Samstag, 30. April 2011

Rückkehr ans Meer (2009)

Mit RÜCKKEHR ANS MEER (Le Refuge) beendete Francois Ozon seine 'Trilogie des Trauerns', die er mit "Unter dem Sand" (2000) begann und mit "Die Zeit, die bleibt" (2005) fortsetzte. In allen drei Werken geht es um Tod und Abschiednahme, wobei das Meer jeweils eine wichtige dramaturgische und symbolische Rolle spielt.

RÜCKKEHR ANS MEER erzählt von der drogenabhängigen Mousse (Isabelle Carré), die nach einer Überdosis im Krankenhaus erwacht. Ihr Lover Louis (Melvil Poupaud) ist an gestrecktem Heroin gestorben, und Mousse stellt fest, dass sie schwanger ist. Louis' wohlhabende Mutter möchte, dass Mousse das Baby abtreibt, doch Mousse beschließt, es zur Welt zu bringen. Unterstützung erhält sie lediglich von Louis' schwulem Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy), der Mousse in ihrem Zufluchtsort, ein Haus am Meer, besucht. Paul bietet sich als Ersatzvater für das ungeborene Baby an. Kompliziert werden die Dinge, als Louis eine Beziehung mit dem örtlichen Handwerker beginnt. Am Ende trifft Mousse eine folgenschwere Entscheidung...

Die Auflösung entspricht ungefähr dem Ende von Ozons vorigem Film "Ricky" (2009), nur dass es hier sehr konkret und weniger verschlüsselt durchgeführt wird. Als Regisseur hat Ozon bei mir einen lebenslangen Bonus, weil er gleich mehrere meiner Lieblingsfilme inszeniert hat ("Swimming Pool", 2003, "5x2", 2004), doch seit "Die Zeit, die bleibt" habe ich mit seinen Filmen etwas zu kämpfen, und ich gebe offen zu, dass ich RÜCKKEHR ANS MEER - ich wage es kaum auszusprechen - sterbenslangweilig fand. So, jetzt ist es raus.

Zwar finden sich hier sämtliche von Ozons Lieblingsthemen, und formal ist ihm absolut nichts vorzuwerfen (Darsteller, Kamera und Musik sind makellos), aber weder haben mich die Charaktere noch ihre dünne Geschichte sonderlich interessiert. Zu Beginn kommt ein bisschen der 'alte' Ozon durch, wenn er den Heroinkonsum seiner Protagonisten in drastischen Bildern beschreibt (das Auffinden einer noch intakten Vene), doch nach diesem sehr realen Auftakt findet eine durchgehende Verklärung und Mystifizierung von Schwanger- und Mutterschaft statt, der ich schlicht nichts abgewinnen kann. Immer wieder zeigt Ozon den schwangeren Bauch von Isabelle Carré (die zum Zeitpunkt des Drehs tatsächlich schwanger war, was den Film sehr authentisch wirken lässt) mit Zärtlichkeit und Hingabe. Das ehrt ihn, hilft dem Film aber nicht weiter, ebenso wenig die unendlichen Frühstücksgespräche von Mousse und Paul. Einerseits kann man diese Handlungsarmut loben, weil sie angenehm unspektakulär bleibt und sich vom Mainstream absetzt, andererseits ist mir nicht klar, was genau RÜCKKEHR ANS MEER eigentlich erzählt, zumal das Meer als Quelle des Lebens und Symbol für den ewigen Kreislauf mittlerweile reichlich überstrapaziert ist.

In der besten Szene wird die schwangere Mousse am Strand von einer fremden Frau belästigt, die vor ihr in die Knie geht und ihren Bauch anbetet, was der werdenden Mutter schnell zu viel wird. So ging es mir auch. Der nackte Bauch von Isabelle Carré und das hübsche Gesicht von
Louis-Ronan Choisy reichen mir nicht für ein zufriedenstellendes Filmerlebnis. Was vor allem fehlt ist Ozons Humor, der sich früher selbst in seinen düstersten Werken fand. "Unter dem Sand" ist auch wegen der wunderbaren Charlotte Rampling ein filmisches Juwel mit Tiefgang und Einfühlungsvermögen. RÜCKKEHR ANS MEER wirkt dagegen wie eine formale Fingerübung ohne Geheimnis.

Ozon, der sich mit "Swimming Pool" auf der Höhe seines Erfolges befand, musste seitdem auf großen Zuschauerzuspruch verzichten. "Die Zeit, die bleibt" und "5x2" blieben hinter den Erwartungen zurück, mit "Angel" (2007) inszenierte er sogar einen teuren Mega-Flop. "Ricky" und "Rückkehr ans Meer" fanden ebenfalls weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Mit "Potiche - Das Schmuckstück" (2010) konnte Ozon - vor allem wegen des Charmes von Catherine Deneuve und Gérard Depardieu - das Publikum zurückgewinnen. Glücklicherweise hat er auch seinen Humor wieder gefunden. RÜCKKEHR ANS MEER ist jedenfalls kein Film, den ich mir zweimal ansehen werde.

04/10


Donnerstag, 28. April 2011

Sitcom (1998)

Vorhang auf für eine Familiengeschichte der besonderen Art. Ein Familienpapa (Francois Marthouret) bringt eine weiße Käfigratte mit in das gutbürgerliche französische Zuhause. Das Tier sorgt allerdings für merkwürdige Veränderungen bei den Familienmitgliedern.
Der verklemmte Sohn (Adrien de Van) outet sich plötzlich beim Abendessen als schwul und hält Gruppensex-Sitzungen in seinem Zimmer ab, in die sich auch der Ehemann des Hausmädchens mit einklinkt, und bei denen hin und wieder Mamas Zucchinis zum Einsatz kommen. Mama (Evelyne Dandry) ist das Ganze nicht geheuer, und um den Sohnemann wieder umzudrehen, verführt sie ihn rasch selbst. Die sexuell aufgeladene Tochter stürzt sich derweil aus dem Fenster, sitzt fortan im Rollstuhl und versucht sich mit ihrem Lover (Stéphane Rideau) im S/M-Sex, der aber bespringt lieber das Hausmädchen. Da bleibt Papa bald nicht anderes mehr übrig als die gesamte verkommene Sippschaft zu erschießen. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende...

Der französische Regisseur Francois Ozon bläst mit seinem ersten Spielfilm gleich zum Frontalangriff auf alle bürgerlichen Werte. Interessanterweise beginnt sein Film ähnlich, wie Chabrols "Biester" (1995) endet. Das Vorbild ist also klar erkennbar. Wo Chabrol aber subtile Mittel einsetzt, um die verhasste Bourgeoisie zu entlarven, kommt Ozon mit dem Holzhammer. Tabubrüche gibt es in SITCOM (Sitcom) genug, und Aufmerksamkeit erlangt man mit dieser brachialen Dekonstruktion der heilen Familie erst recht. Leider aber verspricht der Inhalt mehr als Ozon wirklich bietet. Zu wenig komisch ist das absurde Treiben, zu gewollt die Bösartigkeit, zu oberflächlich die Analyse gesellschaftlich-konservativer Werte. Den Vorwurf, dass hinter der effekthascherischen Fassade kaum ernst zu nehmender Inhalt steckt, musste sich Ozon lange gefallen lassen und ist ihn bis heute nie ganz losgeworden.

