Mittwoch, 29. Juni 2011

The Social Network (2010)

David Finchers THE SOCIAL NETWORK (The Social Network) gehörte zu den Kritikerlieblingen des Jahres 2010 und erhielt neben anderen Preisen auch mehrere Oscar-Nominierungen (erhalten hat er die Auszeichnung für das adaptierte Drehbuch, Schnitt und Musik). Das Erstaunlichste am Film ist vielleicht die Tatsache, dass eine so spektakuläre Figur des Zeitgeschehens wie Mark Zuckerberg überhaupt Gegenstand eines Biopics werden konnte. Da sich der Film aber mit einer endgültigen Beurteilung des umstrittenen Facebook-Gründers zurückhält, bleibt er auf der sicheren Seite - was eines seiner Probleme darstellt.

THE SOCIAL NETWORK erzählt in einer Rückblenden-Struktur Mark Zuckerbergs (Jesse Eisenberg) Aufstieg vom computerbesessenen Nerd zu einem der reichsten und mächtigsten Unternehmensführer der Welt. Sein kontaktscheues, egoistisches Wesen führt zum Bruch mit seinem einzigen Freund und Mitbegründer von Facebook sowie zu zwei juristischen Schadenersatzklagen, gegen die er sich in der Gegenwart verteidigen muss.

THE SOCIAL NETWORK ist dabei in erster Linie ein Film der Schauspieler. Jesse Eisenberg zeigt eine höchst unterhaltsame Darstellung, die - obwohl sie bis zum Abspann auf einer Note bleibt, weil der Film ihn mehr als Chiffre denn als Wesen aus Fleisch und Blut zeichnet - den Film zusammenhält, selbst wenn im letzten Drittel sein ausgebooteter Partner (Andrew Garfield) kurzzeitig zum Hauptakteur wird. Von den Nebendarstellern überrascht Justin Timberlake mit einer eleganten, humorvollen Darstellung des 'Napster'-Mitbegründers Sean Parker. Da THE SOCIAL NETWORK ein Film der Jungs ist, bleiben die Frauen außen vor, sind entweder notgeile Groupies, Glamour-Babes oder liebe Mädels, die Herrn Zuckerberg abservieren.

David Fincher beschränkt sich im Wesentlichen darauf, seine Schauspieler auf Tempo zu bringen, um die seitenlangen, teils messerscharfen und pointierten Dialoge des hervorragenden Drehbuchs in irrwitziger Geschwindigkeit abzuliefern, was ihm beeindruckend gelingt. Der für meinen Geschmack etwas übertriebene Hochglanz-Look ist zweifellos schick und modern, bleibt aber stets künstlich, und auf den schlecht animierten CGI-Kälte-Atem der Darsteller in den frühen Außenszenen hätte ich gerne verzichtet, der wirkt schon unfreiwillig komisch. Der zu Recht prämierte Schnitt verbindet die drei Zeitebenen der Handlung meisterhaft und führt den Zuschauer mühelos durch den Film.

Die Schwächen von THE SOCIAL NETWORK liegen in der simplen Psychologie seiner Protagonisten. So muss eine unerfüllte Zuneigung zu einer Studentin mehrfach herhalten, um Zuckerbergs Verhalten zu motivieren, während andere Figuren stets aus Rachsucht, Enttäuschung oder Frust heraus agieren, die wie aufs Stichwort den Fortgang der Handlung bestimmen. Und selbst wenn der reale Zuckerberg mehr sein muss als ein unsympathischer Nerd, der keine Frau abbekommen hat und nicht in die angesagten Clubs hineindarf, der Film gibt ihn so wieder. Innovatives Kino sieht leider anders aus, und David Fincher hat mehrfach bewiesen, dass er mehr kann als Schauspielerführung und einen schicken Look.

Ebenfalls enttäuschend ist die Tatsache, dass der Film auf jeden Kommentar zur "Facebook-Generation" verzichtet. Weder die umstrittene Datenspeicherung noch die teilweise absurden Auswüchse der Plattform werden jemals gestreift. THE SOCIAL NETWORK bewegt sich lediglich innerhalb des Figurenspektrums rund um Zuckerbergs Aktivitäten und der beiden Gerichtsverhandlungen, die Facebook-User werden komplett ausgeblendet. Das verwundert dann schon, bietet doch genau dieser Blickwinkel viel Raum für Zeitgeist, Philosophie und Ironie, doch all das will der Film nicht leisten. Was er zu sagen hat, bleibt überraschend wenig.
Dazu operieren Fincher und sein Drehbuchautor Aaaron Sorkin mit einer streng konservativen Moral, in der Zuckerbergs egomanisches Verhalten, die Taten seiner Konkurrenten und das Schicksal des bedauernswerten Freundes sofort "korrekt" bewertet werden (Freunde abservieren und stinkreich werden = schlecht, loyal bleiben, aber Millionen verlieren = gut).

THE SOCIAL NETWORK ist trotz der verschachtelten Erzählform ein klassisch aufgebautes Drama, ein unterhaltsames, gut gespieltes und solide inszeniertes Biopic mit intelligenten Dialogen, das aber auf einen Blick über den Tellerrand seines überschaubaren Universums verzichtet und letztlich belanglos wäre, würde es hier nicht um ein aktuelles Phänomen gehen. In der Filmografie von David Fincher bleibt THE SOCIAL NETWORK eine gute Auftragsarbeit. Nicht mehr und nicht weniger.

07/10

Dienstag, 28. Juni 2011

Bungalow (2002)

BUNGALOW ist das Spielfilmdebüt des deutschen Regisseurs Ulrich Köhler. Er gewann zahlreiche Auszeichnungen auf Festivals und erhielt fast einhellig gute Besprechungen, insbesondere wurde seine Darstellung einer ziellosen Jugendgeneration gelobt. So weit, so gut.

Worum geht es? Der junge Paul (Lennie Burmeister) desertiert vom Bundeswehrdienst und kehrt nach einer Manöver-Rast beim Burger King nicht mehr zurück zur Kaserne, sondern setzt sich in den Zug, der ihn in sein Heimatkaff bringt, wo seine abwesenden Eltern einen Bungalow mit Swimming-pool besitzen. Dort trifft er seinen Bruder (Devid Striesow) samt Freundin (Trine Dyrholm), alte Bekannte und seine Freundin Kerstin, die gleich mal Schluss mit ihm macht. Pauls Freizeit besteht aus Herumliegen, im Pool planschen und anderen, wenig kreativen Aktivitäten. Manchmal nimmt seine Langweile aggressive Züge an, oder er versucht seinem Bruder die Freundin auszuspannen. Er besäuft sich, verletzt sich, und am Ende schließt sich der Kreis.

Was Ulrich Köhler in BUNGALOW tatsächlich gelingt, ist eben jene Zustandsbeschreibung der Generation "Gelangweilt", die sich mit den Statussymbolen der Eltern nicht identifizieren kann, aber keine eigenen Wege oder Ziele sucht. Konstruktive Lebensplanung findet nicht statt, dafür wird Skateboard gefahren, masturbiert, gesoffen oder gepennt. Konsum ist das einzige, was ein bisschen Abwechslung in den Alltag bringt.

Das Problem ist, dass der Film knapp 90 Minuten lang diesen Stillstand erzählt, den man nach 15 Minuten begriffen hat. Danach herrschen bis auf gelegentlich unterhaltsame Momente nur Leerlauf und Redundanz. Geradezu ironisch mutet dabei der Titel von Köhlers aktuellem Werk "Schlafkrankheit" (2011) an, der genau das beschreibt, was den Zuschauer (jedenfalls mich) beim Ansehen von BUNGALOW befällt. Beinahe jede Einstellung in BUNGALOW ist zu lang und einem vermeintlich notwendigen Realismus geschuldet, für den man sich aber auch gar nichts kaufen kann. So banal wie die Erzählung sind auch die Bilder, in denen nie nach einer Wahrheit hinter der Wahrheit gesucht, sondern immer nur draufgehalten wird. Ein "Portrait" von Paul, wie es in verschiedenen Rezensionen zu lesen war, entsteht so nicht, schon gar kein Psychogramm.
Wer scharf beobachtete und analytische Jugendporträts sehen möchte, sollte lieber zu den Filmen Larry Clarks greifen ("Bully", 2001, "Ken Park", 2002), die zeigen, wie man das Thema differenzierter und tiefsinniger behandeln kann.

