Sonntag, 31. Juli 2011

Leben und Sterben in L.A. (1985)

Nach seinen finanziellen Misserfolgen mit künstlerisch gelungenen Filmen wie "Atemlos vor Angst" (1977) und "Cruising" (1981) konnte Regisseur William Friedkin mit dem Cop-Thriller LEBEN UND STERBEN IN L.A. (To Live and Die in L.A.) noch einmal einen Hit landen und einige Kritiker begeistern.

Es sollte sein bis heute letzter großer Erfolg werden.

Der Inhalt: Kurz vor seiner Pensionierung wird Jim Hart, Agent des US Secret Service (Michael Greene), erschossen, als er das Versteck des gesuchten Geldfälschers Eric Masters (Willem Dafoe) aufspürt. Harts Partner und bester Freund Chance (William Petersen) schwört blutige Rache und setzt mit dem neuen Partner Vukovich (John Pankow) alles daran, Masters zur Strecke zu bringen. Dafür greift er auch zu illegalen Methoden. Es folgen Autoverfolgungsjagden, Messerstechereien, Prügeleien und Schießereien, bis der Fall eine drastische Wendung erfährt...

LEBEN UND STERBEN IN L.A. steht formal und inhaltlich ganz im Zeichen der seinerzeit überpopulären TV-Serie "Miami Vice". Ein kultiger 80er-Soundtrack der britischen Pop-Band 'Wang Chung' untermalt effektiv die gestylten Bilder in Neonfarben, mit malerischen Sonnenunter- und -aufgängen über der Metropole und den Ansichten einiger weniger schöner Stadtteile, in denen sich Cops und Verbrecher ein mörderisches Katz- und Mausspiel liefern. Regisseur William Friedkin ist bekannt für die exzellente Nutzung von Locations, die seinen Filmen einen authentischen Look verpassen, und er ist bekannt für Autoverfolgungen, hat er doch in "The French Connection" (1971) eine der besten aller Zeiten auf die Leinwand gebannt. Die ausufernde Jagd in LEBEN UND STERBEN IN L.A. erreicht zwar nicht die selbst gesetzte Marke, kann sich aber dennoch mehr als sehen lassen.

LEBEN UND STERBEN IN L.A. schildert einen zunächst klassischen Ablauf, bei dem sich die Ermittler immer mehr in den Fall hineinsteigern und schließlich auch Recht und Gesetz ignorieren. Im letzten Drittel wird man als Zuschauer dann unvorbereitet mit einem dramatischen Haken konfrontiert, der nicht leicht zu verdauen ist (der Titel deutet es an). Hier verabschiedet sich Friedkins Film von jeder Konvention und wird komplett unvorhersehbar. Er endet schließlich mit einer Szene, die weniger zynische Pointe als eine konsequente Weitererzählung darstellt, und die er in "Cruising" lediglich andeutete. Die moralische Grauzone, in der sich alle Figuren bewegen, erinnert nicht von ungefähr an die Filme Fritz Langs, die William Friedkin bekanntermaßen bewundert (Friedkin führte ein ausführliches Interview mit Lang kurz vor dessen Tod).

Neben den glänzend umgesetzten Actionsequenzen sind es aber vor allem die Charaktere und ihre Darsteller, die den Film über den Durchschnitt heben. William Petersen, später bekannt als Chefermittler des Original-"CSI", trägt seinen coolen, abgewichsten Adrenalin-Junkie (der in seiner Freizeit gern mit Bungeeseil von Brücken springt) mit den riesigen Sonnenbrillen, hochgestellten Polo-Kragen und knackigen Jeans zwar etwas dick auf, doch bleibt er durchweg glaubwürdig als abgründiger Cop in bester Film Noir-Tradition, der selbst mit einem Bein auf der falschen Seite steht, Menschen gnadenlos für seine Zwecke manipuliert und zu keiner echten emotionalen Bindung fähig ist.
Sein Gegenspieler ist Willem Dafoe, und dem muss man nicht sagen, wie man einen charismatischen Kriminellen spielt, das macht er besser als jeder andere. Interessanterweise widmet Friedkin seinem Bösewicht fast ebenso viel Filmzeit wie den Cops, so dass dieser nie zum Abziehbild verkommt. In einer Nebenrolle als Handlanger Dafoes zeigt John Turturro eine wie immer grandiose Leistung. Frauen sind hier kaum mehr als Dekoration, dies ist ein testosteronhaltiger Männerfilm durch und durch.

Dass LEBEN UND STERBEN IN L.A. nicht ganz mit den großen Klassikern des Genres mithalten kann, liegt an einigen Längen und der stets distanzierten Haltung Friedkins zu seinen Figuren und zum Publikum. So brillant die Set Pieces auch inszeniert sind - es dürften bei einer stattlichen Lauflänge von knapp zwei Stunden deutlich mehr sein. Die beste beschreibt übrigens detailliert die Arbeit von Dafoe, der Gerüchten zufolge eigens von einem verurteilten Geldfälscher angeleitet wurde.
Nichtsdestotrotz gehört Friedkins Film zu den sehenswertesten Beiträgen des 80er Action-Kinos und wirkt heute zwar nostalgisch, aber immer noch frisch.

08/10

Samstag, 30. Juli 2011

Der Werwolf von Tarker Mills (1985)

In dem verschlafenen Nest Tarker Mills geht der Werwolf um. Der junge Marty (Corey Haim), der an den Rollstuhl gefesselt ist, glaubt zu wissen, wer unter dem biestigen Pelz steckt, nämlich der freundliche, aber irgendwie düstere Reverend Lowe (Everett McGill). Doch - oh Schreck - niemand glaubt dem Jungen. Gemeinsam mit seiner zickigen Schwester (Megan Follows) und dem versoffenen Onkel (Gary Busey) versucht er, dem Werwolf eine Falle zu stellen und gerät dabei in Lebensgefahr...

Ja, mehr wird hier kaum erzählt. Klingt doch nach einer hübschen kleinen Kinder- und Jugendgeschichte. DER WERWOLF VON TARKER MILLS (Silver Bullet) stammt aus der Zeit, als jeder Bierdeckel, auf dem Stephen King mal etwas niedergekritzelt hat, dankbar von Filmproduzenten aufgekauft und zur Verfilmung in Auftrag gegeben wurde. Für das Drehbuch hat Stephen King selbst seine Kurzgeschichte 'Cycle of the Werewolf' bearbeitet, die Schuld am Film trägt also er selbst.

Als Horrorfilm bietet DER WERWOLF VON TARKER MILLS solide Unterhaltung mit ein bisschen Grusel, nicht mehr und nicht weniger. Unter die Haut geht der Film nie. Die Coming-of-Age-Geschichte des behinderten Marty sorgt dabei für unnötig rührselige Szenen und interessiert wenig, da sie ohnehin nur als Soap präsentiert wird. Ganz schlimm wird es, wenn Marty seinen gepimpten, tiefergelegten Rollstuhl mit dem titelgebenden Namen 'Silver Bullet' als Geschenk vom Onkel erhält und kräftig Gas gibt. Da meint man doch kurz, man wäre bei Spielberg oder Disney gelandet.