Als Filmdebüt bietet SITCOM dennoch reichlich Unterhaltungswert, auch wenn hier deutlich mehr möglich gewesen wäre. Die Besetzung agiert gut gelaunt und hat keine Probleme mit den drastischeren Szenen. Stéphane Rideau, eine Ikone des schwulen Kinos ("Sommer wie Winter", 2000), darf in SITCOM überraschend den Hetero mimen, bekommt von Ozon aber einen künstlichen Riesenpenis, mit dem er das Hausmädchen beglücken darf. Formal spielt Ozon mit den Mitteln der Boulevardkomödie und der - man ahnt es - Sitcom (die nichts anderes ist als die verfilmte Boulevardkomödie). Figuren kommen meistens zur Tür herein, Infos werden über das Telefon transportiert, der Hauptschauplatz - das bürgerliche Heim - wird kaum verlassen. Es fehlen praktisch nur die eingespielten Lacher.

Insgesamt ist Francois Ozon mit SITCOM ein sicher aufsehenerregender Erstling gelungen, der auf alle gesellschaftlichen Werte spuckt und eine diebische Freude an der Geschmacklosigkeit zeigt. Den grimmigen Humor, den er hier an den Tag legt, wünscht man sich in seinen aktuelleren, deutlich betulicheren Werken. Mit SITCOM begann Ozons steile Karriere, in deren Verlauf er zunächst als Enfant Terrible galt, bevor er mit publikumsfreundlicheren Filmen ("8 Frauen", 2002) auch das Massenpublikum erreichte und heute zu den etabliertesten Regisseuren des französischen Kinos zählt.

06/10

Eine schrecklich nette Familie - "Sitcom"

Mittwoch, 27. April 2011

Die Rückkehr der Zombies (1981)

Bevor wir die Zombie-Ecke (hoffentlich) wieder verlassen, wenden wir uns noch einem Film zu, der einen ganz ordentlichen Ruf in Splatterkreisen besitzt, außer seinen Effekten aber nicht wirklich viel zu bieten hat - Andrea Bianchis DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES (Burial Ground / Le notti del terrore).


Die Story ist geschwind erzählt: eine Gruppe Reisender landet auf einem alten Landsitz irgendwo in der italienischen Pampa, außer einem Hausmädchen ist aber niemand da, denn der Besitzer, ein alter Professor, hat bei seinen Forschungen im Untergeschoss des Hauses lebende Tote entdeckt, die ihn sogleich verspeist haben. Nun machen sie Jagd auf die Neuankömmlinge, die sich bald verbarrikadieren und um ihr Leben kreischen. Aber es nützt alles nichts...

Inhaltlich haben wir hier eine Mischung aus Romeros "Nacht der lebenden Toten" (1968) und Fulcis "Woodoo" (1979), bei denen gleich ganze Szenenfolgen und Einfälle geklaut werden. So wird eine der bedauernswerten Darstellerinnen ebenso wie Olga Karlatos in Fulcis Vorbild mit dem Kopf voran durch eine Glastür gezogen, was ihrem Teint nicht gerade zugute kommt. Die Schauspieler haben nichts weiter zu tun als sich zum Knutschen in den herrschaftlichen Park zu verziehen und dann vor den Zombies schreiend davonzulaufen. Das tun sie mehr oder weniger schlecht. Unter den Reisenden befindet sich auch eine attraktive Mama mit ihrem jungen Sohn, der offensichtlich von einem kleinwüchsigen Erwachsenen gespielt wird, was dem Film einen extrem bizarren und unangenehmen Touch verleiht. Möglicherweise wollte man einem Kind die Splatterszenen nicht zumuten, das wäre dann immerhin lobenswert, zumal gerade die beiden in der wohl geschmacklosesten Sequenz agieren, in der das mittlerweile zum Zombie mutierte Bengelchen an Mamas Brust saugen möchte - um dann herzhaft zuzubeißen. Guten Appetit!

Die herben Bluteffekte lassen das Herz des Gorehounds höher schlagen, selbsternannte Zensoren dürften das Ganze eher nicht so spaßig sehen - weswegen der Film dann auch hierzulande flugs beschlagnahmt wurde. Dass DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES eher lächerlich denn verstörend ist, war den Damen und Herren wieder mal nicht bewusst, und der Film wäre vermutlich ohne das Verbot weit weniger bekannt in Fankreisen, denn - wie wir alle wissen - hat das Verbotene seinen ganz besonderen Reiz.

Erwähnt werden darf noch das gute Makeup der Zombies, die hier tatsächlich sehr originell und überzeugend vermodernd wirken - da hat man schon sehr viel ärmlichere Untote auf der Leinwand gesehen ("Großangriff der Zombies", 1981). Ansonsten aber gelingen Andrea Bianchi weder echte Spannung noch Nervenkitzel. Nur die bereits angesprochenen Effekte sorgen für den Unterhaltungswert dieses Horrorbeitrags aus der italienischen Kopierschule.

06/10

Sonntag, 24. April 2011

Großangriff der Zombies (1980)

Sogar als eingefleischter Horror-Fan hatte ich lange Mühe, die vielen Zombiefilme der frühen 80er auseinander zu halten, zumal sich ihre deutschen Verleihtitel stets ähneln. Für alle, denen es ebenso geht: GROSSANGRIFF DER ZOMBIES ist der mit der Achterbahn am Ende!
Er ist darüber hinaus auch einer der albernsten, aber spaßigsten und unterhaltsamsten Schocker der Zombie-Welle, obwohl - oder gerade weil - er so herrlich dämlich ist.

Der Inhalt: Ein TV-Reporter (Hugo Stiglitz) fährt in einer namenlosen Großstadt zum Flughafen, um ein paar durch eine giftige Wolke verstrahlte Wissenschaftler abzuholen und zu interviewen. Als die Maschine landet, springen aber plötzlich statt seriöser Professoren blutrünstige Zombies aus der Maschine und richten ein Massaker unter den wartenden Militärvertretern und Presseleuten an. Bald darauf überschwemmen sie die ganze Stadt, und nur wenigen gelingt die Flucht. Unser Journalist und seine Ehefrau können bis zu einem Freizeitpark entkommen und erklimmen dort eine Achterbahn, um von einem Hubschrauber gerettet zu werden. Doch dann kommt alles irgendwie anders...

Mehr Inhalt muss man nicht erzählen, denn GROSSANGRIFF DER ZOMBIES (Nightmare City/ Incubo sulla città contaminata) hat keinen. Dafür gibt es fröhliche Blutbäder, kreischende Opfer und eine "Abfolge von Scheußlichkeiten", wie das Lexikon des internationalen Films richtig schreibt. Was die Redakteure dort übersehen ist die Tatsache, dass man gerade diese Scheußlichkeiten in einem Film wie diesem sehen will, sonst könnte man sich auch "Jenseits von Afrika" ansehen, der - wenn man es genau bedenkt - durch ein paar Zombies sicher noch besser unterhalten würde.

Die Zombie-Invasion stellt nur den roten Faden des Films dar, der dann - ähnlich wie ein Groschenroman - mehrere Schicksale von Charakteren parallel erzählt, die allesamt die Stadt verlassen wollen. So gesehen mixt Umberto Lenzi den Horror mit Stilmitteln des Katastrophenfilms, was ganz schlüssig erscheint. Lenzi stellt zwar wieder unter Beweis, dass er weder in der Lage ist, Schauspieler zu führen noch gute Spannung zu erzeugen, aber immerhin inszeniert er seinen Film in einem dermaßen rasanten Tempo, dass dem Zuschauer kaum Luft zum Atmen bleibt. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres sind Lenzis Zombies schnell und actionerprobt. Sie verspeisen nicht nur ihre Opfer, sondern schießen auch mit Maschinenpistolen, Schlitzen mit Messern und üben sich im Nahkampf, was dem Film erstaunlichen Drive gibt.

