Freitag, 27. Mai 2011

Der Auslandskorrespondent (1940)

DER AUSLANDSKORRESPONDENT (Foreign Correspondent) ist Alfred Hitchcocks zweiter amerikanischer Film nach "Rebecca" (1940). Mit dieser Mischung aus Spionagefilm, Action und politischer Propaganda, in welcher der Held quer durch Europa gehetzt wird, folgte er den großen Erfolgen, die er in England mit Filmen wie "Die 39 Stufen" (1935) und "The Man Who Knew Too Much" (1934) hatte.
Leider ist die Zeit nicht allzu freundlich mit dem AUSLANDSKORRESPONDENT umgegangen, und heute zählt er trotz vieler visueller Highlights nicht zu Hitchcocks wichtigeren Arbeiten.

Zum Inhalt: Europa steht der 2. Weltkrieg bevor. Der US-Reporter John Jones (Joel McCrea) wird unter dem falschen Namen Huntley Haverstock nach London geschickt, wo er Stephen Fisher (Herbert Marshall),, Chef einer US-Friedensorganisation, kennen lernt und sich gleich in dessen hübsche Tochter (Laraine Day) verliebt. In Holland soll er an einem Friedenskongress teilnehmen, wird aber stattdessen zeuge, wie dort der wichtigste Sprecher Van Meer (Albert Bassermann) vor den Augen der wartenden Journalisten und Gäste ermordet wird. Er verfolgt den Attentäter bis zu einer geheimnisvollen Windmühle und kommt nach und nach auf die Spur eines politischen Komplotts, das ausgerechnet vom Friedensaktivisten Fisher initiiert wurde...

Nach dem Riesenerfolg von "Rebecca" war Hitchcock überrascht, für seinen Thriller keine A-Besetzung zu bekommen. Der von ihm favorisierte Gary Cooper etwa lehnte die Hauptrolle ab, weil Thriller zu jener Zeit als B-Filme galten. Daher übernahm Western-Darsteller McCrea die Hauptrolle, der als sympathischer Journalist zwar überzeugt, aber nicht sonderlich interessant ist. Ebenso bleibt Laraine Day als Frau seines Herzens blass. Es ist bezeichnend, dass Hitchcock sehr viel mehr Freude an George Sanders zeigt, der als schottischer Kollege McCreas deutlich mehr Skurrilität und Ausstrahlung besitzt und im Verlauf des Films einige Action-Momente für unseren Helden übernimmt.

Die außergewöhnlichen Darstellungen finden sich in den Nebenrollen. Herbert Marshall, der noch Jahre zuvor in Hitchcocks britischem "Mord - Sir John greift ein" (1930) den Ermittler gab, ist hier ein exzellenter Bösewicht. Der Komödiant Robert Benchley hat großartige Szenen als versoffener Reporter-Kollege, der große Theatermime Albert Bassermann bleibt unvergesslich als Van Meer und dessen Doppelgänger, und als Attentäter, der McCrea vom Kirchturm stürzen will, darf Edmund Purdom ("Immer Ärger mit Harry", 1955) seinen ersten Hitchcock-Auftritt absolvieren. Bemerkenswert ist übrigens das Tempo, in dem die Schauspieler die Dialoge vortragen. Das sieht und hört man heute nicht allzu oft.

In seiner Inszenierung bemüht sich Hitchcock, McCrea von einer spannenden Situation zur nächsten zu jagen und schafft gerade zu Beginn einige echte Action-Höhepunkte wie die Autoverfolgungsjagd nach dem Mord an Bassermann und McCreas Flucht vor zwei Killern über die Hotel-Balustrade. Zu recht berühmt ist die Windmühlen-Sequenz, die fast expressionistische Qualität erreicht. Das Ausnutzen von landestypischen Merkmalen (Holland/Windmühlen, London/Kirchturm) für Suspense-Sequenzen war Hitchcocks Spezialität. Das Finale mit dem abstürzenden Flugzeug, in dem sich sämtliche Hauptdarsteller befinden, die sich daraufhin im tobenden Ozean auf eine abgebrochenen Tragfläche retten, ist eine tricktechnische Meisterleistung.

Und dennoch - irgendwie will DER AUSLANDSKORRESPONDENT bei mir nicht so recht zünden. Er befand sich in der Reihenfolge meiner Lieblings-Hitchcocks immer weit unten und wird auch nach erneuter Sichtung dort bleiben. Man kann ihm kaum einen Vorwurf machen, weder in formaler noch inhaltlicher Hinsicht, aber es fehlen Geheimnisse, Komplexität und Hitchcocks Lieblingsthemen wie Schuldübertragung oder düstere, erotische Obsessionen. Die Charaktere bleiben eindimensional, die Helden sind gut (und langweilig), die Bösen sind böse, der aufrechte Amerikaner entwickelt ein politisches Bewusstsein, etc., etc.
Oder anders: Wo ist eine Mrs. Danvers, wenn man sie braucht? Wo ist die kühle Blondine, die mit Handschellen an den Helden gekettet, die Nacht mit ihm verbringen muss? Und wo steckt die verschwundene alte Dame?
DER AUSLANDSKORRESPONDENT ist solide Unterhaltung ohne weiteren Tiefgang, Doppeldeutigkeiten oder packende emotionale Konflikte, auch bei mehrfachem Sehen gibt es nichts, was man überraschend entdecken könnte. Insofern bleibt er für mich ein zu vernachlässigender Film. Der thematisch ähnliche "Ministerium der Angst" (1945) von Fritz Lang gefällt mir deutlich besser.

