Donnerstag, 29. Dezember 2011

Kino-Liste: Die zehn besten Silvester-Filme

Mit 'Silvester-Filmen' meine ich nicht Filme, die man sich am Silvesterabend anschauen sollte (obwohl es gegen kein Gesetz verstößt, dies zu tun), sondern Filme, die entweder in der Silvesternacht spielen oder zumindest wichtige oder beeindruckende Szenen in dieser Nacht ansiedeln. Auf Filme wie "Bridget Jones" habe ich aus verständlichen Gründen verzichtet. Der Neujahrs-Kater ist auch ohne schlimm genug. Meine Favoriten heißen:

1. DAS APARTMENT (1960)

Die romantischste Liebeserklärung der Filmgeschichte in der Silvesternacht ist ebenso schlicht wie ergreifend. "I Love You" sagt Jack Lemmon zu Shirley MacLaine, die durch die halbe Stadt zu ihm gelaufen ist, weil sie das neue Jahr nicht mehr als Geliebte ihres Chefs Fred MacMurray verbringen will. "Shut Up and Deal" erwidert sie. Ausführliche Rezension hier.


2. HARRY & SALLY (1989)

Die zweitromantischste Liebeserklärung in der Silvesternacht kommt von Billy Crystal und geht an Meg Ryan, die Stunden braucht, um einen Salat zu bestellen und zünftige Orgasmen beim Lunch imitiert. Übrigens, "Should Old Acquaintence Be Forgot"? bedeutet bezüglich alter Bekanntschaften, dass man sich daran erinnern soll, dass man sie vergessen hat.


3. BOULEVARD DER DÄMMERUNG (1950)

William Holden schmeißt sich für die Silvesterparty in Schale. Was er nicht weiß: er ist der einzige Gast. Die Gastgeberin: eine derangierte Gloria Swanson, die auf ihre letzte Großaufnahme von Mr. DeMille wartet. Holden geht wütend, und Swanson versucht, sich umzubringen. Happy New Year, Mr. Wilder. Und danke für diesen Film! Ausführliche Rezension hier.


4. DIE FABELHAFTEN BAKER BOYS (1989)


Michelle Pfeiffer singt "Makin' Whoopee" im roten Samtkleid und räkelt sich auf dem Klavier. Die Silvestergesellschaft ist hingerissen. Wir auch. Jeff Bridges kann auch nicht widerstehen. Die verführerischste Art, das neue Jahr einzuläuten. Man braucht aber einen Michael Ballhaus, um so gut auszusehen. Ausführliche Rezension hier.


5. POSEIDON INFERNO (1972)

Die Monsterwelle trifft die 'M.S. Poseidon' auf ihrer letzten Fahrt in die Verschrottung. Shelley Winters, ebenfalls kurz vor der Verschrottung, erklimmt einen Weihnachtsbaum und zeigt ihre Unterwäsche. Gene Hackman streitet sich mit dem (nicht so) lieben Gott persönlich: "Wenn du schon nicht für uns kämpfst, kämpfe wenigstens nicht gegen uns! Lass uns in Ruhe" Das musste mal gesagt werden. Ausführliche Rezension hier.


6. DER PATE 2 (1974)

Ein Silvesterkuss, der gar nicht romantisch ist. Die Lippen, die sich hier treffen, sind die von Al Pacino und John Cazale. Der Kuss ist ein Todeskuss. "Ich weiß, dass du es warst, Fredo, und es bricht mir das Herz! Hörst du? Es bricht mir das Herz!" Die drittromantischste Silvester-Liebeserklärung aller Zeiten?


7. MONSTER IM NACHTEXPRESS (1980)

'Scream Queen' Jamie Lee Curtis feiert Silvester mit ihren Kommilitonen im Nachtzug, Endstation Horror. Ein Killer feiert mit und rächt sich für eine lange zurückliegende Demütigung. Auch wenn man Wetten drauf abschließen würde - David Copperfield ist nicht der Täter. Ausführliche Rezension hier.


8. THE SHINING (1980)

Die Silvesterparty im Overlook-Hotel ist immer eine Reise wert. Nostalgische Tanzmusik, bizarr maskierte Gäste, Blutkaskaden im Fahrstuhl und ein irrer Hausmeister im Schneelabyrinth sind nur einige der Highlights. Wer zu spät kommt, wird von Jack Nicholson massakriert. Die Axt im Haus erspart die Kindererziehung. Ausführliche Rezension hier.


9. DIE SCHWESTER DER BRAUT (1938)

Um Mitternacht soll die große Verlobungsparty steigen, aber der arme Cary Grant verliebt sich in jener Nacht dummerweise in die unkonventionelle Katharine Hepburn, und die ist ausgerechnet - ja, genau, die Schwester eben. George Cukors wunderschöne Hollywood-Romanze "Holiday", komplett mit Traumpaar.


10. STRANGE DAYS (1995)

Im Kino gefloppt, aber was für ein Spektakel. Die ausgelassenen Massen feiern, während Ralph Fiennes und Angela Bassett um ihr Leben rennen. Zeit für einen Kuss ist immer noch, an diesen seltsamen Tagen, die Kathryn Bigelow so atemlos in Szene setzt. Verrückte Zeiten in einem Film, der seiner Zeit so weit voraus war, dass ihn niemand mitbekommen hat.


