Dienstag, 30. August 2011

Das Schmuckstück (2010)

Oder auch: "Ich brauche dringend einen Hit!"

Im Frankreich der späten 70er erleidet der Regenschirmfabrikant Pujol (Fabrice Luchini) einen Herzinfarkt, weswegen seine Gattin Suzanne (Catherine Deneuve) einspringen muss, die bislang nur den Haushalt führte und als "Schmuckstück" fungierte, das man vorzeigen kann, das aber keine eigenen Entscheidungen treffen darf. Mit Herz und Verstand gelingt es der schönen Suzanne, die streikenden Fabrikarbeiter auf ihre Seite zu ziehen, den kommunistischen Bürgermeister (Gérard Depardieu) zu umgarnen, mit dem sie vor langer Zeit eine Affäre hatte, und sie steigt - beflügelt vom Erfolg - in die Politik ein. Doch ihr Mann erholt sich wieder und verlangt seine Position zurück...

Mit seinen letzten Filmen hatte Francois Ozon es nicht leicht beim Publikum. Das einstige Enfant Terrible und Liebling des französischen Kinos konnte weder Zuschauer für sein Ausstattungs-Melodram "Angel" (2007) noch für das Fantasy-Märchen "Ricky" (2009) oder die Schwangerschaftsverklärung "Rückkehr ans Meer" (2009) begeistern. Was lag da näher, als erneut eine Boulevardkomödie aufzugreifen, diese in schrill-bunte Bilder zu kleiden und zwei der größten Stars des französischen Kinos zu besetzen? Das Rezept ging doch mit "8 Frauen" (2002) schon einmal wunderbar auf.
Tatsächlich wurde DAS SCHMUCKSTÜCK (Potiche) in Frankreich ein großer Hit. In anderen Ländern, in denen Deneuve und Depardieu keine Institutionen sind, denen man schon aus Gründen des Nationalstolzes die Stange hält, erhielt die Komödie zwar überwiegend gute Kritiken, lief aber nur mittelprächtig. Wahrscheinlich, weil Ozons Feelgood-Movie doch im Grunde eine ziemlich belanglose Angelegenheit ist.

Betrachtet man DAS SCHMUCKSTÜCK als Geschenk an die große Deneuve, trifft er voll ins Schwarze. Unter Ozons Regie zeigt die große Dame des französischen Kinos mit knappen 70 eine leichtfüßige, warmherzige und quirlige Darstellung, bei der sie die Sympathien vollständig auf ihrer Seite hat. Seit dem Klassiker "Die Regenschirme von Cherbourg" (1964), auf den Ozon mehrfach bewusst anspielt, scheint kaum Zeit vergangen, wenn man Deneuve in ihren ausgefallenen Kostümen durch den Film wandeln, tanzen und sogar singen sieht. Ozon legt ihr den Film zu Füßen, und sie trägt ihn mühelos. Der Erfolg ist ihr zu verdanken, sie hat ihn verdient.

Aber wie gelungen ist der Film jenseits von Deneuve? Formal ist dem SCHMUCKSTÜCK wenig vorzuwerfen. Die schrägen 70er-Dekorationen, Tapeten, Accessoires und Föhnfrisuren sind perfekt überdreht, der Soundtrack macht auf Anhieb gute Laune (es laufen ununterbrochen Kulthits von 'Baccara' bis zu den 'Bee Gees'), und die Darsteller sind allesamt extrem spielfreudig (ganz besonders Jérémie Renier als schwuler Sohn Catherine Deneuves, der durch Mutters Erfolg ebenfalls aufblüht, und der schon in "Criminal Lovers", 1999, unter Ozon agierte). Ozon verleugnet nicht die Wurzeln der Boulevardkomödie, sondern inszenierte diese bewusst, indem er z.B. die Charaktere immer wieder zur Tür hereinkommen lässt und ihnen somit klassische 'Auftritte' verschafft.

Diese hübschen Details können aber nie die Tatsache verhüllen, dass das Boulevardstück mehr als nur ein bisschen angestaubt ist. Die Emanzipationsgeschichte von Catherine Deneuve ist ein poppig-bunter, aber ganz schön alter Hut, und auch die Subplots (wie des Töchterchens Entscheidung, wegen einer Schwangerschaft womöglich die Karriere aufzugeben) bleiben fade. Gerade in der ersten halben Stunde kommt DAS SCHMUCKSTÜCK nur schwer von der Stelle. Die große Tanzszene von Deneuve und Depardieu in der Disco ist ein schöner Einfall, wirkt aber leider mehr verkrampft als locker (Deneuve erzählte hierzu, dass Depardieu nur mit viel Mühe und noch mehr Wein zum Tanzen zu bewegen war).
In der zweiten Hälfte kommt der Film dann mehr in Schwung, statt herzhafter Lacher gibt es aber zumeist nur Anlass zum Schmunzeln und durchaus auch gepflegte Langeweile. Ozon will ausnahmsweise niemandem auf die Füße treten und ist insgesamt zu brav, zu nett, zu bieder. Eine spritzige Komödie ist DAS SCHMUCKSTÜCK nicht geworden, und die einzigen Überraschungen im Film sind die Einsichten, dass Mama Deneuve in ihrer Jugend ein ganz schönes Flittchen war, und dass Inzest in den besten Familien vorkommt. Et Voilà.

Eine Bemerkung am Rande: die deutsche Synchronfassung rühmt sich zwar im Vorspann damit, dass Senta Berger Catherine Deneuve spricht, aber der Film ist im französischen Original zehnmal besser. Frau Berger ist eine hervorragende Schauspielerin, aber weder kann sie Deneuves Tempo noch deren Sprachmelodie adäquat wiedergeben und wirkt zu oft behäbig.

07/10

Montag, 29. August 2011

Tanz der Teufel 2 (1987)

Sechs Jahre nach seinem fulminanten Einstand im Horrorgeschäft mit "Tanz der Teufel" (1981) inszenierte Sam Raimi die obligatorische Fortsetzung, behielt den Splatterlevel weitgehend bei, schraubte aber den Humorlevel hoch und erzählte im Grunde die gleiche Geschichte noch einmal, mit veränderter Figurenkonstellation.

Wieder ist es der tapsige Ash (Bruce Campbell), der in die unheimliche Waldhütte fährt, diesmal nicht mit seinen Freunden, sondern zwecks Schäferstündchen mit der Dame seines Herzens. Da die Hütte Ash nicht weiter bekannt vorkommt, darf man davon ausgehen, dass er nicht derselbe ist, der bereits im ersten Teil heftig vom Bösen geplagt wurde und wir uns in einem Remake befinden - es sei denn, Ash ist am Ende des Originals doch zu einem Höllenwesen mutiert und lockt nun neue Opfer in die Hütte, doch dem scheint nicht so zu sein. Wie gehabt bricht die unsichtbare Horror-Macht über die Hütte herein, nachdem ein Tonband abgespielt wird. Ashs Freundin verwandelt sich in ein Monster, muss waidgerecht zerlegt und bestattet werden, dreht aber sogar ohne Kopf noch gespenstische Pirouetten im Wald. Bald darauf wird Ash nicht nur von sämtlichen Einrichtungsgegenständen ausgelacht und von seinem eigenen Spiegelbild umarmt, es treffen noch weitere Gäste ein, die zum Kanonenfutter des Bösen werden. Als sich zum Finale schließlich das Tor in eine andere Dimension öffnet, scheint es für Ash keinen Ausweg mehr zu geben...

TANZ DER TEUFEL II (Evil Dead) versucht nicht mehr, neue Wege zu beschreiten, sondern schmückt die bekannten lediglich aus, mit deutlich aufgebesserten Spezialeffekten und soliderem Budget. So ist das Sequel sowohl für Fans des Originals als auch für Uneingeweihte ein großer, bunter, schräger und blutiger Spaß, der zwar nie Angst einflößt, aber zu herzhaften Lachern animiert. Der Handmade-Charme des billig produzierten ersten Teils bleibt trotz der professionellen Machart erhalten. Neben einigen Einfällen, die schon zuvor ausprobiert wurden, gibt es viele neue. So muss Ash gegen seine eigene abgetrennte Hand kämpfen, die ihm den Stinkefinger zeigt, dazu jede Menge Slapstick absolvieren (inklusive eines Saltos), und er darf sich am Ende sogar eine abgesägte Schrotflinte auf den Arm stecken, wo vorher mal seine Hand war. Damit macht sich Raimi zum Ende des Jahrzehnts noch über die Action-Ikonen des 80er-Kinos lustig. "Groovy!"