DER AUSLANDSKORRESPONDENT lief hierzulande zunächst in einer gekürzten und in der Synchronisation verfälschten Fassung unter dem Titel "Mord", später erstellte das ZDF eine korrekte und komplette Synchronfassung unter dem jetzigen Titel.

6,5/10

Dienstag, 24. Mai 2011

Das unheimliche Fenster (1949)

Wüsste man es nicht besser, könnte man DAS UNHEIMLICHE FENSTER (The Window) für eine lupenreine Hitchcock-Hommage halten, weil er viele Elemente des Thriller-Meisters verwendet und ganze Einstellungen an dessen Werke erinnern. Tatsächlich verhält es sich aber umgekehrt. Regisseur Ted Tetzlaff hat hier vieles eigenhändig etabliert, was bei Hitchcock später Verwendung fand. Das verwundert nicht, da beide 1946 bereits zusammen arbeiteten. Tezlaff war der Kameramann bei einem von Hitchcocks besten Filmen, "Berüchtigt".

DAS UNHEIMLICHE FENSTER erzählt vom neunjährigen Tommy Woodry (Bobby Driscoll), der mit seinen Eltern (Arthur Kennedy und Barbara Hale) in einer kleinen Wohnung in New York lebt und gern frei erfundene Lügengeschichten erzählt, um sich wichtig zu machen. Als er eines nachts aufgrund der Hitze draußen auf der Feuertreppe schläft, beobachtet er, wie das Nachbarsehepaar ein Stockwerk höher einen Mann ermordet und die Leiche beseitigt. Leider glaubt Tommy niemand die Geschichte, weder seine Eltern, noch die Polizei. Als aber die Nachbarn von seinen wilden Erzählungen Wind bekommen, beschließen sie, den Jungen verschwinden zu lassen...

Der Name Hitchcock taucht bei solch einer Situation natürlich automatisch auf. Der Film verlässt seinen begrenzten Schauplatz nur selten und braucht lediglich ein Minimum an Exposition, um sofort zu Hochspannung aufzulaufen, die bis zum aufregenden Finale, in dem der kleine Tommy durch ein leerstehendes Abbruchhaus vor dem mörderischen Nachbarn flieht, nicht abreißt.
Die Ähnlichkeiten zwischen dieser Geschichte und dem späteren "Das Fenster zum Hof" (1954) sind nicht zufällig, da beide Filme nach Vorlagen von Cornell Woolrich entstanden. Hier wie dort sorgen der heiße Großstadt-Sommer und die blühende Fantasie des Protagonisten für reichlich Nervenkitzel. Daneben gibt es im UNHEIMLICHEN FENSTER noch einen Mord mit der Haushaltsschere ("Bei Anruf Mord", 1954), und wenn zu Beginn die Stadt New York in der Totalen eingefangen wird, bevor die Kamera langsam auf ein Apartmentfenster zufährt, fällt einem unweigerlich "Psycho" (1960) ein. Die böse Nacbhbarin wird von Ruth Roman gespielt, die kurz später in "Der Fremde im Zug" (1951) die weibliche Hauptrolle übernahm und von Hitchcock deutlich glamouröser geführt wurde.

DAS UNHEIMLICHE FENSTER weist mit seinen 70 Minuten Spielzeit keinerlei Längen auf, es gibt keine einzige überflüssige Szene oder Einstellung im gesamten Film. Es ist absolut erstaunlich, mit wie wenig Aufwand und Mitteln Tetzlaff den Zuschauer in Atem hält, dank des hervorragenden Drehbuchs von Mel Dinelli, guten Darstellern und effektiver Kameraführung. Ebenso bemerkenswert ist das Setting, das geradezu neorealistisch wirkt. Die Charaktere leben in der Lower Eastside in heruntergekommenen, schäbigen Apartments, trocknen die Wäsche über der Straße, und die Kinder spielen zwischen Schutthaufen und in teilweise abgerissenen Häusern. Keine Hollywood-Übertreibung stört das authentische Gefühl der Geschichte, die dadurch umso realistischer und nachvollziehbarer wirkt.
Und wie in den besten Filmen geht es um mehr als das, was wir vordergründig an Handlung sehen. Subtil erzählt sich darunter die Geschichte eines Kindes, das um den Respekt und die Liebe seines Vaters kämpft, der früh im Film sagt "Du willst doch nicht, dass ich mich für dich schämen muss", und nach dem Herzschlag-Finale den Kleinen in den Arm nehmen und seinen Stolz ausdrücken kann. Dass Tommy sich nun keine "Geschichten mehr ausdenken wird" ist mehr als nur eine moralische Pointe.