In meiner absoluten Lieblingsszene überfallen die rasenden Untoten ein TV-Studio, in dem gerade eine Tanztruppe zu schaurigen Synthie-Klängen Discotänze (eher eine Mischung aus Disco und Aerobic, was damals gerade in Mode kam) vorführt. Darsteller, Musik und Kostüme sind hier so entsetzlich geschmacklos, dass das anschließende Gemetzel einen wahren Befreiungsschlag für die Sinne darstellt. Trashiger kann Trash nicht sein, und ich empfehle jedem, sich diese Sequenz jetzt sofort anzusehen, sie macht auf der Stelle gute Laune!

Makeup-technisch bietet GROSSANGRIFF keine Meisterleistungen. Die Zombies sehen aus, als hätte man ihnen eine handvoll Schlamm ins Gesicht geklatscht (das sollen Verbrennungen sein), trotz der kolportierten "Stunden", die es angeblich gebraucht hat, die armen Kleindarsteller in lebende Tote zu verwandeln. Unter den weitestgehend unbekannten Darstellern befindet sich auch Hollywoodstar Mel Ferrer, der sich irgendwie in den Streifen verirrt hat und leider zu wenig Szenen bekommt. In Lenzis vorangegangenem Kannibalenschocker "Eaten Alive" (1980) hat er bereits eine der Hauptrollen gespielt.
Hauptdarsteller Hugo Stiglitz war - man glaubt es kaum - ein großer Star in seinem Heimatland Mexiko, und Umberto Lenzi wurde quasi gezwungen, ihn zu besetzen. Leider spielt er den gesamten Film mit einem einzigen Gesichtsausdruck, den ich "Wachkoma" nennen würde. Er ist eine wandelnde Schlaftablette. Glücklicherweise jagt der Film so schnell voran, dass er nicht weiter stört.

Das Finale auf besagter Achterbahn wird von Lenzi sehr hübsch in Szene gesetzt und sorgt für eine ziemliche Überraschung, auf die dann leider noch eine weitere folgt, die den Film mit einer saublöden Pointe enden lässt. Das macht aber nichts, denn bis dahin hat man sich extrem kurzweilig amüsiert. Ich persönlich finde nicht nur, dass GROSSANGRIFF DER ZOMBIES zu den besten Vertretern des Zombie-Genres gehört (Bruno Matteis "Die Hölle der lebenden Toten" wäre der schlechteste), er ist auch definitiv der beste Film Umberto Lenzis, der auf jeden Exploitation-Zug aufgesprungen ist, der des Weges kam.

08/10


Samstag, 23. April 2011

Die Nacht der reitenden Leichen (1971)

Der Spanier Amando de Ossorio schuf 1971 einen weltweit überraschend populären Genrebeitrag mit seinem Templer-Epos DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN (La Noche del terror ciego), der vordergründig reinster Exploitation-Trash ist, bei näherer Betrachtung aber beachtliche Qualitäten aufweist und das Zombie-Genre vorwegnimmt, das gegen Ende des Jahrzehnts erst erblühen sollte.

Ein junges Paar, Virginia und Roger, macht Urlaub in Portugal. Virginia begegnet dort ihrer alten Schulfreundin (und ehemaligen Geliebten) Bella. Zu dritt beschließt man, per Zug durch die Landschaft zu reisen, doch auf der Fahrt kommt es zu Eifersüchteleien, weswegen Virginia einfach vom Zug abspringt und ihrNachtlager allein in einer alten Dorfruine aufschlägt. Das hätte sie lieber bleiben lassen sollen, denn in dieser Nacht steigen die Geister hingerichteter Tempelritter aus ihren Gräbern und jagen per Pferd durch das verlassene Dorf. Virginia wird ihr erstes Opfer, ihre Leiche wird am nächsten Tag entdeckt. Roger und Bella erfahren von der lange zurückliegenden Vorgeschichte der Templer, die im Mittelalter Jungfrauen geopfert und deren Blut getrunken haben, bis sie exkommuniziert und getötet wurden. Nun kehren sie allabendlich aus dem Totenreich zurück und brauchen Blut...

Als kommerzielles Produkt bietet DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN mit den blutdürstigen Zombies, nackten Brüsten, gefesselten Jungfrauen und lesbischer Liebe in erster Linie Trash-Schauwerte en masse. Dahinter verbirgt sich aber ein außerordentlich guter Thriller mit jeder Menge Suspense, Grusel und originellen Einfällen. Die blinden Templer, die stets in Zeitlupe gefilmt werden, sind eine fantastische Kreation, die direkt aus Alpträumen zu kommen scheint. Man mag es albern finden, dass die bedauernswerten Opfer immer so lange vor Schreck stehen bleiben, bis die extrem langsamen Untoten sie eingeholt und umzingelt haben, tatsächlich aber verstärkt dies nur den surrealen Charakter des Films. De Ossorio gelingt es ganz wunderbar, die Einsamkeit und Weite der Landschaft einzufangen und somit das Maximum an Atmosphäre aus dem Stoff herauszuholen. Die Darsteller agieren allesamt nicht berauschend, aber solide. Die unkonventionelle Musik von Anton Garcia Abril sorgt für zusätzliche Gänsehaut.

Amando de Ossorio orientiert sich dabei dicht an Hitchcocks "Psycho" (1960). So baut er zu Beginn eine enorme Spannung auf, wenn die vermeintliche Protagonistin Virgina den Zug verlässt und sich alleine durch die Landschaft schlägt. Bis sie von den Templern verfolgt und ermordet wird, vergehen fast 20 Minuten Film ohne jeden Dialog. Virginia ist dabei viel mehr als typisches Horror-Kanonenfutter. Als Zuschauer ist man bei ihr, schon allein, weil man ihren Mut bewundern muss, so spontan auf das alberne Geplänkel ihrer Reisegefährten zu reagieren. Durch kleine Details wie die Tatsache, dass sie ihr mitgebrachtes Buch nicht weiterliest, sondern gleich zum Ende vorblättert, wird sie zusätzlich sympathisch, und man hofft, dass sie den Untoten entkommt. Die Struktur, eine Hauptfigur aufzubauen, diese dann kurz vor der Hälfte des Films zu beseitigen und das hinterbliebene Paar sowie deren Nachforschung für die zweite Hälfte zu verwenden, entspricht exakt dem großen Vorbild.
Die deutlichste Anspielung aber findet sich in einem kuriosen Detail, nämlich der kreischenden Bella zu Beginn und am Ende des Films - eine Einstellung, in der die Darstellerin statt roter Haare plötzlich eine blonde Perücke trägt und direkt in die Kamera schreit. Diese Einstellung entspricht exakt dem "Psycho"-Trailer, in dem Vera Miles mit Perücke unter der Dusche steht (ein Trick, um die Zuschauer in die Irre zu führen, denn - wie wir alle wissen - im Film ist es Janet Leigh, die die verhängnisvolle Dusche nimmt).

Ein weiteres Highlight findet in einer Werkstatt für Schaufensterpuppen statt, in der die mittlerweile untote Virgina auftaucht und Bellas Angestellte verfolgt. Auch das überraschende Ende des Films hinterlässt einen wohligen Schauer. Dass man zwischendurch hanebüchenen Dialog ertragen muss ("Meine Fabrik liegt gleich hinterm Friedhof und der Pestkirche."), gehört zum Spaß dazu, während die Rückblenden in die fröhlich-zärtliche Internatszeit der beiden Hauptdarstellerinnen lediglich niedere Instinkte eines schmierigen Teils des Publikums bedienen, aber herzlich wenig zum Film beitragen. Auch die ausgedehnte Vergewaltigung der lesbischen Bella durch einen widerlichen Bootsverleiher ist komplett überflüssig, ebenso Bellas Antwort auf die Frage, warum sie denn lesbisch sei: "Ich hatte ein schlimmes Erlebnis als Kind"... Oh mein Gott!

DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN kann als Wegbereiter für sowohl George Romeros "Dawn of the Dead" (1978) als auch die Welle europäischer Horrorfilme der späten 70er/frühen 80er angesehen werden, auch wenn er selbst nicht sonderlich blutrünstig daherkommt. Was er gut schafft, ist die Verbindung mittelalterlicher Legenden und Vampirmythen mit dem modernen Splatterfilm. Ossorios reitende Leichen sind einfach eine klasse Erfindung, auch wenn sie es nicht zu neuen Archetypen gebracht haben und ihre Zeit nach insgesamt drei Sequels, die dem Original leider nicht das Wasser reichen können, abgelaufen war. Heute besitzt der Film Kultstatus und ist immer noch einen Blick wert.

07/10

Montag, 18. April 2011

Das Haus an der Friedhofmauer (1981)

DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER (Quella villa accanto al cimitero) gehört neben "Woodoo" (1979), "Ein Zombie hing am Glockenseil" (1980) und "The Beyond" (1981) zu den großen Klassikern Lucio Fulcis. Auch wenn er nicht die surreale Qualität seiner Vorgänger erreicht und allzu deutlich amerikanische Vorbilder kopiert, kann er dank seiner düsteren Atmosphäre, guten Darsteller und einigen herben Splatterszenen überzeugen.

Der Inhalt: Der New Yorker Universitätsprofessor Dr. Norman Boyle (Paolo Malco) soll den Selbstmord eines Kollegen aufklären und zieht dafür mit Frau (Katherine MacColl) und Sohn in ein abgelegenes Haus in Boston, das - richtig geraten - von Grabsteinen umgeben ist. Schon kurz nach dem Einzug geschehen mysteriöse Dinge. Eine Fledermaus greift den Doktor an, ein mysteriöses Hausmädchen taucht auf, die Tür zum Keller will sich nicht öffnen, und der engelhafte Sohn nimmt Kontakt mit einem kleinen Mädchen auf, das ihn warnt, das Haus zu betreten. Dann wird die Maklerin brutal ermordet, und auch das Hausmädchen verliert seinen Kopf. Wie es scheint, lebt der alte Hausbesitzer namens Dr. Freudstein seit Jahrzehnten im Keller und kann nur überleben, wenn er sich Organe von jungen Lebenden implantiert...

Die Vorbilder sind offensichtlich - DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER beginnt wie "Shining" (1980) mit einem Schuss "Amityville Horror" (1979), nimmt dann aber andere Wege und kehrt nach der Hälfte wieder auf vertrautes Fulci-Terrain zurück, sprich blutrünstige Mordsequenzen, Eingeweide, Würmer und Tore in eine andere Welt/Zeit. Die Namensspiele mit 'Dr. Freudstein', einer offensichtlichen Mischung aus Psychiater und verrücktem Wissenschaftler, sowie 'Norman' Boyle, der doch wohl an Hitchcocks Meisterwerk erinnert, sorgen für launige Subtexte.

Anders als die o.g. Vorgänger ist DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER aber klar in der Realität angesiedelt und bemüht sich, einen linearen Plot zu stricken, wobei es das eine oder andere Mal zu merkwürdigen Logikausfällen kommt - etwa, wenn Katherine MacColl morgens gut gelaunt zum Frühstück in die Küche kommt und kaum Notiz davon nimmt, dass das Hausmädchen literweise Blut vom Boden wischt. Der Morgenkaffee ist erst mal wichtiger. Die Frage, wie das Monster Dr. Freudstein überleben konnte, wenn das Haus doch offiziell jahrelang leer stand, wird ebenfalls nicht beantwortet.

Als Fulci-Fan sieht man aber getrost über solche Schlampigkeiten hinweg und genießt das morbide Ambiente, die schrägen Einfälle wie eine geköpfte Schaufensterpuppe, die klasse Musik von Walter Rizzati , sowie Fulci-Stammschauspielerin Katherine MacColl, die wie immer eine sympathische und attraktive Heldin abgibt. In der Nebenrolle als Maklerin ist Euro-Trash-Star Dagmar Lassander zu sehen. Wie die erwachsenen Kollegen liefert auch Kinderdarsteller Giovanni Frezza eine gute Leistung ab, leider wird er in der englischen Sprachfassung wie ein nervendes Kleinkind synchronisiert, hier ist die deutsche Synchronfassung deutlich besser gelungen.

Die Cinemascope-Kameraarbeit von Sergio Salvati hilft dem Film über einige Spannungsdurchhänger im Mittelteil hinweg, und in den Splatterszenen tobt sich Fulci zur Freude seiner Fans ordentlich aus. Er lässt das (überzeugende) Blut fließen als gäbe es kein Morgen und hält wie ein Pornoregisseur die Kamera auf offene Wunden, bis auch der letzte Tropfen Lebenssaft vergossen ist. Fulci taucht übrigens selbst kurz als Auftraggeber zu Beginn des Films auf.

Alles in allem ist DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER gute Horror-Unterhaltung ohne den hohen Kultfaktor von "Glockenseil" oder "The Beyond", aber dennoch ein typischer Fulci, der auch für weniger hartgesottene Zuschauer geeignet ist. Nach diesem Film sollte Fulci mit dem "New York Ripper" (1982) noch einmal für heftiges Aufsehen sorgen, bevor seine Arbeiten drastisch schwächer wurden. Sein Untoten-Zyklus von "Woodoo" bis "Friedhofsmauer" (den zwischendurch entstandenen, mittelmäßigen "The Black Cat" außer acht gelassen) zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere und Schaffenskraft.

08/10

Sonntag, 17. April 2011

The Beyond - Die Geisterstadt der Zombies (1981)

Nicht viele Regisseure können auf ein Werk verweisen, das ihre gesammelten Fähigkeiten, Obsessionen, Stärken (und Schwächen) so exemplarisch auf den Punkt bringt. Um Lucio Fulci zu verstehen, muss man nur auf THE BEYOND (E tu vivrai nel terrore – L'aldilà) verweisen, der alles enthält, was seinen Ruf und Ruhm ausmacht. THE BEYOND ist das definitive, ultimative Meisterwerk des italienischen Regisseurs. Wer diesen Film nicht mag, wird kaum einem anderen Fulci etwas abgewinnen können. Ebenso wie sein Vorgänger "Ein Zombie hing am Glockenseil" (1980) wurde auch THE BEYOND weltweit zensiert, verboten, beschlagnahmt und gekürzt, dabei ist Fulcis Ausflug in die Welt des Fantastischen hier noch irrealer als zuvor.

Der Handlungsfaden von THE BEYOND kann hier nicht einmal mehr als solcher bezeichnet werden. Nach einem furiosen, sepiagefärbten Auftakt in der Vergangenheit, in dem ein Maler von einem wütenden Mob mit Fackeln und Folterinstrumenten in einem alten Hotel ermordet, verstümmelt und eingemauert wird, springt der Film ein paar Jahrzehnte in die Gegenwart, wo die junge und sympathische Lisa (Catriona MacColl) eben jenes Südstaaten-Hotel wieder herrichtet, das sie geerbt hat. Doch kaum haben die Arbeiten begonnen, passieren mysteriöse Ereignisse - ein Handwerker fällt vom Gerüst, einem Klempner wird ein Auge aus dem Kopf gepult, ein Architekt wird von Spinnen zerfressen, ein blindes Mädchen mit Schäferhund taucht auf, um Lisa zu warnen, und schließlich erheben sich in der örtlichen Leichenhalle die Toten. Wie es scheint, beherbergt das Hotel eines der sieben Tore zur Hölle...

