Donnerstag, 31. März 2011

Rückenwind (2009)

Ein "experimenteller erotischer Essay" sollte RÜCKENWIND nach eigenen Angaben von Regisseur Jan Krüger werden, entwickelte sich aber doch zum Spielfilm, der mit knapp 75 Minuten immer noch sehr kurz geraten ist. Man könnte RÜCKENWIND auch "Hänsel & Hänsel" nennen, denn hier wie dort verirren sich zwei junge Menschen im Wald und geraten an ein Haus, das zum schicksalhaften Wendepunkt ihres Lebens wird.

Johann (Sebastian Schlecht) und Robin (Eric Golub) sind ein hübsches Paar, das seit zwei Monaten zusammen ist. Gemeinsam unternehmen sie einen Campingausflug per Fahrrad durch die Brandenburgische Natur, einfach so, ohne Ziel. Sie küssen sich auf Autobahnbrücken, spielen nächtliche Machtspiele im Wald, bald darauf sind die Fahrräder verschwunden. Die Jungs stehlen Sandwichs von Ausflüglern, verirren sich immer mehr in den Wäldern und landen schließlich auf dem heruntergekommenen Hof von Grit (Iris Minich) und ihrem Sohn Henri (Dennis Alevi). Es entstehen erotische Spannungen. Johann isst von ein paar wilden Graubeeren und beginnt zu halluzinieren, sieht Robin mit Henri flirten, mit Grit auch. Was ist wahr, was Einbildung? Eine von Grit erzählte Geschichte lässt ihn nicht mehr los, die Legende von einem im Wald verschwundenen Adelsspross, dessen Vater Fallen aufstellen ließ, um den Sohn zu finden. Johann verlässt mit Robin den Hof, um so eine Falle zu bauen, doch er selbst ist es, der in dieser Falle landet. Oder was ist wirklich passiert?

So unklar vieles in RÜCKENWIND ist, eins ist sicher - der Film dürfte jeden Zuschauer, der eine "runde" Geschichte erwartet, schnell ins Land der Träume schicken. Er ist extrem langsam erzählt, gesprochen wird (zunächst) kaum, die Charaktere bleiben fragmentarisch und unnahbar. 'Arthousiger' als RÜCKENWIND geht es kaum.

Doch es steckt eine Menge drin in dieser mysteriösen Filmerzählung, der man die ursprünglich geplante Kurzgeschichte deutlich anmerkt. Da wäre zum Beispiel die Beziehung von Johann und Robin mit zunächst klar verteilten Rollen, die sich immer mehr ins Gegenteil verkehren. So wird Robin als Abenteurer-Typ eingeführt, der vielleicht absichtlich vergessen hat, die Zeltstangen einzupacken, dem die verschwundenen Fahrräder nicht sonderlich viel ausmachen, und der sich schnell auf neue Kontakte einlässt, während Johann durch Vernunft seine Unsicherheit auszugleichen versucht. Vieles macht ihm Angst, ganz besonders der drohende Verlust von Robin, den er nach dem Verzehr der giftigen Beeren in mehreren Liebesverrats-Szenarien wähnt. Ihr S/M-lastiger Sex im Wald, bei dem Johann gefesselt auf dem Rücken liegt, gehört auch in dieses Bild. Später bemüht sich Johann zu sagen, dass Robin beim Sex "unten liegt", und wenn er gegen Ende allein den Hof verlassen will, zeigt er eine Stärke, die er bislang nicht hatte, nur um sich darauf in der Falle wiederzufinden, allein und verlassen. Aber befreit?

Diese Beziehungsanalyse findet sich auch in der erzählerischen Klammer von RÜCKENWIND, in der Johann per Voice-Over eine Parabel von "Fuchs und Hase" schildert, und die Frage, wer von beiden der Fuchs, und wer der Hase ist, hält den Film zusammen (wenn man möchte). Zusätzlich sorgt die Geschichte aus dem Mittelalter, von der Johann fasziniert ist, für eine weitere, mystische Komponente, die den Film im Schlussteil fast (!) ins Horrorgenre überwechseln lässt. Elemente aus "Blair Witch Project" und Ozons "Criminal Lovers" (1999) finden sich zudem in RÜCKENWIND.

Was uns letztlich Jan Krüger mit RÜCKENWIND sagen will, behält er für sich, und besonders das verschlüsselte Ende kann schon sehr frustrieren. Nichts gegen offene Enden im Arthouse-Kino, aber dieses grenzt schon an Provokation. Nichtsdestotrotz, wer Spaß am Entschlüsseln hat, wird lange über die letzten zehn Minuten nachgrübeln können, und das ist mehr als ich über viele andere Filme sagen kann.

Die beiden Hauptdarsteller sind hübsch anzuschauen und agieren äußerst authentisch. Lediglich der von Sebastian Schlecht gesprochene Voice-Over wirkt zu fade und laienhaft, da wünscht man sich eine trainiertere Stimme. Beide zeigen keine Scheu vor Nacktheit und dürfen mehrfach in Gewässern planschen und sich von der Sonne trocknen lassen. Interessanterweise schreckt Regisseur Krüger bei den Sexszenen zurück und bebildert sie anhand von Naturaufnahmen, die für sich genommen beeindruckend schön und poetisch sind, in der Vielzahl aber irgendwann beliebig wirken. Erotisch ist RÜCKENWIND trotzdem, und man wünscht sich, dass Krüger mehr aus der Dreieckskonstellation Johann/Robin/Henri machen würde.

Die realistische Stimmung des Waldausflugs wird von Kamera, Schnitt und Ton großartig eingefangen, vom Knacken im Unterholz bis zum Rauschen des Windes in Baumkronen. Die Musik der Electro-Band 'Tarwater' unterstützt den Film hervorragend. Selten war die Natur Brandenburgs eine so greifbare, fühlbare Kulisse (und mehr als das).

Mehrere Kritiker zeigten sich nach Krügers Erstling "Unterwegs" (2004), der ebenfalls eine Reise mit erotischer Verwirrung und ungewissem Ausgang erzählt, enttäuscht von den Versuchen, die experimentelle Zustandsbeschreibung in RÜCKENWIND mit dramaturgischen Mitteln wie der Parabel und den Ansätzen des Liebesdramas und sogar Thrillers zu kombinieren. Für mich liegt hier der Reiz des Films, der ohne diese Mittel sicher auch eine sehenswerte Odyssee ins Nirgendwo hätte werden können, so aber immer wieder neue Türen öffnet.
Ob das insgesamt alles stimmig ist, das muss nur Jan Krüger entscheiden und kein Kritiker. Wer sich auf die Langsamkeit des Films, die Naturbilder sowie das subtile Spannungsgeflecht zwischen den Figuren einlässt, dem kann ich RÜCKENWIND sehr empfehlen, der im Rückblick noch besser wirkt als beim ersten Sehen. Sehr viele Freunde wird er wegen der inhaltlichen Fragezeichen aber nicht gewinnen.

Zuletzt möhte ich erwähnen, dass die schwule Beziehung von Robin und Johann als vollkommen selbstverständlich behandelt wird, sowohl vom Film als auch von den Nebenfiguren. Was sich innerhalb dieser Beziehung abspielt, und woraus der Film seine Spannung bezieht, hat nichts mit der Homosexualität an sich zu tun. So sollte schwules Kino aussehen, danke dafür, Herr Krüger!

08/10

Hänsel (Johann) & Hänsel (Robin) - "Rückenwind"

Mittwoch, 30. März 2011

DVD-Veröffentlichung: Tödliche Ferien (1970)

Manchmal sind schlechte Remakes doch für etwas gut.
Ohne die überflüssige Neuverfilmung von 2010, die zeitgleich mit dem Original auf DVD veröffentlicht wird, hätte dieser wundervolle kleine Psycho-Thriller aus Großbritannien wahrscheinlich nie das Licht der hiesigen DVD-Regale entdeckt.

So erscheint aber nun endlich Anfang Mai TÖDLICHE FERIEN (And Soon the Darkness) von William Fuest.
In dieser Hitchcock-Hommage aus der Feder des "Avengers"-Schöpfers Brian Clemens radeln zwei britische Touristinnen durch Frankreich und geraten an einen Sexualverbrecher. Als eine der beiden spurlos verschwindet, muss die andere (Pamela Franklin) sich ohne Kenntnisse der Landessprache alleine durchschlagen, wobei der Killer ihr dicht auf den Fersen bleibt...

Eine durchweg spannende, beklemmende Atmosphäre und viele stumme Sequenzen machen den Reiz dieses kleinen Juwels aus, das ganz auf Suspense setzt und sich lange Zeit nimmt, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuziehen. Ein Geheimtipp! Die ausführliche Rezension findet sich hier.