DAS UNHEIMLICHE FENSTER war ein großer Erfolg an den Kinokassen und gilt als Klassiker, er erhielt sogar eine Oscar-Nominierung (für den besten Schnitt), was für einen kleinen B-Film wie diesen absolut ungewöhnlich war. Kinderdarsteller Bobby Driscoll durfte einen Spezialoscar in Empfang nehmen. Es war der Höhepunkt seiner Karriere, die bald schon beendet war. Driscoll starb im Alter von nur 31 Jahren an den Folgen seiner Drogenabhängigkeit.

Hierzulande ist DAS UNHEIMLICHE FENSTER nicht ganz so bekannt. Ich erinnere mich aber noch genau, dass ich ihn als Kind im TV gesehen und mich fast zu Tode gefürchtet habe. Oft verlieren diese Erlebnisse ihre Kraft, wenn man die Filme im erwachsenen Alter wieder sieht, aber DAS UNHEIMLICHE FENSTER hat bis heute nichts von seiner Klasse verloren.

10/10


Das Fenster zum Mord - The Window

Montag, 23. Mai 2011

Der Besuch (1964)

Die jüngst erschienene DVD von Bernhard Wickis DER BESUCH (The Visit) bietet die gute Gelegenheit, einen Film wieder zu sehen und eventuell auch neu beurteilen zu können, der einen unglaublich schlechten Ruf besitzt.
Die Adaption von Dürrenmatts berühmtem Stück "Der Besuch der alten Dame" mit Starbesetzung gilt als komplett misslungene Theaterverfilmung, wurde seinerzeit sowohl vom Publikum als auch von Kritikern abgelehnt und verschwand in der Versenkung. Nun ist sie wieder da.

Zum Inhalt - der mehr als nur vage von Dürrenmatts Vorlage abweicht: Die schwerreiche Karla Zachanassian (Ingrid Bergman) kehrt zurück in ihre osteuropäische Heimatstadt Gullen, wo sie begeistert empfangen wird, da die Stadt bankrott ist und auf einen Geldsegen der Milliardärin hofft. Tatsächlich verspricht die ältere Dame zwei Millionen für Gemeinde und Einwohner, aber unter einer Bedingung: Karlas Jugendliebe Serge (Anthony Quinn), mit dem sie als junges Mädchen ein Kind zeugte, woraufhin sie mit Schimpf und Schande aus der Heimat gejagt wurde und in einem Freudenhaus landete, soll auf ihr Verlangen hin getötet werden, um ihre jahrzehntelange Rachsucht zu befriedigen. Zunächst wehren sich die Gullener gegen diese unmoralische Erpressung, doch die Gier wächst und wächst...

Wer hofft, einen womöglich ungerecht vergessenen Film wieder entdecken zu dürfen, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dabei fällt die Exposition des Films - Vorbereitung, Ankunft und Forderung der alten Dame - noch recht unterhaltsam aus. Die kontrastreiche Schwarzweißfotografie (Cinemascope) und die ungewöhnliche Musik von Hans-Martin Majewski werden gut eingesetzt. Gedreht wurde der Film in den berühmten Cinecittà-Studios in Rom.
Die effektvoll gegen den Typ besetzte Ingrid Bergman zeigt viel Spielfreude und Lust an der Darstellung einer durch und durch moralisch verkommenen Frau, die nur mit Hohn und Spott auf die rührenden Versuche der Gullener reagiert, ihr einen großspurigen Empfang zu bereiten. Als fleischgewordener Kapitalismus erhält sie extravagante Gewänder, die besten Dialoge und jede Menge Raum, um zu glänzen. Sie thront auf ihrem Balkon hoch über der Stadt wie eine Königin und füttert ihren Liebling - einen Leoparden mit Diamanthalsband - mit rohem Fleisch.
Allein wegen Bergmans Darstellung ist DER BESUCH sehenswert.

Alles, was darüber hinausgeht, enttäuscht hingegen maßlos, und der Film hängt gnadenlos durch, sobald Bergman aus der Szenerie verschwindet. So darf man Anthony Quinn als krasse Fehlbesetzung bezeichnen. Als ehemaliger Liebhaber der Bergman wirkt er blass und uninteressant, und es ist kontraproduktiv, wenn Bergmans Karla die Sympathien voll und ganz auf ihrer Seite hat. Auch die übrigen, durchaus bekannten Darsteller wie Romolo Valli, Valentina Cortese und Hans-Christian Blech werden von Bergman überschattet und bleiben farblos.