Guten Rutsch, allerseits!


Dienstag, 27. Dezember 2011

Polyester (1981)

Bevor John Waters mit "Hairspray" (1988) vom Underground zum Mainstream wechselte, inszenierte er mit POLYESTER (Polyester) eine Art Übergangsfilm, der schrill und geschmacklos ist wie seine frühen Werke, dabei aber auf besonders abstoßende Momente verzichtet und daher auch von Zuschauern goutiert werden kann, die weniger experimentelles Kino gewohnt sind. Hauptdarsteller(in) Divine muss hier keine Hundehaufen essen oder sich von gigantischen Hummern vergewaltigen lassen, sondern darf in bester Crawford-Tradition leiden, leiden und nochmals leiden.

Divine spielt in POLYESTER die verzweifelte Hausfrau Francine Fishpaw, deren vermeintlich friedliches Familienleben nach und nach zerbröselt. Ihr Ehemann (David Samson) betreibt ein Pornokino und hat eine Affäre mit seiner billigen Sekretärin (Waters-Stammschauspielerin Mink Stole im Bo Derek-Look), die gemeinsame Tochter zieht als hysterisches Flittchen durch die Gegend, und der drogensüchtige Sohn belästigt fremde Frauen, indem er ihnen auf die Füße tritt - was ihm einen sexuellen Kick verschafft, und weswegen er von der Polizei gesucht wird (als der "Baltimore Foot Stomper"). Francines ehemalige Hausangestellte (Edith Massey) führt nach einer Erbschaft ein Leben im Luxus und ist die einzige Freundin, die ihr geblieben ist. Als Francine sich in den attraktiven Todd Tomorrow (Tab Hunter) verliebt, ahnt sie nicht, dass er ein hinterhältiges Spiel treibt, welches zu Mord und Totschlag führt...

Viele Regisseure haben sich an einer ätzenden Satire über den 'American Way of Life' versucht, aber John Waters ist der ungekrönte König dieses Subgenres. In POLYESTER versucht er hingegen weniger, sein Publikum mit grotesken Scheußlichkeiten zu schockieren als es zum Lachen zu bringen. Neben den typisch schrägen Figuren gibt es jede Menge Dialogwitz ("Kürzlich eine interessante Toilette geschrubbt?") und skurrile Ideen - wie die Outfits von Edith Massey, die als White Trash mit kaputten Zähnen in eleganten Tennis-Outfits bei Divine vorbeischaut. Divine hingegen liefert eine echte schauspielerische Glanzleistung als gedemütigte Hausfrau ab.

Man braucht eine Weile, bis man erkennt, dass Waters hier ein lupenreines, klassisches Frauen-Melodram entwirft und gleichzeitig parodiert - eins, in dem Joan Crawford oder Lana Turner die Hauptrolle spielen und Douglas Sirk Regie führen würde. Waters zitiert die Vorbilder (inklusive 50er-Kostüme und farbenfroher Fotografie) und findet in der Überspitzung den bösartigen Witz. Wenn Divine sich in den abgetakelten Aufreißer Tab Hunter verliebt, beide in Zeitlupe durch den Herbstwald frohlocken und Pferde füttern (siehe unten), dann ist das nicht nur wegen der Besetzung schreiend komisch (Tab Hunter war der Frauenschwarm der 50er, der sich 2005 zu seiner Homosexualität bekannte), sondern weil Waters die filmischen Klischees ins Extrem treibt. Das Laub fällt stimmungsvoll wie in "In den Wind geschrieben" (1956), aber was bei Sirk noch berührt und bewegt, wird von Waters gnadenlos als banal entlarvt. Seine Liebe für diese Art Genrekino aber bleibt ungebrochen. Das ist subversives Kino vom Feinsten. Dazu gehört auch die Sequenz, in der Divine mit Freundin Massey ein Picknick im Wald veranstaltet, wo nach übertriebener Freundschaftsbekundung und Naturbewunderung eine Horde Ameisen über das Picknick herfällt und sich der schöne Schein in Ekel verwandelt.

Waters, der immer die Gimmicks eines William Castle schätzte, benutzte für die POLYESTER-Vorstellungen einen ganz ähnlichen Werbegag und erfand "Odorama", die Rubbelkarte mit Düften zum Film. Die Zuschauer mussten an bestimmten Filmstellen, die jeweils durch Nummerneinblendungen kenntlich gemacht wurden, ein Feld auf ihrer Karte freirubbeln, um den passen Geruch zur Szene schnüffeln zu können. So kommt das Publikum in den zweifelhaften Genuss, Rosenblüten, Achselhöhlen, Erbrochenes und andere Leckereien zu erschnuppern.

POLYESTER ist der Film, den Francois Ozon mit "Sitcom" (1998) gern gemacht hätte. Waters gibt die Frauenleiden ("Female Trouble" ist ein weiterer Titel aus dem Waters-Oeuvre) seiner Protagonistin der Lächerlichkeit preis und zieht das von Hollywood bis zum Abwinken propagierte Familienidyll in gewohnt bizarrer Weise in den Schmutz. Am Ende aber wird alles gut, weil man sich liebt. Herrlich!

