoch reich an Subtexten und Tiefgründigkeit, wem sollte so etwas heute noch gelingen?
Leider ist DIE KLEINEN FÜCHSE hierzulande selten zu sehen und bislang nicht auf DVD erschienen, der Griff zur Import-DVD lohnt sich wie immer in diesem Fall. Dies ist ein Film für die Ewigkeit.

10/10

Die nicht ganz so heile amerikanische Familie - "The Little Foxes"

Das Kindermädchen (1990)

In den frühen 70ern inszenierte William Friedkin mit "The French Connection" (1971) und "Der Exorzist" (1973) mehrere Meisterwerke in Folge und zählte zu den bedeutendsten Regisseuren des "New Hollywood", doch mehrere Flops - wie das zwar beeindruckende, aber erfolglose Remake "Atemlos vor Angst" (1977) oder der kontroverse Thriller "Cruising" (1981) - brachten seine steile Karriere zum Stillstand.
Bis heute ist ihm kein weiterer Kassenerfolg gelungen, und auch künstlerisch konnte er nie an seine kompromisslosen Frühwerke anknüpfen.

DAS KINDERMÄDCHEN (The Guardian) war ein Versuch, einen komplett kommerziellen Film zu drehen, der garantiert sein Publikum finden würde, aber auch diese Rechnung ging nicht auf. Der Film erzählt vom hübschen Kindermädchen Camilla (Jenny Seagrove), das einem frisch nach L.A. gezogenen Yuppie-Paar (Dwier Brown und Carey Lowell) bei der Babybetreuung hilft. Das junge Paar ahnt nicht, dass es sich mit der Nanny eine bösartige Druidenpriesterin ins Haus geholt hat, die regelmäßig Babys einem Baumgott opfert. Als mehrere unliebsame Zeugen, die der netten Dame nicht über den Weg trauen, blutig ums Leben kommen, werden auch endlich unsere Helden misstrauisch, aber da ist es fast schon zu spät...

Zwar findet sich hier weit und breit kein neuer Impuls für das stagnierende Genre oder eine innovative Erzählweise, aber zumindest ist Friedkins Film durchweg unterhaltsam und spannend. Dazu garniert er die gelackte Produktion mit einigen derben Splatter-Effekten, die das Publikum stets unvorbereitet erwischen und dem Film eine nette Bösartigkeit verpassen. So wird eine Gruppe Punks, die Seagrove und ihr Baby beim Waldpicknick bedroht, unerwartet von Baumstämmen geköpft und zerquetscht, und eine Mitbewerberin um den Nanny-Job (Theresa Randle) landet blutüberströmt im Kaktus.

Die dünne Geschichte wird durch mehrere Erdbeben und Traumsequenzen auf Spielfilmlänge gebracht, Friedkins Regietalent ist im Grunde nur im sehr atmosphärisch-grusligen Prolog zu bewundern, sowie in der dichten Sequenz, in der eine Hundemeute den misstrauischen Architekten des Yuppie-Hauses bedroht und schließlich zerfleischt. Herrlich spaßig ist das überzogene Finale, wenn Dwier Brown mit der Kettensäge loszieht, um den "bösen Druidenbaum" in kleine Stücke zu zersägen und dabei nicht nur der Baum literweise Blut spuckt, sondern auch Jenny Seagrove als Hohepriesterin Beine und andere Körperteile verliert. Das klingt absurd und ist es auch, das sieht man aber nicht alle Tage.

Erwähnenswert ist noch die gute Filmmusik von Jack Hues. Die Schauspieler leisten solide Arbeit, wobei Jenny Seagrove als mysteriöse Titelfigur am meisten überzeugt. Was Kindrmädchen-Filme angeht, ist mir Friedkins Arbeit lieber als Curtis Hansons "Die Hand an der Wiege" (1992), der kurze Zeit später herauskam und aufgrund der stromlinienförmigen Harmlosigkeit den Erfolg hatte, der Friedkin versagt blieb.
DAS KINDERMÄDCHEN ist zwar durchaus konventionell, aber zumindest gelegentlich unvorhersehbar und hübsch rotzig.

