Sonntag, 27. Februar 2011

Creepshow (1982)

Der Episoden-Horrorfilm CREEPSHOW (Creepshow) lief hierzulande unter dem Titel "Die unglaublich verrückte Geisterstunde", Regie führte George A. Romero, der bereits für die "Brennen muss Salem"-Adaption vorgesehen war, welche schließlich von Tobe Hooper inszeniert wurde. Die Geschichten stammen aus der Feder von Stephen King und basieren nicht auf bereits veröffentlichtem Material, sondern wurden für den Film neu geschrieben.

In der Rahmenhandlung des Films leidet der junge Billy (Joe King, Sohn von Stephen) unter dem tyrannischen Vater (Tom Atkins), der ihm das Lesen von Horror-Comics verbietet. Prompt taucht ein Creep vor Billys Fenster auf und erzählt ihm (und uns) ein paar Gruselmärchen: am Vatertag taucht ein ermordeter Vater aus dem Grab auf und killt seine schnöselige Verwandtschaft, ein Komet mit seltsamer Pflanzensaat landet hinter der Farm des Dorftrottels Jody Verrill (Stpehen King persönlich) und überwuchert bald alles und jeden, ein Überwachungsfanatiker (Leslie Nielsen) nimmt grausame Rache an seiner ehebrecherischen Frau und deren Liebhaber (Ted Danson), die ihn daraufhin als Zombies besuchen, eine Kiste mit geheimnisvollem Inhalt wird einem Uni-Professor (Hal Holbrook) zum Verhängnis, und schließlich muss sich ein menschenfeindlicher Milliardär (E.G. Marshall) in seinem Designer-Penthouse mit einer Armee von Kakerlaken auseinandersetzen...

Dass CREEPSHOW ein Familienfilm ist, sieht man gleich an der Besetzung von Stephen King und dessen Spross Joe, dazu spielen Makeup-Guru Tom Savini und Gaylen Ross ("Dawn of the Dead", 1978) kleine Rollen. Die Geschichten basieren auf den mittlerweile legendären "E.C. Comics", und so inszeniert "Zombie"-Vater Romero das Spektakel in grell-knalligen Farben und extremer Stilisierung mit teilweise abstrakten Bildhintergründen, er hält die Darsteller zum Overacting an und sorgt für jede Menge Humor im makaberen Geschehen. Dazu gibt es allerlei optische Tricks wie das "Umblättern" von Szenen, Sprechblasen und Standbilder. Was Comic-Verfilmungen betrifft, ist CREEPSHOW ein Musterbeispiel, wie man die literarische Quelle in den Film einbezieht.

Die Episoden selbst sind von unterschiedlicher Qualität. Die "Vatertag"-Geschichte regt eher zum Schmunzeln an und bietet nur am Ende einen gelungenen Schocker (siehe unten), in der schwächsten Episode "Mondgestein" agiert Stephen King allzu übertrieben laienhaft. "Weggespült", "Expedition ins Tierreich" und die geniale Story "Insektenspray" hingegen sind absolute Leckerbissen und in Komik und Grauen gut ausbalanciert.
Inhaltlicher Anspruch, der die Werke von Romero auszeichnet, ist nur in der letzten Episode zu finden, wenn E.G. Marshall als Reinlichkeitsfanatiker und Konzernchef den ultimativen Ausbeuter darstellt, der Menschen wie Küchenschaben behandelt und durch diese dann zu Tode kommt. In dieser besten Geschichte sorgt der zynische Humor, zusammen mit dem einfallsreichen Production Design und einer extrem grimmigen Atmosphäre für wohligen Ekel und reichlich Gänsehaut.

Dank der hervorragenden Besetzung kommt kaum Langeweile auf. Die humorigste Darstellung kommt von Adrienne Barbeau ("The Fog", 1980) als saufende, vulgäre Professoren-Gattin aus der Hölle, die von ihrem Mann Holbrook an das Monster aus der Kiste verfüttert wird. Leslie Nielsen hingegen überrascht mit einer über weite Strecken kontrollierten Leistung als eiskalter Mörder. Unvergesslich bleibt E.G. Marshall als Supermilliardär, und in der ersten Episode ist ein junger und skurriler Ed Harris zu sehen.

In den deutschen Kinos lief CREEPSHOW übrigens ohne die Episode mit Leslie Nielsen und Ted Danson, weil der Film dem Verleiher zu lang war (abgesehen davon, dass sich so etwas überhaupt nicht gehört, hätte ich persönlich eher "Mondgestein" weggelassen). Auf Video wurde sie wieder eingefügt. Von CREEPSHOW existieren mittlerweile mehrere deutsche Fassungen mit unterschiedlicher Synchronisation. Die alte Kino-Synchro ist dabei mit Abstand besser als eine für die DVD-Veröffentlichung hergestellte, sehr billig gemachte Nachsynchronisation.

Romero und King wurden gute Freunde und planten mehrere gemeinsame Projekte. Ein paar Jahre nach CREEPSHOW sollte Romero Kings "Friedhof der Kuscheltiere" inszenieren - der wahrscheinlich beste Horrorfilm, der nie gemacht wurde. Wie allgemein bekannt, übernahm Mary Lambert bei der Verfilmung die Regie. Romero inszenierte dafür Anfang der 90er "Stephen King's Stark" (The Dark Half) mit mittelprächtigem Erfolg.

Fazit: CREEPSHOW bietet kunterbunte Gruselunterhaltung, nicht für die ganze Familie. Es gibt Zombies, Monster, schräge Charaktere und Krabbelviecher en masse, sowie Köpfe auf Silbertabletts, und das alles garniert mit viel bösem Humor. CREEPSHOW war so erfolgreich, dass die Fortsetzungen nicht allzu lange auf sich warten ließen.

08/10


Fröhlichen Vatertag - "Creepshow"

Samstag, 26. Februar 2011

Cujo (1983)

Als stolzer Hundebesitzer darf ich sagen, dass ich Horrorfilme, in denen der beste Freund des Menschen als Bedrohung fungiert, selten überzeugend finde. In den meisten Fällen sieht man allzu deutlich, wie sich arme Schauspieler abmühen, die gutmütigen und spielbegeisterten Vierbeiner durch Kreischen und Zappeln als blutrünstige Bestien zu verkaufen, was immer ein bisschen an Bela Lugosi und den Gummikraken erinnert.

Insofern ist CUJO (Cujo) eine rühmliche Ausnahme. Die Makeup-Künstler und Hauptdarstellerin Dee Wallacegeben sich alle Mühe, den sanften Bernhardiner Cujo als tollwütiges Monster durchgehen zu lassen, und dank der hervorragenden Kameraarbeit von Jan de Bont und der Regie von Lewis Teague gelingt das Vorhaben über weite Strecken.

Nach dem Roman von Stephen King erzählt CUJO von besagtem Bernhardiner, der sich nach einer sehr schönen Anfangssequenz durch einen Fledermausbiss mit Tollwut ansteckt. Cujos Herrchen (Ed Lauter), ein KFZ-Mechaniker, der draußen vor der Stadt auf einem einsamen Hof lebt, wird übers Wochenende von Frau und Sohn allein gelassen und freut sich auf Saufgelage mit seinem Kumpel, als Cujo plötzlich durchdreht und beide tötet. Zurück auf dem Hof leidet Cujo still vor sich hin, bis die nette Donna Trenton (Dee Wallace) mit ihrem Söhnchen Tad (Danny Pintauro) vorbeikommt, um ihren klapprigen Wagen reparieren zu lassen. Dort sieht sie sich plötzlich dem wild gewordenen Cujo gegenüber, und ihr Wagen gibt vollständig seinen Geist auf. Nun sind Mutter und Sohn bei Affenhitze eingesperrt in ihrem Auto, werden von Cujo belagert und sehen keinen Ausweg aus der alptraumhaften Situation...

Ja, die gute, alte Zeit, als es noch keine Handys gab. Da wurde es Drehbuchautoren sehr viel einfacher gemacht, eine klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen. In aktuellen Filmen versagt dafür in ähnlichen Situationen der Netzempfang, früher musste man sich um solche Erklärungen keine Gedanken machen.