Die Anspielungen Fulcis reichen von den alten Universal-Gruselklassikern wie "Frankenstein" (1931) bis zu Argentos "Suspiria" (1977) und "Inferno" (1980), in dem ebenfalls düstere Gemäuer die Herbergen teuflischer Mächte darstellen und ein Buch den Schlüssel zu einem der vielen Geheimnisse bereit hält.
Während Argentos Werke trotz ähnlicher Handlungsfreiheit stets gelobt und bewundert wurden, ereilte Fulci bei gleichem Verzicht auf lineare Erzählweise Spott und Verachtung - wenngleich nicht in Fankreisen, wo sein Film schnell Kultstatus errang. Amerikanische Kritiker wie Roger Ebert verdammen heute noch THE BEYOND als bloße Aneinanderreihung willkürlicher Splatterszenen, während europäische Cineasten und Horror-Aficionados Fulcis Mut bewundern, sich von allen Vereinbarungen des klassischen Erzählkinos zu verabschieden und einen - wie er selbst sagte - "absoluten Film" zu kreieren, der nicht von Geschichte oder Charakteren, sondern von Bildern, Farben, Tönen und einzelnen Sequenzen lebt, die eine ganz eigene Welt erschaffen. Tatsächlich kann man THE BEYOND komplett ohne Ton sehen und versteht dennoch den gesamten Film.

THE BEYOND ist ein harter, stellenweise fast unerträglich grausamer Film, keine Frage, aber wie schon im "Glockenseil" nutzt Fulci jede Möglichkeit zur Abstraktion und geht in den Splatterszenen dermaßen over the top, dass man keinen Bezug zu realer Gewalt mehr herstellen kann. Das Lachen über manche Unzulänglichkeit - etwa die Taranteln aus Pfeifenreinigern, die ein menschliches Gesicht verspeisen, das mittlerweile berühmte Schild "Do Not Entry" oder die Szene, in der Hauptdarsteller David Warbeck im Krankenhaus-Fahrstuhl seine Waffe nachlädt, in dem er eine Kugel in den Lauf drückt - vergeht angesichts der vielen grandiosen Szenarien, wie die Begegnung mit der blinden Emily (Sarah Keller) auf einsamer Landstraße oder die beängstigende Auflösung im Land der Toten.

Nichts, was in THE BEYOND geschieht, ist den Gesetzen von Natur oder Logik unterworfen. Emily und ihr Hund verschwinden im Nebel und tauchen gleich wieder auf, um erneut in derselben Einstellung zu verschwinden. Sounds werden bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und/oder überhöht, Menschen lösen sich nach Säureattacken in farbenfrohe Aquarelle auf, Augen sind das primäre Ziel der Untoten (ebenso wie Fulcis auf die des Zuschauers). Der Film suhlt sich förmlich in Bildern von Tod, Verwesung, Übergang, Blut und Exkrementen. Schön sind Fulcis Bilder nie, aber man bekommt sie nur schwer aus dem Gedächtnis. Dabei ist THE BEYOND - wie sein Vorgänger - kein deprimierend grimmiges Werk, sondern auf mehreren Ebenen höchst unterhaltsames Exploitation-Kino mit ungebremster Lust an Sensationsmacherei.

So unglaublich die Regie-Einfälle sind, man sollte nie das geniale Buch von Dardano Sacchetti, die Musik von Fabio Frizzi und die exzellenten Darsteller Warbeck und MacColl vergessen, die dem Ganzen erst die Klasse verleihen, und allen voran natürlich der überragende Makeup-Künstler Gianetto de Rossi. THE BEYOND und Fulci sind der Beweis für die Albernheit der populären Auteur-Theorie, die dem Regisseur die volle Verantwortung für seine Filme zuschreibt. Nicht umsonst sind viele von Fulcis früheren und späteren Werken so unansehbar und misslungen, weil er eben nicht auf die Kraft seiner talentierten Mitarbeiter zurückgreifen konnte.

THE BEYOND gehört zu den wichtigsten Filmen des italienischen Horrorkinos. Umso bedauerlicher, dass er bis heute hierzulande beschlagnahmt ist (Finger weg von den gekürzten Fassungen!). Viele spätere Regisseure nannten THE BEYOND als Inspirationsquelle - so gehört er zu den Lieblingsfilmen Quentin Tarantinos, der ihn Mitte der 90er mit seinem "Rolling Thunder"-Label erneut in die Kinos brachte, um ihm einem neuen, jungen Publikum zugänglich zu machen. Seit seinem ersten Erscheinen wird THE BEYOND belächelt, verfolgt und verehrt, aber im Gegensatz zu seinem Schöpfer wird er unsterblich bleiben.

P.S. Wer sich einen ganz besonderen Leckerbissen gönnen will, sollte sich den DVD-Audiokommentar der Darsteller Warbeck und MacColl anhören, die gut eingespielt, fröhlich gelaunt und mitreißend komisch sind, ganz besonders, wenn Warbeck seine Partnerin dazu bringt, sich die heftigeren Stellen anzuschauen. Für den missverstandenen Fulci haben sie tolle Anekdoten und jede Menge echter Herzenswärme auf Lager. Das ist Lichtjahre entfernt von den brechreizerregenden "Team"-Kommentaren aktueller Produktionen, in denen sich pausenlos selbst gelobt wird.

10/10

Im Reich der Toten -
David Warbeck und Catriona MacColl in "The Beyond"

Samstag, 16. April 2011

Ein Zombie hing am Glockenseil (1980)

Es ist praktisch unmöglich, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (City of the Living Dead) objektiv zu beurteilen. In den 80ern galt der Film als DER härteste und schrecklichste aller Horrorfilme. Er wurde beschlagnahmt, verdammt, verstümmelt, ganze Sondersendungen im ZDF wurden über ihn gemacht (Wer erinnert sich nicht gern an die öffentlich-rechtliche pädagogische Farce „Mama, Papa, Zombie“, in der manipulativ und einseitig vor den Folgen des Horrorkonsums bei Kindern gewarnt wurde). Sein Ruf war derart berüchtigt, dass die Qualitäten des Films komplett übersehen wurden.

Womit wir es hier zu tun haben, ist eine Trockenübung für Lucio Fulcis folgendes Meisterwerk „The Beyond – Die Geisterstadt der Zombies“ (1981). EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL folgt dem durch George Romero und Fulcis eigenen Vorgänger „Woodoo“ (1979) ausgelösten Trend des Zombieschockers, mixt dazu Elemente aus den Erzählungen H.P. Lovecrafts (der Handlungsort Dunwich taucht mehrfach bei Lovecraft auf) und verzichtet fast vollständig auf eine lineare Geschichte. Verbunden mit den extremen Splatter-Szenen, die tatsächlich ihresgleichen suchen, war Fulcis Film selbstverständlich kein Liebling der Kritiker, aber das Publikum mochte ihn auf Anhieb, und heute gilt er trotz oder wegen seines Rufs als kleiner Klassiker des italienischen Horrorfilms.

Worum geht es? In der bereits erwähnten Südstaaten-Stadt Dunwich erhängt sich ein Priester auf dem örtlichen Friedhof, was nach alter Überlieferung die Pforten der Hölle öffnet und die Toten zum Leben erweckt. Die steigen dann auch bald aus den Gräbern und machen sich über die Gehirne der Einwohner her. Gleichzeitig sind ein Medium (Catriona MacColl) und ein Journalist (Christopher George) auf dem Weg nach Dunwich, um die Übernahme der Welt durch die Toten zu stoppen…

Was EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL vor allem auszeichnet, ist die surreale, nebelverhangene und angsteinflößende Atmosphäre der Stadt Dunwich, in der sämtliche Charaktere schräg und geisterhaft erscheinen. Fulci beginnt seine Sequenzen oft mit der Großaufnahme eines Augenpaars, eine Weiterführung des Stilmittels, das er bereits in „Woodoo“ erfolgreich angewandt hatte. Die Handlung ist nicht mehr als ein dünner roter Faden, der die einzelnen Set Pieces zusammenhält. Diese Abkehr vom klassischen Erzählkino sollte Fulci in „The Beyond“ noch radikaler durchführen, hier wirkt sie noch etwas vorsichtig.