09/10


Glücklich verliebt - Tab Hunter und Divine in "Polyester"

Samstag, 24. Dezember 2011

Frohe Weihnachten 2011

Allen Filmfreunden wünsche ich ein schaurig-schönes Weihnachtsfest 2011 ohne Stress und Hektik, dafür mit umso mehr Geschenken, schönen Stunden unterm Tannenbaum und/oder vor dem DVD-Player - es darf auch Blu-Ray sein, wobei sich die Begeisterung über brillante Tiefenschärfe nach drei Gläsern Eierpunsch normalerweise in Grenzen hält...
Also denn, Unpleasant Dreams...

Und da Weihnachten die Zeit für Süßes ist, gibt's den noch obendrauf:

Freitag, 23. Dezember 2011

Cry-Baby (1990)

Baltimore, die frühen 50er. Die Teenager der Stadt teilen sich in "Drapes" oder "Squares". Die "Drapes", das sind die coolen Kids in Lederklamotten, mit Tätowierungen und rauen Manieren, angeführt von Heulsuse Wade 'Cry-Baby' Walker (Johnny Depp), der neben dem Rock'n Roll vor allem Alison (Amy Locane), das spießige "Square"-Mädel aus gutem Hause, liebt. Alison hat es satt, brav zu sein, serviert ihren hübschen, aber langweiligen Freund (Stephen Mailer, den ich persönlich jederzeit Johnny Depp vorziehen würde, aber das gehört vermutlich nicht hierher) ab und wechselt die Seiten.
Nach einer Rauferei zwischen den "Drapes" und den "Squares" landet Cry-Baby im Knast, doch, wie sagt schon seine Ziehmutter (Susan Tyrrell): "Seine Musik können Sie nicht einsperren!".

An dieser Stelle stoppen wir die Inhaltsangabe, denn im Grunde ist das, was auf der Handlungsebene passiert, nicht wirklich von Bedeutung. Mit CRY-BABY (Cry-Baby) unternimmt John Waters wieder eine nostalgische Zeitreise und setzt die Idole seiner Jugend zu den Hits der Zeit liebevoll in Szene. Nach dem großen Erfolg von "Hairspray" (1988) rissen sich die großen Studios um das neue Waters-Projekt, und niemals zuvor (oder danach) stand ihm ein ähnliches Budget zur Verfügung. Die Bedingung: CRY-BABY musste komplett jugendfrei sein. Waters nahm es gelassen und besetzte den Teenie-TV-Schwarm Johnny Depp, der sich hier über sein Image herzhaft lustig und einen ersten Schritt in Richtung ernst zu nehmender Schauspieler machen durfte. Um ihn herum versammelte Waters neben seinen Stammschauspielern die schrillsten, interessantesten und kontroversesten Figuren, die er finden konnte, von Porno-Darstellerin Traci Lords über den frisch vom Entzug kommenden Iggy Pop und Warhol-Legende Joe Dallesandro. Patricia Hearst spielte in CRY-BABY ihre erste Rolle in einem Waters-Film und trat seitdem in jedem weiteren auf. Waters' Vorgehen ist heute als 'Stunt-Casting' bekannt, damals aber war diese Art der ungewöhnlichen Filmbesetzung neu.

Anders als in "Haispray" geht es Waters in CRY-BABY nicht um den Kampf der Außenseiter, sondern um gesellschaftliche Klassen. Die "Drapes" gehören der arbeitenden oder kriminellen Unterschicht an, die "Squares" aus wohlhabenden Familien gehen zum Benimmunterricht und veranstalten Talentshows. Da passt natürlich eine 'Romeo und Julia'-Geschichte perfekt ins Bild. Auch wenn dem Film eine gewisse Belanglosigkeit gelegentlich im Weg steht, ist die gute Laune - wie schon in "Haispray" - garantiert. Glücklicherweise gelingt es John Waters, einen harmlosen, jugendfreien Stoff wie diesen zu seinem eigenen zu machen, indem er seine Markenzeichen, ein bisschen Geschmacklosigkeit und unzählige Details aus seiner Jugend einbaut, die den Film dann doch unverwechselbar machen. Einfälle wie das Waisenhaus, in dem die elternlosen Kinder wie in einer Zoohandlung hinter Glas sitzen (mit "Take Me Home"-Schildern) und als billige Haushaltskräfte angeboten werden, findet man eben nur bei Waters.

Leider verlangte das Studio Änderungen nach der Fertigstellung, so dass viele Szenen der Schere zum Opfer fielen, die man aber als 'Deleted Scenes' auf den DVD-Ausgaben findet. Dort kann man auch eine weitere typische Waters-Szene bewundern, in welcher der Jugendrichter (Robert Walsh) aus einem Hubschrauber heraus vollgekotzt wird. Neben der offiziellen Filmversion gibt es übrigens auch noch einen Director's Cut (in den USA und UK auf DVD erschienen, bei uns leider nicht).
Neben den knallbunten Kostümen und Sets ist es natürlich auch die Musik, die für die gute Stimmung sorgt. Die Originalnummern wurden für den Film neu eingespielt und eingesungen, die Texte leicht geändert, damit sie zur Handlung passen, und ein paar neue wurden ebenfalls geschrieben. Die Darsteller singen nicht selbst, ihre Lippensynchronität (für die es speziell einen Trainer gab) ist aber so makellos, dass man der filmischen Illusion sofort erliegt. Waters parodiert in CRY-BABY Musicals wie "Grease" (1978), verweist aber auch auf zahllose Klassiker wie "Gilda" (1946) oder "Denn sie wissen nicht, was sie tun" (1955), formal nimmt er dazu die Elvis-Filme auf die Schippe.
Filmdramen über jugendliche Kriminelle waren ein eigenes Subgenre der 50er. Sie drückten weniger das Freiheitsbedürfnis der Teenager aus als die Besorgnis der Erwachsenen, die mit Filmen wie "Live Fast, Die Young" (1958, aus dem sich Waters Hauptdarsteller Troy Donhahue geborgt hat) vor der Verrohung ihrer Kinder warnten. So wie es Polly Bergen in CRY-BABY als Leiterin der Benimmschule ausdrückt: Die können unmöglich gesund sein!"
Aus heutiger Sicht wirkt die 50er-Teenager-Rebellion mehr als nur ein bisschen naiv, und so benehmen sich auch alle Rowdies und Kriminelle in CRY-BABY äußerst höflich und liebenswert.