Bruce Campbell absolviert den Horror-Zirkus über weite Strecken alleine und hat ebenso viel Spaß an seiner Rolle wie Sam Raimi mit der Inszenierung. Glücklicherweise überträgt sich der Spaß auch auf den Zuschauer. Das hätte leicht schief gehen können, aber Raimi besitzt so viel Geschick und Kreativität, dass sein Film trotz aller Wiederholungen frisch bleibt. Dafür sorgen auch jede Menge kleiner Gags am Rande, wie der Buchtitel "A Farewell to Arms", der die abgetrennte Hand unter Verschluss hält, das gestickte Bild "Home, Sweet Home", das jeden Neuankömmling im Horror-Haus begrüßt, oder der fliegende Augapfel, der direkt im Mund einer Darstellerin landet. Raimi streut dazu einige Bezüge zu Klassikern des Horrorfilms wie "The Haunting" (1963) ein ("Warum drücken Sie meine Hand" - "Das bin ich doch gar nicht!") und huldigt auf der Humorebene seinen Kindheitshelden, den "Three Stooges".

Im direkten Vergleich schneidet TANZ DER TEUFEL II etwas schwächer ab als das Original, das neben allem Spaß auch wirklich furchterregend war. Beim Sequel darf der Zuschauer kreischen, lachen und sich ekeln, muss sich aber nicht fürchten. Dafür hat der Film ein derart aberwitziges Tempo, dass die knapp 85 Minuten praktisch an einem vorbeirasen.
Hierzulande wurde der Film - schon aufgrund des berüchtigten Vorgängers - natürlich "gesäubert", bevor er ins Kino kam. Die ungeschnittene Fassung ist aber mittlerweile überall erhältlich. 1992 inszenierte Sam Raimi mit "Armee der Finsternis" den dritten und letzten Teil der Trilogie, bevor er sich dem Mainstream zuwandte und zu einem der gefragtesten Blockbuster-Regisseure Hollywoods wurde.

9.5/10

Sonntag, 28. August 2011

Tanz der Teufel (1981)

Im Jahr 1981 kratzte der junge, unbekannte Filmfan Sam Raimi 500.000 Dollar von Bekannten und privaten Geldgebern zusammen, um gemeinsam mit seinen Freunden den ultimativen Horrorfilm zu drehen.

Der Rest ist Geschichte.

In TANZ DER TEUFEL (The Evil Dead) wollen vier Teenager ein Wochenende in einer alten Waldhütte verbringen. Schon bei ihrer Ankunft deuten merkwürdige Klopfgeräusche darauf hin, dass hier etwas nicht stimmt. Als sie ein geheimnisvolles Buch finden und ein Tonband mit Beschwörungsformeln abspielen, bricht das Böse über die Jugendlichen herein. Unser Held Ash (Bruce Campbell) muss hilflos zusehen, wie seine Freunde sich in blutrünstige Höllenwesen verwandeln...

Was für eine Achterbahnfahrt ist Sam Raimi mit seinem Erstling gelungen! TANZ DER TEUFEL startet auf Hochtouren mit einer durch die Wälder rasenden Kamera als Subjektive des 'Bösen' (eigentlich Raimi mit der Handkamera auf einem Brett, das von Bruce Campbell gezogen wird) und lässt dann nicht mehr locker. Die Intensität des Films steigert und steigert sich in zuvor unbekannte Dimensionen, und dem Publikum stehen sämtliche Haare zu Berge beim Anblick von Raimis ungezügelter Fantasie und schierer Lust am Grauen.
Raimis Kamera steht niemals still, sorgt für immer neue, bizarre Perspektiven, sein Film strotz nur so vor Einfällen. Und das alles wurde realisiert mit einem geradezu lächerlichen Budget, das man zwar an jeder Stelle merkt, das aber von Raimi so kreativ genutzt wird, das einem Hören und Sehen vergeht. Als Zuschauer ist man schnell auf alles gefasst und wird ständig überrascht. Dabei wirkt TANZ DER TEUFEL nie grimmig, sondern bleibt durch sein hohes Maß an groteskem Humor stets Popcorn-Kino allerhöchster Güte.

Raimi gelingt hier vor allem etwas, das nur wenige Genrebeiträge überhaupt versuchen: den Horror in wirklich jede einzelne Szene zu holen und ununterbrochen mit Sehgewohnheiten zu experimentieren (so wie es Romeros "Night of the Living Dead", 1968 und Argentos "Suspiria", 1977, ebenfalls schaffen). Wenn der Wagen der Protagonisten zu Beginn auf die Hütte zufährt, verstummen plötzlich sämtliche Geräusche (Motor, Natur) mit Ausnahme der Reifen auf dem Walduntergrund, das seltsame Klopfgeräusch stellt sich als Verandaschaukel heraus, die gegen die Hütte geschlagen wird, aber just in jenem Moment stillsteht, wenn die Teenager die Tür aufschließen, der Keller der kleinen Behausung entpuppt sich als Labyrinth, und während draußen die Sonne scheint, wabert im Inneren der Hütte Nebel. Sogar eine kitschig-romantische Szene, in der Bruce Campbell seiner Liebsten eine Kette schenkt, wird durch Raimis Inszenierung zum Kabinettstück, indem er sich auf Großaufnahmen beider Augenpaare konzentriert, die ein Katz-und Mausspiel vollführen, welches sich später wiederholt, wenn Campbell die mittlerweile tote (oder doch untote) Geliebte begraben will.

Zu den fantasievollen Spezialeffekten gehören die unbeschreiblichen Verwandlungen der Charaktere, das Monster-Makeup und die Auflösung der Besessenen. Von altmodischen Stop-Motion-Tricks bis zu farbigem Kartoffelbrei mit Küchenschaben fährt Raimi alles auf, was Technik und Vorratskammer hergeben. Meine absolute Lieblingseinstellung zeigt den Vollmond über der Hütte, in dem sich das Böse wie schwarze Tinte ausbreitet. Es gibt so viel Details in TANZ DER TEUFEL zu sehen, dass es unmöglich ist, alle aufzuzählen.

Nicht unerwähnt bleiben soll die berüchtigte Baum-Sequenz, in der die furchtsame Cheryl (Ellen Sandweiss) panisch durch den nächtlichen Wald rennt, um dann von den bizarren Bäumen überfallen und vergewaltigt zu werden, was als ultimative Frauenfeindlichkeit ausgelegt wurde und im Zentrum der jahrzehntelangen Kontroverse um den Film stand (siehe unten). Ohne diese Szene zu verteidigen muss man sagen, dass alle Charaktere sich in TANZ DER TEUFEL ihren schlimmsten Alpträumen stellen müssen und die surreale Inszenierung diesen Vorgang unwirklich und mythisch erscheinen lässt und ihm damit jeden Realitätsbezug nimmt, der dem Betrachter unangenehm aufstoßen könnte. Das soll aber jeder für sich beurteilen (Frauen sehen das mit Sicherheit anders, und die Aufregung ist - auch wenn man anderer Ansicht ist - nachvollziehbar).

Bruce Campbell wurde durch TANZ DER TEUFEL zum Star und zur Kultfigur des Genres. Anders als in den Fortsetzungen ist seine Darstellung hier aber noch nicht auf Komik angelegt, obwohl er eine Menge abbekommt. Er wird mehrfach unter Regalen und anderen Möbeln begraben, muss seine Geliebte zerstückeln und begraben und wird mit allerlei ekelhaften Flüssigkeiten aller Farben des Spektrums besudelt, bevor die rasende Kamera ihn aus dem Film reißt. Vor allem aber ist er ein sympathischer, leicht trotteliger und liebenswerter Held. Die Oneliner kamen später.

Viele haben mit wenig Geld versucht, Horrorfilme zu drehen, aber keinem ist es dermaßen beeindruckend geglückt. Bestseller-Autor Stephen King ließ sich prompt zu einem Jubelsatz hinreißen, der aufs Plakat gedruckt wurde. Mit dem 'Gütesiegel' des Horror-Spezialisten wurde TANZ DER TEUFEL ein weltweiter Hit, musste aber kurz darauf eine Tortur durch Zensurbehörden erleiden. Die ganze Geschichte der unzähligen Kürzungen, Indizierungen, Beschlagnahmungen und Freigaben kann an anderer Stelle nachgelesen werden, sie würde hier den Rahmen sprengen. Kurz gesagt gehört TANZ DER TEUFEL zu den am meisten gebeutelten und missverstandenen Horrorfilmen aller Zeiten, und das unverdientermaßen, denn der Film hat keinen Realitätsanspruch uns spielt in einer völlig fremden, eigenen Welt. Obwohl das Blut meterweit spritzt (mal rot, mal schwarz), bewegt sich TANZ DER TEUFEL immer im Bereich des Fantastischen, des Cartoons, des Surrealen.