Zusammen mit der fabelhaften Musik von Fabio Frizzi und seinem Kameramann Sergio Salvati schafft Lucio Fulci unvergessliche, alptraumhafte Szenarien mit extremen Gewaltfantasien. Der Anblick des toten Priesters lässt die Augen der Charaktere bluten, eine Frau erbricht sämtliche ihrer Innereien vor den Augen des entsetzten Lovers (gespielt von Regisseur Michele Soavi), ein Madensturm geht auf die Protagonisten nieder (eine Hommage an Argentos „Suspiria“, 1977), die Zombies zerquetschen Gehirnmasse, und auf dem Höhepunkt wird der Dorftrottel (gespielt von Italo-Horror-Ikone John Morghen, der in vielen Genrebeiträgen sein Leben lassen musste) von einem eifersüchtigen Vater per Bohrmaschine erledigt, die sich durch seinen Kopf bohrt.

Dass man derlei Unappetitlichkeiten trotzdem unterhaltsam finden kann liegt nicht an der Abgestumpftheit des Zuschauers, sondern an der gelungenen Aufbereitung durch Makeup-Künstler Gino de Rossi, der weniger auf Realismus als auf Groteske zielt. So wird EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL auch nicht zu einem deprimierenden Folterfilmchen, sondern einem fantastischen Ausflug ins Reich des Absurden, und genau da liegt die Stärke von Lucio Fulci als Regisseur und Künstler. Man kann seine Filme auch lächerlich und stümperhaft finden, aber nur wenige werden sie aus dem Gedächtnis bekommen, denn Fulcis Bilder entspringen stets dem Unterbewusstsein.
Die Szene, in der die lebendig begrabene Catriona MacColl von Christopher George gerettet wird, in dem er den Sarg mit einer Spitzhacke bearbeitet, wobei das scharfe Ende immer kurz vor MacColls Augen landet, ist so ein Beispiel. Hier verbinden sich tiefste Urängste mit makaberem Humor und Suspense.

Dass diese Schlachtplatte nicht jedem gefällt, ist klar, soll sie auch nicht. Das Horrorgenre erreichte zu Beginn der 80er einen Härtegrad, dessen drastischste Auswüchse im italienischen Kannibalenfilm zu finden sind. Die Zuschauer verlangten nach Szenen der extremen Auflösung, die aufgrund technischer Mängel zuvor nicht möglich waren. Mitte der 80er war der Spuk wieder vorbei, als sich das Publikum wie erwartet an die hässlichsten Bilder und schlimmsten Verstümmelungen menschlicher Körper gewöhnt hatte.
Der Horrorfilm ist seit jeher ein Medium der Grenzerfahrung, und Fulcis Werke aus der Zeit gehören zu den eindringlichsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Beiträgen. Wer hier nur die Moralkeule der Gewaltpornografie schwingt und Verbote durchsetzt, hat das Medium schlicht nicht begriffen und unterschätzt das Publikum, das sehr wohl zwischen Wahrheit und Fiktion zu trennen weiß – ganz besonders, wenn ein Film wie EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL so überdeutlich Elemente des Fantastischen benutzt. Kaum ein Zombiefilm der Epoche ist so wenig in der Realität angesiedelt wie Fulcis Höllen-Oper.

Allen Kopfschüttlern zum Trotz - ich liebe diesen Film und kann ihn immer wieder sehen. 

10/10

Freitag, 15. April 2011

Astaron - Brut des Schreckens (1980)

So lieben wir das italienische Exploitation-Kino! Da werden Kinohits wie "Alien" (1979) mit heimischen Highlights wie "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" (1979) kombiniert, ein bisschen Bond darf auch gern sein, statt nur eines aufplatzenden Bauches gibt es gleich Dutzende, dazu Trash-Schauspieler wie Ian McCulloch und Siegfried Rauch, das alles kombiniert mit einer klasse Musik von "Goblin", und fertig ist ein Klassiker der frühen 80er, der zwar von vorne bis hinten keinen Sinn macht, aber herrlich unterhält. Eigentlich fehlen nur noch ein paar Zombies, um das Spektakel perfekt zu machen.

Der Beginn von ASTARON - BRUT DES SCHRECKENS (Contaminazione) ist gleich mal von Lucio Fulcis Zombie-Hit geklaut. Hier wie da treibt ein führerloses Schiff im New Yorker Hafen, allerdings kein ominöses Segelschiff wie in "Woodoo", sondern ein stinknormaler Frachtkahn, der bald von ein paar Polizisten in Schutzanzügen (Hallo, "Crazies") durchsucht wird. Diese finden dann außer einigen Leichen unzählige grüne Eier im Lagerraum, von denen eines seltsam vibriert und bald darauf aufplatzt und die Cops mit ätzendem Schleim vollsaut, woraufhin deren Bauchdecken aufplatzen und die Eingeweide nur so umherfliegen. Die Eier werden natürlich fachgerecht in wissenschaftlichen Labors untersucht und vernichtet, doch wo kommen sie eigentlich her? Sind sie von einer Marsmission auf die Erde gebracht worden? Man forscht nach und kommt einer unglaublichen (im wörtlichen Sinne) Auflösung auf die Spur...

Regisseur Luigi Cozzi (im Vorspann sehr international 'Lewis Coates' benannt) kümmert sich einen Dreck, bei wem er gerade klaut, stattdessen setzt er seine Splatter-Orgie mit Schmackes in Szene. Außer einer unendlichen Reihe aufgeplatzter Bauchdecken gibt es allerdings wenig zu sehen, diese sind jedoch so schön umgesetzt, dass sich der Gorehound durchaus am Film erfreuen kann. Dazu baut das Buch hier und da trockenen Humor ein, so dass weniger eine grimmige als eine verspielt-alberne Atmosphäre entsteht, denn ernst nehmen kann und soll man ASTARON unter keinen Umständen. Im Mittelteil hängt der Film zwar höllisch durch, doch das absurde Finale mit dem Ober-Alien (das man einfach gesehen haben muss) entschädigt für die Wartezeit.

Die Darsteller sind gut gelaunt und geben sich seriös, was angesichts der hanebüchenen Dialoge schon eine Leistung ist. Irgendwie will man aber auch genau diese Dialoge in einem Film wie ASTARON hören. Mein Lieblingszitat: "Hilfe, helft mir, hier ist ein Ei!"
Dazu wird der Trash stimmungsvoll mit einem "Goblin"-Soundtrack veredelt.
Alles in allem handelt es sich hier um eine B-Film-Perle aus der Hochphase der italienischen Filmproduktion, in der zwar ungeniert amerikanische Vorbilder kopiert, aber durch Zugabe vieler eigener Ideen und jeder Menge Atmosphäre selbstständige Werke kreiert wurden, die sich heute noch gut anschauen lassen - zugegebenermaßen mehr von denen, die - wie ich - in den 80ern groß geworden sind, als solche Filme auf der Tagesordnung standen.
Von einem guten Film ist ASTARON ganze Galaxien entfernt, aber was ist schon gut, wenn man so nett unterhalten wird?

07/10

Montag, 11. April 2011

Die Klasse von 1984 (1982)

"We Are the Future!" -
Wie wahr.