Die Werwolf-Effekte gehen in Ordnung, können aber bei weitem nicht mit Rick Bakers oscar-prämierten Kreationen für "American Werewolf" (1981) oder Rob Bottins Design für "The Howling" (1981) mithalten. Regisseur Daniel Attias beginnt den Film mit ein paar hübsch atmosphärischen Mordszenen und schafft ein relativ spannendes Finale, dazwischen plätschert sein Film aber streckenweise nur so dahin. Die beste Sequenz ist eine stimmungsvolle Montage, in der die schicksalhafte Silberkugel hergestellt wird, mit welcher der Wolf getötet werden kann.
Etwas Humor lockert das Geschehen gelegentlich auf, so etwa, wenn sich die Männer der Stadt aufmachen, den Wolf zu stellen und sich im dichten Nebel verlaufen, aus dem plötzlich ein haariger Arm mit Baseballschläger hervorschnellt. Den Film aber gleich zur Parodie auf das Werwolf-Genre zu erklären, wie in den USA geschehen, geht dann doch zu weit, dazu ist er weder witzig, intelligent noch - haha - bissig genug (ich weiß, müdes Wortspiel).

Schauspielerisch gibt es ebenfalls nur Routine. Gary Busey, der zu oft in minderwertigen Filmen mitspielt, übertreibt kräftig seine Alkoholiker-Rolle, sorgt aber für den einzig wirklich unterhaltsamen Charakter in der Geschichte. Jungdarsteller Corey Haim wurde kurz nach dem Film zum umschwärmten Star zahlreicher Teenie-Filme, bevor er sein Leben mit Crack und Kokain zerstörte und im Jahr 2010 im Alter von nur 39 Jahren verstarb. Eine tragische, wenngleich typische Hollywood-Geschichte. Der Werwolf des Films, Everett McGill, wurde später durch die Kultserie "Twin Peaks" (1990) populär.

Für Stephen King-Komplettisten und Werwolf-Fans ist DER WERWOLF VON TARKER MILLS einen Blick wert, vor allem weil die Verwandlungsszenen hier noch nett handgemacht und nicht im Computer hergestellt sind. Ansonsten kann man den Film, der auch im Kino nicht sonderlich erfolgreich war und zu einer allgemeinen King-Müdigkeit beitrug, zweifellos überspringen.

05/10

Freitag, 29. Juli 2011

Die Fliege II (1989)

Chris Walas, der für seine scheußlich-schönen Maskentricks in David Cronenbergs "Die Fliege" (1985) einen Oscar erhalten hatte, durfte für die Fortsetzung auf dem Regiestuhl Platz nehmen und bewies, dass es für einen gelungenen Horrorfilm doch mehr braucht als Talent bei der Herstellung von Monster-Makeup. DIE FLIEGE II (The Fly II) ist zwar kein ganz schlechter Film, aber wirklich gut ist er auch nicht.

"Die Fliege" endete mit dem Tod des von Jeff Goldblum gespielten Wissenschaftlers Seth Brundle und der unbeantworteten Frage nach seinem ungeborenen Kind im Körper von Freundin Veronica (Geena Davis). Was liegt also näher, als die Geschichte des Heranwachsenden zu erzählen, dachte man sich. Wie der Vater, so der Sohn, lautete auch die entsprechende Werbezeile zum Film und versuchte damit gar nicht erst zu kaschieren, dass das Sequel im Grunde die gleiche Story noch einmal erzählt. Mann wird zu Monster, Romanze endet im Chaos.
Die verschiedenen Stadien der Körpermutationen muss nun Brundles Sohn Martin durchleiden, der die Mensch/Fliege Gen-Mixtur von Papa geerbt hat. Damit DIE FLIEGE II aber kein Kinderfilm wird, wurde flugs das "Brundle-Schnellwachssyndrom" erfunden, mit dem die Kindheitsstufen des Fliegensprosses einfach übersprungen werden können und der 5jährige Martin schon wie der ausgewachsene Eric Stoltz aussehen kann. Dieser soll für Konzernchef Bartok (Lee Richardson) die Teleportationsversuche seines Vaters fortsetzen und zum Erfolg bringen, was dem genialen Sohnemann nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelingt. Dazu verliebt er sich noch in die Mitarbeiterin Beth (Daphne Zuniga). Doch Karriere, Liebe und Vertrauen gehen allesamt den Bach runter, als die väterlichen Gene sich durchsetzen und Martin beginnt, sich zu verwandeln - in ein Monster, das schreckliche Rache an seinen Feinden nimmt...

Man merkt schon, die Dramaturgie holpert gewaltig. Die Erzählung muss stellenweise Jahre überspringen, in denen sich außer Martin aber nichts verändert, damit der Zuschauer endlich die Monsterwerdung miterleben kann. Dabei finden sich oberflächlich betrachtet alle Elemente des erfolgreichen ersten Teils am richtigen Platz. Es gibt die zarte Liebesgeschichte, die Teleportationsversuche in den schicken Telefonzellen, die spektakuläre Verwandlung, etc. Dazu kann der Film mit exzellenten Production Values aufwarten. Christopher Youngs brachiale Musik, Kamera, Sets und Schauspieler bewegen sich alle auf höchstem Niveau. Was aber fehlt sind Spannung und Tiefgang.

Wenn man sich Cronenbergs Original vergegenwärtigt, fällt auf, dass es z.B. kein simples Gut/Böse-Schema gibt. Die tragischen Konflikte entstehen aus menschlichen Schwächen und Irrtümern, während es in der Fortsetzung geradezu von Verrätern, Betrügern, falschen Vaterfiguren und gemeingefährlichen Security-Leuten nur so wimmelt, an denen sich Martin als Monster abarbeiten kann. Monsterfilme funktionieren im allgemeinen am besten, wenn Unschuldige durch die Kreatur in Gefahr geraten. Hier aber geht Martin Brundle als Horror-Kreatur lediglich auf einen Rachefeldzug, bei dem die negativen Figuren ihr Fett wegkriegen. Es gibt also keinen Grund, um irgendjemanden Angst zu haben oder mitzufiebern. Diese Rechnung geht einfach nicht auf. Man fragt sich, ob keiner der vier (!) Autoren Zweifel an dieser Dramaturgie hatte. Es hilft wenig, dass sämtliche Nebenfiguren Abziehbilder sind. Der Konzernchef ist von Natur aus böse und herzlos, die Wachleute sind Schweine, und die angestellten Ärzte, die sich um Martin kümmern, humorlose Marionetten.

