Dienstag, 10. Mai 2011

Sommer vorm Balkon (2004)

Nanu, eine deutsche Komödie zwischen Zombie-Schockern und Exploitation-Kino? Natürlich, wenn sie so gut ist wie SOMMER VORM BALKON, der mein Favorit für den besten deutschen Film der letzten Jahre ist (Sorry, Herr Haneke, aber der hier nimmt sich halt nicht ganz so wichtig). Und wann könnte man ihn besser ansehen als jetzt, wo der nahende Hochsommer Berlin fest im Griff hat?

Die Freundinnen Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl) leben im selben Wohnhaus im Prenzlauer Berg. Die alleinerziehende Mutter Katrin ist geschieden, arbeitslos und versucht verzweifelt, den gesellschaftlichen Anschluss zu behalten, ertränkt ihren Frust aber zu oft im Alkohol. Nike arbeitet als Altenpflegerin und beginnt mit dem Trucker Ronald (Andreas Schmidt) so etwas wie eine Liebesbeziehung, muss aber entdecken, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat. Die Abende verbringen beide Freundinnen gemeinsam auf Nikes Balkon. Als Katrin sich nach einer weiteren Demütigung ins Koma trinkt, eskaliert die Situation, und bald scheint sogar die Freundschaft der Frauen zerrüttet. Doch so leicht sind unsere Heldinnen nicht unterzukriegen...

Ja, es gibt sie noch, die Sozialkomödie, die gemeinhin nur den Briten zugeschrieben wird. Regisseur Andreas Dresen beweist in SOMMER VORM BALKON, dass ein Drama nicht unbedingt todernst und eine Komödie nicht realitätsfern sein muss. Mit einem klugen, scharfsichtigen und schlagfertigen Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase, der 2011 den verdienten Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk erhalten hat, gelingt das für einen deutschen Film fast Unmögliche - ein Film, der stets die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere hält, und der kaum ein Klischee der typischen RomCom bedient. Die Figuren leben in authentischen Wohnverhältnissen anstatt in Ikea-Paradiesen und haben nachvollziehbare Probleme, die Konflikte entstehen aus dem Zusammenspiel der Charaktere und nicht aus einer übergeordneten Plot-Konstruktion.

Auf alle Verabredungen mit dem Publikum kann allerdings auch SOMMER VORM BALKON nicht verzichten. So ist die erste Begegnung von Nike und ihrem Teilzeit-Lover Ronald ein typisches "Meet Cute", und vor Beginn des letzten Akts muss der Film die Figuren alle an ihren Tiefpunkt führen. Sogar die arme Christel Peters (Gott hab sie selig) muss tot mit Akkordeon auf dem Teppich landen, damit es Hauptfigur Nike noch mal so richtig schlecht geht, bevor es wieder besser wird.

Von diesen kleinen Zugeständnissen abgesehen bleibt SOMMER VORM BALKON aber angenehm unvorhersehbar und lebensecht. Kohlhaase und Dresen kennen den Prenzlauer Berg-Kiez und seine Menschen ganz genau. Auf drängende Fragen ihrer Mitmenschen geben die Charaktere zumeist flapsige oder lakonische Antworten, es wird überhaupt eher weniger als mehr geredet, was eine echte Wohltat neben der furchtbaren Geschwätzigkeit des aktuellen Kinos ist. Hier werden keine große Reden über die Liebe oder das Leben geschwungen, auch der Mythos der unkaputtbaren Frauenfreundschaft wird hinterfragt, wenn sich zeigt, wie zerbrechlich die enge Freundschaft der Protagonistinnen wirklich ist. Auch auf das gern propagierte Bild der "starken" Frau wird glücklicherweise verzichtet. Katrin und Nike sind beide auf ihre Art stark und schwach zugleich, sie machen schlimme, aber menschliche Fehler, verhalten sich ebenso richtig wie falsch und sind am Ende auch nicht viel klüger als zu Beginn.

Apropos Protagonistinnen. Keine Besprechung des Films wäre komplett, ohne vor den beiden Hauptdarstellerinnen auf die Knie zu gehen und sämtliche Hüte zu ziehen. Nadja Uhl ist als kesse Prolette Nike eine echte Offenbarung, Inka Friedrich brilliert nicht minder in einer extrem schwierigen Rolle. Der heimliche Abräumer ist ohne Frage Andreas Schmidt, der als Trucker mit Plastiktüte ("Ich heiße Ronald!") und ureigener Lebensphilosophie für echte Highlights sorgt ("Lesen hab' ich mal versucht - ist nicht meine Welt."). Andreas Dresen holt sogar aus den Kinderdarstellern gute Leistungen heraus, und viele Kleindarsteller scheinen authentisches Personal vom Kiez zu sein.

SOMMER VORM BALKON ist ein bescheidener, intelligenter und wirklichkeitsnaher Film, der Hirn, Herz und Lachmuskeln beansprucht. Er hat zu Recht viele Preise abgeräumt und knapp eine Million Zuschauer ins Kino gelockt. Glückwunsch!
Und während Hollywood-Komödien noch immer in unerträglicher Weise die verlogene Mär vom Traumprinzen verkaufen, auf den die Frau nur warten muss, und der ihr unermessliches Glück und Erfüllung aller Wünsche bringt, erzählen die Herren Kohlhaase und Dresen vom kleinen Glück, das man dort findet, wo man es vielleicht am wenigsten vermutet, dass eine Liebe kommt und wieder geht, dass man nicht durch jede Erfahrung klug wird und oft auch ohne magisches Elixier von seiner Reise zurückkehrt. Das ist für mich ein echtes Happy End.
"Aber wirklich!"

9,5/10

Kommentare:

  1. Hallo Matze,
    find ich toll, dass Du diesen Film rezensiert hast! Ist ja schon ein paar Jährchen her, dass er im Kino lief, und nun zeigt sich, sein Haltbarkeitsdatum ist nicht abgelaufen. "So is det Leben." "Aber wirklich."

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  2. Bei guten Filmen, Dingen und Menschen läuft das Haltbarkeitsdatum sowieso nie ab. Schön, oder? Alles Liebe!

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