Stephen King war nach eigenen Aussagen sehr glücklich über CUJO und forderte gleich einen Oscar für Dee Wallace, die hier tatsächlich eine starke Leistung liefert, ebenso ihr Filmsohn Danny Pintauro. Eingeschlossen und der Bedrohung durch Cujo ausgesetzt, zeigen beide sehr viele Facetten von Unruhe, Angst, bis hin zu nackter Panik. Alle Fluchtversuche von Wallace scheitern, und auch der eintreffende Sheriff, der Rettung verspricht, wird zu Hundefutter verarbeitet (eine Szene, in der man klar sieht, dass der Cujo-Darsteller doch nur spielen möchte).

Für den Hund Cujo wurden mehrere Bernhardine engagiert, auch ein künstlicher Cujo wurde für die Nahkampfszenen mit Dee Wallace hergestellt. Den Unterschied merkt man als Zuschauer kaum, und der von Stephen King erdachte Dreh, dass Cujo eben kein Monster ist, sondern sich "nur" mit Tollwut infiziert hat, lässt den Schrecken real und nachvollziehbar erscheinen. Im Roman werden übrigens weite Strecken der Geschichte aus der Sicht des Hundes erzählt, worauf der Film natürlich mangels Umsetzbarkeit verzichtet (ein Cujo-Voiceover wäre doch etwas albern).

Einige hervorragend inszenierte Spannungsmomente sorgen für gepflegten Grusel - etwa, wenn Dee Wallace sich nach Stunden aus dem Wagen traut, weil sie den Hund nicht mehr sieht - der UNTER dem Wagen liegt! Da gefriert schon kurz das Blut in den Adern.
Eine weitere außergewöhnliche Sequenz schildert den Nervenzusammenbruch von Wallace nach einem Kampf mit Cujo, und Jan de Bonts Kamera lässt den Zuschauer durch immer schneller werdende 360 Grad-Schwenks im Inneren des Wagens direkt an der Hysterie von Mutter und Kind teilhaben.

Der Film lässt sich viel Zeit für die Etablierung der Situation. Bevor es überhaupt zu der Cujo-Situation kommt, wird zunächst das problematische Eheleben von Cujos Besitzern parallel zur vergleichbaren Krise der Trentons geschildert. Donna Trenton hat eine Affäre mit dem ortsansässigen Tischler (Christpher Stone, im wahren Leben der Ehemann von Dee Wallace), während ihr Sohn Tad sich vor Monstern unter dem Bett fürchtet. Beide müssen sich in der Begegnung mit Cujo ihren realen Ängsten stellen und diese besiegen.
An dieser Stelle muss ein kleiner SPOILER einsetzen: in Kings Roman stirbt das Kind Tad am Ende, was dem Buch eine extrem deprimierende Note verleiht. Lewis Teague lässt Donna Trenton jedoch im Film über sich hinauswachsen und den Kampf gegen Cujo gewinnen, so dass sie ihr Kind retten kann. Was von vielen King-Fans als typisches Hollywood-Ende verachtet wurde, fand beim Autor selbst großen Anklang. Er erklärte später, dass er den Roman in einer sehr zynischen und verbitterten Stimmung geschrieben hatte und die heile Romanfamilie zerstören wollte, weil so etwas in der Realität passieren kann. Im Film aber wäre es fatal, den Zuschauer so lange mit Mutter und Kind mitleiden zu lassen, um es dann zu töten. Lediglich auf den klischierten Schluss-Schock hätte Teague verzichten können.

Fazit: CUJO nimmt nach ruhigem Beginn Fahrt auf und wird zu einem extrem spannenden, klaustrophobischen Terror-Stück, das dem Zuschauer kaum Luft zum Atmen lässt. Der sehr gute Soundtrack von Charles Bernstein reiht sich in die bemerkenswerten Leistungen aller Beteiligten ein, und so gehört Lewis Teagues Schocker zu den besseren King-Verfilmungen, auch wenn er nicht die Meisterschaft der Top-Kandidaten von Cronenberg, De Palma oder Kubrick erreicht.

Nachtrag: die deutsche Fassung wurde - wie so oft - gekürzt, allerdings nicht in den Horror-Sequenzen, sondern in den Szenen, welche die Affäre Donna Trentons beschreiben. Entweder fand man diese zu langatmig für einen Horror-Film, oder man wollte nachträglich das untreue Verhalten der Protagonistin "säubern". In jedem Fall eine merkwürdige Entscheidung.

7.5/10

Donnerstag, 24. Februar 2011

Brennen muss Salem (1979)

BRENNEN MUSS SALEM (Salem's Lot) war die zweite Verfilmung eines Stephen King-Romans nach Brian De Palmas Riesenerfolg "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1976). Regie führte Regisseur Tobe Hooper, der mit seinem Kulthit "The Texas Chainsaw Massacre" (1974) einen großen Fankreis gewonnen hatte.

Stephen Kings Roman wurde aufgrund der Materialfülle als Zweiteiler für das US-Fernsehen produziert, und wenn man die Beschränkungen bedenkt, die das Medium dem Horrorfilm auferlegt, handelt es ich um eine recht ordentliche Adaption mit einigen Highlights, die man allerdings nur in der originalen Langfassung sehen sollte, aber dazu später mehr.

Inhalt: Der Schriftsteller Ben Mears (David Soul) kehrt nach vielen Jahren in seine Heimatstadt 'Salem's Lot' zurück, wo er noch immer unangenehme Gruselerinnerungen mit einem alten Gemäuer, dem 'Marsten Haus', verbindet, die er in einem Buch verarbeiten will. Dieses Haus wurde soeben neu bezogen, von einem mysteriösen Antiquitätenhändler (James Mason) und dessen Geschäftspartner, der aber seltsamerweise nie zu sehen ist. Kurz darauf verschwinden Einwohner des kleinen Städtchens oder fallen einem mörderischen Blutsauger zum Opfer. Zwei Möbelpacker, die eine alte Kiste ins Marsten Haus liefern, spüren den Hauch des Bösen, und bald schon muss Ben Mears der Tatsache ins Gesicht sehen, dass er das Böse in 'Salem's Lot' vernichten muss, wenn er jemals wieder Ruhe finden will...

Neben diesem Hauptplot erzählt der Film noch einige Nebenstränge und spielt den Horror-Stoff als "Unsere kleine Stadt" durch. Zusätzlich zu der dreistündigen TV-Fassung wurde eine 103-minütige Kurzfassung erstellt, die in Europa im Kino lief. Diese Version beinhaltet zwar alle Horror-Momente, macht aber durch den Verzicht auf Nebenhandlungen und Charakterisierungen einen holprigen und konfusen Eindruck. Die teilweise drastischen Schnitte sorgen für eine völlige Fehlgewichtung. So ist Hauptdarsteller David Soul etwa im Mittelteil für ca. 20 Minuten völlig aus dem Film verschwunden, seine Partnerin Bonnie Bedelia trifft es sogar noch ärger. Als Zuschauer versteht man nicht, wer eigentlich die Hauptfigur des Films sein soll, weil ständig Nebenfiguren abrupt eingeführt und andere nicht zu Ende erzählt werden.
Die Langfassung war im deutschen TV unter dem Titel "Schrecken im Marsten Haus" zu sehen, und nur so kann man den Film auch genießen. Auf DVD wurde hierzulande leider nur die verstümmelte Version veröffentlicht, die dazu noch schlechte Bild - und Tonqualität bietet.

Der Film selbst bietet eine schöne 70er-Gruselatmosphäre, wobei die Musik von Harry Sukman und die Bilder von Kameramann Jules Brenner enorm helfen. Die Schauspieler leisten gute Arbeit, wenngleich David Soul etwas blass in der Hauptrolle bleibt. Bonnie Bedelia als Souls Love-Interest ist wie immer klasse, sie gehört zu den Darstellerinnen, deren Talent von Hollywood nie richtig genutzt wurde, und die z.B. als Ehefrau von Bruce Willis in "Stirb langsam" 1 und 2 verschenkt wurde. In der King-Adaption "Needful Things - In einer kleinen Stadt" (1993) war sie ebenfalls zu sehen.

James Mason liefert eine Meisterleistung als stets elegante, aber finstere rechte Hand des Obervampirs. Dieser wird gespielt von Reggie Nalder, der Cineasten noch als Attentäter aus Hitchcocks "Der Mann, der zuviel wusste" (1956) in Erinnerung sein dürfte und hier als Max Schreck-Verschnitt verkleidet wird, was Stephen King überhaupt nicht gefiel. Tobe Hooper nannte das eine Hommage an Murnaus "Nosferatu" (1922), aber King orientierte sich inhaltlich eher an Bram Stokers "Dracula". So kommen viele wichtige Elemente aus Stokers Roman in variierter Form vor - die Kiste mit Muttererde, das Kinderopfer für den Obervampir, der Makler als Werkzeug des Bösen, etc.