Den Darstellern kann man wenig vorwerfen, zu spielen gibt es auch nicht viel. Hauptdarsteller Lennie Burmeister ist kein professioneller Schauspieler, sondern Profi-Skateboarder und eine gute Wahl. Er ist hübsch anzuschauen und agiert überwiegend glaubwürdig. Da der Film auf Einblicke in sein Innenleben verzichtet, wird er auch nicht überfordert. Devid Striesow ist wie immer gut, und Trine Dyrholm von sympathischer Natürlichkeit.

Die Preise, die BUNGALOW erhalten hat, zeichnen ein gutes Bild der deutschen Filmlandschaft, sowie der Überheblichkeit des Feuilletons und so genannter "Fach-Jurys". Da lobt man den "genauen Blick" und mutmaßt, dass eine ablehnende Haltung dem Film gegenüber daraus reultiere, dass er einen mehr berühre als man selbst wahrhaben wolle. Bei aller Liebe für das Arthouse-Kino und den Anti-Mainstream, diese Rechnung will bei mir ganz und gar nicht aufgehen (und ist darüber hinaus ein billiges Totschlag-Argument, das man immer anwenden kann, wenn einem negative Reaktionen nicht in den Kram passen, nach dem Motto "Oh, dann war es wohl zu anspruchsvoll für Sie". Von wegen!).
BUNGALOW ist für insgesamt 20 Minuten Laufzeit interessant, dann hat er alles gesagt, was er zu sagen hat und reitet seine eindimensionale Perspektive bis zum Ende konsequent weiter. Mir fehlt der Wille, Paul zu verstehen, zu hinterfragen, ihn in Situationen zu bringen, in denen er sich verhalten muss, mir fehlt der Sinn für Dramatik oder Analyse. Ulrich Köhler beschränkt sich durchweg auf das simple Beobachten. Das ist weder preisverdächtig noch bahnbrechend, es ist lediglich eintönig.

3,5/10

Montag, 27. Juni 2011

Der nackte Kuss (1964)

Hollywood-Outsider Samuel Fuller ("Shock Corridor", 1963) inszenierte mit DER NACKTE KUSS (The Naked Kiss) eines seiner besten Werke. Die Geschichte einer Prostituierten, die in einer Kleinstadt ehrbar werden möchte und nur wieder an den Abschaum der Menschheit gerät, fasziniert durch eigenwillige Stilmittel und einen Mix aus verschiedenen Genres, die von Fuller zu einem schillernden Panoptikum menschlicher Schwächen aufbereitet werden.

Fuller beginnt seinen Film mit einer wilden Sequenz, in der die Prostituierte Kelly (eine überragende Constance Towers) sich mit Gewalt gegen ihren brutalen Zuhälter zur Wehr setzt und unter der schönen blonden Perücke eine groteske Glatze enthüllt. Nach diesem furiosen Auftakt landet sie in Grantville, einer verschlafenen Kleinstadt, in der sie zunächst den Sheriff umgarnt, der sie nur zu gern benutzt und dann zum Teufel jagt. Statt weiterzuziehen, lässt sie sich aber in Grantville nieder und nimmt eine Stellung in einem Krankenhaus für behinderte Kinder an. Diese neue Aufgabe meistert sie mit Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Bald schon verliebt sich einer der mächtigsten jungen Männer der Stadt (Michael Dante) in sie, und die beiden heiraten. Zu spät merkt Kelly, dass ihr Gatte ein Kindesverführer ist, der Kelly lediglich als Alibi benutzt, um seine Perversion zu verstecken...

DER NACKTE KUSS ist - wie wohl sämtliche Filme Fullers - schwer einzuordnen. Der Plot ist lupenreines Melodram, und eine rührige Musical-Nummer der behinderten Kinder reinster Kitsch. Gleichzeitig schafft Fuller durch seine rohe Inszenierung ein Klima der Beunruhigung und des Wahnsinns. Als er dann überraschend ein Tabu bricht und den netten jungen Ehemann als Pädophilen demaskiert, befinden wir uns plötzlich in einem nachtschwarzen Drama.

Nun muss man einen Film wie DER NACKTE KUSS auch nicht kategorisieren, man sollte ihn lieber als das genießen, was er ist - ein weiterer Geniestreich eines der meistübersehenen Künstlers des amerikanischen Films. Fuller nimmt seine Themen und Charaktere immer todernst, macht sich nie über sie lustig, schenkt ihnen aber auch nichts und lässt sie die Hölle durchleben. Er hegt viel Sympathie für seine Anti-Heldin, die vom Weg abgekommen ist, und ebenso viel Verachtung für die Männer, die sie zu manipulieren versuchen.
Dass die armen kranken Kinder zur Läuterung des "bösen Mädchens" beitragen, ist weit weniger lachhaft als es sich anhört und folgt nicht einem Hollywood-Prinzip, sondern trifft den Zuschauer mitten ins Herz. Fullers Gefühle sind immer echt. Was ich kürzlich zu Darren Aronofskys "Black Swan" (2010) schrieb, trifft auch auf DER NACKTE KUSS zu. Subtil sind Fullers Filme nicht, aber sie sind ehrlich und von hoher künstlerischer Integrität. Unter dem Deckmantel des Schnulzen-Melodrams serviert er dem Zuschauer eine böse, verstörende und bizarre Geschichte, die man nicht so schnell vergessen wird.

DER NACKTE KUSS ist jüngst hierzulande auf DVD erschienen - eine willkommene und überfällige Veröffentlichung.

09/10

Eine Hure mit sichtbaren Spuren der Vergangenheit -
"Der nackte Kuss"

Sonntag, 26. Juni 2011

Atemlos vor Angst (1977)

Als William Friedkin ankündigte, ein Remake des französischen Klassikers "Lohn der Angst" (1953) zu inszenieren, erntete er nur Kopfschütteln. An eine derart heilige Kuh sollte man sich besser nicht heranwagen. Friedkin aber, der zu jener Zeit zu den mächtigsten Filmemachern Hollywoods zählte, ignorierte alle Warnungen und drehte für 22 Millionen Dollar seinen düsteren Action-Thriller, der im Kino gnadenlos unterging und auch bei Rezensenten durchfiel.
Friedkin wurde als größenwahnsinnig abgeschrieben und erlitt den schlimmsten Schiffbruch seiner Karriere, von dem er sich bis heute nicht erholt hat. Im zeitlichen Abstand muss man aber feststellen, dass die negativen Reaktionen auf den Film vollkommen unberechtigt waren. ATEMLOS VOR ANGST (Sorcerer) beleidigt weder das Original noch die Filmgeschichte, es ist eine ehrfurchtsvolle Hommage und ein eigenständiges Meisterwerk der Spannung.

Zum Inhalt: im südamerikanischen Dschungel muss zur Löschung eines gewaltigen Ölbrandes Sprengstoff zu einem weit entlegenen Ölfeld transportiert werden. Da das Dynamit falsch gelagert wurde und schon die kleinste Erschütterung eine Explosion auslösen könnte, kann es nur per Lastwagen transportiert werden. Für dieses Himmelfahrtskommando werden vier Männer aus einem Dorf rekrutiert, die alle aufgrund ihrer dunklen Vergangenheit Zuflucht im Dschungel gesucht haben und wieder in die Zivilisation zurückkehren wollen. Der Auftrag verspricht ihnen Geld und neue Pässe. Doch die Reise durch den unerbittlichen Dschungel, über schwankende Hängebrücken und durch unwegsames Gelände wird zu einer wahren Höllentour...

ATEMLOS VOR ANGST ist trotz der identischen Vorlage kein Retorten-Kino, sondern ein künstlerisch kompromissloser, packender und eigenwilliger Thriller, der sich an keine Verabredungen mit dem Zuschauer oder aufgestellten H0Hollywood-Regeln hält und seine düstere Geschichte bis zum bitteren Ende konsequent durcherzählt. Keiner der vier Protagonisten ist ein Sympathieträger, wobei Roy Scheider in der Hauptrolle dank seines Charismas das stärkste Bindeglied zum Zuschauer darstellt. Scheider ist ein Schauspieler, der in jedem Film überzeugt, den ich nie durchschnittlich gesehen habe, ein starker Typ, der nie gebührend für seine Leistungen geachtet wurde. Insofern ist es schon bittere Ironie, dass er die Hauptrolle in diesem ebenfalls komplett unterschätzten Film spielt. Friedkin und Scheider arbeiteten schon in "French Connection" (1971) zusammen, einem von Friedkins größten Erfolgen.