Bei Cronenberg waren Jeff Goldblums Mutationen darüber hinaus nicht nur die Folge des fehlgeschlagenen Experiments, sondern dienten als Metapher für körperlichen Verfall, Krankheit und den nahenden Tod. Der Verlust von Körperfunktionen und Menschlichkeit, insbesondere das Wissen darum erreichten philosophische Qualitäten, von denen DIE FLIEGE II höchstens träumen kann. Die Effekte in der Fortsetzung sind zweifellos hervorragend, aber sie haben keinerlei doppelte Bedeutungsebene.
War der erste Teil noch eine tragische Liebesgeschichte, muss die fehlende Emotionalität hier ersetzt werden durch einen unangenehmen Subplot, in dem der kindliche Martin(Harley Cross mit einer sehr guten Kinderdarstellung) sich mit einem Golden Retriever anfreundet, der durch ein weiteres missglücktes Experiment zur bemitleidenswerten Bestie mutiert und vom ausgewachsenen Martin eingeschläfert wird. Diese Szenen sind (besonders für Hundefreunde wie mich) schwer zu verdauen und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack, ganz besonders, wenn der böse Konzernchef Richardson am Ende durch 'ausgleichende Gerechtigkeit' ein ähnliches Schicksal durchmachen muss wie das Tier - man fragt sich allerdings, ob er es wegen der Installation einiger versteckter Kameras und unsympathischer Methoden verdient hat, als Tierversuch zu enden.

Jeff Goldblum, der am Ende des Vorgängers als Matschklumpen auf dem Boden seines Labors starb, ist im Sequel noch einmal auf Videobändern zu bewundern. Geena Davis hatte klugerweise keine Lust, noch einmal mitzuspielen und wird gleich in der ersten Sequenz gedoubelt und fachgerecht 'entsorgt'. Goldblums damaliger Rivale John Getz hat einen Gastauftritt (mit angeklebtem Bart), auf den man auch hätte verzichten können, weil er inhaltlich zu nichts führt. Ein stets schlafender Wachmann im Konzern liest das Buch "The Shape of Rage", das Oliver Reed als Dr. Hal Raglan in Cronenbergs "Die Brut" (1979) verfasst hat (ebenso der Titel eines Filmbuchs über Cronenberg). Mehr Cronenberg steckt leider nicht drin in diesem teuren, unterhaltsamen, aber auch seelenlosen und uninspirierten Film, den man schnell wieder vergessen hat.

Nie vergessen werde ich allerdings meine Schulfreundin Christiane M., die ich weiland mit ins Kino schleppte, um DIE FLIEGE II zu sehen, obwohl sie - sagen wir mal, nicht viel Erfahrung mit Horrorfilmen hatte und nach zwei Minuten kurz davor war, sich zu übergeben. Genau das geschah dann zwar erst auf dem Nachhauseweg, aber ich glaube, DIE FLIEGE II war dann auch der letzte Horrorfilm, den sie sich ansah. Man muss schon dafür gemacht sein.

06/10 (5 + ein Sonderpunkt für die immer entzückende Daphne Zuniga)

Donnerstag, 28. Juli 2011

Candymans Fluch (1992)

Mit der Clive Barker-Adaption CANDYMANS FLUCH (Candyman) schuf Regisseur Bernard Rose einen Horrorfilm, der sich mit einer erwachsenen Geschichte an ein erwachsenes Publikum richtet.
CANDYMANS FLUCH zählt zum Besten, was das Horrorkino in den 90ern hervorgebracht hat, als das Genre am Boden lag und nach unzähligen, immer gleichen Slashern und der Überflutung durch Stephen King-Verfilmungen schon abgeschrieben war. Für mich gehört er neben Polanskis "Die neun Pforten" (1999) zu den Höhepunkten der Dekade.

Zum Inhalt: Die Doktorandin Helen (Virgina Madsen) schreibt an einer Arbeit über urbane Mythen. Dabei stolpert sie über die Legende vom Candyman. Sagt man seinen Namen fünfmal, während man in einen Spiegel blickt, soll er angeblich erscheinen und furchtbare Blutbäder anrichten. Je mehr sich Helen mit dem Mythos beschäftigt, umso mehr muss sie erkennen, dass der Candyman weniger Fiktion als Realität ist, und bald schon wird ihr Leben komplett erschüttert...

Viel mehr soll nicht verraten werden, denn CANDYMANS FLUCH lebt von den überraschenden Wendungen seiner Geschichte. Nach der Kurzgeschichte "The Forbidden" von Clive Barker, der auch als Executive Producer fungiert (oft ein geschenkter Credit, den ein Autor dafür erhält, dass er die Rechte abtritt), beschäftigt sich Bernard Roses Film mit der Entstehung von städtischer Folklore - und zwar nicht oberflächlich wie der alberne Slasher "Düstere Legenden" (1998), sondern auf ernsthafte Art und Weise. Wie die besten Filme George A. Romeros und Wes Cravens besitzt CANDYMANS FLUCH sowohl ein politisches wie soziales Bewusstsein. Die Legende vom Candyman nährt sich aus den Ängsten der sozialen Außenseiter, die in einem Ghetto am Rand der Stadt in Armut leben (im berüchtigten Cabrini Green, das lange in den amerikanischen Schlagzeilen war) und sich mit Kriminalität über Wasser halten. Das Ghetto liegt nur einen Katzensprung von Helens noblem Apartmenthaus entfernt, das ebenfalls ursprünglich zum sozialen Wohnungsbau gehörte, bevor die Stadt beschloss, es in Eigentumswohnungen umzuwandeln.
CANDYMANS FLUCH spiegelt diese beiden unterschiedlichen Lebensräume. Der Mythos Candyman kann nur überleben, wenn weiterhin an ihn geglaubt wird. In einer bedeutsamen Einstellung sehen wir, wie ein entführtes Baby am Finger des Candyman nuckelt. So nährt sich die Legende von Generation zu Generation.

Mit Virgina Madsen kann CANDYMANS FLUCH eine schöne, starke und verletzliche Heldin vorweisen, die wesentlich vielschichtiger entworfen ist als die von Barker selbst inszenierten Protagonistinnen in "Hellraiser" (1987) oder "Cabal" (1990). Wenn sich Helens geordnetes Leben in einen Trümmerhaufen verwandelt, fühlt man mit ihr mit, und sie muss mehr durchmachen als jede Scream Queen in anderen Filmen des Genres. Nicht nur wird sie misshandelt und des Mordes bezichtigt, sie landet in der Psychiatrie, wird unter Drogen gesetzt und findet sich am Ende in einem brennenden Scheiterhaufen wieder. Dazu geht ihr Gatte (Xander Berkeley) mit einer jüngeren Studentin fremd, während Helen im Gefängnis schmort. Gute Frauenrollen sind selten im Horrorfilm, diese gehört zu den besten und liegt auf einer Linie mit "Rosemary's Baby" (1968) oder "Schloss des Schreckens" (1961).
In einer der besten Szenen muss die blutverschmierte Madsen, die unter Mordverdacht steht, sich vor einer Polizistin ausziehen (warum sind filzende Polizistinnen im Film immer übergewichtig und gefühlskalt?) und wird nicht nur körperlich, sondern auch noch seelisch gedemütigt. Den Candyman spielt Tony Todd mit einer effektiven Mischung aus Attraktivität und Bedrohlichkeit. In Barkers Kurzgeschichte war der Candyman übrigens ein blasser Weißer.