Neben vielen Dialogszenen, in denen Tobe Hooper lediglich die Schauspieler führt und sich ansonsten zurückhält, gibt es einige gelungene Horror-Momente, insbesondere die Sequenzen, in denen die Kinder-Vampire in waberndem Nebel vor Fensterscheiben auftauchen und um Einlass bitten, bevor sie ihre Zähne in die Hälse ihrer Freunde schlagen. Das Marsten Haus strahlt als zentraler Hort es Bösen überzeugend Fäulnis und Modrigkeit aus, und der finale Kampf Gut gegen Böse ist packend in Szene gesetzt. Nichtsdestotrotz braucht man für die drei Stunden Laufzeit gutes Sitzfleisch, und nicht alle Subplots tragen wirklich viel zur Spannung oder Atmosphäre bei.

BRENNEN MUSS SALEM war immerhin so erfolgreich, dass sich kurz darauf sämtliche Horror-Regisseure um King-Stoffe rissen und eine Phase begann, in der kaum ein Monat ohne neue King-Verfilmung verging, bis das Publikum irgendwann genug hatte. Hoopers Film kommt nicht an die Meisterwerke "Carrie", "Shining" (1980) oder "Dead Zone" (1983) heran, aber was Fernsehen anbelangt, gehört er eindeutig zu den besseren Produktionen des Genres. Er wirkt zwar heute etwas angestaubt, kann aber gut unterhalten und für ein bisschen Gänsehaut sorgen.

B-Filmer Larry Cohen inszenierte 1987 die Fortsetzung "Salem II - Die Rückkehr", die nichts mit dem Vorgänger zu tun hat, aber als schwarze Komödie sehenswert ist. 2004 entstand ein unspektakuläres Kino-Remake mit Robe Lowe.

07/10 (TV-Fassung) 05/10 (Kinoversion)

Mittwoch, 23. Februar 2011

Brennende Rache (1981)

Sie nehmen kein Ende. Der Slasher BRENNENDE RACHE (The Burning) von Tony Maylam war ein weiterer Versuch, schnell und billig Kasse mit einem "Freitag der 13."-Rip-Off zu machen. Die Location ist wieder ein Sommercamp, und erneut haben zurückliegende Ereignisse blutige Konsequenzen in der Gegenwart.
Damals wurde nämlich dem Campaufseher Cropsy ein übler Streich gespielt, der furchtbar in die Hose ging und Cropsy mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus beförderte. Nun wird er entlassen, killt gleich eine Prostituierte und macht sich auf zum Sommercamp, wo er ab sofort in den Wäldern haust und Jagd auf sexbesessene Teenager macht, die ihren Sommer am Fluss verbringen...

Unter diesen Teenagern befinden sich übrigens die junge Holly Hunter, noch ein paar Jahre von ihrem verdienten Starruhm entfernt, sowie der spätere Sitcom-Liebling Jason Alexander ("Seinfeld").
BRENNENDE RACHE hat neben allerlei blödsinnigen Camp-Szenen im Stil von "Porky's" vor allem zwei Trumpfkarten - die Musik von Rick Wakeman und hervorragende Effekte von Makeup-Guru Tom Savini, der für diesen Film auf eine Mitarbeit bei "Freitag der 13. Teil 2" (1981) verzichtete. Da der Killer Cropsy am liebsten mit einer Heckenschere tötet, bietet sich reichlich Gelegenheit für abgeschnittene Fingerkuppen, zerstochene Augen und sontiges Gemetzel.

Regisseur Tony Maylam inszeniert zwar ohne erkennbare Handschrift (das haben die meisten Slasher gemeinsam, bei denen der Name Carpenter im Vorspann fehlt), hält aber Tempo und Gore-Gehalt hoch, so dass bei Freunden des Genres kaum Langeweile aufkommt. Im Finale wird es dann noch ziemlich spannend, wenn zur Abwechslung mal nicht das Final Girl, sondern mit Brian Matthews ein Final Guy zum Schlussfight gegen den deformierten Killer antreten muss. Das ist auch schon die einzige Variation des immer gleichen Grundplots. Ansonsten sind alle bekannten Elemente vorhanden - der abgelegene Ort, der Jugendstreich, der Spaßmacher, die lüsternen Pubertierenden, Sex im Freien und das alte "Ich gehe nur Holz sammeln und bin gleich wieder zurück."

BRENNENDE RACHE erlitt das gleiche Schicksal vieler Horrorfilme der frühen 80er. Obwohl er nicht blutrünstiger ist als andere Vertreter des Genres, wurde die Videokassette hierzulande wegen angeblicher Gewaltverherrlichung beschlagnahmt, und der Film ist bis heute nicht freigegeben, außer in gekürzter Fassung. Ebenso wurde er in Großbritannien im Zuge der 'Video Nasties'-Aktion aus dem Verkehr gezogen. Warum nun gerade dieser und nicht etwa "Freitag der 13." (1980), der einen in keiner Weise geringeren Blutgehalt bietet, bleibt ein ewiges Geheimnis.

BRENNENDE RACHE ist solide Kost für Slasherfans mit ein paar Highlights, einem originellen Soundtrack und ein paar zukünftigen Stars in Frührollen, die sie wahrscheinlich gern von ihrer Filmografie streichen würden.

06/10

Montag, 21. Februar 2011

Hell Night (1981)

Bleiben wir kurz bei den Slashern der 80er. Hier haben wir es mit einem ziemlich guten Vertreter zu tun. HELL NIGHT (Hell Night) profitiert durch eine angenehme Gruselatmosphäre und solide Darstellerleistungen, auch wenn die simple Slasher-Formel kaum variiert wird.

Die Story ist schnell erzählt - ein paar College-Neuankömmlinge werden auf dem Höhepunkt einer Kostümparty zwecks Mutprobe in einem alten Gemäuer eingesperrt, in dem es angeblich spuken soll. Unter ihnen befindet sich auch Linda Blair, unser aller liebstes, vom Teufel besessenes Mädel aus "Der Exorzist", das sich zur Teenagerin gemausert hat und hier als Final Girl bestehen muss. Um den Jungs und Mädchen so richtig Angst einzujagen, haben sich die Mitstudenten ein paar Gemeinheiten ausgedacht. Als dann aber tatsächlich Köpfe rollen und das Monster aus dem Kellerverlies (oder sind es mehrere?) Jagd auf die Teenager macht, erleben die Studenten eine echte Nacht des Schreckens...

Regisseur Tom DeSimone schafft von Beginn an eine schöne Gruselatmosphäre mit unheimlichen Schatten, nächtlichem Stöhnen, Skeletten im Kleiderschrank und anderen beliebten Versatzstücken. So gibt es kein elektrisches Licht im alten Haus, nur Kerzenbeleuchtung. Viele Sequenzen spielen in fast vollkommener Dunkelheit, und der Film hält sein Monster so lange wie möglich außerhalb der Kamera, was deutlich zur Spannungssteigerung beiträgt.
Anders als in vielen anderen Vertretern des Genres haben wir es nicht mit hohl kreischenden Teenagern zu tun, sondern die vier Protagonisten sind relativ glaubwürdig und sympathisch gezeichnet, machen sich Sorgen um einander und interessieren sich neben Sex auch noch für andere Dinge. Die Kostüme, die sie zur Party tragen, verleihen dem Film eine hübsch klassische Note und lassen ihn besser altern als andere Beiträge der Reihe.

Linda Blair ist eine verlässliche Hauptdarstellerin, auch wenn sie nicht zu den begnadetsten Schauspielerinnen aller Zeiten zählt. Die Nominierung für die Goldene Himbeere 1981 hat sie definitiv nicht verdient. Ein paar Charakterdetails im Drehbuch, die Blair früh im Film erzählt, werden gekonnt im Finale eingelöst, wenn sie aus dem alten Gemäuer fliehen und einen Wagen kurzschließen muss, um zu entkommen. Dieser Schlussfight wird hochspannend erzählt, enthält ein paar echte Schocker und einen überraschenden Twist.

