Donnerstag, 29. September 2011

Mein Name ist Julia Ross (1945)

Solche Filme liebe ich!
Ein spannender Thriller, der mit seiner absurden Prämisse überzeugend umspringt, gut fotografiert und von allen Beteiligten exzellent gespielt ist, und der in einem abgelegenen Haus an der Küste spielt, in dessen Geheimgängen schwarze Katzen und geisteskranke Killer herumstreunen, die eine schöne Heldin in den Wahnsinn treiben - ganz ehrlich, da geht mir das Herz auf.

Die junge, arbeitslose Julia Ross (Nina Foch) bekommt eine Stellung als Sekretärin bei der älteren Mrs. Hughes (Dame May Whitty) und deren Sohn Ralph (George MacReady), doch schon bald muss sie feststellen, dass die Arbeitsvermittlung nur eine Finte war und die beiden neuen Arbeitgeber ganz finstere Pläne mit ihr haben. Wie es scheint, hat Ralph seine Gattin ermordet, die Julia zum Verwechseln ähnlich sah. Um den Mord zu vertuschen, muss Julia deren Platz einnehmen, um dann vor Zeugen Selbstmord zu begehen. Eingesperrt in einem Landhaus in Cornwall und vor aller Welt für depressiv und verrückt erklärt, bleibt Julia nur die Flucht. Doch das ist gar nicht so leicht...

Arthur Penn drehte 1987 mit "Dead of Winter" ein Remake dieses kleinen B-Thrillers namens MEIN NAME IST JULIA ROSS (My Name is Julia Ross), und im direkten Vergleich schneidet das Original tatsächlich besser ab. So sind denn die Fluchtversuche von Julia um einiges intelligenter als die von Mary Steenburgen in der Neuverfilmung. Einmal gelingt es ihr sogar auf geschickte Weise, ihre Widersacher mit einem geschmuggelten Brief auszutricksen. Als Zuschauer muss man natürlich die leicht unglaubwürdige Prämisse schlucken, dass eine Frau festgehalten wird, um sie als eine andere auszugeben, während niemand auf die Idee kommt, dass sie vielleicht die Wahrheit sagt, wenn sie wiederholt sagt: "Mein Name ist Julia Ross! Rufen Sie die Polizei!" Da hat der Klassiker selbstverständlich einen Alters-Bonus. In der 80er-Verfilmung wirkt es eben lächerlich, wenn Polizisten eine Frau in einem einsamen Haus zurücklassen, die sie um Hilfe anfleht. Hier kommt Julia gar nicht in die Nähe der Polizei, eine weise Entscheidung. Außerdem kann sie im Finale selbst genug Mut beweisen und den Tätern eine Falle stellen, während sie im Remake lediglich um ihr Leben rennt. Auch die Art, wie Julias Ex-Freund auf die Spur stößt, die zu Julias Gefängnis führt, ist hier wesentlich raffinierter konstruiert.

Aber genug mit den Vergleichen. Als Julia Ross ist Nina Foch, die nie den Star-Staus besaß, der ihr gebührte, hervorragend besetzt. Mit Dame May Whitty, die schon als Titelheldin in Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938) brillierte und hier den Bösewicht geben darf, hat sie eine starke Gegenspielerin, deren übertriebene Schrulligkeit gegenüber anderen nie vergessen lässt, dass ihre Absichten eiskalt sind. Ihr Filmsohn George MacReady ist ein lupenreiner Psychopath, der mit dem Messer schon mal Sofas auseinandernimmt und es gar nicht erwarten kann, die Heldin umzubringen. Dass seine Mutter ihm hilft, den begangenen Mord zu vertuschen und gar nicht auf die Idee kommt, ihn womöglich bei der Polizei (oder einer Irrenanstalt) abzuliefern, ist ebenso köstlich wie eine deutliche Hitchcock-Hommage. Wir erinnern uns doch alle noch gern an Madame Leopoldine Konstantin, die nur zu gern bereit war, ihrem Sohn Claude Rains bei der Beseitigung von Ingrid Bergman zu helfen... auch wenn "Berüchtigt" (1946) erst ein Jahr später entstanden ist. Hitchcocks Mütter waren meistens von der gestörten Sorte.

Regisseur Joseph H. Lewis gehört wie seine Hauptdarstellerin zu den unterschätzten Vertretern seines Berufs. Er hat neben dem Film Noir auch viele Western inszeniert und erreicht in MEIN NAME IST JULIA ROSS ein Spannungslevel ohne Schnörkel, das einem Hitchcock durchaus gerecht werden kann. Er springt direkt hinein in die Handlung, nach 15 Minuten Film befindet sich Julia bereits in Lebensgefahr, und am Ende findet er eine befriedigende Auflösung. Mit den knapp 65 Minuten Laufzeit kommt an keiner Stelle Langeweile auf, und es gelingen ihm trotz des schmalen Budgets ordentliche Suspense-Sequenzen. Sein Kameramann Burnett Guffey stand noch relativ am Anfang seiner Karriere und sollte bald zu den meistbeschäftigten Kameraleuten Hollywoods zählen. Er fotografierte u.a. "Verdammt in alle Ewigkeit" (1953), "Wenn die Nacht anbricht" (1957) und "Bonnie & Clyde" (1967).

MEIN NAME IST JULIA ROSS kann ich allen Fans klassischer S/W-Thriller ans Herz legen. Er hat Tempo, Spannung, Witz und ist völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Wer "Fluch des Wahnsins " (1947) oder "Flüsternde Schatten" (1958) mag, wird nicht enttäuscht werden. Versprochen!

09/10

Mittwoch, 28. September 2011

Geheimnis hinter der Tür (1947)

Neben vielen Meisterwerken des Film Noir hat Fritz Lang in Hollywood auch einige schwächere Werke inszeniert. Mit GEHEIMNIS HINTER DER TÜR (Secret Beyond the Door) war Lang nach eigenen Aussagen selbst nicht zufrieden, und obwohl der Film fantastisch aussieht, muss man ihn doch als gescheitert bezeichnen - wenngleich auf hohem Niveau.

Der Inhalt: die wohlhabende Celia (Joan Bennett) verliebt sich Hals über Kopf in den Architekten Mark (Michael Redgrave) und heiratet ihn kurzerhand. Noch in der Nacht vor der Hochzeit hat sie beunruhigende Träume, Vorzeichen düsterer Ereignisse, denn schon bald muss sie feststellen, dass Mark nicht nur schon einmal verheiratet war und einen 15-jährigen Sohn hat, sondern dass seine Frau auf tragische Weise ums Leben kam. Außerdem hat er ein eigenartiges Hobby. Im Keller seines Hauses befindet sich eine Sammlung von Räumen, in denen berühmte Morde geschahen. Eines der Zimmer, das die Nummer 7 trägt, ist verschlossen. Als Mark sich immer merkwürdiger und beängstigender verhält, beschließt Celia, das Geheimnis des verschlossenen Raumes zu lüften und bringt sich selbst und alle Hausbewohner damit in Lebensgefahr...

Langs Hollywood-Filme weisen oft starke Ähnlichkeiten mit Hitchcocks Werken auf, und auch bei GEHEIMNIS HINTER DER TÜR springen einem die Parallelen direkt ins Gesicht. Die Themen Traumdeutung und Psychoanalyse hat Hitchcock zuvor in "Spellbound" (1945) bearbeitet, dessen Komponist Miklos Rosza auch hier die musikalische Begleitung komponierte, der Grundplot erinnert nicht zufällig an "Rebecca" (1940), und Michael Redgrave war Hauptdarsteller in Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938).
Wie schon "Rebecca" beginnt GEHEIMNIS HINTER DER TÜR mit einem verklärten Voice-Over von Joan Bennett, der den Film im weiteren Verlauf immer wieder unterbricht. Aus der düsteren Mrs. Danvers wird bei Lang eine mysteriöse Sekretärin, die eine Hälfte ihres Gesichts stets hinter einem Tuch verbirgt, weil sie bei einem Feuer grässlich entstellt wurde - was sich später als Lüge entpuppt. Das Feuer zerstört am Ende auch hier das Anwesen, nachdem diverse Traumata des gestörten Helden abgearbeitet wurden, der durch die Liebe seiner Frau nun endlich wieder auf den Weg der Besserung gerät. In den 40ern zeigte sich Hollywood von Freud und Psychoanalyse geradezu besessen, und man kann verstehen, dass extrem visuell denkende Regisseure hier unendliche Möglichkeiten sahen. Leider aber behandelt Langs Film sein Thema ebenso vereinfachend und naiv wie seine Weggefährten "Spellbound" und "Der schwarze Spiegel" (1946), in denen traumatische Ereignisse aus der Jugend ihre Macht in dem Moment verlieren, an dem sich der Gequälte an sie erinnert. Das Geheimnis hinter der Tür Nr. 7 und das zurückliegende, tragische Ereignis ist bei Lang sogar noch dünner und alberner als bei seinen Kollegen. Und das schlussendliche Happy End kann ebenso wenig überzeugen wie die Auflösung des Rätsels - oder wer möchte mit einem Mann verheiratet bleiben, der einen vor zwei Minuten noch mit irrem Blick und geschwungenen Halstuch umbringen wollte?

