Sonntag, 30. Dezember 2012

Eyes Wide Shut (1999)

Ein Film, der perfekt zum Jahresabschluss passt. Ein Abendkleid fällt, Die Weihnachtslichter blinken, und Tom Cruise unternimmt eine Reise durchs Abenteuerland der erotischen Fantasien in einem New York, das selten so düster gezeigt wurde wie unter Stanley Kubricks Regie in seinem letzten Werk, dessen Fertigstellung der Meister gerade noch erleben durfte, bevor er der Filmwelt für immer Lebewohl sagte und eine Lücke hinterließ, die niemals geschlossen werden wird. 

Als EYES WIDE SHUT (Eyes Wide Shut) seinerzeit herauskam, erntete er eher lauwarme Reaktionen (so ging es allen Kubrick-Filmen seit "The Shining", 1980), und auch ich war mir nicht sicher, was ich von ihm halten sollte, schien er doch auf den ersten Blick eine ziemlich verstaubte Altherren-Fantasie zu sein. Mittlerweile ist der Film als komplexes filmisches Drama anerkannt, und auch ich konnte nach mehrmaligen Sichtungen meine ursprünglich gemischte Meinung revidieren. 

EYES WIDE SHUT basiert auf Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und besitzt die zum Titel passende, surreale Atmosphäre, in der alles möglich zu sein scheint. EYES WIDE SHUT ist (auch) ein Film über männliche Minderwertigkeitskomplexe. Tom Cruise spielt den verheirateten Arzt Dr. Bill Harford, dessen Weltbild nach einer pompösen Weihnachtsparty erschüttert wird, als seine Ehefrau Alice (Nicole Kidman) ihm gesteht, dass sie einst drauf und dran war, ihn für einen anderen Mann (einen völlig Fremden) zu verlassen, nur weil sie sich von diesem erotisch angezogen fühlte. 

Bevor Cruise reagieren kann, wird er aus dem Haus gerufen - der Beginn einer seltsamen nächtlichen Odyssee durch New York, in der er - verfolgt von Visionen seiner untreuen Ehefrau - lauter mysteriösen Menschen begegnet, die sämtlich erotische Geheimnisse haben, welche sie ihm offenbaren. Obwohl es seine Frau ist, die "Alice" heißt, gerät Bill ins Wunderland. Er erlebt Gefahren (eine Gang auf der Straße), Versuchung (eine anziehende Prostituierte nimmt ihn mit in ihre Wohnung), Abgründe (ein Kostümverleiher verhökert seine minderjährige Tochter an reiche Kundschaft). Verschlüsselte Botschaften werden ausgetauscht ("Fidelio", der Name von Beethovens einziger Oper und gleichzeitig ein Hinweis auf "Fidelity", die Treue, die er bald zu brechen bereit ist), und er sucht als "aufrechter Amerikaner" nach dem richtigen Weg, mit den Freizügigkeiten seiner Gattin umzugehen und sich selbst als Mann zu beweisen. Ein Ausweg aus dem Dilemma aber ist nicht in Sicht, nur immer verschlungenere Labyrinthe, die symptomatisch sind in Kubricks Schaffen. 

Bill/Cruise, der offenbar in seinem Leben nie fremdgegangen ist, muss sich ständig Verführungen widersetzen. Seine eigenen Wünsche muss er selbst erst entdecken und kann sie dann überhaupt nur ausleben, wenn er nicht mehr "er selbst" ist, sondern sich hinter Maske und Kapuze versteckt. Derart verkleidet findet er Zutritt zu einer Sexparty der besseren Kreise, doch sein wahres Ich wird umgehend enttarnt. Was Erotik betrifft, ist er ein Außenseiter und wird auch wie einer behandelt. Er wird aus seinem eigenen Traum unter Drohungen hinausbefördert. 

Wenn er am nächsten Tag alle Schauplätze seiner Reise durch die Nacht erneut abklappert, haben diese wie durch Zauberhand ihre Magie verloren. Die Faszination weicht der Ernüchterung, alle verschlüsselten Botschaften stellen sich als banal heraus. Die kurze Begegnung mit seiner dunklen Seite aber hat unseren Doktor so verschreckt, dass er sich heulend zu seiner Frau bekennt und beide zwischen Teddybären und Spielzeug beim Weihnachts-Shopping beschließen, alles beim alten zu lassen und die kurz offen gelegten Geheimnisse unter den Teppich zu kehren, wo sie in der Welt der heilen amerikanischen Familie auch hingehören. Die Ehe - so suggeriert es Kubrick - ist nichts weiter als eine Vereinbarung, nach der beide Partner ihre wahre Natur verheimlichen und sich - wie Kinder - eine Traumwelt zurechbasteln (die Augen bleiben hübsch 'geschlossen', wie der Titel sagt), die nur gelegentlich von der Realität eingeholt wird. Die männliche Überlegenheit hingegen ist ein Relikt, das längst durch Zweifel und Unsicherheit abgelöst wurde. Die Masken spielen eine wichtige Rolle in EYES WIDE SHUT - die tatsächlichen wie die metaphorischen.


Kubrick inszeniert seine Traumnovelle wie gewohnt langsam, kühl und mit analytischem Blick. Er nimmt sich viel Zeit und zieht den Zuschauer hinein. Dialogszenen scheinen endlos zu dauern, jede für sich ist ein eigenes Drama in mehreren Akten. Die Atmosphäre ist beklemmend, hypnotisch und fesselnd. Kubrick hat so lange an seinem Film gearbeitet, dass einige Darsteller aufgrund anderer Verpflichtungen ersetzt werden mussten (Jennifer Jason Leigh), andere hingegen wurden ausgetauscht, weil Kubrick nicht zufrieden war (Harvey Keitel spielte ursprünglich die Rolle, in der nun Sydney Pollack zu bewundern ist). Der perfektionistische Regisseur wollte von Anfang an ein Filmpaar, das auch in der Realität verheiratet war und liebäugelte kurz mit Alec Baldwin und Kim Basinger, bevor er die Rollen Cruise und Kidman gab. Kidman spielt hier eine untergeordnete Rolle und taucht nach dem ersten Akt kaum noch auf (außer für einen Monolog, in dem sie Cruise von einem Traum berichtet, ohne zu ahnen, dass er selbst gerade aus einer Traumwelt kommt und sie beide in einer übergeordneten Traumwelt leben). 

Obwohl Cruise die Hauptrolle spielt und der Film tief in dessen Seelenleben eindringt, ist EYES WIDE SHUT ein Film der Frauen. Cruise tritt als Schauspieler zurück und überlässt den Partnerinnen die Bühne. Marie Richardson, Vinessa Shaw und Julienne Davis nutzen sie brillant für große Vorstellungen, während Cruise stets Projektionsfläche bleibt. Eine ebenso richtige wie geniale Entscheidung von Regisseur und Star. Erwähnt werden muss noch Alan Cumming, der eine einzige, aber fantastische Szene erhält, in der er als Hotelrezeptionist Cruise so schamlos anbaggert, dass man förmlich den bösen Spaß spürt, den Kubrick und Cumming dabei gehabt haben müssen, Cruise aus dem Konzept zu bringen. Der lässt sich aber nicht anmerken, dass er gegen die Wand gespielt wird, dafür ist er zu sehr Profi.

Es gibt noch viel mehr zu sagen und noch mehr zu entdecken in diesem Film, doch für heute belassen wir es dabei, dass EYES WIDE SHUT der letzte Geniestreich seines Schöpfers war. Ebenso wie seine Vorgänger ist auch dieser Kubrick unverwechselbar, eigenwillig, polarisierend, verführerisch und vielschichtig. Ob er ein würdiger Schwanengesang für einen der größten Regisseure aller Zeiten ist, sei dahingestellt. "Familiengrab" (1976) war auch nicht Hitchcocks bester Film. Es ist nicht der Abschluss, der zählt, sondern das Gesamtwerk. Und das von Kubrick ist ohne Frage einzigartig.  


Ich wünsche einen fröhlichen Jahreswechsel - mit oder ohne Maskenball - und jedem den Mut, sich zu seinen geheimen Fantasien zu bekennen. 

10/10


Samstag, 29. Dezember 2012

Die Rache der Pharaonen (1959)

Die Mumie ist mal wieder los. Wie üblich wird sie von unvorsichtigen Archäologen in Ägypten freigelegt und stapft dann - einem Fluch und einer düsteren Beschwörung folgend - durch Haustüren, Fenster und Sümpfe, um die Grabschänder zu bestrafen.

Die britischen Hammer Films erhielten von den amerikanischen Universal-Studios offiziell die Rechte für eine Neuverfilmung des Klassikers "The Mummy" (1932), der Plot des von Jimmy Sangster verfassten Drehbuchs orientierte sich aber eher an späteren Mumien-Filmen wie "The Mummy's Tomb" (1940) oder "The Mummy's Hand" (1942).
Wie üblich fällt diese britische Variante unter der Regie von Terence Fisher - der zuvor schon Frankenstein und Dracula erfolgreich neu belebte - äußerst kurzweilig und farbenfroh aus und reduziert eine komplexe Geschichte auf unterhaltsames Groschenroman-Niveau. Der Gewaltfaktor ist auf beinahe Null zurückgeschraubt, sehenswert sind aber die fantasievollen Kostüme und Beleuchtungseffekte. Visuell gehört DIE RACHE DER PHARAONEN zu den schönsten Hammer-Produktionen. Die Farben explodieren förmlich auf der Leinwand und verschleiern gekonnt das schmale Budget, das man lediglich an den zu engen und kulissenhaften Bauten (gemalte Himmel, künstliche Pflanzen) erkennt, die nie überzeugend vermitteln, der Film würde tatsächlich in Ägypten spielen.