Der friedfertige Musiklehrer Andy Norris (Perry King) beginnt seinen Dienst an der Lincoln High School, in der Gewalt, Drogenhandel, Prostitution und Mobbing an der Tagesordnung sind. Die Schüler werden beim Betreten der Schule nach Waffen durchsucht, der Rektor schwört auf Kameraüberwachung des gesamten Geländes, und sogar die Lehrer sind bereits bewaffnet. Ganz besonders die Gruppe um den verzogenen Neureichenspross Stegman (Timothy Van Patten) sorgt für Unheil, dealt mit Drogen und treibt harmlose Schüler wie den pausbäckigen Michael J. Fox vor seinem Durchbruch in Angst und Schrecken. Andy sieht sich das Spektakel nicht lange an und greift ein. Damit beschwört er einen Teufelskreis aus Gewalt herauf, in dem der alltägliche Wahnsinn in einen wahren Blutrausch eskaliert...

Schön, dass es differenzierte Filme um wichtige Themen wie Gewalt an Schulen und Gewaltspiralen gibt. DIE KLASSE VON 1984 (Class of 1984) gehört nicht dazu. Dafür kann man diesen Action-Reißer, der seine Botschaften bewusst mit dem Holzhammer serviert, aber schon prophetisch nennen. Der Film war ein Hit an den Kinokassen und wurde heftig diskutiert, allzu absurd nannte man das kreierte Schreckens-Szenario von Regisseur Mark L. Lester ("Firestarter", 1984). Heute darf man feststellen, dass vieles, was hier noch überspitzt beschrieben wird, mittlerweile traurige Realität geworden ist.

Obwohl DIE KLASSE VON 1984 keine vielschichtige Studie sein will und ganz auf Exploitation setzt (mit Anklängen an das "Rape 'n Revenge"-Subgenre), ist die Darstellung des Charakters Stegman erstaunlich gut gelungen und zeichnet ein pessimistisches Bild der No Future-Generation der 80er, in der vorhandenes Potential gnadenlos der sinnlosen Zerstörungswut geopfert wird. So versteckt sich Oberbösewicht Stegman zu Hause hinter der schnöseligen Mama und könnte ein begnadeter Pianist sein, wenn er nicht ständig Ärger machen würde. Mit anderen Worten: die Jugend beraubt sich selbst jeder Perspektive und rebelliert nicht konkret gegen Establishment oder Politik (wie in den 70ern), sondern gegen alles und nichts. Dass der Film nicht so dumm ist wie er manchmal vorgibt, zeigt die Szene, in der ein zugedröhnter Schüler den Flaggenmast der Schule erklimmt und mit der US-Flagge in Händen den amerikanischen Treue-Eid zitiert, bevor er in den Tod stürzt. Dies ist der zynische Blick auf das Amerika der Gegenwart.

Das Perfide an DIE KLASSE VON 1984 ist die Art, wie Mark Lester dabei das Publikum manipuliert. Die Schüler-Gang um Stegman besteht aus lauten, brutalen, dummen und vulgären Monstern, die nicht einen Funken Sympathie oder Verständnis verdienen (und jedes Mitgefühl verlieren, wenn sie die armen Tierchen des Biologie-Lehrers Roddy McDowall töten), während Musiklehrer Norris keinerlei negativen Züge erhält. Er ist ganz der idealistische Held, der aufrechte Amerikaner, der durch die Untaten der Schüler zu gewalttätigen Gegenmaßnahmen gezwungen wird. Als Zuschauer ist man von der ersten Sekunde an auf seiner Seite, und je fieser die Aktionen der Schüler werden, desto mehr möchte man ihn als eiskalten Rächer sehen.

Tatsächlich wollte Mark Lester den Film ursprünglich mit dem Selbstmord des Anführers Stegman enden lassen, doch das Testpublikum und der Verleiher verlangten, dass Lehrer Norris höchstpersönlich den missratenen Teenager zur Hölle schickt, so sehr war man durch die Inszenierung aufgeheizt. DIE KLASSE VON 1984 weckt auch durch die rohe und konsequente Machart alle niederen Instinkte beim Publikum. Kalt lassen dürfte der Film kaum jemanden, kontrovers ist er nach wie vor.

Die schauspielerischen Leistungen sind darüber hinaus exzellent. Besonders Perry King wirkt in den finalen Zweikampfszenen, die Mark Lester mit ultimativem Realismus und einiger Härte inszeniert, absolut überzeugend, man glaubt ihm die Verzweiflung und den Wahnsinn. Sein Gegenspieler Timothy Van Patten, der mittlerweile ins Regiefach gewechselt ist, spielt ebenfalls hervorragend. Es ist ihr Duell, das den Film auf Hochtouren hält. Hier bewahrheitet sich einmal wieder die alte Hitchcock-Regel, dass ein Thriller nur so gut ist wie sein Bösewicht, und Van Patten ist ein klasse Bösewicht. Wenn er sich selbst verstümmelt, um Perry King des Übergriffs zu bezichtigen oder dessen schwangere Ehefrau quält, wünscht man ihm Tod und Pest an den Hals. Wenn King das Auto von Van Patten absichtlich zu Schrott fährt, jubelt man innerlich über den Befreiungsschlag, von dem man schon weiß, dass er nur für noch mehr Ärger sorgen wird.

DIE KLASSE VON 1984 gehört - ob man ihn mag oder nicht - zu den unverzichtbaren Klassikern des 80er Jahre-Kinos. Lesters Film ist prägnantes Zeitdokument, beklemmende Utopie und blutrünstiger Schocker in einem, wenngleich mit Sicherheit nicht jedermanns Sache.

08/10

Samstag, 9. April 2011

Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies (1979)

"We Are Going to Eat You!"

Nach George Romeros Zombie-Hit "Dawn of the Dead" (1978), der in Europa noch erfolgreicher war als in den USA, überschlugen sich vor allem die Italiener mit preiswert hergestellten Imitaten. An vorderster Front schickte Lucio Fulci seine Zombies auf die Leinwände und schuf mit WOODOO - DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (Zombie, Zombi 2) einen eigenständigen Splatter-Klassiker, der in keiner Szene Romeros Vorbild direkt imitiert und die Untoten zurück in die Karibik schickt, wo sie ursprünglich hingehörten, wie man aus Klassikern wie "Ich folgte einem Zombie" (1943) oder White Zombie (1932) weiß. Insofern ist es interessant, dass ausgerechnet der oft als Exploitationfilmer abgekanzelte Fulci zwar dem aktuellen Trend folgte, aber dennoch die Wurzeln des Genres anerkannte und würdigte.

Im Hafen von New York schippert ein menschenleeres Segelschiff umher, auf dem zwei Polizisten bei näherer Begutachtung einen übergewichtigen Zombie entdecken, der ihnen zugleich ans Leder will, aber fachgerecht per Kopfschuss erledigt werden kann, bevor er mehr Unheil anrichtet. Die Tochter des Bootsbesitzers (Tisa Farrow, Mias kleine Schwester) macht sich mit einem Reporter (Ian MacCulloch) auf, das Rätsel um den verschwundenen Vater zu lösen. Das Paar reist gemeinsam auf eine abgelegene Karibikinsel, wo ein einsamer, verzweifelter Wissenschaftler (Richard Johnston) gegen die grassierende Seuche kämpft, aufgrund derer die Toten aus ihren Gräbern steigen. Bald schon sehen sich die Besucher einer ganzen Armee von Zombies gegenüber...