Bernard Rose, der auch das Drehbuch schrieb, inszeniert seinen Film mit Ruhe und Bedacht, lässt sich in der ersten Hälfte viel Zeit, bevor das Grauen auf Helen niederprasselt. Heute wäre eine solche Vorgehensweise im Kino nicht mehr möglich. Die zweite Hälfte protzt dann mit geradezu bluttriefenden Set Pieces und Schockeffekten, behält aber das Schicksal unserer Protagonistin immer im Auge. Die größten Spannungsmomente gelingen ihm aber in den Anfangspassagen, wenn Helen das Ghetto besucht und tiefer in die Höhle des Löwen vordringt.
In der ersten Sequenz des Films wird übrigens Sam Raimis Bruder Ted (mal wieder) ermordet. Wie oft musste der arme Teufel das schon über sich ergehen lassen (siehe "Bloodnight", 1989, oder "Darkman", 1990)? Und geht das nur mir so, oder sieht Virgina Madsen Sharon Stone hier zum Verwechseln ähnlich (welche interessanterweise kurz darauf alle Rollen erhielt, für die Madsen zuvor prädestiniert war)?

Erwähnt werden muss noch die geniale, minimalistische Musik von Philip Glass, die dem Film eine ganz eigene Atmosphäre verleiht. Der Brite Bernard Rose, der zuvor den sehenswerten "Paperhouse" (1988) inszenierte, hat erstaunlicherweise nach CANDYMANS FLUCH keinen Film von Belang mehr gemacht. CANDYMANS FLUCH war ein Hit an den Kinokassen und erhielt zwei zu vernachlässigende Fortsetzungen, in denen Tony Todd jeweils wieder die Titelfigur gab.

09/10

In the Mouth of Madness -
Virginia Madsen in der Höhle des Löwen

Dienstag, 26. Juli 2011

Cabal - Die Brut der Nacht (1990)

Nachdem er mit seinem Regiedebüt "Hellraiser" (1987) einen Hit und Kultfilm gelandet hatte, adaptierte und inszenierte Clive Barker in den USA seinen Roman "Cabal" als CABAL - DIE BRUT DER NACHT (Nightbreed). Sein Film spaltet bis heute die Horrorgemeinde. Für die einen ist er ein unterschätztes Meisterwerk, für die anderen spannungsarmer Mummenschanz. Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen.

Der junge Aaaron Boone (Craig Sheffer) wird von unheimlichen Träumen geplagt, die ihn zu einer geheimnisvollen Stadt namens Midian locken, welche von Freaks und bizarren Kreaturen der Nacht bevölkert wird. Der Psychiater Decker (David Cronenberg) soll ihn von den Alpträumen befreien, sieht aber eine viel bessere Chance, Aaron für die eigenen, blutigen Taten verantwortlich zu machen, die er als maskierter Serienkiller vollbringt. Bald wird Aaron von der Polizei gejagt und entdeckt den Weg nach Midian, das sich unter einem alten Friedhof befindet. Dort spüren ihn seine Freundin (Anne Bobby) und Psychiater Decker auf, und es kommt zu einem ultimativen Showdown der 'Nightbreed' gegen die rabiaten Gesetzeshüter...

CABAL lebt von seiner eigenen, skurrilen Atmosphäre und den fantasievollen Masken der Midian-Bewohner, die von Barker stellvertretend für alle gesellschaftlichen Außenseiter und Geschöpfe der Nacht inszeniert werden. Sie sind Getriebene, Gejagte und Missverstandene (und empfinden wir Horror-Fans uns nicht auch als solche?). Ihr Aussehen reicht von abstoßend bis schön, sie sind mitfühlend, aber auch grausam in der Verteidigung ihres Reichs. Interessant an Barkers Vision ist die Verschiebung des klassischen Gut/Böse-Schemas, denn seine Sympathien liegen eindeutig bei den Friedhofsbewohnern, während die Polizei als Ordnungsmacht im Redneck/Nazi-Gewand aus reaktionären, mitleidlosen und gewaltbereiten Monstern besteht, die alles zerstören, was sie nicht verstehen und was nicht in ihr Weltbild passt.

Das ist für einen Horrorfilm natürlich keine neue Idee, war doch schon James Whales Frankenstein-Geschöpf bemitleidenswert in seiner Suche nach Liebe, ganz zu schweigen von Tod Brownings "Freaks" (1932). Und haben wir nicht alle mit King Kong und der weißen Frau geweint? Insofern führt Barker hier - wie schon in "Hellraiser" - alte Traditionen des Genres in bewundernswerter Weise und mit allen Mitteln des modernen Effektekinos fort. Die Besetzung mit Kultregisseur David Cronenberg als irrem Schlitzer, der sich hinter seiner harmlosen, distanzierten Oberfläche verbirgt und beinahe wie ein kafkaesker Buchhalter wirkt, ist dabei ein Geniestreich.

Der Rest der Besetzung kann leider nicht mithalten, und da liegt schon ein Hauptproblem von CABAL. Craig Sheffer und Anne Bobby sind ein leider uninteressantes Heldenpaar, dessen Schicksal nicht wirklich berührt. Sheffer ist zu unsympathisch und passiv, wird von allen Seiten manipuliert und begreift nicht, was geschieht. Dass ausgerechnet er ein "Auserwählter" ist, fällt schwer zu glauben. Jede der Midian-Kreaturen besitzt mehr Charisma und Stärke. Anne Bobby hingegen ist lediglich ein dummes Mädel, das mehr oder weniger ins Grauen hineinstolpert und versucht, sich dort zurecht zu finden. Die Nebenfiguren, insbesondere die Redneck-Ordnungshüter, sind allesamt Abziehbilder, an denen Barker seine Absichten verdeutlicht, sie besitzen aber kein Eigenleben.

Barker selbst sagte in einem Interview zu "Hellraiser", er gehe sehr vorsichtig mit dem Begriff 'Horror' um, da nur wenig, was das Genre oft anbietet, echter Horror sei. CABAL passt da genau ins Bild, denn auch hier gibt es weit mehr Fantasy als Horror zu sehen. Die Welt der Monstren und Mutationen von Midian ist bunt und schillernd, doch Ängste werden hier beim Publikum kaum geschürt, dafür ist der Film insgesamt zu laut und lautmalerisch (verstärkt noch durch die gute, aber ohrenbetäubende Musik Danny Elfmans, die zu oft an Tim Burton erinnert). Man wünscht sich doch mal einen subtilen Moment oder etwas Hintergründigkeit in all dem Zirkus-Spektakel. Jeder Gedanke in CABAL wird ins Extrem getrieben und auf die Leinwand gebracht. Vielleicht ist CABAL deshalb so umstritten und kann auch mich nur streckenweise begeistern. Mir ist die Horror-Muppet-Show mit all ihrem Getöse manchmal zu viel des Guten, ganz besonders in der zweiten Hälfte, wenn die Spannung rapide absackt. Der aufwändige Schlussfight interessiert mich bei jedem Sehen nur minimal.
Die wenigen Momente, die wirklich unter die Haut gehen, zeigen Serienkiller Decker bei der Arbeit. Wenn er zu Beginn eine typisch amerikanische Familie abschlachtet und sich nach den Eltern auch das Kind vornimmt, packt einen die Gänsehaut. Diese Momente sind aber leider zu selten zwischen den wild galoppierenden Karnevalsattraktionen.