Die Schauspieler agieren gewohnt souverän. Peter Cushing gibt den besorgten Mumienprofessor mit Hinkebein, Christopher Lee hingegen muss die meiste Zeit mit schlammigem Klopapier umwickelt durch die Szenerie torkeln. Dafür bekommt er eine ausgiebige Rückblende, in der er ohne Mumien-Verkleidung zu sehen ist. Er bemüht sich, dem Monster eine tragische Note zu verleihen, wenn er in Cushings Ehefrau (Yvette Furneaux) seine damalige Geliebte wiederzuerkennen glaubt, aber das Mumien-Kostüm schränkt ihn doch zu sehr ein.

DIE RACHE DER PHARAONEN ist nicht der beste Mumien-Film aller Zeiten, das ist und bleibt das Original mit Boris Karloff. Er ist aber um Welten besser als das gleichnamige Stephen Sommers-Spektakel von 1999, das eher an die Indiana Jones-Filme angelehnt ist denn an klassischen Universal-Horror. Wer mit den Produktionen der Hammer Studios nicht viel anfangen kann, der wird auch an diesem Werk nicht viel Freude haben, aber für Fans bietet es genügend Abwechslung und farbenprächtige Grusel-Unterhaltung.

07/10

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Crazy, Stupid Love (2011)

Etwas Heiteres zum Jahresabschluss gefällig? Bitteschön!

Es gibt wohl kaum noch jemanden, der ernsthaft bestreiten würde, dass das Genre der Romantic Comedy heute toter als tot ist. Natürlich bestätigen Ausnahmen wie immer die Regel, aber im Grunde hat das Genre scheinbar nichts Neues mehr zu bieten, wie die jämmerliche Parade komplett künstlicher, überraschungsfreier und stets nach demselben Schema ablaufender, witzloser Streifen beweist, die stets auf Stars denn auf Komödianten zugeschnitten sind und Namen wie Aniston, Butler, Bullock, Hudson und Heigl eher bitter aufstoßen denn begeistern.
Umso überraschter war ich, als ich mir CRAZY, STUPID LOVE (Crazy, Stupid Love) ansah. Warum ich das tat? Die Besetzung ließ mich zumindest hoffen. Und tatsächlich fühlte ich mich über zwei Drittel der Laufzeit gut unterhalten. Man sollte allerdings schnell abschalten, bevor die gefühlten 35 Enden losgehen, denn da stürzt der Film schneller ab als ein Kamikazeflieger in Pearl Harbour.

In CRAZY, STUPID LOVE wird Familienvater Steve Carell von seiner Frau Julianne Moore verlassen, weil sie die eheliche Routine nicht mehr erträgt (man staunt, dass Moore im letzten Drittel noch dabei ist, wenn der Film selbst in die totale Hollywood-Routine verfällt). Carell kommt mit dem Single-Dasein nicht zurecht und heuert den Gigolo und Aufreißer Ryan Gosling an, um ihm auf die Sprünge zu helfen, was nach einigen Anlaufschwierigkeiten auch gelingt. Gosling selbst erlebt ebenfalls eine unerwartete Romanze. Und nicht nur das - sogar der minderjährige Sohn von Carrell entdeckt seine Herzensdame, und Julianne Moore findet den Ex plötzlich wieder ganz anziehend...

Doch, da gibt es eine Menge, was man mögen kann an diesem heiteren Liebesreigen. Zuallererst darf man feststellen, wie angenehm es ist, dass sich ein Film dieses Genres überhaupt mit mehreren Generationen beschäftigt und nicht nur auf die unter 20jährigen zugeschnitten ist. Die Probleme von Männern und Frauen um die 40, die plötzlich alleine dastehen und sich in einer vom Jugendwahn beherrschten Gesellschaft nach einem passenden Partner umsehen müssen, sollten viel öfter thematisiert werden.
Danach muss man die Besetzung loben, allen voran Ryan Gosling, der zwar nicht die Hauptrolle spielt, aber so unverschämt gut aussieht (Partnerin Emma Stone kommentiert seinen nackten Oberkörper mit den Worten: "Are you kidding me? You look like you've been photoshopped!") und gar Unmengen an coolem Charme versprüht, dass man aufpassen muss, keine Minderwertigkeitskomplexe zu kriegen. Und das mit einer Rolle, die im Grunde eher schmierig und unsympathisch angelegt ist, was Gosling aber locker überspielt. Gegen Gosling hat kaum jemand eine Chance, Steve Carell aber hält gut dagegen und bekommt ein paar wirklich gelungene Gags (der Moment, in dem eine junge Schönheit im Restaurant lächelnd auf ihn zuschwebt und sich unerwartet als Kellnerin entpuppt, die lediglich die Rechnung bringt, ist ein echtes Highlight). Julianne Moore ist immer fantastisch in Dramen und nicht ganz so gut in Komödien (wer das bezweifelt, sollte sich die 4. Staffel von "30 Rock" ansehen), aber das spielt keine Rolle, weil man ihr einfach gerne zusieht. Neben Kevin Bacon erhält Marisa Tomei die absolute Abräumer-Nebenrolle, in der sie schlicht zum Brüllen komisch ist und das Wort "Asshole" häufiger gebraucht als Al Pacino in "Scarface" (1983) das 'F'-Wort von sich gab.

Das Drehbuch von Don Fogelman wartet mit viel Dialogwitz, skurrilen Situationen und peinlichen Momenten auf, die Regisseure Glenn Ficarra und John Requa legen ein ordentliches Tempo vor, und man sieht dem Ensemble an, dass es Spaß hat. Das überträgt sich durchaus nicht in jedem Film, hier aber schon. Wie gesagt, in den ersten zwei Dritteln kann ich die Komödie nur empfehlen. Danach kommen dann die unvermeidlichen Verwicklungen, es gibt eine 'überraschende Wendung', die überhaupt nicht überraschend ist, wenn einem die ähnliche Haarfarbe zweier Darstellerinnen aufgefallen ist (und es ist unmöglich, das zu übersehen), dann folgen viele Tränen, Versöhnungen, zu viele Schlüsse und die unvermeidliche 'große, öffentliche Liebeserklärung', die man schon so oft gesehen hat, dass allein die Ankündigung Brechreiz hervorruft. Die Konflikte werden auf die simpelste Art gelöst, alles wird verziehen, und alle haben sich furchtbar lieb - also genau die kitschig-zuckrige Soße, die uns Hollywood seit Jahrzehnten immer neu serviert und hofft, dass man sie immer wieder schluckt. Zugegeben, ein großer Erzählstrang bleibt relativ offen, aber das rettet den Film auch nicht mehr vorm Über-Schmalz.

Schade, schade, schade, denn CRAZY, STUPID LOVE hatte bis dahin eine echte Chance, nicht in dieser Ecke zu landen. Möglicherweise ist das auf Einmischungen des Studios zurückzuführen, man weiß es nicht genau. Man fragt sich aber, wann es wieder so weit ist, dass eine romantische Komödie von vorne bis hinten witzig, spritzig, geistreich und frech sein darf, so wie es die Screwball-Klassiker der 30ern oft (nicht immer) waren. Wer aber zum Ende des Jahres noch einmal herzhaft lachen und sich an den Liebsten/die Liebste/das Sofakissen kuscheln möchte, der ist hier ziemlich richtig. 

07/10


Montag, 24. Dezember 2012

Frohe Weihnachten 2012!


Allen Filmfreunden, Trash-Fans und ganz besonders den Lesern meines kleinen Blogs wünsche ich auch in diesem Jahr wieder ein schaurig-schönes Weihnachtsfest, ob im Overlook-Hotel, in Hill House, im Dorf der Verdammten oder wo immer Ihr auch seid. Und damit es Euch nicht wie unserer armen Joan Collins unten in "Geschichten aus der Gruft" (1972) geht, nicht vergessen: hat man soeben den Gatten mit dem Schürhaken erlegt, während ein entlaufener Irrer im Weihnachtsmannkostüm draußen ums Haus schleicht, sollte man lieber nicht die Türen öffnen! Kann einem das ganze schöne Fest (und die erhoffte Erbschaft) versauen...  




Samstag, 22. Dezember 2012

The Happening (2008)

Nein, das ist kein Film über wilde Woodstock-Orgien, sondern ein weiterer Versuch M. Night Shyamalans, die Welt davon zu überzeugen, dass er keine Eintagsfliege ist. Was nicht gelang. Tatsächlich war THE HAPPENING (The Happening) ein weiterer Schritt Shyamalans in die eigene Bedeutungslosigkeit.

In New York fallen die Bauarbeiter plötzlich wie Fliegen vom Gerüst, und auch im Central Park bringen sich die Leute gleich massenweise selbst um die Ecke. Schuld daran ist ein Nervengift, das von Pflanzen freigesetzt wird. Biologielehrer Mark Wahlberg versucht mit seiner Frau Zooey Deschanel und dem Kind eines befreundeten Kollegen, der Seuche zu entkommen. Aber wie läuft man vor Wind und Pflanzen davon?

Regisseur M. Night Shyamalan huldigt seinem großen Vorbild Alfred Hitchcock und konstruiert mit THE HAPPENING seine Version von "Die Vögel" (1962). Hier wie da wehrt sich die Natur gegen die Menschheit und lässt den Terror dort entstehen, wo niemand ihn vermutet hätte. Shyamalan hatte nach dem gewaltigen Flop "Das Mädchen aus dem Wasser" (2006) große Probleme, das Vertrauen der Geldgeber wieder zu gewinnen. Heute ist Shyamalans Ruf nach mehreren Misserfolgen und der künstlerischen Bankrotterklärung "Die Legende von Aang" (2010) fast vollständig ruiniert. Aus dem Fall Shyamalan kann man lernen, dass man einen Neuling nicht mit Etiketten wie "Hitchcock-Nachfolger" zupflastern sollte, bevor dieser nicht bewiesen hat, dass er konstant gute Arbeit abliefert.

