Mittwoch, 30. November 2011

Zum Tod von Ken Russell (1927-2011)

Der britische Filmemacher Ken Rusell starb am 27. November 2011 im Alter von 84 Jahren. Er galt als Enfant Terrible des britischen Films und tat alles dafür, sich diesen Ruf zu verdienen und zu erhalten. Unerschrocken, schrill und mutig waren seine Filme, nie hat er sich den Konventionen unterworfen.
1969 feierte er seinen Durchbruch mit der Literaturverfilmung "Liebende Frauen" nach D.H. Lawrence, um gleich im Anschluss die Welt mit seinem derben Mittelalter-Drama "Die Teufel" (1972) zu schockieren, der heute noch in zahlreichen Ländern verboten ist. Es folgten bizarre Künstler-Biografien wie "Tschaikowsky - Genie und Wahnsinn" (1970), "Mahler" (1974), "Lisztomania" (1975), das Musical "The Boyfriend" (1971), den es immer noch nicht auf DVD gibt, und die Rock-Oper "Tommy" (1974) mit Ann-Margret in der Bohnensuppe.
In Amerika drehte Russell den Horrorfilm "Der Höllentrip" (1980), bei dem er sich mit Autor Paddy Chayefsky überwarf, sowie mit "China Blue - Bei Tag und Nacht" (1984) einen wüsten Angriff auf die amerikanische Doppelmoral. Zurück in England entstanden u.a. die Fortsetzung von "Liebende Frauen", "The Rainbow" (1989) und die Bram Stoker-Adaption "Der Biss der Schlangenfrau" (1988), einer seiner unterhaltsamsten Filme. Nach mehreren Misserfolgen konnte er mit der TV-Adaption der "Lady Chatterley" (1993) noch einmal für Aufsehen sorgen und verlegte sich dann auf sehr kleine Produktionen, die er zum Teil selbst finanzierte.

Russells Vorliebe galt stets den Literatur-Adaptionen, sein liebstes Angriffsziel war die katholische Kirche. Ken Russell war einer der exzentrischsten Regisseure aller Zeiten, seine Werke tragen stets eine ganz eigene Handschrift und sind ebenso drastisch wie verspielt und intellektuell verschachtelt. Groteske, bildgewaltige Szenarios waren sein Markenzeichen. Für die Filmwelt ist Russells Tod eine großer Verlust. Er war einer der letzten unabhängigen, eigenständigen und eigensinnigen Filmemacher des Kinos - und einer meiner Lieblingsregisseure.

Dienstag, 29. November 2011

Der Dialog (1974)

Harry Caul (Gene Hackman) ist ein Abhörspezialist, der in Beschattungskreisen einen legendären Ruf besitzt. Harry lebt davon, anderen heimlich zuzuhören, Privates zu belauschen, Fremde zu beobachten. Harry ist ein einsamer Mann, dessen Beruf ihn paranoid gemacht hat. Harry misstraut jedem. Seine Beziehung geht in die Brüche, weil er nichts über sich und seine Arbeit erzählen kann. Sein neuer Auftrag lässt ihn nicht los. Ein mächtiger Mann (Robert Duvall) hat ihn engagiert, dessen Ehefrau und deren Begleiter auf der Straße abzuhören. "Er würde uns töten, wenn er könnte", sagt der Begleiter. Haben die beiden ein heimliches Verhältnis? Planen sie etwas? Harry kann die Bänder nicht abliefern, weil er befürchtet, dem jungen Paar könnte etwas zustoßen. Das ist schon einmal passiert, vor Jahren. Da haben Harrys Beschattungen zu drei Morden geführt. Harry weiß nicht mehr, was er tun soll, wem er trauen kann. Die Paranoia wächst...

Nach dem Welterfolg "Der Pate" (1972) gehörte Francis Ford Coppola zu den wichtigsten amerikanischen Regisseuren und konnte sich seine Projekte aussuchen. Bevor er die Fortsetzung seines Mafia-Epos' drehte, inszenierte er ein Drehbuch, das er bereits Mitte der 60er geschrieben hatte, DER DIALOG (The Conversation). Obwohl der Film stark an den Watergate-Skandal erinnert und die vorherrschende Atmosphäre aus Paranoia und Misstrauen einfängt, betont Coppola, dass sein Film nicht unter dem Eindruck der Ereignisse um Nixons Abhöraktionen entstand. Vielmehr war er von Antonionis "Blow Up" (1966) beeinflusst. Der Protagonist, der durch die meisterhafte Beherrschung seiner Arbeit einem vielleicht vermeintlichen Verbrechen auf die Spur kommt, das ist schon sehr deutlich angelehnt, und wie Antonioni zeichnet Coppola ein genaues Stimmungsbild seiner Zeit. Während Antonioni allerdings alle Fragen offen lässt, werden bei Coppola viele beantwortet, auch wenn sein Held wie im Vorbild letztlich machtlos bleibt.

DER DIALOG ist auch ein Film über Schuld. Harry fühlt sich verantwortlich für den Tod mehrerer Menschen, kann seine Arbeit aber auch nicht aufgeben, weil er der Beste auf dem Gebiet ist und er sie meisterhaft beherrscht. Viel mehr beherrscht die Arbeit aber ihn. Er, der sich niemandem anvertrauen kann, hat nur die Beichte, um sich auszusprechen. Hier muss er keine Abhöranlagen vermuten, alles Gesagte wird gehört, aber nicht preisgegeben, und seine Sünden werden vergeben. Leider kann Harry sich selbst nicht vergeben.
So machtlos wie er sich angesichts der Ereignisse im letzten Akt zeigt, so machtlos ist er gegenüber sich selbst. Er kann nicht hinaus aus seiner Haut. Am Ende kann er keinen Mord verhindern, und die bloße Androhung "Wir überwachen Sie" reicht aus, um Harry vollkommen in den Wahnsinn zu treiben. Wenn er sein Apartment auf der Suche nach versteckten Wanzen von oben bis unten auseinandernimmt und vom Jäger zum Gejagten wird, erreicht er seinen persönlichen Tiefpunkt. Harrys Leben liegt (buchstäblich) in Trümmern. Aber er kann nicht aus seiner Haut.

DER DIALOG ist ein in jeder Beziehung herausragender Film. Er gewann die goldene Palme in Cannes und erhielt drei Oscar-Nominierungen, unter anderem für den besten Ton, der hier wirklich brillant genutzt wird. Immer wieder hören wir (mit Harry) die aufgenommene Unterhaltung der Zielpersonen, mal elektronisch verzerrt, dann gefiltert, mit Hintergrundgeräuschen, dann wieder ohne. Eine Unterhaltung zweier Passanten wird zum Kernstück des Thrillers. Wie Harry versuchen auch wir den Schlüssel zu finden, der diese Unterhaltung wichtig für den Auftraggeber machen könnte. Das Entzerren des Gesprächs ist ein ähnlicher Vorgang wie das Aufblasen des Fotos in "Blow Up", aber das Ergebnis ist wieder nicht eindeutig, sogar irreführend. Die Technik ist ein Hilfsmittel, die Wahrheit gibt sie nicht wieder, denn die Unterhaltung muss erst interpretiert werden, um ihren Sinn zu verstehen.