TANZ DER TEUFEL ist der Film eines Horrorfans für alle Horrorfans. Die unglaubliche Energie des Films reißt heute noch mit. Während aktuelle Retro-Regisseure exakt die Art von Brutalität und Zynismus bieten, die ihr Zielpublikum sehen will und ihre Filme speziell darauf zuschneiden, stecken in TANZ DER TEUFEL viel Naivität und jugendliche Begeisterung. Sam Raimi wollte einen Film machen, den er selbst lieben würde, und den genau deswegen alle lieben. Das ist unterm Strich der ganz große Unterschied zwischen dem heutigen, rückwärtsgewandten Genrekino und einem innovativen Geniestreich wie diesem.

10/10

Publicity-Still für "Tanz der Teufel"

Samstag, 27. August 2011

Muttertag (1980)

Charles Kaufmans MUTTERTAG (Mother's Day) gehörte neben Fulcis "Ein Zombie hing am Glockenseil" (1980) und Raimis "Tanz der Teufel" (1981) zu DEN sagenhaften Horrorfilmen, die in den 80ern aufgrund der landesweiten Beschlagnahmung nur unter der Hand (und unterm Tresen) zu bekommen und angeblich so hart waren, dass das Drücken der 'Play'-Taste am Videorekorder schon als Mutprobe anerkannt wurde.
Gemeinhin als brutaler Billig-Trash abgetan, entwickelte der Film aber in den folgenden Jahren den Ruf eines übersehenen, missverstandenen Klassikers, der eher als Satire angelegt ist. So wie MUTTERTAG ursprünglich unterschätzt wurde, wird er mittlerweile überschätzt.

Worum geht es? Drei Großstadt-Frauen treffen sich zum alljährlichen Campingtrip in den Wäldern und geraten dabei an zwei durchgeknallte Einsiedler, die sie entführen, zu sich nach Hause schleppen, dort vergewaltigen und quälen. Das alles tun sie vor den Augen ihrer lieben alten Mama (Rose Ross), die einen Heidenspaß an den Foltermethoden ihrer Knaben hat, aber sauer wird, wenn die Burschen sich nicht die Schuhe an der Tür abputzen. Am nächsten Morgen gelingt zwei Mädels die Flucht. Doch statt zur Polizei zu gehen, legen sie sich lieber Stirnbänder an und nehmen grausame Rache an ihren Peinigern. Herzlichen Muttertag, alle zusammen!

Das klingt auf den ersten Blick nicht wie eine Satire, sondern wie geschmackloser Schund, der einmal zu oft "Deliverance" (1972) gesehen und lediglich die Geschlechter der Protagonisten ausgetauscht hat. Das Vorbild ist deutlich erkennbar, und MUTTERTAG ist tatsächlich so etwas wie die missratene, irre Schwester von Boormans Film (Wes Cravens "Last House on the Left", 1972, gehört ebenfalls zu den engeren Verwandten). Nun sind Satiren grundsätzlich erst mal Thesenfilme, die einzig erkennbare These in MUTTERTAG aber würde wohl "Fernsehen macht dumm und gemeingefährlich" lauten. Das könnte man unterschreiben, ist aber alles in allem etwas dürftig, um den Film gleich als subversiv zu bezeichnen.

Aber: an vielen Stellen ist MUTTERTAG in der Tat gar nicht so dumm. Das Drehbuch bemüht sich um schnelle, aber kantige Charakterisierungen und spielt mit Motiven, die sich im Laufe der Filmhandlung ironisch umkehren. So betrachten die Frauen anfangs Dias aus Schultagen (komplett mit unerträglichem Synchro-Geplapper und Gekicher, obwohl es nichts Lustiges zu sehen gibt), auf denen sie z.B. scherzhaft in Schlafsäcken stecken. Später werden sie von den degenerierten Mördern in eben jenen Schlafsäcken vom Lagerfeuer zu Mamas Häuschen weggeschleift. In einer Rückblende sehen wir, wie die Mädels in der Schulzeit einem Aufreißer einen hinterlistigen Pubertätsstreich spielen, in der Gegenwart werden sie selbst Opfer grausamer 'Streiche'. Eine der Frauen spielt mit ihrem Lover Vergewaltigung und erlebt diese später real. Die andere leidet unter einer pflegebedürftigen Mutter, die sie drangsaliert, und 'rächt' sich später an der Mutter der Killer in einem brutalen Akt der Verzweiflung, in dem sie nicht mehr zwischen ihrer eigenen und der fremden Mama unterscheiden kann.

Die Kritik an übermäßigem TV-Konsum beschränkt sich darauf, dass die bösen Jungs nur die Gewaltorgien nachspielen, die sie aus dem Fernsehen kennen, weil sie weder Kontakt zur Außenwelt noch zu anderen kulturellen Einrichtungen haben. Eine Vergewaltigung ist für sie keine schlimme Sache, weil sie diese ständig im Fernsehen zu Unterhaltungszwecken sehen. Da ihre Mutter begeistert zusieht und die Sprösslinge 'anfeuert', können sie auch nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden, denn wer widerspricht schon der alten Mama, die es doch am besten weiß? Im Finale endet einer der Jungs dann mit dem Kopf voran im Fernseher, ist also endlich in der Welt angekommen, die er liebt. Oder wie Freddy Krueger ("Nightmare 3", 1987) sagt: "Welcome to Prime Time, Bitch!"

Das Abbruchhaus, in dem die geisteskranke Sippe wohnt, ist dazu mit Kitsch und Ramsch vollgestopft (ganz entzückend sind die aufblasbaren Brüste, mit denen Mutter am Ende niedergestreckt wird) - soll heißen, diese Leute haben weder Geschmack noch Intellekt oder Kultur. Die mordlustigen Hinterwäldler gehörten 1980 natürlich schon zum Standard des Genres (spätestens seit "The Texas Chainsaw Massacre", 1974). Schlechte Zähne und Inzest sind obligatorische Versatzstücke und werden heute noch gern bespielt, selten hinterfragt.
Dass der Film die drei Freundinnen als biestig und rücksichtslos beschreibt (sie werfen Müll in die Natur und verwüsten einen Lebensmittelladen), bleibt zwiespältig, denn so scheint er zu suggerieren, sie würden nur 'bekommen, was sie verdienen' (dazu gehört auch das Aufgreifen der gespielten Vergewaltigung), womit MUTTERTAG sich der konservativen Slasher-Moral unterwirft, nach der Kiffen, Fummeln und Herumblödeln grundsätzlich mit dem Tod bestraft wird. Aus der brutalen Racheaktion der Mädels Zivilisationskritik abzuleiten (nach dem Motto: in uns allen schlummert das blutrünstige Tier), scheint etwas zu bemüht, zumal so ein Stoff diese Lesart immer vorgibt.

Aber weg von der Bedeutungsebene und hin zum Horrorschocker, der leider nur stellenweise gut funktioniert. Echte Überraschungen gibt es nicht, echte Spannung genau so wenig. Der Aufbau dauert zu lange, der Film plätschert lange nur dahin. Die Schauspieler sind uninteressant (die Frauen) oder agieren völlig überzogen (die Sippe). Der Schluss-Schock ist lediglich dämlich. Was Spaß macht, sind die grotesk überzeichneten Splatter- und Gewaltmomente (bis auf die Vergewaltigung, zu der Kaufman keine Haltung zeigt, und die durch den eingebauten 'Humor' noch unangenehmer wirkt). Für den Gorehound gibt es reichlich Futter, wenn die Rächerinnen zu Hammer, Elektromesser und Abflussreiniger greifen. Die Effekte sind billig, aber sehenswert, und Regisseur Charles Kaufman filmt alles mit reichlich Wucht und Spaß an der Zerstörung. Das zu Beginn von einem Selbsthilfe-Guru ausgesprochene Mantra "Liebet euch alle!" wird hier endgültig auf die Schippe genommen.