Dass DER BESUCH es darüber hinaus wagt, das sarkastische, schwarzhumorige Ende des Stücks in eine Art Happy End zu verwandeln, ist eine derartige Dummheit, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann. Die Adaption verändert nicht nur den Kern von Dürrenmatts Vorlage, sondern verkehrt sie ins Gegenteil. Der Kapitalismus ist hier nicht mehr das alles zerfressende Monster, das sogar moralisch integre Menschen in Mörder verwandelt, sondern darf sogar noch Güte und Gnade zeigen. Erbärmlich. Dieses Ende wurde Regisseur Bernhard Wicki von der produzierenden 20th Century Fox aufgezwungen, und es versenkt den Film an Ort und Stelle. Als Theaterverfilmung wird DER BESUCH dadurch indiskutabel und zeigt quasi exemplarisch Hollywoods schlechteste Seite, ein komplettes Unverständnis für Tiefe und Dramatik, die Kitsch und Sentimentalität weichen müssen. Dass der Schweizerische Handlungsort Güllen nach Osteuropa verlegt wurde, lässt ebenso tief blicken. Kapitalismuskritik und Hollywood - als hätte man es geahnt...

Natürlich mogelt der Film auch bei Bergmans Figur, sowohl bei ihrem Alter (sie ist deutlich jünger und begehrenswerter als im Stück, das sie als altes wandelndes Ersatzteillager beschreibt) als auch bei ihrer tragischen Vorgeschichte, aber das wären Änderungen, mit denen man leben könnte. Es ist schade, dass Ingrid Bergmans wundervolle Vorstellung so gnadenlos in einem Film untergeht, der praktisch alle Möglichkeiten sinnlos verschenkt.

Nachdem Bernhard Wicki mit "Die Brücke" (1959) einen künstlerisch überzeugenden und internationalen Erfolg inszeniert hatte, erlitt er mit DER BESUCH heftig Schiffbruch. Zyniker würden sagen, das hat man nun davon, wenn man eine literarische Vorlage so vergewaltigt. Für Bergman-Fans ist DER BESUCH dennoch unverzichtbar. Die Schauspielerin war in ihrer Filmografie selten so bösartig, bissig und intrigant. Es ist eine Freude, ihr zuzuschauen.

05/10

Freitag, 20. Mai 2011

Man-Eater - Der Menschenfresser (1980)

Aristide Massaccesi (auch bekannt als Joe D'Amato) hat neben zahlreichen Soft - und Hardcore-Erotikstreifen Anfang der 80er einige harte Horrorfilme gedreht, von denen MAN-EATER (Antropophagus) und "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf" (1979) die bekanntesten sind. Gleichzeitig gehören sie auch zu den berüchtigtsten Vertretern des Splatterfilms, der zu dieser Zeit in Mode war, und sind beide bis heute hierzulande wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt.

Aufgrund der Zensurbehörden erlangte MAN-EATER einen beachtlichen Kultstatus und spaltet seit jeher die Horror-Fangemeinde. Für die einen ist er ein billiger, geschmackloser und kranker Schnellschuss, für die anderen ein atmosphärisch-düsterer Klassiker für Hartgesottene. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte.

Viel Handlung gibt es nicht zu erzählen. Eine Gruppe Touristen bereist per Boot eine griechische Insel, auf der man ein verlassenes Dorf entdeckt. Während die Urlauber sich noch fragen, wo alle Einwohner geblieben sind, lauert unentdeckt schon der Man-Eater (George Eastman), der einen nach dem anderen brutal ermordet und verspeist. Der Hintergrund: selbst schiffbrüchig geworden, musste der Man-Eater seine Frau und den gemeinsamen Sohn töten, um zu überleben. Seitdem ist er - sagen wir mal, psychisch etwas angeknackst und folgt seinem kannibalistischen Trieb...

Der psychologische Background des Man-Eaters ist dabei durchaus als bodenloser Schwachsinn zu verstehen, zumal Joe D'Amato sich nie entscheiden kann, ob der Man-Eater nun irre, ein Kannibale oder ein Zombie ist, da er übermenschliche Kräfte zu haben scheint. Da sowohl Zombie- als auch Kannibalenfilme zu Beginn der 80er gerade "in" waren, bedient er einfach alle Zielgruppen, was auch in Ordnung ist.
Was ihm gut gelingt ist die Inszenierung seines Hauptdarstellers Eastman (aka Luigi Montefiore), der tatsächlich riesenhaft und grauenerregend wirkt, wenn er plötzlich hinter Türen, in Zimmerecken oder im Licht eines Gewitterblitzes auftaucht. Zudem kann sich die letzte halbe Stunde des Films spannungsmäßig wirklich sehen lassen. Der finale Schlussfight zwischen dem Man-Eater und Hauptdarstellerin Tisa Farrow (bekannt aus Fulcis "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies", 1979), in dessen Verlauf Farrow hilflos am Seil in einem tiefen Brunnen baumelt, während der Kannibale aus dem Untergrund zu ihr hochklettert, sorgt trotz einiger unfreiwilliger Komik zuvor für Gänsehaut und Nägelknabbern. Der darauf folgende Abschluss des Films, in welchem der Man-Eater mit der Spitzhacke malträtiert wird und seine eigenen Eingeweide vernascht, bevor er abtritt, ist ebenso lachhaft wie auf bizarre Art einprägsam. Weitere Highlights sind ein Ausflug in den stockfinsteren Weinkeller eines Gemäuers und Farrows Flucht über einen alten Friedhof (der überraschend an unsere geliebten Hammer-Filme erinnert).