Clive Barker inszenierte sein Epos mit relativ freier Hand, nach der Fertigstellung aber wurde CABAL gnadenlos von der produzierenden 20th Century Fox heruntergekürzt, 'publikumsfreundlicher' gestaltet und als Slasher vermarktet. Ein Hit wurde der Film so nicht, er erfreut sich aber großer Beliebtheit in Horror-Fankreisen, und man wartet nach wie vor gespannt auf den Director's Cut. CABAL ist kein Film, den man spontan gern haben kann, man muss sich schon auf ihn einlassen. Sehenswert ist er aber allemal.

07/10

Der Regisseur unter der Maske -
David Cronenberg als Killer in "Nightbreed"

Sonntag, 24. Juli 2011

Rattennest (1955)

Robert Aldrichs RATTENNEST (Kiss Me Deadly) gehört neben Orson Welles' "Im Zeichen des Bösen" (1958) zu den innovativsten, schwärzesten und wegweisendsten Beiträgen des späten Film Noir. Er ist längst Kultfilm und Klassiker des Kriminalfilms, auch wenn es einige Zeit brauchte, bis Cineasten seine wahren Werte zu schätzen wussten. Heute ist er aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken.

Nach dem gleichnamigen Roman von Mickey Spillane (deutscher Titel: "Rhapsodie in Blei") begleiten wir in Aldrichs loser Adaption Privatdetektiv Mike Hammer (Ralph Meeker), der nachts eine barfüßige junge Frau (Cloris Leachman) an der Landstraße aufgabelt. Sie ist angeblich aus einer Irrenanstalt geflohen, wo man sie gefangen hielt. Kurz darauf steckt Hammer schon bis zum Hals in Schwierigkeiten. Die mysteriöse Unbekannte wurde zu Tode gefoltert, Hammer entgeht knapp einem Mordanschlag, wird danach von einem Messerstecher überfallen und entdeckt eine Bombe an seinem Wagen. So ziemlich jeder, den er auf seinem Weg zur Lösung des Rätsels befragt, stirbt auf scheußliche Weise. Dazwischen wird er immer wieder von Handlangern der Bösen belästigt, denen er die eine oder andere Abreibung verpasst. Sehr spät erst entdeckt Mike Hammer, worum es wirklich geht - um einen Koffer mit geheimnisvollem, leuchtendem Inhalt...

Schon wenn zu Beginn der Vorspann in verkehrter Reihenfolge (von unten nach oben) abläuft, weiß man, dass hier etwas Neues stattfindet, was mit dem plüschigen Charme des 50er-Kinos nicht viel zu tun hat. Aldrich erzählt seine schmutzige Geschichte ohne jeden Anflug von Glamour und ohne Stars, dafür mit beißendem Sarkasmus, in rohen Schwarzweißbildern, mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und einer vielschichtigen Raumaufteilung. Die Sets sind trist und hässlich, die Bauten schlicht, und diese Adjektive treffen auch auf Ralph Meekers Mike Hammer zu, der gern brutal zuschlägt, säuft, raucht, und dem die Frauen stets zu Füßen liegen - zumindest die, die etwas von ihm wollen, sei es Hilfe, Schutz oder die schnelle Nummer zwischendurch.
Ralph Meeker spielt seinen Part mit gleichzeitig anziehender wie abstoßender Überzeugungskraft. Schön ist er nicht, aber er hat ein Charisma, dem man sich schwer entziehen kann, und ein Cary Grant wäre nie dabei ertappt worden, wie er stinkbesoffen mit dem Kopf auf dem Bartresen liegt. Bei Aldrich gehört das dazu. Seine Figuren sind schmierig, unansehnlich, billig zu haben und schlecht erzogen, seine anonyme Großstadt ohne Sehenswürdigkeiten ist in der Tat ein Rattennest (wer ist nur auf diesen wirklich guten deutschen Titel gekommen?). Die Lösung des Rätsels interessiert gar nicht so sehr wie die verschiedenen Stationen, die Hammer zwecks Aufklärung aufsucht.

Aufgrund seiner Erzählung und der zynischen Weltsicht wurde RATTENNEST häufig zensiert, die deutsche DVD ist z.B. immer noch ab 18 Jahren freigegeben. Robert Aldrich hat es dem Publikum selten leicht gemacht. Das Drehbuch zum RATTENNEST schrieb A.I.Bezzerides, der lange auf der Schwarzen Liste Senator McCarthys stand. Er und Aldrich etablieren den Koffer mit dem leuchtenden Inhalt, hinter dem alle her sind, als eindeutigen MacGuffin, aber sie zeichnen mit ihm auch ein Bild der Atomangst während des Kalten Krieges. Das apokalyptische Finale setzt dem Ganzen dann die Krone auf.
Die vollständige Fassung vom RATTENNEST wurde übrigens erst Ende der 90er veröffentlicht, seinerzeit endete der Film mit dem explodierenden Strandhaus und dem (verdienten?) Tod seines Antihelden und dessen Sekretärin. Ihr jetziges Entkommen aber mindert die Wucht des Finales nicht. Von mir aus kann die ganze Welt zum Teufel gehen, scheint der Film zu sagen. Ein ultra-moderner Film Noir, der seiner Zeit um Jahre voraus ist. kein Wunder, dass die deutsche Synchronisation sich rührend hilflos zeigt. So sehr sich die Sprecher auch bemühen, rotzig und cool zu wirken, sie gehören noch in eine andere, biedere Zeit. So als würde plötzlich Doris Day im RATTENNEST um die Ecke kommen. Tut sie aber nicht.

Der Einfluss von RATTENNEST ist bekannt und zeigt sich immer wieder aufs Neue. Quentin Tarantino verewigte seine Liebe zum Film im leuchtenden Koffer von "Pulp Fiction" (1994), und tatsächlich könnte man Aldrich als Tarantino der 50er bezeichnen. Seine Spezialität waren Kriegsfilme und Western, seine Filme waren immer auch Abrechnungen. Mit Hollywood rechnete er brillant in "Was geschah wirklich mit Baby Jane" (1961) ab. Als Regisseur hat er heute noch nicht den Status, der ihm eigentlich gebührt.
RATTENNEST gehört zu seinen besten Filmen.

10/10


Der Koffer und sein mysteriöser Inhalt - Kiss Me Deadly

Samstag, 23. Juli 2011

Das Versteck (1969)

Der Spanier Narciso Ibáñez Serrador inszenierte 1969 diesen hierzulande fast unbekannten kleinen Horrorfilm, der gekonnt Elemente des Gothic Horrors, des Giallos und des Exploitation-Kinos verbindet. DAS VERSTECK (La Residencia/The House that Screamed) gilt unter Kennern als Perle des europäischen Genrefilms und wartet schon lange auf eine Wiederentdeckung und eine adäquate Veröffentlichung.