Regisseur Tom DeSimone hat übrigens vor seiner Karriere als Mainstream-Regisseur schwule Pornos inszeniert - vielleicht ein Grund, warum die jungen Männer in HELL NIGHT so hübsch sind und Vincent van Patten die halbe Filmzeit nur in Boxershorts verbringt.

Insgesamt handelt es sich bei HELL NIGHT nicht um eine Sternstunde des Horrorkinos, aber um einen spannenden und atmosphärischen Slasher mit klassischen Motiven, einer guten Portion Humor und einem Mindestmaß an Splatter. Die Betonung liegt hier auf Suspense, und das ist auch gut so.

07/10

Mittelalter meets Surfer-Dude
Linda Blair, Peter Barton und Vincent van Patten in "Hell Night"

Sonntag, 20. Februar 2011

Panische Angst (1980)

Und noch ein Film aus der guten, alten Post-"Halloween"-Zeit, diesmal sogar ein sehr dreister Abklatsch von John Carpenters brillantem Original, allerdings minus der Spannung und allem anderen, was "Halloween" (1978) auszeichnet.

PANISCHE ANGST (He Knows You're Alone) von Armand Mastroianni erzählt von einem Killer, der kurz vor der Hochzeit von seiner Braut in den Wind geschossen wurde und deswegen nun junge Frauen ermordet, die ebenfalls bald heiraten wollen. Wie günstig, dass sich gerade eine Gruppe hübscher Damen von ihren attraktiven Verlobten verabschiedet hat, die zum gemeinsamen Bachelor-Weekend aufbrechen und ihre Bräute schutzlos zurücklassen. Da hat der Killer freie Bahn...

Die Ähnlichkeiten zu "Halloween" sind mehr als unübersehbar, sie springen einem förmlich ins Gesicht. So ist etwa die Musik schamlos abgekupfert, die Heldin (Caitlin O'Heaney) wird wie weiland Jamie Lee Curtis die gesamte Filmlänge über vom irren Schlitzer verfolgt, statt des Psychiaters Donald Pleasence befindet sich ein Cop, der noch eine Rechnung offen hat, auf der Fährte des Mörders, und der Killer schlägt gerne zu, nachdem die Opfer Sex hatten.
Die bei Carpenter noch eher naiv geführte 'Botschaft', dass unmoralisches Verhalten schnell mal zum Tode führt, wird hier zum plumpen Hauptthema. Die allein gelassenen Bräute verabreden sich mit sympathischen Joggern oder haben wilden Sex mit verheirateten Professoren, die im Austausch für Körperflüssigkeiten gute Noten verteilen. Die männlichen Junggesellen-Abschiedler benehmen sich brav und rufen zu Hause an, während die Frauen bekommen, was sie verdienen - bis auf unsere Heldin, die zwar Zweifel an der bevorstehenden Hochzeit äußert und von ihrem netten Ex (Don Scardino) bedrängt wird, ansonsten aber ein anständiges Mädel bleibt und folgerichtig verschont werden darf - bis zum obligatorischen Schluss-Schock natürlich.

Wo John Carpenter jedoch durch Kamera, Schnitt und Musik eine bedrohliche, faszinierende Stimmung erschafft, ist PANISCHE ANGST vollkommen stillos und ohne Timing und Atmosphäre. Die Sequenz etwa, in der besagte Studentin mit ihrem Professor schläft und danach ermordet wird, ist dermaßen in die Länge gezogen, dass jedem Slasher-Fan der Appetit vergeht und man sanft ins Reich der Träume entschlummert, während sich die Protagonisten in Lebensgefahr befinden. Die Bilder sind flach, und die Handlung bietet keinerlei überraschende Wendung. Der (stumme) Killer glotzt bösartig durch Fenster, killt eine Braut nach der nächsten, und die Heldin muss am Ende um ihr Leben rennen. Das ist alles.

Positiv zu vermerken ist der Filmbeginn, in dem sich das erste Opfer gerade einen Slasher-Film im Kino ansieht, was zu einem kurzen Überraschungsmoment führt und später von Wes Craven in dessen "Scream 2" (1997) übernommen wurde. Wer aber meint, der Film würde danach die Formel des Genres parodieren, wird schnell enttäuscht, denn er folgt ihr sklavisch für den Rest der Laufzeit. Der Schlussfight zwischen Killer und Heldin ist einigermaßen unterhaltsam geraten, ansonsten ist PANISCHE ANGST nur erwähnenswert, weil der junge Tom Hanks hier eine kleine Frührolle spielt und zwei belanglose Auftritte als freundlicher Jogger bekommt.

PANISCHE ANGST ist leidlich unterhaltsam, bietet aber zu wenig für sein Geld. Die Mordszenen finden fast alle im Off statt, wodurch der Blutgehalt sehr gering ausfällt, und die Füllszenen zwischen den Thriller-Momenten treten auf der Stelle. Alles in allem ein Film, der zurecht weitgehend unbekannt geblieben ist.

04/10

Freitag, 18. Februar 2011

Die Besessenheit des Joel Delaney (1972)

Der US-Okkultschocker DIE BESESSENHEIT DES JOEL DELANEY (The Possession of Joel Delaney) gehört wohl zu den unbekanntesten Horrorfilmen der 70er. Das verwundert, weil immerhin Hollywoodstar Shirley McaLaine hier ihren ersten und einzigen Auftritt in einem Genrefilm abliefert.

MacLaine spielt die reiche, gelangweilte Manhattan Upperclass-Lady Norah Benson, die mit ihren zwei kleinen Kindern zusammenlebt und zu ihrem hübschen Bruder Joel (Perry King) eine etwas zu enge Beziehung pflegt. Mehr noch als ihre Kinder ist Joel der Mittelpunkt ihres Lebens. Als Joel nicht zu einem geplanten Dinner auftaucht und Norah nur seltsames Stöhnen am Telefon hört, macht sie sich Sorgen, die sich noch verstärken, als ihr Bruder plötzlich spanisch spricht und immer aggressiver wird. Ist Joel womöglich besessen vom Geist eines toten Serienkillers, der mit Vorliebe Frauen köpfte?

In den USA, wo der Film nicht ganz so unbekannt ist wie im Rest der Welt, ist JOEL DELANEY äußerst umstritten. Die einen halten ihn für einen geschmacklosen und rassistischen Billigschocker, andere loben seinen differenzierten Blick auf das Zusammenleben verschiedener Kulturen in New York. Ja, was denn jetzt? Die Antwort ist schwer zu finden, aber ich denke, man kann dem Film zugestehen, dass er sich tatsächlich um den differenzierten Blick bemüht und etwas über städtische Paranoia erzählen will.

So spielt MacLaine eine überraschend unsympathische Figur. Ihre geschiedene Norah ist keine Glamourfrau, sondern eine versnobte und egoistische Zimtzicke, die für niemanden außer ihrer Kinder und Joel etwas empfindet. Sie behandelt die Angestellten wie Leibeigene, und wenn sie zwecks Recherche später das spanische Viertel im East Village aufsucht, fühlt sie sich an jeder Ecke belästigt (ungefähr so wie John Waters es in "Hairspray" persifliert hat). Hier kann man dem Film unterstellen, er spiele mit den Zuschauerängsten vor fremden Kulturen, zumal MacLaines Panik begründet scheint und Regisseur Warris Hussein die Parallelgesellschaft als bedrohlich zeichnet. Gleichzeitig passt MacLaines Verhalten aber perfekt zu ihrer Figur.

Eine weitere anspruchsvolle Facette bietet der Film in der Geschwisterbeziehung Norah/Joel, die stark an Inzucht grenzt - nicht umsonst wird Perry King auf einer Party für MacLaines jüngeren Liebhaber gehalten. Das Fehlen eines Ehemannes und beider Eltern verursacht eine starke Abhängigkeit zwischen den Geschwistern. Je mehr sich Joel in seiner Besessenheit abnabelt, desto größer wird Norahs Angst - nicht nur um seine Gesundheit, sondern ihren eigenen Seelenfrieden.

Interessanterweise wird das Thema 'Besessenheit' hier bereits vor dem großen Erfolg von "Der Exorzist" (1974) aufgearbeitet. Während Warren Husseins JOEL DELANEY aber in der Versenkung verschwand, machte William Friedkins Film die große Kasse und wurde zum Welthit. DIE BESESSENHEIT VON JOEL DELANEY leider unter der faden Regie und einem erzählerischen Schneckentempo, das den Zuschauer häufig zum Drücken der Schnellvorlauftaste auf der Fernbedienung ermuntert. Trotz der ansprechenden Leistungen von MacLaine und Perry King gelingt es dem Film selten, als Horrorfilm wirklich zu packen, dann schon eher als Psychodrama.