Wie man sieht, gibt es doch etwas zu sagen über einen Film, der schnell als Schund und Trash abgetan werden kann, der sich aber zumindest Mühe gibt, ein wenig ironische Brechung in seine Metzelei zu schmuggeln. Ein bisschen John Waters steckt sogar in MUTTERTAG, nicht nur wegen der rosa Plastikflamingos, die Mutters 'Vorgarten' zieren. Das macht aber bei weitem noch keinen guten Horrorfilm.
Die Beschlagnahmung des Films (die auch in Großbritannien im Zug der 'Video Nasties' vollzogen wurde) ist natürlich der grundsätzlichen Geschmacklosigkeit geschuldet, sowie der Tatsache, dass die Familie als Hort des Glücks und der Geborgenheit nicht beschmutzt werden darf. Ich kenne zumindest keinen beschlagnahmten Disney-Film. Dabei hat "Bambi" (1942) mich weit mehr verstört als ein letztlich alberner Popcorn-Schocker wie MUTTERTAG.

Letzter Gedanke: äußerst irritierend ist für mich immer die Szene, in der die zwei überlebenden Mädels ihre tote Freundin im Wald begraben. Ist ja nett gemeint, aber ob die Kameradin sich wirklich gewünscht hat, am Ort ihrer Vergewaltigung und Ermordung die letzte Ruhe zu finden? Ich weiß ja nicht...

05/10

Freitag, 26. August 2011

Stuff - Ein tödlicher Leckerbissen (1985)

Wer eine Abwechslung vom heutigen Horror-Einheitsbrei sucht, wird bei den Filmen Larry Cohens aus den 70er/80ern immer fündig, denn diese sind stets originell und bieten neben derben Horror-Effekten genug skurrilen Witz und bissige Gesellschaftskritik. Für manche Trash, für mich immer kleine Perlen, so auch STUFF - EIN TÖDLICHER LECKERBISSEN (The Stuff) aus dem Jahr 1985.

Hier blubbert eine weiße, cremige Masse aus der Erde, die so gut schmeckt, dass sie umgehend vermarktet wird und bald in keinem amerikanischen Kühlschrank mehr fehlen darf. Die Konkurrenz möchte die "Formel" dieser Leckerei gern kopieren und schickt einen eigenwilligen Industriespion (Michael Morarty) los, hinter das Geheimnis von "The Stuff" zu kommen - und das ist wahrhaft entsetzlich...

Cohens Konsumkritik ist in THE STUFF allgegenwärtig - so werden die "Stuff"-Liebhaber bald zu zombiehaften Junkies, die nicht mehr ohne ihr schaumiges Dessert leben können. In einer sehr komischen Szene versucht die typisch heile Durchschnittsfamilie den jüngsten Spross zum Verzehr von "The Stuff" zu überreden, damit er "zu ihnen gehört". Überall laufen Werbespots für "The Stuff", dessen Zusammensetzung nicht einmal die Gesundheitsbehörde kennt. Die Auswüchse der Lebensmittelindustrie, die zusammen mit der Werbewirtschaft ungenießbare Waren auf den Markt wirft und sich einen Dreck darum schert, was mit der Gesundheit der Konsumenten passiert, sind in der Tat so aktuell, dass man THE STUFF heute wieder in die Kinos bringen könnte.

Michael Moriarty spielt hier eine seiner vielen Cohen-Rollen ("Die Wiege des Bösen", 1974, American Monster, 1982) mit verschlagenem Witz und sehr sonderbaren Charaktereigenschaften. Wenn gegen Ende das Militär anrückt, um die mörderische Horror-Sahne zu bekämpfen, verzettelt sich der Film zwar etwas, aber auch das ist ein Markenzeichen von Cohen. Herrlich allerdings, wenn Paul Sorvino als draufgängerischer Colonel ein "Stuff"-Opfer betrachtet und dazu bemerkt: "Ich mag ja Blut, aber DAS ist widerlich!"

Insgesamt ist THE STUFF eine herrlich unterhaltsame Horror-Achterbahn, die trotz der absurden Prämisse nie albern oder dämlich wird, weil Larry Cohen sie auf bizarre Weise ernst nimmt. Sehr empfohlen für den ungewöhnlichen Geschmack. Die 18er-Freigabe ist in meinen Augen übertrieben, da die Effekte sehr einfallsreich, aber nie blutig (eher Joghurt-artig) serviert werden.

08/10

Mittwoch, 24. August 2011

Die Wiege des Schreckens (1987)

Die Monsterbabys sind zurück, in Larry Cohens drittem und letztem Teil der Mutationen-Saga, DIE WIEGE DES SCHRECKENS (It's Alive III - Island of the Alive).

Diesmal sind nur noch fünf Kreaturen übrig. Per Gericht wird entscheiden, die gefräßigen Säuglinge auf einer Insel auszusetzen, wo sie in Freiheit leben, der Gesellschaft und Zivilisation aber keinen weiteren Schaden zufügen können. Fünf Jahre später wird der Vater eines der Killerbabys (Michael Moriarty) zusammen mit einigen Wissenschaftlern zur Insel gebracht, um zu sehen, was aus den Kleinen geworden ist. Überflüssig zu sagen, dass die Expedition in einem Blutbad endet. Unser Protagonist kann sich mit den überlebenden Mutationen auf ein Schiff retten und steuert aufs Festland zu - entschlossen, seinem Nachwuchs und dessen Gefährten den Platz in der Gesellschaft zurückzugeben, der ihnen zusteht...

Im Gegensatz zum ereignislosen Vorgänger "Die Wiege des Satans" (1978) zieht B-Film-König Larry Cohen im letzten Teil der Trilogie das Tempo deutlich an und sorgt für deutlich mehr Spaß und Ironie. So wie der gesamte Film wird auch der Gewaltfaktor cartoonhaft übersteigert, was zu einigen saftigen Splattereinlagen führt, die es so in den Vorgängern nicht gegeben hat. Auch sind die Monster hier erstmals in voller Größe zu bewundern (wobei ihre Gummianzüge nicht sonderlich überzeugend wirken). In den fünf Jahren, die sie einsam auf der Insel verbracht haben, sind sie zwar gealtert, aber nicht "erwachsen" geworden. Sie sind nach wie vor die bekannten Babys mit Glatze, Glubschaugen und Reißzähnen, nur fünfmal größer als zuvor.

Fast zehn Jahre sind zwischen dem 2. und diesem Teil vergangen. Der Grund dafür findet sich eindeutig in Cohens Absicht, die seinerzeit grassierende Angst vor AIDS und HIV-Ansteckungen zu thematisieren. Nur wenige erinnern sich noch, dass sich Mitte der 80er die HIV-Angst auf ihrem Höhepunkt befand und allerorts - auch im deutschen Fernsehen - darüber debattiert wurde, die Erkrankten aus der Gesellschaft zu "entfernen" und sie irgendwo, am besten so weit weg wie möglich, unter Quarantäne zu stellen. Ein unglaublicher Vorgang, der tatsächlich ernsthaft diskutiert wurde und heute nur fassungsloses Kopfschütteln verursacht.
Larry Cohen, der schon in den ersten Teilen die diffusen Ängste vor radioaktiver Strahlung, verseuchter Nahrung und gefährlichen pharmazeutischen Mitteln zum Hintergrund seiner Monsterfilme machte, nimmt sich in der WIEGE DES SCHRECKENS also erneut eines heißen Eisens an, wobei er es wie üblich in einen schrägen Horror-Stoff verpackt, der sicher kein Mainstream-Publikum erreicht. Dennoch beweist er, dass das Horror-Genre zu sehr viel mehr fähig ist als schreienden Jungfrauen maskierte Killer auf den Hals zu hetzen. Im stagnierenden Genre der späten 80er wirkt der Film sogar erfrischend originell. Die Szene, in der Hauptdarsteller Moriarty Sex mit einer Prostituierten hat, welche ihn danach als Vater des Monsters wieder erkennt und ihn anschreit, er solle sie nicht mehr anfassen und beim nächsten Mal vorher sagen, was mit ihm los ist, ist ein weiterer sehr deutlicher Verweis auf die 80er AIDS-Hysterie.