THE HAPPENING beginnt ganz kurz sehr vielversprechend, wird aber schnell bemerkenswert albern und uninteressant. Sogar Shymalans schwächere Filme wie "The Village" (2004) oder "Signs" (2002) konnten noch mit starken Suspense-Sequenzen aufwarten, doch THE HAPPENING bleibt banal und oberflächlich. Am meisten erstaunt, dass der Film so schmucklos aussieht, beinahe wie ein TV Movie. Selbst das Kostümbild ist flach - die Darsteller sehen sämtlich aus, als seien sie bei H&M eingekleidet worden. Alles an THE HAPPENING wirkt billig und eilig zusammengekleistert. Eine Stimmung der drohenden Apokalypse, die der Stoff gebraucht hätte, kommt nicht mal im Ansatz auf.

Dazu versucht Shyamalan, die fehlende Spannung durch einige ungewohnt blutige Splattereffekte und Zynismus zu ersetzen. Da bekommt schon mal ein Kinderdarsteller eine Ladung aus der Schrotflinte in den Kopf, und ein armer Tierpfleger wird im Zoo von Raubtieren zerrissen. Die besten Momente in Shyamalans Filmen sind aber gerade die subtilen, stummen Sequenzen, in denen man das Schlimmste erwartet und trotzdem überrascht wird - davon gibt es hier weit und breit keine.
THE HAPPENING wirkt eher so, als hätte der Regisseur selbst kein Vertrauen in seine Geschichte. Da helfen auch keine kitschigen Momente gegen Ende, wenn mal wieder der männliche Hauptdarsteller (wie in allen Shyamalan-Filmen) heulend im Keller sitzt. Das hatten wir schon bei "Signs" und wird auch durch die Wiederholung nicht besser. Sogar James Newton Howards Musik wirkt wie schon mal dagewesen.

Die Schauspieler können auch nichts reißen. Mark Wahlberg, gegen den ich persönlich gar nichts habe (im Gegenteil, ich war ein großer Fan seiner Unterwäsche-Kampagne in den 90ern), übersteht den Film mit zwei Gesichtsausdrücken (staunend oder emotionslos), und den Biologielehrer nehme ich ihm nicht eine Sekunde ab. Sagen wir mal, Wahlberg ist nicht gerade der Typ, dem man ein abgeschlossenes Studium glaubt. Zooey Deschanel spielt seine Gattin so 'skurril' und nervtötend, wie sie alle Rollen spielt (warum ist die eigentlich so populär?), und in einer Wegwerf-Nebenrolle wird der großartige John Leguizamo ('Benny Blanco from the Bronx') völlig verschenkt. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit "Carries" Turnlehrerin Betty Buckley.

THE HAPPENING funktioniert - wenn überhaupt - noch am besten als Trash, auch wenn  man bezweifeln darf, dass er als solcher konzipiert wurde. Er ist auf belanglose Art unterhaltsam und hat viele unfreiwillig komische Momente zu bieten, etwa, wenn Wahlberg mit einer Zimmerpflanze spricht oder ganze Gruppen von Menschen versuchen, vor dem sich drehenden Wind davonzulaufen (!). Obwohl deutlich die Spannung fehlt, hat THE HAPPENING zumindest ein ganz anständiges Tempo und keine Überlänge, so dass er sich ganz passabel wegschaut. Das soll aber keine Empfehlung sein. Möglicherweise wäre THE HAPPENING mit größerem Budget besser geworden, aber wer einen solchen Reinfall wie "Das Mädchen aus dem Wasser" inszeniert hat, kriegt das Geld eben nicht mehr nachgeworfen.

04/10

Montag, 17. Dezember 2012

Horror Express (1972)

Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn ist immer ein Erlebnis - ganz besonders, wenn sich unter den Mitreisenden zwei Horror-Veteranen wie Christopher Lee und Peter Cushing befinden. Der eine (Lee) spielt einen Anthropologen, der ein zottiges Urvieh in einer Kiste mitgebracht hat, der andere (Cushing) ist ein neidischer Kollege, der zu gern wissen würde, was der Konkurrent da im Gepäckraum verstaut hat. Bald darauf bricht das Monster aus der Vorzeit aus und metzelt sich durch die Waggons...

Der spanisch-britische Horror-Beitrag HORROR EXPRESS (Pánico en el Transiberiano) ist mittlerweile ein verdienter Trash-Klassiker. Die Schwierigkeit besteht darin, eine gute Kopie davon aufzutreiben, denn der Film befindet sich im Public Domain, d.h. jeder Billig-Anbieter kann ihn auf DVD pressen und auf den Grabbeltisch werfen, wie es ihm beliebt. Dann und wann erlebt man eine ganz ordentliche Veröffentlichung, aber die meisten Versionen sehen grauenhaft aus.
Trotzdem kann der Film auch in mieser Aufmachung begeistern, denn der ist große Klasse. Regisseur Eugenio Martin inszeniert mit viel Tempo und serviert dem geneigten Horror-Fan eine delikate und stimmungsvolle Schlachtplatte, die so viel Charme besitzt, wie ihn sich komplette andere Filme wünschen würden. Die Besetzung mit den Hammer-Stars Lee und Cushing ist natürlich ein unglaublicher Gewinn. Beide sind bekannt dafür, sogar in schlechten Filmen nie durchblicken zu lassen, dass sie gern woanders wären und spielen auch hier mit großem Ernst und Nonchalance. Sie machen den Trash erst zur Perle. Der dritte große Name im Ensemble ist Telly Savalas, doch der tritt erst nach einer guten Stunde Filmzeit auf und ist für den Verlauf der Handlung relativ überflüssig. Trotzdem schön, ihn zu sehen, Willkommen an Bord. 

Wer Filme liebt, die in Zügen spielen, der liegt hier sowieso goldrichtig. Wie die alte Eisenbahn da dampfend und pfeifend durch die eisige Nacht und bizarren Winterlandschaften braust (einige davon sind nur gemalt, was der irrealen Atmosphäre zugute kommt), während sich im Inneren das Grauen abspielt, das ist schon allerfeinste Schauer-Unterhaltung. Das Drehbuch vermengt fröhlich verschiedene Genre-Elemente und wird mit zunehmender Laufzeit immer absurder. Was wie ein klassischer Monsterfilm mit einer unheimlichen Kreatur in der Kiste beginnt, entwickelt sich zum Körpertausch-Horror, dann stellt sich heraus, dass das Monster eigentlich ein Außerirdischer ist, der wieder auf seinen Heimaplaneten zurück will (ein Ding aus einer anderen Welt eben), und im Finale, wenn sämtliche Opfer des Aliens von den Toten wieder auferstehen und die letzten Überlebenden durch den ratternden Zug jagen, mutiert der Film dann endgültig zum Zombie-Schocker.

Ausstattung, Kostüme, Musik und Effekte sind zwar sehr schlicht und preiswert, aber absolut effektiv. Die Aufnahmen der Opfer, denen das Blut aus allen Körperöffnungen strömt, während ihre Augen glasig werden, sind trotz zahlreicher Wiederholungen nie langweilig. Und sogar Humor gibt es: wenn Peter Cushing eine Obduktion vornehmen will und seine ältere Assistentin bittet: "Ich brauche Ihre Hilfe", wirft die nur einen Blick auf seine sexy Reisegefährtin und antwortet "Das wundert mich nicht bei einem Mann Ihres Alters". Und wenn der ermittelnde Zug-Inspektor die Herren Cushing und Lee fragt, ob nicht einer von ihnen das Monster sei, erwidert Cushing mit tödlicher Entrüstung: "Monsters? We're british!" Von solchen Dialogperlen gibt es einige.

HORROR EXPRESS bietet wuschelige Monster, schöne Frauen, distinguierte Herren, Gehirnoperationen, Augen, die mit Injektionsnadeln gepiekst werden, schwarzen Humor und spart auch nicht mit Kirchenkritik (ein unheimlicher Mönch - nein, nicht der von Edgar Wallace - biedert sich bei förmlich jedem an, sogar beim Monster). Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Der Film funktioniert am besten im Winter - und sogar bei miserabler Bildqualität. Das ist ein großes Kompliment.

08/10



Freitag, 14. Dezember 2012

Love Crime (2010)

Was für eine Wohltat! Manchmal gehen Filme einfach runter wie das sprichwörtliche Öl, und dies ist so einer. Man muss natürlich auf Filme stehen, in denen sich zwei Power-Schauspielrinnen einen gepflegten Zickenkrieg liefern, angefangen von "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961) bis "Tagebuch eines Skandals" (2006). Wer daran Freude hat, für den wird LOVE CRIME (Crime d'Amour) ein solcher Genuss sein wie für mich.

Erinnert sich noch jemand an die Mike Nichols-Komödie "Die Waffen der Frauen" (1988)? LOVE CRIME könnte man ungefähr als Thriller-Variante beschreiben. Hier übernimmt Kristin Scott Thomas die Rolle der biestigen Chefin, die der naiven, aber hochtalentierten Assistentin Ludivine Sagnier die brillanten Ideen klaut, während sie der Angestellten gegenüber stets betont, wie wichtig Teamarbeit sei. Dafür schnappt sich Sagnier den Lover der Vorgesetzten (Patrick Mille) und wird im Gegenzug von ihrer Chefin bei einer Party öffentlich gedemütigt. Fortan sinnt Sagnier auf Rache, und plötzlich befinden wir uns nicht mehr in einem Yuppie-Drama aus der Welt der Hochfinanz, sondern in einem tiefschwarzen Film Noir über den perfekten Mord...