Im Finale allerdings, wenn MacLaine und die Kinder sich vor dem psychopathischen Joel im einsamen Strandhaus verstecken, serviert Hussein dann plötzlich einen abgetrennten Kopf im Vorratsschrank und überschreitet ohne Vorwarnung gleich mehrere Geschmackgrenzen. Der durchgeknallte Joel zwingt MacLaines Filmkinder, Hundefutter zu essen und nackt vor ihm zu tanzen, was einen mehr als unangenehmen Beigeschmack hat, da die Kinderdarsteller absolut schutzlos der Kamera ausgesetzt werden. Da wird der eher müde Thriller plötzlich zu "Mondo Brutale" (1972).

DIE BESESSENHEIT DES JOEL DELANEY ist fast unmöglich zu bewerten. Er hat ein paar gute Szenen und mit MacLaine ein schauspielerisches Schwergewicht in der Hauptrolle. Er fängt die New Yorker Locations in bester 70er-Tradition hervorragend ein und vermittelt eine realistische Atmosphäre. Mit strafferem Buch und mehr Tempo hätte er ein klasse Horrorstück abgegeben. So bleibt er irgendwo im Mittelmaß stecken, und die letzten 10 Minuten sind absolut nichts für Zartbesaitete oder Zuschauer, die Political Correctness wichtig nehmen. Ein merkwürdiger Film, aber nicht ohne Schauwerte.

05/10

Sonntag, 13. Februar 2011

Scanners - Ihre Gedanken können toten (1981)

SCANNERS war der erste große Kassenerfolg des Kanadiers David Cronenberg, und der Erfolg des Films, der in den USA am Start-Wochenende auf Platz 1 der Kinocharts landete, überraschte selbst den Regisseur. Seine Vorgänger "Shivers" (1975), "Rabid" (1977) und "Die Brut" (1979) waren zwar in Fankreisen äußerst populär, aber keine finanziellen Hits beim Massenpublikum.

Der Inhalt: die Kinder von Frauen, die in den 50er Jahren während der Schwangerschaft ein Beruhigungmittel namens 'Ephemerol' eingenommen haben, sind als sogenannte 'Scanner' auf die Welt gekommen - sie können mit der Kraft ihres Geistes die Gedanken anderer Menschen lesen (=scannen), ihnen den eigenen Willen aufzwingen oder im Ernstfall deren Körper zerstören. Der junge Scanner Cameron Vale (Stephen Lack) wird von dem Konzern Consec aufgegriffen und vom 'Ephemerol'-Erfinder Dr. Paul Ruth (Patrick McGoohan) überzeugt, gegen eine Gruppe gewaltbereiter Scanner vorzugehen, die dem Konzern schaden wollen und vom Scanner Revok (Michael Ironside) angeführt werden. Je näher der gutmütige Vale Revok kommt, desto gefährlicher wird sein Auftrag...

David Cronenberg staunte auch über den Erfolg, weil die Produktion von SCANNERS eine katastrophale Angelegenheit war. Der Film erhielt unerwartet grünes Licht und musste schnellstens realisiert werden, bevor es überhaupt ein fertiges Drehbuch oder Locations gab. Dem fertigen Film merkt man dies nicht an.
SCANNERS ist der publikumsfreundlichste und actionlastigste frühe Cronenberg. Er hält sich nicht lange mit Vorgeschichten auf, sondern springt gleich hinein ins Geschehen, wenn der Herumtreiber Vale in einer Shopping Mall zuerst eine Kundin scannt, um dann vor den Häschern des Consec-Konzerns zu fliehen, von denen er schließlich wie ein Tier mit Betäubungspfeilen 'abgeschossen' wird.
Danach folgt die berühmteste Sequenz des Films, die in den Trailern auf originelle Weise benutzt wurde, und in welcher der "böse" Scanner Michael Ironside bei einer wissenschaftlichen Darbietung im Konzern den Kopf eines Teilnehmers durch Telepathie zum Platzen bringt. Man muss sagen, dass dies nach wie vor der spektakulärste und schönste platzende Kopf der Horrorgeschichte ist, und wer den definitiven "Platzender-Kopf-Film" sucht, der ist bei SCANNERS an der richtigen Adresse.

Bleiben wir kurz bei den Effekten - bis auf den splatternden Kopf gibt es zunächst kaum weitere von Cronenbergs gewohnten Spezialeffekten. Der Regisseur erklärte dazu, wie Menschen durch Pistolenschüsse verwundet und getötet werden, interessiere ihn in Effekte-Hinsicht nicht. So bleibt SCANNERS bis zum großen Finale eher blutleer, aber dort - wenn Vale gegen Revok zum ultimativen Scanner-Fight antritt - schlägt die volle Stunde von Spezialeffekte-Maestro Dick Smith, der mit fantastischen Tricks Augen zerkochen und blutende Geschwüre entstehen lässt, dass man seinen Augen kaum traut.
Der Film schließt mit einer unvorhersehbaren Wendung, die Cronenbergs vielleicht optimistischstes Ende bietet (noch ein Grund für den Erfolg), aber dennoch auf bizarre Weise in das filmische Universum des Regisseurs passt. Das Gefühl eines Happy Ends stellt sich natürlich nicht ein, dazu ist es viel zu grotesk. Man beachte Howard Shores musikalische Anspielung auf "Die Brut" in der letzten Szene, die dem potentiell verwirrten Zuschauer hilft, das Geschehen zu verstehen.

Ansonsten besticht SCANNERS durch jede Menge Action Set-Pieces, eine typisch Cronenbergsche Winter-Atmosphäre, den intelligenten Umgang mit der Story-Prämisse, die sowohl die Gefahren durch Wissenschaft und Pharma-Industrie aufzeigt als auch im Finale mythische Dimensionen erreicht, wenn das Duell Gut gegen Böse noch eine zusätzliche Dimension erhält, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte. Weitere Höhepunkte: das Scannen eines Konzern-Computers durch die Telefonleitung und die Szene im Wartezimmer eines Arztes, in dem Hauptdarstellerin Jennifer O'Neill von einem ungeborenen Baby aus dem Mutterbauch heraus gescannt wird (!) - was für ein Einfall.

Die Dialoge sind wie immer in Cronenbergs Frühwerken funktional bis philosophisch ("I'm one of you", sagt Vale zu einem Scanner-Künstler, der fragend erwidert: "You're one of me?"). Einzige Schwachstelle des Films ist Stephen Lacks blasse Darstellung in der Hauptrolle, die zu keiner Zeit Sympathie erzeugt, obwohl man als Zuschauer auf seiner Seite sein müsste. Möglicherweise ist das beabsichtigt - auch Art Hindle in "Die Brut" und James Woods in "Videodrome" (1983) sind keine Sympathieträger. Diese kreierte Cronenberg erst in "Dead Zone" (1983) und "Die Fliege" (1985). Klasse dagegen sind Patrick McGoohan als Schöpfer der Bestien und Michael Ironside als menschliches Monster.
SCANNERS war so beliebt, dass er mehrere Fortsetzungen erhielt, die allerdings nicht von Cronenberg inszeniert wurden und dem Original nicht das Wasser reichen können.

SCANNERS gilt oft als schwächerer Cronenberg, weil er weitaus oberflächlicher an die Sache geht als seine Vorgänger und Horror, Action, Thriller und Science Fiction munter in einen Topf wirft. Dennoch gehört er für alle Zeiten zu meinen Lieblings-Cronenbergs. Er hat in all den Jahren nichts von seinem Reiz verloren, er ist packend, eiskalt und bedrückend. Howard Shores elektronischer Soundtrack gehört zu seinen besten Werken, und im Kino ist SCANNERS ein wirklich unvergessliches Erlebnis.

10/10


Michael Ironside im finalen Scanner-Duell

Samstag, 12. Februar 2011

Basket Case - Der unheimliche Zwilling (1982)

Eine Perle des Underground-Kinos und einer der originellsten Horrorfilme der 80er ist Frank Henenlotters BASKET CASE - DER UNHEIMLICHE ZWILLING, der erst auf Video zum Kultfilm avancierte und viele Fans gewann, die ihn im Kino verpassten.