Bis es aber zu diesen Highlights kommt, vergeht eine geschlagene Stunde Filmzeit, in der praktisch nichts passiert und das Wort "durchhängen" eine ganz neue Bedeutung bekommt. Der Zuschauer wird mit belangloser Synthie-Musik zugedudelt, die sich in jedem griechischen Restaurant gut machen würde (der Fairness halber muss man sagen, dass sie später besser wird und mit sakralen Gesängen sogar für Grusel sorgt), daneben gibt es banale bis ominöse Dialoge, die typische Kartenlegerin, die allen Reisenden ein schreckliches Schicksal prophezeit, darf auch nicht fehlen. Ansonsten herrscht absoluter Leerlauf. Fans des Films beharren darauf, dass hier Atmosphäre aufgebaut würde, und tatsächlich liegt eine konstante Bedrohung über den Bildern, aber die Charaktere bleiben uninteressant und nichtssagend, ebenso die Schauspieler.

MAN-EATER wurde selbstverständlich schnell zum Vorzeigeobjekt für hysterische Jugendschützer, die sich besonders an einer Szene stießen, die man schon als absoluten Tabubruch bezeichnen darf, und so ist sie auch gemeint. Dort reißt der Man-Eater einer hochschwangeren Frau (Serena Grandi, die - anders als üblich - ihre Bluse über die komplette Laufzeit anbehalten darf) den Fötus aus dem Unterleib und beißt herzhaft hinein. Der ebenfalls sterbende Ehemann schaut zu. Ja, dazu kann man nicht mehr viel sagen, außer, dass die Spezialeffekte aufgrund ihrer preiswerten Machart nicht unter die Haut gehen. Das Baby ist ein gehäutetes Kaninchen und sieht gottseidank nicht im entferntesten wie ein Fötus aus. Ernsthaft inszeniert wäre diese Sequenz unerträglich, so ist sie wie vieles im Film - ekelhaft, aber zu albern, um ernst genommen zu werden. Tabubrüche sind darüber hinaus nichts schlechtes, immerhin kann man so seine eigenen Geschmacksgrenzen austesten, und dafür ist der Horrorfilm nun mal das geeignete Medium. Wer das nicht mag, soll draußen bleiben.

Unterm Strich bleibt ein harter Schocker, der mit mehr Anstrengung und überzeugenderen Masken sehr viel sehenswerter wäre. Sein Platz in der Horrorfilmgeschichte ist ihm aber aufgrund der schieren Sensationsgeilheit, der Aufmerksamkeit durch Staatsanwälte und Zensoren, sowie der unverhüllten Absicht, dem Publikum das Popcorn wieder hochkommen zu lassen, für alle Zeiten sicher.

1981 inszenierte D'Amato mit "Absurd" (Antropophagus II") eine Quasi-Fortsetzung. Auch hier spielt Eastman einen irren Killer, der Blut braucht, um sich zu regenerieren, und dafür einen Babysitter terrorisiert. Inhaltlich hat der Film, abgesehen von einigen ultraharten Splatterszenen, nichts mit dem MAN-EATER zu tun. Eine Gemeinsamkeit bleibt dennoch - auch "Absurd" wurde flugs beschlagnahmt.

06/10

Freitag, 13. Mai 2011

Ich sehe den Mann deiner Träume (2010)

Nachdem ich von Woody Allens letzten Werken nicht unbedingt begeistert war, stellte sich ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME (You Will Meet a Tall Dark Stranger) als willkommene Überraschung heraus. Zwar fehlt dem Beziehungsdrama der scharfe Witz früherer Allens, dafür bietet er aber eine Menge Tempo, differenzierte Charaktere, hervorragende Schauspieler und einige sehr kluge (und erwachsene) Beobachtungen über menschliches Verhalten. Für den mittlerweile 41. Film eines über 70jährigen wirkt sein Film erstaunlich frisch und vital. Das Kino-Publikum wusste das zu honorieren und bescherte ihm ansehnliche Zuschauerzahlen.

Die Handlung spielt in London, geschildert werden parallel diverse Liebesbeziehungen von Figuren, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und entweder von selbst ausbrechen oder durch äußere Umstände gezwungen werden, neue Wege zu beschreiten.
Alfie (Anthony Hopkins) hat seine langjährige Ehefrau Helena (Gemma Jones) für eine sexy Teilzeit-Prostituierte (Lucy Punch) verlassen, die mehr an Alfies Geld interessiert ist (Klischee oder Wahrheit? Wer kann das sagen?). Die sitzen gelassene Helena schaut seitdem gern zu tief in die Whiskyflasche und belagert eine Wahrsagerin, die ihr stets eine rosige Zukunft verspricht. Helenas Tochter Sally (Naomi Watts) steckt in einer sexlosen Ehe mit dem Autor Roy (Josh Brolin), der nach seinem ersten erfolgreichen Roman keinen zweiten zustande gebracht hat und ein Verhältnis mit einer jungen Frau beginnt, die im Haus gegenüber wohnt, selbst aber verlobt ist. Sally wiederum verliebt sich in ihren verheirateten Chef (Antonio Banderas), der ihre Gefühle scheinbar erwidert, aber längst eine Affäre mit einer anderen jungen Dame pflegt. Das Liebeskarussell dreht sich immer schneller, und bald stehen alle Figuren mehr oder weniger vor einem Scherbenhaufen, der mal ihr Leben war...