Im direkten Vergleich mit "Hairspray" schneidet CRY-BABY etwas schwächer ab, weil dem fröhlichen Musical als Satire Ziel und Biss fehlen. Doch als kunterbuntes Familienalbum voller Schönlinge, schräger Vögel und toller Musik kann man CRY-BABY immer wieder genießen. Im Kino war er seinerzeit nicht so erfolgreich wie erwartet (weswegen John Waters auch nie wieder ein ähnlich großes Budget bekam und bis heute keinen Studiofilm mehr machte), was vermutlich daran lag, dass die Johnny Depp-Fans nichts mit dieser skurrilen Parodie und schon gar nichts mit der 50er-Nostalgie anfangen konnten. Dennoch wurde - wie schon bei "Haispray" - ein Broadway-Hit aus dem Film, und heute kennt und mag ihn so ziemlich jeder.

09/10

Die "Drapes" -
Kim McGuire, Darren E. Burrows, Traci Lords, Johnny Depp und Ricki Lake

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Shit Year (2010)

Die erfolgreiche Schauspielerin Colleen West (Ellen Barkin) zieht einen Schlussstrich unter ihr SHIT YEAR (Shit Year) und verabschiedet sich von Film und Bühne. Vorher gibt sie noch ein letztes Interview, dann begibt sie sich in die Wildnis, um zu sich selbst zu finden, hat aber prompt mit Lärm, nervigen Nachbarn und Depressionen zu kämpfen.

Nanu, was war das denn?
Das klingt doch eigentlich nach einem sehr spannenden Filmstoff, der die Talente der unterbeschäftigten, wundervollen Ellen Barkin mit einem Klassiker wie "Sunset Boulevard" (1950) kombiniert. Klingt aber nur so.
Vielleicht hätte ich mir vor Genuss des Films SHIT YEAR einen weiteren Film von Cam Archer anschauen sollen, dann wäre ich eventuell vorbereitet gewesen. SHIT YEAR gehört zu einer Art experimentellem Arthouse-Kino, das ich für ausgestorben hielt. In kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Archer weniger eine Geschichte als ein Puzzle mit Fragmenten aus Colleen Wests Leben, Erinnerungen, Träumen, Fantasien. Das Interview, das sie gibt, wird als Szene bruchstückhaft über den Film verteilt, unterbrochen von Impressionen, Stilleben, bedeutungsvollen Blicken und Sätzen wie "Mein Sein ist voller Schmerz", untermalt von einem bizarrem Sounddesign.

SHIT YEAR erinnert in seiner Machart an frühe Underground-Werke wie die Kenneth Angers und wäre in den 60ern hip gewesen, als europäisches Kunstkino wie "Letztes Jahr in Marienbad" (1961) die filmischen Konventionen sprengte und eine neue Form "puren" Kinos etablierte. Heute wirkt ein Film wie SHIT YEAR nicht nur merkwürdig altmodisch, sondern auch ganz schön albern. Was Cam Archer zu erzählen hat, ist nicht sonderlich viel, er gefällt sich lieber im Arrangieren vermeintlich kunstvoller Tableaux, die letztlich doch nur Kunstgewerbe sind. Darüber kann man schmunzeln oder entnervt abschalten. Man fragt sich, für wen SHIT YEAR gemacht ist. "Für Zuschauer, die auch jenseits vom Mainstream noch Experimental-Kino sehen wollen, du Vollidiot!" könnte man mir antworten, und das stimmt wahrscheinlich.

SHIT YEAR ist anstrengend-angestrengtes Kopfkino, das mir möglicherweise vor 20 Jahren gefallen hätte, das mich heute aber nur noch langweilt. Schade um Ellen Barkin, diese großartige Schauspielerin, die von Hollywood fast vergessen wurde, und die hier eine bravouröse Leistung zeigt. Schade auch um ihren hübschen, sehr hübschen Partner Luke Grimes, den man sich gerne ansieht, und der von Cam Archer in klassischen Posen inszeniert wird (und wegen dem der Film in der "Queer Cinema"-Ecke gelandet ist, wo er vielleicht hingehört, vielleicht auch nicht). Trotzdem, mir ist das alles zu gewollt. Berührt hat mich Barkins Schicksal zu keiner Zeit, da kann sie noch so viele Pelzmäntel tragen. Auch wenn einige Bilder durchaus anmutig sind, sie bleiben nicht im Gedächtnis (mit Ausnahme von Barkins grell geschminktem Clownsgesicht). Ich hätte einfach statt einer Foto-Vernissage gern einen Film gesehen.