Dienstag, 29. März 2011

Nur eine Frage der Liebe (2000)

Der französische TV-Film NUR EINE FRAGE DER LIEBE (Juste une question d'amour) konnte bei seiner Erstausstrahlung eine sensationelle Einschaltquote verzeichnen und brachte das Thema 'Coming Out' in die Wohnzimmer der Mainstream-Zuschauer.

NUR EINE FRAGE DER LIEBE erzählt vom Landwirtschafts-Studenten Laurent (Cyrille Thouvenin), der ein ungeliebtes Praktikum in einer Gärtnerei beginnt und sich dabei in den Gärtnerei-Besitzer und Pflanzenzüchter Cédric (Stéphan Guérin-Tillié) verliebt. Das Problem ist, dass Laurent sich nie geoutet hat und seine Eltern, die eine kleine Apotheke besitzen, weiterhin glauben, er und seine Mitbewohnerin Carol wären ein Liebespaar. Cédrics Mutter hingegen kümmert sich liebevoll um Laurent, und als dessen konstante Weigerung, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, zu ernsthaften Problemen in der jungen Beziehung führt, trifft sie eine ebenso mutige wie folgenschwere Entscheidung...

NUR EINE FRAGE DER LIEBE ist vor allem eins - schlicht und sympathisch erzählt. Die Darsteller sind ebenso hübsch wie talentiert. Hauptdarsteller Cyrille Thouvenin könnte Arthouse-Fans noch aus einem weiteren Film mit schwuler Thematik bekannt sein, der empfehlenswerten Komödie "Man liebt es unentschieden" (2000). Thouvenin schafft es überzeugend, die innere Zerrissenheit zum Ausdruck zu bringen, sowohl die Liebe, die er für Cédric empfindet und gleichzeitig die Angst, seine Lebenslüge aufzudecken. Stéphan Guérin-Tillié ist der klare Sympathieträger, selbstbewusst, stark, aber auch aufbrausend, verschlossen und verletzbar. Die Charaktere sind interessant, realistisch und facettenreich entworfen, von Klischees ist hier (fast) nichts zu sehen, auch das zeichnet den Film aus.

Regisseur Christian Faure inszeniert das Drama trotz des ernsten Inhalts mit Humor und Leichtigkeit, so wie es nur die Franzosen können. Sein Film ist ebenso romantisch wie zärtlich, die Sexszenen sind für einen französischen Film sehr zurückhaltend, aber wir haben es hier nunmal mit einem Fernsehfilm zu tun, der sein Publikum nicht schockieren oder provozieren möchte, sondern für Toleranz und Verständnis wirbt. Nicht zuletzt wird er durch den Verzicht auf Voyeurismus auch seinem Titel gerecht und wirkt wesentlich entspannter als vergleichbare US-Produktionen.

Die vielleicht einzige kleine Schwäche liegt für mich in den Elternfiguren, die sehr vorhersehbar und für meinen Geschmack eine Spur zu verzweifelt auf die schlussendliche Enthüllung reagieren. Bei Laurents Eltern ist das Verhalten vorprogrammiert und nötig für das Drama, aber auch die liberale Mutter von Cédric muss mehrfach erwähnen, dass es sehr schwer für sie war, die Homosexualität ihres Sohnes zu akzeptieren. Hier drückt sich mehr die Absicht aus, das Publikum in seiner möglichen Ablehnung von Homosexualität behutsam abzuholen. Vielleicht liegt es auch an mir, ich kann eben nur schwer verstehen, was so schwer daran ist, Homosexualität der Kinder zu akzeptieren. Ich hätte mehr Probleme, wenn meine Kinder sich bei 'Germanys Next Topmodel' oder 'DSDS' bewerben wollen (ein klarer Fall für Jugendarrest, finde ich).

Insgesamt kann ich nur sagen, ich war amüsiert, habe mitgelitten und mitgefiebert, ich wollte unbedingt, dass unsere Liebenden am Ende zusammen bleiben und das Ganze nicht tragisch endet. Nach dem Film war ich so angetan, dass ich ihn gleich noch einmal hätte sehen wollen. Insofern kann ich nur sagen, wer eine gelungene Coming Out-Geschichte sehen will, sollte sich entweder meinen Favoriten "Beautiful Thing" (1996) anschauen, oder eben NUR EINE FRAGE DER LIEBE.

09/10

Eating Out (2004)

Da ist es wieder, das Geisterfahrer-Syndrom. Bin ich derjenige, der als einziger richtig fährt, oder habe ich doch die falsche Auffahrt genommen? Ein Gedanke, der mich während 90 qualvoller Minuten nicht mehr losließ.
Glücklicherweise gibt es das Internet, wo man Mitleidende trifft, die einem filmischen Zugunglück wie EATING OUT (Eating Out) ebenfalls nichts abgewinnen können, doch die Mehrheit der Rezensenten ist nach wie vor begeistert. Ein halbes Dutzend Preise auf verschiedenen Gay & Lesbian-Festivals hat EATING OUT ebenfalls abräumen können, und er hat bis heute zwei Fortsetzungen erhalten.

Warum nur?

EATING OUT erzählt die altbekannte Story von einem hübschen Hetero namens Caleb (Scott Lunsford), der dem guten Rat seines schwulen Mitbewohners (Jim Verraros, Ex-Teilnehmer der US-Variante von DSDS) folgt und sich fortan schwul gibt, um die Dame seines Herzens zu erobern, dabei aber die Bekanntschaft mit deren Mitbewohner Marc (Ryan Carnes) macht, der sich umgehend in Caleb verknallt. Marc ist nun aber der Traumtyp von Kyle, und schon dreht sich das Beziehungskarussell wie wild...

Ganz ehrlich, ich habe selten eine so stümperhafte, grauenvoll gespielte und inszenierte "Komödie" gesehen. Dass die beiden Hauptdarsteller knackig sind - und das sind sie nur, wenn man auf typisch bodygebuildete, ganzkörperenthaarte, solariumsgebräunte, Socken-beim-Sex-anbehaltende 08/15-Typen steht, die in schwulen Clubs gern in Käfigen tanzen - KANN nicht der einzige Grund für den Erfolg sein, oder ist die anvisierte Zielgruppe (zu der ich auch gehöre) dermaßen anspruchslos geworden?

Dabei klingt der Inhalt gar nicht mal verkehrt nach einer französischen Farce, die unter der Regie von - greifen wir kurz nach den Sternen - Francois Ozon eine wunderbar schrille, freche Komödie über Geschlechterrollen und Vorurteile hätte werden können, aber ganz sicher nicht unter den laienhaften Händen von Indie-Filmer Q. Allan Brocka, der auch nicht einen Funken künstlerisches Talent besitzt, weder für Timing noch für Tempo, Inszenierung oder Schauspielführung. Die Kamera filmt immer brav denjenigen, der gerade spricht, die schwulen Figuren reden alle wie in einer schlimmen "Sex and the City"-Folge (à la: "I'm SO not doing this", "I'm SO over you, Darling", etc.) - wobei man fairerweise sagen muss, dass auch die schlimmste SATC-Folge nicht so schlimm ist wie EATING OUT.
Die Schauspieler agieren wie in einer Schulaufführung, sie overacten entweder, was das Zeug hält oder stehen einfach nur da und sehen gut aus. Hauptdarsteller Lunsford zum Beispiel zeigt nicht eine einzige überzeugende menschliche Regung, er wandelt wie Barbies Ken (in jeder Beziehung) durch den Film. Lediglich die blonde "Traumfrau" Emily Stiles sorgt in der ersten Szene für einen Schmunzler, wenn sie den naiven Caleb mit einem rotierenden Vibrator attackiert, von da an geht es steil bergab.

Der Bekanntheitsgrad von EATING OUT in den USA ist der Tatsache geschuldet, dass es - Achtung, festhalten! - Frontal Male Nudity der beiden Hauptdarsteller zu sehen gibt (in einer höchst albernen Einstellung). Das beweist nur, wie unglaublich prüde das US-Publikum nach wie vor ist (welche Überraschung) und die Darstellung von Sex, Nacktheit und Körperfunktionen immer noch für Aufsehen sorgen. Man darf anmerken, dass es mehr Nacktheit im deutschen Fernsehen der 80er gab als in EATING OUT.

Absurderweise besitzt EATING OUT den Ruf einer unverklemmten, sexy romantischen Komödie mit nackten Tatsachen, dabei ist der Film von vorne bis hinten verklemmt, und was noch schlimmer ist: er arbeitet ununterbrochen mit den abgestandensten Schwulen-Stereotypen, vom "biestigen" besten Freund bis zum Hetero, der eigentlich doch nur Kerle will. Keines dieser Klischees wird jemals im Film gebrochen oder hinterfragt. Ach wie lustig. Warum also nicht gleich zu einem Film von Jean Daniel Cadinot (Gott hab' ihn selig) greifen, die sind in jedem Fall unterhaltsamer, witziger und professioneller gemacht. Die brauchen auch keine verkrampft konstruierte Geschichte, um die Kerle zur Sache kommen zu lassen.