Als Zuschauer hat man es zunächst schwer, den einzelnen Charakteren zu folgen, im Laufe des Films erfahren wir aber die Vorgeschichte der Männer, die sich in Rückblenden erzählt. In der amerikanischen Version werden diese Szenen vorangestellt und tauchen nicht als Rückblende auf. Die deutsche Fassung wurde dazu noch von ursprünglich 121 Minuten auf 88 Minuten heruntergekürzt. Trotzdem enthält sie Szenen, die sich wiederum nicht in der US-Fassung finden. Lange warten die (wenigen) Fans auf eine autorisierte DVD-Version, an der Friedkin angeblich schon seit Jahren arbeitet, zumindest hat er sie immer wieder angekündigt.

ATEMLOS VOR ANGST ist ein Film, der in jeder Einstellung Schmieröl, Dreck, schwüle Hitze und körperliche Anstrengung bis zur Erschöpfung atmet. Nichts ist geschönt, man meint fast, den Schweiß, die Tränen und das Blut zu riechen und zu schmecken. Die Darsteller gehen mit ihren Figuren an den Rand der Belastbarkeit. Der große Höhepunkt des Films - die Sequenz, in der einer der Lastwagen im heftigsten Unwetter über eine Seilbrücke befördert werden muss, die im Sturm schwankt und jeden Moment alles in die Tiefe reißen könnte - ist so perfekt inszeniert, dass man nicht mehr nachvollziehen kann, wie sie wohl hergestellt wurde, man ist hautnah dabei und bis zum Äußersten gespannt. Friedkins Film bleibt durchweg unvorhersehbar und holt alles aus dem gewaltigen Suspense-Szenario heraus, was an Potential drinsteckt. Heute ist es kaum vorstellbar, dass jemand ATEMLOS VOR ANGST im Kino sah und nicht vor Begeisterung in Ohnmacht fiel.

Das Tragische an Friedkins brillanter Inszenierung ist wohl die Tatsache, dass im Kino von 1977 einfach kein Platz fürFilme wie ATEMLOS VOR ANGST war. George Lucas feierte mit "Star Wars" riesige Erfolge, der das Kino für immer verändern sollte. Mit seiner zielgruppengenauen, kindlichen Märchen- und Abenteuerromantik war er im wörtlichen Sinne Lichtjahre von Friedkins erwachsenen, zynischen und kaputten Helden auf dem Weg zur Hölle entfernt. ATEMLOS VOR ANGST ist in seiner Detailgenauigkeit und der pessimistischen Weltsicht ein Vertreter des frühen 70er-Kinos, auch wenn der Bombast der Inszenierung und nicht zuletzt die atmosphärische Musik von Tangerine Dream klar in die 80er gehören. So sitzt der Film zwischen allen Stühlen, das erklärt womöglich seinen Misserfolg.

William Friedkin, der aufgrund von "French Connection" und "Der Exorzist" (1973) zu den gefeierten Wunderkindern und Erneuerern Hollywoods zählte, verlor durch ATEMLOS VOR ANGST seinen guten Ruf, jeden Kredit bei den Studios und zahllose Fans. Da er sich durch seine häufig kolportierte Egomanie viele Feinde gemacht hatte, sahen die Kollegen genüßlich zu, wie seine Karriere den Bach hinunterging. Mit "Cruising" (1981) inszenierte er erneut einen kontroversen und künstlerisch herausragenden Thriller, der aber ebenfalls floppte. Danach fand er nie zu alter Stärke zurück und hielt sich mit Auftragsarbeiten wie "Das Kindermädchen" (1990) und "Jade" (1995) über Wasser. Heute ist er hauptsächlich damit beschäftigt, seine alten Meisterwerke zu überarbeiten (wie mit "French Connection", "Der Exorzist", "Cruising" geschehen).
Wir warten gespannt auf eine Neuveröffentlichung von ATEMLOS VOR ANGST, einem Highlight des 70er-Kinos und skandalös unterschätzten Meisterwerk.

10/10

Mittwoch, 22. Juni 2011

Lockere Geschäfte (1983)

Als seine Eltern im Urlaub sind, bestellt der Vorzeige-Schüler Joel (Tom Cruise) die Prostituierte Lana (Rebecca de Mornay) ins Haus, um endlich seine Unschuld zu verlieren. Mit ihr zieht allerdings das Chaos ein - zuerst verschwindet ein wertvolles Dekorationsobjekt, bald darauf landet Daddys Porsche im Michigan See, und das Elternhaus mutiert zu einem Bordell, mit Joel als Zuhälter...

LOCKERE GESCHÄFTE (Risky Business) hat nicht nur die Karrieren von Cruise und De Mornay in Schwung gebracht, sondern auch den Zeitgeist der frühen 80er perfekt getroffen, inklusive unverhüllter Kritik an Kapitalismus und Raffgier der Reagan-Ära. Er ist damit weitaus anspruchsvoller als man zunächst erwarten würde.
Regisseur Paul Brickman nimmt die Ängste des heranwachsenden Joel ernst, ohne sich über ihn lustig zu machen. Auch Callgirl Lana wird nicht denunziert, sie ist weder die Hure mit dem goldenen Herzen noch dumme Blondine, sondern eine taffe Geschäftsfrau mit Witz, Coolness und hohen Sympathiewerten. Interessanterweise wird der junge Tom Cruise von Regie und Kamera mehr sexualisiert als Rebecca De Mornay, und man darf sagen, dass er selten so sexy war wie in LOCKERE GESCHÄFTE, ganz besonders, wenn er in der Feinripp-Unterhose zu "Old Time Rock'n Roll" durchs elternlose Haus tanzt.

Der Humor von LOCKERE GESCHÄFTE bleibt (überraschend) meistens über der Gürtellinie, und Brickmans Inszenierung stets ruhig und gemächlich, selbst in den aufgeregtesten Momenten. Der Film strahlt die unwirkliche Atmosphäre eines Teenager-Traums aus, was durch einige surreale Sequenzen - inklusive eines erotischen Stelldicheins in der U-Bahn - und die Musik Tangerine Dreams unterstützt wird. Schnelle Schnitte oder rasante Kamerafahrten finden sich hier nirgendwo. Umso überraschender, dass der Film heute noch Fans findet. Das spricht für seine Qualität. LOCKERE GESCHÄFTE ist ein Highlight der 80er-Teenie-Komödie, das sich nie auf reine Blödelei beschränkt, sondern wirklich etwas zu sagen hat.

7,5/10

Sonntag, 19. Juni 2011

Pi (1997)

Der "Eraserhead" der 90er.

Das Mathematikgenie Max Coen (Sean Gullette) lebt zurückgezogen, umgeben von Computern und Ameisen in seinem kleinen New Yorker Apartment. Max versucht verzweifelt, anhand von Berechnungen den Kursverlauf des Aktienmarkts zu entschlüsseln, weswegen dubiose Menschen seine Fähigkeiten gern für sich nutzen würden. Eigentlich sucht Max aber nach einer Zahlenordnung, mit welcher er die Welt versteht. Als er diese zu finden glaubt, steigert er sich immer mehr in seinen Wahn und kann bald nicht mehr Realität von Illusion unterscheiden...

Darren Aronofskys Erstling PI (Pi) entstand für nur 60.000 Dollar, die er zumeist von Freunden und Bekannten lieh, welche dafür Rollen im Film und Anleihen erhielten, für den Fall, dass der Film irgendwann Geld einspielt. Nicht nur hat PI über drei Millionen Dollar Kasse gemacht, er brachte Aronofsky auch den Regiepreis beim Sundance-Festival ein.