Michael Moriarty spielt wieder einmal unter Cohens Regie einen extrem skurrilen Helden, der sich seiner Vatergefühle zunächst schämt, dann aber zu den missratenen Bälgern steht und ihnen hilft. Anders als John P. Ryan, der in den Vorgängern die gleiche Entwicklung durchmachte, dabei aber stets ernst und unnahbar wirkte, geht Moriarty eher in die komödiantische Richtung, wie schon in Cohens "The Stuff" (1985) und "American Monster" (1982). An seiner Seite agieren alte Bekannte des Genres wie Karen Black ("Landhaus der toten Seelen", 1974), Laurene Landon ("Maniac Cop", 1988) und Gerrit Graham ("Phantom im Paradies", 1974). Die Musik Bernard Herrmanns aus den ersten beiden Teilen wurde nur für den Vorspann aufbereitet, der Rest des Soundtracks stammt erneut von Laurie Johnson.

Wirklich gelungen ist DIE WIEGE DES SCHRECKENS wegen seiner doch sehr dürftigen Baby-Masken nicht, aber für den B-Fan gibt es doch allerlei zu sehen und zu bewundern. Larry Cohen nimmt seine Filme stets ernst (selbst in den komischen Momenten) und füllt sie mit guten Ideen, auch wenn diese dann in einem teilweise bizarren Gebräu untergehen. Der Beginn der WIEGE DES SCHRECKENS ist geradezu fantastisch. Zunächst erleben wir die blutige Geburt eines Monstersäuglings in einem Taxi (hier stellt Cohen ein allzu bekanntes Versatzstück sarkastisch auf den Kopf), dann folgen die ermittelnden Detectives (darunter Cohen-Stammschauspieler James Dixon) der Blutspur des Babys bis zum Taufbecken einer Kirche. Das Baby will offenbar Gottes Segen! Diese und ähnlich groteske Einfälle machen Cohens Filme so sehenswert und ergiebig. Selbst wenn sie stellenweise lächerlich und albern wirken, sind sie doch niemals dumm und sehr leicht zu unterschätzen.

07/10

Montag, 22. August 2011

Die Wiege des Satans (1978)

Nach dem großen Erfolg von "Die Wiege des Bösen" (1974) ließ die obligatorische Fortsetzung immerhin vier Jahre auf sich warten. Doch obwohl Larry Cohen, der Schöpfer des Originals, sich persönlich des Sequels annahm und auch John P. Ryan wieder als Hauptdarsteller verpflichten konnte, enttäuscht DIE WIEGE DES SATANS (It Lives Again) doch auf nahezu ganzer Linie.

Am Ende des Vorgängers erfuhren wir, dass weltweit mehrere der gefräßigen Monsterbabys geboren wurden. Die Fortsetzung beginnt mit dem jungen Paar Jody (Kathleen Lloyd) und Scott (Frederic Forrest), das in Kürze Nachwuchs erwartet und nun feststellen muss, dass es sich dabei ebenfalls um eine der gefährlichen Mutationen handeln wird. Frank Davis (John P. Ryan), der im Original selbst lange brauchte, um diese Tatsache zu akzeptieren und dann hilflos zusehen musste, wie die Polizei sein Baby erschießt, hat mittlerweile eine Organisation gegründet, die den schwangeren Frauen hilft, ihre Kinder an einem sicheren Ort zur Welt zu bringen. Er versucht, das Paar zu überzeugen, sich ihm anzuvertrauen, was ihm schließlich auch gelingt. Verborgen in einer geheimen Privatklinik bringt Jody ihr Kind zur Welt. Nach einem leichtsinnigen Fehler eines Wissenschaftlers aber brechen drei der Killerbabys aus ihrer Gefangenschaft aus und gehen auf Menschenjagd...

Zu den bekannten Klängen Bernard Herrmanns, dessen Musik durch Laurie Johnson für die Fortsetzung bearbeitet wurde, weil der Komponist bereits verstorben war, beginnt DIE WIEGE DES SATANS zunächst vielversprechend mit einem hübschen Vorspann und einem mysteriösen Auftakt bei einer Party, auf der Frank Davis das Pärchen über die wahre Natur ihres Nachwuchses aufklärt. Der von John Ryan glaubwürdig gespielte Davis ist nach wie vor ein interessanter Charakter. Obwohl er nur das Beste für die Eltern und die Kinder will, indem er sie vor dem Zugriff staatlicher Autoritäten beschützt, bleibt er undurchschaubar und zwielichtig. Die Ereignisse aus dem ersten Teil sind offensichtlich nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Er könnte ebenso gut ein gemeingefährlicher Irrer sein, der das Baby unseres Paares entführen möchte. Umso mehr versteht man die Reaktion der werdenden Eltern, zumal man sich fragen muss, wie man überhaupt (sowohl als Schauspieler wie als Mensch) auf eine derartige Nachricht reagieren soll. "Ihr Kind wird ein Monster mit Reißzähnen und Glubschaugen!" Na, herzlichen Dank auch.

Leider kann Larry Cohen die anfängliche Spannung nicht nur nicht halten, der Mittelteil des Films ist tatsächlich todlangweilig ausgefallen. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Da das Sequel aufgrund seines B-Charakters schon keine besonders vorzeigbaren Production Values besitzt und eher in den Trash-Bereich gehört, muss einfach auf der Drehbuchseite mehr passieren, aber DIE WIEGE DES SATANS tritt nach der Ankunft der Protagonisten in der Geheimklinik absolut auf der Stelle. Da der Zuschauer bereits alles um die Killerbabys weiß, besteht auch auf diesem Gebiet keine Spannung mehr. Das Schockpotential und die politische Unkorrektheit des Vorgängers sind hier bereits gegeben und können nicht mehr ausgespielt werden. Die Babys sind erneut kaum zu sehen, was dem Film allerdings zugute kommt. Der Body Count bleibt ebenfalls niedrig, und die simple Jagd auf drei kleine Monster ist kaum mitreißend. Erst die letzten 20 Minuten können so etwas wie Spannung aufbauen, aber bis dahin muss man sich durch viele unnötige Dialogszenen quälen, die nie die Intensität des Vorgängers erreichen.

Das ist alles sehr schade, weil DIE WIEGE DES SATANS mehr Möglichkeiten gehabt hätte und die Darsteller durch die Bank gut spielen. In einer Nebenrolle ist übrigens 'Lemmy Caution' Eddie Constantine als Wissenschaftler zu sehen, aber das hilft - wenn überhaupt - nur dem Trash-Faktor. Überhaupt fällt es schwer, dieses Sequel ernst zu nehmen, obwohl es immer noch durchaus wichtige Fragen stellt (Akzeptieren wir die Andersartigkeit der Neugeborenen - auch wenn sie gefährlich sind -, oder sorgen wir dafür, dass sie lieber nicht geboren oder ausgerottet werden?) und eigentlich kein Trash sein möchte - anders als der dritte Teil "Die Wiege des Schreckens" (1987), der deutlich mehr schrägen Humor und Absurditäten bietet.

Letztlich kann man sich DIE WIEGE DES SATANS wegen der Schauspieler, der weitgehend soliden Regie und der wunderbaren Herrmann-Musik ansehen, aber begeistern wird er wahrscheinlich niemanden.

05/10

Freitag, 19. August 2011

God Told Me To (1976)

In New York findet eine Reihe merkwürdiger Verbrechen statt. Ein Sniper schießt von einem Wasserturm aus wahllos auf Passanten, ein Familienvater ermordet Frau und Kind, ein Scharfschütze schießt sich durch eine Polizeiparade. Was diese Verbrechen gemeinsam haben ist die Zeile, die von den Attentätern auf dem Sterbebett gestammelt wird: "Gott hat es mir befohlen!"
Der ermittelnde Detective Nicholas (Tony Lo Bianco), der diesen Satz von allen Mördern gehört hat, entdeckt die Spur zu einem seltsamen Menschen namens Bernard Philips (Richard Lynch), der womöglich Gottes Stellvertreter auf Erden ist und von einer Jungfrau geboren wurde, die von Außerirdischen entführt wurde. Je näher Nicholas der Wahrheit kommt, desto mehr muss er sich auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen...

Das klingt alles reichlich abstrus und albern, doch Regisseur Larry Cohen gelingt das unglaubliche Kunststück, dass man seinen Film ernst nimmt. Und nicht nur das, GOD TOLD ME TO (God Told Me To / Demon) ist vielleicht sogar sein bester Film. Genau wie Cohens Kult-Vorgänger "Die Wiege des Bösen" (1974) besitzt GOD TOLD ME TO eine extrem realistische, dokumentarische Qualität, die ihn klar als Produkt der 70er kennzeichnet. Nur sehr wenig Geld stand Cohen zur Verwirklichung seiner Idee zur Verfügung. Trotzdem schafft er es, eine komplette St. Patricks Day-Parade zu filmen, in der ein Attentäter herumballert. Das gelang nur, weil sich das Filmteam in die tatsächlich stattfindende Parade einschmuggelte und jede Menge Dokumaterial aufnahm, das später mit Nachstellungen im kleineren Maßstab montiert wurde. GOD TOLD ME TO spielt fast ausschließlich an Originalschauplätzen New Yorks und vermittelt ein authentisches Straßengefühl, das sich nicht hinter teuren Produktionen zu verstecken braucht.