BASKET CASE erzählt von den siamesischen Zwillingen Duane (Kevin van Hentenryck) und Belial, die als Kinder getrennt wurden - eine Operation, die unglaublich schief ging. Seitdem trägt der (körperlich) gesunde Duane seinen deformierten Bruder in einem Weidenkorb mit sich herum und rächt sich an den Ärzten, die für die verpfuschte OP verantwortlich waren. Belial ist dabei weniger Mensch als ein bizarrer Klumpen Fleisch mit Armen, Kopf und Reißzähnen, aber seiner grausamen Rache entgeht niemand. Als sich Duane aber in die nette Sprechstundenhilfe Sharon (Terri Susan Smith) verliebt, wird ein Keil zwischen die einst so engen Brüder getrieben...

BASKET CASE ist ein mit wenig Geld hergestellter Independent-Film, der in jeder Szene die Begeisterung seines jungen Schöpfers Henenlotter ausstrahlt, so ähnlich wie man sie in Sam Raimis "Tanz der Teufel" (1981) und Don Coscarellis "Das Böse" (1979) findet. Ohne Schere im Kopf und mit verrückten Einfällen links und rechts entfacht Henenlotter ein echtes Feuerwerk an Gags, Horror und Splatter.

BASKET CASE ist dabei schwer einzuordnen. Seine absurde Grundidee, die allein schon konservative Kritiker brüskiert, wird noch durch die groteske Inszenierung und spektakuläre Mordsequenzen, in denen das Kunstblut in Strömen fließt, auf die Spitze getrieben. Die fantastische und irreale Story findet aber aufgrund des geringen Budgets an absolut realistischen Originalschauplätzen statt, was dem Film einen authentischen Look verleiht. So mietet sich Duane mit seinem Weidenkorb in einem schäbigen Hotel in New York ein, das für jeden Autorenfilmer der 70er die reine Freude wäre. Man spürt den Dreck, man riecht den Moder, und man empfindet auch die Einsamkeit der Großstadt, in der sich vorwiegend zwielichtige und skurrile Gestalten herumtreiben. Duane und sein Bruder im Körbchen sind nicht wirklich absonderlicher als der Rest der Charaktere, auch wenn diese vielleicht nicht gerade Chirurgen in zwei Hälften zerlegen.

Neben den Locations nimmt Henenlotter auch die Beziehung der beiden Brüder ergreifend ernst. Duane hat den mit Skalpell und gegen seinen Willen getrennten Zwilling aus dem Müll gerettet, in dem er nach der OP 'entsorgt' wurde, und seitdem kümmert er sich liebevoll um ihn, füttert ihn, trägt ihn überall mit sich herum. Als sich Duane verliebt, wird Belial eifersüchtig, fühlt sich vom Bruder im Stich gelassen und dreht durch. Diese menschlichen Gefühle in dem zumeist mit Stop Motion animierten Monster verwirren den Zuschauer und lassen ihn trotz dessen grausiger Taten teilhaben am Schicksal der Kreaturen, so wie es die besten Monsterfilme schaffen.

Regisseur Frank Henenlotter hat nach BASKET CASE mit "Frankenhooker" (1990) eine herrlich abgedrehte Frankenstein-Variante, und mit "Elmer" (1988) eine Drogen-Metapher, ganz im Stil seines Erstlings (inklusive Gastauftritt von Kevin "Duane" van Hentenryck mit Weidenkorb), inszeniert. Seine beiden Sequels "Basket Case 2" und "Basket Case 3" erreichten leider nicht die Qualität des Originals und beweisen nur, dass man eine gute Idee nicht unbedingt reproduzieren kann. Nach einer langen Pause von über 10 Jahren kehrte er mit "Bad Biology" (2008) zum Horrorfilm zurück.

09/10

Donnerstag, 10. Februar 2011

Das Böse (1979)

Auf dem Höhepunkt der Horror-Welle Ende der 70er gab es neben den Heerscharen von Slashern, die John Carpenters "Halloween" (1978) imitierten, auch einige innovative Filme. Zu den besten gehört Don Coscarellis DAS BÖSE (Phantasm), der im Sinne des klassischen Erzählkinos zwar keine logische Geschichte anbietet, dafür aber einen wilden Mix aus verschiedenen Motiven, von Science-Fiction bis hin zum Märchenfilm.

Der Inhalt ist schwer wiederzugeben: Nach dem Tod ihrer Eltern leben die Brüder Mike und Jody in ländlicher Umgebung. Für den jüngeren Jody (Bill Thornbury) ist der große Bruder Mike (Michael Baldwin) Vaterersatz und bester Freund in einer Person. Bei einem seiner Streifzüge durch die Landschaft begegnet er auf einem Friedhof einem unheimlichen Totengräber, dem 'Tall Man' (Angus Scrimm), der ihn ebenso ängstigt wie fasziniert. Er folgt ihm heimlich und beobachtet, wie dieser die Toten aus den Gräbern stiehlt und diese als Zwergsklaven in eine andere Dimension schickt. Wer ihm dabei zu nahe kommt, muss sich vor fliegenden Silberkugeln in acht nehmen, die sich direkt ins Gehirn bohren und für einen spektakulären Tod sorgen. Doch das ist erst der Anfang einer verrückten Reise...

Mehr zu erzählen, wäre fahrlässig, denn - wie schon gesagt - DAS BÖSE erzählt keine schlüssige Story, sondern reiht merkwürdige Begebenheiten und Situationen aneinander, in die der junge Jody gerät, mit dem 'Tall Man' im Zentrum des Schreckens. Don Coscarelli spielt mit ganz unterschiedlichen Einflüssen, verzichtet aber auf direkte Querverweise. So wirkt sein Film hochgradig originell und eigenständig.

Die etablierte Kritik konnte mit diesem bizarren Mix natürlich nichts anfangen, dazu wurde der Film auf Video hierzulande auch noch beschlagnahmt, obwohl er bis auf einen einzigen Moment (und selbst dieser ist eher surreal als hart) keinerlei Splatter bietet, sondern vielmehr fantasievolle Alptraum-Szenarien, die dem Zuschauer ein wohliges Frösteln bescheren, aber niemals die Grenze des Zumutbaren überschreiten und in erster Linie unterhaltsam und spaßig sind.
DAS BÖSE ist kein ernst gemeinter Film und zwinkert dem Publikum immer wieder zu, etwa in der wundervollen Sequenz, in der Jody bei einer Wahrsagerin seine Hand in eine Schachtel stecken muss, um seinen Mut zu beweisen - ohne zu wissen, was sich vielleicht fürchterliches in der Box befindet...
In einem durch Zeitlupe und Ton-Echo brillant verstärkten Moment beobachtet Jody heimlich den 'Tall Man' auf der anderen Straßenseite, der plötzlich stehen bleibt, seinen versteckten Beobachter "wittert" und sich zu ihm - und damit uns, den Zuschauern - umdreht. Ein grusliger Höhepunkt des modernen Horrorkinos.

Neben diesen formalen Qualitäten besitzt DAS BÖSE aber auch inhaltliche Substanz. Die Charaktere verhalten sich wie Menschen und haben ehrliche Gefühle füreinander. Die Trauer über den Tod der Eltern und die enge Bindung der beiden Brüder werden eindringlich geschildert, und Jodys Entsetzen, als er erfährt, dass Mike ihn vielleicht verlassen und in der Kleinstadt zurücklassen könnte, ist absolut überzeugend und ergreifend. Nicht zuletzt sind die grausigen Erlebnisse von Jody nur die Verkörperung seiner realen Ängste vor dem Älterwerden, vor Einsamkeit und Verlust.
So bemüht sich DAS BÖSE trotz seiner abgefahrenen 'Geschichte' und der vielen verrückten Ideen stets um Glaubwürdigkeit. Diese Qualitäten machen ihn zu einem der besten Horrorfilme der 70er, sowie zu einem modernem Klassiker.

Das Publikum mochte DAS BÖSE auf Anhieb. Darsteller Angus Scrimm erlangte durch seine beängstigende Verkörperung des 'Tall Man' verdienten Ruhm in Fankreisen und wurde neben Michael Myers, Jason Vorhees und Leatherface zur Ikone des Genres. Regisseur Don Coscarelli konnte leider seinen Erstlings-Erfolg nicht wiederholen. Das obligatorische Sequel "Das Böse II" (1988) ist mehr Remake als Fortsetzung (wenngleich unterhaltsam), die weiteren Teile 3 und 4 kann man sich getrost sparen.