Ein weiteres Problem des Films ist neben der schleppenden Exposition (erst nach der Hälfte der Spielzeit kommen wir überhaupt in die geheimen Zimmer des Hauses) die fehlende Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Fritz Lang und seine Autoren Silvia Richards und Rufus King verzichten glücklicherweise darauf, Celia als naives Aschenputtel à la "Rebecca" zu zeichnen und geben Joan Bennett nicht nur einen eigensinnigen Charakter, sondern auch die besten Dialoge ("Soll ich dich über die Schwelle tragen?" fragt sie keck den eintreffenden Ehemann), aber neben der starken Joan Bennett wirkt Michael Redgrave blass und uninteressant. Man fragt sich, was ihr an diesem neurotischen Nervenbündel überhaupt gefällt. Dass man Liebe nicht erklären kann, reicht da kaum als Antwort, denn zwischen beiden sprühen keinerlei Funken. Glücklicherweise hat Redgrave weitaus weniger Szenen als sein Co-Star, obwohl der Film im letzten Drittel überraschend seine Erzählperspektive ändert und plötzlich in die surrealen Träume von Mark eintaucht. Die Kunst der Dali-Träume in Hitchcocks "Spellbound" erreicht Lang aufgrund des schmalen Budgets nicht, trotzdem inszeniert er diese Passage äußerst eindringlich und fantasievoll.

Das große Plus des Films aber ist und bleibt die Fotografie von Stanley Cortez, einem der besten Kameramänner aller Zeiten. Seine Bilder schwelgen in unheimlichen Schatten, verzerrten Perspektiven und endlosen Fluren. Wenn Joan Bennett fluchtartig in der Nacht das Haus verlässt und durch den nebelverhangenen Park läuft, aus dem dann unerwartet Mark auftaucht, um sie zu ermorden, erreicht der Film geradezu expressionistische Qualität. Hier zeigt sich, dass der Stummfilm-Regisseur Lang nichts verlernt hat, und man wünscht sich, dass er mit den wundervollen Sets und seinem Kameramann lieber gleich einen zünftigen Horrorfilm inszeniert hätte als das schwülstige Psycho-Melodram. Fürs Auge ist GEHEIMNIS HINTER DER TÜR ein einziger Genuss, und man kann nur bedauern, dass der Inhalt der Verpackung nicht gerecht werden kann. Dazu gehören zu viele unbeantwortete Fragen (was macht der Sohn den ganzen Tag außer lesen?), ungeklärte Beziehungen, verwirrende Motivationen und nicht zuletzt auch die aufdringliche Musik Miklos Roszas, die jede zarte Gefühlsregung der Figuren gleich mit gewaltigem Orchester totschlägt, und die übrigens in der deutschen Fassung durch Archivmaterial ersetzt wurde, wie es seinerzeit häufiger geschah.

GEHEIMNIS HINTER DER TÜR ist ein unausgeglichenes Thriller-Melodram mit hanebüchenen Versuchen, Freuds Theorien dem Publikum auf simple Art näher zu bringen, zwar wunderschön fotografiert und stellenweise durchaus spannend, aber mit zu vielen Schwächen, um durchweg zu fesseln.

07/10

Dienstag, 27. September 2011

Zombie 2 - Das letzte Kapitel (1985)

Lange haben die Fans mit Spannung auf George A. Romeros Fortsetzung seines modernen Klassikers "Zombie" (1978) gewartet. Nach den unzähligen Nachahmern aus der untersten Schublade sollte endlich der Meister selber wieder zeigen, wie ein Zombie-Film von Qualität auszusehen hat.

Wer sich im Internet umsieht, findet schnell das Original-Drehbuch zu ZOMBIE 2 - DAS LETZTE KAPITEL (Day of the Dead), das den globalen Kampf gegen die Untoten beschreibt. Aufgrund ständiger Budgetkürzungen musste George Romero seine Vision von einem spektakulären Abschluss der Trilogie aber immer weiter herunterschrauben, bis am Ende ein düsteres, apokalyptisches Kammerspiel herauskam, das viele Fans enttäuschte und keine neuen hinzugewinnen konnte. Im Kino floppte der Film nicht nur, er wurde ausgerechnet von der "Zombie"-Parodie "Return of the Living Dead - Verdammt, die Zombies kommen!" (1985) in den Schatten gestellt. Heute allerdings gilt Romeros Film als zu Unrecht ignoriertes, pessimistisches Meisterwerk mit erneut sensationellen Spezialeffekten.

Die Nacht ist vorüber, das Morgengrauen hat sich verzogen, der Tag ist angebrochen. Die Zombies haben die Erde überschwemmt und die Lebenden weitgehend ausgerottet. Die Städte sind verwaist, die Untoten torkeln ziellos durch die Straßen auf der Suche nach Nahrung. Die letzten Überlebenden haben sich in einem unterirdischen Raketensilo verschanzt und suchen von dort aus nach Lösungen. Die Wissenschaft probt die Domestizierung von gefangenen Zombies, das Militär plant lieber die totale Vernichtung, obwohl man weiß, dass dazu die Möglichkeiten fehlen. Lediglich zwei Hubschrauber-Piloten halten sich aus dem andauernden Streit um die Beherrschung der Situation heraus. Kämpferin Sarah (Lori Cardille) steht zwischen allen Fronten. Als die Differenzen zwischen Wissenschaft und Militär eskalieren und es Tote gibt, finden die Zombies Zugang zum Versteck, und den Eingeschlossenen bleibt nur die Flucht...

Der "Gone With the Wind" des Zombie-Films sollte ZOMBIE 2 ursprünglich werden, wenn es nach Romero gegangen wäre. Aber auch in der drastisch abgespeckten Form kann sich der Film sehen lassen. Wie gewohnt reichert Romero seinen Schocker mit reichlich politischem Subtext und aussagekräftigen Dialogen an, verschafft ihm somit eine Substanz, die man nicht oft im Genre findet. Der Ton allerdings hat sich entscheidend verschärft. Konnte der Vorgänger ZOMBIE noch mit kunterbunten Slapstick-Szenen und comichaften Überhöhungen aufwarten, ist ZOMBIE 2 ein niederdrückendes Erlebnis. Die Charaktere - von denen man die meisten nicht kennen möchte - befinden sich im Dauerclinch und brüllen sich pausenlos an, die Zombies werden als Versuchstiere gehalten und mit Überresten toter Soldaten gefüttert, und das hysterische Militär in Form des gewaltbereiten Anführers Rhodes (Jospeh Pilato) möchte am liebsten die ganze Welt in die Luft sprengen. Der ebenso verrückte Wissenschaftler (Richard Liberty), scherzhaft "Frankenstein" genannt, richtet die Zombies zu vermeintlichen Schoßhündchen ab und weiß doch genau, dass sie nur in Gefangenschaft harmlos bleiben. Sympathie hat Romero nur für die Außenseiter und seine starke Heldin, aber auch sie bleiben machtlos.
Die Bedrohung durch die Zombies, die in Massen vor den Toren warten, ist allgegenwärtig und sorgt für Dauerstress, während im Inneren des unterirdischen Labyrinths die Charaktere sich heftige Wortgefechte liefern und sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Nein, schön ist das alles nicht, und das Ausmaß von Tom Savinis ultra-realistischen Ekeleffekten verdirbt ein wenig den Spaß beim Zuschauen. Anders als "Zombie" ist ZOMBIE 2 kein Popcorn-Kino. Auch wenn das Ende des Films einen Funken Hoffnung verspricht, bleibt der Ton düster und pessimistisch. Vielleicht steckt auch die Wut Romeros in diesem Film, der nur ein Kompromiss sein konnte. Heute hätte er klar bessere Chancen im Kino als 1985.

Neben kleineren Schwächen (John Harrisons Musik ist manchmal zu berieselnd, die Soldaten sind zu eindimensional hirnlos gezeichnet, Hauptdarsteller Joe Pilato spielt Schmierenkomödie) beweist ZOMBIE 2 eine Menge Mut, allein durch die Tatsache, dass Romero keinen Neuaufguss seines ZOMBIE hinlegt, sondern eine völlig andere Richtung beschreitet und erneut die Befindlichkeiten seiner Zeit einarbeitet. Tom Savinis Schlachtbilder sind so gut, als wären sie gerade gestern entstanden (wie gesagt, nur zu drastisch), Lori Cardille ist eine tolle Heldin, und George Romero sorgt für einige unvergessliche Momente des Grauens. Er nimmt die Bezeichnung "Horror" todernst, und das in einer Zeit, als das Publikum lieber über Horror lachen wollte. Trends haben Romero noch nie interessiert, er hat stets seine eigenen geschaffen. Das ist ihm mit ZOMBIE 2 nicht gelungen. Die Verehrung des Films setzte erst Jahre später ein, als der Horrorfilm in der Sackgasse steckte und man sich zurück erinnerte, dass man die Qualitäten von ZOMBIE 2 möglicherweise übersehen hat.