Das Problem des Films ist, dass Larry Cohen hier zu viel will. Er beginnt wie ein Thriller, wechselt dann schnell in den Horror-Bereich und schwenkt dann überraschend ins Science Fiction-Genre um. Das Drehbuch weist einige Holperer auf, in denen man als Zuschauer zu wenig Informationen erhält, was gerade vor sich geht, wie Hauptdarsteller Lo Bianco von A nach B kommt, und wovon zur Hölle der Film eigentlich handelt. Man muss von Anfang an sehr genau zuhören, hinsehen, mitdenken, selbst die Lücken füllen und sich auf dieses bizarre Experiment einlassen, das alles in einen Topf wirft und nichts davon vollständig auslotet, dafür aber unglaublich viele Ideen und Denkanstöße liefert. Auch technisch vermischt Cohen mehrere Stilrichtungen. Während der Hauptteil des Films den schon erwähnten dokumentarischen Look pflegt, inszeniert er die Rückblende, in der die Mutter des Gott-Dämons ins All entführt wird und verstört zurück auf der Erde landet, wie einen 50er Jahre-Schwarzweiß-Schocker, mit verzerrten Optiken und Kameraperspektiven.

Nicht unerwähnt bleiben soll die vielschichtige Hauptfigur, die von Tony Li Banco intensiv gespielt wird. Dieser Detective Nicholas leidet gleich unter mehreren Schuldkomplexen. Als streng gläubiger Katholik will er sich nicht von seiner ungeliebten Ehefrau (Sandy Dennis) scheiden lassen, gleichzeitig ist ihm sein Glaube so unangenehm, dass er ihn seiner Geliebten (Deborah Raffin, "Hexensabbat", 1977) verschweigt. Am Ende wird sein gesamtes Weltbild über den Haufen geworfen, muss er alles aufgeben, woran er geglaubt hat, sogar seine eigene Identität.

Neben den exzellenten Hauptdarstellern hat Hollywood-Legende Sylvia Sydney ("Sabotage", 1936) einen beeindruckenden Auftritt. Der Film wurde Komponist Bernard Herrmann gewidmet, der schon die Musik zur "Wiege des Bösen" komponierte und auch für GOD TOLD ME TO engagiert war, dann aber unerwartet verstarb.

GOD TOLD ME TO ist ein Film für Fortgeschrittene in Sachen Horror. Auf den ersten Blick fehlen ihm ein stringenter Plot, Spannung und Identifikationsfiguren. Für Popcorn-Kino ist er zu grimmig und ernst. Für den aufmerksamen Zuschauer aber, der offen ist und bereit, sich auf etwas Bizarres einzulassen, das er in dieser Form wahrscheinlich nie gesehen hat, bietet er anspruchsvolle, hervorragende Unterhaltung mit mehreren Momenten, die unter die Haut gehen (ganz besonders ein Mordanschlag auf Nicholas in einem Treppenhaus, der völlig überraschend kommt und mit "Psychos" Duschmord konkurrieren kann).
Larry Cohen selbst sagt, dass GOD TOLD ME TO von all seinen Filmen am häufigsten für Festivals angefragt wird, weil die Fangemeinde des Streifens stetig wächst. Verdientermaßen.

09/10

Donnerstag, 18. August 2011

Der vierte Mann (1983)

Bevor Paul Verhoeven vom niederländischen Arthouse-Film zum Hollywood-Blockbuster wechselte, inszenierte er mit seiner Hitchcock-Hommage DER VIERTE MANN (De Vierde Man) einen erotischen Horror-Thriller, der als eine Art Trockenübung für seinen späteren Mega-Hit "Basic Instinct" (1992) gesehen werden kann - nur dass er sehr viel drastischer und düsterer angelegt ist als sein Mainstream-Nachfolger.

Der bisexuelle Schriftsteller und Teilzeitalkoholiker Gérard (Jeroen Krabbé) wird zu einer Lesung ans Meer eingeladen. Auf dem Weg dorthin fasziniert ihn ein attraktiver junger Mann (Thom Hoffman) am Bahnhofskiosk, der ihn aber abblitzen lässt. Auf der Fahrt wird Gérard von unheimlichen Visionen geplagt. Am Zielort angekommen kreuzt ein Trauerzug seinen Weg, der Tod ist überall um ihn herum. - Die schöne Christine (Renée Soutendijk), Kassenwart der Autorenlesung, findet Gefallen an Gérard und lädt ihn in ihr Strandhaus ein. Gérard kann der Blondine nicht widerstehen, nimmt das Angebot an und stellt dort zu seiner Überraschung fest, dass es sich bei dem scharfen Typ vom Bahnhof um Christines Lover Herman handelt, den sie in Kürze erwartet. Die Vorfreude auf sexuelle Gelage wird allerdings erheblich geschmälert, als Gérard herausfindet, dass die drei Ehemänner der verwitweten Christine allesamt bei bizarren Unfällen ums Leben kamen und er womöglich der vierte in der Runde ist. Oder ist Herman der vierte Mann? Schon zappeln beide Männer im Netz der schönen Spinne...

Diese Spinne, die bereits während des Vorspanns über ein Kruzifix krabbelt und ihre Beute verspeist, findet sich als Leitmotiv überall im Film, dessen Symbolismus ohnehin wie wild galoppiert, und der ganz oben auf Freuds Top 10-Filmliste auftauchen würde. Religion, Erotik und Todessehnsucht vermischen sich im VIERTEN MANN zu einem abgründigen Gemälde des Schreckens, mit der alles kontrollierenden Femme Fatale Christine im Zentrum. Ist sie eine schwarze Witwe, die nach der Begattung das Männchen tötet? Eine Hexe, die Männer ins Verderben führt, oder eine unschuldige Frau, die einfach jedem Pech bringt, der sie begehrt?

Paul Verhoeven, der nie einem Tabubruch begegnete, den er nicht mochte, trampelt mit böser Freude über alle Geschmacksgrenzen. In einem seiner Alpträume landet Gérard in einem Schlachthaus voll blutiger Tierkadaver, in einem weiteren schneidet Christine ihm mit einer Friseurschere den Penis ab, dann wieder sieht er in einer Kirche Christines jungen Lover Herman nackt ans Kreuz genagelt. Katholische Schuldgefühle wegen unkontrollierter Sexfantasien? Man weiß es nicht, aber man ahnt, wie Zensoren und Selbstkontrolleure das Handtuch werfen.

Dass Gérard als Bisexueller kein sympathischer, sondern ein ziemlich unausstehlicher Protagonist ist, der zu viel trinkt, flucht und sich wie ein Dirty Old Man aufführt, ist Verhoeven vorgeworfen worden, aber der hat sich noch nie um politische Korrektheiten gekümmert. Subtil ist DER VIERTE MANN ebenso wenig wie sein Hollywood-Einstand "RoboCop" (1987), aber mindestens so subversiv. Gleich zu Beginn sehen wir, wie Gérard seinen - Freund, Sexpartner, Lebensgefährten? - beim Violinenspiel erwürgt - bis sich herausstellt, dass es nur Wunschdenken unseres Hauptdarstellers war. Später masturbiert er, während er Christine und Herman durchs Schlüsselloch beim Sex beobachtet, was Hitchcocks "Psycho" (1960) eine gänzlich neue Note verleiht.

Doch DER VIERTE MANN ist mehr als nur Sensationshurerei, er erzählt tatsächlich eine spannende Geschichte ganz im Stil des Film Noir, nur eben auf eigenwillige Art und Weise. Dass der Film nie deprimiert liegt an dem schwarzen Humor, der sich in absurdesten Momenten findet. Das Ableben der drei Ehemänner etwa wurde live auf Schmalfilmen von Christine festgehalten, die sich Gérard sturzbesoffen ansieht und lange nicht kapiert, was sich da vor seinen Augen abspielt. Die Urnen der Verstorbenen in der Familiengruft bemerkt Gérard nur, weil er sich mit Herman vor dem Regen dort unterstellen und eine schnelle Nummer schieben möchte.