Die große Lilli Palmer spielt in DAS VERSTECK die Internatsleiterin Madame Forneau, die mit strenger Hand ein abgelegenes Mädchenheim in Frankreich führt, welches einem Spukhaus gleicht. Die 18jährige Theresa (Christine Galbó, später bekannt aus Genre-Kultfilmen wie dem Wallace-Giallo "Das Geheimnis der grünen Stecknadel", 1972) ist der neue Schützling und fühlt sich gleich bei ihrer Ankunft unwohl, und das nicht nur, weil ihr ein Käfer übers Essen krabbelt, sondern weil sie sich ständig beobachtet fühlt. Kein Wunder, denn Madame Forneau zwingt ihre Schülerinnen zu eiserner Disziplin und schreckt selbst vor Gewaltanwendung nicht zurück. Und dazu schleicht noch ein unheimlicher Killer durchs Anwesen, der die Mädchengruppe dezimiert...

Da steckt viel drin in dieser spanischen Überraschungstüte. Zuallererst darf man konstatieren, dass Atmosphäre, Musik, Sets und die Kameraarbeit von höchster Güteklasse sind. Hier darf angemerkt werden, dass man den Film unbedingt im Cinemascope-Format sehen und nicht auf die schlimme deutsche VHS-Veröffentlichung zurückgreifen sollte.
Regisseur Serrador lässt den Zuschauer mühelos in eine vergangene Epoche eintauchen. Die titelgebende Residenz ist ein Labyrinth aus endlosen Korridoren, plüschigen Salons, knarrenden Türen und dunklen Geheimnissen. Worum es ihm geht, ist aber weniger der Thriller als eine kaum verhüllte Faschismus-Kritik. Sein Film entstand unter der Franco-Diktatur und spielt nicht umsonst Ende des 19. Jahrhunderts. Die bigotte Madame Forneau predigt Gottesfürchtigkeit und nötigt ihre Schützlinge zu nächtlichen Gebeten, während im Hinterzimmer die ungehorsamen Schülerinnen ausgepeitscht werden (die Parallelmontage macht dies überdeutlich). Ihrem pubertierenden Sohn (der hübsche John Moulder-Brown) verbietet sie jeden Umgang mit den Mädchen, weil diese "verdorben" und "unrein" sind, sie selbst ist das einzige Ideal, nach dem sich der Sohnemann richten soll. Der Schatten von "Psycho" (1960) ist allgegenwärtig. Die dargestellte sexuelle Repression erinnert an Peter Weirs später entstandenen "Picknick am Valentinstag" (1975) und führt direkt ins Verderben.

Die Auflösung des Whodunits ist dann auch an makaberem Sarkasmus nicht zu überbieten und wird auch hartgesottene Zuschauer überraschen, selbst wenn man ahnt, wer da metzelnd durch die Gänge huscht. Die Mordsequenzen sind kurz, aber deftig. Bis es dazu kommt, lässt sich Serrador viel Zeit, seine Charaktere zu etablieren und den täglichen Ablauf im Internat zu schildern. Dabei bleibt er stets erstaunlich geschmackvoll. In einer ausgiebigen Duschszene der Mädchen verzichtet er z.B. auf jede Nacktheit, und die Peitschenhiebe seiner Internatsleiterin und deren Schergen sind weniger schundig als bedeutsam für die Aussage, die Ablehnung jedes autoritären Machtmissbrauchs.

DAS VERSTECK ist trotz einiger weniger Längen ein glänzend ausgestatteter, düsterer Genrebeitrag, der viele der Themen vorwegnimmt, die zum festen Bestandteil des 70er-Kinos zählen. Er ist mit Lilli Palmer grandios besetzt und kann heute noch überzeugen. Er steht in der Tradition so großer Werke wie "Schloss des Schreckens" (1961), und moderne Beiträge des spanischen Kinos wie "Das Waisenhaus" (2007) verweisen auf ihn. Umso bedauerlicher, dass sich kein DVD-Anbieter findet, der dieses Kleinod endlich einer breiteren Öffentlichkeit vorstellt, während jeder Mainstream-Schrott neuen Datums zuhauf auf den Wühltischen landet. Sehr traurig.

08/10

Donnerstag, 21. Juli 2011

Hellraiser III - Hell on Earth (1992)

Der mit Spannung erwartete HELLRAISER 3 (Hellraiser 3) wurde von den Horror-Fans wohlwollend aufgenommen und gilt als passable Fortsetzung. Waren die beiden Kult-Vorgänger noch britischer Herkunft, ist dieses Sequel eine reine US-Produktion, was man sowohl der Erzählform als auch den Darstellern anmerkt. Im Gegensatz zu "Hellraiser" (1987) und "Hellbound" (1988) ist HELLRAISER 3 ein reines Mode-Produkt mit unterhaltsamer Oberfläche, aber ohne jeden Tiefgang.

Pinhead (Doug Bradley), der nagelköpfige Anführer der Zenobiten, sitzt zu Beginn des Films in einer steinernen Säule fest, die der Disco-Besitzer J.P. Monroe (Kevin Bernhardt) in einer düsteren Galerie kauft und in seinem Luxus-Apartment aufstellt. Ein paar Spritzer Blut genügen, um Pinhead lebendig werden zu lassen. Um sich aber gänzlich aus der Säule zu befreien, braucht er noch mehr Blut, und das soll ihm Monroe beschaffen. Die eifrige Journalistin Joey (Terry Farrell) kommt der Höllen-Skulptur bald auf die Spur, doch da hat Pinhead dank neuer Opfer schon einen Weg in die Freiheit gefunden und wandelt mit seinen Gefährten durchs nächtliche New York, um die Hölle auf Erden auferstehen zu lassen...

Beschrieben die beiden Vorgänger noch surreale Alptraumszenarien in geheimnisvollen Zwischenwelten, spielt HELLRAISER 3 vollständig in der Realität, und die Zenobiten sind lediglich monströse Killer, die ein Massaker in der Disco verursachen und dann die Stadt New York terrorisieren, welche aufgrund von Budget-Beschränkungen ziemlich menschenleer wirkt. Das Drehbuch von Peter Atkins, der schon das Buch zu "Hellbound" verfasste, läuft nach einem klassischen Schema ab, nach dem die junge Heldin Joey dem Geheimnis auf die Spur kommen und schließlich die Monstren und Mutationen per Puzzlebox zurück in die Hölle schicken muss. Wirkliche Überraschungen gibt es nicht, abgesehen von Joeys Kindheitstrauma, das sich in der Gegenwart einlöst, und der Vorgeschichte von 'Pinhead', die hier noch ausführlicher erzählt wird als im Vorgänger. Platzte gerade "Hellbound" vor Ideen noch aus allen Nähten, wirkt HELLRAISER 3 nahezu brav und bieder von der Erzählstruktur, dazu gehören auch sehr ausführliche Dialogszenen, in denen nichts Übernatürliches passiert.