Gene Hackman zeigt eine fantastische Leistung als Harry Caul. Mit dem dünnen Regenmantel und den Accessoires der 60er (Brille, Krawattenhalter) wirkt er wie ein Relikt der 60er, fehl am Platz in jeder Beziehung. Er bleibt ein Außenseiter, kann nur von draußen hineinschauen und hineinhören in die Welt.
In den Nebenrollen tummeln sich exzellente Schauspieler wie John Cazale ("Hundstage", 1975), Frederic Forrest ("Die Wiege des Satans", 1978), Terri Garr ("Frankenstein Junior", 1974) und der junge Harrison Ford als zwielichtiger Assistent von Auftraggeber Duval. Kamera, Schnitt, Licht und das eingängige Klavierthema von David Shire unterstützen diesen großen kleinen Film, der viele überrascht hat. Von Coppola hatte man etwas ähnlich Gigantisches wie den "Paten" erwartet, nicht europäisches Arthouse-Kino. DER DIALOG wird aber bis heute geschätzt und geliebt, viele halten ihn für Coppolas besten Film. Er war zudem äußerst einflussreich. Brian De Palma hat ganze Sequenzen in "Blow Out" (1981) übernommen, und die Obsession des einzelgängerischen Zuhörers mit der Stimme vom Band findet sich in zahlreichen Werken bis hin zu Trash wie "The Specialist" (1995).

Wenn ich etwas am DIALOG kritisieren müsste, dann wäre es nur ein einziges Detail - und zwar der Kugelschreiber. Ich glaube einfach nicht, dass sich ein Mann wie Harry Caul, der keine Fragen beantwortet und überall Spione wittert, von einem offensichtlichen Konkurrenten einen Kugelschreiber an die Jacke heften lässt, selbst wenn er nicht auf die Idee kommt, darin könnte ein Mikro versteckt sein. Nicht, nachdem der Film so sorgfältig und nachhaltig das Psychogramm dieses paranoiden Mannes entworfen hat. Darüber stolpere ich jedes Mal.
Macht aber nichts.
DER DIALOG ist amerikanisches Autorenkino der 70er, wie es nicht besser geht.

10/10


Harry Caul an seinem Arbeitsplatz -
Gene Hackman in "The Conversation"

Montag, 28. November 2011

Spurlos (2010)

Das Cover täuscht. SPURLOS (Sans Laisser de Traces) ist kein futuristischer Action-Thriller à la "Matrix", und der spektakuläre Sturz aus dem Wolkenkratzer lediglich eine Metapher.
Um einen Absturz geht es allerdings, und zwar den von Étienne (Benoît Magimel), einem Mann, der alles hat. Er wird in Kürze Chef eines Chemiekonzerns, hat eine wunderschöne Frau (Léa Seydoux), mit der er ein Baby zu bekommen versucht, und ein luxuriöses Apartment über der Stadt. Doch sein Erfolg basiert auf einer Lüge, auf einer gestohlenen chemischen Formel, die ihm einst ein Wissenschaftler zusandte, und die er gestohlen und zu Gold machte. Das vertraut er jetzt einem alten Schulfreund (François-Xavier Demaison) an, dem er zufällig begegnet. Dieser bringt Étienne dazu, sich bei dem Chemiker im Nachhinein zu entschuldigen, um sein Gewissen zu erleichtern. Diese Unterredung verläuft allerdings anders als geplant, und plötzlich steht Étienne mit einer Leiche und einem Erpresser da. Sein schönes Leben beginnt nach und nach, sich aufzulösen. Und zwar spurlos...

Die französisch-belgische Co-Produktion SPURLOS ist ein lupenreiner Film Noir im modernen Gewand, durchweg realistisch und ohne Effekthascherei erzählt. SPURLOS ist auch eine Hitchcock-Hommage. Die Bekanntschaft der Schulfreunde, die mörderische Konsequenzen hat und von ausgetauschter Schuld dominiert wird, erinnert stark an "Der Fremde im Zug" (1951). Hier wie dort ist der Held ein schwaches Bübchen, das durch einen aggressiven, risikobereiten Gegenpart, quasi sein dunkles Spiegelbild, ins Unglück gestoßen wird.
Wie Ètienne sich aus der misslichen Lage befreit, oder ob er kopfüber ins Verderben rauscht, das macht die Spannung von SPURLOS aus. Das Drehbuch unterläuft dabei immer wieder die Erwartungen des Zuschauers, legt falsche Spuren (ein vermeintlicher Konkurrent, eine potentielle junge Geliebte, die keine ist) und sorgt für einige Überraschungen. "Der Erfolg eines Menschen hängt von drei Faktoren ab - Talent, Timing und Glück" sagt Étienne zu Beginn. Talent hat dieser elegante Yuppie mit den sanften Augen, mit Timing und Glück aber hapert es plötzlich gewaltig. Glück und Schicksal spielen in der Tat eine gewichtige Rolle in diesem Moralstück, ähnlich wie in Woody Allens "Match Point" (2005), in dem der Protagonist ebenfalls eine zwiespältige Figur war und letztendlich der Zufall über seinen Lebenslauf entschied.

Étienne wird von Benoît Magimel mit ordentlicher Star-Power gespielt, die dem kleinen Film zu einigem Glanz verhilft. Als Zuschauer ist man hin- und hergerissen, ob man seinen Étienne mag oder doch ablehnt. Er meint es gut, ist dann aber auch wieder unbeherrscht und kaltherzig. Leider erzählt das Drehbuch nicht von einem entscheidenden Fehler, den er macht, und der das ganze Unheil in Gang setzt, sondern Étienne muss einen dummen Fehler nach dem nächsten begehen. Indem er den einen Fehler wieder gut zu machen versucht, gerät er in immer neue Schwierigkeiten, wird seine Absicherung immer durchlässiger. Vielleicht ist das realistisch, wer kann schon sagen, wie er sich in ähnlicher Lage verhalten würde? Mir war es ein wenig zu viel Blödheit auf einmal, auch wenn es mich nicht davon abgehalten hat, weiter Anteil an seiner Figur zu nehmen.
Das Ende will auch nicht so recht überzeugen, obwohl es eine wohltuende Abkehr vom üblichen Schema des Film Noir darstellt. Möglicherweise ist der Schluss aber auch mehrfach interpretierbar. Vielleicht ist Étienne endlich in der "wahren" Hölle angekommen... aber ich will nichts vorwegnehmen.

Neben Magimel leisten die Nebendarsteller solide Arbeit. François-Xavier Demaison fehlt ein bisschen von der Ausstrahlung, die Sergi López in dem thematisch ähnlichen "Harry meint es gut mit dir" (2000) besaß. Er muss im Grunde ein böser Verführer sein, die rohe Seite, die Étienne nicht ausleben kann. Dafür wirkt Demaison doch zu tanzbärig und knuddelig. Julie Gayet ist als Étiennes Ehefrau in erster Linie schön und statuenhaft (was sie auch sein soll), die junge Léa Seydoux bringt die richtige Mischung aus Unschuld und Durchtriebenheit mit (man denkt unweigerlich an Ludivine Sagnier). Die Regie von Grégoire Vigneron, der hier sein Debüt gab, ist kühl, streng und überraschend routiniert. Großes Kino bekommt man hier nicht, dafür aber einen Film, den Chabrol gemocht hätte, und das ist nicht wenig.