Interessant bleibt, dass Romero im Laufe seiner Filme immer mehr Sympathie für die Zombies und im Gegenzug weniger Verständnis für die menschlichen Charaktere aufbringt. In ZOMBIE 2 ist die schlussendliche Vernichtung der Soldaten durch die Untoten schon so etwas wie die gerechte Strafe für deren sinnloses Verhalten (und schamloses Overacting). In "Land of the Dead" (2005) sollte Romero schließlich ganz auf der Seite der Zombies stehen. Auch wenn ZOMBIE 2 nicht der große Entwurf sein durfte, ist er doch ein Schlusspunkt. "Land of the Dead" war glücklicherweise kein schlechter Film, aber trotzdem überflüssig. Über Zombies gibt es nichts Neues mehr zu sagen. Dass George Romero nicht mehr von ihnen loskommt, ist bedauerlich. Aus dem wütenden Rebell ist ein tragischer Held geworden.

9.5/10

Von einem Alptraum zum nächsten
Lori Cardille in "Day of the Dead"

Montag, 26. September 2011

Zombie (1978)

"Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück"

1978 kam ein Film heraus, der an Brutalität alles Vorangegangene in den Schatten stellen sollte, und noch mehr. George A. Romeros ZOMBIE (Dawn of the Dead), die Fortsetzung seines Low Budget-Kultfilms "Die Nacht der lebenden Toten" (1968), war nicht nur ein weltweiter Riesenerfolg und startete eine ganze Welle von Imitatoren, er brachte auch die gesellschaftliche Atmosphäre der späten 70er inklusive Konsumkritik und Endzeitstimmung perfekt auf den Punkt. Nicht nur deswegen gehört er zu den besten und wichtigsten Horrorfilmen aller Zeiten.

Die lebenden Toten, die im Vorgänger aus den Gräbern stiegen, haben mittlerweile die Städte überrannt. Panik und Chaos herrschen überall. Die Wissenschaft bietet zwar Lösungen an, diese beschränken sich aber nur auf die Zerstörung der Monster. Die Zombies verspeisen Menschen bei lebendigem Leibe, die Gebissenen werden selbst zu Untoten. Eine kleine Gruppe von vier Menschen sucht den Ausweg per Hubschrauber. Irgendwo muss es doch einen Ort geben, an dem man noch friedlich leben kann. Aber wo? Sie verschanzen sich in einer Shopping Mall. Die Zombies werden ausgesperrt, der Konsumtempel wird von den Eindringlingen übernommen. Man beginnt ein neues Leben auf mehreren Etagen. Exotische Lebensmittel, moderne Wohneinrichtung, eine Eislaufbahn, alles steht zur freien Verfügung, aber zu welchem Preis? Als sich schließlich eine Motorradgang Zugang zum Kaufhaus verschafft, um den Eingeschlossenen ihren neuen Besitz streitig zu machen, kommt es zum ultimativen Kampf zwischen Menschen und Zombies...

ZOMBIE ist noch viel mehr als die Summe seiner bahnbrechenden Einzelteile. Keine technische Neuerung der Welt, kein CGI, kein 3-D kann das kreieren, was George A. Romero 1978 gelungen ist, von den erstklassigen Darstellerleistungen über die sorgfältige Charakterentwicklung des Buchs bis hin zu den grenzüberscheitenden Spezialeffekten Tom Savinis, der hier seine Visitenkarte für eine ganze Generation von Kinogängern hinterließ.
Die Effekte von ZOMBIE sind hart, keine Frage, aber auch cartoonhaft überhöht. Romeros grausame Komik sorgt stets dafür, dass ZOMBIE zwar auf den Magen schlägt, aber auf die gute Art. Neben gemampften Eingeweiden, abgerissenen Körperteilen und zerplatzenden Köpfen in fröhlich-grellen Farben gibt es Tortenschlachten und herumtorkelnde Zombies, die über Rolltreppen stolpern. An sich sind diese Untoten gar nicht so beängstigend, sie sind langsam, stumpfsinnig und bestenfalls grobmotorisch. Sie haben blaue Gesichter und sind als 'Hare Krishnas' oder Nonnen verkleidet. Romero gibt den Untoten Charakteristika und damit ein Gesicht. Er erzeugt in einem bemerkenswerten Moment sogar Mitleid mit ihnen, wenn Hauptdarstellerin Gaylen Ross durch die verschlossene Glastür des Kaufhauses die Zombies und deren trauriges, durch Instinkt getriebenes Verhalten beobachtet. Auf die Frage, was die Untoten hier in der Shopping Mall wollen, erwidert eine Figur: "Das ist der Ort, an den sie sich erinnern, an dem sie sich immer wohlfühlten, wo sie viel Zeit ihres Lebens verbracht haben."

In "Die Nacht der lebenden Toten" waren die Zombies nächtliche Schreckensgestalten, furchterregende Wiedergänger. Hier sind sie nichts anderes als tote Amerikaner, die keine Schuld daran tragen, dass sie im Kaufhaus herumtorkeln und töten müssen, um zu überleben. Braucht man das Wort 'Vietnam' noch, um den Bezug zu verstehen? ZOMBIE entstand in einer Zeit von Pessimismus und Desillusion. Amerika wusste nicht, wohin. Und so finden auch die Charaktere keinen Platz für sich. Das Kaufhaus als letzte Bastion der Zivilisation (und des Kapitalismus') bietet kurzzeitig Schutz, aber bald schon sorgen die gewaltbereiten Biker dafür, dass Schluss ist mit der Sicherheit. Am Ende fliegen zwei der Überlebenden mit dem Hubschrauber davon ins Nirgendwo. Am Ende der Fortsetzung "Zombie 2" (1985) sitzen neue Überlebende an einem exotischen Strand und starten einen neuen Kalender. 1978 war noch kein Platz für solch kleine Hoffnung.

Der unabhängig produzierte ZOMBIE schlug ein wie eine Bombe, sorgte für volle Kassen und Schlangen vor den Kinos. Er hat die Ängste und die Wut seiner Generation eingefangen und auf die Leinwand gebracht. ZOMBIE ist eine packende Achterbahnfahrt direkt durch die Hölle. Als Zuschauer wird man abwechselnd vor Grauen geschüttelt und herzhaft amüsiert. Unter den unzähligen Nachahmern, die überwiegend aus Italien kamen, befinden sich einige hervorragende Werke ("Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies", 1979), die meisten aber brachten durch billigste Ekeleffekte und miese Gesamtqualität das Wort "Zombie" in Verruf. Heute gilt der "Zombie"-Film als Paradebeispiel für miese und schlimmstenfalls gemeingefährliche, niveaulose Unterhaltung für Perverse. Das alles hat mit Romeros ZOMBIE nichts zu tun.

ZOMBIE ist nicht nur einer der besten Horrorfilme aller Zeiten, er ist auch einer der besten amerikanischen Filme der 70er, ein Autorenfilm, der jenseits vom Mainstream den Zuschauer am Kragen packt. Sogar ein paar seriöse Kritiker haben seine Qualität erkannt. Das hat natürlich die Filmzensur nicht davon abgehalten, den Film immer wieder zu verstümmeln.

Von ZOMBIE sind mehrere Versionen im Umlauf. Neben George Romeros offizieller Kino-Version (125 Minuten) existieren noch der sogenannte 'Argento-Cut', den Produzent Dario Argento mit Romeros Zustimmung für Europa anfertigen ließ (120 Minuten), eine 'Extended Version" von 140 Minuten und eine Langfassung von fast 155 Minuten. Welche man bevorzugt, muss jeder für sich entscheiden.

10/10

Zurück aus der Hölle, hinein is Kaufhaus -
"Dawn of the Dead"

Sonntag, 25. September 2011

Die Forke des Todes (1981)

Einer der besseren Beiträge, die auf dem Höhepunkt der Slasherwelle entstanden, ist Joseph Zitos DIE FORKE DES TODES (The Prowler), der zwar von keinem der großen Studios produziert und herausgebracht wurde und deshalb kaum zu sehen war, der aber dank seiner ultra-harten Effekte von Tom Savini und einiger hochspannender Sequenzen mittlerweile Kultstatus besitzt.