Die Schauspieler agieren professionell auf 'Melrose Place'-Niveau und sind in den meisten Fällen sehr hübsch anzuschauen. Neben Hauptdarstellerin Terry Farrell, die später in TV-Serien wie "Deep Space Nine" oder "Becker" mitspielte, zeigen Paula Marshall als attraktiver Abschaum Terri und der muskelbepackte Kevin Bernhardt als egomanischer Disco-Besitzer Monroe die unterhaltsamsten Leistungen und haben viel Spaß mit ihren Rollen. Die Spezialeffekte sind zumeist gelungen, und einige Set Pieces wie das Disco-Massaker oder der Tod von Monroes One-Night-Stand sorgen dafür, dass der Film durchweg unterhaltsam bleibt, zumindest über weite Strecken. Echte Spannung stellt sich leider selten ein, und das Finale fällt enttäuschend aus, auch wenn die Schluss-Pointe nett gesetzt wird. Eine wirkliche Suspense-Sequenz gibt es weit und breit nicht, und das Auftauchen der Zenobiten in der Realität lässt einiges von ihrer Wirkung verpuffen - nennen wir es das "Nightmare 2"-Syndrom.

Was bleibt sind noch einige schwarzhumorige Oneliner von Pinhead (s.u.) und die hervorragende Musik Christopher Youngs, die aus den Vorgängern recycelt wurde, ohne den Komponisten im Vorspann zu nennen. Er taucht lediglich im Abspann als "Additional Music" auf, dabei stammen 90 % des Scores von ihm. Wie sehr HELLRAISER 3 dem aktuellen Trend hinterher hechelt, statt eine eigenständige Vision zu bieten, zeigt sich spätestens beim Abspann, der von einem grauenvollen Motörhead-Song begleitet wird. Schnell weg, kann ich da nur sagen.

Alles in allem bietet HELLRAISER 3 temporeiche, kurzweilige Unterhaltung mit einigen Highlights, lässt aber gegen Ende reichlich nach und gerät schnell in Vergessenheit. Nach dieser Fortsetzung folgte lange nichts, dann kam "Hellraiser 4 - Bloodline" (1997), der aufgrund von Studio-Einmischungen so verunstaltet wurde, dass Regisseur Kevin Yagher seinen Namen zurückzog und das beliebte Pseudonym Alan Smithee wählte. Dementsprechend unansehbar ist auch der Film. Alle weiteren Sequels wurden direkt für Video und DVD produziert.

Bester Dialog:
J.P. Monroe (beim Anblick von Pinhead): "Jesus Christ!"
Pinhead (trocken): "Not Quite."

07/10

Sonntag, 17. Juli 2011

Hellbound - Hellraiser II (1988)

Für die Fortsetzung von "Hellraiser" (1987) schreib der Brite Clive Barker zusammen mit Peter Atkins das Drehbuch, die Regie aber übernahm Tony Randel. Die alte Regel, dass ein Sequel nie so gut wie das Original sein kann, wird von HELLBOUND - HELLRAISER II (Hellbound) scheinbar nicht bestätigt, denn der Film wird von vielen Fans mehr geliebt als das Original. Zweifellos ist HELLBOUND ein beeindruckendes Horror-Spektakel voller Ideen, doch unter allem Bombast wird leider auch die dünne Handlung begraben.

Die einzige Überlebende des Originals, Kirsty Cotton (wieder Ashley Laurence), befindet sich mittlerweile in einem Sanatorium, weil ihr niemand die haarsträubende Geschichte der Zenobiten glaubt. Aus dem Jenseits erhält sie Hilferufe ihre Vaters, doch was kann sie tun? Ihr Psychiater Dr. Channard (Kenneth Cranham) gibt sich verständnisvoll, in Wahrheit aber will er die Geheimnisse um die magische Puzzlebox und das Tor zur Hölle selber ergründen. Zu diesem Zweck erweckt er Kirstys Stiefmutter Julia (wieder Clare Higgins) zu neuem Leben, indem er einen psychisch Gestörten aus seiner Klinik opfert. Als moderner Frankenstein kümmert er sich um die Regeneration seiner Kreatur, die ihm dafür die Welt der Hölle zeigen soll. Das tut sie auch, und bald schon finden sich alle Beteiligten in einem Labyrinth des Schreckens wieder, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint...

HELLBOUND beginnt nach einer Montage der Höhepunkte des ersten Teils mit Christopher Youngs bombastischem Soundtrack, der von den Münchner Symphonikern so überwältigend eingespielt wurde, dass einem schon während des Vorspanns Hören und Sehen vergeht. Auf gleichem Niveau bewegt sich auch der Rest des Films. HELLBOUND ist - anders als sein atmosphärischer Vorgänger - eine große Oper voller gequälter Existenzen, Wahnsinn und Blut. Kein Wunder, dass der Film überall großen Anklang fand. Wie eine Karnevalsattraktion liefert er einen Schauwert nach dem nächsten, reiht eine spektakuläre Sequenz an die andere und übertrifft sich mehrfach selbst mit blutrünstigen, bizarren Set Pieces. Unterhaltsam ist HELLBOUND ohne Frage von vorne bis hinten.

Was fehlt, ist Substanz. Der hauchdünne Plot verabschiedet sich spätestens nach der Hälfte der Laufzeit komplett, stattdessen wird viel im Labyrinth der Unterwelt herumgeirrt und jede vormals bestehende Logik außer Kraft gesetzt. Mit Kenneth Cranham als machtgierigem Anstaltsleiter baut HELLBOUND eine Figur ein, die anfangs hochgradig interessant ist, später aber zu einer Freddy Krueger-Figur verkommt, die zu jedem Ereignis einen zynisch-makaberen Kommentar auf Lager hat ("Der Doktor empfiehlt - Amputation!"). Auf die gleiche Schiene wird auch Ober-Zenobit 'Pinhead' (Doug Bradley) gesetzt, der im Gegensatz zu seinem düsteren Auftritt in "Hellraiser" nun als eine Art Sympathieträger fungiert.
Und so überzeugend die Spezialeffekte über weite Strecken sind, so enttäuschend wirkt letztlich HELLBOUNDS Version der Hölle, eine graue Matte-Zeichnung mit viel Pappmaché, Gängen und Lightshow. Da zeigen sich schnell die Grenzen des Budgets.
So schaut man zwar staunend, aber doch relativ unbeteiligt zu, wie sich alle Anwesenden gegenseitig in Stücke reißen, und wieder ist es unser "Good Girl" Kirsty Cotton, das gemeinsam mit der taubstummen Tiffany (Imogen Boorman) den Tag retten muss.

Das klingt nach viel Kritik, aber die pure Fülle von originellen Einfällen macht es dem Zuschauer sehr leicht, die Schwächen zu übersehen. Zu den Highlights zählen Julias Auferstehung nach einem herrlich blutigen Wrestling-Fight mit einem Zwangsneurotiker im Keller des Channard-Hauses, das Wiedersehen mit Julias Lover Frank (Sean Chapman), der sich dieses Mal sogar an die arme Kirsty heranmacht, sowie das Öffnen der Höllentore durch die taubstumme Patientin Tiffany (Imogen Boorman) mit Hilfe der Puzzlebox, die mittlerweile zum Souvenir der "Hellraiser"-Filme geworden ist. Und man erfährt ein wenig von der Vorgeschichte unserer geliebten Zenobiten.