Ja, das klingt toll und ist es auch. Regisseur Alain Corneau darf man schon als Altmeister bezeichnen, zu seinen bekannten Werken gehört das Krimi-Drama "Wahl der Waffen" (1981). Er versteht sich auf Schauspielführung und inszeniert seinen überraschenden Thriller so ruhig, sicher und unaufgeregt, wie es nur die Franzosen können. Kaum Musikuntermalung, entrümpelte Bilder von großer Klarheit, ein komplett zurückgenommenes Farbkonzept, in dem fast ausschließlich Braun- und Grautöne dominieren, und eine Abfolge vieler kurzer, aber prägnanter Szenen bestimmen die Erzählung. Ohne jeden Rummsbumms oder sinnlose Ablenkung darf man bei diesem weiblichen Katz- und Mausspiel zuschauen, und die Damen haben ein unübersehbares Vergnügen bei ihren Boshaftigkeiten. Kristin Scott Thomas, die mühelos den Sprung ins französische Arthouse-Kino geschafft hat, wirft sich mit so viel Vergnügen in die Rolle der eiskalten Chefin aus der Hölle, dass sie allein den Besuch lohnen würde, aber wenn in der zweiten Hälfte die überraschenden Wendungen einsetzen, gehört der Film eindeutig der jungen Ludivine Sagnier, die sich vom geprügelten Opfer in einen vom Wahnsinn gezeichneten Racheengel verwandelt.

Die einzige Mäkelei betrifft das letzte Drittel, in welchem sämtliche zuvor gelegten Hinweise und Spuren raffiniert eingelöst werden und man als Zuschauer nur staunen kann, mit welcher Mühe da ein Mordkomplott erdacht wurde, aber es fehlt gegen Ende irgendwie noch die Krönung. Ich muss leider so vage bleiben, weil ich hier ganz bestimmt nicht spoilern möchte. Ich kann nur jedem, der Lust auf unterschwellige Spannung mit zwei der besten Schauspielerinnen des europäischen Films hat, LOVE CRIME ans Herz legen. LOVE CRIME lief übrigens bereits im TV unter dem Titel "Liebe und Intrigen", bevor er unter dem etwas besseren Titel auf DVD veröffenticht wurde.

Brian de Palma hat soeben ein Remake von LOVE CRIME inszeniert, das mit dem Titel "Passion" nächstes Jahr in die Kinos kommt (oder auch nicht, das weiß man erst, wenn es soweit ist). Dort spielen Noomi Rapace und Rachel McAdams Chefin und Angestellte. Man darf gespannt sein, was de Palma aus dem Stoff macht (wenn man dem Plakat trauen kann, wird der homoerotische Subtext der Frauenbeziehung deutlich hochgeschraubt - was für eine Überraschung), gleichzeitig ist LOVE CRIME in jeder Beziehung so hervorragend, dass die Welt wirklich auf ein Remake verzichten kann.

09/10

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Event Horizon (1997)

Im Jahr 2047 sucht die Besatzung eines Bergungsraumschiffs nach der verschollen geglaubten 'Event Horizon', die nach Durchquerung eines selbst erschaffenen Schwarzen Lochs in den Tiefen des Alls verschwunden war, jetzt aber wieder Signale aussendet. An Bord des Geisterschiffes müssen die Rettungskräfte entsetzt festellen, dass sich die Crew der 'Event Horizon' gegenseitig abgeschlachtet hat. Und nciht nur das - plötzlich werden ihre eigenen Ängste und Horrorvisionen lebendig...

Das haben wir doch schon mal gehört?
Die britisch-amerikanische Co-Produktion EVENT HORIZON (Event Horizon) von Paul W.S. Anderson war ein Überraschungserfolg in den Kinos, der bewies, dass man kein Multimillionen-Budget braucht, um einen effektiven Sci-Fi-Horror mit beeindruckenden Spezialeffekten zu erschaffen. Der Film hat sich einen eigenen Kultstatus erobert und wird gemeinhin besser besprochen als er in Wirklichkeit ist, aber wer damit leben kann, dass hier inhaltlich so ziemlich die gesamte Sci-Fi-Filmgeschichte geplündert wird, der wird mit grandiosen Bildern und einer schön schaurigen Atmosphäre belohnt, ganz zu schweigen von einem klasse Techno-Score.

Das große Vorbild für EVENT HORIZON ist natürlich Tarkowskis "Solaris" (1972), aber man entdeckt auch ausgiebig genutzte Elemente aus "Alien" (1979), "Aliens- Die Rückkehr" (1986), "The Dark Side of the Moon" (1990), "Forbidden Planet" (1956) und weiteren Werken bis hin zu "Hellraiser" (1987). Das Konzept basiert auf dem klassischen Old, Dark House-Prinzip, in dem eine Gruppe Eindringlinge in einem von der Umwelt abgeschlossenen Objekt (Spukschloss, Geisterbahn, Nostromo) von finsteren Mächten terrorisiert wird. So schafft auch EVENT HORIZON den Spagat zwischen altmodischem Gruselkino und modernstem Effekte-Spektakel überraschend gut und wirkt wie der Film eines begeisterten jungen Fans, der die Lieblingsfilme seiner Kindheit noch einmal frisch zusammenbringt.

Die ausgezeichnete Kameraarbeit und das originelle Set-Design sorgen für die Schauwerte, die das Drehbuch leider nicht liefern kann, denn da wird wirklich kein Klischee ausgelassen, sei es die Mannschaft im Hyperschlaf, der gefährliche Weltraum-Spaziergang, die tödliche Sicherheits-Schleuse, das kaputte Raumschiff, das repariert werden muss und so den finalen Timelock liefert, die verschlüsselte Bordaufzeichnung, das angebliche Notsignal, bis hin zur schlussendlichen Mega-Sprengung. Eigentlich fehlt nur noch die Rettung der Bordkatze Jones, aber Tiere gibt es hier weit und breit nicht zu sehen.

Die Besetzung des Films ist solide bis hervorragend, leider sind die Charaktere aber so eindimensional gezeichnet wie in einem gewöhnlichen Slasher-Film, so dass die Darsteller kaum etwas herausreißen können. Der arme Richard T. Jones muss sogar den stereotypen 'lustigen Schwarzen' spielen, der allen Ernstes der knackigen Joely Richardson nach absolviertem Kälteschlaf einen Kaffee hinhält und fragt, ob sie etwas 'heißes, schwarzes in sich" haben möchte. Aua! Laurence Fishburne und Kathleen Quinlan zeigen noch die besten Leistungen und sind die Sympathieträger fürs Publikum, während man Sam Neill als Designer der 'Event Horizon', der im Laufe des Films immer mehr den Verstand verliert, den Bauch einzieht und zum Superbösewicht mutiert, nur als Fehlbesetzung bezeichnen kann. Neill ist ein guter Schauspieler, aber ungefähr so bedrohlich wie ein Weihnachts-Butterkeks. Da kann er sich so viele Augen rausreißen, wie er will.

Nichtsdestotrotz - wer sich kurzweilig und nicht allzu intelligent unterhalten lassen will, der ist hier schon ganz richtig. EVENT HORIZON ist kein Meilenstein des Genres, sondern eher ein poppiges Best-Of, aber als knalliges Popcorn-Kino mit ein paar herzhaften Splattereinlagen (die ruhig noch deftiger hätten ausfallen können) und einer guten Handvoll Schockmomente funktioniert der Film ausgesprochen gut - auch und weil er unter der Hochglanz-Oberfläche reinster Trash ist.

7.5/10


Montag, 10. Dezember 2012

Breakdown (1997)

Eine Dame verschwindet - schon wieder!

Aber keine Angst, BREAKDOWN (Breakdown) ist nicht einfach nur eine aufgewärmte und wiedergekäute Variante der alten Hitchcock-Idee, sondern einer der besten Thriller der 90er.
Kurt Russell spielt hier einen netten Zeitgenossen, der mit seiner Frau Kathleen Quinlan quer durchs Land reist, um nach Kalifornien umzuziehen. Das Paar steckt in Geldschwierigkeiten und will einen Neustart wagen. Auf einsamer Landstraße schneiden sie einen Truck und haben kurz darauf eine Autopanne in der Einöde. Der freundliche Trucker J.T. Walsh bietet an, Quinlan zum nächsten Telefon zu bringen, während Russell auf den Abschleppdienst wartet. Als Russell aber endlich nachkommt, ist seine Frau verschwunden, und keiner will sie gesehen haben...

Zugegeben, die Idee ist tatsächlich nicht neu. Nach Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938), dem übrigens eine wahre Geschichte zugrunde lag, welche der Meister selbst als Episode seiner TV-Serie "Alfred Hitchcock Presents" mit  Tochter Patricia in der Hauptrolle inszenierte, wurde sie u.a. von Otto Preminger für "Bunny Lake ist verschwunden" (1965) oder Polanski in "Frantic" (1988) wieder aufgegriffen. Regisseur Jonathan Mostow benutzt den Einfall für eine Mischung aus (im positiven Sinne) altmodischem Thriller und moderner Action. Der Grund für Quinlans Verschwinden ist in diesem Fall keine Spionagegeschichte oder ein psychologisches Katz- und Mausspiel, sondern eine schnöde Erpressung. Um seine Frau wieder zu bekommen, muss Russell einen Batzen Geld auftreiben, leider aber steckt er selbst finanziell in der Klemme. Wie er versucht, die Entführer hereinzulegen und die Gattin aus deren Fängen zu befreien, das ist schon allerfeinstes Suspense-Kino, selbst wenn es im Finale dann allzu brachial zugeht und der Film das richtige Maß etwas aus dem Auge verliert.