Woody Allen lässt sich zunächst viel Zeit, die Charaktere einzuführen (wie schon in "Vicky Cristina Barcelona" wird das Geschehen aus dem Off erzählt), vollbringt dies aber in ungewohnt kurzen und temporeichen Szenen, die man in der Form länger nicht von ihm gesehen hat. Nach dem ersten Drittel kann er dann mit zahlreichen Wendungen überraschen, die zumeist unvorhersehbar sind, selbst wenn man das Figurenarsenal und die angesprochenen Themen (erfolglose Künstler am Scheideweg, Ausbruch aus einer langen Beziehung, der zweite Frühling, die Sinnsuche im Leben, etc.) bereits kennt. ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME wird zwar als Komödie verkauft und kann durchaus mit einigen herzhaften Lachern aufwarten, insgesamt ist der Ton aber eher düster, auf Slapstick und Situationskomik wird komplett verzichtet. Man könnte den Film eher als leichte und amüsante Variante von Allens "Innenleben" (1978) beschreiben, da die Beziehungskonstellationen nahezu identisch sind.

Dargeboten wird das amouröse Bäumchen-wechsel-dich-Spiel von dem vermutlich besten Ensemble, das Allen seit "Harry außer sich" (1997) zur Verfügung stand. Alle Schauspieler bekommen ihre Glanzmomente, aber es sind besonders Anthony Hopkins als alternder Lustgreis, der seine junge Geliebte nur mit Hilfe von Viagra beglücken kann, Gemma Jones als naive, verlassene Ehefrau und (wer hätte das gedacht?) Antonio Banderas als Wolf im Designer-Schafspelz, die für die stärksten Szenen sorgen.
Auch Josh Brolin hat sich vom Pin-Up zum echten Charakterdarsteller gemausert, und er bekommt von Allen den besten Handlungsstrang, wenn er als erfolgloser Schriftsteller das Manuskript eines Bekannten stiehlt und als seines ausgibt, nachdem er von dessen Ableben erfahren hat - was sich als fataler Irrtum herausstellt, denn der Betroffene liegt 'lediglich' im Koma, aus dem er jederzeit wieder erwachen kann, womit Brolins Karriere und Leben ruiniert wären. Dieses Damoklesschwert, das Brolin nun mit sich tragen muss, steht (bzw. hängt) stellvertretend für die Ungewissheit der Zukunft aller Charaktere, die weder von Scharlatanen vorausgesagt, noch durch Verzweiflungstaten wie radikale Schnitte im Privatleben beeinflusst werden kann. Dennoch versuchen alle, ihrem Schicksal - so, wie es sich ihnen darstellt - zu entkommen.

Wer am Ende mit wem und in welcher Situation endet, bleibt bis zum Finale unklar, das macht ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME so unterhaltsam, und es wundert nicht, dass Woody Allen sich den schönsten Ausgang für die Figur vorbehält, die wir wohl am meisten ins Herz geschlossen haben, während andere ihre verdiente oder auch unverdiente Strafe erhalten. Und Reinkarnation ist nur eine noch größere Strafe, weil man in einem weiteren Leben nur noch mal alles versauen kann.
Den größten Lacher erzielt die hinreißende Lucy Punch als vulgäre, strohdumme Geliebte von Sir Anthony Hopkins, der durch ihre Einkäufe in die Pleite getrieben und von einem Rivalen zusammengeschlagen wurde und nun auch noch erfährt, dass die Dame schwanger ist - ohne zu wissen, von wem eigentlich. "Du solltest eigentlich vor Glück zerspringen. Das ist doch genau das, was du wolltest!"

Oder wie Allen an anderer Stelle sagt: "Wenn man gerade denkt, schlimmer kann es nicht mehr werden, lehrt einen das Schicksal, dass es noch viel dicker kommen kann."
Da ist er wieder, unser Lieblings-Pessimist. Mir hat's gefallen. Freue mich auf den nächsten.

08/10

Mittwoch, 11. Mai 2011

Blu-Ray-Veröffentlichung: Blow Out (1981)

Eine gute Nachricht für alle Cineasten. In den USA ist soeben in der renommierten Criterion Collection Brian De Palmas BLOW OUT - DER TOD LÖSCHT ALLE SPUREN (Blow Out) als Blu-Ray Special Edition erschienen.
Beim Start fiel der an Antonioni angelehnte Polit-Thriller bei Publikum und Kritikern durch, hat sich aber in den folgenden Jahrzehnten einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet und gilt heute als eines von Brian de Palmas besten Werken.