SPURLOS ist über weite Strecken fesselnder Thriller darüber, wie schnell ein Leben in Scherben liegen kann, wenn man den falschen Leuten auf der Straße begegnet und nicht rechtzeitig den Absprung schafft. "Du kannst nicht so weit nach oben kommen, ohne Leichen im Keller", sagt Étiennes Schulfreund Demaison. Die Moral lautet: wäre Étienne von Beginn an skrupelloser gewesen und hätte seine Leichen begraben, anstatt sie mit sich herumzuschleppen, wäre das alles nicht passiert. Also, wenn du nach oben willst, sei nicht zu nett. Das könnte dir zum Verhängnis werden.
Das ist übrigens der Grund, aus dem ich persönlich grundsätzlich keine Anfragen von Schulfreunden beantworte, die mich zufällig im Netz aufstöbern und sich nach 20 Jahren "mal wieder melden wollen". Wer weiß schon, was das mittlerweile für Irre sind? ...

08/10


Von jetzt an geht's bergab - Benoît Magimel in "Spurlos"

Samstag, 26. November 2011

Komplizen (2009)

In Lyon wird die Leiche des jungen Vincent (Cyril Descours) aus dem Fluss gezogen. Die beiden Ermittler, Hervé Cagan (Gilbert Melki) und seine Kollegin Karine Mangin (Emmanuelle Devos), rekonstruieren bei ihren Ermittlungen die letzten Wochen im Leben von Vincent, dessen Geschichte wir parallel sehen. Vincent arbeitet als Stricher und verliebt sich in die 18jährige Rebecca (Nina Meurisse ), die zunächst Probleme mit seinem Job hat, sich aus Liebe aber auf gemeinsame Dates mit seinen Freiern einlässt. Dabei geraten sie in Lebensgefahr und lassen sich auf eine Dummheit ein, die schicksalhafte Folgen haben wird...

Für das französische Drama KOMPLIZEN (Complices) erhielt der walisische Regisseur
Frédéric Mermoud 2010 den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch. Sein Film ist eine Mischung aus Krimi, Stricherdrama und Liebesgeschichte. Das junge Paar Vincent (zu sexy, um wahr zu sein: Cyril Descours) und Rebecca steht dabei ganz in der Tradition gescheiterter Filmhelden des Film Noir. Beide lassen sich aus Geldgier auf ein gefährliches Spiel ein, für das sie bezahlen müssen. Dass die Prostitution mehr als ein aufregendes Abenteuer ist, lernen beide schnell. Ihr Weg führt direkt ins Verderben, auch weil beide außer ihrer Liebe zueinander keine Zukunftsvision haben. Rebecca geht noch zur Schule, Vincents Geschäfte laufen zu gut, um sich nach etwas anderem umzusehen. Zudem kommen beide aus gebrochenen Familien. Vincent hat gar keine Eltern, Rebecca wird von der alleinerziehenden Mutter großgezogen. In dieses Stimmungsbild passen die Ermittler Cagan und Mangin. Sie verabredet sich mit Männern aus dem Internet, er ist ohnehin ein einsamer Wolf ohne Bezugspersonen. Beide sind in den 40ern, ohne Partner, ohne Kinder. Ihre Geschichte ist ebenso spannend wie der Kriminalfall. Scheinbar geschaffen füreinander, finden sie dennoch nicht zusammen. Und letztlich gehört auch Vincents junger Zuhälter Thomas (Jérémy Kapone), der in Vincent verliebt ist, in dieses Figurenkabinett der einsamen Herzen.

KOMPLIZEN ist ein angenehm ruhig und unaufdringlich inszenierter Film, der zwar nicht mit Sexszenen spart (die aber zumeist Vincents Begegnungen mit Freiern beschreiben und deshalb weniger erotisch als ernüchternd sind), aber auf jede Sensationsmache und oberflächliche Schauwerte verzichtet (sieht man von den vielen Duschszenen ab, die Hauptdarsteller Descours absolvieren muss). Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch auf die Charaktere. Dass KOMPLIZEN mit Vincents Tod beginnt, schadet der Spannung nicht, im Gegenteil. Da für den Mord gleich mehrere Figuren in Frage kommen, hält die Frage nach dem Wer und Warum den Krimi zusammen, während sich das menschliche Drama entfalten kann.
Gespielt ist KOMPLIZEN ausgezeichnet. Die Jungdarsteller agieren ebenso überzeugend wie das erwachsene Ermittler-Gespann Melki ("Meeresfrüchte", 2005) und Devos ("Coco Chanel", 2009), deren Gesichter allein mehr erzählen als ganze andere Filme. Eine Wohltat.

Der auf den ersten Blick belanglose Titel erschließt sich übrigens erst am Schluss, wenn der Film mehrere Arten von Komplizenschaft erzählt, kriminelle, kollegiale und vor allem menschliche. Und dann merkt man, dass es doch weniger um die Geschichte der beiden Liebenden und einen Mord geht, sondern vielmehr um das Psychogramm eines Ermittlers, dessen Leben sich durch den Fall verändern wird.

Fazit: extrem sehenswert, große Empfehlung.

09/10


Vincent (Cyril Descours) zwischen Liebe und Geld - "Komplizen"

Freitag, 25. November 2011

Die dritte Generation (1979)

Eine „Komödie in sechs Teilen um Gesellschaftsspiele voll Spannung, Erregung und Logik, Grausamkeit und Wahnsinn, ähnlich den Märchen, die man Kindern erzählt, ihr Leben zum Tode ertragen zu helfen“ nannte Rainer Werner Fassbinder seine Bestandsaufnahme der politischen Lage der Bundesrepublik, die den Titel DIE DRITTE GENERATION trug und dem Regisseur nicht viele Freunde einbrachte.

Die These des Films: der Kapitalismus erfindet und finanziert den Terrorismus, um sich selbst zu schützen. Zu diesem Zweck unterstützt Lurz (Eddie Constantine), der Chef eines Computerkonzerns, eine Gruppe linker Terroristen der 'dritten Generation', die von seinem Mittelsmann Brem (Volker Spengler) geleitet wird. Zu den Terroristen gehören auch die Frau eines Bankdirektors (Margit Carstensen), eine Geschichtslehrerin (Bulle Ogier), ein Plattenverkäufer (Harry Baer) und die Sekretärin des Konzernchefs Lurz (Hanna Schygulla). Lurz informiert nach Berichterstattung durch Brem seinerseits die Polizei von den geplanten Taten der Terroristen. Nachdem die Gruppe eine Bank überfallen hat, abgetaucht und von der Staatsgewalt dezimiert wurde, entführt sie Lurz und dreht ein Bekennervideo. Der Absatz von Lurz' Computern für die Terrorfahndung sollte damit gesichert sein...