07/10

Montag, 20. Dezember 2010

Mission to Mars (2000)

"2001 für Dummys".
So nannte der amerikanische Kritiker Jeffrey Westhoff Brian de Palmas Weltraumoper MISSION TO MARS (Mission to Mars), die zur Jahrtausendwende in die Kinos kam, und da steckt viel Wahrheit drin.
Der Vergleich mit Stanley Kubricks großem Sci-Fi-Werk liegt so nahe, dass de Palma zur Absicherung überdeutliche Anspielungen einbaut, und obwohl sein Film visuell grandios inszeniert ist, sind die Schwächen des Drehbuchs offensichtlich. Während Kubrick die Geheimnisse und Mysterien des Alls für sich behält, wird in MISSION TO MARS für jede merkwürdige Begebenheit eine dümmliche und hanebüchene Erklärung hinausgeplärrt. Die Zeiten haben sich geändert. Ein philosophisches Meisterwerk wie "2001" (1968), das mehr Fragen aufwirft als beantwortet (was der Sinn des Science Fiction-Genres ist), ist heute nicht mehr möglich.

Worum geht es? Nachdem der Kontakt zu einer Marsmission abgebrochen ist, wird eine Rettungsmission auf den Weg geschickt, um nach dem rechten zu sehen. An Bord befinden sich der Kommandant Tim Robbins, seine Frau Connie Nielsen, sowie die Astronauten Gary Sinise (wer hat dem armen Schauspieler bloß dieses schlimme Makeup verpasst?) und Jerry O'Connell, der das junge Zielpublikum abdecken soll und für die wenigen Anflüge von Humor in einem Film sorgt, der sich viel, viel zu ernst nimmt.
Auf dem Weg zum Mars muss die Crew mit allerlei Katastrophen und dem frühen Tod von Robbins fertig werden. Als die Überlebenden endlich den Mars erreichen, finden sie einen durchgeknallten Don Cheadle (er wird aber schnell wieder geistig gesund), der noch von der ersten Mission übrig geblieben ist, und gemeinsam entdeckt man das Geheimnis des Planeten, die Antworten auf alle Fragen der Menschheit und ein weinendes Marsmännchen... nein, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Sieht man einmal vom aufdringlichen Product Placement ab ('M&M's und 'Dr. Pepper' sind nicht nur ständig im Bild, sie werden auch noch für wichtige Handlungselemente benutzt!), und ignoriert man die penetrante Werbung für die NASA und das allgemeine Hurra-Patriotismus-Gefühl des Films (schon erstaunlich von einem Regisseur, der in den 70ern mit seinen Erstlingsfilmen geradezu subversive, regierungskritische Satiren inszeniert hat), dann bleibt immer noch das löchrige Drehbuch, das aus sämtlichen Sci-Fi-Filmen der letzten 40 Jahre zusammengeklaut ist. Es finden sich Elemente aus "Contact" (1997), "The Abyss" (1989), "2010" (1984), "Lautlos im Weltraum" (1972) und etlichen weiteren Werken. Die Charaktere sind eindimensional, und die Dialoge bestenfalls funktional.

Das ist alles noch erträglich - bis zur letzten Viertelstunde. Spätestens, wenn sich die Astronauten und das golden leuchtende CGI-Marsmännchen die Patschehändchen reichen, sich furchtbar lieb haben und das Publikum eine neue Evolutionstheorie per Animation serviert bekommt, erreicht MISSION TO MARS erschreckendes Kindergarten-Niveau, und man staunt, dass die Darsteller in der Lage sind, ernst zu bleiben angesichts von so viel Naivität und unfreiwilliger Komik. Man wird unwillkürlich an Spielbergs vermurksten "A.I." (2001) erinnert, der ebenso einen anspruchsvollen Stoff im dritten Akt zum Kindermärchen verramscht.
Die Frage übrigens, warum die Marsianer nach der Zerstörung ihres Heimatplaneten nicht einfach auf die Erde umgesiedelt sind, die doch am nächsten lag und ideale Lebensbedingungen bot, wird bezeichnernderweise nicht beantwortet - weil der Plot idiotisch ist.