"I'm SO not watching this again!"

01/10

Montag, 28. März 2011

Ciao (2008)

Nachdem sein bester Freund Mark bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, durchforstet Jeff (Adam Neal Smith) die E-Mails des Verstorbenen, um Freunde und Bekannte von dessen Ableben zu berichten. Dabei stößt er auf den Italiener Andrea (Allessandro Calza), den Mark per Internet kennen gelernt hat, und der ihn in Kürze besuchen wollte. Jeff lädt ihn ein, trotz des tragischen Vorfalls zu kommen, und so beginnt für beide eine schicksalhafte Begegnung, die vom gemeinsam erlebten Verlust zu einer intimen Nähe übergeht...

Ein schöner Filmstoff, das steht fest. So muss der "Hinterbliebene" Jeff seinen lange unterdrückten, bzw. ungeäußerten Gefühlen gegenüber dem Verstorbenen ins Auge sehen, während Andrea Abschied von jemandem nimmt, den er zwar nie gesehen hat, der aber einen Seelenverwandter für ihn war. Der Titel "Ciao" steht sowohl für Begrüßung als auch Abschied und bringt sein Thema perfekt zum Ausdruck.

CIAO (Ciao) wurde mit sehr wenig Geld von Yen Tan inszeniert und hat gute Rezensionen in schwulen Filmkreisen erhalten. Mich hat der Film trotz der interessanten Grundstory leider nicht wirklich angesprochen, zu langatmig und steif ist die Geschichte erzählt, zu mittelmäßig agieren die beiden Hauptdarsteller, die vom Drehbuch kaum Ecken oder Kanten erhalten. Die Trauer über den Verlust drückt Regisseur Tan in langen, starren und mit minimalistischer Musik unterlegten Einstellungen aus, die zunächst ein relativ überzeugendes Gefühl von Leere vermitteln, nach kurzer Zeit aber redundant und beliebig werden. Schon klar, dass hier emotionaler Stillstand erzählt werden soll, aber als Zuschauer hat man das Prinzip schnell verstanden und wartet auf neue Erkenntnisse, während CIAO immer wieder die gleichen Bilder präsentiert (wie Fotos an der Wand und Hauseinfahrten).

Die Handlung wird beinahe vollständig von den beiden Protagonisten getragen, lediglich Jeffs beste Freundin Lauren (Ethel Lung) taucht hin und wieder auf, wenn mal "darüber geredet" werden muss. Sie dient lediglich als Bindeglied und ist keine eigenständige Figur.
Der Look von CIAO ist dem Thema entsprechend düster und aufgrund der Budget-Beschränkungen flach. Positiv zu vermerken wäre noch, dass die Annäherung der beiden Männer relativ subtil erzählt wird und nicht - wie in anderen schwulen Filmen - rein über äußerliche Anziehung funktioniert.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass CIAO sicher gut gemeint ist, aber für ein überzeugendes Drama zum Thema "Tod und Abschied" fehlen ihm inhaltliche Tiefe und schauspielerische Klasse. Die Langsamkeit der Inszenierung, die ich andernorts begrüße, wirkt hier gewollt und bleiern. Man wird den Verdacht nicht los, dass CIAO bei strafferer Regie nicht genügend Substanz hätte, um über 90 Minuten zu kommen. Tom Fords "A Single Man" (2009) hat mich zwar aus anderen Gründen nicht überzeugt, bietet aber zum gleichen Thema sehr viel eindrucksvollere Bilder, Einfälle und mit Colin Firth einen Schauspieler, der Trauer und Verlust in allen Facetten darzustellen weiß.

04/10

Donnerstag, 24. März 2011

Kino-Liste: 10 Lieblingsfilme mit Elizabeth Taylor

Schon zu Lebzeiten war Elizabeth Taylor eine Hollywood-Legende, und sie gehörte zu meinen Lieblingsschauspielerinnen seit frühester Jugendtage. Hier sind die 15 Filme, in denen ich sie immer wieder sehen kann. Einige davon gehören zum besten, was Hollywood je hervorgebracht hat.

1. WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF? (1966)
Ihren zweiten und hochverdienten Oscar erhielt Taylor für die bis zur Schmerzgrenze intensive Darstellung in einer der besten Theaterverfilmungen aller Zeiten. Gemeinsam mit Ehemann Richard Burton entfesselt sie den bittersten Ehekrieg, der jemals auf der Leinwand zu sehen war. Selten waren die Grenzen zwischen Film und Realität so fließend. - Ausführliche Rezension hier.




2. PLÖTZLICH IM LETZTEN SOMMER (1960)
Und noch eine Tennessee Williams-Verfilmung. Taylor spielt die junge Catherine Holly, die sich nach dem Wunsch ihrer herrschsüchtigen Tante Katharine Hepburn einer Gehirnoperation unterziehen soll, damit sie nicht mehr erzählen kann, was im letzten Sommer Schreckliches geschah. Ein grimmiges, groteskes Psychodrama. - Ausführliche Rezension hier.




3. DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH (1958)
Elizabeth Taylor ist "Maggie, die Katze", die sich nach Ehemann Paul Newman verzehrt, welcher lieber zur Flasche greift. Der Sensationserfolg nach Vorlage von Tennessee Williams brachte ihr keinen Oscar, aber endlich die lang ersehnte Anerkennung. - Ausführliche Rezension hier.





4. TELEFON BUTTERFIELD 8 (1960)
Für diesen nicht wirklich guten, aber extrem unterhaltsame Schmachtfetzen um ein New Yorker Callgirl, das vom Hafen der Ehe träumt und dafür heftig bestraft wird, erhielt Taylor ihren ersten Oscar - auch, weil sie sich gerade von einer schweren Operation erholte. Sie verleiht ihrer unrealistischen Figur Würde und Menschlichkeit, und dem Film den nötigen Biss. - Ausführliche Rezension hier.




5. EIN PLATZ AN DER SONNE (1951)
Mit dem wundervollen Montgomery Clift an ihrer Seite bezaubert Elizabeth Taylor als reiche Erbin Angela, für die Clift seine schwangere Geliebte Shelley Winters ermordet. Wer würde das nicht? Eine große amerikanischer Tragödie, ein großer Klassiker. - Ausführliche Rezension hier.





6. DIE NACHT DER 1000 AUGEN (1973)
Der einzige Horrorfilm, in dem Elizabeth Taylor je mitgewirkt hat, ein schaurig-schöner Psycho-Thriller über eine reiche Amerikanerin, die in London von Ehemann Laurence Harvey und dessen Geliebter, Billie Whitelaw, in den Wahnsinn getrieben werden soll - oder doch nicht? - Ausführliche Rezension hier.




7. SPIEGELBILD IM GOLDENEN AUGE (1967)
Taylors wohl interessantestes Spätwerk, inszeniert von John Huston. Wieder führt sie eine Hass-Ehe, diesmal mit Marlon Brando als General eines Militärstützpunkts, der sich mehr für seine Rekruten interessiert. Taylor darf Brando mit Unterwäsche bewerfen und mit der Reitpeische verprügeln. - Ausführliche Rezension hier.





8. GIGANTEN (1956)
Elizabeth Taylor, Rock Hudson und James Dean in einem Mammutwerk über den amerikanischen Traum vom Öl. Taylor setzt sich als Frau in der Männerwelt einer texanischen Ranch durch und zähmt den störrischen Gatten Hudson sowie dessen neurotischen Viehtreiber Dean. Da muss man nichts weiter sagen als "Großes Kino". - Ausführliche Rezension hier.




9. DAS LAND DES REGENBAUMS (1957)
Das Südstaaten-Epos als düstere "Vom Winde verweht"-Variante vereint erneut Taylor und Co-Star Montgomery Clift und ist trotz einiger Längen wegen der beeindruckenden Ausstattung, Kamera und seiner Hauptdarsteller sehenswert.






10. DIE FRAU AUS DEM NICHTS (1968)
Der vielleicht bizarrste von Taylors bizarren Spätfilmen. Unter der Regie des Briten Joseph Losey spielt Taylor eine alternde Prostituierte, die sich der neurotischen Mia Farrow annimmt, welche Taylor für ihre verstorbene Mutter hält. Europäisches Arthouse-Kino vom Feinsten. - Ausführliche Rezension hier.







Zum Tod von Elizabeth Taylor (1932-2011)

Am 23. März starb Hollywood-Star Elizabeth Taylor in Los Angeles an Herzversagen.
Einst als 'schönste Frau der Welt' bezeichnet, hatte Elizabeth Taylor es lange schwer, dem Image der Glamour-Ikone zu entkommen und als Charakter-Darstellerin ernst genommen zu werden.