DIE DRITTE GENERATION entstand kurz nach Fassbinders Welterfolg "Die Ehe der Maria Braun" (1979), der ihm alle Türen öffnete. Fernsehsender und Fördergremien versprachen ihm jedwede finanzielle Unterstützung, egal für welches Projekt. Als man aber mitbekam, was Fassbinder verfilmen wollte, zog man seine Zusagen schnell zurück, so dass der Regisseur ohne Geld da saß und DIE DRITTE GENERATION selbst finanzierte. Daher findet man im Vorspann die Darsteller der Fassbinder-Gruppe auch auf den meisten technischen Positionen. Für einen Kameramann z.B. war kein Geld da, also filmte Fassbinder selbst (und das hervorragend). Ein Drehbuch existierte nie, lediglich ein ausführliches Exposé, nach dem der Film entstand. Diese relativ lose Ideenfolge merkt man dem fertigen Film kaum an, der von den Kritikern abgelehnt wurde, und bei dessen Aufführungen es zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Das rechte Lager warf Fassbinder vor, den Terrorismus zu verharmlosen, die Linken störten sich an der Denunziation ihrer Ideale und der Behauptung, dass die Terroristen nur Marionetten des Kapitals seien, die keine eigene Vorstellungskraft haben und mehr aus Langeweile und Frustration Bomben werfen. In Ermangelung eines echten Abenteuers, wie es Harry Baer im Film ausdrückt. Dass DIE DRITTE GENERATION eine schwarze Komödie ist, wurde allgemein ignoriert, auch wenn das Wort 'Farce' berechtigterweise fiel. 1979 konnte und wollte niemand über den Terrorismus lachen, so wie 1961 niemand über Billy Wilders Mauer-Komödie "Eins, zwei, drei" lachen wollte.

Die so genannte "dritte Generation" ist eine Erfindung Fassbinders, und sein Film rechnet konsequent mit allen Seiten ab. Die gutbürgerlichen Terroristen überlegen, welche Anschläge sie durchführen können, streiten sich aber in der Hauptsache darüber, wer welchen Namen tragen darf, wenn er im Untergrund verschwindet. Petra, die Frau des Bankdirektors (Nach "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" wieder eine Petra, die von Margit Carstensen verkörpert wird) wird von ihrem Mann geschlagen und will gleich das Schöneberger Rathaus in die Luft jagen ("Das mache ich! Das mache ich ganz alleine!"). Die Geschichtslehrerin will emanzipiert sein und selbst entscheiden, mit wem sie schläft, lässt sich aber von ihrem Terroristen-Liebhaber (Raul Gimenez, ein schöner Killer direkt aus dem Film Noir) herumkommandieren und bringt ihm diensteifrig das dunkle Bier an den Abendbrotstisch. Politische Ziele verfolgt keiner der spießigen Freizeit-Terroristen, alle verbindet nur der Wunsch, dass sich in ihrem Leben etwas ändern muss - was auch immer. Und während man noch debattiert und Schopenhauer zitiert, stirbt nebenan eine junge Frau an einer Überdosis Heroin. Schöne, neue Welt.

Spätestens, wenn Fassbinder im Finale seine Terroristen in Faschingskostümen eine fingierte Entführung trottelig über die Bühne bringen lässt, bleibt dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken, der die Bilder der Schleyer-Entführung noch gut im Gedächtnis hat. Da muss man sich über die wütende Reaktion nicht wundern. Zusätzliche Verwirrung schafft Fassbinder durch die sich durchgehend überlappenden Tonebenen des Films, auf denen die Dialoge und gleichzeitig laufende Fernsehnachrichten und Radioprogramme zu einem konstanten Klangteppich führen, der mehrfach die Sprache der Figuren verschluckt. Die Verwendung der aktuellen Nachrichten, die permanent im Hintergrund laufen, verleiht dem Film eine beklemmende Authentizität und Tagesaktualität. Er wird dadurch auch zum Zeitdokument.

Man braucht ein wenig, um in DIE DRITTE GENERATION hineinzukommen. Nach dem (klasse) Vorspann, der wie der Auftakt zu einem Science Fiction-Thriller wirkt, folgt eine Reihe von Szenen, die man erst in der Rekapitulation richtig einordnen kann. Wenn sich die Gruppe dann nach und nach formiert, läuft der Film wie geschmiert und begeistert mit herrlich bösen und grotesken Einfällen. Margit Carstensen erschießt beim Banküberfall ihren Mann, weil die Gelegenheit gerade so günstig ist, und Harry Baer spielt sich als Regisseur des laienhaften Bekennervideos wie eine launische Diva (Fassbinder?) auf. Eine wundervolle Szene bekommt Vitus Zeplichal ("Ich will doch nur, dass ihr mich liebt", 1975) als Verdächtiger, der die Wohnungsdurchsuchung durch Kommissar Hark Bohm mit hysterisch-sarkastischen Sprüchen begleitet ("Verhaften Sie doch die Jalousien, oder den Stollen! Der ist mit echter Butter, von der Mutter!").

Das Schauspieler-Ensemble leistet durchweg fantastische Arbeit. Es ist immer wieder erstaunlich, wie eine doch recht bunt zusammengewürfelte Truppe aus Laien, Charakterdarstellern und ehemaligen Kino-Ikonen unter Fassbinder zu einer homogenen Einheit verschmilzt. Die Spielfreude ist allen anzusehen, und die Lust an der Anarchie.
DIE DRITTE GENERATION gehört zu den meistunterschätzten Filmen Fassbinders. Er entfaltet seine volle Wirkung erst bei mehrmaligem Sehen und mit zunehmend größerer Distanz zu den Ereignissen seiner Zeit, die der Regisseur ebenso präzise wie bitter kommentiert.

09/10


Das Bürgertum schlägt zurück -
Margit Carstensen und Günther Kaufmann in "Die dritte Generation"

Donnerstag, 24. November 2011

Lili Marleen (1981)

LILI MARLEEN, die Geschichte eines Liedes, das um die Welt ging, Soldaten zu Tränen rührte und eine junge Sängerin zum Star machte, war die aufwendigste Produktion in Rainer Werner Fassbinders Karriere, der kurz zuvor mit "Die Ehe der Maria Braun" (1979) einen internationalen Hit landen konnte und vom Kintopp-Produzenten Luggi Waldleitner engagiert wurde, um dieses große zeitgeschichtliche Melodram zu inszenieren, nicht unbedingt zur Zufriedenheit der Fassbinder-Fans, aber durchaus zur Freude des Mainstream-Publikums, auf das LILI MARLEEN gnadenlos zugeschnitten ist.