Schon der Beginn von WOODOO mit dem führerlosen Schiff schafft eine unheimliche, surreale Atmosphäre, die Fulci nicht ganz durchhält, die er aber in späteren Werken wie "The Beyond" (1981) meisterhaft perfektionieren sollte. Die Filmzeit bis zur Ankunft des Paares auf der Insel wird mit hübschen Ansichten der Karibik und der halbnackten Auretta Gay gefüllt, die bei der Überfahrt zu einem Tauchgang ansetzt und dabei einem Hai sowie einem Unterwasser-Zombie begegnet, die einen Kampf um Leben und Tod austragen - eine Szene, die wohl einmalig in der Filmgeschichte ist.
Der nächste Höhepunkt folgt auf dem Fuße, wenn Olga Karlatos, die Gespielin unseres Mad Scientists, von Zombies angegriffen und durch eine zersplitterte Tür gezogen wird, wobei sich ein fingerlanger Splitter direkt in ihr Auge bohrt. Dieser Effekt ist so glaubwürdig in Szene gesetzt, dass sie wohl bis heute kein Zuschauer ohne inneres Kreischen begutachten kann.

Lucio Fulci, der zuvor schon etliche Filme verschiedenster Genres inszeniert hatte, erreichte in WOODOO und seinen folgenden Filmen eine kreative Hochphase. Vor Gewalt und Splatter schreckt er nicht zurück, sondern hält drauf, als ginge es um sein Leben. Das Blut fließt heftiger als die Niagara-Fälle, Halsschlagadern werden aufgerissen, Körper ausgeweidet und verspeist, und dennoch gelingen dem Film immer wieder beeindruckend atmosphärische Sequenzen und starke Bilder, die über das reine Gemetzel hinausgehen. Das apokalyptische Schlussbild etwa (siehe unten) ist ebenso schlicht wie effektiv.

Da Fulci nur ein geringes Budget zur Verfügung stand, tragen die Zombies teilweise unfertiges Makeup bis zur Dekolletégrenze (man beachte zum Beispiel, wie im Finale Aufnahmen von geworfenen Molotov-Cocktails immer wiederholt), trotzdem kann sich der Film aber absolut sehen lassen, was auch der exzellenten Cinemascope-Kameraführung und der Musik von Fabio Frizzi zu verdanken ist.

Kann man sich heute noch vorstellen, dass ein Film wie WOODOO seinerzeit in allen Kinos lief? Hauptdarsteller Richard Johnson zumindest dürfte sich gewundert haben, wie sehr das Kino sich verändert hatte, war er doch Anfang der 60er noch Star in einem der subtilsten Gruselklassiker aller Zeiten, Robert Wises "The Haunting" (1963) und musste nun mit eingeweckten Organen hantieren und lebende Tote erschießen.

WOODOO war genau wie Romeros Vorbild ein großer Hit (selbst in den USA), und kurz darauf schossen Zombie-Spektakel wie Pilze aus italienischem Boden, darunter viele sehenswerte, aber auch mindestens genau so viel Schrott. Lucio Fulci begründete seinen bis heute erhaltenen Ruf eines europäischen Splattermeisters, den er mit seinen folgenden Filmen "Ein Zombie hing am Glockenseil" (1980), "The Beyond - Die Geisterstadt der Zombies" (1981) und "Das Haus an der Friedhofsmauer" (1982) zementierte.

WOODOO hat die Zeit gut überdauert. Er ist besonders im Hochsommer immer noch ein scheußlich-schönes Vergnügen und rangiert in der Zombiefilm-Hitparade aller Horror-Fans zu Recht ganz weit oben.

10/10

Die Muppets... äh... Zombies erobern Manhattan - "Woodoo"

Sonntag, 3. April 2011

Squirm - Invasion der Bestien (1975)

Seit Alfred Hitchcock 1962 seine mordgierigen "Vögel" auf die Kinoleinwände losließ, wimmelte es im Horrorfilm von gefräßigen Killer-Krokodilen, Fledermäusen, Piranhas, Bären und sogar Fröschen, die Telefonleitungen kappen können.
Einen der besten Vertreter des Tierhorror-Subgenres namens SQUIRM (Squirm) inszenierte Jeff Lieberman, der später mit seinem LSD-Schocker "Blue Sunshine" (1978) noch ein weiteres Genre-Highlight gelingen sollte, bevor er leider wieder in der Versenkung verschwand. In SQUIRM verwandeln sich ausgerechnet friedliche Regenwürmer in angsteinflößende Bestien, aber das auf überraschend überzeugende Art und Weise.

Ein umgestürzter Strommast sorgt dafür, dass in einem Südstaaten-Kaff in Georgia der Boden unter Hochspannung gesetzt wird. Der Großstädter Mick (Don Scardino) will dort gerade seine Freundin Geri (Patricia Pearcy) besuchen und macht sich gleich im ganzen Hinterwäldler-Dorf unbeliebt. Ganz besonders dem Orts-Sheriff ist Mick ein Dorn im Auge, und auch der einfältige Roger (R.A. Dow), der Geri selbst gern an die Wäsche gehen würde, möchte den Besucher schnell loswerden.
Gleichzeitig überfallen die vom Starkstrom aufgeheizten Würmer einen Antiquitätenhändler und Rogers Vater, der eine Wurmfarm betreibt. Von ihnen bleiben nur noch Knochen übrig. Auch Roger erleidet ein schreckliches Schicksal, als er bei einem Angelausflug kopfüber in die Köder fällt und sich die Würmer in sein Gesicht fressen (die mit Abstand scheußlich-schönste Szene). Im Finale müssen Mick und Geri gegen eine groteske Flutwelle von Würmern ankämpfen, die Geris Heim überfallen, mittendrin der mittlerweile mutierte Roger als Schreckgestalt aus der Hölle...

SQUIRM ist ein kleiner, preiswert hergestellter B-Film, der ganz typisch für die 70er eine Menge Charme, Ideen und Substanz besitzt, die für das fehlende Budget entschädigen. Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet und weit entfernt von den kiffenden, dauergeilen Teenagern des 80er-Slasherfilms, die sich bis heute im Kino gehalten haben. Die Liebesgeschichte zwischen Mick und Geri ist sogar recht anrührend erzählt, auch wenn das Hauptaugenmerk von SQUIRM natürlich auf den Würmern liegt. Diese sind tatsächlich nichts für schwache Nerven und tauchen überall dort auf, wo man sie gar nicht gebrauchen kann - zum Beispiel schlängeln sie sich aus einer Duschbrause.
Die Effekte stammen von Rick Baker, der kurz darauf zu einem der Genrestars werden sollte und für seine Arbeit an "American Werewolf" (1981) den Oscar erhielt. Er setzt die Würmer so überzeugend in Szene, dass man sich als Zuschauer das eine oder andere Mal auf dem heimischen Sofa wohlig verkriecht, ganz besonders im schaurigen Finale, das stark an Hitchcocks schon erwähntes Meisterwerk erinnert.

Die feucht-schwüle, dreckige Atmosphäre des Südstaaten-Nests wird glaubwürdig vermittelt, und trotz einiger weniger Längen bleibt SQUIRM durchweg spannend. Da hat man schon wesentlich teurere und schlechtere Varianten des Tierhorrors gesehen.
Alles in allem handelt es sich bei SQUIRM um einen liebreizenden kleinen Schocker mit ausgezeichneten Ekeleffekten, der nie über Gebühr blutrünstig wird, sondern seinen Horror aus menschlichen Urängsten und einer angeborenen Abneigung gegen kriechendes Schleimgetier bezieht.

Anekdote am Rande: Jeff Lieberman wollte SQUIRM ursprünglich in Schwarzweiß drehen, weil er seinen Film als Hommage an die 50er-Monsterfilme verstand, musste sich aber dem Druck des Verleihs beugen. Auf der US-DVD fordert Liebermann im Regiekommentar die Zuschauer während des Finales auf, die Farbe spaßeshalber herunterzuschrauben, und der Effekt ist tatsächlich beeindruckend.

08/10

Aushangfoto von "Squirm"
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