Unbestritten ist aber auch die Tatsache, dass MISSION TO MARS ein visuell außergewöhnlich schöner Film ist. Die Tricks sind hervorragend, die Marsbilder besitzen eine authentische Qualität (wenn man "authentisch" in dem Zusammenhang gebrauchen kann), und de Palmas Kamera sorgt für einige atemberaubende Sequenzen.
Wie so oft beginnt er den Film mit einem langen, ununterbrochenen Tracking Shot zur Vorstellung seiner Charaktere auf einer Party (der Beginn ist gleichzeitig viel zu geschwätzig), später inszeniert er eine beeindruckende Actionsequenz (der fatale Riss in der Außenwand des Raumschiffs), die durch ihre extreme Langsamkeit und Ennio Morricones ungewöhnliche Musik enorme Spannung erzeugt. Ein Tanz der Protagonisten in der Schwerelosigkeit sowie der Filmtod von Tim Robbins in der beklemmenden Stille des Alls sind ebenfalls exzellent in Szene gesetzt - wenngleich der Film trotz seines Bemühens um emotionale Momente stets kalt und unnahbar bleibt. Hätte de Palma ein besseres Drehbuch zur Verfügung gehabt, was hätte das für ein Film werden können?

Die Besetzung ist gut, da aber keine der Figuren interessant geschrieben ist, bekommt auch niemand Gelegenheit, zu glänzen. Gary Sinise kämpft erfolglos gegen sein Makeup an, Connie Nielsen ist viel zu eisig (das war sie schon in "Gladiator", 2000), Tim Robbins spielt so gut wie gar nichts, und Armin Müller-Stahl spielt als NASA-Kommandant das, was er seit zwanzig Jahren immer spielt, und das nicht einmal besonders gut, er ruht sich nur auf seinem Ruf aus.

MISSION TO MARS war neben dem unspektakulären "Red Planet" (2000) und John Carpenters B-Film "Ghosts of Mars" (2001) einer von drei Marsfilmen, die relativ zeitnah entstanden. Da keiner der Filme ein finanzieller Hit war (wobei de Palmas Film noch am besten abschnitt), wurde das Thema Mars schnell zu den Akten gelegt.

04/10

Hallo, liebe Kinder, seid ihr alle da? - Intergalaktisches Kasperletheater in "Mission to Mars"

Sonntag, 19. Dezember 2010

Mission: Impossible (1996)

Regisseur Brian de Palma konnte zwar mit früheren Filmen wie "Carrie" (1976), "Dressed toKill" (1980) und "The Untouchables" (1987) große Publikumserfolge erzielen, hatte aber nie einen "echten" Blockbuster-Hit vom Schlage eines Spielberg oder Lucas.
Mit seiner TV-Serien-Verfilmung MISSION: IMPOSSIBLE (Mission: Impossible) konnte er dies endlich nachholen und der Welt beweisen, dass er ebenso imstande war, einen lauten, massenkompatiblen Actionkracher zu inszenieren wie jeder andere. Mit Superstar Tom Cruise als Galionsfigur brach der Film weltweit die Kassenrekorde.

Der Plot: CIA-Agent Ethan Hunt (Tom Cruise) wird beauftragt, die zweite Hälfte einer NOC-Liste (auf der sich die Tarnnamen aller osteuropäischen CIA-Agenten befinden) aus der amerikanischen Botschaft in Prag zu stehlen. Doch die groß angelegte Operation geht schief, und alle Teamkollegen von Hunt kommen ums Leben. Hunt selbst erfährt erst hinterher, dass die Aktion lediglich gedacht war, um einen Maulwurf innerhalb der CIA ausfindig zu machen. Da er der einzig Überlebende ist, fällt der Verdacht auf ihn. Bald schon wird Hunt von allen Seiten gejagt, während er versucht, seine Unschuld zu beweisen, die NOC-Liste an sich zu bringen und den Verräter zu enttarnen...