LILI MARLEEN erzählt von Willie (Hanna Schygulla), einer deutschen Sängerin, die in den jüdischen Schweizer Komponisten, Dirigenten und Widerstandskämpfer Robert (Giancarlo Giannini) verliebt ist, was dessen wohlhabendem Vater (Mel Ferrer) gar nicht gefällt. Als eine Intrige des Vaters Willie zwingt, in Deutschland zu bleiben, während Robert in die Schweiz reist, sucht sie nach Arbeit und tritt gemeinsam mit ihrem Klavierspieler (Hark Bohm) in einer Kneipe auf. Dort wird sie vom einflussreichen NS-Kulturbeauftragten Henkel (Karlheinz von Hassel) entdeckt und gefördert. Ihre Platte mit dem Lied "Lili Marleen" wird zum Welthit, als Radio Belgrad es mehr oder weniger zufällig entdeckt und für die Soldaten spielt. Willie wird zum Star, bekommt eine eigene Villa, kann aber Robert nicht vergessen. Als sie sich heimlich mit ihm in Deutschland trifft, lässt Henkel ihn verhaften. Willie lässt sich für seine Freilassung auf eine gefährliche Spionageaktion ein...

Ca. 10 Millionen Mark standen Fassbinder für seinen Film zur Verfügung, dessen Drehbuch vage auf dem Roman "Der Himmel hat viele Farben" basiert, den Lale Andersen, die "echte" Interpretin von 'Lili Marleen' verfasste. Figuren und Handlung der Verfilmung sind weitgehend frei erfunden, darunter auch das hübsche, aber dreiste Märchen von den angeblich schweigenden Waffen des Krieges, wenn 'Lili Marleen' im Radio gespielt wurde. LILI MARLEEN wurde für die Massen konzipiert, und so schwelgt Fassbinder hier in farbenfrohen Kostümen, edlen Dekors von Rolf Zehetbauer und stimmungsvollen Bonbon-Bildern seines Kameramannes Xaver Schwarzenberger. Der politische Hintergrund - das wurde ihm von vielen Seiten zu Recht vorgeworfen - dient lediglich als Kulisse für die Schmacht- und Schmalzgeschichte der naiven Willie, die durch ihre Erlebnisse und die Opfer für die große Liebe eine Art politisches Erwachen erlebt, das aber auch nicht wirklich stattfindet. Mit dieser Gewichtung hat Fassbinder den Grundstein für heutige TV-Event-Movies gelegt, in denen der historische Kontext stets zugunsten sentimentaler Liebesgeschichten - bevorzugt im Dreiecksverhältnis - in den Hintergrund gedrängt wird. Die Kriegsszenen in LILI MARLEEN stammen übrigens nicht von Fassbinder (der weder Lust noch Geld hatte, eigene zu inszenieren), sondern aus "Steiner - Das eiserne Kreuz" (1977).

Was LILI MARLEEN fehlt - und das ist mehr als überraschend - ist eine Haltung seines Regisseurs, der sowohl die Nazis als auch die Widerstandskämpfer als Stereotypen einer Operette agieren lässt. Hatte er gerade zuvor anhand der Maria Braun die Entwicklung eines ganzes Landes scharfsichtig vorgeführt, ist in LILI MARLEEN alles nur Theater. Der Krieg besteht aus emotionalen Kitschpostkarten. Traurige, weinende und zumeist hübsche junge Soldaten sitzen in Schützengräben und lauschen andächtig Willies Schlager.
Der Plot um Willies Spionagearbeit ist komplett naiv. Da werden Geheimfilme in Dekolletés versteckt, wird ängstlich um Ecken geschaut und über die Straßen in parkende Limousinen gehuscht, in denen konspirative Treffen stattfinden, mit Fassbinder himself als Chef des Widerstands. Der "Thriller" bewegt sich konsequent auf dem Niveau von Kalle Blomquist und den Drei Fragezeichen, und in den Dialogen wird jeder klischierte Satz des Genres bereitwillig ausgesprochen ("Die Entscheidung kommt von oben, von ganz oben!").

Das Nazi-Regime wird anhand zweier Figuren dargestellt, von denen einer (Claus Biederstaedt) sich als getarnter Widerständler entpuppt, der andere (von Hassel) mehr aus Liebe zu Willie als politischem Irrsinn heraus handelt. Wenn Schygulla und Bohm den Führer persönlich besuchen, erstrahlt ein gleißendes Licht aus seinen Gemächern. Und das ist nicht Willies Perspektive (wir sehen kein entrückt-verzücktes Gesicht der Schygulla beim Betreten der Gemächer, lediglich eine Totale), sondern die des Films, bzw. des Zuschauers. Was sich Fassbinder dabei gedacht haben mag, wer kann das sagen? Der Verdacht liegt nahe, dass der Regisseur selbst dem Pomp und Glamour der Zeit verfallen ist, oder dass er schlicht einen Film im Stil der alten Ufa-Werke machen wollte (man kann sich wunderbar Zarah Leander in der Schygulla-Rolle vorstellen), ohne weitere politische Betrachtung.

Kein Wunder, dass LILI MARLEEN so erfolgreich war. Er hat sowohl die Freunde des Melodrams als auch die "Früher war alles besser"-Fraktion. Insofern fällt LILI MARLEEN komplett aus der Filmografie Fassbinders heraus und wirkt aus heutiger Sicht erschreckend banal. Einen Visconti wollte er machen, das ist ihm zwar äußerlich gelungen, aber eben nicht inhaltlich. Dazu muss man sich nur Viscontis "Die Verdammten" (1969) anschauen. Welten liegen dazwischen!
Und nicht nur das - auch die Liebesgeschichte, die im Vordergrund steht, überzeugt nicht. Wenn am Ende Willie und Robert sich ein letztes Mal begegnen, dann sollte das ein herzzerreißender Moment sein, der Höhepunkt des Melodrams. Doch er lässt vollkommen kalt, weil die Charaktere lediglich Abziehbilder sind.

Was bleibt, ist das Lied.
'Lili Marleen' wird von Schygulla mehrfach im Film interpretiert, jedes Mal anders (mal im Tonstudio, dann pompös im Sportpalast mit Chorbegleitung und burschikos bei der Truppenbetreuung), aber jedes Mal hervorragend. Das Lied hat eine Kraft und Magie, der man sich nicht entziehen kann, und es ist der lebendigste Charakter im ganzen Film. Es steht weit über den simplen Konflikten und den 'Lieschen-Müller'-Vorstellungen von Terror und Widerstand. Hanna Schygulla auch. Die spielt ihre Willie als dumme Pute, die doch "nur ein Lied singt", wie sie immer sagt, und das macht sie grandios. Hier zeigt sich auch, dass Fassbinder immer noch Fassbinder ist, wenn er sie zwischendurch von allem Glamour befreit und Mensch sein lässt. War Schygullas Maria Braun eine eigensinnige Frau, die ihr Schicksal in die Hand nahm und darüber die Menschlichkeit vergaß, ist die Willie ein Aschenputtel, das selbst kaum begreift, was um sie herum vorgeht.