Als Kinderstar stand sie schon erfolgreich mit Lassie vor der Kamera und feierte später ihre größten Triumphe in hochklassigen Filmen wie "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1958), "Plötzlich im letzten Sommer" (1959). Für ihre Darstellungen in "Telefon Butterfield 8" (1960) und "Wer hat Angst vor Virgina Woolf?" (1966) erhielt sie den begehrten Oscar. Anfang der 60er Jahre war sie der höchstbezahlte weibliche Star in Hollywood und kassierte eine Million Dollar Gage für ihre Mitwirkung im Mammutspektakel "Cleopatra" (1963), dessen katastrophale Produktionsgeschichte mit astronomisch ansteigenden Kosten, zahlreichen Unterbrechungen und den privaten Skandalen seiner Hauptdarsteller beinahe zum Bankrott der 20th Century Fox geführt hätte.

Neben der Schauspielerei sorgte Elizabeth Taylor wegen zahlreicher Affären, Ehen und ihrer reichlich von der Presse ausgeschlachteten Beziehung zu Richard Burton (die beiden waren zweimal verheiratet) für Schlagzeilen.
Anfang der 70er zog sie sich - auch aufgrund des nachlassenden Erfolges - immer mehr aus dem Filmgeschäft zurück. Bis zu ihrem Tod engagierte sich die Schauspielerin seit Mitte der 80er für die AIDS-Forschung und sammelte Millionen an Spendengeldern durch Benefiz-Veranstaltungen und Galas.
Mit Elizabeth Taylor (die es übrigens nicht mochte, wenn man sie 'Liz' nannte) hat Hollywood seine letzte große Diva verloren.

Montag, 21. März 2011

The Perfume of the Lady in Black (1974)

Nicht alles, was wie ein Giallo aussieht, ist auch einer.
THE PERFUME OF THE LADY IN BLACK (Il Profumo Della Signora in Nero) vereint zwar viele der typischen Elemente des Genres (minus schwarzer Handschuhe und Morde), doch ist seine Geschichte viel mehr psychologischer Horror als Murder Mystery. Und dazu ist er zweifellos einer der besten italienischen Horrorfilme überhaupt.

Wenn THE PERFUME besprochen wird - was relativ selten passiert, da der Film bis heute außerhalb Italiens vollkommen unbekannt ist und auch in Deutschland nie zu sehen war - fällt meistens Polanskis "Ekel" (1964) als Vorbild. Man könnte auch noch Hitchcocks "Marnie" (1964) hinzufügen. Hier wie dort durchlebt unsere weibliche Protagonistin aufgrund eines Kindheits-Traumas eine wahre Hölle in der Gegenwart. Anders als in den Vorgängern aber, die klar als Psychodramen angelegt sind, hält sich in THE PERFUME die Frage, ob unsere Hauptfigur nach und nach den Verstand verliert, oder ob finstere Machenschaften sie dazu zwingen wollen.

Sie, das ist in diesem Fall Mimsy Farmer, bekannt aus Argentos "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971) und anderen Genrebeiträgen, die in THE PERFUME eine fantastische Leistung abliefert und den Film mühelos alleine trägt. Ebenso wie Catherine Deneuve in "Ekel" wirkt sie ebenso verängstigt ob der seltsamen Vorgänge wie gleichzeitig sonderbar entrückt und schlafwandlerisch. Sie spielt eine Wissenschaftlerin namens Silvia, deren Leben eigentlich perfekt sein sollte, bis sie eines Tages eine fremde Frau im Spiegel sieht, die daraufhin verschwunden ist. Ihre älteren Nachbarn verhalten sich freundlich, aber irgendwie merkwürdig, ein kleines blondes Mädchen kommt zu Besuch, das sich als Silvias Kindheits-Ich herausstellt und von niemandem außer Silvia wahrgenommen wird. Silvias Bekannte hingegen sprechen plötzlich auffallend oft von Voodoo und Menschenopfern. Ein Geschäft, in dem Silvia eine Vase kauft, ist am nächsten Tag ebenfalls nicht mehr da. Und warum hat der alte Nachbar Blut am Schuh?

Der Ursprung von Silvias Qualen liegt - wie so oft - in der Kindheit begraben. Offenbar war Silvias Vater oft unterwegs, und ihre Mutter hat sich mit anderen Männern vergnügt. Die kleine Silvia hat (à la "Marnie") damals ihre Mutter mit einem Fremden beim Akt beobachtet, was sich tief in Silvias Unterbewusstsein festgesetzt hat. So wird sie in einer beängstigenden Szene von eben jenem Lover der Mutter überfallen und beinahe vergewaltigt. Ihre sexuelle Störung, verbunden mit dem tragischen Tod der Mutter, die sie in ihren Tagträumen als schwarzgekleidete Frau sieht (daher der Titel) führen zu Silvias Abgleiten in Hysterie und Wahnsinn.
Der letzte Akt des Films jedoch nimmt eine so unvorhersehbare Wendung, dass dem Zuschauer, der sich längst an die somnambule Atmosphäre des Films gewöhnt hat, Hören und Sehen vergeht. Aber nicht nur kommt das Finale erschreckend und unerwartet, es macht beim zweiten Sehen auch noch Sinn, weil in Dialogen mehrfach darauf hingewiesen wird - Schlüssel, die man beim ersten Sehen unmöglich deuten kann.

Regisseur Francesco Barilli hat mit THE PERFUME OF THE LADY IN BLACK einen beeindruckenden Film geschaffen, der sich reichlich bei anderen Werken bedient und trotzdem vollkommen eigenständig wirkt. Die erlesene Fotografie von Kameramann Mario Masini mit den sonnendurchfluteten Bildern erinnert oft an alte Gemälde und ist einfach wundervoll anzuschauen. Dazu sorgt die Musik von Nicola Piovani für ebenso lyrische Momente wie Gänsehaut-Grusel. Das Tempo des Films ist sehr langsam und dürfte auf ein modernes Publikum einschläfernd wirken, aber wer sich auf die bizarre Geschichte einlässt, wird seine helle Freude haben - und noch lange nach dem Abspann über die Geschehnisse und die grimmige Auflösung nachdenken.
THE PERFUME ist - im Gegensatz zu vielen Giallo-Vertretern seiner Zeit - kein Modeprodukt für den schnellen Konsum, sondern ein Werk für die Ewigkeit. Zu schade, dass er nie über die Landesgrenzen hinaus bekannt und gewürdigt wurde. In Italien war er seinerzeit ein großer Erfolg und hat klar die Meister des italienischen Horrorfilms beeinflusst, sowohl Argento als auch Bava, der in seinem letzten Film "Shock" (1977) Elemente aus THE PERFUME verwendete.

Dank DVD-Zeitalter kann THE PERFUME endlich auch angemessen bewundert werden. Die italienische DVD zeigt den Film ist perfekter Bildqualität und satten Farben (Sprache wahlweise Italienisch oder Englisch), sie bietet dazu ein ausführliches Interview mit Regisseur Barilli, der nicht viele Filme in seinem Leben gemacht hat, aber diesen mit besonders viel Hingabe. Für Freunde des italienischen Kinos der 70er ist THE PERFUME unverzichtbar.

09/10

Begegnung mit dem eigenen Ich - Mimsy Farmer in "The Perfume of the Lady in Black"

Freitag, 18. März 2011

Shock Waves (1977)

SHOCK WAVES (Shock Waves) von Ken Wiederhorn ist einer dieser schönen Funde im tiefen Dschungel des Horror-B-bis Z-Trashs, auf den man eher zufällig stößt, und der so viel befriedigender ist als viele Hochglanzproduktionen, ein Film mit origineller - wenngleich absurder - Idee und atmosphärischer Umsetzung.

Worum geht es? Irgendwo in der Karibik wird die junge und verängstigte Brooke Adams von einem Fischer aus dem Meer geborgen. Offenbar ist sie die einzige Überlebende einer Reisegruppe und hat Schreckliches durchgemacht. Was genau das war, erfahren wir in Rückblenden. Ihr Ausflugsdampfer wurde vor kurzer Zeit nach mehreren mysteriösen Ereignissen von einem geisterhaften Frachter gerammt und ist gesunken. Eine kleine Gruppe konnte sich auf eine einsame Insel retten. Dort lebt die leicht ausgemergelte Horror-Legende Peter Cushing, der einen ehemaligen Nazi-Offizier spielt und mit den Überresten seiner toten Kameraden teuflische Experimente anstellt. Und zwar verwandelt er diese in Unterwasser-Zombies, die an Bord von U-Booten keinen Sauerstoff mehr brauchen und somit unbesiegbar sind. Ein toller Plan, doch die Schiffbrüchigen kommen ihm leider in die Quere. Also lässt er seine Armee von Nazi-Zombies auf die Ärmsten los, die schon bald um ihr Leben rennen...