PI ist eine bizarre Mischung aus Science Fiction-Thriller, Psychogramm und Paranoia-Studie. In grobkörnigem, kontrastreichem Schwarzweiß gehalten und stets dicht an seiner Hauptfigur, erzählt Aronofsky eine Geschichte, die immer mehr an Intensität gewinnt und den Zuschauer förmlich mitreißt, auch wenn man keinen blassen Schimmer von mathematischen Berechnungen hat, um die es nur scheinbar hauptsächlich geht. Worum es tatsächlich geht ist die Schönheit der Natur und das Fehlen einer Ordnung. Bis Max Coen das erkennen und den Anblick eines Baumes im Wind genießen kann, ohne darin ein universelles Muster zu suchen, muss er einiges durchleiden, von Panikattacken, körperlichen Veränderungen und Verfolgungsjagden mit imaginären Finsterlingen, bis hin zu kompletter Isolation und Todesangst.

Max Coen, der von Sean Gullette (der mit Aronofsky das Drehbuch schrieb) brillant gespielt wird, ist ein Besessener, dessen Leben sich nur um eine Frage dreht. Das Schicksal teilt er mit vielen Aronofsky-Figuren. Sie alle sind Getriebene, die sich vom Leben und der Umwelt abgeschottet haben und nur noch für einen Traum leben, der nicht greifbar sein wird. Dazu gehören Hugh Jackmans Suche nach dem ewigen Leben in "The Fountain" (2006), Mickey Rourkes Überlebenskampf in "The Wrestler" (2008) ebenso wie Natalie Portmans Perfektions-Sucht in "Black Swan" (2010) und natürlich die Flucht in die Drogenwelt sämtlicher Charaktere in Aronofskys Meisterwerk "Requiem for a Dream" (2000).

Darren Aronofsky hat mit PI eine beeindruckende Visitenkarte hinterlassen. Formal und inhaltlich ist sein Film eine Tour de Force, die bei wiederholtem Sehen immer mehr Subtexte und Tiefen offenbart. Unterstützt wird PI von einem intensiven Industrial-Techno-Score Clint Mansells, der für alle folgenden Aronofskys die unverwechselbare Musik komponieren sollte (einige Teile seines Scores tauchen in "Requiem for a Dream", 200, wieder auf), von einem artifiziellen Sounddesign und vielen experimentellen Kameratricks, darunter eine vibrierende Kamera, die Max' Migräneanfälle verbildlicht. Je mehr Max in Wahnsinn und Paranoia abgleitet, desto undurchschaubarer und grobkörniger werden auch die Bilder. Die Vorbilder von PI finden sich in Terry Gilliams "Brazil" (1985) wie auch bei David Cronenberg, in dessen "Videodrome" (1983) ebenfalls ein Protagonist namens Max (James Woods) nicht mehr zwischen Realität und Halluzination unterscheiden kann. Man wünscht sich fast, Aronofsky würde "Naked Lunch" neu verfilmen - der Vergleich zwischen seiner und Cronenbergs Version wäre so unglaublich reizvoll.

PI ist innovatives, packendes und intelligentes Arthouse-Kino, das auf viele gängige Filmregeln verzichtet (wenngleich nicht auf alle, so folgt er z.B. klar einer klassischen Dreiakter-Struktur), um ein völlig neuartiges audio-visuelles Erlebnis zu schaffen. Der Erfolg von PI ist ebenso erstaunlich wie berechtigt und ein fantastisches Debüt des vielleicht interessantesten Filmemachers im aktuellen Hollywood.

09/10


Der besessene Mathematiker und die Spirale - "Pi"

Samstag, 18. Juni 2011

Black Swan (2010)

Viel wurde über Darren Aronofksys BLACK SWAN (Black Swan) geschrieben und geredet. Zuerst wurde allerorts gejubelt, dann kamen wie aufs Stichwort die Kritiker und Nörgler, BLACK SWAN sei doch wohl zu unsubtil, zu effekthascherisch, zu blablabla.
Für mich ist BLACK SWAN definitiv der Film des Jahres 2010. Lange, viel zu lange habe ich auf einen Film gewartet, der endlich wieder an große Vorbilder anknüpft, an Namen wie Polanski, Cronenberg und De Palma, auf einen Film, der das Psychodrama mit dem Horrorfilm verbindet, der in einer Mainstream-Verpackung reinstes Arthouse- und Genrekino abliefert, und der den unvorbereiteten Zuschauer durch drastische Bilder und alptraumhafte Szenarien verunsichert, schockiert und verstört.

BLACK SWAN erzählt von der Ballerina Nina Sayer (Natalie Portman in einer Oscar-gekrönten Darstellung), die in einer Neuinszenierung von "Schwanensee" sowohl die moralisch reine, unschuldig weiße Schwanenkönigin verkörpern soll, als auch deren lasziv-böses schwarzes Ebenbild. Mit erstgenannter Rolle hat sie keine Schwierigkeiten, ist Nina doch ein sehr introvertierter, von der dominanten Mutter (Barbara Hershey) unterdrückter und zartbesaiteter Mensch. Um den "bösen Schwan" in sich rauszulassen, muss sie allerdings tiefer gehen und in die eigenen Abgründe blicken. Je mehr Nina sich mit der Rolle identifiziert, desto schwerer wird es für sie, Realität und Illusion auseinander zuhalten, und als ihre dunkle Seite endlich zum Vorschein kommt, steuert sie mitten auf eine Katastrophe zu...

Darren Aronofsky bezeichnet BLACK SWAN als Companion Piece zum vorigen "The Wrestler" (2008), und das zu recht. In beiden Filmen geht es um eine Hauptfigur, deren beruflicher Erfolg von körperlicher Unversehrtheit und eiserner Disziplin abhängt. Physischer Schmerz und Versagensängste sind ihre ständigen Begleiter. Während Mickey Rourke aber Alternativen sucht und Unterstützung in freundlichen Mitmenschen findet, gibt es für Natalie Portman kein Entkommen, ist sie doch nur von egoistischen, manipulativen menschlichen Monstern umgeben, die sie zu kontrollieren versuchen. Die bitterste Erkenntnis des Films ist die Tatsache, dass Ninas Befreiung von der Mutter nicht etwa ein neues Selbstbewusstsein schafft, sondern dass ausgerechnet diese kranke Beziehung Nina offenbar stabil gehalten hat. Ohne Mutters Kontrolle rutscht sie komplett in den Wahnsinn ab.

Umso brutaler sind auch die Bilder, die Aronofsky für ihre Qualen bereit hält, von abgezogener Haut über zusammengewachsene, blutige Zehen bis hin zu Selbstverstümmelung muss Portman eine ganze Palette von Leid durchleben, bis sie endlich zu ihrem großen Triumph kommt, der gleichzeitig ihr Ende bedeutet.
Aronofsky bleibt dabei seinem Stil von "The Wrestler" treu und filmt den Leidensweg seiner Protagonistin durchweg mit der Handkamera, schaut ihr immer wieder über die Schulter, bleibt an ihr dran, inszeniert keine Szene ohne sie. Ihre innere Zerrissenheit und das Doppelgänger-Motiv bringt er stets durch Spiegel und ein ausgeklügeltes Schwarzweiß-Design zum Ausdruck, was nicht sonderlich originell scheint, aber mit schierer visueller Wucht begeistert. Farben existieren kaum in Ninas Welt, lediglich grelles Rot und fleischfarbenes Rosa durchbrechen als Sinnbilder für Blut und Körper das strenge Mono-Design. Unterstützt wird die fabelhafte Kameraarbeit wie immer von Komponist Clint Mansell, dessen düster-schräge Klänge aus "Requiem for a Dream" (2000) hier mehrfach wieder auftauchen und eine konstante Atmosphäre des Unbehagens vermitteln.

Die negativen Rezensionen zu BLACK SWAN beziehen sich zumeist auf Aronofskys Lautmalerei, denn subtil ist tatsächlich nichts an BLACK SWAN. Doch wer sich hier beschwert ist an der falschen Adresse. Keines von Aronofksys Werken ist subtil. "Schwanensee" ist nicht subtil. Ballett ist nicht subtil. Da verpufft auch eine alberne Kritik von Ballett-Legende John Neumeier, der erst einmal klar stellen musste, dass Balletttänzer (sinngemäß) "harte arbeitende Profis und keine durchgeknallten Neurotiker" sind. Hier geht es nicht um eine dokumentarische Wahrheit oder einen realen Blick hinter die Kulissen. BLACK SWAN ist ein rabenschwarzer psychologischer Alptraum aus der Welt des Balletts, und ebenso groß wie Gesten und Figuren auf der Bühne ist auch Aronofksys Inszenierung.