Die Wüstenkaffs und Trucker-Restaurants vor endlosem Horizont sind dabei eine grandiose Kulisse, vor der die Einsamkeit des Helden, der plötzlich ohne jede Bezugsperson in fremder Umgebung dasteht, noch beängstigender wirkt. Die Besetzung mit Kurt Russell ist insofern problematisch, weil das Publikum ihn als zupackenden Kerl kennt, der unter John Carpenter schon schleimige Aliens, Präsidenten-Entführer und magische Monster in Little China zur Strecke gebracht hat. Man vertraut darauf, dass er es schon richten wird. Polanski hatte in "Frantic" ein ähnliches Problem mit Harrison Ford, bzw. dessen Image. Sowohl Ford als auch Russell zeigen jeweils sehr gute Darstellungen (Russell gehört nach meiner Meinung ohnehin zu den Schauspielern, die immer unterschätzt werden), aber die Filme bräuchten eigentlich einen harmlosen Jedermann, der völlig unvorbereitet in eine alptraumhafte Situation gerät. So geht ein Teil der Beklemmung verloren, was dem Film letztendlich aber nicht schadet, denn der will ohnehin intelligentes Popcorn-Kino sein, und das gelingt ihm ausgezeichnet.

Jonathan Mostow befolgt dazu die alte Hitchcock-Regel, dass ein Thriller immer nur so gut ist wie sein Bösewicht, und als solcher ist J.T. Walsh herrlich fies und widerlich. Man wünscht ihm und seinen Handlangern die Pest an den Hals und freut sich über jeden Teilerfolg, den Russell im Kampf gegen die Lotterbande erzielt.
Selbstverständlich darf auch bei keiner Rezension des Films vergessen werden, dass BREAKDOWN neben Hitchcock ganz heftig Spielbergs "Duell" (1971) zitiert und sich ein wenig als moderne Variante versteht. Dem Vorbild kann er zwar nicht das Schmieröl reichen, aber was das wenig originelle oder innovative Kino der 90er angeht, gehört BREAKDOWN dank eines klugen Drehbuchs, guter Darsteller und einfallsreicher Regie, die mehr auf emotionale Spannung als auf Sensationen setzt, zu den Thriller-Highlights. Das Publikum honorierte das und machte den mit eher bescheidenen Mitteln finanzierten Film zum überraschenden Kassenhit.

08/10


Freitag, 7. Dezember 2012

Frankensteins Fluch (1957)

Baron Frankenstein (Peter Cushing) wartet in der Todeszelle auf seine Exekution und erzählt einem Priester, was bis hierhin geschehen ist - von seiner frühen Begeisterung als Halbwüchsiger für die Wissenschaft, von seiner Zusammenarbeit mit dem Mentor Paul Krempe (Robert Urquhart) und den ersten Versuchen, tote Tiere ins Leben zurückzuholen, bis er schließlich den künstlichen Menschen (Christopher Lee) erschafft - mit den bekannt katastrophalen Konsequenzen...


FRANKENSTEINS FLUCH (The Curse of Frankenstein) war der erste Farbfilm der Hammer-Studios und legte den Grundstein für die legendäre Horrorfilmreihe der britischen Produktionsfirma. Der Film war ein Riesenerfolg und konnte mit seiner Mischung aus Horror, Sex, Grausamkeiten, sorgfältiger Ausstattung und exzellenten Darstellern das Publikum begeistern, während die Kritiker sich eher düpiert zeigten angesichts der "Verschundung" der literarischen Vorlage. Drehbuchautor Jimmy Sangster hat hier lediglich ein paar Elemente des Romans zusammengeklaubt und daraus ein eigenes Gebräu hergestellt, das weder den Geist noch den Inhalt von Mary Shelleys Werk wiedergibt. Unter der straffen Regie von Terence Fisher ist ein unterhaltsamer Grusel-Schocker entstanden (mit seinen 75 Minuten Laufzeit dürfte FRANKENSTEINS FLUCH auch die weitaus kürzeste Adaption des epischen Romans sein), der heute sicher mit seinen braven Splatter-Effekten niemanden mehr vom Hocker reißt, der aber seinerzeit durchaus einige Tabus brach. Da darf der Baron schon mal in muffigen Korridoren mit dem Zimmermädchen knutschen, während seine Verlobte Elizabeth (Hazel Court) tadellos frisiert beim Tee nebenan sitzt. Nebenbei darf er sich als Grabräuber betätigen, Gehirne und Augen einwecken und abgetrennte Hände mit nach Hause bringen. Das knallrote Blut fließt reichlich, die Dekolletés bleiben aber noch hochgeschlossen. 

Dargeboten wird diese Hommage ans Grand Guignol von einem hervorragenden Ensemble, allen voran der immer sehenswerte Peter Cushing, der es schafft, mit großer Ernsthaftigkeit und intensiver Leidenschaft durch diesen Groschenroman zu gehen. Was die Monster-Kreation angeht, enttäuscht der Film allerdings. Er verzichtet bewusst auf das berühmte Karloff-Makeup (Fisher wurde von Universal juristisch untersagt, Karloffs Maske auch nur ansatzweise zu kopieren) und lässt stattdessen Christopher Lee als graugesichtigen Zombie mit Glasauge und Bandagen herumstolpern, weswegen er eher an Romeros Untote im Supermarkt erinnert als an die klassischen Filmmonster. Die Szene, in der Baron Frankenstein das Monster wie ein Hündchen an der Kette hält und 'Sitz' machen lässt, wurde dann auch fast 1:1 von Romero in "Zombie 2" (1985) übernommen.
Das ist deshalb so schade, weil die meisten Adaptionen das Monster im Sinne Shelleys als tragische Kreatur begreifen, die unfreiwillig ins Leben geworfen wird und in ihrem Schöpfer Frankenstein - dem wahren Monster - die Vaterfigur sieht, die es vernichten muss. Bei Fisher und Sangster fehlt das alles komplett, und Christopher Lees Herumgestolpere im Wald wirkt dann leider auch stellenweise unfreiwillig komisch. Als Dracula hatte Lee zwar auch nicht mehr Text, konnte aber wenigstens seine unvergleichliche Präsenz einsetzen.

FRANKENSTEINS FLUCH hat seinen festen Platz in der Geschichte des Horrorfilms eingenommen, weil er den Ruhm und Welterfolg der Hammer Studios begründete. Da die Zuschauer offensichtlich bereit waren, die verstaubten  Klassiker in neuen, farbenprächtigen und blutigen Gewändern zu sehen, entstanden kurz darauf mit "Dracula" (1958) und "The Mummy" (Die Rache der Pharaonen, 1962) weitere Neuverfilmungen alter Stoffe, die qualitativ besser waren als dieser Erstling, welcher trotz seiner kleinen Schwächen haushoch über späteren Frankenstein-Adaptionen steht. Wir erinnern uns alle noch mit Schaudern an Kenneth Branaghs operettenhafte Schmonzetten-Variante (und die aufgemalten Bauchmuskeln des eitlen Regisseurs/Hauptdarstellers)... das war Grusel der ganz anderen Art. 

08/10

Mittwoch, 5. Dezember 2012

DVD-Veröffentlichung: Die Wendeltreppe (1945)

Erst kürzlich habe ich mal wieder herumgejammert, dass Klassiker wie Robert Siodmaks "Die Wendeltreppe" (1945) hierzulande noch auf eine Veröffentlichung warten, und bumms, da ist er heimlich, still und leise gerade neu erschienen, und zwar in der Reihe "Midnight Movies".
Diese ist zwar bekannt dafür, längst überfällige Klassiker wie "Du lebst noch 105 Minuten" (1948) herauszubringen, leider geschieht das aber oft in liebloser Form, so auch hier. Immerhin liegt neben einer schönen Hartbox mit dem Original Plakatmotiv auch der englische Originalton vor (was bei "Du lebst noch 105 Minuten" nicht der Fall war), aber die deutsche Tonspur weist einen durchgehenden Brummton auf. Für den entschuldigt sich der DVD-Anbieter zwar vor dem Film auf einer Texttafel (mit schmerzendem Schreibfehler), aber viel kaufen kann man sich dafür nicht. 

Nun sind weite Teile des Films ohnehin stumm (ebenso wie die Protagonistin), insofern ist man mit dem O-Ton so oder so besser bedient. Die Bildqualität geht in Ordnung. Ob sich der Kauf lohnt, darf also jeder für sich entscheiden. Das ist eines von vielen Beispielen, welchen Stellenwert anerkannte Meisterwerke der Filmgeschichte in der Konsumlandschaft haben.


Dienstag, 4. Dezember 2012

The Roommate (2011)

Kann man einen Film rezensieren, von dem man nur 15 Minuten gesehen hat? Ich denke schon, es verstößt zumindest gegen kein Gesetz, und ich werde dafür nicht bezahlt. Meine Lebenszeit ist mir auch sehr wichtig (oder wie Geena Davis in "Die Fliege" sagt: "Ich werde auch nicht jünger"), und wie oft ist es tatsächlich passiert, dass ein Film, der einen nach zehn Minuten schon ins Wachkoma befördert, plötzlich zum meisterhaften Thriller mutiert? Ich würde mir die restlichen 80 Minuten von THE ROOMMATE (The Roommate) nicht mal ansehen, wenn sich unerwartet herausstellte, dass der verstorbene Stanley Kubrick aus dem Grab auferstanden und den Film unter Pseudonym gedreht hätte (obwohl...dann vielleicht schon). Außerdem konnte ich immerhin trotz des kurzen 'Vergnügens' eine interessante Entdeckung machen, aber dazu später.

Also, bei THE ROOMMATE (The Roommate) wollte ich eigentlich nur wissen, wie wohl ein Remake von "Weiblich, ledig, jung sucht..." (1992) für die heutige, junge Zielgruppe aussieht, denn um genau das handelt es sich hier. Nun hatte auch der seine (kleinen) Schwächen und war von anderen Filmen stark beeinflusst, aber er konnte immerhin einen guten Regisseur, einen Meister hinter der Kamera und mit Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh zwei klasse Schauspielerinnen mit Persönlichkeit und Charisma vorweisen (ganz zu schweigen von Komponist Howard Shore). THE ROOMMATE hat von alledem - nichts.