SHOCK WAVES gehört zum Horror-Subgenre des "Nazi-Zombie-Films", zu dem es doch einige Beiträge gibt, und man sieht förmlich den Rauch aus den Ohren hiesiger Zensurbehörden steigen beim Anschneiden eines solchen Themas. Geschmacklos, ja sicher, aber die Schrecken des Krieges waren häufig Hintergrund in der Geschichte des Horrorfilms. So wundert es auch nicht, dass SHOCK WAVES auf Video stets schwer zu bekommen war und einige Passagen entfernt wurden. Auf DVD (Anbieter: Marketing) ist der Film nun in sehr guter Qualität und ungekürzt zu bewundern.

Ken Wiederhorn stand nur wenig Geld zur Verfügung, das sieht man in jeder Einstellung, aber er macht das Beste daraus. Dabei ist SHOCK WAVES weniger brutal und blutrünstig als atmosphärisch und surreal, was ihm schon mehrere Pluspunkte beschert. Die Aufnahmen der weißblonden Zombies mit dunklen Taucherbrillen, die plötzlich hinter den Protagonisten aus dem Wasser steigen und nicht aufzuhalten sind, sorgen für einige echte Gänsehaut-Momente. Splatter-Fans kommen hier nicht auf ihre Kosten, weil die Zombies - im Gegensatz zu ihren Romero-Verwandten - ihre Opfer nicht verspeisen, sondern mit bloßen Händen erwürgen oder ertränken.

Das karibische Ambiente wird von den Kameramännern trotz geringer Möglichkeiten sehr gut genutzt, ganz besonders das verlassene und heruntergekommene Anwesen, in dem Peter Cushing lebt und arbeitet. Neben Ikone Cushing ist mit John Carradine ein weiterer Veteran des Horrorfilms zu sehen. Interessanterweise spielte Cushing in der Neuauflage von "Mit Schirm, Charme und Melone" (The New Avengers) aus den 70ern ebenfalls in Folge 1 (The Eagle's Nest) den Anführer einer Gruppe, die auf einer abgelegenen Insel die Wiederbelebung des tiefgefrorenen Hitlers plant... schon merkwürdig, mit was für Altersrollen sich ein so hervorragender Schauspieler wie Cushing herumschlagen musste.

Ken Wiederhorn, der nach SHOCK WAVES noch den leidlich sehenswerten Slasher-Beitrag "Die Augen eines Fremden" (1981) inszenierte, bevor er in den Niederungen des Fernsehens verschwand, holt alles an Spannung aus den Fluchtversuchen der Gestrandeten heraus, die sich in Kühlräumen verstecken, durch Swimming Pools flüchten und selbst auf offener See nicht sicher sind vor den Zombie-Tauchern.
Ebenfalls gelungen ist das typische 70er-Feeling, das so weit entfernt ist vom gelackten Mainstream-Kino heutiger Tage. Hier wirkt alles sehr authentisch, dreckig, heruntergekommen, die Darsteller scheinen sich wirklich verausgabt zu haben, und man hat immer das Gefühl, an Ort und Stelle zu sein, anstatt sich in einem Computerspiel zu befinden. Natürlich wird der Film ein heutiges junges Zielpublikum nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken, aber das ist auch gut so.

Für mich ist das genau der richtige Trash für heiße Sommertage. SHOCK WAVES ist reich an Suspense und sorgt neben seinem zugegeben abgeschmackten Sujet für einige unvergessliche Grusel-Momente. Hochklassiges Horrorkino sieht natürlich ganz anders aus, aber warum nicht mal einen herzhaften Biss in schmalzgebackenes Fast Food-Kino statt erlesener Sterneküche?

7.5/10

Mittwoch, 16. März 2011

Kino-Liste: 15 Filmmomente, bei denen ich mich als Kind zu Tode gefürchtet habe

Nicht alles, was einem als Kind Angst machte, wirkt auch heute noch. Die folgenden Filmszenen aber sorgen weiterhin für Gänsehaut, obwohl ich sie mittlerweile so oft gesehen habe. Über andere Grauen aus meiner Jugend wie "Dalli, Dalli" oder "Derrick" bin ich inzwischen hinweg. Was beweist: das Älterwerden hat auch sein Gutes!


1. WARTE, BIS ES DUNKEL IST (1967)
Die blinde Audrey Hepburn wird von Alan Arkin terrorisiert und vergisst das Licht im Kühlschrank!


2. EIN TOTER SPIELT KLAVIER (1961)
Susan Strasberg erkundet das düstere Haus und findet die Leiche ihres Onkels.


3. DIE VÖGEL (1963)
Tippi Hedren steckt in der Telefonzelle fest, während die Vögel über die Stadt herfallen.


4. DIE WENDELTREPPE (1945)
Der Psychopath wartet im Kleiderschrank auf sein nächstes Opfer...


5. WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE (1964)
Bette Davis begegnet dem Ding aus dem Sumpf (Joseph Cotten)...


6. BIS DAS BLUT GEFRIERT (1963)
Julia Harris und Claire Bloom hören unheimliches Klopfen...


7. DIE UNGAUBLICHE GESCHICHTE DES MR. C (1957)
Der auf Fingergröße geschrumpfte Mr. C stellt sich dem Kampf mit der Riesenspinne...


8. MÖRDERSPINNEN (1977)
Eigentlich weniger ein Moment als der ganze Film -
ich bin leicht arachnophobisch... (siehe Platz 7)


9. JUNG UND UNSCHULDIG (1937)
Der Mörder mit dem irren Augenzwinkern


10. DIE ROTE LOLA (1950)
Jane Wyman erkennt, dass ihr Freund Richard Todd ein Mörder ist...


11. TANZ DER VAMPIRE (1965)
Graf Krolocks Gehilfe nimmt sich einen Wolf zur Brust...


12. SCHLOSS DES SCHRECKENS (1961)
Beim Versteckspiel von Deborah Kerr taucht plötzlich ein Gesicht am Fenster auf...


13. DIE FRAUEN VON STEPFORD (1975)
Katharine Ross kämpft um ihr Leben und begegnet sich selbst -
als augenlose Puppe!


14. DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960)
Ein junges Mädel muss zum Kühemelken durch den dunklen Mitternachtswald...


15. DAS INDISCHE TUCH (1963)
Der Würger mit dem Halstuch geht um auf "Marks' Priory".


Und eine Sonderehrung geht an Shelley Winters in:

POSEIDON INFERNO (1972)
Shelley Winters versucht Gene Hackman per Tauchgang zu retten. Die Diva zeigt bewundernswerten Mut und ihre...Unterwäsche. KREISCH!



Labyrinth des Schreckens (1975)

Regisseur Umberto Lenzi gehört zu den profilierteren, nicht aber zu den besten italienischen Genre-Regisseuren der 70er und 80er. Hauptsächlich berühmt (soll heißen: berüchtigt) ist er wegen seiner extremen Kannibalen-Filme, aber auch im Giallo-Bereich hat er ein paar interessante Streifen abgeliefert.
LABYRINTH DES SCHRECKENS / EYEBALL (Gatti Rossi in un Labirinto di Vetro) ist ein schwächerer Beitrag in einem ohnehin sehr geschmacksabhängigen Genre und objektiv sicher kein guter Film, für den Giallo-Freund bietet er aber ausreichende Unterhaltung.

Von den roten Katzen, die im Originaltitel durchs Labyrinth laufen, findet sich zwar weit und breit keine Spur, dafür erzählt EYEBALL von einer Gruppe amerikanischer Touristen, die per Bus durch Barcelona reisen. Gleichzeitig metzelt ein unheimlicher Killer junge Frauen aus der Gruppe nieder und entfernt seinen Opfern das linke Auge. Verdächtig sind sämtliche Teilnehmer der Reisegruppe, zu denen u.a. ein Priester, ein lesbisches Pärchen, ein Hinterwäldler mit inzestuösen Neigungen und Hauptdarsteller John Richardson gehören, dessen Ehefrau sich gerade in einer Nervenheilanstalt befinden soll, die sich aber vielleicht doch ganz in seiner Nähe befindet. Und lag sie nicht vor einiger Zeit bewusstlos am Pool neben der Leiche einer Konkurrentin, mit einem blutigen Dolch in der Hand...?