Die Blu-Ray präsentiert den Film zum ersten Mal in einem vom Regisseur abgesegneten Transfer, der zwar keine Referenzwerte bietet, aber dennoch nie so gut aussah und klang. Als Bonus gibt es ein neues, einstündiges Interview mit De Palma sowie ein ausführliches Interview mit Hauptdarstellerin Nancy Allen, die sich wie immer als höchst sympathische Erzählerin erweist.

Zusätzlich kann der Fan als weiteres Extra De Palmas frühen Experimentalfilm "Murder à la Mod" (1968) in voller Länge bewundern. "Murder à la Mod" ist eine bizarre Hitchcock-Hommage über ein grausames Verbrechen, das aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird (à la "Snake Eyes", 1999), die Welt des Filmemachens und die Komik des Schreckens. Neben Hauptdarsteller Jared Martin wirken auch einige von De Palmas Weggefährten wie Jennifer Salt ("Sisters", 1973) und William Finley ("Phantom im Paradies", 1974) mit.

Alles in allem eine wunderbare Veröffentlichung eines lange unterschätzten Films, die in jeder Beziehung den Kauf lohnt. Meine ausführliche Rezension zu BLOW OUT findet sich hier.

Dienstag, 10. Mai 2011

Sommer vorm Balkon (2004)

Nanu, eine deutsche Komödie zwischen Zombie-Schockern und Exploitation-Kino? Natürlich, wenn sie so gut ist wie SOMMER VORM BALKON, der mein Favorit für den besten deutschen Film der letzten Jahre ist (Sorry, Herr Haneke, aber der hier nimmt sich halt nicht ganz so wichtig). Und wann könnte man ihn besser ansehen als jetzt, wo der nahende Hochsommer Berlin fest im Griff hat?

Die Freundinnen Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl) leben im selben Wohnhaus im Prenzlauer Berg. Die alleinerziehende Mutter Katrin ist geschieden, arbeitslos und versucht verzweifelt, den gesellschaftlichen Anschluss zu behalten, ertränkt ihren Frust aber zu oft im Alkohol. Nike arbeitet als Altenpflegerin und beginnt mit dem Trucker Ronald (Andreas Schmidt) so etwas wie eine Liebesbeziehung, muss aber entdecken, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat. Die Abende verbringen beide Freundinnen gemeinsam auf Nikes Balkon. Als Katrin sich nach einer weiteren Demütigung ins Koma trinkt, eskaliert die Situation, und bald scheint sogar die Freundschaft der Frauen zerrüttet. Doch so leicht sind unsere Heldinnen nicht unterzukriegen...

Ja, es gibt sie noch, die Sozialkomödie, die gemeinhin nur den Briten zugeschrieben wird. Regisseur Andreas Dresen beweist in SOMMER VORM BALKON, dass ein Drama nicht unbedingt todernst und eine Komödie nicht realitätsfern sein muss. Mit einem klugen, scharfsichtigen und schlagfertigen Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase, der 2011 den verdienten Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk erhalten hat, gelingt das für einen deutschen Film fast Unmögliche - ein Film, der stets die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere hält, und der kaum ein Klischee der typischen RomCom bedient. Die Figuren leben in authentischen Wohnverhältnissen anstatt in Ikea-Paradiesen und haben nachvollziehbare Probleme, die Konflikte entstehen aus dem Zusammenspiel der Charaktere und nicht aus einer übergeordneten Plot-Konstruktion.

Auf alle Verabredungen mit dem Publikum kann allerdings auch SOMMER VORM BALKON nicht verzichten. So ist die erste Begegnung von Nike und ihrem Teilzeit-Lover Ronald ein typisches "Meet Cute", und vor Beginn des letzten Akts muss der Film die Figuren alle an ihren Tiefpunkt führen. Sogar die arme Christel Peters (Gott hab sie selig) muss tot mit Akkordeon auf dem Teppich landen, damit es Hauptfigur Nike noch mal so richtig schlecht geht, bevor es wieder besser wird.

Von diesen kleinen Zugeständnissen abgesehen bleibt SOMMER VORM BALKON aber angenehm unvorhersehbar und lebensecht. Kohlhaase und Dresen kennen den Prenzlauer Berg-Kiez und seine Menschen ganz genau. Auf drängende Fragen ihrer Mitmenschen geben die Charaktere zumeist flapsige oder lakonische Antworten, es wird überhaupt eher weniger als mehr geredet, was eine echte Wohltat neben der furchtbaren Geschwätzigkeit des aktuellen Kinos ist. Hier werden keine große Reden über die Liebe oder das Leben geschwungen, auch der Mythos der unkaputtbaren Frauenfreundschaft wird hinterfragt, wenn sich zeigt, wie zerbrechlich die enge Freundschaft der Protagonistinnen wirklich ist. Auch auf das gern propagierte Bild der "starken" Frau wird glücklicherweise verzichtet. Katrin und Nike sind beide auf ihre Art stark und schwach zugleich, sie machen schlimme, aber menschliche Fehler, verhalten sich ebenso richtig wie falsch und sind am Ende auch nicht viel klüger als zu Beginn.