Mir schwante das schon während des todlangweiligen, hundertmal dagewesenen Beginns. Die Hauptdarstellerin und ihre böse Zimmergenossin konnte ich nicht wirklich voneinander unterscheiden, sie sind vollkommen austauschbare Fernseh-Gesichter, oberflächlich hübsch, wenn man auf diesen Typ Girlie steht, aber ansonsten leer, ausdrucks- und farblos. Den Ausschlag zum Abschalten gab dann aber  das 'Meet Cute' unserer Protagonistin mit ihrem Traummann auf einer 'hippen' College-Party. Sie begegnen sich, indem sie unabsichtlich zusammenstoßen, wobei sie ihren Drink verschüttet. Das ist nun wirklich dermaßen originell, dass ich wusste, den Rest des Films kann ich mir getrost sparen. Man weiß sowieso, was kommt. Ohne es gesehen zu haben, würde ich tippen, die böse Mitbewohnerin erledigt ein paar Typen, die ihrer Beziehung zu der neuen Freundin im Weg stehen, steckt vielleicht auch ein paar Kätzchen in Kochtöpfe, bis am Ende die gebeutelte Studentin um ihr Leben kämpfen muss. Gähn. 

Interessant war allerdings der Blick in die 'Deleted Scenes' der DVD. Da findet sich nämlich eine alternative Vorspann-Sequenz, die mit atmosphärischen Bildern und passender Musik die leere Wohnung der beiden Studentinnen zeigt, in der sich bald das Böse einnisten wird. Keine große Kunst, aber gut gemacht, stimmungsvoll, ruhig (!!) und mit wenigstens einem Einfall. In der offiziellen Version hingegen beginnt der Film mit völlig banalen Bildern vom College-Campus und von unserer fröhlichen Protagonistin zu fetziger Musik.
Wer wissen will, was mit dem aktuellen Hollywood-Kino alles nicht in Ordnung ist, der sollte hier einige Antworten finden. Zumindest, was das Mainstream-Kino angeht, finden künstlerische Einfälle nur noch als Deleted Scenes statt. Ich freue mich schon irre auf "Hangover 4" als Special Edition mit Interviews, Audiokommentaren, Bildergalerie, Making of und "Citizen Kane" (1941) als DVD-Bonus.


01/10 (für die ersten 15 Minuten)

Sonntag, 2. Dezember 2012

Cecil B. (2000)

Die schräge Action-Komödie CECIL B. (Cecil B. Demented) ist John Waters' Liebeserklärung an den Independent-Film und seine Lieblingsregisseure. Melanie Griffith spielt hier einen snobistischen Hollywood-Star namens Honey Whitlock (mit deutlichen Bezügen zu Julia Roberts und Konsorten), die zur Premiere ihrer neuesten Romantic Comedy nach Baltimore reist, wo sie in einer spektakulären Aktion vom irren Underground-Filmemacher Cecil B. Demented (Stephen Dorff) und seiner Gang filmbegeisterter Freaks entführt wird. In einem leerstehenden alten Kino planen sie den ultimativen Autorenfilm mit Honey als Gallionsfigur. Die sträubt sich anfangs noch, kann sich aber mehr und mehr mit den Zielen der Gruppe anfreunden und steht bald selbst auf der Seite der Guerilla-Filmer. Gemeinsam stürmen sie Multiplexe, Filmverkaufsveranstaltungen und die Dreharbeiten von "Forrest Gump 2", um der Welt zu beweisen, dass Blockbuster der Tod des Kinos sind...

Wenn man John Waters' Ansichten über die aktuelle Filmlandschaft teilt, dann kann man mit seinem abgefahrenen CECIL B. eine Menge Spaß haben. Zwar erreicht er hier nicht die Klasse und den satirischen Witz seiner besten Werke, aber für unterhaltsamen Trash ist durchweg gesorgt. Als typischer Elefant im Porzellanladen schießt Waters gegen Mainstream à la "Forrest Gump" und Wohlfühl-Kino wie "Patch Adams" ("Patch Adams" braucht keinen Director's Cut! Die Kinofassung war lang genug!"), daneben macht er sich auch über die Unantastbaren der Filmindustrie lustig, wie Katharine Hepburn und David Lean (den er für einen der langweiligsten Regisseure aller Zeiten hält), allein weil er Lust darauf hat. Schon im Vorspann, wenn auf alten, verranzten Kinofassaden die Namen absurder Blockbuster auftauchen, wird klar, dass Waters hier so richtig schön die Sau rauslassen kann.

Dass er Melanie Griffith für CECIL B. gewinnen konnte, die damals noch zur A-Riege gehörte, bevor sie ironischerweise selbst dem Jugendwahn Hollywoods zum Opfer fiel und in die hintere Reihe verbannt wurde, wo sie seitdem versucht, durch bizarre Schönheitsoperationen an einstigem Glamour festzuhalten, ist ein wahrer Glücksfall, und Griffith wirft sich mit Spaß und Verve in die Rolle - so wie es vor ihr Kathleen Turner in "Serial Mom" (1994) tat. Stephen Dorff, der immer gut in B-Movies ist, spielt den wahnsinnigen Cineasten als übergeschnappte Mischung aus Cecil B. DeMille und Erich von Strohheim, und zum Rest seiner Gang jugendlicher Terror-Filmfreaks gehören u.a. Alicia Witt als ehemaliger Pornostar, Maggie Gyllenhaal und Jack Noseworthy. Die üblichen Verdächtigen des Waters-Stammensembles wie Ricki Lake und Mink Stole dürfen ebenfalls nicht fehlen, und wenn im Finale Patricia Hearst auftaucht, die in vielen Waters-Filmen mitspielte, wird spätestens klar, dass der Film natürlich ihre eigene Geschichte erzählt (die Kurzfassung: Millionenerbin Hearst wurde in den 70ern von Terroristen entführt, verliebte sich in den Anführer und raubte mit ihnen Banken aus. Sie machte das Stockholm-, bzw. Helsinki-Syndrom berühmt).

Auch wenn nicht alle Gags zünden, bietet CECIL B. genügend Tempo, Ballereien, Kreischereien, bösen Witz und so viele Insider-Gags, dass die Laufzeit im Flug vorbeigeht. John Waters hat in seinem Leben nie einen auch nur ansatzweise verlogenen Film gemacht. Selbst die gefälligeren Mainstream-Werke wie "Hairspray" (1988) tragen seine unverkennbare Handschrift. In CECIL B. findet er trotz Starbesetzung wieder zurück zum schundigen Underground-Film und sagt offen, was er denkt und was er verabscheut. Er spuckt in mächtige Gesichter der Filmindustrie und huldigt die Außenseiter, die Subversiven, die Eigenständigen und die Unterschätzten - Sam Fuller, Fassbinder, Preminger, Anger und H.G. Lewis sind einige der Namen, die sich Cecils Gang auf die Körper tätowiert hat. In deren Andenken kämpft Waters für den Erhalt des unabhängigen Autorenkinos. Dass CECIL B. nicht jedermanns Sache ist, muss man bei einem Waters nicht dazu sagen. Bitter ist, dass unter Waters' Slapstick sehr viel Wahrheit steckt und man heute feststellen kann, dass er auf verlorenem Posten kämpft.

08/10

Donnerstag, 29. November 2012

Henry - Portrait of a Serial Killer (1986)

Henry (Michael Rooker) ist ein gar nicht so übler Typ. Er kann zuhören, er beschützt Becky (Tracy Arnold), die Schwester seines Freundes Otis (Tom Towles), vor dessen Übergriffen und macht Kellnerinnen  Komplimente über ihr Lächeln. Man könnte Henry fast gern haben, wenn er nicht daneben noch ein brutaler Serienkiller wäre, der wahllos Frauen, Männer und ganze Familien abschlachtet. Henry und Otis, die eine kriminelle Vergangenheit verbindet, ziehen bald gemeinsam zum Töten los und nehmen sogar ihre Untaten auf Video auf, um sie sich zu Hause in gemütlicher Atmosphäre anzuschauen. Henry, Otis und Becky bilden eine bizarre Wohngemeinschaft, und Becky entwickelt zarte Gefühle für Henry, von dessen Morden sie nichts ahnt...

HENRY - PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (Henry - Portrait of a Serial Killer) ist das sensationelle Filmdebüt von John MacNaughton, das mit nur knapp 100.000 Dollar entstand und auf Festivals für Furore sorgte. MacNaughton orientiert sich in seinem Werk, das genremäßig irgendwo zwischen Biopic, Psychodrama und Splatter-Horror angesiedelt ist, an der wahren Geschichte des Serienkillers Henry Lee Lucas. Er benutzt Fragmente aus dessen Leben (wie den Mord an der eigenen Mutter, die ihn misshandelte) aber nur als Hintergrund für eine ganz eigene Geschichte beinahe alltäglicher Gewalt. Seine Kamera ist dokumentarisch, der Blick unverstellt, nüchtern und sachlich - deshalb ist die Sequenz, in der Henry und Otis ins heile Heim einer Familie einbrechen und sämtliche Familienmitglieder quälen und töten, auch so unerträglich. Denn nicht wie in Kubricks "Uhrwerk Orange" (1971) wird die Tat durch Inszenierung und Ausstattung dermaßen over the Top stilisiert (kein 'Singing in the Rain' hier), dass man die tatsächliche Gewalt hinter der Satire nur noch erahnen kann, sondern sie wird dem Zuschauer als das präsentiert, was sie ist - dreckig, widerlich, abstoßend, banal und würdelos.