Aus der kultigen TV-Serie (auf deutsch: "Kobra, übernehmen Sie!") sind nur die Verkleidungen und Lalo Schifrins schmissiges Titelthema übrig geblieben, wobei die Maskentricks durch CGI-Effekte auf den neuesten Stand der Technik gebracht wurden. Um den ultimativen Blockbuster zu inszenieren, musste Brian de Palma eine weitgehend stromlinienförmige Handlung erzählen, dennoch beschwerten sich Kritiker und Publikum umgehend über die "komplizierte Erzählstruktur", die in Wirklichkeit keine ist. Wenn de Palma tatsächlich mal etwas komplexer wird, ist das Publikum gleich hoffnungslos verwirrt - das Paradebeispiel ist die späte Sequenz, in der Jon Voight Tom Cruise in einem Bahnhofsrestaurant seinen Verdacht mitteilt, CIA-Leiter Henry Czerny sei der Maulwurf. Während Cruise diese Theorie im Dialog bestätigt und die Ereignisse des Filmbeginns rekapituliert, sehen wir gleichzeitig in Rückblenden jedoch Voight als Drahtzieher, denn Cruise hat gerade begriffen, dass Voight der wahre Übeltäter ist. Das Publikum muss also Dialog und Bild auseinanderhalten. Gar nicht so kompliziert, oder?

Ansonsten besteht MISSION: IMPOSSIBLE im wesentlichen aus drei Actionszenen. Die erste schildert Cruises spektakuläre Flucht aus einem Prager Café, in der zweiten - dem Herzstück des Films - bricht Cruise ins CIA-Hauptquartier in Langley ein, wo er eine CD mit der NOC-Liste an sich bringt. Diese Sequenz, die (fast) in totaler Stille abläuft und die Spannungskurve so hochschraubt, dass man hinterher nach Luft schnappen muss, zeigt de Palma als Meister des Suspense und ist mittlerweile ein Klassiker für sich.
Das übertriebene, vor Unwahrscheinlichkeit strotzende Finale im Eurotunnel, in dem sämtliche Gesetze der Schwerkraft außer Acht gelassen werden, ist dann nicht mehr als ein Zugeständnis an das aktuelle Action-Kino.

Wenn man nach de Palmas Handschrift sucht, findet man sie in den Details, wie z.B. in den vielen Überwachungsmonitoren oder der Besetzung von Vanessa Redgrave, die de Palma in jungen Jahren in "Blow Up" (1966) bewundert hat. Dazu gibt es (wieder) einen Mord im, bzw. auf dem Fahrstuhl, eine Bahnhofssequenz und einige religiöse Motive wie Voights Decknamen "Hiob" oder eine Bibel, die die Aufklärung bringt.

Visuell zwar auf Hochglanz poliert, aber weit weniger raffiniert als übliche de Palmas, gibt es auch schauspielerisch eher Massenware. Tom Cruise reichen die üblichen drei Standard-Gesichtsausdrücke, um seinen sympathischen Helden überzeugend zu verkörpern (er hat allerdings einen wirklich guten Moment kurz vor der Café-Explosion, wenn er zu Henry Czerny sagt: "You've Never Seen Me Really Upset!"), während Jon Voight durch seine Rolle schlafwandelt. Immerhin overacted er nicht wie in "Anaconda" (1997). Emanuelle Béart agiert in einer unterentwickelten Rolle entsprechend schwach, Jean Reno und Ving Rhames sind zu 100 % auf Typ besetzt. Die besten Leistungen zeigen Czerny und Redgrave in ihren kleinen Rollen. Die immer wunderbare Kristin Scott-Thomas wird leider schon sehr früh aus dem Film verabschiedet.

Wie bei allen großen Studio-Produktionen musste sich de Palma viel Einmischung gefallen lassen und kam auch mit Cruise als ausführendem Produzent und Hauptdarsteller nur schwer zurecht.
Insgesamt ist MISSION: IMPOSSIBLE ein kurzweiliges, spannendes Action-Spektakel mit genügend Tempo (er könnte allerdings mehr Humor vertragen), um nicht lange über die Glaubwürdigkeit der dünnen Geschichte nachdenken zu müssen. Er altert überraschend gut und ist darüber hinaus zehnmal besser als das völlig vergurkte Sequel von John Woo oder der konturlose dritte Teil.

06/10
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...