Neben Schygulla glänzt Hark Bohm als skurriler Pianist und Willies einziger Freund, dem allerdings das Gütesiegel "Tragischer Held, der den Film nicht überlebt" auf der Stirn klebt. Den geliebten Robert sollte ursprünglich der junge Richard Gere spielen, doch der hatte nach seinem Kriegsdrama "Yanks" (1979) keine Lust auf einen weiteren Kriegsfilm. Giancarlo Giannini ist ein guter Ersatz und schaut mit genau dem traurigen Dackelblick drein, den es braucht, um der Liebesgeschichte ein Mindestmaß an Leben einzuhauchen. Karl-Heinz von Hassel ist ein ausgezeichneter Henkel, und in Nebenrollen finden sich Fassbinders Stammschauspieler Gottfried John, Harry Bär, Brigitte Mira, Barbara Valentin und Adrian Hoven. Der Film gehört aber eindeutig der Schygulla. Alle Szenen, in denen sie nicht mitwirkt, kann man gleich wieder vergessen.

Unterm Strich ist LILI MARLEEN der bewusst naivste Film Rainer Werner Fassbinders. Möglicherweise spielte auch der Flop des ambitionierten "Despair - Eine Reise ins Licht" (1978) eine Rolle. So hat Fassbinder zugunsten des Kassenerfolgs und der Auslandsverkäufe seinen eigenen Anspruch zurückgestellt und mit großem Pinselstrich gemalt, deutlich in der Tradition der Hollywood-Melodramen, die er so liebte. LILI MARLEEN ist aufgrund des Erzähltempos sowie der erlesenen Bilder und Ausstattung nie wirklich langweilig, aber weit entfernt von Fassbinders besten Werken.

06/10

Montag, 21. November 2011

In der Schlinge des Teufels (1973)

IN DER SCHLINGE DES TEUFELS (The Vault of Horror) zählt zu den schwächeren Anthologie-Filmen der britischen Amicus-Produktion. Sogar Produzent Milton Subotsky gab später zu, dass sein Drehbuch qualitativ nicht mit den Vorgängern und dem Nachfolger "Die Tür ins Jenseits" (1973) mithalten konnte. Wer auf Episodenhorror à la "Asylum" (1972) steht, kann hier aber dennoch auf seine Kosten kommen, denn IN DER SCHLINGE DES TEUFELS bietet wie üblich gute Schauspieler, jede Menge schwarzen Humor und diesmal sogar einige zünftige Splattereffekte.

Der Inhalt: In einem Bürohochhaus in London steigen fünf Männer in einen Fahrstuhl, der sie überraschend in den Keller des Gebäudes befördert, obwohl keiner von ihnen den entsprechenden Knopf gedrückt hat. Unten angekommen, wartet ein eleganter Clubraum auf sie, einen Weg zurück nach oben gibt es nicht. Als die Männer anfangen, sich zu unterhalten, sprechen sie über Alpträume, und jeder von ihnen schildert einen, der ihn quält - was uns zu folgenden fünf Episoden führt:

1. Midnight Mess
Ein Erbschleicher (Daniel Massey) tötet seine Schwester (Anna Massey, "Peeping Tom", 1960, auch im wahren Leben Daniels Schwester), um an Geld zu kommen. Als er danach eine Mahlzeit zu sich nehmen will, sucht er das nächstgelegene Restaurant auf, wo er feststellen muss, dass die örtlichen Vampire sich dort treffen und ihn zum Hauptgang erklären...
Die Vampirstory, die in keiner Anthologie fehlen darf, wartet mit einer düsteren Atmosphäre auf und serviert dem Zuschauer eine blutige Schlusspointe, die aber leider in vielen Fassungen des Films fehlt, bzw. nur als Standbild zu sehen ist (auf der britischen DVD von Vipco ist sie enthalten).

2. The Neat Job
Arthur Critchit (Terry-Thomas) ist ein sehr ordentlicher Mann. Seine neue Ehefrau (Glynis Johns) kann da leider nicht mithalten und richtet ein häusliches Chaos nach dem nächsten an. Von ihrer letzten Katastrophe ist sie so gestresst, dass sie ihren Gatten ermordet, als er ihr eine Standpauke hält...
Hier geht es weniger um Horror als um Humor, der dank der gut aufgelegten Darsteller funktioniert. Der herlich unterhaltsame Slapstick-Marathon, den Glynis Johns absolviert, erinnert stark an Loriots "schiefes Bild", und das Schlussbild ist auch in dieser Episode wunderbar schwarzhumorig.

3. This Trick'll Kill You
In dieser schwächsten Geschichte des Films will Magier Curd Jürgens mit seiner Ehefrau (Dawn Addams) unbedingt den Seiltrick eines Inders erfahren und tötet dafür dessen Frau. Als er dann das magische Seil selbst ausprobiert, bereut er bald, was er getan hat...
Das Wiedersehen mit Curd Jürgens rettet die Episode gerade noch, aber die Story ist vorhersehbar, und die Charaktere sind unglaublich unsympathisch, weswegen ihr Schicksal auch ziemlich kalt lässt.

4. Bargain in Death
Ein Versicherungsbetrüger (Michael Craig) täuscht seinen eigenen Tod inklusive Begräbnis vor, um sich dann rechtzeitig von zwei Medizinstudenten auf dem Friedhof ausbuddeln zu lassen, aber der schöne Plan geht natürlich schief...
Eine weitere schwache Geschichte, in der die Abläufe zwar leidlich unterhaltsam sind, irgendwie hat man das alles aber schon mal besser gesehen.

5. Drawn and Quartered
Die mit Abstand beste Story erzählt von einem Maler (Mark Baker), der sich per Voodoo an den Männern rächt, die ihn übers Ohr gehauen haben. Zu diesem Zweck malt er Porträts von ihnen und beschädigt dann die Bilder, was umgehend zum Tod der Porträtierten führt. Dummerweise aber hat der Künstler aber auch ein Selbstporträt angefertigt, und das muss unter allen Umständen geschützt werden, was sich als ziemlich schwierig herausstellt...

Diese letzte Episode macht alleine schon ein Drittel der gesamten Filmlänge aus und ist damit auch die am besten entwickelte, was man an den differenzierten Charakterzeichnungen und dem sorgfältigen Spannungsaufbau merkt. Das Publikum kann sich angenehm zurücklehnen und zuschauen, auf welche originelle Weise die Bösen dran glauben müssen (der arme Denholm Elliot verliert seine Hände in einer Papierschneidemaschine), bis dann der Maler selbst dran ist. Wie das geschieht, sorgt für jede Menge Suspense und grimmige Komik. Schade, dass die anderen Episoden nicht die Qualität dieser letzten Geschichte erreichen.

Im Universum der Anthologien bekommt stets jeder das, was er verdient. Mörder, Erpresser und Choleriker werden passend zu ihren Untaten ins Jenseits befördert, die unschuldigen Opfer kehren entweder aus dem Totenreich zurück, um am Ende über die Täter zu triumphieren, oder das Schicksal schlägt an ihrer Stelle zu.
So geht es dann auch übrigens unseren fünf Erzählern, die am Ende des Films ihre eigene Pointe erleben, die zwar aus "Geschichten aus der Gruft" (1972) 1:1 übernommen wurde, aber im Kontext der britischen Episodenfilme konsequent bleibt. Die Moral ist klar - behandle deine Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden willst, sonst geht es dir an den Kragen.
Ein Problem von IN DER SCHLINGE DES TEUFELS ist das Fehlen von Sympathieträgern, weswegen der Film einen sehr kalten und zynischen Beigeschmack hat. Auch Schauspieler Peter Cushing, der in allen vorigen Amicus-Episodenfilmen mitwirkte, wird schmerzlich vermisst. Fans der Anthologien werden die Schwächen gnädig übersehen und ihren Spaß haben, der Rest des Publikums aber kann diese schwarzen Geschichten überspringen.