03/10 (für Ellen Barkin und den hübschen, sehr hübschen Grimes)

Dienstag, 20. Dezember 2011

Hairspray (1988)

Baltimore, 1962, die Zeit schrill-bunter Kostüme und turmhoher Frisuren. Das gehänselte Pummelchen Tracy Turnblad (Ricki Lake) liebt die lokale TV-Tanzshow "The Corny Collins Show", in der die hübschen Teenager der Stadt zu den aktuellen Charthits tanzen und zu Idolen der Jugend werden. Gegen den Willen ihrer Mutter (Divine) bewirbt sich Tracy selbst bei der Show, wird über Nacht zum umjubelten Star und verliebt sich in einen Traumboy (Michael St. Gerard). Als Tracy bewusst wird, dass schwarzen Teenagern der Zugang zur Show verwehrt wird, entwickelt sie dazu ein politisches Bewusstsein und kämpft für die Aufhebung der Rassentrennung. Das gefällt weder dem rassistischen Senderboss (wieder Divine) noch der goldlockigen, durch Tracy in den Hintergrund gedrängten Schönheit Amber (Colleen Fitzpatrick), die mit Hilfe ihrer verrückten Eltern einen Bombenanschlag auf die übergewichtige Tanz-Queen startet...

Wenn sich ein subversiver Filmemacher mit eigener Fangemeinde und ultra-trashigen Underground-Werken, in denen er die Grenzen des guten Geschmacks austestet, plötzlich dem Mainstream zuwendet und einen jugendfreien, kunterbunten Film für die ganze Familie inszeniert, verliert er normalerweise viele seiner Anhänger. John Waters aber sind die meisten treu geblieben, so wie der Regisseur sich selbst in HAIRSPRAY (Haispray) treu geblieben ist.
HAIRSPRAY
besitzt trotz aller Gute-Laune-Stimmung und einem hohem Kuschelfaktor so viel skurrilen Witz, böse Ironie und schräge Figuren, dass man eine allgemeine Harmlosigkeit gerne in Kauf nimmt bei so viel liebevoller Nostalgie.

HAIRSPRAY
ist kein Seelen-Ausverkauf an den Massengeschmack, sondern eine durch und durch persönliche Liebeserklärung an die eigene Jugend, an die Heimatstadt Baltimore (mit der Waters eine Hassliebe verbindet), an die "Buddy Deane-Show", die er als Teenager täglich schaute, sowie die Hits und Tänze der 60er. Seine Helden sind die Übergewichtigen, die Außenseiter, die Unterdrückten, seine Protagonistin Tracy - wunderbar in ihrer ersten Rolle von Ricki Lake gespielt - entschuldigt sich bei niemandem für ihr Aussehen, erobert die Tanzfläche und die Herzen der Zuschauer (und des Traumprinzen) und sorgt für ein freieres, toleranteres Baltimore. Sie muss weder abnehmen, um am Ende geliebt zu werden, noch muss sie ihr Leben ändern. Lächerlich sind bei Waters immer nur die 'Akzeptierten', die Rassisten, die Schönheitsköniginnen, die konservativen Eltern. Wenn die Mutter von Tracys Freundin ins "Negerviertel" fährt und sich dort hysterisch an ihre Handtasche klammert, weil jeder Schwarze natürlich ein Straßengangster sein muss, dann wird man das Gefühl nicht los, diese Szene könnte sich heute noch genau so überall abspielen. Und dass die Elterngeneration stets die Musik der Kinder ablehnt, war schon immer so und wird auch immer so sein.

Damit man neben allem Spaß nicht vergisst, dass man es mit einem John Waters-Film zu tun hat (wie könnte man?), muss eben auch mal eine Ratte über Tracys Füße huschen ("Ist das nicht romantisch hier?"), und die blonde Schönheit darf sich zünftig auf dem Rummelplatz übergeben. Hauptsächlich ist es aber die Besetzung, die dem Film den Waters-Stempel aufdrückt. Sein Lieblings-Star Divine darf gleich eine Doppelrolle spielen (Divine wollte ursprünglich Mutter und Tochter Turnblad spielen und war etwas eifersüchtig auf den Neuling Ricki Lake) und bekommt Jerry Stiller ("Seinfeld") als Ehemann, die konservativen Eltern von Tracys Konkurrentin werden ausgerechnet von den Pop-Ikonen Sonny Bono und Deborah Harry gespielt. Michael St. Gerard, der danach in mehreren Filmen Elvis verkörperte, ist ein perfekter Mädchenschwarm (und bekommt seinen Joan Crawford-Moment, wenn er nach einer Massenschlägerei mit 'verkrüppelten' Beinen auf die Kamera zukriecht und verzweifelt nach Tracy ruft), und als wäre das noch nicht genug, zeigt Film- und Popsternchen Pia Zadora als Beatnik ("Let's get naked and smoke!") hier die beste Leistung ihrer ganzen Karriere (und das will was heißen! - siehe "The Lonely Lady", 1982).