HELLBOUND ist ein grandioses Spektakel um des Spektakels willen, nicht mehr und nicht weniger. Der Film war weltweit ein großer Erfolg und genießt einen ausgezeichneten Ruf. Die deutsche Fassung war übrigens so stark gekürzt, dass man dem ohnehin schon etwas konfusen dritten Akt kaum noch folgen konnte. Der Nachfolger ließ natürlich nicht lange auf sich warten. "Hellraiser III" (1992) konnte sich zwar insgesamt noch sehen lassen, zeigte aber schon erste Anzeichen des Verfalls, während die weiteren Sequels, die nach dem grauenvollen Teil 4, "Bloodline" (1996), nur noch für VHS, bzw. DVD produziert wurden, getrost übersprungen werden können.

8.5/10

Freitag, 15. Juli 2011

Hellraiser - Das Tor zur Hölle (1987)

"What's Your Pleasure, Sir?"

Diese Frage stellt der arabische Verkäufer einer magischen Puzzlebox dem jungen Herumtreiber Frank (Sean Chapman). Dessen geheime Gelüste beschränken sich nicht nur auf feuchten Sex mit der Geliebten seines Bruders Larry (Andrew Robinson), sondern auch auf Erfahrungen jenseits der Schmerzgrenze.
Bald schon öffnen sich die Tore der Hölle, und er macht die Bekanntschaft mit bizarren Kreaturen, den so genannten 'Zenobiten', die ihn sogleich in Stücke reißen und in die ewige Verdammnis schicken. Doch Frank bekommt eine Chance zur Rückkehr in die Welt der Lebenden, als Larry mit seiner Frau Julia (Clare Higgins) das alte Haus bezieht, in dem Frank die letzten Stunden verbracht hat. Julia erinnert sich nur zu gut an die heißen Spielchen mit Frank, und als Larry ein paar Tropfen Blut verliert, erwacht Frank zu neuem Leben. Um sich aber vollständig zu regenerieren, braucht er mehr des köstlichen Lebenssaftes, und das muss Julia ihm besorgen. Die 'Zenobiten' aber haben noch eine Rechnung offen, denn so schnell entkommt niemand ihrer Hölle...

Der britische Kultautor Clive Barker gab mit HELLRAISER (Hellraiser) sein Debüt als Spielfilmregisseur, wahrscheinlich, weil er nicht noch einen misslungenen Versuch einer Adaption seiner Drehbücher mit ansehen wollte (wie "Underworld", 1985 oder "Rawhead Rex", 1986). Und so findet sich hier alles, was auch seine literarischen Werke ausmacht: Sex, Gewalt, fremde Wesen aus anderen Welten und Fetische aller Art. Stephen Kings Ausspruch "Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen!" wurde flugs auf dem Plakat zitiert und ist seitdem untrennbar mit Barkers HELLRAISER verbunden.

HELLRAISER verbindet die grotesken Fantasien Barkers mit bekannten Motiven des Horrors - das alte Haus, Sünden der Vergangenheit und das zum Leben erweckte Monster sind Zutaten unzähliger Horror-Stoffe, aber die 'Zenobiten' und anderen Kreaturen der Nacht (inklusive eines Obdachlosen, der gern Insekten verspeist und sich in ein geflügeltes Fabelwesen verwandelt, das die Puzzlebox entführt) hat man so noch nicht zuvor auf der Leinwand gesehen. Barker spielt darüber hinaus mit Elementen des Frankenstein-Mythos' und verweist auf die 'Dracula'-Filme der Hammer-Studios, ebenso wie auf die Legende der Elizabeth Bathory. Literaten und Cineasten wird hier also einiges geboten.

Zu den Highlights von HELLRAISER gehören neben Christopher Youngs fantastischer Musik, die einem kleinen Film zu epischer Größe verhilft, natürlich die 'Zenobiten', die - angeführt von Doug Bradley als Ober-Folterknecht 'Pinhead' - in ihren Lack- und Leder-Outfits deutlich sadomasochistischen Fantasien entspringen (nicht umsonst wollte Barker seinen Film zunächst "Sadomasochists from Beyond the Grave" nennen), sowie Clare Higgins in einer ironisch/subversiven Darstellung der Femme Fatale Julia, die unschuldige Männer in ihr Haus lockt, wo sie mit dem Hammer auf sie einschlägt, damit ihr toter Lover Frank deren Blut trinken und sich vollständig regenerieren kann - und das alles nur, weil sie nie den multiplen Orgasmus vergessen konnte, den sie mit ihm hatte. "What's Your Pleasure?", in der Tat. Auch Andrew Robinson agiert gewohnt souverän in einer Rolle, in der er zunächst das naive Opfer geben muss, um nach Franks Wiederauferstehung (in Larrys Körper) gewohnt psychopathisch zu agieren.

Leider wird das fröhliche Spiel der Nebendarsteller immer wieder von Hauptdarstellerin Ashley Laurence unterbrochen, die in ihrer langweiligen Protagonistinnen-Rolle das Rätsel lösen und die ganze S/M-Sippschaft nebst verhasster Stiefmutter zur Hölle schicken darf, aber eigentlich wünscht man sich, sie selbst würde dorthin fahren. Laurence hat es aber auch nicht leicht. Sie ist das typische "Good Girl" mit Vaterkomplex, das selbst keine nennenswerte Charaktereigenschaft besitzt, während alle um sie herum vollkommen Over the Top agieren, welche Chancen hat sie da?

HELLRAISER erfindet das Genre zwar nicht neu (und war gewiss nicht die 'Zukunft des Horrors', wie die immer schwächer werdenden Sequels zeigen), ist aber ein eigenständiger, beeindruckender und sehr atmosphärischer Schocker. HELLRAISER ist nicht für jeden Geschmack - ich erinnere mich, wie wütende Kunden den Film in die Videothek zurückbrachten, in der ich seinerzeit arbeitete, und mich fragten, was zur Hölle der Quatsch mit diesen Zentauren oder Hugenotten sollte (gemeint waren selbstverständlich die Zenobiten) - aber im Vergleich mit stumpfsinnigen US-Slashern oder albernen Horror-Komödien, die damals gerade "in" waren, steckt er doch voller origineller Ideen und muss klar zu den Höhepunkten des britischen Horrorfilms gezählt werden, zumal er in einer Zeit entstand, als das Genre in Großbritannien praktisch nicht mehr existent war.

Trotz der Vielzahl an Absurditäten und einem nicht geringen Splattergehalt gelingt Barker eine wirklich fiese kleine Szene, in der sich Robinson beim Umzug ins alte Haus die Hand an einem rostigen Nagel aufreißt - das ist ein Schmerz, den jeder nachempfinden kann.

Jesus Wept!

9.5/10
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