Apropos Protagonistinnen. Keine Besprechung des Films wäre komplett, ohne vor den beiden Hauptdarstellerinnen auf die Knie zu gehen und sämtliche Hüte zu ziehen. Nadja Uhl ist als kesse Prolette Nike eine echte Offenbarung, Inka Friedrich brilliert nicht minder in einer extrem schwierigen Rolle. Der heimliche Abräumer ist ohne Frage Andreas Schmidt, der als Trucker mit Plastiktüte ("Ich heiße Ronald!") und ureigener Lebensphilosophie für echte Highlights sorgt ("Lesen hab' ich mal versucht - ist nicht meine Welt."). Andreas Dresen holt sogar aus den Kinderdarstellern gute Leistungen heraus, und viele Kleindarsteller scheinen authentisches Personal vom Kiez zu sein.

SOMMER VORM BALKON ist ein bescheidener, intelligenter und wirklichkeitsnaher Film, der Hirn, Herz und Lachmuskeln beansprucht. Er hat zu Recht viele Preise abgeräumt und knapp eine Million Zuschauer ins Kino gelockt. Glückwunsch!
Und während Hollywood-Komödien noch immer in unerträglicher Weise die verlogene Mär vom Traumprinzen verkaufen, auf den die Frau nur warten muss, und der ihr unermessliches Glück und Erfüllung aller Wünsche bringt, erzählen die Herren Kohlhaase und Dresen vom kleinen Glück, das man dort findet, wo man es vielleicht am wenigsten vermutet, dass eine Liebe kommt und wieder geht, dass man nicht durch jede Erfahrung klug wird und oft auch ohne magisches Elixier von seiner Reise zurückkehrt. Das ist für mich ein echtes Happy End.
"Aber wirklich!"

9,5/10

Mittwoch, 4. Mai 2011

Spider Labyrinth (1988)

Dieser kleine, völlig unbekannte italienische Horrorfilm versucht durchweg, den Stil Dario Argentos zu kopieren, was ihm erstaunlicherweise besser gelingt als manch anderem. Im belanglosen Horror-Einerlei der späten 80er kann diese Video-Premiere namens SPIDER LABYRINTH (The Spider Labyrinth) jedenfalls durchaus überzeugen.

Worum geht es?
Der junge Wissenschaftler Alan (Roland Wybenga) reist nach Budapest, um einen älteren Kollegen aufzusuchen, der als Übersetzer an einem streng geheimen Projekt arbeitet, bei dem es um alte Religionen und Sekten geht. Kurz nach Alans Ankunft wird der Gesuchte allerdings ermordet, und Alan gerät bei seinen Nachforschungen an einen merkwürdigen Spinnenkult, der sich offenbar schon über die ganze Welt ausbreitet, und dessen nächstes Opfer er selbst werden soll...

Regisseur Gianfranco Giagni huldigt in seiner Inszenierung deutlich den Vorbildern Argento und Bava, wobei der britische Klassiker "The Wicker Man" (1973) Pate für den skurrilen Inhalt stand. Budapest ist eine ebenso ungewöhnliche wie faszinierende Kulisse für diesen Okkult-Thriller und wird von Kameramann Sebastiano Celeste in knallig-düstere Farben getaucht. Einige Set-Pieces wie der Tod eines Zimmermädchens auf dem Dachboden eines Hotels, wo Dutzende Laken zum Trocknen aufgehängt sind, verweisen klar auf "Suspiria" (1977). Der schwarze Ball, der vor jedem Mord aus dem Nichts kommt und den potentiellen Opfern vor die Füße rollt, stammt dagegen aus Bavas "Die toten Augen des Dr. Dracula " (1966). Giagni gelingen aber auch eigene Einfälle, die nicht minder beunruhigend sind. Spinnen sieht man hingegen bis zum Finale nicht, dafür aber eine bizarre Spinnenfrau, die Uhu-ähnlichen Schleim aus ihrem Mund absondert.

Unter den Darstellern befinden sich angesehene Arthaus-Mimen wie Chabrol-Gattin Stéphane Audran und Eurotrash-Ikone William Berger, in den Hauptrollen geben Roland Wybenga und Paola Rinaldi als mysteriöse Assistentin ein hübsches Paar ab und dürfen sich in einer ausnehmend erotischen Sequenz in den Laken lümmeln.
Untermalt wird das bizarre Geschehen von einem Score, der an den genialen Bernard Herrmann erinnert und eine melancholische, unwirkliche Atmosphäre schafft. Und auch wenn Gianfranco Giagni nie die große Kunst Argentos erreicht, kommt er dem Meister zumindest in einigen Sequenzen sehr nahe.

SPIDER LABYRINTH ist kurzweilige, surreale Horror-Unterhaltung, nicht von der Stange, sexy, blutig und so originell, dass er als Entdeckung für Horror-Fans gewertet werden kann. Auf DVD ist er leider nicht erschienen (lediglich in den USA, allerdings in VHS-Qualität), die alte Verleih-VHS von Empire bietet ihn aber ungekürzt und in guter Qualität.

07/10
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