10/10


Der 'Tall Man' ist uns auf der Spur - Angus Scrimm in "Phantasm"

Mittwoch, 9. Februar 2011

Angst (1983)

Ich mache es kurz - ANGST ist ein Meisterwerk.

Ohne wenn und aber. Der beste Serienkiller-Film aller Zeiten. Er ist intensiver als "Henry, Portrait of a Serial Killer" (1986) und weitaus verstörender als "Funny Games" (1997). Der Österreicher Gerald Kargl hat ANGST ausschließlich mit privaten Mitteln finanziert und sich deswegen über Jahre verschuldet. ANGST lief in wenigen Wiener Kinos, in anderen Ländern wurde entweder gleich mit Verbot gedroht, oder die Verleiher sprangen in letzter Sekunde ab. Obwohl das Horror-Kino Anfang der 80er mit der Splatter-Welle weitaus härtere Filme - in maskentechnischer Hinsicht - erlebt hatte, wollte niemand ANGST zeigen. Weil er wirklich tief unter die Haut geht und sich dort festsetzt. Wer ihn gesehen hat, wird ihn wahrscheinlich nie wieder vergessen.

Zu Beginn des Films wird der Serienkiller, gespielt von Erwin Leder, aus dem Zuchthaus entlassen. Wir hören seine Geschichte als inneren Monolog, bis zum Schluss. Dialoge gibt es so gut wie nicht, nur seine Stimme. "Zuchthäuser können die Täter wegsperren, aber den Wunsch zu töten nehmen sie ihnen nicht", weiß er und hält schon nach dem nächsten Opfer Ausschau. Jeder, der ihm begegnet, könnte das nächste Opfer werden. Eine Taxifahrerin entgeht nur knapp seinem Tötungsdrang und wirft ihn aus dem Wagen. Er stolpert durch den Wald und erreicht ein abgelegenes, mittelständisches Haus. Er dringt dort ein und wartet, bis die Bewohner nach Hause kommen. Eine Mutter, ihr behinderter Sohn, der im Rollstuhl sitzt, sowie die junge Tochter. Der Killer überwältigt und tötet alle nacheinander. Das meiste geschieht in Echtzeit, nur gegen Ende wird Filmzeit gerafft, bevor sich der Kreis schließt.

Der Überlebenskampf der Familie und deren Ermordung wird von Gerald Kargl quälend echt, ohne Distanz und bewusst ohne jede Spannungsmittel inszeniert. Gewalt und Mord sollen hier nicht unterhaltsam sein. Der Voiceover von Leder, der die eigene Kindheit und seine Entwicklung zum Serienmörder beschreibt, erklärt nichts, man erhält lediglich einen Einblick in seine Biografie, die so nüchtern wie ein Krankenbericht gesprochen wird.

Was seinen Ansatz zur Gewaltdarstellung angeht, ähnelt ANGST Hanekes "Funny Games", aber er verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und will auch keine Lehrstunde erteilen. ANGST ist kein intellektuelles Experiment, sondern drastisches, radikales, ehrliches Kino, das weh tut. Es wundert nicht, das Gaspar Noé ("Irreversible", 2002) ANGST zu seinen Lieblingsfilmen zählt, und Jörg Buttgereit erklärt im Vorwort der DVD von ANGST, dass sein Serienkiller-Film "Schramm" (1993) wohl nicht entstanden wäre, hätte er damals ANGST gekannt.

Neben Erwin Leders fantastischer Darstellung, die dem Grauen ein Gesicht und einen Körper gibt, der wie ein gehetztes Tier durch das Anwesen rennt und sich in einen wahren Blutrausch hineinsteigert, begeistert in ANGST die Kameraarbeit des Oscar-Preisträgers Zbigniew Rybczynski, der oft die Kamera direkt am Körper des Killers befestigt (ein Mittel, das später von Darren Aronofsky in "Pi" und "Requiem for a Dream" verwendet wurde) und damit sowohl dessen verzerrte Weltsicht wiedergibt als auch den Zuschauer direkt an den Killer bindet.

Nicht zuletzt sorgt die eiskalte Synthesizer-Musik von Klaus Schulze (Mitglied von 'Tangerine Dream') für eine kongeniale Untermalung. Wenn Erwin Leder zu seiner letzten Tat ansetzt, die gefesselte Tochter des Hauses ersticht und danach die Leiche schändet, erreicht Schulzes Musik eine Intensität, die schwer zu beschreiben ist. Auch deswegen gehört diese Sequenz zu den unvergesslichsten (und härtesten) Filmmomenten aller Zeiten. Mit dem Hausdackel, der die Taten des Killers die ganze Zeit beobachtet, bringt Kargl etwas Humor ins Spiel, aber dadurch macht er es dem Zuchauer nicht leichter.

Es ist tragisch, dass ANGST nicht sein Publikum gefunden hat, aber auch irgendwie nachvollziehbar. Was Gerald Kargl hier beschreibt, geht über das Maß dessen hinaus, was man als Zuschauer ertragen will und kann. Weil aber Mord und Totschlag seit Anbeginn des Kinos zu den populärsten Themen gehören, ist ein Film wie ANGST umso wichtiger. Weil er uns in Erinnerung bringt, dass Gewalt in der Realität etwas ganz anderes ist. So schwer ANGST auch zu bewältigen ist, er gehört zu den kompromisslosesten Filmen aller Zeiten, dafür gebührt Gerald Kargl jeder Respekt.

10/10

Erwin Leder als von seiner eigenen Sucht gehetzter Killer in "Angst".

Dienstag, 8. Februar 2011

Loft - Die neue Saat der Gewalt (1985)

Wes Cravens "Last House on the Left" (1972) goes Arthouse.

Regisseur Eckhart Schmidt, der einige Jahre zuvor mit dem "Fan" (1982) bereits für Wirbel gesorgt hatte, bekam mit LOFT - DIE NEUE SAAT DER GEWALT erneut Ärger mit der staatlichen Zensurbehörde, die den Film nur mit Schnittauflagen ab 18 freigeben wollte. Auf DVD ist dieser bizarre Film nun endlich vollständig zu genießen.

LOFT spielt in einer nicht näher benannten Zukunft, an einem einzigen Schauplatz. Während sich draußen Kriegsgeräusche mit einem Industrial Wave-Soundtrack mischen, besuchen Raphaela (Rebecca Winter) und Raoul (Andreas Sportelli) eine Vernissage. Sie sind jung, hübsch, reich und schlecht gelaunt. Im Eingang werden sie von einer angeketteten Sibylle Rauch angepöbelt, die Teil der Performance-Art ist. Nette Menschen oder freundliche Worte gibt es nicht. Raoul hat sexuellen Notstand und will Raphaela gleich an Ort und Stelle vernaschen. Die ziert sich noch, lässt sich aber andauernde Demütigungen gefallen. Als die Vernissage beendet ist, stehen Raphaela und Raoul allein den vermeintlichen Veranstaltern gegenüber, einer Gruppe von jungen, gewaltbereiten Punks, die das Paar auf verschiedene Weise quälen. Ein Entkommen aus dem Loft gibt es nicht, und so müssen die Yuppies schließlich zurückschlagen. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt...

War "Der Fan" über weite Strecken realistisch angelegt, bleibt LOFT von Beginn bis Ende reines Kunstprodukt. Die Dialoge sind theaterhaft und mit Bedeutung auf- bis überladen, Gewalt und Sex werden ausgiebig zelebriert, Kameramann Bernd Neubauer taucht das nihilistische Geschehen in grell-bunte Bilder, die einen Argento stolz machen würden.

Nach Aussage von Eckhart Schmidt geht es in LOFT um den Kampf Kunst gegen Geld. Die Yuppies interessieren sich nicht für die ausgestellten Bilder, sondern sind nur mit sich selbst beschäftigt. Ihre Geldgeilheit und Charakterlosigkeit sind für den Krieg verantwortlich, der draußen stattfindet. Nun schlagen die Bilder zurück. Nachdem das Paar am Ende seine Peiniger umgebracht hat, sind diese - ebenso wie die Bilder - verschwunden. "Ihr gewinnt immer - aber wir kommen zurück - immer!" ruft der psychopathische Anführer (Karl-Heinz von Liebezeit) im Todeskampf. Es ist ein ewiger Kampf. Als Zuschauer wird man nicht eingebunden, Identifikationsfiguren existieren nicht. Man schaut nur mit Unbehagen zu, wie das hübsche Paar sich immer mehr verhält wie die Angreifer und zu weitaus drastischeren Methoden greift, um dem Wahnsinn zu entkommen.