Obwohl DER VIERTE MANN aus der Sicht Gérards erzählt wird, ist Renée Soutendijk als todbringende schwarze Witwe der Star des Films, so wie es später Sharon Stone in "Basic Instinct" war (hier Christine, da Catherine. Zufall?). Christine ist zugleich Täterin und Opfer (quasi eine Mischung der beiden von Joan Bennett dargestellten Figuren aus Fritz Langs "Women in the Window" und "Scarlet Street", 1944/45). Auch wenn sie nicht aktiv am Tod ihrer Gatten beteiligt war, so bringt sie doch ein unausweichliches Schicksal über alle Männer, die mit ihr zu tun haben.

DER VIERTE MANN gehört in vieler Hinsicht zu Verhoevens besten Filmen. Er ist frei von den Beschränkungen, mit denen er in Hollywood zurecht kommen musste (Michael Douglas war zwar vieles in "Basic Instinct", aber ein lüsterner Bisexueller, der Stones männlichen Sexpartnern hinterhersabberte, weißgott nicht!), er ist intelligent, sexy, blutig und komisch. Für jeden Geschmack ist er garantiert nichts. Die deutsche DVD ist übrigens an einer entscheidenden Stelle - ironischerweise in der Kastrations-Szene! - gekürzt.

08/10



Das obskure Objekt der Begierde -
Thom Hoffman in "Der vierte Mann"

Mittwoch, 17. August 2011

Ambulance (1990)

"Der erste große Thriller einer neuen Generation!"

Das zumindest versprach das Kinoplakat. Tatsächlich kam Larry Cohens AMBULANCE (The Ambulance) genau zur Jahrzehntwende in die Kinos, innovativ oder wegweisend war er deswegen aber noch lange nicht. AMBULANCE ist womöglich der publikumsfreundlichste Film Cohens, der für einige unvergesslich schräge B-Filme der 70er und 80er verantwortlich war.

AMBULANCE 'borgt' seine Grundidee von Rainer Erlers "Fleisch" (1979), der auch außerhalb Deutschlands populär war und als "Spare Parts" in den USA aufgeführt wurde. Hier wie dort fährt ein altmodischer Krankenwagen durchs Land und sammelt Menschen ein, zu höchst dubiosen Zwecken. Bei Erler geht es um Organhandel, in AMBULANCE benötigt ein durchgeknallter Arzt freiwilllige Versuchspatienten für bahnbrechende, aber sehr eigenwillige Transplantationen, die bei der Behandlung von Diabetes helfen sollen. So ganz freiwillig will aber niemand mitmachen, also werden Diabetiker gleich von der Straße weg gekidnappt. Dumm, dass ausgerechnet das aktuelle Opfer (Janine Turner) eine hübsche junge Dame ist, die der Comic-Zeichner Josh (Eric Roberts) gerade auf offener Straße anbaggerte, bevor sie einen Zuckerschock bekam und abtransportiert wurde. Nun versucht er, sie zu finden und gerät dabei immer näher an den verbrecherischen Doktor, was zu mehreren Morden, Prügeleien und einer wahnwitzigen Fahrt im Krankenwagen führt...

Wenn man Larry Cohens Klassiker "Die Wiege des Bösen" (1974) oder "God Told Me To" (1976) kennt und schätzt (und wer tut das nicht?), ist man zuallererst überrascht, wie gelackt und aufwändig AMBULANCE daherkommt. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein typischer Hollywood-Actionthriller. Doch dann kommt auch schon Eric Roberts, Julias kleiner (und ungleich talentierterer) Bruder ins Bild, und der entspricht so gar nicht dem Klischee des strahlenden Actionhelden, zumal man ihm den letzten Entzug anmerkt und er ziemlich ausgemergelt wirkt. Roberts wird in Mainstream-Filmen fast ausschließlich als Fiesling besetzt ("The Specialist", 1994), hier darf er überraschend den zwar großmäuligen, aber irgendwie liebenswerten Helden spielen, der allerhand auf die Mütze bekommt und immer wieder aufsteht.

Auf der Suche nach der Frau seiner Träume, die vom Krankenwagen entführt wurde, gerät Roberts an einen alternden 'rasenden Reporter', der von einer letzten großen Story träumt (er scheint direkt einem Film der 30er zu entspringen) und von Hollywood-Veteran Red Buttons ("Poseidon Inferno", 1972) mehr als ein bisschen skurril dargestellt wird (er leidet u.a. an altersbedingten Blähungen). Megan Gallagher spielt die toughe Polizistin, die auf Roberts' Frage, ob sie schon mal jemanden erschossen hätte, antwortet: "Nein, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf." Dazu gesellt sich neben Cohen-Stammschauspielern wie James Dixon und Laurene Landon noch James Earl Jones als ermittelnder Lt. Spencer, der ununterbrochen Kaugummi kaut - bis zum letzten Atemzug.

Es sind die kleinen Unkorrektheiten und kantigen Dialoge, die AMBULANCE dann doch als B-Film auszeichnen, der nur so tut, als sei er ein Blockbuster. Die Handlung bleibt relativ unvorhersehbar, und die von Rainer Erler in "Fleisch" geäußerte Kritik an moderner Medizin, die den Patienten als Ersatzteillager betrachtet, bleibt bei Cohen nur augenzwinkernder Spaß. AMBULANCE nimmt sich, seine Geschichte oder das Genre in keiner Minute sonderlich ernst. Das macht ihn - genau wie seinen Antihelden - letztlich sehr sympathisch und unterhaltsam.

07/10

Dienstag, 16. August 2011

Death Tower (1989)

Erst kürzlich verkündete ich an dieser Stelle meine Vorliebe für Filme, die in abgelegenen Landhäusern spielen. Die gleiche Zuneigung empfinde ich für Filme, die in Zügen, unter Wasser oder in Hochhäusern spielen.

Fred
Walton, der uns schon den wundervollen "Das Grauen kommt um 10" (1979) bescherte, hat offensichtlich ebenfalls eine Schwäche für Thriller mit begrenzten Schauplätzen. Sein fürs US-Kabelfernsehen produzierter Film DEATH TOWER (Trapped) spielt ausschließlich in einem soeben fertiggestellten Wolkenkratzer, einem Monster aus Stahl, Glas und Beton, mit Wohnungen (die noch nicht belegt sind), Büros und Ladenpassage.
Durch dieses Hochhaus schleicht ein Mann mit Messer und Baseballschläger, um sich an einem Chemiekonzern zu rächen, der für den Tod seines Sohnes und seiner Frau verantwortlich ist (die in einer relativ schaurigen Titelsequenz zu Hause im Lehnstuhl sitzt, während eine Küchenschabe aus ihrem Mund krabbelt).
In dieser Nacht befindet sich nur noch eine weitere Person im Gebäude, die Verwaltungsmanagerin Mary Ann Marshall (Kathleen Quinlan), die nach spätem Feierabend nun festsitzt, weil der Unbekannte alle elektronischen Eingänge blockiert hat. Ihre junge Kollegin hat der Killer bereits ermordet. Kann sich Mary Ann die ganze Nacht vor ihm verstecken? Dann bemerkt, sie dass offenbar noch jemand anwesend ist. Ein smarter Industriespion ohne Namen (Bruce Abbott) wollte nur Geheimnisse stehlen, sitzt aber nun ebenfalls in der Falle. Gemeinsam versuchen sie, lebend aus dem Gebäude herauszukommen. Ein tödliches Katz- und Mausspiel mit dem Killer beginnt...

Obwohl DEATH TOWER unübersehbare Schwächen besitzt und sicher kein Meilenstein des Thrillers geworden ist, ist mir diese Video-Premiere in den späten 80ern sofort ans Herz gewachsen. Ein düsterer Schauplatz, drei Charaktere (im wesentlichen), jede Menge unheimlicher Stille, Szenen in Fahrstühlen, Trepenhäusern und Tiefgaragen, verwaiste Geschäfte, Überwachungsmonitore und befreite Laboraffen, die durch das Hochhaus stromern, da drückt der Film bei mir genau die richtigen Knöpfe.
Dazu kommt Kathleen Quinlan, die immer gut ist, selbst wenn sie in Filmen mitspielt, die unter ihrem Niveau sind. Sie darf hier eine intelligente, reife Heldin spielen, die sich gut selbst verteidigen kann, in der Gefahr ihren Humor nicht verliert und in der Not über sich hinauswächst, zumal sie über die gesamte Technik im Haus Bescheid weiß und damit viel mehr ist als ein kreischendes Opfer, das sich vom Mann retten lassen muss. Bruce Abbott spielt diesen Mann, den "Tall Dark Stranger", der mutig genug ist, sich dem Killer in den Weg zu stellen, aber selbst beschützt werden muss.