John Waters selbst gönnt sich einen Auftritt als Psychiater, der Tracys Freundin per rotierender Hypnosescheibe und Elektroschocker davon abhalten will, sich in einen Schwarzen zu verlieben. HAIRSPRAY ist ein Film, der mit dem Vorspann (in dem es mehr zu lachen gibt als in kompletten anderen Filmen) umgehend in die Beine und ins Herz geht, der sofort gute Laune macht, und dessen Laufzeit wie im Flug vergeht.
Als John Waters 2002 gefragt wurde, ob er etwas dagegen hätte, dass HAIRSPRAY die Vorlage zu einem Broadway-Musical wird, erklärte er, dass dies eine ganz wundervolle Nachricht sei, wie oft sieht man schon einen Broadway-Hit mit dicker Heldin? -
So lieben wir ihn!

10/10


Eine schrecklich schräge Familie - Divine und Jerry Stiller in "Hairspray"

Samstag, 17. Dezember 2011

Andy Warhols Flesh (1968)

Der junge Stricher Joe (Joe Dallesandro) wird morgens per Kissenschlacht von seiner Frau (Geraldine Smith) geweckt. Er soll nicht den ganzen Tag pennen, sondern zur Arbeit gehen und 200 Dollar ranschaffen, die sie für die Abtreibung einer Freundin benötigt. Nach einem kurzen erotischen Intermezzo in den heimischen Laken macht sich Joe an die Arbeit auf der 42. Straße, findet ein paar Freier, gibt einem Neuling Tipps fürs Stricherdasein und kehrt schließlich wieder nach Hause zurück. Als seine Frau und deren Freundin mit Joe einen Dreier starten, schläft Joe wieder ein. Der Kreis schließt sich.

Die technischen Unzulänglichkeiten (Film- und Bildsprünge, Tonrauschen) von ANDY WARHOLS FLESH (Flesh), die von Regisseur Paul Morrissey bewusst eingesetzt werden, täuschen nicht darüber hinweg, dass wir es hier mit einem großen Underground-Werk zu tun haben, dessen sexuelle Freizügigkeit für weltweites Aufsehen gesorgt hat.
FLESH beginnt mit einer langen Einstellung des nackten, schlafenden Joe Dallesandro und schließt auch mit diesem Anblick. Man muss schon lange nachdenken, bis einem ein zweiter Film einfällt, der über die gesamte Spielfilmlänge ausschließlich die Schönheit und den Sex-Appeal seines männlichen Hauptdarstellers feiert, ja mehr noch, ihm verfallen ist, von der ersten Filmsekunde an.

Joe Dallesandro, der den überwiegenden Teil des Films nackt verbringt und damit nicht nur kein Problem hat, sondern sich dessen kaum bewusst zu sein scheint, strahlt eine so atemberaubend natürliche Erotik aus, dass man verstehen kann, warum FLESH in mehreren Ländern Polizei, Staatsanwaltschaft und Zensurstellen auf die Barrikaden brachte, obwohl es keinen pornografischen Akt im Film zu sehen gibt (lediglich eine kurze Erektion). In England stürmte tatsächlich ein Polizeiaufgebot eine Vorstellung, zog die Kopie ein und nahm die Daten der Anwesenden auf - ein bis dato einmaliger Vorgang, der, wie Joe Dallesandro später erklärte, von den Filmemachern selbst initiiert wurde, in dem diese gefakte Beschwerden bei den Behörden eingehen ließen, um für Wirbel zu sorgen. Ob das wahr ist, werden wir nie erfahren, so oder so hat der Skandal aber dem Film zu sehr viel Publicity verholfen.

Andy Warhol selbst hatte so gut wie nichts mit der Herstellung von FLESH zu tun, weil er sich im Krankenhaus von den Schüssen erholte, die Valerie Solanas auf ihn abgefeuert hatte. Warhol war darüber erbost, dass Regisseur John Schlesinger die Mitglieder seiner Factory für "Midnight Cowboy" (1969) ausleihen wollte, diese dann aber kaum verwendete und nach Warhols Meinung mit dem Mainstream-Stricherdrama in das Terrain des Underground-Filmers eindrang. Deshalb wurde schnell FLESH produziert, der "Midnight Cowboy" das Wasser abgraben sollte, weil er freier, unverklemmter und offenherziger sein konnte als Schlesingers Film. Obwohl die Kritiken gemischt ausfielen, wurde FLESH zu einem Riesenerfolg. In Deutschland (wer hätte das gedacht?) wurde er gar zum Phänomen und lief in mehreren Kinos über Monate hinweg vor vollen Häusern.