Der Inhalt unterscheidet sich nicht sonderlich von anderen Filmen des Genres. Wieder einmal sorgt eine alte Tat für neues Blut.
Wir schreiben das Jahr 1945. Der Krieg ist fast vorbei, aber viele der tapferen Soldaten müssen erkennen, dass ihre Lieben zu Hause nicht länger auf sie warten wollen. So auch Rosemary, die ihrem an der Front kämpfenden Geliebten einen sentimentalen Abschiedsbrief schreibt und zum alljährlichen Tanzfest in ihrer Heimatstadt von ihrem neuen Lover begleitet wird. Der abservierte Soldat aber spürt die beiden dort auf und tötet sie brutal mit einer Mistgabel - der "Forke des Todes" eben. 35 Jahres später soll die Tradition des Tanzfestes wiederbelebt werden, zumindest wenn es nach ein paar Studentinnen geht. Den Stadtbewohnern ist das gar nicht recht, aber die Teenager scheren sich nicht um Dinge, die 1945 geschahen. Pech, dass sie nun zur Zielscheibe eines unheimlichen Killers werden, der am Abend des Tanzvergnügens erneut in voller Uniform auszieht, um ein paar Jungs und Mädels abzuschlachten...

Die Schatten der Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Jugend von heute (bzw. die Jugend der 80er) sind in fast allen Slasherfilmen die Grundzutaten für fröhliches Gemetzel, und so folgt auch DIE FORKE DES TODES den bereits ausgetretenen Pfaden. Wieder ist es ein maskierter Killer, der blutjunge, sexhungrige Mädels in Abendkleidern jagt, die alleine durch die Nacht rennen. Regisseur Joseph Zito aber kann trotz eines lächerlich geringen Budgets einiges aus dem bekannten Stoff herausholen. So verzichtet er beispielsweise auf Humor und schafft eine eher grimmige, düstere Stimmung, die dem Film zugute kommt. Das Motiv des Kriegsheimkehrers, der sich für Untreue und Verrat rächt, ist dabei ein interessanterer Ansatz für die Geschichte als der x-te Jugendstreich mit tödlichem Ausgang, wie er in so vielen anderen Vertretern des Genres benutzt wurde. Zwar nutzt er nicht wirklich die Gelegenheit, etwas über Kriegsgräuel zu erzählen, unter denen die folgenden Generationen zu leiden haben, aber er reißt das Thema wenigstens an und sorgt so für einen soliden Überbau.

Außerdem steht ihm mit Tom Savini ein Maskenbildner zur Seite, der für seine Kunst der blutigen Effekte berühmt ist, und die schnell zur hiesigen Beschlagnahmung des Films geführt haben. Tom Savini bezeichnet seine Arbeit an der FORKE DES TODES als eine seiner besten, und das zu Recht. Die Effekte erinnern in ihrem schockierenden Realismus an den zuvor entstandenen "Maniac" (1980) und sind um einiges drastischer als in vergleichbaren Slashern. Kehlen werden aufgeschlitzt, ein Bajonett durch einen Schädel gerammt, Gehirnmasse gegen die Tapete gesplattert, und dazwischen gibt es einen Duschmord (wieder mit der Forke), der so gar nichts mehr mit Hitchcock gemein hat. Der Film entstand in einer Zeit, als das jugendliche Publikum genau diese Art der Effekte sehen wollte, die Story war bestenfalls zweitrangig. Und hier bekamen sie eine ganze Menge für ihr Geld. Da kann man nicht meckern.

Dass der Film nebenbei noch einige sehenswerte Verfolgungsszenen und wirkungsvolle Stalk-'n Slash-Momente bietet, wertet ihn zusätzlich auf. Und dann wären da auch noch die alten Hollywood-Stars Farley Granger ("Der Fremde im Zug", 1951) und Lawrence Tierney, die dem Film durch ihre Anwesenheit etwas Respektabilität verschaffen. Ansonsten gibt es schauspielerisch nichts Aufregendes zu sehen, dafür wurde der Film auch nicht gemacht. Hier soll man kreischen, die Leinwand anbrüllen ("Geh' nicht da rein!" - "Hinter dir!" und dergleichen) und sein Popcorn wieder hochwürgen. Das schafft DIE FORKE DES TODES alles gnadenlos gut und gehört damit zweifellos in die Top 10 der 80er-Slasherfilme - was nicht viel heißen will. Zimperlich sollte man aber als Zuschauer nicht sein.

07/10

Samstag, 24. September 2011

Dead of Winter (1987)

Als arbeitsloser Schauspieler ist man seines Lebens auch nicht sicher. Ständig wird man von irgendwelchen finsteren Typen für Mordkomplotte missbraucht. So schien es zumindest in den 80ern, als neben Craig Wasson ("Der Tod kommt zweimal", 1984) und Ann Dusenberry ("Lies", 1988) auch Mary Steenburgen zum Opfer hinterlistiger Fieslinge wurde.

Als junge Schauspiel-Aspirantin Katie McGovern wird Steenburgen vom skurrilen Roddy McDowall für einen Film engagiert, dessen eigentliche Hauptdarstellerin angeblich einen Nervenzusammenbruch hatte, und die Katie nun dank ihrer frappierenden Ähnlichkeit ersetzen soll. McDowall bringt sie in das verschneite Landhaus des im Rollstuhl sitzenden Jan Rubes, wo sie wie ihre Vorgängerin zurecht gemacht wird und eine Probeaufnahme auf Video gedreht wird. Bald aber dämmert es ihr, dass dieses Video nicht aus künstlerischen, sondern aus erpresserischen Absichten gemacht wurde. Sie selbst ist nur die Marionette in einem teuflischen Spiel und muss bald darauf um ihr Leben fürchten...

DEAD OF WINTER (Dead of Winter) ist das Remake eines vergessenen US-Klassikers namens "Mein Name ist Julia Ross" (1945), doch Regisseur Arthur Penn hat viel mehr Interesse daran, eine lupenreine Hitchcock-Hommage zu erzählen. Die Anspielungen an die Werke des Meisters stapeln sich geradezu. So ist Steenburgens Lebensgefährte William Russ ein Fotograf mit Gipsbein, ein Glas Milch wird die Treppe hinaufgetragen, ein Messer im Rücken sorgt für merkwürdige Verrenkungen des Opfers, und so weiter und so weiter.
Das Erkennen der Zitate macht anfangs noch Spaß, nutzt sich aber nach der Hälfte etwas ab, zumal der Film selbst dann nicht viel eigenes anbietet. Die erste Hälfte ist sehr atmosphärisch in Szene gesetzt und kann durch die guten Schauspieler, eine zurückhaltende, stimmungsvolle Filmmusik und den sorgfältigen Spannungsaufbau fesseln. Wenn dann aber der Plot zuschlägt und die überraschenden Wendungen einsetzen, die gar nicht so überraschend sind, verliert DEAD OF WINTER seltsamerweise an Fahrt und vor allem Glaubwürdigkeit.

Den Wendepunkt markiert dabei eine Sequenz, in der zwei Polizisten im Landhaus auftauchen, weil sie von der dort festgehaltenen Steenburgen alarmiert wurden. Die wird von den beiden Widersachern flugs als geisteskranke Patientin des im Rollstuhl sitzenden Psychiaters ausgegeben, woraufhin die Polizisten ihm umgehend glauben und Steenburgen in der Todesfalle alleine lassen. Mary Steenburgen muss sich in dieser Situation so himmelschreiend dämlich verhalten (sie kreischt hysterisch und kann keinen geraden Satz sagen), dass man sich fragt, ob der tiefe Winter ihr Gehirn eingefroren hat. Es wäre ein leichtes für sie, jemanden zu verletzen oder sich auf andere Art aus dem Haus schaffen zu lassen. Das Motiv des eingesperrten Opfers, das auf Hilfe wartet, wurde in vielen Filmen aufgearbeitet ("Der Fänger", "Misery", "Das düstere Haus"), und in den meisten Fällen wird das Opfer wohlweislich von der Polizei ferngehalten. Diese Begegnung in DEAD OF WINTER ist so schwach und klischeebleaden (besonders für einen Film von 1987), dass sie fast den gesamten Film hinunterzieht.

Danach folgen zwar einige gelungene Verfolgungsszenen, in denen Steenburgen um ihr Leben rennt, da aber ihr Widersacher (wie gesagt, im Rollstuhl!) kaum laufen kann, ist das alles ziemlich absurd. Auch Steenburgens Fluchtversuch während eines Schneesturms muss scheitern, weil sie sich einfach zu blöde verhält und über meterhohe Schneewehen kriecht, anstatt einfach zur Straße zu laufen. Der Hintergrund der ganzen Intrige, der mit einer Mörderin, deren Zwillingsschwester (beide ebenfalls gespielt von Mary Steenburgen) und dem erpresserischen Doktor zu tun hat, ist nicht besonders überzeugend und wird zudem so vage aufgelöst, dass man ihn gleich nach dem Film wieder vergessen hat.