Fragen über Fragen in einem Film, dessen dramaturgischer Aufbau eher holprig daherkommt. Umberto Lenzi besitzt zwar das Talent für ordentliche Set Pieces, aber einen durchgehend spannenden Thriller kann er nicht inszenieren. In den Dialogpassagen hängt EYEBALL regelmäßig durch, ganz besonders, wenn der schnarchige Ermittler (der seine letzte Dienstwoche vor der Pensionierung absolviert) mit seinem jungen Nachfolger auf der Bildfläche erscheint. Weder ermitteln die beiden etwas bemerkenswertes, noch lösen sie den Fall, sorgen aber für einen ungewollten Riesen-Lacher am Ende, wenn der Alte sein Patschehändchen auf die Schulter des Novizen legt und ihm mit todernster Miene erklärt: "Jetzt bist du dran, Sohn!"

Überhaupt sollte man sich EYEBALL nicht wegen differenzierter Darstellungen oder einer logisch schlüssigen Handlung anschauen, schon eher wegen der vielen Trash-Elemente. So darf das lesbische Pärchen natürlich nicht fehlen, und fast alle Damen müssen kurz ihre Blusen ablegen. Da ich kürzlich die pubertäre Machart des aktuellen "Piranha 3-D" (2010) kritisiert habe, muss ich an dieser Stelle sagen, dass der italienische Giallo oft auf dem selben Level arbeitet und seinem Publikum nur zu gern Sex und Gewalt anbietet, Story und Glaubwürdigkeit aber auf der Strecke bleiben. Trotzdem, diese 70er-Modeprodukte besitzen einen eigenwilligen, bizarren Charme, und sie haben sich eine gewisse Naivität bewahrt. Deswegen wirken sie auf mich durch die Bank sympathischer.

Dass Lenzi kein Argento ist, merkt man übrigens überdeutlich in einer Sequenz, die förmlich nach einem Horror-Höhepunkt schreit (der Mord in der Geisterbahn), aber dann überraschend unspektakulär in Szene gesetzt wird. Dass Dario Argento wiederum seine Konkurrenten genau studiert hat, sieht man an der Tatsache, dass er sich für seinen späteren Giallo "Tenebrae" (1982) den Teil mit der irren und vielleicht oder vielleicht auch nicht abwesenden Ehefrau ausgeborgt hat. Hier weist das Drehbuch dann auch die größte Schwäche auf, denn das für den Giallo typische, fehlende Detail, an das sich unser Protagonist im Zusammenhang mit einem früheren Mordfall nicht erinnern kann (bzw. ist es vielmehr ein Puzzleteil, das nicht stimmt), ist geradezu lächerlich unrealistisch - zu viel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Eheleute sollten sich eigentlich besser kennen!

EYEBALL ist nicht über Gebühr blutrünstig, der Killer trägt zur Abwechslung keine schwarzen, sondern rote Handschuhe (und ein rotes Regencape à la "Wenn die Gondeln Trauer tragen", 1973), anatomische Details werden zwecks Schockeffekt gern übersehen, und die Auflösung der Mordserie, bzw. die Motivation des Täters kommt entsprechend hanebüchen daher, so wie man es im Giallo liebt.
Neben den gut eingefangenen, sommerlichen Barcelona-Locations kann vor allem Bruno Nicolais Musik überzeugen, die im Grunde nur ein Hauptthema anbietet, welches immer wieder variiert wird und bei einigen Zuschauern zu Ohrenbluten führen kann, mich aber begeistert. Das Finale in einer alten Burg ist ebenfalls sehenswert - man bekommt schließlich nicht jeden Tag einen Killer vorgesetzt, der versucht, sich ein frisch entferntes Auge in den eigenen Schädel einzusetzen.

Fazit: Für Giallo-Fans und Komplettisten ein Muss, ansonsten zu vernachlässigen. Lenzis "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" (1972) ist mir persönlich lieber, sein bester Film ist überhaupt der Zombie-Action-Knaller "Großangriff der Zombies" (1980), zu dem wir noch kommen.

06/10

Dienstag, 15. März 2011

5 Dolls For an August Moon (1970)

FIVE DOLLS FOR AN AUGUST MOON (5 Bambole per la Luna d'Agosto) gehört zu den unbekannteren Filmen Mario Bavas, und der Regisseur selbst hielt ihn Zeit seines Lebens für sein schlechtestes Werk.
In Deutschland wurde er bis zum heutigen Tag nicht veröffentlicht, in den USA konnten Bava-Fans ihn im Jahr 2001 anlässlich der DVD-Veröffentlichung erstmals bewundern. Obwohl der Film nicht zu Bavas eindrucksvollsten Arbeiten zählt, ist er doch sehr viel besser als sein Ruf. Für Freunde des italienischen Giallos gibt es hier eine Menge zu bestaunen.

Der Plot ist sehr simpel gestrickt und an Agatha Christies berühmte "Ten Little Indians"-Erzählung angelehnt. Eine Gruppe schicker, wohlhabender Europäer versammelt sich auf einer einsamen Insel im Mittelmeer, um heiße Partys zu feiern und nebenbei an die Formel eines anwesenden Wissenschaftlers (William Berger) zu kommen, die sehr viel Geld verspricht. Als dieser sich aber weigert, seine Entdeckung preiszugeben, startet eine Serie aus Mord, Selbstmord und Totschlag...

Diese Inhaltsangabe, die nicht mehr als einen roten Faden beschreibt, könnte man fast 1:1 auf Bavas folgenden Klassiker "A Bay of Blood" (1971) anwenden, der aufgrund seiner drastischen Brutalität und zynischen Weltsicht deutlich gelungener ist als FIVE DOLLS. Woran es hier mangelt, ist schlicht Spannung und Suspense, denn die im Grunde interessante und aufregende Mordserie wird von Bava allzu unbeteiligt in Szene gesetzt. Alle Morde werden im Off verübt, stattdessen präsentiert Bava die Opfer als surreale Stilleben, die erstochen an Bäumen hängen, in der sanften Brandung liegen oder in Klarsichtsäcken von der Decke der Kühlkammer baumeln. Aus Lust am Thriller sollte man sich FIVE DOLLS eher nicht anschauen.

Was der Film stattdessen bietet - und was das Herz jedes Trash-Fans höher schlagen lässt - ist zum einen die Besetzung, die aus mehreren Kultfiguren des europäischen 70er-Kinos besteht. Da hätten wir neben William Berger oder Ira von Fürstenberg vor allem die wunderbare und berückend schöne Edwige Fenech, die gleich am Anfang einen wilden Tanz auf einer Party hinlegt, bevor sie sich später sonnenbadend vor glitzernder See auf einem Segelboot räkelt und an ihrem knackigen Lover herumfummelt.

Zum anderen ist FIVE DOLLS - wie so oft bei Bava - ein wahrer Augenschmaus. Vom schrillen Lounge-Design der Sets, über atemberaubende Sonnenuntergänge vor Insel-Panoramen bis hin zu den extravaganten Kostümen der attraktiven Darsteller entsteht ein greifbares Gefühl von Sommer, Strand und Jazz, verstärkt durch einen grandiosen (früher hätte man gesagt: fetzigen!) Piero Umiliani-Score. Bavas ausschweifende Verwendung des Zooms mag zwar manchem Cineasten heute heftige Kopfschmerzen bereiten, aber das war nun mal ein beliebtes Stilmittel seiner Zeit.
Obwohl Mario Bava die Spannung schleifen lässt, gibt es im Film nicht einen einzigen dümmlichen Moment oder eine Szene, in der es nicht etwas Interessantes zu sehen gäbe, sei es das kunstvolle Arrangement der Darsteller im Bildkader, oder den Kontrast von Kostümen, Sets und ausgeklügelter Beleuchtung. Bavas Kamera ist stets in Bewegung, filmt die Protagonisten oft durch Glas und Kunstobjekte hindurch und schafft so einige einprägsame Sequenzen - etwa, wenn Dutzende von Glaskugeln durch das Haus rollen und in einer Badewanne landen, in der eine hübsche Leiche liegt.

Am Ende präsentiert FIVE DOLLS noch einen sarkastischen Twist, der ebenfalls "A Bay of Blood" vorwegnimmt. Wie in vielen seiner Filme zeigt Bava hier einen ausgeprägten Nihilismus, wenn sich die beiden einzigen Sympathieträger des Films als besonders ausgekocht und hinterhältig offenbaren. Positive Gefühle existieren nicht in Bavas Welt aus Habgier und Mord - jeder denkt nur an seinen eigenen Vorteil und geht dafür über Leichen. Das macht seinen Film zwar unnahbar, aber auch faszinierend. Und so muss man trotz einiger Längen feststellen, dass ein Meister der Kamera und Inszenierung, dessen Talent immer noch nicht hoch genug geschätzt wird, selbst einem ungeliebten Werk wie diesem seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Für Bava-Fans gibt es jedenfalls reichlich zu sehen.

Kleine Beobachtung am Rande: der reiche Industrielle (Teodoro Corra), der die Gäste zum Wochenende eingeladen hat, heißt im Film "George Stark". Kommt uns Horror-Fans der Name nicht irgendwie bekannt vor? (siehe hier).