Wie gesagt, man muss es nicht mögen. Doch wann hat es zum letzten Mal einen derart subversiven Angriff auf ein bildungsbeflissenes Publikum gegeben, das sich in froher Erwartung eines Tänzerinnen-Dramas im Stil des Schnarchers "Am Wendepunkt" (1977) plötzlich mit Masturbation, lesbischem Sex, ausgerissenen Fingernägeln, Drogenkonsum, sowie Mord und Totschlag auseinandersetzen muss?

Aronofskys Vorbilder wurden schon genannt. Es gibt gleich mehrere Verweise auf "Dressed to Kill" (1980), der ebenfalls von einer gespaltenen Persönlichkeit erzählt, welche die dunkle Seite in sich nicht bändigen kann, und das Mutter/Tochter-Verhältnis erinnert stark an "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1974). Die Doppelgänger-Motive und sexuelle Verwirrung rufen Polanskis "Der Mieter" (1976) und "Ekel" (1962) ins Gedächtnis, während Ninas körperliche Mutationen reinster Cronenberg sind. In den rauschhaften Tanzszenen findet sich aber auch ein Meisterwerk wie "Die roten Schuhe" (1948) wieder.
Trotz der Zitate aber ist BLACK SWAN ein absolut eigenständiger Film, der in vieler Hinsicht direkt auf Aronofskys Erstling "Pi" (1997) verweist, sowohl in der Figurenzeichnung wie der wachsenden Paranoia (und in den bizarren U-Bahn-Begegnungen mit Stanley B. Herman, der in jedem Aronofsky einen Perversling spielt).

BLACK SWAN ist ein Film der Frauen und schwächelt etwas, wenn die Männer ins Spiel kommen. Vincent Cassel bemüht sich, seiner arg eindimensionalen Leben einzuhauchen, kommt aber nur schwer über das Klischee hinaus. Und Ninas Tanzpartner in der "Schwanensee"-Inszenierung bleibt ein Statist. Die Frauen allerdings spielen fulminant auf. Barbara Hershey als Mama aus der Hölle und Mila Kunis als Konkurrentin zeigen große Leistungen, und mit nur wenigen Auftritten hinterlässt Winona Ryder als verbitterte Vorgängerin von Portman einen bleibenden Eindruck, nicht zuletzt wegen einer körperlichen Selbstverstümmelung, die sogar den abgebrühten Zuschauern weh tun dürfte. Natalie Portman ist perfekt als Nina Sayer, gerade weil sie so wenig spielt (in einigen Rezensionen war von Overacting die Rede - ich empfehle dringend, das Wort nachzuschlagen). Ihre Tanzszenen sind so grandios gedoubelt und Portman dabei so glaubwürdig, dass man nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob sie gerade selber tanzt oder nicht. Dabei sind es gerade ihre kleinen Momente, die im Gedächtnis bleiben. Die Lobpreisungen und Auszeichnungen, die sie erhalten hat, sind allesamt berechtigt und nicht nur ihrer Abmagerungskur geschuldet.

Was tragische Geschichten junger Frauen anbelangt, die sich mit falschem Ehrgeiz und falschen Vorbildern selbst ins Aus katapultieren und ihr eigenes Ende noch als endgültige Perfektion missdeuten, ist BLACK SWAN eine Sternstunde des Kinos - opulent, grausam und mitreißend. Ein saftiger Leckerbissen für alle Sinne und starke Nerven. Man muss neidlos anerkennen, dass Aronofsky mit seinen bisherigen Filmen ein inhaltlich und formal geschlossenes Gesamtwerk geschaffen hat, so wie es nur die besten Regisseure vorweisen können.

9,5/10

Eine unschuldige Königin auf dem Weg zur Hölle - Black Swan

Mittwoch, 15. Juni 2011

Bloodnight (1989)

Produzent und Autor Scott Spiegel, der schon an Sam Raimis "Evild Dead 2" (1987) mitgeschrieben hat, gab mit BLOODNIGHT (Intruder) sein Regiedebüt und wählte dafür eine bekannte und solide Slasher-Formel, mit der er gleichzeitig seine Erfahrungen als Angestellter im amerikanischen Walmart abarbeiten konnte.


Der Plot ist schnell erzählt:
Die Crew eines einsamen Supermarkts wird gebeten, nachts noch eine Spontan-Inventur durchzuführen, weil der finanziell marode Laden in Kürze geschlossen werden soll. Frustriert und lustlos macht sich die Belegschaft an die Arbeit, doch ein unbekannter Eindringling fängt plötzlich an, einen Angestellten nach dem anderen dahinzumetzeln. Könnte es der psychopathische Ex-Freund der hübschen Kassiererin (Elizabeth Cox) sein? Oder ist es jemand aus den eigenen Reihen? ...

Nein, die Handlung ist wahrlich nicht originell, und der Slasherfilm war 1989 eigentlich auch schon durch. Nichtsdestotrotz sorgt Scott Spiegel mit originellen Kameraeinstellungen und viel Selbstironie für etwas frischen Wind im ausgelutschten Genre, auch wenn er praktisch ewig braucht, bis es endlich losgeht. Da sehen wir mal den Supermarkt aus der Perspektive des Einkaufswagens oder schauen vom Boden eines Papierkorbs hoch zum Darsteller, der seinen Müll entsorgt. Alles ganz nett, aber natürlich kein Ersatz für Spannung oder Substanz. Dafür, dass keiner der Charaktere auch nur einigermaßen zweidimensional daherkommt, lässt sich Spiegel viel zu viel Zeit.

Was den eigentlichen Reiz von BLOODNIGHT - zumindest für Hardcore-Horror-Fans - ausmacht, sind die saftigen Splatter-Szenen, die es wirklich in sich haben. Prominente Gesichter wie Ted und Sam Raimi werden von Fleischsägen in der Mitte zerteilt und auf Fleischerhaken gespießt, Augen landen in Olivengläsern, und ein Quittungs-Spieß wird zünftig zweckentfremdet. Dabei verliert Spiegel nie den Humor und schneidet etwa von einem durchtrennten Kopf auf eine Wassermelone, die soeben aufgeschnitten wird.
Was den Härtegrad angeht, kann sich BLOODNIGHT mehr als sehen lassen. Die damalige Verleih-VHS von CIC war um sämtliche Mordszenen beraubt und erreichte kaum noch Spielfilmlänge (eine ungeschnittene und sehr gesuchte Pressecassette war allerdings im Umlauf). Fans mussten Jahre auf eine ungekürzte Fassung warten, die nun auf DVD erhältlich ist.

Wer also nicht genug bekommen kann von unheimlichen Schlitzern, die eine Gruppe Teenager dezimieren, dem kann BLOODNIGHT durchaus ans Herz gelegt werden, in der vollständigen Version. Neben den kreativen Splatterszenen gibt es auch noch eine zynische Schluss-Pointe und den 30-sekündigen Gastauftritt von Bruce Campbell zu sehen. Das Covermotiv sollte man sich dabei nicht zu genau anschauen, denn es verrät intelligenterweise die Identität des Killers.

07/10

Dienstag, 14. Juni 2011

Unter dem Vulkan (1984)

Mexiko.
Der Tag der Toten.
Der britische Ex-Konsul Geoffrey (Albert Finney) hat mit seinem Leben abgeschlossen. Vom Beruf desillusioniert und von der Frau (Jacqueline Bisset) verlassen, gibt er sich hemmungslos dem Suff hin. Der Film begleitet ihn 24 Stunden lang, wie er sich durch die Fiesta säuft und ins Hurenhaus torkelt, während um ihn herum das Totenfest gefeiert wird. Als seine Frau überraschend auftaucht, um ihm vorzuschlagen, es noch einmal miteinander zu versuchen, hat er die Wahl - sich zu Tode trinken oder den Neuanfang wagen...

Die Entscheidung, die Geoffrey trifft und treffen muss, steht von Anfang an fest, denn der Ton von UNTER DEM VULKAN (Under the Volcano) weist klar in Richtung Tod und Tragödie. Bereits der originelle Vorspann, in welchem die mexikanischen Geister- und Skelettpuppen einen makaberen Totentanz aufführen, lässt keinen Zweifel daran, wohin die Reise führt, und eine frühe Einstellung im Film, in der sich ein Totenkopf in Albert Finneys Sonnenbrille spiegelt, besiegelt sein Schicksal.

