Dienstag, 20. September 2011

Das Mädchen auf der Schaukel (1988)

Hätte M. Night Shyamalan 1988 schon Filme gedreht, hätte er vielleicht DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL (Girl in a Swing), auch bekannt als "Das Geheimnis der Schaukel", inszeniert. Vielleicht wäre diese übersinnliche Romanze dann auch erfolgreicher an den Kinokassen gewesen. Unter der Regie von Gordon Hessler jedenfalls war dem Film kein Erfolg beschieden, dabei handelt es sich hier um eine gelungene Mischung aus Erotik, Mystery und Horror.

Der Inhalt: der britische Antiquitätenhändler Alan (Rupert Frazer) lernt auf einer Geschäftsreise in Kopenhagen die deutsche Sekretärin Karin (Meg Tilly) kennen und verliebt sich auf der Stelle in die bezaubernde junge Frau, die schon mal auf der Straße einer angeschlagenen Taube das Genick bricht. Die beiden heiraten übereilt, und Alan nimmt seine Braut mit zurück nach England. Dort aber beginnt eine Serie mysteriöser Ereignisse - Alan hat quälende Träume, in denen Karin nackt auf einer Schaukel sitzt, Kinderstimmen sind zu hören, und ein Kissen verwandelt sich in eine grüne Stoffschildkröte. Hat Karin etwa ein Geheimnis, das sie Alan verschweigt?

Ja, hat sie, aber das wird hier nicht verraten. Als Zuschauer kommt man recht bald hinter das Rätsel von Karins Vergangenheit, auch wenn der Film es nicht bis ins letzte Detail enthüllt und viele Fragen unbeantwortet lässt. DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL spielt nicht wirklich in unserer Realität, sondern vielmehr in einer literarischen Welt der Legenden, Nymphen und Geister, vermutlich hatte das große Publikum deshalb so viele Schwierigkeiten mit dem Film. Heute würde er sicher besser laufen, zumal er außerordentlich gut gemacht ist. Allein die Filmmusik von Carl Davis ist ein Genuss und scheint aus einer ganz fernen Zeit zu kommen. Sie verleiht der Gespenstergeschichte eine Atmosphäre von bittersüßer Sehnsucht und Trauer.

Regisseur Gordon Hessler erzählt mit bedächtigem Tempo und kleinen Details, die ein mehrfaches Sehen geradezu notwendig machen. Seine Vorbilder sind die klassischen Werke der Female Gothic, von Hitchcocks "Rebecca" (1940) und "Spellbound" (1945) bis zu Fritz Langs "Das Geheimnis hinter der Tür" (1947). In jenen Filmen ist es interessanterweise die Frau, aus deren Sicht die Geschichten erzählt werden, und sind es die Männer, welche düstere Geheimnisse hüten. Hier übernimmt Rupert Frazer als verklemmter britischer Edelmann den naiven Part, der bis über beide Ohren verliebt ist und nach und nach erkennen muss, dass seine große Liebe von dunklen Ereignissen der Vergangenheit überschattet wird. Frazer spielt seine Rolle so überzeugend, dass man eine Weile braucht, sich an seine Steifheit und den kindlichen Enthusiasmus zu gewöhnen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei Alans sexuelle Befreiung. Der mysteriösen Karin gilt Alans gesamte Hingabe, die er zuvor nur für alte Kunstgegenstände empfunden hat (für 'tote' Dinge), und jedes Mal, wenn sein privates Glück durch seltsamen Zeichen in Gefahr ist, flüchtet er sich in Sex. Selbst wenn die Dramatik den höchsten Punkt erreicht und das Geheimnis kurz vor der Enthüllung steht, finden die Liebenden noch die Zeit für ein inniges Miteinander.

Vor allem aber ist DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL eine Liebeserklärung an Meg Tilly, die sich Ende der 80er auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befand, welche sie bald darauf selbst beendete. Tilly findet als Karin genau die richtige Mischung aus jugendlicher Unschuld, unverklemmter Erotik und tief verborgener Tragik. Dass sie als Schauspielerin ohnehin immer leicht abwesend und geisterhaft wirkt, hilft dem Film ungemein. Leider wird ihre ansonsten makellose Leistung - zumindest in der Originalfassung - durch einen furchtbaren deutschen Akzent geschmälert, den sie sich für die Rolle angeeignet hat, und der durchweg falsch klingt. Insofern ist man mit der soliden Synchronfassung gut bedient.

Die Kritiker prügelten seinerzeit übertrieben und ungerecht auf DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL ein, und er versank umgehend in Vergessenheit. Es half auch nicht, dass er mehrfach umgetitelt wurde. Auf DVD ist er aufgrund seines obskuren Status' nirgendwo zu finden. Viele, die ihn kennen, empfinden ihn als ganz großen Quark, das will ich nicht verschweigen. Ich mochte ihn schon beim ersten Sehen gerne und mag ihn immer noch. Er kümmert sich nicht um Glaubwürdigkeit oder Realismus, man muss ihn als düsteres Märchen sehen. Dann kann man ihn lieben oder ablehnen.

08/10

1 Kommentar:

  1. Lohnenswerte Wiederentdeckung

    "Das Mädchen auf der Schaukel" ist kürzlich, nach fast 2 Jahrzehnten, auf DVD erschienen. Als unheilbarer Filmfreak schau ich fast täglich 2-3 Filme. An viele kann ich mich bereits am nächsten Morgen nicht mehr erinnern. Nicht so bei diesem Film, den ich mir hauptsächlich wegen Deepreds engagierter Rezension besorgt habe.
    Er passt gut zu Deepreds Favoriten, wie "Rebbekka" oder "Rosemary's Baby", ist aber um einiges subtiler. Meg Tilly (Karin) kannte ich bisher nicht: Ihre Darstellung des zerrissenen, leidenden gefallenen Engels ist mitreissend. Genau so Rupert Frazers verklemmter Engländer (Alan), der es schafft, die Gefahr einer überzogen satirischen Darstellung zu vermeiden. Wir erleben ein gelungenes Melodram, dass mit anderer Besetzung möglicherweise massiv in die Hose gegangen wäre.
    Für mich, als historisch Interessierten zeigt sich zudem eine faszinierende Meta-Ebene in der Story. Karin ist ausgerechnet Deutsche, sicher kein Zufall. Der Upperclass-Engländer Alan ist haltlos fasziniert. Er ahnt zwar, dass irgendwas stinkt, will es aber nicht wissen, vom für ihn neuen heidnischen Sex rettungslos überwältigt.
    Mir erscheint dies als intelligente Metapher der Englisch-deutschen Beziehungen während der Vorkriegszeit in den Dreissiger Jahren. Damals sympathisierte ein Großteil der englischen Upperclass mit dem Nationalsozialismus, bis dann das böse Erwachen kam.

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