Nichtsdestotrotz kann DEAD OF WINTER über weite Strecken gut unterhalten, das liegt neben den verschneiten Sets und der effektiven Grusel-Atmosphäre vor allem an der wundervollen Mary Steenburgen, die wie immer glaubwürdig ihre insgesamt drei Rollen spielt. Roddy McDowall gibt hier den Anthony Perkins-Verschnitt inklusive Stottern und sorgt für mehr Schmunzler als Grauen, es macht aber immer Freude, ihm zuzusehen. Jan Rubes ist als Gegenspieler von Steenburgen nicht bedrohlich genug und erinnert seltsamerweise zu oft an Patrick Magees Darstellung in "Uhrwerk Orange" (1975). Schreibt er deswegen in einer Szene ein Autogramm für Malcolm MacDowell? Man weiß es nicht.

Für einen Film von 1987 ist DEAD OF WINTER angenehm ruhig erzählt und muss schon damals altmodisch gewirkt haben, möglicherweise ist er deswegen so unbekannt. Es ist zwar merkwürdig, dass ein Regisseur wie Arthur Penn, der immerhin das amerikanische Kino mit innovativen Filmen wie "Bonnie & Clyde" (1967) erneuerte, hier lediglich einen Thriller von klassischem Zuschnitt hinlegt, aber auf der anderen Seite, warum nicht?
Das Kino der späten 80er war ohnehin nicht für Innovationen geeignet. Im Gros der übertriebenen Action-Kracher, die zu jener Zeit die Kinos überschwemmten, wirkt DEAD OF WINTER wie ein Fremdkörper. Man sollte ihn am besten im tiefsten Winter sehen, wenn es draußen schneit und das Kaminfeuer flackert (eine Kerze tut's auch), man könnte aber auch gleich zu "Misery" greifen, der insgesamt doch wesentlich besser und inhaltlich ergiebiger ist als dieser "Frau in Not"-Thriller.

07/10

Mittwoch, 21. September 2011

Happiness (1998)

'Joy' bedeutet Freude, und Joy (Jane Adams) heißt eine von drei Schwestern, die in New Jersey leben, doch Freude gibt es nicht allzu viel in ihrem Leben. Gerade hat Joy eine schmerzhafte Trennung hinter sich, bei der sie in aller Öffentlichkeit gedemütigt wurde, nun sucht sie Halt bei einem Kleinkriminellen. Joys Schwester Trish (Cynthia Stevenson) hat eigentlich alles, was Frauen in Vororten glücklich macht - einen liebevollen Mann (Dylan Baker), einen pubertierenden Sohn, ein hübsches Haus mit Vorgarten. Aber glücklich ist sie deswegen noch lange nicht. Noch unglücklicher wäre sie, wenn sie wüsste, dass ihr Gatte heimlich die Freunde seines Sohnes mit Schlafmitteln betäubt und vergewaltigt, wenn er nicht gerade in Tagträumen durch den Park geht und alle Passanten erschießt.

Helen (Lara Flynn Boyle), die dritte Schwester, ist nicht nur wunderschön und dünn, sie schreibt auch pornografische Bestseller und bedauert, in ihrer Jugend nicht vergewaltigt worden zu sein, das wäre zumindest ein sehr 'authentisches Erlebnis' in dieser oberflächlichen Welt. Um ihre Unsicherheit zu kaschieren, demütigt sie unablässig die Schwestern auf sehr subtile Weise und holt sich sexuelle Bestätigung beim übergewichtigen, schwitzenden Nachbarn (Philip Seymour Hoffman), der in seiner Freizeit Frauen am Telefon belästigt und ihnen droht, sie so hart ranzunehmen, bis es ihnen zu den Ohren rauskommt. Ob diese Frauen wohl ihr Glück finden?

Ja, nette Leute trifft man in Todd Solondz schwarzer Groteske nicht gerade, aber es sind die Leute von nebenan, vielleicht auch ein bisschen wie du und ich, zumindest agieren sie unsere übelsten Gedanken, Ängste und Horror-Fantasien aus. Man möchte nicht hinsehen, aber man kann auch nicht wegsehen. Zu sehr sind diese verzweifelten Kreaturen auf der Suche nach Liebe, zu menschlich sind sie gezeichnet, zu sehr bekannt ist uns ihr Scheitern, zu beklemmend ihre Lebenshölle. Und das soll komisch sein? Und wie es das ist. Wenn einem das Lachen nicht gerade im Halse steckenbleibt. Und verstörend ist es auch noch.

HAPPINESS (Happiness) ist zweifellos einer der besten amerikanischen Filme der 90er, auch wenn er bewusst und ungerechterweise klein gehalten wurde. Trotz brillanter Leistungen in Buch, Regie und Darstellung, wie man sie heute selten noch im Hollywood-Kino findet, spielte Todd Solondz' Werk bei den wichtigen Preisverleihungen kaum eine Rolle, bei den Oscars wurde er gleich gar nicht erwähnt. So sehr schämt man sich dort für einen ehrlichen Film, der die Wirklichkeit abbildet und keinen Standards, Drehbuchregeln oder gängigen Moralvorstellungen folgt. In Cannes verlieh man ihm dagegen zu Recht den Kritikerpreis. Die produzierenden Universal Studios untersagten der Arthouse-Tochter 'October Films' sogar den Verleih, so dass ein eigener Vertrieb gegründet werden musste, um den Film überhaupt zeigen zu können.

Natürlich hat man an der einen oder anderen Stelle das Gefühl, es reicht jetzt, ich ertrage das nicht mehr, weil HAPPINESS sich doch zu sehr im Negativen suhlt und alles auf die Leinwand bringt, was man lieber totgeschwiegen hätte, doch sein unbestechlicher Blick, sein Mitgefühl selbst für die abstoßendsten menschlichen Schwächen und der bissige, grimmige Humor fesseln von der ersten Minute bis zum 'Happy End', bzw. einem Happy End, wie Solondz sich dies vorstellt. Ein Ende, in dem ein Paar wieder zueinander findet, weil es eingesehen hat, dass es ohne einander noch beschissener dran ist, ein Ende, in dem ein Pubertierender endlich den ersten Orgasmus erlebt und ein Hund mit Sperma auf der Zunge feuchte Küsse an Frauchen verteilt. Don't Worry, Be Happy!

Gespielt werden muss dieses Panoptikum aus Verlieren, Gestörten und Sadomasochisten von mutigen Schauspielern, und Todd Solondz hat eine ganze Ladung davon an Bord. Es wäre müßig, sie alle einzeln zu nennen, aber herausragend in diesem erstklassigen Ensemble sind Dylan Baker als pädophiler Psychiater, der Minderjährige betäubt, um sich an ihnen zu vergehen und auf dem Rücksitz seines Wagens zu Kinderzeitschriften onaniert (Todd Solondz gelingt das praktisch Unmögliche, indem er Sympathie und Mitleid für Bakers Figur erzeugt), sowie Lara Flynn Boyle, die hinter der schönen Fassade Zerstörungswut gegen sich und andere und eine komplexe Mischung aus Selbstverliebtheit und Selbsthass offenbart. Da bleibt einem oft der Atem weg. Boyle muss nur ein unsichtbares Haar von ihrer Zunge entfernen, während sie spricht, und man spürt, dass dies ein wohl gesetzter Dolchstoß genau in den Rücken ihrer Schwester war, der sie gerade mit sanften Worten Unterstützung vorheuchelt. Großartig!

Filmisch konzentriert sich Todd Solondz ganz auf seine Darsteller und spielt dazwischen bewusst unpassende, beschwingte Gute Laune-Musik sowie Mozarts 'Cosi van Tutte' ein. So machen's alle, heißt es, und so fühlen wir uns auch immer wieder ertappt. Mehr Effekte braucht HAPPINESS nicht. Die einzelnen Geschichten laufen parallel und finden doch immer wieder kurz zusammen, wie es bereits in Altmans "Short Cuts" (1993) und Andersons "Magnolia" (1999) zu sehen war, wobei beide Filme deutlich mehr Aufwand betreiben und gleichzeitig sehr viel harmloser sind als Solondz' bizarres Labyrinth der Leidenschaften.
Als unabhängigen Autorenfilm (und zwar unabhängig im wahrsten Sinne, nicht im verlogenen 'Sundance'-Sinn, wo unter dem Deckmantel des Autorenkinos Millionendeals für kommende Blockbuster geschlossen werden) kann man HAPPINESS nur bewundern, für seine klare Handschrift, künstlerische Integrität und Kompromisslosigkeit. Er ist ehrlich, ungeschönt, drastisch, bitter-komisch und auf nicht immer angenehme Art emotional bewegend.

09/10

Dienstag, 20. September 2011

Das Mädchen auf der Schaukel (1988)

Hätte M. Night Shyamalan 1988 schon Filme gedreht, hätte er vielleicht DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL (Girl in a Swing), auch bekannt als "Das Geheimnis der Schaukel", inszeniert. Vielleicht wäre diese übersinnliche Romanze dann auch erfolgreicher an den Kinokassen gewesen. Unter der Regie von Gordon Hessler jedenfalls war dem Film kein Erfolg beschieden, dabei handelt es sich hier um eine gelungene Mischung aus Erotik, Mystery und Horror.