Regie-Veteran John Huston ("Misfits", "Die Spur des Falken") verfilmte 1984 den autobiografischen Roman von Malcolm Lowry, der mit nur 49 Jahren an den Folgen seiner Alkoholsucht starb. Der Film erhielt zahlreiche Nominierungen auf Filmfestivals, inklusive Oscar-Nominierung für Albert Finney, konnte aber wegen seiner niederdrückenden Geschichte und Handlungsarmut kein Publikum finden. Alkoholikerdramen haben es trotz guter Kritiken nie leicht, das zeigen ambitionierte, aber erfolglose Flops wie "Barfly" (1987), der sehr viel Ähnlichkeit mit UNTER DEM VULKAN aufweist. Lediglich Billy Wilder gelang das Kunststück, mit "Das verlorene Wochenende" (1945) auch die Masse anzusprechen, während ein "Leaving Las Vegas" (1995) ebenfalls hinter den Erwartungen zurückblieb.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei Hustons Adaption um einen der anspruchsvollsten und besten Filme des Jahres 1984. Er ist schauspielerisch brillant, exzellent ausgestattet und orchestriert, und er ist vor allem kompromisslos in jeder Beziehung. Nein, dem Zuschauer wird es hier nicht leicht gemacht. Er muss zusehen, wie Albert Finney grölend und brabbelnd durch Mexiko zieht, die Pulle stets am Hals, die Verachtung für alles Menschliche auf den Lippen, selbstgefällig, selbstverliebt und heruntergekommen. Die Handlung besteht lediglich aus Schauplatzwechseln und Dialogszenen zwischen den drei Protagonisten Finney, Bisset und dem jungen Anthony Andrews, der eine Art Kindermädchen für Finneys verlotterten Ex-Konsul spielt.
Jacqueline Bisset, die aufgrund ihrer Schönheit oft als schwache Schauspielerin abgestempelt wurde, zeigt dabei eine ebenso ansprechende, wenngleich zurückgenommene Darstellung als Finney, der hier eine große Show abliefert. Er säuft, flucht, brabbelt, gestikuliert und beleidigt alles und jeden, ist dabei gleichzeitig jämmerliche Gestalt als auch faszinierende Persönlichkeit. Finney Spiel rutscht nie ins Overacting ab, seine Darstellung steckt voll subtilen Humors und Spielfreude. Dennoch ist UNTER DEM VULKAN sehr schwierig zu genießen, weil sein Unterhaltungswert gegen Null geht und keine der Figuren auch nur annähernd als Identifikationsfläche dient. Huston verzichtet auch bewusst auf einen dramatischen Bogen. Er lässt alle Charaktere zielgerichtet ihrem Abgrund entgegentaumeln, ist immer nah dabei und bleibt doch auf Distanz.

Man muss John Huston für den Mut bewundern, den Film in einer Zeit zu inszenieren, als das Publikum in Massen Spielbergs Fantasy-Märchen sehen wollte und Spezialeffekte einen immer größeren Raum im Kino einnahmen. Hustons Glaube an das anspruchsvolle Schauspielerkino war ungebrochen. Der beinahe 80-jährige Regisseur drehte im Anschluss den populären "Die Ehre der Prizzis" (1985) und seinen letzten Film mit dem bezeichnenden Titel "The Dead" (1987).

08/10

Montag, 13. Juni 2011

Im Blutrausch des Satans (1971)

Mit IM BLUTRAUSCH DES SATANS (A Bay of Blood / Ecologia del Delitto) verabschiedete sich Mario Bava von den barocken Alpträumen und inszenierte eine ultra-moderne Gewaltorgie, die als direktes Vorbild für zahlreiche Slasher- und Splatterfilme, insbesondere die "Freitag der 13."-Reihe gewertet werden kann. Der Film ist dazu eine nüchterne Bestands-aufnahme seiner Zeit.

Der Mord an einer an den Rollstuhl gefesselten Gräfin bildet den Auftakt für besagten Blutrausch. Der alten Dame gehörte eine paradiesische Bucht, die noch weitgehend unerschlossen ist und einen idealen Standort für Tourismus und andere Projekte darstellt. Daher reisen von weither die Verwandten der Verstorbenen an, um sich das Erbe zu sichern. Zwischen ihnen und den skurrilen Bewohnern der Bucht kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, und einer nach dem anderen muss ins idyllische Gras beißen...

Bereits mit seinem Thriller "Blutige Seide" (1963) drehte Bava kräftig an der Gewaltschraube, verpackte sie aber in ein ebenso künstliches wie künstlerisches Ambiente, in eine Fantasiewelt der Farben, Kostüme und Schönheit. In IM BLUTRAUSCH DES SATANS ist nichts mehr schön - außer vielleicht Ex-Bond-Girl Claudine Auger, aber auch die sieht nur schön aus und ist innerlich genauso verkommen wie ihr skrupelloserer Filmgatte. Die Morde sind drastisch und herb, Köpfe werden vom Rumpf getrennt, Hälse durchschnitten, Hackebeile in überraschten Gesichtern versenkt. ein Pärchen wird beim Sex mit einem Speer durchbohrt. Von Ästhetisierung kann keine Rede sein, auch sorgt die Blutorgie nie für Heiterkeit, sondern für blankes Entsetzen. Bereits der Filmbeginn, wenn die behinderte Gräfin stranguliert wird, lässt Bava keinen Zweifel aufkommen, dass er diesmal kaum Spaß versteht.

IM BLUTRAUSCH DES SATANS folgt dabei oberflächlich der klassischen "Ten Little Indians"-Geschichte von Agatha Christie, indem er einen scheinbar schlichten Bodycount ins Zentrum der Erzählung rückt. Anders als bei Christie geht hier aber nicht nur ein unbekannter Killer um, sondern zeigen sämtliche Beteiligte spontane Lust am Gemetzel, sobald sie unter Druck geraten. Gewalt ist das einzige Mittel der Kommunikation, es wird nicht einmal versucht, die Konflikte im Gespräch oder in irgendeiner Form des Miteinanders zu klären, egal ob es sich um Besitzansprüche, Eifersucht (was nichts anderes ist als Besitzanspruch) oder Rachegedanken handelt. Als Zuschauer verliert man vollkommen den Überblick, wer für welche Morde verantwortlich ist, und genau das will Bava erreichen. Um die Täterfrage geht es hier nicht, sondern um die Zeichnung einer Welt, die nur aus Hab- und Machtgier besteht, in der Liebesgefühle immer nur sexuell motiviert sind, in der jeder jeden kränkt, beleidigt, demütigt, tötet.

IM BLUTRAUSCH DES SATANS ist der Film eines Desillusionierten, das zeigen auch Bavas spätere Werke wie "Rabid Dogs" (1974). Selbst in den lieblichen Kinderaugen, die uns im Mainstream gern als hoffnungsvolle Zukunft verkauft werden sollen, sieht Bava den eingepflanzten Wahnsinn. Wenn sie (Achtung, SPOILER) in der genialen Schlusseinstellung ihre Eltern erschießen ("Die spielen aber richtig gut tot!") und jubilierend über das Eiland tollen, wissen wir, dass die nächste Generation nur schlimmer werden kann als die vorige. Und wenn man es ernst nehmen will, liefert Bava hier einen Beitrag zur (späteren) Jugendschutz-Debatte. Weder sind es Videospiele, Horrorfilme oder Drogen, die Kinder in gefühllose Monster ohne Realitätssinn oder Unrechtsbewusstsein verwandeln, sondern die Kleinen agieren nur aus, was ihnen die Eltern und die Gesellschaft vorgelebt haben.
Somit haben wir hier einen Film vorliegen, der ein politisches Bewusstsein, einen scharfen Blick auf die Realität und eine pädagogische Botschaft bereit hält, und der trotzdem hierzulande wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt ist. Der Zyniker war noch nie beliebt.