Dass HENRY ausgerechnet so viele Schwierigkeiten mit der Zensur hatte (in den USA vergingen drei Jahre, bevor der Film in den Kinos gezeigt werden durfte, was zum Teil auch auf die Produzenten zurückging, die mit dem Film nicht zufrieden waren), zeigt das Unverständnis der Filmprüfer bei Fragen der Gewaltdarstellung. Ist sie realistisch und abstoßend, bekommt der Filmemacher Probleme. Mäht ein Action-Held massenweise Extras mit dem Maschinengewehr nieder, geht das in Ordnung. Ebenso wie Sex muss die Gewalt im amerikanischen Kino konsumierbar sein, beides darf nicht in einem realistischen Kontext gezeigt werden. Inwieweit HENRY realistisch ist, vermag ich nicht zu sagen, dazu kenne ich zu wenig Serienkiller und habe auch keine Berührungspunkte mit dem Milieu, das hier gezeigt wird. Aber MacNaughton vermittelt ein gnadenloses Gefühl von Realität. Für Henry ist das Morden so normal wie Nahrungsaufnahme oder der Toilettengang, es gehört zu seinem Leben einfach dazu. Identifizieren kann und soll man sich nicht mit ihm.
Man ist versucht zu sagen, MacNaughton zeigt, ohne zu werten, aber das stimmt nicht ganz, denn er hat einen unübersehbaren Spaß am Tabubruch und legt viel Wert darauf, dass HENRY kein ganz schlechter Kerl ist. Zwischen den Zeilen gibt es in HENRY so viel schwarzen Humor, dass man sich fragen muss, ob er vielleicht als böse Komödie gedacht ist. Dafür spräche besonders der Schlussteil, in dem die Gewaltschraube so heftig überdreht wird, dass sie doch schon wieder zum Cartoon wird. Die makabere Schlusspointe wollen wir auch nicht vergessen. Und die Figur des Otis könnte genau so gut aus einer Sitcom stammen. Das sind die Momente, in denen HENRY dann doch wieder Unterhaltungskino ist.

Michael Rooker zeigt hier eine fantastische Darstellung und hat sich gleich mehrere Eintrittskarten für Hollywood gesichert, wo er seit HENRY in den unterschiedlichsten Rollen zu sehen ist - wenngleich selten in sympathischen Hauptrollen. Er spielt den Massenmörder Henry mit viel Understatement, greift nie auf Klischees zurück, wird selten laut, ist nie das 'Monster', sondern immer der Mann von schlichtem Gemüt, der natürlich auch ein Herz hat, aber ebenso erbarmungslos zuschlagen kann. Ein tumber großer Bruder, den man holt, wenn man Schläge angedroht bekommt. Es ist Michael Rooker, der HENRY so sehenswert macht.

HENRY ist möglicherweise nicht das Meisterwerk, als das er vielfach bejubelt wird. Er ist radikal und ernüchternd (er kann einem perfekt den Abend versauen), und er bleibt lange im Gedächtnis, wenn man ihn einmal verdaut hat. Er will den Täter und seine Taten aber auch nicht wirklich beleuchten oder etwas über den Zustand unserer Gesellschaft sagen, die Menschen wie Henry hervorbringt. Er ist insofern nicht wesentlich anders als der trashige und unterschätzte "Maniac" (1980).
Da sich sowohl Handlung als auch Charaktere kaum entwickeln, bleibt der Film durchweg auf einer Tonart, bietet keine Steigerung des Schreckens. Die Anfangspassagen sind - gerade durch die Aussparung der Gewaltakte (wir sehen lediglich die Opfer nach der Tat, während auf dem Soundtrack ihr zurückliegender Todeskampf zu hören ist) - so stark und eindringlich, dass HENRY kaum noch etwas nachzulegen hat. Die späteren Blutexzesse kommen nie an den suggestiven Beginn heran. Dem österreichischen Beitrag "Angst" (1983) gelingt es aus meiner Sicht besser, direkt hineinzublicken in die Seele des Killers und das Grauen zu spüren, das von dieser menschlichen Bestie ausgeht. Der schaut nicht nur drauf, sondern ist so hautnah dabei, dass man schreien möchte.

Nichtsdestotrotz ist HENRY ein hervorragender und wichtiger Film, gerade für das amerikanische Kino, in dem allzu oft Gewalt zum Spaß wird. Dagegen ist auch grundsätzlich nichts zu sagen, und ich wäre kein Horror-Fan, wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Aber ab und zu sollte man sich daran erinnern, wie und was echte Gewalt wirklich ist, und welche Nachwirkungen sie hat. HENRY hilft uns, das nicht zu vergessen.

08/10

Mittwoch, 28. November 2012

One Hour Photo (2002)

In ONE HOUR PHOTO (One Hour Photo) arbeitet Robin Williams in einem Einkaufszentrum als Techniker eines Fotolabors. Der einsame Angestellte nimmt auf seine Weise Teil am Leben der vielen Fremden, die ihm ihre privatesten Momente offenbaren, wenn sie ihre Filme zur Entwicklung geben. Die junge Familie der attraktiven Connie Nielsen ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Er träumt davon, der gute Onkel zu sein, der zu Hause von seiner Verwandtschaft begrüßt wird, stattdessen lebt er ein vollkommen isoliertes Leben. Mit anderen Worten: er ist ein Soziopath, eine tickende Zeitbombe, die kurz vor der Explosion steht. Als er sich ungefragt in das Privatleben von Nielsen und ihrem Mann einmischt und seinen Job verliert, schlägt seine freundliche Zurückhaltung in Aggressivität um...

ONE HOUR PHOTO wird in einschlägigen Filmlexika als Psycho-Thriller bezeichnet, aber wer den Film mit solchen Erwartungen sieht, wird zwangsläufig enttäuscht werden. ONE HOUR PHOTO ist das differenzierte Psychogramm eines Einzelgängers. Regisseur Mark Romanek ist nach eigenen Aussagen ein Fan des 70er-Kinos über einsame, verlorene Großstädter, denen der letzte Rest Boden unter den Füßen weggezogen wird, à la "Taxi Driver" (1976), und das merkt man seinem Film an. Als Foto-Techniker lebt Williams in einer komplett künstlichen Welt aus gesichtlosen Shopping Malls, genormten Einfamilienhäuserrn und sterilen Apartments. Alles, wonach er sich sehnt, ist ein bisschen Zuneigung, aber die wird ihm von niemandem entgegengebracht. Seine zaghaften Versuche, Kontakt zu den Mitmenschen zu finden, enden stets in Enttäuschung, zumal er durch sein gehemmtes Auftreten bei seiner Umwelt für Unbehagen sorgt - und das zu Recht, denn seine Probleme sind schwerwiegender als er selber ahnt.

Robin Williams spielt diesen Außenseiter mit ungewohnter Zurückhaltung, die man nicht von ihm gewohnt ist, und die deswegen umso effektiver wirkt. Lediglich gegen Ende droht sein Spiel ins Overacting abzugleiten, aber da auch sein Charakter mehr und mehr die Fassung verliert, ist das im Sinne des Drehbuchs gerechtfertigt. Man wird allerdings den Gedanken nie los, ob ONE HOUR PHOTO nicht noch stärker wäre, wenn ein unbekannter Schauspieler die Rolle übernommen hätte (weil die Art, wie Williams hier gegen sein Image anspielt, sehr viel Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, die eigentlich seiner Figur gelten müsste). So ist es eben nicht der unscheinbare Jedermann, der da ins Privatleben Fremder eindringt, sondern immer der verkleidete Hollywood-Star, der von Maske und Makeup zudem noch groteske Züge erhält. Da Williams aber eine makellose Leistung zeigt, soll uns das nicht weiter beschäftigen.

ONE HOUR PHOTO ist ganz auf seinen Star zugeschnitten. Die anderen Schauspieler stellen sich in die zweite Reihe und funktionieren, bleiben aber Staffage. Für das Innenleben seines Protagonisten findet Regisseur Romanek wunderbare, ruhige und unvergessliche Bilder, wie die Foto-Wand in Willams' Apartment, auf der sich ein ganzes Leben abspielt (nämlich das von Nielsens Familie), während er selbst nur gelähmt davorsitzen kann und sich in seinem eigenen Universum nichts bewegt. Der Film verzichtet dankenswerterweise auf jede Art von Küchenpsychologie und wird zudem großartig unterstützt von einem minimalistischen, unter die Haut gehenden Score von Reinhold Heil und Jonny Klimek ("Lola rennt", 1998).

Mark Romanek durfte seinen Film übrigens nicht wie geplant umsetzen, weil das Studio drastische Änderungen verlangte, um ihn kommerzieller zu machen. So wurde er stark gekürzt, einige von Williams' Monologen fielen der Schere zum Opfer, und die Reihenfolge der Szenen wurde getauscht. Die Rahmenhandlung, in der Williams bei der Polizei sitzt und wir seine Geschichte als große Rückblende erfahren, bräuchte ich überhaupt nicht. Das ist aber nur eine kleine Meckerei über einen Film, der in so vielen Bereichen fesseln und auf angenehme Weise beunruhigen kann.

8.5/10

Dienstag, 27. November 2012

Shopping (1986)

Die neueste Errungenschaft einer Einkaufspassage sind drei Wach-Roboter, die zum Schutz vor Ladendieben und anderem Gesindel eingesetzt werden und keinen Spaß verstehen. Was aber, wenn diese Roboter einen Kurzschluss haben und harmlosen Angestellten nachjagen, die sich nach Feierabend in der Mall mit ein bisschen Musik und Sex vergnügen wollen? Dann haben wir einen typischen Film aus der Roger Corman-Schmiede: kurz, knackig, blutig und trashig.

SHOPPING (der im Original den schönen Titel "Chopping Mall" trägt und kurzzeitig auch "Killbots" hieß) wurde von Cormans Ehefrau Julie produziert und bietet ein Szenario, bei dem sich Regisseur Jim Wynorski über diverse Vorbilder lustig machen kann (selbstverständlich nicht allzu intelligent), allen voran den "Terminator" (1984), der Pate für die Killer-Roboter stand. Der letzte zur Strecke gebrachte Roboter schießt allerdings nicht noch einmal aus den Flammen hervor, um nach dem Final Girl zu grapschen. Man wundert sich.