Der Inhalt: der britische Antiquitätenhändler Alan (Rupert Frazer) lernt auf einer Geschäftsreise in Kopenhagen die deutsche Sekretärin Karin (Meg Tilly) kennen und verliebt sich auf der Stelle in die bezaubernde junge Frau, die schon mal auf der Straße einer angeschlagenen Taube das Genick bricht. Die beiden heiraten übereilt, und Alan nimmt seine Braut mit zurück nach England. Dort aber beginnt eine Serie mysteriöser Ereignisse - Alan hat quälende Träume, in denen Karin nackt auf einer Schaukel sitzt, Kinderstimmen sind zu hören, und ein Kissen verwandelt sich in eine grüne Stoffschildkröte. Hat Karin etwa ein Geheimnis, das sie Alan verschweigt?

Ja, hat sie, aber das wird hier nicht verraten. Als Zuschauer kommt man recht bald hinter das Rätsel von Karins Vergangenheit, auch wenn der Film es nicht bis ins letzte Detail enthüllt und viele Fragen unbeantwortet lässt. DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL spielt nicht wirklich in unserer Realität, sondern vielmehr in einer literarischen Welt der Legenden, Nymphen und Geister, vermutlich hatte das große Publikum deshalb so viele Schwierigkeiten mit dem Film. Heute würde er sicher besser laufen, zumal er außerordentlich gut gemacht ist. Allein die Filmmusik von Carl Davis ist ein Genuss und scheint aus einer ganz fernen Zeit zu kommen. Sie verleiht der Gespenstergeschichte eine Atmosphäre von bittersüßer Sehnsucht und Trauer.

Regisseur Gordon Hessler erzählt mit bedächtigem Tempo und kleinen Details, die ein mehrfaches Sehen geradezu notwendig machen. Seine Vorbilder sind die klassischen Werke der Female Gothic, von Hitchcocks "Rebecca" (1940) und "Spellbound" (1945) bis zu Fritz Langs "Das Geheimnis hinter der Tür" (1947). In jenen Filmen ist es interessanterweise die Frau, aus deren Sicht die Geschichten erzählt werden, und sind es die Männer, welche düstere Geheimnisse hüten. Hier übernimmt Rupert Frazer als verklemmter britischer Edelmann den naiven Part, der bis über beide Ohren verliebt ist und nach und nach erkennen muss, dass seine große Liebe von dunklen Ereignissen der Vergangenheit überschattet wird. Frazer spielt seine Rolle so überzeugend, dass man eine Weile braucht, sich an seine Steifheit und den kindlichen Enthusiasmus zu gewöhnen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei Alans sexuelle Befreiung. Der mysteriösen Karin gilt Alans gesamte Hingabe, die er zuvor nur für alte Kunstgegenstände empfunden hat (für 'tote' Dinge), und jedes Mal, wenn sein privates Glück durch seltsamen Zeichen in Gefahr ist, flüchtet er sich in Sex. Selbst wenn die Dramatik den höchsten Punkt erreicht und das Geheimnis kurz vor der Enthüllung steht, finden die Liebenden noch die Zeit für ein inniges Miteinander.

Vor allem aber ist DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL eine Liebeserklärung an Meg Tilly, die sich Ende der 80er auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befand, welche sie bald darauf selbst beendete. Tilly findet als Karin genau die richtige Mischung aus jugendlicher Unschuld, unverklemmter Erotik und tief verborgener Tragik. Dass sie als Schauspielerin ohnehin immer leicht abwesend und geisterhaft wirkt, hilft dem Film ungemein. Leider wird ihre ansonsten makellose Leistung - zumindest in der Originalfassung - durch einen furchtbaren deutschen Akzent geschmälert, den sie sich für die Rolle angeeignet hat, und der durchweg falsch klingt. Insofern ist man mit der soliden Synchronfassung gut bedient.

Die Kritiker prügelten seinerzeit übertrieben und ungerecht auf DAS MÄDCHEN AUF DER SCHAUKEL ein, und er versank umgehend in Vergessenheit. Es half auch nicht, dass er mehrfach umgetitelt wurde. Auf DVD ist er aufgrund seines obskuren Status' nirgendwo zu finden. Viele, die ihn kennen, empfinden ihn als ganz großen Quark, das will ich nicht verschweigen. Ich mochte ihn schon beim ersten Sehen gerne und mag ihn immer noch. Er kümmert sich nicht um Glaubwürdigkeit oder Realismus, man muss ihn als düsteres Märchen sehen. Dann kann man ihn lieben oder ablehnen.

08/10

Montag, 19. September 2011

Das Biest (1993)

Anfang der 90er überschwemmten Filmpsychopathen die Kino-Leinwände, die amerikanischen Singles und Familien das Leben schwer machten. Ob sie sich als Mitbewohner ("Weiblich, ledig, jung sucht..., 1992), Kindermädchen ("Die Hand an der Wiege", 1992) oder als Untermieter ("Fremde Schatten", 1990) einschlichen, im Finale entpuppten sie sich alle als blutgierige Monster, die von den vormals zivilisierten Mittelklasse-Opfern zur Hölle geschickt werden mussten. Das Eindringen von gestörten Mitmenschen in die heile Welt der braven Bürger wurde stets mit dem Tod bestraft, die Ordnung wieder hergestellt.
Viele dieser Psychos waren weiblich, so wie die junge Alicia Silverstone in DAS BIEST (The Crush), ihrem Filmdebüt, über das sie heute wohl lieber den Mantel des Schweigens hüllen würde. Oder auch nicht, denn Silverstones Filmkarriere ist ohnehin weit von ihren Höhepunkten der 90er entfernt.

DAS BIEST erzählt vom sympathischen Journalisten Nick (Cary Elwes), der neu in der Stadt ist und bei einem renommierten Magazin arbeiten soll. Da er wenig Geld hat, mietet er sich im Gästehaus eines wohlhabenden Paares ein. Deren 15-jährige Tochter Adrian (Silverstone) hat es gleich auf Nick abgesehen, beobachtet ihn unter der Dusche und entwickelt eine Teenager-Liebe, die nach einem harmlosen Kuss bald alle Grenzen überschreitet. Als Nick sie aus ethischen Gründen zurückweist, dreht Adrian durch. Sie zerkratzt sein Auto, löscht seine Festplatte mit wichtigen Unterlagen, dann inszeniert sie Mordanschläge auf eine Mitwisserin und Nicks Freundin (Jennifer Rubin). Doch damit nicht genug - schließlich behauptet sie sogar, Nick habe sie vergewaltigt...

DAS BIEST gehört zu den Filmen, die sehr viel Spaß machen, wenn man a) sein Gehirn abschaltet, b) keinerlei Erwartungen hat, c) alle guten Thriller vergisst, die man je gesehen hat, und d) Trash mag, denn um nichts anderes handelt es sich hier.
Die Handlung von DAS BIEST funktioniert überhaupt nur, weil Cary Elwes als Nick sich von Anfang an so dämlich verhalten muss, dass man es kaum aushält. Nicht nur lässt er sich auf eine Knutscherei mit der Minderjährigen ein, er versteckt sich auch noch heimlich in ihrem Kleiderschrank, als sie ihn beim Durchstöbern ihrer Sachen erwischt. Seine Versuche, sich des lästigen Luders zu erwehren, sind allesamt jämmerlich, so dass er auf den Zuschauer schnell wie eine komplette Flasche wirkt.
Während das Publikum schon nach 20 Minuten denkt, Junge, zieh' so schnell wie möglich aus, braucht unser Nick eine gute Stunde, um auf die gleiche Idee zu kommen. Damit der Plot trotzdem weitergeht, schaut er sich nur eine einzige andere Wohnung an, die erst "in ein paar Tagen" frei wird. Scheinbar gibt es in dieser Stadt keine Hotels. Ich würde im Büro schlafen, aber das erfordert wahrscheinlich für einen preisverdächtigen Journalisten (warum hat er eigentlich kein Geld?) zu viel Fantasie.
Ein weiterer Brüller: als Adrians Teenager-Freundin ihm etwas Wichtiges mitteilen will, tut sie dies natürlich nicht an Ort und Stelle, sondern verabredet sich mit ihm für später - soll heißen, sie ist ab sofort Kanonfutter und wird von Adrian auch flugs ins Krankenhaus befördert. Leider fällt es Nick nie ein, die Freundin dort mal zu besuchen, um zu fragen, was sie ihm denn Brandheißes erzählen wollte. Warum nicht? Weil er ein Idiot sein muss, damit der Film weitergeht.