Wer jetzt aber glaubt, der Film sei schwer genießbar, irrt, denn IM BLUTRAUSCH DES SATANS ist herrlich unterhaltsam, spannend und roh. Die poppige Ohrwurm-Musik von Stelvio Cipriani sorgt mit ihren starken Percussion-Anteilen für temporeiche Begleitung, und Bavas Kamera - wenn auch weit entfernt von der künstlerischen Raffinesse früherer Werke - steht nie still, fängt die unerschütterliche Natur im Kontrast zum grausamen Menschenvieh immer hautnah ein.

IM BLUTRAUSCH DES SATANS erwies sich als enorm einflussreich. Sowohl Handlung als auch konkrete Einfälle wurden direkt von anderen Regisseuren benutzt, am deutlichsten von Steve Miner in dessen "Freitag der 13. Teil 2" (1981), wo der oben erwähnte Speer-Mord und weitere Einstellungen (wie ein Zweikampf in totaler Dunkelheit) 1:1 übernommen wurden. Das Weiß-in-Weiß-Outfit von Anna Maria Mosati hingegen findet sich in Brian de Palmas "Dressed to Kill" (1980) an Angie Dickinson wieder, und der Tod von Claudio Camaso taucht im Finale von Argentos "Tenebrae" (1982) wieder auf.
Die Idee, einen Film lediglich um die blutrünstigen Mordsequenzen einer von der Außenwelt abgeschnittenen Gruppe herum zu inszenieren, wurde von unzähligen Slashern imitiert, wenngleich ohne die bereits erwähnte thematische Substanz. Wieder einmal legte Mario Bava den Grundstein für eine Weiterentwicklung des Genres, ohne dass es ihm zu Lebzeiten gedankt wurde.

10/10

Nur nicht den Kopf verlieren - Brigitte Skay in "A Bay of Blood"

Sonntag, 12. Juni 2011

Die drei Gesichter der Furcht (1963)

Hier haben wir einen der schönsten Filme des italienischen Horror-Maestros Mario Bava und einen der besten Episoden-Horrorfilme überhaupt, DIE DREI GESICHTER DER FURCHT (I tre volti della paura). Boris Karloff erzählt uns in diesem Klassiker des gepflegten Grusels drei Geschichten von Terror, Angst und Grauen und tritt auch selbst in einer davon auf.

In der ersten Episode ("Das Telefon") wird die schöne Michele Mercier als Callgirl Rosy in ihrem modernen Apartment vom ehemaligen Zuhälter per Telefon belästigt. Er wurde soeben aus dem Gefängnis entlassen und droht, sie zu ermorden. Bald gerät sie in Panik und ruft ihre Freundin Maria (Lidia Alfonsi) zu Hilfe, nicht ahnend, dass die hinter den Anrufen steckt und Rosy gern tot sehen möchte...

Die zweite Geschichte ("Wurdelak") erzählt von einem Vampir, der eine mittelalterliche Dorfgemeinde terrorisiert. Der Bauer Gorca (Karloff) zieht gegen den Willen seiner Töchter aus, um den Vampir zu töten, endet aber selbst als kopflose Leiche. Während sich ein Reisender (Mark Damon) in Gorcas schöne Tochter Sdenka (Susy Andersen) verliebt, kehrt der Vater, nun selbst zum Vampir geworden, heim, um seine eigene Familie auszurotten...

Das Beste kommt wie immer zum Schluss. In "Der Wassertropfen" wird eine arme Krankenschwester (Jacqueline Pierreux) mitten in der Nacht gerufen, um eine verstorbene alte Frau für die Beerdigung zurechtzumachen. Dabei stiehlt sie aus Verzweiflung einen kostbaren Ring der Toten. Als sie wieder nach Hause zurückkehrt, geschehen merkwürdige Dinge. Das Geräusch eines Wassertropfens verfolgt sie ebenso wie das schreckliche Antlitz der Toten, die aus dem Jenseits Rache an der Diebin zu nehmen scheint. Bald schon ist unsere Heldin dem Wahnsinn nahe...

"Der Wassertropfen" ist in jeder Beziehung der Höhepunkt des Films und das vielleicht packendste Stück Horror, das Mario Bava je auf Zelluloid gebannt hat. In typisch barocker Atmosphäre, mit jeder Menge künstlichem Licht und unheimlichen Schattenspielen, erzeugt Bava eine intensive Atmosphäre von Bedrohung und Angst, die von dem wirklich grauenerregenden Makeup der Verstorbenen auf die Spitze getrieben wird. Das Gesicht der Toten jagt mir heute noch wohlige Gruselschauer über den Körper und gehört mit dem aus dem Nichts springenden Kinderball aus "Die toten Augen des Dr. Dracula" (1966) zu Bavas eindringlichsten Bildern.
Gleichzeitig ist "Der Wassertropfen" mehr als nur eine formale Fingerübung, sondern auch ein stark vom Katholizismus geprägtes Moralstück über Schuld und Sühne, Versuchung und Verdammnis. Wenn sich am Ende ironisch der Kreis schließt (mehr soll hier nicht verraten werden), hat man eine der Sternstunden des Horrorkinos erlebt.

Die beiden ersten Episoden können ebenfalls mit starker Atmosphäre punkten, wobei "Das Telefon" eher in die (spätere) Giallo-Richtung weist, da nichts Übersinnliches passiert, sondern sexuelles Verlangen und Habgier zu Mord und Totschlag führen, keine Geister oder Vampire. Die lesbische Liebesgeschichte und der psychologische Hintergrund für den Telefon-Terror wurden übrigens in der US-Fassung schlicht entfernt, so dass dort tatsächlich eine Stimme aus dem Totenreich für die Anrufe verantwortlich zu sein scheint. Zusätzlich wurde die Reihenfolge der Episoden vertauscht, Karloffs Moderationen inklusive eines genialen Schlussgags weggelassen und die Musik ausgewechselt, so dass diese Version kaum noch etwas mit Bavas Intentionen zu tun hat.

Viele Elemente von DIE DREI GESICHTER FURCHT fanden sich in späteren Filmen wieder. Die anonyme Telefonbedrohung, die zuvor schon im US-Thriller "Mitternachtsspitzen" (1960) eingesetzt wurde, entwickelte sich zum Standard-Repertoire von Psycho-Thrillern und Slashern und wurde oft als zentrales Motiv verwendet ("Das Grauen kommt um 10", 1979). Die schon angesprochene Motivation der Killerin in "Das Telefon" lieferte die Blaupause für zahllose Gialli, und nicht zuletzt erklärte Quentin Tarantino den Film als Inspirationsquelle für "Pulp Fiction" (1994). Mario Bava selbst zählte den Film immer zu seinen liebsten, und so gehört er auch neben "Die Stunde, wenn Dracula kommt" (1960) zu den Favoriten seiner Anhänger.

09/10

Eine Krankenschwester dreht durch -
"Der Wassertropfen" aus "Die drei Gesichter der Furcht"

Freitag, 10. Juni 2011

Das Leben der Mrs. Skeffington (1943)

Oder: wenn Liebe blind macht.

DAS LEBEN DER MRS. SKEFFINGTON (Mr. Skeffington) gehört zu den großen Klassikern und Lieblingsfilmen der Bette Davis-Fans. Kein Wunder, denn als kokette Schönheit, die über einen langen Lebensweg hinweg erkennen muss, dass es auf die innere Schönheit ankommt, überstrahlt sie den gesamten Film.

Die Handlung ist angesiedelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Fanny Trellis (Davis) sammelt Verehrer und Liebhaber wie andere Damen Schmuck, Flirten ist ihr Lebensinhalt. Um ihrem Bruder Trippy (Richard Waring) aus der finanziellen Patsche zu helfen, heiratet sie den Börsenmakler Skeffington (Claude Rains), den sie zwar nicht liebt, der ihrer Familie aber die nötige finanzielle Sicherheit bietet. Skeffington hingegen ist schwer verliebt in seine Gattin, akzeptiert aber, dass sie eine Vernunftehe eingegangen ist. Als er aus Einsamkeit mit seiner Sekretärin anbändelt, zerbricht die Ehe und wird geschieden. Skeffington reist mit der gemeinsamen Tochter nach Europa, während Fanny wieder ihr altes Leben und ihre Liebhaber genießt. Die Jahre vergehen, und Fanny erkrankt schwer an Diphterie. Sie verliert ihr Aussehen und ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Skeffington wird als Jude von den Nazis verfolgt und landet im Konzentrationslager, wo er erblindet. Nach dem Krieg begegnen die beiden sich wieder...