Heute kann man sich kaum vorstellen, dass ein Film wie FLESH überhaupt in die Kinos kommt, mit all den Kratzern, Überbelichtungen, Sprüngen und dem unverständlichen Gemurmel der improvisierenden Darsteller (Hauptdarstellerin Geraldine Smith kann sich in der ersten Szene vor Lachen kaum halten, und wenn man genau hinhört, kann man vor ihrem ersten Auftritt ihre Frage "Now?" aus dem Off vernehmen). Doch führt eben diese manchmal laienhafte Improvisation zu einer Authentizität, die man selten im amerikanischen Film findet. Die Darsteller spielen nicht, sie leben den Augenblick, und wir sind hautnah dabei. Die Szenen um Joes Freier sind gerade wegen der Ungeziertheit und des Verzichts auf sexuelle Handlungen realistisch und glaubwürdig. Wenn Joe seinen Stricherfreunden auf der Straße Ratschläge gibt, dann beobachtet die Kamera die Gruppe wie aus einem Versteck heraus, und wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, nichts davon sei gespielt.
Joe
Dallesandro, der in jeder Szene zu sehen ist und den Film allein mit seiner Persönlichkeit trägt, hat als Schauspieler einen natürlichen Instinkt und kann mehr überzeugen als so mancher Method Actor nach Wochen der Vorbereitung. Regisseur Morrissey sagte in einem Interview, dass er es nicht ausstehen könne, wenn er Schauspieler sagen hört, sie haben sich auf 'ihre Rollen lange vorbereitet', das sei nur 'Bullshit' von Stümpern. Für Morrissey muss der Schauspieler in dem Moment da sein, wenn er ihn braucht und das zeigen, was er in eben diesem Moment empfindet. Diese ungekünstelte Kraft des Augenblicks schafft er in jeder Einstellung. Damit bekommt man keine Oscars, aber einen Film, den es so zuvor nicht gegeben hat.

Man muss FLESH vor allem dafür feiern, dass er Nacktheit, Sexualität und das Stricherdasein von Joe niemals der Lächerlichkeit oder Peinlichkeit preisgibt und auch nie moralisch wertet. Simulierter Sex dient lediglich zur Beschreibung des Alltags seiner Protagonisten. Wenn Joes Ehefrau ihren Mann zur Arbeit schickt, ist das nichts anderes, als würde er ins Büro müssen. Seinen Kumpels erklärt er, dass es egal sei, ob man als schwul oder hetero gelte, die Hauptsache sei, das man für Frau und Kind sorge. Das einzige Problem, das Joe mit seinem Beruf hat, ist die Frage, ob er genug Geld nach Hause bringt. Seine Begegnungen mit Freiern sind weder hochdramatisch noch pervers. Ein älterer Freier ist so sehr von Joes Schönheit fasziniert, dass dieser nackt für ihn posieren muss, als Läufer und Diskuswerfer, wie eine griechische Statue.

Obwohl FLESH ohne Frage voyeuristisch ist (und zwar im ehrlichen Sinne, nicht im 'Basic Instinct'-Sinn - wobei die Worte 'Basic Instinct' und 'Sinn' irgendwie im Widerspruch zueinander stehen), wird er nie sensationsgeil. Wenn es so viel Unverklemmtheit im amerikanischen Kino insgesamt gäbe wie in FLESH, müsste man mit Sicherheit nicht im Jahr 2004 (fast 40 Jahre nach FLESH!) bei Janet Jacksons entblößter Brust eine nationale Krise ausrufen. In dem bemerkenswertesten Moment des Films spielt der nackte Joe mit seinem einjährigen Sohn auf dem Teppich. Morrissey hält die Situation als filmische Collage aus Standbildern fest, Bilder voll natürlicher Erotik, Zärtlichkeit und Hingabe. Man akzeptiert auch als Zuschauer schnell die Nacktheit seines Hauptdarstellers und folgt stattdessen seiner Geschichte. Das muss Paul Morrissey erst mal einer nachmachen.

09/10

Gesicht und Körper einer neuen Generation - Joe Dallesandro


Freitag, 16. Dezember 2011

Flucht aus L.A. (1996)

15 Jahre vergingen, bevor John Carpenter endlich seinen Kulthelden Snake Plissken (Kurt Russell) zurück auf die Kinoleinwand schickte. Wie so oft, wenn eine Fortsetzung lange auf sich warten lässt, fiel diese dann eher enttäuschend aus, kann aber zumindest mit viel Action, Ironie und trashigem Charme aufwarten.

Wir befinden uns im Jahr 2013 (damals ein futuristisches Setting). Nach einem gigantischen Erdbeben samt Flutwelle hat sich Kalifornien vom Rest des Kontinents abgespalten und dient nun als Insel für Strafgefangene. Ein Revolutionär (Georges Corraface) entführt die Tochter des US-Präsidenten und mit ihr eine Superwaffe, mit der man die Elektronik kompletter Staaten auslöschen und diese damit in die Steinzeit zurückbefördern kann. Snake Plissken (Russell) wird erneut in die Höhle des Löwen geschickt, um die Waffe an sich zu bringen und das mittlerweile gehirngewaschene Präsidenten-Töchterlein auszulöschen. Dafür hat er zehn Stunden Zeit. Ein sich langsam in seinem Körper ausbreitendes Gift soll dafür sorgen, dass er sich beeilt. Die Kamikaze-Aktion kann beginnen...

Obwohl FLUCHT AUS L.A. (Escape From L.A.) zu keiner Zeit die Klasse des Originals erreicht, gelingt John Carpenter wenigstens ein rundum unterhaltsamer Popcorn-Streifen, in dem neben einiger Action auch viel gelacht werden darf - sowohl mit dem Film als auch über den Film (ganz besonders über einige haarsträubend schlechte Special Effects, die von Jahr zu Jahr absurder werden, je schneller die technische Entwicklung voranschreitet). Für das Sequel stand ihm nicht allzu viel Geld zur Verfügung, aber Carpenter macht das Beste daraus und sorgt für jede Menge Selbstironie. Handlungsmäßig folgt er dabei sklavisch dem Vorgänger und ersetzt jeden Einfall der "Klapperschlange" (1981) durch eine Variation. Aus dem Gladiatoren-Zweikampf wird ein Basketballmatch, aus dem brisanten Tape eine Superwaffe, aus der Dynamit-Kapsel das Nervengift, statt per Flugzeug wird Snake per U-Boot ins Ziel geschossen, etc., etc.
Sogar Details wie die Begegnung Plisskens mit einer unbekannten Schönen (damals Season Hubley, jetzt Valeria Golino) im ersten Akt werden kopiert. Diese Vorgehensweise bietet für den Fan natürlich den ständigen Wiedererkennungseffekt, auf der anderen Seite aber fordert Carpenter dadurch immer wieder den Vergleich heraus, und der fällt nicht zu Gunsten der Fortsetzung aus.