Die tollste Wendung aber kommt gegen Ende, wenn das Biest Nick der Vergewaltigung bezichtigt und sogar Sperma vorweisen kann, das sie aus einem gebrauchten Kondom gesammelt hat. Dieser appetitliche Einfall ist auch eine Warnung an alle Jungs vor weiblichem Samenraub.

Moralische Skrupel hat der Film keine, eine 15-jährige zur Drahtzieherin mehrerer Todes-Szenarios zu machen, und nicht nur deswegen schwingt stets ein irgendwie unangenehmer Beigeschmack mit. Adrians Vater (Kurtwood Smith) spricht mit Nick über seine Ängste, irgendein Teenager würde ihm eines Tages seine Tochter wegnehmen (wörtlich: "vor der Tür stehen mit einem Ständer in der Hose!" Urgh), im Finale bekommt das Mädel ordentlich was auf die Mütze (sprich, die Faust ins Gesicht), und auch Regisseur Alan Shapiro sexualisiert mit seiner Kamera die junge Silverstone, wo er nur kann. Er scheint überhaupt großes Verständnis für Männer zu haben, die über 15-jährige herfallen - nach dem Motto, die will das doch, so wie sie angezogen ist! Sehr pädagogisch.

Schauspielerisch bietet DAS BIEST ein Wiedersehen mit sogenannten Has-Beens. Cary Elwes war seinerzeit der Schwarm vieler Mädchen und Jungs (mich eingeschlossen) und verschwand Mitte der 90er in der Versenkung (bzw. in kleinen Rollen), aus der er mit "Saw" (2004) wieder auftauchte. Ebenso heiß war für kurze Zeit Jennifer Rubin ("Vision der Dunkelheit", 1988), die hier mit einer Wegwerf-Rolle gestraft ist, aus der auch Meryl Streep nicht mehr machen könnte. Der Star des Films ist Alicia Silverstone, die kurz darauf mit "Clueless" (1995) einen Mega-Hit landen sollte und als BIEST genau die richtige Mischung aus Lolita und Norman Bates ist. Für ihre Leistung bekam sie zwei MTV-Movie-Awards, als beste Neuentdeckung und bester Filmbösewicht.

Alles in allem spielt DAS BIEST nicht in der Klasse der oben genannten Filme, sondern bewegt sich eher auf dem Niveau von Tom Hollands "Die Aushilfe" (1993) mit Lara Flynn Boyle als psychopathischer Sekretärin. Soll heißen, beide Filme sind extrem blöde, aber auch ziemlich spaßig, wenn man den nötigen Humor dafür hat. Und in beiden werden Insekten als Mordwaffen benutzt.

07/10

Samstag, 17. September 2011

Magdalena - Vom Teufel besessen (1974)

Als "Der Exorzist" (1973) weltweit abräumte, kamen die Nachahmer aus allen Löchern. Jedes Land wollte seinen eigenen Teufelsschocker haben. Die meisten Imitatoren kamen aus Italien, wo sogar ein Meisterwerk wie Mario Bavas "Lisa und der Teufel" (1974) vom Produzenten mit Exorzismus-Szenen verunstaltet wurde. Man soll es kaum glauben, aber auch in Deutschland trieb der Beelzebub sein Unwesen, und da zeitgleich auch die Sexwelle rollte, übernahm Schund- und Schmuddelfilmer Walter Boos die Regie bei MAGDALENA - VOM TEUFEL BESESSEN, den man locker auch "Der Exorzismus-Report" hätte betiteln können.

MAGDALENA beginnt gar nicht so schlecht, als nachts eine Prostituierte durch Münchens Innenstadt wankt und die gekreuzigte Leiche eines alten Tattergreises entdeckt. Magdalena, die blutjunge Enkelin des Mordopfers, wird noch in der gleichen Nacht von seltsamen Anwandlungen befallen. Sie gibt obszöne Flüche von sich, hat Schaum vorm Mund und reißt sich die Klamotten vom Leib. Das Mädcheninternat, in dem sie lebt, und das noch aus den guten alten Edgar Wallace-Filmen stammt, wird von Elisabeth Volkmann geleitet, die eilig Arzt und Pfarrer (Rudolf Schündler, ebenfalls noch aus den Wallace-Filmen übrig geblieben) alarmiert. Der Pfarrer weiß sogleich: hier ist der Teufel am Werk! Ein ungläubiger Professor aber nimmt Magdalena mit in sein Landhaus. Auf der Alm nämlich, da gibt's koa Sünd', das weiß doch jeder. Dort aber sorgt die sexbesessene Magdalena für weiteres Unheil...

MAGDALENA ist bundesdeutscher Trash vom Feinsten. Während Fassbinder Meisterwerke des Neuen Deutschen Films wie "Angst essen Seele auf" (1974) und "Martha" (1974) inszenierte, entstand dieser plump-dreiste Horror-Abklatsch mit Seltenheitswert. Heute ist der Film in Vergessenheit geraten, damals aber war er ein Hit an den Kinokassen und spielte das Achtfache seiner Produktionskosten ein, was wohl daran lag, dass Video noch kein Begriff und RTL noch nicht auf Sendung war. Da musste Opi schon zur schnellen Aufgeilung den Weg ins Lichtspielhaus antreten und mit Filzhut im Schoß den aktuellen Kassenschlager bestaunen.

Die junge Dagmar Hedrich gab in MAGDALENA ihr Debüt und verschwand gleich darauf wieder in der Versenkung, vermutlich aus Scham (die wir in MAGDALENA häufig zu sehen bekommen). Als brave Blondine mit knackigem Apfelbusen muss sie sich in MAGDALENA ständig aus dem Nachthemd kämpfen, nackt auf Wiesen herumwälzen, sich die Finger zwischen die wohlgeformten Schenkel stecken und kreischen. Das vom Satan besessene Luder ist so scharf, dass sich dümmliche Dorfdeppen gleich gegenseitig das Messer in den Bauch rammen, um mit ihr den sündigen Beischlaf zu vollziehen. Ihre subtile Verführung besteht darin, dass sie sich nackt auszieht, auf den Fußboden setzt und die Beine spreizt. Holla, die Waldfee!

So richtige Horror-Stimmung will bei all dem Softsex eher nicht aufkommen, da helfen auch keine billig gemachten Spezialeffekte. Wenn Elisabeth Volkmann (Gott hab' sie selig!) ein Zimmer im Internat inspiziert, in dem sämtliches Mobiliar an sichtbaren Drähten (und rückwärts kopiert) herumfliegt, dann wähnt man sich doch eher in einer guten Folge von 'Klimbim' und wartet statt auf die Gänsehaut eher auf Ingrid Steeger, die sich einen Schlitz ins Kleid macht und das wunderbar findet. Nichtsdestotrotz kann man sich bei MAGDALENA herrlich schundig unterhalten, zumal sich alles in geborgten Kulissen eines Heimatfilms abspielt. Ja, das ist übrigens der junge Sascha Hehn, der sich da im Auto an Magdalena vergreift. Der denkt aber auch immer nur an das Eine!

Ganz gut funktioniert die Filmmusik, die sehr düstere Töne anschlägt, wenn Magdalena mal wieder einen ihrer Sexanfälle hat. Die werden stets vom lauten Summen einer Fliege begleitet (Herr der Fliegen, Sie wissen schon). Das ist durchaus ein künstlerischer Einfall. Wie konnte das denn passieren?

Am Ende wird Magdalena dann flugs geheilt, indem sie eine Schlange auswürgt, auf der die Darsteller eilig herumtrampeln (Buh!), welche sich aber dann in Luft auflöst. Magdalena kann beruhigt mit ihrem Geliebten über die grüne Alm und frischen Tau wandeln. Das Grauen hat ein Ende, die Karrieren auch. Na, Hallelujah aber auch!

04/10

Freitag, 16. September 2011

Chucky 2 (1990)

Nach dem großen Erfolg von "Chucky - die Mörderpuppe" (1988) war es nur eine Frage der Zeit, bis Produzent David Kirschner die mordende Puppe erneut auf das Publikum loslassen würde. Das Drehbuch zu CHUCKY 2 - DIE MÖRDERPUPPE IST ZURÜCK (Child's Play 2) stammt erneut von Don Mancini, Überraschungen aber gibt es keine, lediglich den gleichen Handlungsablauf noch einmal von vorne.

Der böse Geist des Serienwürgers Charles Lee Ray (Brad Dourif) steckt noch immer in der Puppe Chucky, die zu Beginn des Films wieder hergestellt wird, nachdem sie im Vorgänger doch arg ramponiert wurde. Der Spielzeughersteller will die von der Puppe verübten Morde natürlich totschweigen, und der junge Andy (wieder Alex Vincent) kommt zu Pflegeeltern (Jenny Agutter und Gerrit Graham). Chucky spürt das Kind auf, denn es braucht ja noch immer einen neuen Wirtskörper, also nimmt das Gemetzel erneut seinen Lauf...