Man wundert sich, dass der Originaltitel Mr. Skeffington zum Hauptprotagonisten erklärt, denn Rains spielt allenfalls die größere Nebenrolle neben der dominierenden Bette Davis. Er erhielt auch passenderweise eine Oscar-Nominierung für die beste Nebenrolle. Der deutsche Verleih hat es richtig erkannt und Davis zur Titelfigur gemacht, denn über zweieinhalb Stunden Laufzeit gehört ihr der Film.
Es ist wieder einmal bewundernswert, wie die Schauspielerin sich eine Rolle zu eigen macht, für die sie auf dem Papier nur bedingt geeignet ist, denn viel hängt von der Schönheit und Koketterie der Fanny Trellis ab, und Bette Davis ist nicht gerade eine klassische Filmschönheit. Ihr atemberaubendes Talent aber sorgt dafür, dass man nicht eine Sekunde daran zweifelt, dass sich vor Davis' Haustür die Liebhaber stapeln. Ihr Zusammenspiel mit Rains ist dabei besonders wirkungsvoll. Die beiden spielten schon zuvor in "Reise aus der Vergangenheit" (1942) und später in "Trügerische Leidenschaft" (1946) hervorragend miteinander.

Davis' Fanny Trellis ist eine durch und durch oberflächliche und ungebildete Frau, die sich weder um ihre Mitmenschen noch um Politik schert. Der Wallstreet-Crash beunruhigt sie nur, weil dadurch ein Date mit Skeffington verhindert wird. Lediglich für ihren ebenso flatterhaften Bruder Trippy, der nichts mit sich anzufangen weiß und von einer Schwierigkeit in die nächste stolpert, hegt sie liebende - fast zu liebende - Gefühle, weil beide aus dem selben Holz geschnitzt sind. Sie setzen alles auf Aussehen und reichlich vorhandenen Charme. Die vom Film vermittelte und mehrfach ausgesprochene Botschaft "Eine Frau ist erst dann schön, wenn sie geliebt wird", kann man dabei getrost ins Reich der Märchen schicken, das wäre sonst doch zu deprimierend für alle ungeliebten Frauen. Überraschend aktuell kommt einem das Thema aber doch in Zeiten vor, in denen die äußere Attraktivität alles zu bedeuten scheint. Dass oberflächliche Schönheit vergeht und eine leere Hülle auf niemanden mehr anziehend wirkt, ist eine Lektion, die so mancher lernen sollte.

Dem Melodram ist in formaler Hinsicht kaum etwas vorzuwerfen, was nicht verwundert, wenn man sich allein die Anzahl der Oscargewinner hinter der Kamera anschaut. Von der Ausstattung (der Film spielt hauptsächlich in Fannys Haus) bis zu den Kostümen wird an jeder Stelle makellos gearbeitet. Allein Franz Waxmans Filmmusik ist an einigen Stellen etwas aufdringlich und überdramatisch, was sich aber leicht verschmerzen lässt.
Regisseur Vincent Sherman konzentriert sich ganz auf die brillanten Darsteller und sorgt für großes Schauspielkino bis in die Nebenrollen. Ein William Wyler hätte dem Film vielleicht noch mehr Intensität, Schärfe und Biss gegeben, und er wäre in den letzten 20 Minuten vermutlich nicht so sehr ins melodramatische Rührstück abgerutscht. Wer schon mit Davis' in "Dark Victory" (1939) um die Wette heulte, darf hier wieder zum Taschentuch greifen. Dazu leistet die Maskenabteilung Schwerstarbeit mit dem Alters-Makeup von Rains und Davis, die hier schon aussieht wie 20 Jahre später als "Baby Jane Hudson".

DAS LEBEN DER MRS. SKEFFINGTON ist ein in jeder Hinsicht sorgfältiger und unterhaltsamer Klassiker, der von der einzigartigen Davis und ihrer Chemie mit Co-Star Rains lebt. Als solcher wird er die Zeit gut überdauern, denn Qualität - anders als Fanny Trellis - altert nicht.

8.5/10

Das Ehepaar Skeffington - Bette Davis und Claude Rains

Donnerstag, 9. Juni 2011

Unforgettable (1996)

John Dahl, der zu den meistunterschätzten Regisseuren der 90er zählt, inszenierte 1996 den Horror/Sci-Fi-Thriller UNFORGETTABLE (Unforgettable), nachdem er mit "Die letzte Verführung" (1994) einen Kulthit, den besten modernen Film Noir und einen meiner persönlichen Favoriten geschaffen hatte. Er verließ mit UNFORGETTABLE den eingeschlagenen Weg des Neo-Noir, zu dem auch seine Werke "Kill Me Again" (1989) und "Red Rock West" (1993) gehören.

Zum Inhalt: Gerichtsmediziner Dr. David Krane (Ray Liotta) kommt nicht über den gewaltsamen Tod seiner Frau hinweg, für den er trotz fehlender Beweise allgemein verantwortlich gemacht wurde. Um endlich die Wahrheit zu erfahren, stiehlt er einer Wissenschaftlerin (Linda Fiorentino) ein neu entwickeltes Serum, mit dem man Erinnerungen von Lebenden und Toten für sich erfahrbar machen kann. Krane startet den Selbstversuch und kommt der Erinnerung Schritt für Schritt näher. Das wiederum bringt ihn in tödliche Gefahr, denn das Serum wurde nie an Menschen getestet, und der wahre Mörder ist Davis bereits auf der Spur...

UNFORGETTABLE wurde auf Fantasy-Filmfestivals wohlwollend aufgenommen, bekam aber vermutlich wegen seines B-Charakters keinen Kino-Verleih und wurde im Pay-TV aufgeführt, bevor er auf Video erschien. Heute ist er in Vergessenheit geraten, und wenn über ihn gesprochen wird, erhält er eher negative Kritiken aufgrund seiner ausufernden Unlogik.

Akzeptiert man aber die konstruierte Ausgangssituation und die absurde Vorstellung, sich Gedanken von Toten injizieren zu können (und warum sollte das schwerer zu schlucken sein als andere Sci-Fi-Konzepte?), kann man sich mit UNFORGETTABLE ziemlich gut unterhalten. Zwar wirken die vielen Rückblenden, die sich immer auf ein- und dieselbe Situation beziehen (den Mord an Cranes Frau) irgendwann redundant, aber das fällt erst beim wiederholten Sehen ins Gewicht, wenn man um die Lösung des Puzzles weiß.
Dank der gut ausgearbeiteten Charaktere, der falschen Verdächtigen und einigen Action-Einschüben kommt praktisch nie Langeweile auf. Der Thriller ist straff inszeniert, und Christopher Young hat für UNFORGETTABLE einen klasse Score komponiert.

Ray Liotta, der nach den Erfolgen mit "Goodfellas" (1990) und "Fatale Begierde" (1992) gerade hoch im Kurs stand, zeigt eine wie immer exzellente Darstellung als gequälter Witwer, dem in einer einzigen Nacht alles genommen wurde, und der seine Tochter nur noch an Wochenenden sehen darf, weil jedermann ihn für einen Mörder hält. An seiner Seite spielt Linda Fiorentino, die in Dahls "letzter Verführung" die ultimative Femme Fatale geben durfte, sich hier aber mit der zweiten Geige begnügt und als verhuschte Forscherin weit von der männermordenden Bridget aus besagtem Film entfernt ist. Man kann verstehen, dass sie nicht in die Schublade des ewigen Vamps gesteckt werden wollte, trotzdem ist es schade, dass eine Schauspielerin mit so viel Power eine fast schon unattraktive, klassische Opfer-Rolle übernehmen muss und hinter Laborkitteln versteckt wird.
Dazu darf Peter Coyote wieder einmal den Unsympathen spielen, und Kim Coates sorgt als Killer für einige furchteinflößende Momente.

Als Video-Premiere wird UNFORGETTABLE deutlich unter Wert verkauft. John Dahl inszenierte auf der Teenie-Horror-Welle 2001 den sehenswerten "Joyride", danach war er hauptsächlich fürs Fernsehen tätig, ist aber dort sehr gut im Geschäft.

07/10
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