6.5/10

Sonntag, 20. November 2011

Blutdurst (1979)

Aus Australien kommt diese relativ unbekannte Perle, die den Vampirmythos ordentlich entstaubt und ihn von allen Knoblauchzehen und Holzpfählen befreit hat. Wie es sich für das Kino der 70er gehört, spielt BLUTDURST (Thirst) intelligent mit gesellschaftlichen Ängsten und benutzt das Genre-Korsett nur als Absprung für eine Geschichte ganz anderer Art.

Zu Beginn erwacht Hauptdarstellerin Chantal Contouri schreiend in einem Sarg, irgendwo in den Katakomben eines düsteren Gemäuers. So weit, so klassisch. Dann aber springt die Handlung eine Woche zurück, und wir erfahren die Hintergründe. Offenbar ist die von Contouri gespielte Kate eine direkte Nachfahrin der ungarischen Blutgräfin Elizabeth Bathory. Als solche wird sie von einer Geheimorganisation entführt, die aus modernen Vampiren besteht, und die außerhalb der Stadt eine Art Menschenfarm betreibt. Dort wird jungen, gesunden Menschen das Blut abgezapft, aufbereitet und in Milchkartons verschickt, um die Vampire der internationalen Bruderschaft zu versorgen. Kate soll die Anführerin der Vampirgeschlechter werden, doch dafür muss sie erst einmal dazu gebracht werden, ihrer Herkunft ins Auge zu sehen und den Vampir in sich zu entdecken. Kann Kate dem grausigen Treiben ein Ende bereiten, die Flucht ergreifen, oder setzt sich ihr eigener, tief verborgener Blutdurst durch?

BLUTDURST ist das Spielfilm-Debüt von Rod Hardy, der zuvor und danach viel fürs Fernsehen inszenierte, was man dem sehr sorgfältig in Cinemascope fotografierten Film aber nie anmerkt. Bei Horror-Fans ist BLUTDURST nicht sonderlich beliebt und erhält z.B. in der Internet Movie Database eine unterdurchschnittliche Wertung, die den tatsächlichen Qualitäten des Films nicht gerecht wird. Es ist äußerst erfrischend, einen Vampirfilm zu sehen, der auf beinahe sämtliche Versatzstücke (mit Ausnahme der spitzen Eckzähne) verstaubter Hammer-Schocker verzichtet und neue Wege zu gehen versucht. Weder wird hier eine Liebesgeschichte erzählt, noch strahlen die Blutsauger eine erotische Faszination aus, im Gegenteil. Der Film schildert sie als materiell überlegen und daher privilegiert, die Unterschichten auszubeuten. Auf ihrer Menschenfarm halten sie sich junge Gefangene, die sich offenbar unter Drogen mit ihrem Schicksal abgefunden haben und es teilweise sogar als Ehre empfinden, ihr Blut für die höhere Klasse zu spenden. Dann und wann wird einer von ihnen bei einer feierlichen Zeremonie von festlich gekleideten Vampirgästen (wie einer alten Dame mit lila Haaren) ausgesaugt, und von weither anreisende Vampir-Touristen erhalten eine Führung durch die Anlage (und machen begeistert Fotos von den Gefangenen, die gerade per Maschinen angezapft werden). Die Vampire haben kein Problem mit Sonnenlicht, verwandeln sich nicht in Fledermäuse und können sogar auf das Trinken von Blut verzichten, wenn es sein muss.

Neben diesen zeit- und gesellschaftskritischen Ansätzen und der Abkehr vom klassischen Vampirfilm wird auch die Legende der Elizabeth Bathory, die angeblich im Blut von Jungfrauen badete, um ihre Jugend und Schönheit zu bewahren, modernisiert, wenn Kate im späteren Verlauf unter die Dusche steigt und statt Wasser Blut aus der Brause schießt.
Der Spannungsaufbau des Films holpert zwar etwas, doch gelingen Rod Hardy immer wieder spannende Sequenzen, wie die erste Flucht Kates von der Blutfarm, von der wir wissen, dass sie schief gehen wird, aber nicht wie und warum (und vor allem wann). Da die Drahtzieher und ihre Absichten sehr früh enttarnt werden, bleiben die sehr großen Überraschungen im zweiten Teil aus. Dafür ist die Sequenz, in der Kate mittels Drogen und Psychoterror ihre schlummernden Vampirgelüste entdecken soll, indem sie sich in mehreren Alptraumszenarien wiederfindet, äußerst beeindruckend umgesetzt. Es gibt so gut wie kein Klischee in diesem ungewöhnlichen Film, der alles, was man schon gesehen hat, umzukrempeln versucht.

Über ein paar Längen helfen die guten Darsteller, allen voran Hauptdarstellerin Contouri, hinweg. Shirley Cameron zeigt eine klasse Leistung als Leiterin der Blutplantage, und David Hemmings ("Blow Up", 1966), "Deep Red", 1975) bleibt in seiner Rolle als freundlicher Dr. Fraser, der es vielleicht gut mit Kate meint, vielleicht aber doch nur hinter ihrem Blut her ist, wunderbar ambivalent. In einer Nebenrolle kann Filmpsycho Henry Silva dank seines grusligen Gesichts für ein paar Spannungsmomente sorgen und sich explosiv aus dem Film verabschieden, wenn er aus dem Hubschrauber in einen Strommast fällt.
Neben der soliden Regie und den originellen Drehbucheinfällen muss noch Brian Mays Musik erwähnt werden. May war Komponist vieler australischer Genrebeiträge ("Mad Max", 1979, "Patrick", 1978, "Road Games", 1981) und überzeugt hier mit ruhigen, atmosphärischen Klängen, die sich gelegentlich mit großen Chören (zu den blutigen Zeremonien der Vampire) abwechseln.

Fazit: BLUTDURST ist ein unterhaltsamer, streckenweise sehr spannender Horrorfilm, der erfolgreich versucht, den Vampirmythos neu zu interpretieren und ihn zeitgemäß aufzubereiten. Dass er so wenig bekannt und geschätzt wird, ist bedauerlich, aber die meisten Zuschauer wollen anscheinend auf die klassischen Blutsauger und deren unglückliche Liebesgeschichten nicht verzichten. Interessanterweise entstand im gleichen Jahr die sehr klassische (und sehr gute) "Dracula"-Verfilmung von John Badham. Da zeigt sich, wie unterschiedlich man an das Thema herangehen kann.