DEATH TOWER versucht aus seiner Grundstory so viel Suspense zu holen wie möglich, und das gelingt Fred Walton ziemlich gut. Wer Action oder Special Effects sucht, ist hier falsch, DEATH TOWER funktioniert am besten in den leisen Momenten, wenn man nicht weiß, ob der Mörder gleich hinter Quinlan auftaucht, wer der Schatten auf dem Überwachungsmonitor ist, oder ob die Schritte im Treppenhaus von oben oder unten kommen (meine Lieblingsszene). Für einen Fernsehfilm ist DEATH TOWER erstaunlich effektiv, vor allem, weil er in vielen Szenen ohne Dialog auskommt und auch die Musik sich sehr zurückhält. Ebenso klug ist die Entscheidung, den Killer kein Wort sprechen zu lassen.
Sein Hintergrund (die Machenschaften des Chemiekonzerns) bleibt allerdings nur Dekoration und wird nicht weiter erforscht, was schade ist. Dafür setzt Fred Walton einen deutlichen Kommentar zum Sicherheitsbedürfnis der Menschen, die sich mit immer mehr High Tech voreinander verschanzen und doch nie sicher sind, wenn ein Mann mit Baseballschläger (= Keule) durchdreht. Dass es so etwas wie Sicherheit nicht wirklich gibt, ist kein neuer Gedanke, aber er bleibt wichtig und aktuell, gerade in Zeiten, in denen wir alle aufgrund vermeintlicher und bewusst geschürter Horror-Szenarien große Teile unserer Privatspähre opfern müssen. Man sieht, wie viel das bringt.

Kurzum: wer 'leise' Thriller-Kost ohne viel Aufwand, aber mit Atmosphäre und Suspense mag, der sollte DEATH TOWER eine Chance geben. Die Thriller-Geschichte wird hier weißgott nicht neu geschrieben, aber für altmodische Spannung im modernen Setting ist für 90 Minuten gesorgt.

07/10

Montag, 15. August 2011

Lies - Lügen (1985)

Der Psycho-Thriller LIES (Lies) ist so unbekannt, dass es nicht einmal einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag über ihn gibt, und das will wirklich was heißen.
Mit seinem passenden, aber unspektakulären Titel ist er aber auch unmöglich zu finden. Kein Wunder, dass er in Deutschland gleich mehrere Titel erhalten hat, je nachdem, wo er gezeigt wurde. Die deutsche Verleih-VHS hieß "Lies - Lügen" (in 8 von 10 Fällen falsch verstanden als Befehl, 'Lügen zu lesen'), im Fernsehen nannte man ihn entweder "Horror in der Nervenklinik" oder "Kaltblütiges Spiel".
So oder so sollte jeder Thriller-Fan versuchen, ihn aufzustöbern, hier handelt es sich nämlich um einen klasse Genrebeitrag mit leichten Horror-Anleihen und viel makaberem Humor.

Geschrieben und inszeniert wurde LIES von Jim & Ken Wheat, die gemeinsam an vielen Horrorfilmen gearbeitet haben ("Die Fliege 2", 1989, "Nightmare 4", 1988, "Pitch Black - Planet der Finsternis", 1999). LIES erzählt von der jungen, ambitionierten Schauspielerin Robyn (Ann Dusenberry), die es satt hat, in billigen Horrorfilmen mitzuspielen. Gerade wurde sie vom Set eines Horrorfilms gefeuert, weil sie sich weigerte, ihre Brüste vor der Kamera zu zeigen. "Die Leute kommen wegen deiner Titten ins Kino!" meint der Regisseur, aber Robyn will spielen und sich nicht nackig machen. Bald schon meldet sich eine attraktive Dame (Gail Strickland), die der arbeitslosen Robyn eine Rolle anbietet. Das Schicksal einer psychisch gestörten Millionenerbin soll verfilmt werden, und Robyn sei genau die passende Besetzung. Außerhalb der Stadt macht Robyn Probeaufnahmen, in denen sie die labile, neurotische Heldin verkörpert, die in einer Psychiatrie einsitzt. Was Robyn bald darauf erfährt: sie ist Teil eines gemeinen Mordkomplotts geworden, dem die echte Erbin zum Opfer fallen soll, mit den Videos von Robyn als Beweis für deren Unzurechnungsfähigkeit! Als Robyn das schmutzige Spiel durchschaut, landet sie selbst in der Irrenanstalt und muss um ihr Leben bangen...

Okay, der Plot ist nicht neu. Der vermeintliche Auftrag, der sich als Intrige entpuppt, um jemanden loszuwerden, stammt natürlich aus Hitchcocks "Vertigo" (1985), auf den die Wheat-Brüder anspielen. Dass hier eine Schauspielerin einbezogen wird, die im wahren Leben eine Rolle verkörpern soll, wurde sowohl in Brian De Palmas "Vertigo"-Hommage "Der Tod kommt zweimal" (1984) als auch später in Arthur Penns "Dead of Winter" (1987) benutzt. Robyns Fluchtversuche aus der Nervenheilanstalt erinnern stark an Geneviève Bujolds Aktionen in "Coma" (1977).

Nichtsdestotrotz kann LIES mit vielen guten Einfällen aufwarten. Das fängt bei der Film-im-Film-Sequenz an, die gleich zu Beginn den Horrorfilm auf die Schippe nimmt, wenn ein maskierter Zombie mit Messer in der Brust hinter Ann Dusenberry herjagt und ihr die Bluse vom Leib reißt, woraufhin sie dem Monster kräftig zwischen die Beine tritt und ihn ganz un-drehbuchmäßig kalt stellt, bevor sich die Szene als Teil von Dreharbeiten entlarvt. Der Streit um die nackten Brüste, die Robyn nicht zeigen will, wird ironisch kommentiert, wenn Hauptdarstellerin Dusenberry gleich darauf nackt unter der Dusche steht und mit ihrem Ex-Freund knutscht (der leider so langweilig besetzt ist, dass es weht tut - die Synchronisation verpasst ihm dazu noch die Tom Selleck-'Magnum'-Stimme... ach ja, die 80er...).

Die Passage des vermeintlichen Vorsprechens und der Probeaufnahmen braucht eine Weile, ist aber notwendig für die späteren Wendungen und Verwicklungen. Der Moment, in dem Dusenberry erkennt, dass sie missbraucht wurde und sich neben der Leiche der Millionenerbin wiederfindet, sorgt dann für echte Gänsehaut. Nachdem sie in der Psychiatrie landet, kommt LIES so richtig in Fahrt. Hier spielen die Wheat-Brüder nicht nur mit Urängsten (alle halten Dusenberry für verrückt, wenn sie erklärt, dass sie für ein Mordkomplott benutzt wurde - und würden wir das nicht auch?), sie bauen auch bösen Humor ins Geschehen ein. So endet z.B. ein Psychiater, der das hinterhältige Spiel durchschaut und umgehend Schweigegeld verlangt, als strangulierte Leiche im Fahrstuhlschacht, die bei jeder Fahrt des Lifts unabsichtlich hoch- und runtertransportiert wird.

Als Zuschauer ist man immer auf der Seite Dusenberrys, die eine moderne und hlaubwürdige Heldin verkörpert. An ihrer Seite agieren Genre-erfahrene Charakterdarsteller wie Bruce Davison ("China Blue - Bei Tag und Nacht", 1984) als vermeintlicher Love-Interest, Clu Gulager ("The Hidden", 1987) und Corman-Veteran Dick Miller.

Logik ist übrigens nicht die Stärke des Films (der Plan der Mörder ist absurd), und Fragen sollte man lieber nicht stellen (Warum Dusenberry einsperren, anstatt sie gleich zu ermorden? So lange man sie in der Psychiatrie 'aufbewahrt' besteht immer die Gefahr einer Flucht oder Entdeckung), aber das trifft im Großen und Ganzen auch auf die oben genannten Vorbilder und Geschwister von LIES zu - und seien wir ehrlich, konnte der mörderische Tom Helmore wirklich davon ausgehen, dass James Stewart es nicht schafft, die Treppen des Kirchturms zu erklimmen?

Wirklich?


08/10

Die Schauspielerin als Opfer der Intrige -
Ann Dusenberry in "Lies"
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