Hierzulande ist FIVE DOLLS nach wie vor nicht zu bekommen, ich verweise gern auf die US-DVD von Image, die den Film im korrekten Format und in wundervollen satten Farben präsentiert, so wie man ihn genießen sollte, am besten in einer lauen Sommernacht.

07/10

Da waren's nur noch neun - "Five Dolls for an August Moon"

Sonntag, 13. März 2011

Piranha 3-D (2010)

Man sieht förmlich das Reiben verschwitzter Hände am Konferenztisch beim Pitch des Films - "Wir haben Spring Break! Brüste! Killer-Piranhas! Brüste! Gore! Noch mehr Brüste!" Wer wollte diesem Film nicht sofort grünes Licht geben, wenn doch sämtliche inneren Kassen klingeln? Eben.
Und so haben wir PIRANHA 3-D.
Oder auch: "Eis am Stiel" meets Splatter.

PIRANHA 3-D (Piranha 3-D) gibt sich ganz als Trash, hat aber eigentlich keine Ahnung, was Trash ausmacht und kaschiert mit diesem Label lediglich schlampige Technik, grauenvolles Schauspiel und das Fehlen jeglicher Spannung. Wer nach der Pre-Title-Sequenz, in der Richard Dreyfuss im kompletten "Jaws"-Outfit (bis hin zur Brille) von den titelgebenden Piranhas zerfleischt wird, auf einen selbstironischen Umgang mit den Klassikern oder dem Genre hofft, wird schnell eines besseren belehrt. Der Humor von PIRANHA 3-D ist weder selbstreflektierend noch augenzwinkernd. PIRANHA 3-D findet es witzig, knackige Jungs und Mädels mit und ohne Bademode in blutige Teile zu zerfetzen. Und die Brüste nicht zu vergessen. Große Brüste! In 3-D, wie gesagt.
Damit ist PIRANHA 3-D der wahrgewordene feuchte Traum von pubertierenden Teenagern und verklemmten Erwachsenen, die im wahren Leben nie näher an Brüste herankommen als hier, wo sie einem mit Hilfe der entsprechenden Augengläser direkt entgegenploppen. Man denkt unwillkürlich an Eli Roth, und siehe da, da taucht er in einem Gastauftritt auch schon auf, als "Wet T-Shirt Host", wie passend.

Was Filme wie PIRANHA 3-D nicht verstehen (wollen) ist die Tatsache, dass echter Trash - sagen wir im Stil von John Waters oder Roger Corman - Charme und Skurrilität besitzt, oft verkörpert von liebenswert schrulligen Figuren (hier lohnt ein kurzer Blick auf den Original-"Piranha", 1978, mit dem dieses Remake nur dem Namen nach etwas zu tun hat). Außerdem werden als Gegenentwurf zum Mainstream im Trash gern die Außenseiter zu Helden gemacht. Roth, Aja und Konsorten aber kreieren nur dumme, eindimensionale und bis zum Erbrechen langweilige Charaktere, die man nicht mögen kann, für deren Schicksal man sich einen Dreck interessiert, und die nur als Kanonenfutter dienen (besonders die Außenseiter), und am Ende siegen die aufrechten Amerikaner und/oder die staatliche Autorität - in diesem Beispiel Elisabeth Shue als Sheriff.
Subversiv? "In aller Freundschaft" ist subversiver.

Jaja, ich weiß, man kann und man soll PIRANHA 3-D nicht ernst nehmen, dies ist Fast Food-Kino, schon verstanden. Aber ganz so einfach kann man es sich auch nicht machen. Trotz aller gut gemeinter Politischer Unkorrektheit hantiert Alexandre Aja hier mit einer unangenehmen Doppelmoral, wenn er mit Jerry O'Connell (der eine unerträglich schlechte Darstellung abliefert) als Regisseur von Internet-Pornos à la "Girls Gone Wild" eine Figur anbietet, die pausenlos als charakterloses Dreckschwein denunziert wird, junge Frauen ausbeutet und am Ende bekommt, was er verdient, wenn die Piranhas ihn vom Hals abwärts abnagen und sich um seinen Penis reißen. Entschuldigung, aber macht Alexandre Aja nicht EXAKT das gleiche in PIRANHA 3-D? Oder haben die Unmengen nackter Brüste irgend eine inhaltliche Relevanz, die mir entgangen ist? Eine so ungeschminkt heuchlerische Mentalität ist schon wieder bewundernswert.

Was gibt es noch? Gute Darsteller wie Elisabeth Shue, Ving Rhames und Adam Scott nehmen dankbar das Geld für die Miete entgegen, müssen aber nichts spielen, Christopher Lloyd wiederholt einfach seinen Part als verrückter Wissenschaftler aus "Zurück in die Zukunft" (1984), ansonsten wird - es ist 3-D - oft direkt in die Kamera gegöbelt. Und die Brüste nicht zu vergessen!
Die Dramaturgie beschränkt sich auf das einfachste Katastrophenfilm-Szenario, eine Stunde lang passiert nichts (mit Ausnahme eines absurden lesbischen Unterwasser-Balletts, zu dem - schon wieder! - Léo Delibes Oper "Lakme" missbraucht wird), dann kommt es zum großen Massaker, bei dem die Körperteile nur so links und rechts davonfliegen, Haare sich in Außenbordmotoren verfangen, es wird gemetzelt, gefressen und gereihert, als gäbe es kein Morgen. Hier leisten die CGI-Tricktechniker gute Arbeit, während alle Unterwasser-Sequenzen (von denen nicht eine unter Wasser entstanden ist) und die Piranhas so schlecht animiert sind, dass man sich in einem Jump 'n Run aus den frühen 90ern wähnt.

Ob man es witzig oder gar sexy findet, Frauen mit nackten Brüsten und abgerissenen Beinen zu sehen, ist Geschmackssache, und über den wollen wir nicht streiten. Horrorfilme dürfen geschmacklos sein, warum nicht? Was mich aber stört ist die Tatsache, dass hinter der gewollten Rotzigkeit des Films nicht jugendliche Begeisterung für Tabubrüche steckt (sagen wir, wie in Raimis "Evil Dead", 1981), sondern knallhart kalkulierte Hinterhältigkeit, und die hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Gorehounds und Voyeure kommen jedenfalls auf ihre Kosten.

Die Frage, wohin der Horrorfilm mit Werken wie PIRANHA 3-D steuert, der relativ erfolgreich war, ist müßig. Jede Generation bekommt die Filme, die sie will und auch verdient. Es werden andere Zeiten kommen, in denen die ewig Pubertierenden wie Eli Roth und - mit Abstrichen - Alexandre Aja (der zumindest mit "The Hills Have Eyes" (2006) einen einigermaßen erwachsenen Film inszeniert hat) entweder ihren filmischen Horizont erweitern müssen oder nicht mehr relevant sind. Dass sie momentan ihre angepeilte Zielgruppe bestens bedienen, ist in Ordnung.
Ich selbst sage es lieber mit den Worten von Danny Glover in - nun, so ziemlich jedem Film, in dem er mitspielt: "Ich bin zu alt für diesen Scheiß!" Und damit soll es auch gut sein.

03/10

Samstag, 12. März 2011

Stephen Kings "Stark" (1993)

Nachdem mehrere gemeinsam geplante Projekte von Autor Stephen King und Regisseur George A. Romero aus unterschiedlichen Gründen nicht realisiert wurden, inszenierte der Urvater des Zombie-Films 1990 seine eigene Adaption des King-Bestsellers "The Dark Half", die sich dicht an die Vorlage hält. Herausgekommen ist ein sehenswerter, solider Horrorfilm mit exzellenter Besetzung, der aber für Romeros Verhältnisse zu konventionell in Szene gesetzt ist.

In STEPHEN KINGS STARK (The Dark Half) wird der junge Autor und Literatur-Dozent Thad Beaumont (Timothy Hutton) von einem Studenten erpresst, der entdeckt hat, dass Thad neben seinen anspruchsvollen Arbeiten unter dem Pseudonym George Stark blutrünstige und sexgeladene Horrorgeschichten verfasst. Gemeinsam mit seiner Frau (Amy Madigan) beschließt Thad, das Pseudonym öffentlich zu machen und es ein für allemal zu begraben. Womit aber niemand rechnet: der fiktive Autor 'Stark' wehrt sich gegen seine Auslöschung, nimmt die Gestalt seiner ebenfalls fiktiven Hauptfigur "The Machine" an und beginnt einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle, die ihn verschwinden lassen wollen...