Obwohl das Ende von FLUCHT AUS L.A. weitaus nihilistischere Töne anschlägt als das Original, wirkt der Film im Ganzen sehr viel lockerer und heiterer. Die düstere, atemberaubende Spannung des Vorgängers weicht einem bissig-satirischen Ansatz, der Carpenter viel Gelegenheit bietet, mit Amerika und speziell Hollywood und Los Angeles abzurechnen. Der erzkonservative Präsident (Cliff Robertson) etwa fühlt sich von Gott berufen und ist ohne Zögern bereit, seine Tochter töten zu lassen, die sich in bester Patty Hearst-Manier in den Revoluzzer verliebt. In den Katakomben der Stadt leben die Opfer schief gegangener Schönheitsoperationen, die von einem plastischen Chirurgen (Bruce Campbell) mit Frischfleisch versorgt werden - eine geradezu prophetische Szenerie, in der alle durch Makeup entstellten Gesichter exakt so aussehen wie die meisten heutigen Hollywood-Stars...
Los Angeles liegt zwar in Schutt und Asche, aber "Map to the Stars" Steve Buscemi (in einer etwas nervigen Nebenrolle, von der man sofort weiß, dass sie ein doppeltes Spiel spielt) macht immer noch Führungen zu den Villen, bzw. Ruinen der Prominenz. Ein alter Weggefährte Snakes hat sich mittlerweile in eine Frau verwandelt und wird von Pam Grier gespielt, spricht aber noch mit männlicher Stimme. Vor diesen Ecken und schrillen Kanten wimmelt es geradezu im Film. Dass ausgerechnet das "Sündenbabel" Kalifornien durch eine biblische Flutwelle vom 'anständigen' Rest der Nation angekoppelt wurde, ist ein wunderbarer Einfall.

Die Fülle an Ideen ist absolut bemerkenswert, und dem Ensemble aus B-Ikonen sieht man die Spielfreude in jeder Minute an. Das gilt vor allem für Kurt Russell, dessen schweigsames Gehabe manchmal arg bemüht wirkt, der aber im besten Mannesalter noch für ordentlich Action sorgt und körperlich extrem gut beieinander ist. Die Lederkluft ist Geschmackssache, aber dass er zu Beginn noch sein Outfit aus der "Klapperschlange" trägt, das er offenbar in 15 Jahren nie abgelegt hat, sorgt für einen Schmunzler. Neben Russell überzeugt besonders Stacy Keach als rechte Hand des Präsidenten, und Russells Stelldichein mit Peter Fonda, mit dem er gemeinsam auf einer Flutwelle durch L.A. surft, muss man gesehen haben, um es zu glauben.

War Donald Pleasence im Original als Präsident noch eine Witzfigur, wird er von Cliff Robertson und Carpenter als zwar ebenso dumm und verlogen, aber deutlich gefährlicher angelegt. Und in Zeiten, in denen sogar Hollywood-Immigranten wie etwa Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen den amerikanischen Hurra-Patriotismus in ihren Actionkrachern auf penetranteste Art und Weise feierten, ist es schön zu sehen, dass ein Carpenter immer noch keinerlei Respekt vor irgendwelchen Amtsinhabern und Würdenträgern hat.

Formal kann man - abgesehen von den veralteten Effekten - Carpenter nichts vorwerfen. Schon die Vorspannsequenz, zu der das modernisierte Musikmotiv der "Klapperschlange" hämmert, ist ein Grund zur Freude bei jedem Fan. Dafür hapert es gewaltig mit der Spannung, die nur rudimentär vorhanden ist. Wirklich fesselnd ist der Film nie, und der finale Massenfight schrecklich ermüdend. Carpenters Vorstellung vom Vorgehen der Terroristen (im schicken Che Guevara-Look) stammt noch aus Hitchcocks Zeiten. Die Schlusspointe ist dafür wieder äußerst gelungen.

Unterm Strich ist FLUCHT AUS L.A. für Carpenter-Fans natürlich ein Muss und funktioniert am besten mit heruntergeschraubten Erwartungen. Wer sich auf eine zweite "Klapperschlange" freut, dürfte schwer enttäuscht werden. Wer buntes, aber nie blödes B-Kino mit einem coolen Typen in der Hauptrolle erwartet, kriegt (einigermaßen), wofür er bezahlt. Eine Rückkehr zu alter Form aber sieht anders aus, und ein paar erzählerische Freiheiten oder Überraschungen hätten mir besser gefallen als eine schlichte Kopie. An den Kinokassen war Carpenters Sequel nicht sonderlich erfolgreich, möglicherweise kam es einfach zu spät.

05/10
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