Schmidts Inszenierung wird durch einige unfreiwillig komische Dialoge ("Das ist Wahnsinn!") und hölzerne Darstellungen sabotiert. Unter den Darstellern befindet sich übrigens auch ein junger Max Tidof, der eine klasse Leistung als Gedichte rezitierender Killer zeigt und in der blutrünstigsten Sequenz mit einer Glasscherbe im Hals verendet.
Schmidt greift auf einige Horror-Vorbilder zurück, namentlich Dario Argento, aus dessen "Tenebrae" (1982) er sich das Finale borgt. Wieder andere Regisseure haben sich bei Schmidt bedient. So ist es durchaus vorstellbar, dass sich Quentin Tarantino LOFT angesehen hat, denn die Art und Weise, wie einer der "Gang" den gesamten Film über verblutend am Boden liegt, erinnert nicht zufällig an "Reservoir Dogs" (1992).

Wem kann man nun LOFT empfehlen? Dass er nicht jedermanns Sache sein dürfte, liegt auf der Hand. Für alle, die auf abseitiges Kunstkino stehen, in denen die Grenzen zwischen Anspruch, Exploitation und Trash nicht mehr auszumachen sind, und die kein Problem mit drastischer Gewaltdarstellung und simuliertem Sex haben, ist dieser verstörende Schocker sicher ein Geheimtipp. Ebenso wie "Der Fan" ist LOFT ein intensives Zeitgeist-Dokument der 80er. Wer Mark Lesters "Die Klasse von 1984" mag, dem wird auch LOFT gefallen.

07/10

Montag, 7. Februar 2011

Der Fan (1982)

Simone (Désirée Nosbusch) ist anders als andere Mädchen. Oder ist sie genau wie alle Mädchen?  

Simone steckt mitten in der Pubertät und ist verliebt in den Popstar "R" (Bodo Staiger, Frontmann der New Wave-Band "Rheingold", die auch den Soundtrack beisteuert). Simone schwänzt den Unterricht, schreibt Liebesbriefe und wartet vergeblich auf Antwort. Sie träumt von einer romantischen Liebe. Als es den Eltern zu viel wird, haut sie von zu Hause ab und reist nach München, wo "R" in einer TV-Show auftreten soll. Sie trampt und muss sich gegen zudringliche Männer wehren. Als sie "R" vor dem Fernsehstudio begegnet, fällt sie in Ohnmacht. Er nimmt sie mit ins Studio, und danach in seine Wohnung. Er schläft mit ihr und will sie gleich danach wieder verlassen. Ein böser Fehler, denn Pubertierende im Liebestaumel sind zu allem fähig...

DER FAN von Ex-Filmkritiker Eckhart Schmidt sorgte schon vor seinem Erscheinen für enormes Aufsehen im heimischen Blätterwald, da die junge 'Nymphe' Nosbusch (ach, die Deutschen und ihre 'Nymphen', siehe auch Nastassja Kinski) angeblich den Filmstart vor Gericht aufgrund diverser Nacktszenen, für die sie sich schämte, stoppen lassen wollte. Wie sich später herausstellte, wollte sie nur die Verbreitung von Nacktfotos Monate vor dem Start verhindern. So konnten Leser der Zeitschrift 'Cinema' die junge Nosbusch bereits lange vor dem Film von vorne bis hinten begaffen, natürlich mit entsprechender "moralischer Entrüstung" des (Käse-)Blattes.
Als DER FAN dann doch in die Kinos kam, zeigten sich die Kritiker eher hämisch und unbeeindruckt. Der Film hat die Zeit aber überdauert und ist heute ein kleiner Kultfilm, was sowohl an seinen Qualitäten als auch am 80er Zeitgeist liegt, den Schmidt überzeugend einfängt.

Für den oberflächlichen Betrachter dürfte DER FAN dabei eine Geduldsprobe sein. In der ersten halben Stunde passiert auf der Handlungsebene rein gar nichts, hier ist DER FAN reines Psychogramm der Teenagerin Simone, die von Nosbusch mit kleineren Schwächen, aber insgesamt überzeugend gespielt wird, im finalen Akt sogar hervorragend. Simones Leben befindet sich im Stillstand, und so will auch der Film nicht vorankommen, kreist unentwegt um ihre Sehnsucht.

Ein Jahr vor DER FAN kam mit "Der Fanatiker" (1981) die US-Variante in die Kinos, doch wo dieser eher die Thriller-Schiene eines "Dressed to Kill" (1980) bedient geht Eckhart Schmidt den Autorenfilmer-Weg. Was manchen zäh und langweilig vorkommen mag, ist ein außerordentlich gelungenes Psychodrama, das im letzten Akt ins groteske Horrorkino kippt. Der Tötungs- und Verspeisungsakt des Stars durch seinen Fan (die Szenen, wegen denen das Publikum ins Kino kam, und auf die sie lange warten mussten) wird von Schmidt eindringlich inszeniert. Bilder, in denen etwa Nosbusch das Blut vom Küchenboden leckt oder an dem Elektromesser lutscht, sind ebenso reißerisch wie zärtlich, und die Musikuntermalung von "Rheingold" sorgt für ein intensives Filmerlebnis.

Deutsche Exploitation-Filme gibt es nicht allzu viele, so ist es kein Wunder, dass DER FAN von der etablierten Kritik nicht ernst genommen wurde. Ist Schmidts Inszenierung an vielen Stellen überdeutlich ("Wenn du noch mal die Schule schwänzt, schicke ich dich in ein Erziehungsheim!" schreit Papa direkt in die Kamera), so gelingt es ihm doch, alle Untiefen von Starkult und Teenager-Angst auszuloten. In einer bemerkenswerten Einstellung setzt er Starverehrung mit Nazi-Gefolgschaft gleich. Alle Popstars im Film tragen nur Buchstaben als Namen, sind nur Chiffren. "R" tritt in einer Deko mit Schaufensterpuppen auf und ist von ihnen kaum zu unterscheiden. Menschen behandelt er ebenfalls wie Gebrauchsgegenstände. Die Fans sind nicht besser, sie interessieren sich trotz Liebesschwüre nicht für den Menschen hinter dem Kürzel, sondern nur für die Befriedigung ihrer eigenen Sehnsüchte. Am Ende des Films glaubt Simone immer noch, verliebt zu sein.

Nicht zuletzt funktioniert DER FAN auch wunderbar als Zeitreise in die 80er. Der Synthie-Soundtrack von "Rheingold", Kostüme, Frisuren, Buttons, Walkmen, Postämter, elektrische Küchenhelfer und "Auf los geht's los" im Fernsehen, herrlich! Wer sich kurzzeitig daran erinnern möchte, wie's "damals" war, für den ist DER FAN ein wahres Fest.

Ich stehe dazu. Für mich ist DER FAN einer der besten deutschen Filme der 80er. Die Vorbilder sind offensichtlich (es gibt Anspielungen an "Carrie", 1976 und andere Horror-Erfolge), trotzdem geht Schmidt seinen eigenen Weg und erzählt seine grausige Geschichte bis zum bitteren Ende. Und er führt vor, wozu man Kult-Küchengeräte der 80er wie Elektromesser und Moulinette (dreimal drücken!) noch so gebrauchen kann...

Letzte persönliche Bemerkung: die vielen überheblichen/spöttischen Negativbesprechungen des Films in diversen Film- und Horror-Foren gehen absurderweise Hand in Hand mit der konservativen Filmkritik, dabei sollten Horror-Fans eigentlich offener und toleranter sein als der katholische Filmdienst. Da muss man sich nicht wundern, warum es so wenige gute Genrebeiträge aus heimischen Landen gibt, wenn gleichzeitig bis zum Erbrechen reproduzierte US-Konfektionsware bejubelt wird. Schon deswegen vergebe ich für den eigenwilligen FAN...

09/10

Das perfekte Promi-Dinner -
Désirée Nosbusch mit Küchenhelfer in "Der Fan"
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