Stephen King, der selbst einige Jahre unter dem Pseudonym Richard Bachmann schrieb, verarbeitete in seinem Roman eigene Erfahrungen mit der Verabschiedung eines "zweiten Ichs". Diesem Quasi-Doppelgänger ein Gesicht zu geben und ihn selbstständig handeln zu lassen, ist eine faszinierende Idee, die von George Romero glänzend umgesetzt wurde, ganz besonders in der Darstellung der Doppel-Hauptrolle von Timothy Hutton, der die beiden Ichs - den netten Familienvater Beaumont und den saufenden, fluchenden 'Stark' - hervorragend verkörpert. Method Actor Hutton erwies sich bei den Dreharbeiten offenbar als schwierig und verlangte u.a. zwei Set-Trailer - einen für sich als Beaumont und einen weiteren für seine 'Stark'-Figur. Seine Leistung im Film ist aber fehlerlos. So stellt die Figur des George Stark die dunkle Seite des aufrechten Amerikaners Beaumont dar, eine dunkle Seite, die wir womöglich alle besitzen, in der niederste Instinkte und Gewaltfantasien unterdrückt werden. Der Film lässt den Zuschauer lange im Unklaren darüber, ob es sich bei Thad Beaumont vielleicht um eine gespaltene Persönlichkeit handelt, entscheidet sich dann aber doch für das Monster aus dem Unterbewusstsein.

Unterstützt wird Timothy Hutton von einem klasse Ensemble, zu dem neben dem wie immer beeindruckenden Michael Rooker ("Henry - Portrait of a Seriel Killer", 1986) auch Julie Harris ("Bis das Blut gefriert", 1963) gehört, die als skurrile Professorin eine Rolle spielt, die ursprünglich für einen Mann geschrieben war. Der stimmungsvolle Score von Christopher Young hilft dem Film dazu über einige Längen hinweg. Romero verzichtet auf extreme Splatter-Effekte, dazu ist sein Film zu sehr für den Mainstream-Markt konzipiert. Stattdessen konzentriert er sich auf das psychologische Duell der beiden Autoren-Kontrahenten und einige Set Pieces, in denen der Killer Stark zuschlägt.

George A. Romero arbeitete für STARK erstmals mit einem Hollywood-Studio zusammen, den Orion Pictures. So sieht sein Film auch deutlich teurer und gelackter aus als frühere, persönlichere Arbeiten. Die für den Regisseur übliche Gesellschaftskritik findet sich dementsprechend nicht in STARK, tatsächlich ist Romeros unverwechselbare Handschrift hier kaum zu spüren. Lediglich einige Anspielungen auf Weggefährten Dario Argento zeichnen STARK als Romero-Film aus - und natürlich die Tatsache, dass 'Stark' ein Untoter ist, der aus dem Grab entsteigt.

Dennoch: von einem Romero erwartet man eigentlich mehr als oberflächliche Hochglanz-Unterhaltung. Dazu ist STARK ca. 15 Minuten zu lang (besonders die Exposition bis zu 'Starks' Auferstehung), und das mit Special Effects überladene Finale enttäuscht trotz der gelungenen Tricks.
Das bittere Ende kam nach der Fertigstellung des Films, als die Orion Pictures, die sich bereits während der Dreharbeiten in Geldschwierigkeiten befanden, endgültig Insolvenz anmeldeten und STARK für zwei Jahre in den Regalen verschwand. Als er 1993 aufgeführt wurde, war die Stephen King-Welle abgeebbt, und der Erfolg des Films - obwohl kein Flop - blieb hinter den Erwartungen zurück.
Alles in allem war STARK keine gute Erfahrung für den Regisseur, und es sollte sieben Jahre dauern, bis er mit "Bruiser" (2000) sein nächstes Werk präsentierte.

7.5/10

Freitag, 11. März 2011

Kinder des Zorns (1984)

Nach einer atmosphärischen Kurzgeschichte von Stephen King inszenierte Fritz Kiersch 1984 seinen Horrorfilm KINDER DES ZORNS (Children of the Corn), der weder besonders erfolgreich war noch gute Kritiken bekam, auf Video aber so viele Fans gewann, dass er eine ganze Reihe von Sequels nach sich zog.

Der Film erzählt von einem jungen Paar (Peter Horton und "Terminator"-Femme Fatale Linda Hamilton), das auf einer einamen Landstraße in Nebraska einen Jungen überfährt und ihn in seine Heimatstadt zurückbringen will. Doch dieser Ort namens Gatlin scheint eine Geisterstadt zu sein. Wie es aussieht, sind vor längerer Zeit die Kinder der Stadt einem religiösen Wahn verfallen und haben alle Erwachsenen getötet. Nun leben sie ohne elterliche Betreuung in einer teuflischen Gemeinschaft - mit Ausnahme einiger Kinder, die sich dem Kreis entziehen und versuchen, aus der Stadt zu fliehen. Bald schon wird Jagd auf die Abtrünnigen und unsere Protagonisten gemacht. Die müssen sich nicht nur gegen die Teufelskinder wehren, sondern auch noch gegen ein Wesen, das im Maisfeld wohnt, und das die Kinder der Stadt geistig versklavt...

Das klingt herzlich bescheuert und ist es über weite Strecken auch. KINDER DES ZORNS (eine zwar alliterarisch stimmige, aber unsinnige Übersetzung der "Kinder des Mais") beginnt recht vielversprechend mit einer blutrünstigen Sequenz, in der die Kinder ihre Eltern und andere Erwachsene in einem Diner töten. Hier besitzt der Film eine grimmige, fast dokumentarische Qualität, und ein solches Massaker noch vor dem Vorspann erlebt man nicht alle Tage im Genre. Die stimmungsvolle Musik von Jonathan Elias (selbstverständlich mit Kinderchören) und ein netter Vorspann lassen auf 90 Minuten Gruselunterhaltung hoffen, doch nach dem verhängnisvollen Unfall und dem Eintreffen unseres Pärchens in der Stadt Gatlin ist der Horror bald vorbei.

Einige schöne Aufnahmen der menschenleeren Stadt sowie der mordgierigen, mit Sicheln bewaffneten Kids sorgen noch für wohlige Schauer, doch dann stellen sich immer mehr Unglaubwürdigkeiten, Logiklöcher und unfreiwillige Lacher ein. Das "Mais-Monster" namens "Er, der hinter den Reihen wandelt" (geht es nur mir so, oder erinnert das Ganze an M. Night Shyamalan "The Village" und dessen "Die, von denen wir nicht sprechen"-Monster?) ist eine einzige Enttäuschung. Vermutlich aus Budgetgründen (KINDER DES ZORNS weist alle merkmale der Güteklasse C auf) ist es lediglich als Haufen Erde zu sehen, der sich unterirdisch durch den Maisacker pflügt und lässt eher an einen bösen Maulwurf denken.

Aus dem religiösen Wahn der Jugendlichen und der abgeschlossenen Gemeinschaft wird keinerlei inhaltliche Tiefe bezogen, was schade ist. Die Darsteller mühen sich redlich, da aber keine Figur wirklich ausgearbeitet ist, bleiben alle blass. Ganz schlimm wird es gegen Ende, wenn Peter Horton eine "flammende Rede" an die Teufelskinder hält, die er plötzlich alle mit Vornamen kennt, und die - obwohl sie schlecht geschrieben und gespielt ist - natürlich die bösen Kids zur Rebellion gegen ihren Anführer aufrüttelt. Das verursacht schon heftiges Kopfkratzen. Ein weiterer "Höhepunkt" ist Linda Hamiltons frühe "School's Out"-Performace, mit der sie Horton ein sexy Geburtstagsständchen bringt, welches aber außerordentlich peinlich geraten ist.

Stephen King kommentierte KINDER DES ZORNS nur lapidar, ihm war es egal. Der Film entstand in einer Zeit, als Produzenten sich förmlich um jeden Satz des Autors rissen, selbst wenn er auf einem Bierdeckel niedergeschrieben war. King versprach bis Anfang der 90er das große Geschäft, und so schossen Adaptionen wie Pilze aus dem Boden, die meisten davon allerdings ungenießbar. KINDER DES ZORNS bewegt sich irgendwo im unteren Mittelfeld. Er ist auf eine trashige Art unterhaltsam, wenn man ihn nicht ernst nimmt (der Film besitzt keinerlei Selbstironie) und kein Total-Reinfall wie "Nachtschicht" (1990) oder "The Mangler" (1995), aber von den hochklassigen Verfilmungen "Carrie" (1976), "The Shining" (1980) oder "Misery" (1990) ist er Lichtjahre entfernt.

Nichtsdestotrotz wurden bis zum heutigen Tag sechs (!) Sequels und ein Remake (2009) produziert. Bis auf Teil 2 wurden alle Nachfolger direkt auf Video bzw. DVD veröffentlicht. Wo genau der Reiz der Reihe liegt, bleibt unklar, aber die Nachfrage bestimmt das Angebot.

05/10
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