7.5/10

Freitag, 18. November 2011

Stephen Kings Schlafwandler (1992)

Für STEPHEN KINGS SCHLAFWANDLER (Sleepwalkers) schrieb Bestseller-Autor King erstmals - wenn man von den Episoden für die Anthologie "Creepshow" (1982) absieht - das Original-Drehbuch für einen Spielfilm. Das Resultat ist eine sehr schwierige Angelegenheit und konnte die Fans nicht durchweg begeistern. Was Horrorfilme der 90er angeht, gehört SCHLAFWANDLER dennoch zu den unterhaltsameren Beiträgen des Genres jener Dekade.

Der junge Charles Brady (Brian Krause) und seine Mutter Mary (Alice Krige) sind 'Schlafwandler', so genannte Zwischenwesen, die - ähnlich wie Vampire - ihre Gestalt ändern können und sich vom Blut von Jungfrauen ernähren, von denen es in Amerika nicht mehr allzu viele gibt. Sie sind vielleicht die letzten ihrer Art und suchen in dem kleinen Ort Bodega Bay Zuflucht. Hier macht sich Charles an die jungfräuliche Mitschülerin Tanya (Mädchen Amick) heran, um ihr die Lebensenergie auszusaugen. Als er sie aber auf einem Friedhof überfällt, kann sich Tanya zur Wehr setzen und Charles schwer verletzen. Dessen Mutter Mary sinnt auf grausame Rache und startet einen Vernichtungsfeldzug durch die ganze Stadt...

Schade. Mit diesem Wort lässt sich SCHLAFWANDLER am besten zusammenfassen, der sehr gut beginnt und dann stark nachlässt. Mit den 'Schlafwandlern' hat Stephen King versucht, einen neuen Archetyp des Horror-Kinos zu etablieren, anstatt bereits ausgelutschten Slasher-Pfaden zu folgen, und das muss man ihm hoch anrechnen. Er stattet seine Wesen mit einer faszinierenden Mischung aus Bestialität und Traurigkeit aus. Sie sind Verlorene, Suchende, ebenso gefährlich wie verwundbar, und sie sind einander in inniger Liebe zugetan - was zu einer kontroversen Szene führt, in der Mutter und Sohn im Schlafzimmer verschwinden, zwecks Vereinigung und Kräfteaustausch. Das dürfte zumindest für das US-Kino genug für eine Erwachsenenfreigabe sein. Die Feinde der 'Schlafwandler' sind Katzen, die sich in Dutzenden vor dem Haus der Bradys versammeln und im großen Finale zum Gegenschlag ausholen, angeführt von der Polizeikatze 'Clovis', dem heimlichen Star des Films. Ebenso wie Kruzifix und Knoblauch gegen Vampire und Silberkugeln gegen Werwölfe wirken, hat Stephen King seinen Mutanten mit der 'Katzenallergie' eine originelle Achillesferse verpasst.

Auch bei den Darstellern ist noch alles in Ordnung. Brian Krause ist ein hübscher All-American-Boy, der hinter blonden Locken und süßem Lächeln ein grauenhaftes Monster tarnt. Da kann nicht mal der übergewichtige Lehrer (Glenn Shadix) widerstehen, der vom Jungen Sex im Austausch für Schweigen verlangt und ein blutiges Ende findet. Als Charles' Mutter spielt die wunderbare Alice Krige hingegen alle an die Wand. Krige ist wie geschaffen für Horrorfilme (siehe "Ghost Story", 1981), sie ist ebenso zart und auf ungewöhnliche Weise schön wie unnahbar und geisterhaft. Man glaubt ihr sowohl die große Liebe zu ihrem Sohn wie die Brutalität, mit der sie am Ende gegen Tanya, die Polizei und deren Eltern vorgeht. Tanya wird von Mädchen Amick gespielt, die zwar ein paar Jahre zu alt für ihre Rolle ist (wie alle angeblichen Teenager in amerikanischen Filmen), aber die Sympathien auf ihrer Seite hat. Dass sie noch Jungfrau sein soll, strapaziert ein wenig zu stark die Leichtgläubigkeit des Publikums.

Mit diesem Trio und der Erfindung der 'Schlafwandler' läuft die erste Hälfte des Films wie am Schnürchen. Die Romanze zwischen dem traurigen Monster und der High School-Schönheit hat ebenso komische wie berührende Momente. Doch nach der Begegnung Tanyas mit dem 'wahren' Charles auf dem Friedhof dreht sich SCHLAFWANDLER plötzlich um 180 Grad, als würde er dem sorgfältigen Aufbau nicht mehr vertrauen, und mutiert zu einer grellen Horror-Komödie mit derben Splattereffekten, dummen Sprüchen ("Cop-Kebap!") in Freddy Krueger-Manier, überflüssigen Gastauftritten von Horror-Ikonen wie Tobe Hooper und John Landis, sowie jeder Menge absurder Ideen - wie der, einen Maiskolben als Mordwaffe zu benutzen. Ja, richtig, einen Maiskolben!
Regisseur Mick Garris rutscht hoffnungslos in den 80er-Jahre-Horror zurück und erschlägt Geschichte und Charaktere mit vordergründigen Effekten, die zwar allesamt irgendwie spaßig sind, aber im krassen Gegensatz zur ersten Filmhälfte stehen und genau deswegen so enttäuschen. Überhaupt verlässt sich Garris zu viel auf Insider-Gags. Das fängt beim Stadtnamen 'Bodega Bay' (aus Htchcocks "The Birds", 1962) an und hört bei der Besetzung von Tanys Eltern mit dem Elternpaar aus "Ferris macht blau" (1986) noch lange nicht auf. Wenn dann noch die Klischees zuschlagen (ein Pistolenschuss lässt ein Polizeiauto explodieren), ist SCHLAFWANDLER wirklich am Ende. Geradezu schändlich wird mit Hauptdarstellerin Mädchen Amick umgegangen, die im Finale reihenweise zu blöd sein muss, Türen zu öffnen oder Autos zu starten, damit der Handlungsablauf funktioniert, während die Katzen ihre Arbeit übernehmen und die böse Schlafwandler-Mutti ins Jenseits befördern.

Welcher Teufel King und Garris da geritten hat, kann wohl niemand sagen. Ich erinnere mich noch an die Kinovorstellung im vollbesetzten Saal, bei der zu Beginn die Zuschauer sehr aufmerksam waren, im Laufe des Films dann immer unkonzentrierter wurden und anfingen, die Charaktere und Dialoge zu kommentieren, was sich bis zu "Los, Clovis, zeig's ihnen!"-Rufen steigerte, mit denen man die Filmkatze anfeuerte, was einigermaßen abstrus erscheint.
Und das bringt SCHLAFWANDLER irgendwie auf den Punkt. Er fängt gut an, wird dann unerwartet blöde, wenn man sein Gehirn spontan abschalten kann, bleibt er aber dank Tempo, Effekten und Darstellern ziemlich unterhaltsam. Trotzdem schade. Die 'Schlafwandler' hätten das Zeug für mehrere Filme gehabt. So viel Geduld konnten King und Garris offenbar nicht aufbringen und beschlossen daher, ihre neuen Archetypen gleich an Ort und Stelle einzustampfen.

06/10
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