Und wieder glaubt dem Kleinen keiner. Gähn!
Wie man an der Inhaltsangabe sieht, beschreitet CHUCKY 2 nun wirklich keine neuen Wege, aber zumindest ist er über weite Strecken unterhaltsam und stellenweise recht spannend. Auch diesmal leiht Brad Dourif der Puppe Chucky seine Stimme und hat noch mehr Scherze und coole Sprüche auf Lager als im Vorgänger. Der junge Alex Vincent spielt hier besser (offenbar hatte er zwischendurch Schauspielunterricht) als in Teil 1, leider aber ist von Catherine Hicks als Andys Mutter weit und breit nichts zu sehen. Dass ihr der Sohn dann offensichtlich doch weggenommen wurde, wogegen sie den ganzen ersten Teil hinweg gekämpft hat, ist eine bittere Note, mit der man das Fehlen der Darstellerin mal eben fahrlässig erklärt und sich keine Mühe macht, die Figuren - wie im Original - ernst zu nehmen.

So schlägt dann CHUCKY 2 auch insgesamt deutlich schwarzhumorigere Töne an und kann mit einigen bizarren Einfällen aufwarten, wie der Tod von Jugendamt-Mitarbeiterin Grace Zabriskie, die sich quasi zu Tode fotokopiert. Andys neue Eltern werden erfreulicherweise von alten Hasen des Genres gespielt. Jenny Agutter ("American Werewolf", 1981, und Gerrit Graham, "Phantom im Paradies", 1974) geben sich viel Mühe und sind durchweg sympathisch, aber auch mit ihnen meint der Film es nicht gut und serviert sie kaltherzig ab. Diese Lieblosigkeit ist stets spürbar und Teil der Sequel-Krankheit, in der es nur noch um Einspielergebnisse geht, nicht darum, einen guten Film zu machen. Zur Seite steht Andy diemal mit Christine Elise ein "schwieriger Teenager" nach Hollywood-Art - soll heißen, ein so nettes Mädel kann man sich nur wünschen, und das, was hier "schwierig" sein soll, hat mit der Realität herzlich wenig zu tun.

Die Spezialeffekte sind wie schon zuvor hervorragend. Die Puppe Chucky muss im Sequel deutlich mehr agieren und durchleiden, bleibt dabei aber immer so glaubwürdig, wie eine lebende Puppe glaubwürdig sein kann. Der Blutgehalt wird ein wenig hochgeschraubt, und neben der sehr schönen Titelsequenz, in der die ramponierte Puppe wieder aufbereitet wird (als würde sich wirklich jemand die Mühe machen!) kann vor allem das Finale in der Spielzeugfabrik begeistern, durch die Andy und seine neue Freundin von Chucky gejagt werden, bevor die böse Puppe im heißen Plastikbad dran glauben muss. Aber natürlich wissen wir spätestens seit dem Kassenerfolg dieser Fortsetzung, dass Chucky wiederkommt. Wie Paulchen Panther schon zu sagen pflegte: Heute ist nicht alle Tage...

07/10

Donnerstag, 15. September 2011

Chucky - die Mörderpuppe (1988)

Und da ist wieder eine von diesen Killerpuppen, die uns den Schlaf rauben, und dieses Mal sogar eine sehr erfolgreiche. CHUCKY - DIE MÖRDERPUPPE (Child's Play) von Tom Holland zog gleich mehrere Sequels und Wiederbelebungen nach sich und ist heute aus der amerikanischen Popkultur nicht mehr wegzudenken. Unter den wenig aufregenden Horrorfilmen der späten 80er stellt Hollands Original tatsächlich einen kleinen Höhepunkt dar, weil er eine altbekannte Story mit überzeugenden Spezialeffekten und frischen Ideen aufpeppt.

'Chucky' ist eine "Good Guys"-Puppe mit feuerrotem Haar und niedlichen Sommersprossen. Sie ist der aktuelle Verkaufsschlager, kann auch sprechen und sagt "Ich bin für immer dein bester Freund". Der kleine Andy (Alex Vincent) freut sich jedenfalls tierisch über sein neues Spielzeug. Was er nicht weiß: in Chucky steckt der Geist eines Serienkillers, der seiner Verhaftung durch einen Detective (Chris Sarandon) nur entging, indem er mit Hilfe von Voodoo-Zauber in die Puppe fuhr. Aus dieser muss er schnellstens wieder raus, aber leider ist das gar nicht so einfach, denn als kniehohe Puppe hat man so seine Schwierigkeiten. Der kleine Andy merkt bald, wie böse seine liebe Puppe ist, aber natürlich glaubt dem Jungen keiner. Als aber auch Andys Mama (Catherine Hicks) hinter Chuckys Geheimnis kommt, ist niemand mehr seines Lebens sicher...

Was CHUCKY - DIE MÖRDERPUPPE wirklich hervorragend gelingt ist das Kunststück, die Puppe Chucky jederzeit glaubwürdig agieren zu lassen. Ob sie geht, spricht oder tötet, als Zuschauer lässt man sich schnell auf die alberne Story ein, weil die Tricks so wahnsinnig überzeugend sind, und das ist keine leichte Übung. Die Geschichte der Horror-Puppen ist natürlich ein alter Hut, angefangen vom britischen Klassiker "Dead of Night" (1942) über "Magic" (1975) bis zu Stuart Gordons "Dolls" (1987), aber CHUCKY verbindet seine guten Effekte mit einer spannenden Story und einer feinen Prise absurden Humors. So wird der Serienkiller, dessen Geist in Chucky gefangen ist, von einem unserer liebsten Filmpsychos, Brad Dourif, gespielt, und der darf nach seinem menschlichen Abgang in der Eröffnungsszene den Rest des Films als Chuckys Stimme einige köstliche Gemeinheiten von sich geben, die das Geschehen immer wieder auflockern. Im Gegensatz zu den Sequels ist die Puppe Chucky hier aber trotz des Humors ein klassisches Filmmonster, vor dem man sich fürchten sollte.

Was CHUCKY zusätzlich von anderen Horrorfilmen der Ära unterscheidet, ist die realistisch gezeichnete Familiensituation (abgesehen von der wie üblich zu großen Wohnung, in der Mutter und Sohn leben). Weder wird die kleine Familie hier als Disney-Idyll beschrieben oder auf Spielberg-Art überzuckert, noch wird sie zum zynischen Hort des Bösen erklärt. Catherine Hicks spielt ihre allein erziehende, berufstätige Mutter, die ihrem Sohn gern eine Freude machen möchte, aber nicht genug Geld für eine echte "Good Guys"-Puppe hat, sehr sympathisch und ist eine liebenswerte Figur, mit der man mitfühlen kann. Und sind wir nicht alle von unseren Eltern schon tief enttäuscht worden, als wir einen Pullover statt des teuren Spielzeugs bekamen? Die Art, wie Mutter und Sohn miteinander umgehen (sie ringt sich ein rührendes Lächeln ab, obwohl Sohnemann beim Versuch, selbst Frühstück zu machen, kläglich versagt), hat im Genre Seltenheitswert.

Neben Catherine Hicks als kämpferischer Mutter spielt Chris Sarandon den netten Detective, der natürlich nicht an das Märchen von der mordenden Puppe glaubt, sich dann aber eines Besseren belehren lassen muss. Sarandon hat unter Tom Hollands Regie schon in "Fright Night" (1985) gespielt, wo er als Vampir Jerry Dandridge wesentlich schillernder agieren durfte, aber er holt das Beste aus seiner eindimensionalen Rolle heraus. Sarandon gehört zu den Schauspielern, die immer Humor mit einbringen, und sein Blick, als Catherine Hicks ihm klarmachen will, dass die Puppe hinter allem steckt, ist urkomisch ("Yeah - Good Night!").

Das Drehbuch von Don Mancini machte übrigens schon länger die Runde in Hollywood, aber niemand kam so richtig damit klar. Erst als Tom Holland nach eigenen Aussagen den Körperwechsel-Thriller "The Hidden" (1987) sah, kam ihm die Idee der Seelenwanderung. Und neben den eher humorvollen Szenen gelingen ihm auch einige echte Gänsehaut-Momente. Wenn Catherine Hicks feststellt, dass sich in der Puppe, mit der sie gerade geredet hat, gar keine Batterien befinden, ist das ein wirklich furchterregender Augenblick, der von Holland erstklassig inszeniert wird. Der Schlussfight zwischen Mutter, Sohn und Chucky in der kleinen Wohnung lässt dem Zuschauer kaum Zeit oder Luft zum Atmen, ebenso Chuckys Angriff auf Chris Sarandon am Steuer seines Wagens.

So bietet CHUCKY - DIE MÖRDERPUPPE zwar keine Innovation und ist letztendlich eine eher harmlose Angelegenheit, bietet aber genug Energie, Tempo, Lacher und Schocker, um den Horror-Fan über die gesamte Laufzeit spannend zu unterhalten.

7.5/10
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