Daneben wird auch George Romero kräftig zitiert, wenn die Eingeschlossenen sich mal eben im Waffenladen bedienen und herumballern als gäb's kein Morgen. Ebenso selbstverständlich ist bei einer Corman-Produktion, dass sich keinerlei Anspruch in den Film verirrt, dafür aber einige Längen zu verzeichnen sind, die hauptsächlich mit den Teenager-Charakteren zu tun haben, welche lediglich als Kanonenfutter herhalten müssen. Als solches geben sie aber gute Zielscheiben ab und werden von den Killbots mit ordentlich Schmackes ins Jenseits befördert. Im wohl besten Moment wird einer kreischenden Nebendarstellerin von den Mordmaschinen im wahrsten Sinne der Kopf weggepustet, und die spannendste Sequenz schildert, wie sich das Final Girl in einer Zoohandlung versteckt, während ganze Armeen von Spinnen und Schlangen über sie drüberkriechen.

SHOPPING ist ganz auf die jugendliche Zielgruppe zugeschnitten, was bedeutet, dass auch ein paar nackte Brüste und durchtrainierte Torsos am Start sind. Zu spielen gibt es für das Ensemble nicht viel, und das ist auch besser so. Sie müssen hübsch aussehen, viel rennen, kreischen und durch Scheiben springen. Unter den Darstellern finden sich übrigens so illustre Genre-Bekannte wie Dick Miller (als Hausmeister Walter Paisley, der von den Robotern unter Strom gesetzt wird), Paul Bartel, Mary Woronov und Barbara Crampton ("Re-Animator", 1985).

Für eine Billigproduktion kann SHOPPING mit ganz ordentlichen Production Values aufwarten. Die Special Effects sind überzeugend, das Roboter-Design sieht besser aus als es müsste, und das Setting bietet genügend Abwechslung für unterhaltsame 80 Minuten.Wer nicht zuviel erwartet, kann sich hier recht kurzweilig amüsieren oder zumindest über die absurden 80er-Frisuren und den schlimmen Synthie-Soundtrack ablachen.

06/10

Sonntag, 25. November 2012

Ausflug in das Grauen (1981)

Der schlechteste Slasher aller Zeiten?
Auf jeden Fall ist er nah dran. Am besten kann man diesen Beitrag so beschreiben: Hätte Edward Wood jr. in den 80ern noch gelebt und Slasherfilme gedreht, würden sie so aussehen wie AUSFLUG IN DAS GRAUEN (Don't Go in the Woods...Alone!). 
Die Zensurbehörden in Deutschland und Großbritannien haben in den 80ern jedenfalls ganze Arbeit geleistet, als sie den Film auf die schwarze Liste setzten und aus dem Verkehr zogen. Hierzulande ist AUSFLUG IN DAS GRAUEN bis heute wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt. Das ist der einzige Grund, warum sich ein kleiner Fankreis gefunden hat und wir überhaupt noch ein Wort über ihn verlieren. Andernfalls wäre er in der Versenkung verschwunden, wo er hingehört, und niemand würde sich an diesen amateurhaften Quark erinnern.

AUSFLUG IN DAS GRAUEN entstand auf dem Höhepunkt der Slasher-Welle Anfang der 80er, als es scheinbar reichte, ein paar Laiendarsteller in die Wälder zu schicken und dort von einem Irren abmurksen zu lassen. Irgendwo in den Bergen und Wäldern Utahs geht also ein primitiver Massenmörder im Fellrock um, der Wanderer, Landschaftsmaler, Picknicker und Camper abschlachtet. Und da hat er alle Pranken voll zu tun, denn in dieser Bergregion geht es zu wie auf einem Bahnhof zur Weihnachtszeit (oder für Berliner: wie an jedem beliebigen Wochentag auf dem S-Bahnsteig).

AUSFLUG IN DAS GRAUEN wurde von James Bryan als Independent-Produktion zusammengeschustert und erfüllt gerade einmal die minimalsten Anforderungen an einen Spielfilm - soll heißen, er dauert ca. 90 Minuten. Ansonsten wird man als Zuschauer mit grässlicher Musikuntermalung berieselt, Charaktere werden nicht entwickelt, sondern tauchen unvermittelt auf und werden in regelmäßigen Abständen blutig ermordet, wobei die Spezialeffekte so preiswert sind, dass sie eher lächerlich wirken. Die Montage ist gelegentlich so schlecht, dass ein Bild nicht zum anderen passt, und es wechseln sich Tag und Nacht innerhalb ein- und derselben Szene fröhlich ab.
Dass die Prüfstellen Schaum vorm Mund bekamen, liegt vermutlich nicht an den Splatter-Effekten, die kein Kleinkind um den Schlaf bringen, sondern am vorherrschenden Zynismus, der vielleicht nicht einmal beabsichtigt war, sondern eher der allgemeinen Inkompetenz entsprang. Da wird z.B. ein Rollstuhlfahrer, der sich - warum auch immer - in die Berge verirrt hat und von 'lustiger' Musik begleitet wird (weil Menschen mit Körperbehinderungen immer für einen Lacher gut sind?) im Vorbeirollen enthauptet, und eine junge Mutter segnet blutig das Zeitliche, während ihr Baby zuschaut. Am Ende stürzen sich dann die letzten Überlebenden auf den Killer und hauen und stechen so lange auf ihn ein, bis er selbst nur noch ein Häufchen Matsch ist. Ob damit ein Kommentar abgegeben werden soll über eine Gewaltbereitschaft oder Urinstinkte, die außerhalb der Zivilisation und unter Extrembedingungen ausbrechen, das wage ich zu bezweifeln, aber Selbstjustiz war noch nie gern gesehen bei den Damen und Herren Filmprüfern.

Als eine Wanderin auf der Flucht vor dem Killer ausgerechnet in dessen zusammengezimmerter Behausung im Wald Schutz sucht, wird sie in der Enge eines Raums dahingemetzelt,  während ein sonnendurchflutetes Fenster ein mögliches Entkommen suggeriert. Das ist die einzige Szene des Films, in der so etwas wie künstlerische Inspiration durchschimmert. Sie ist unangenehm anzuschauen - nicht wegen der Gewalt, sondern wegen der Aussichtslosigkeit und des klaustrophobischen Settings.

Stephen Thrower, Autor des Standardwerks über das amerikanische Independent-Kino, "Nightmare USA",  bejubelt AUSFLUG IN DAS GRAUEN, weil der Film radikal auf rudimentärste Plot-Elemente verzichtet und dem Publikum das gibt, was es offenbar verlangt - eine fortwährende Aneinanderreihung blutiger Morde. Diese Argumentation hat etwas für sich, und man kann den Film tatsächlich subversiver und ehrlicher finden als die klapprigen Handlungsgerüste 'seröserer' Slasher, die zwischen den Mordszenen nur so tun, als hätten sie etwas zu erzählen. Man kann AUSFLUG IN DAS GRAUEN aber auch schlicht zu Trash erklären, der leider nicht einmal in die 'so schlecht, dass er schon wieder gut ist'-Schublade passen will. Er gleicht eher einer Jahrmarkts-Freakshow und ist als solche ein Guilty Pleasure. Man sieht ungläubig zu und staunt, mit wie wenig Mitteln und Verstand ein Film entstehen konnte.
Dass heute noch Special Editions von AUSFLUG IN DAS GRAUEN auf den Markt kommen, dafür sind ironischerweise ausgerechnet die verantwortlich, die ihn gern komplett beseitigt hätten. Insofern gebührt James Bryan ein Sonderapplaus. Wer zuletzt lacht, lacht immer am besten.

03/10

Donnerstag, 22. November 2012

Vor Morgengrauen (1981)

VOR MORGENGRAUEN (Just Before Dawn) kam während der Slasher-Welle Anfang der 80er in die Kinos und ging dort eher sang- und klanglos unter. Auch auf Video wurde er kein Hit, hat sich aber nach und nach einen Kultstatus unter Fans erarbeitet und gilt mittlerweile wegen seiner Abweichungen vom Schema F als einer der interessanteren Beiträge eines Genres, das nicht gerade für Originalität bekannt war.

Der Inhalt hört sich dabei wenig innovativ an: Fünf junge Leute machen eine Tour durch die Wälder Tennessees. Dort aber gehen zwei degenerierte Hinterwäldler um, die jeden Eindringling um die Ecke bringen und auch die Gruppe nach und nach dezimieren. Auf sich allein gestellt, müssen die letzten beiden Ausflügler um ihr Leben kämpfen...

Das klare Vorbild von VOR MORGENGRAUEN ist weniger John Carpenter als vielmehr John Boormans "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972), dem er in Handlungs- und Figurenführung folgt. Auch hier wird mit Gregg Henry ein scheinbar zäher Überlebenskünstler eingeführt, der sich als nutzlos in Gefahrensituationen erweist, während seine scheue, unauffällige Partnerin Deborah Benson über sich hinauswachsen und am Ende die Killer allein bezwingen muss - ganz genau, wie es die von Burt Reynolds und Jon Voight gespielten Charaktere in Boormans Film vorgemacht haben. VOR MORGENGRAUEN trug den Arbeitstitel "The Tennessee Mountain Murders", was die Nähe zu einem weiteren bekannten Kultfilm andeutet. Für die Mordlust der Hinterwäldler gibt es keine Erklärung. Sie repräsentieren das grausame Gesetz der Natur, dem sich die Zivilisierten unterordnen müssen. Deshalb muss Deborah Benson im Finale auf nackte Gewalt und Urinstinkte zurückgreifen, wenn sie den letzten Killer zur Strecke bringt und ihm - eine Szene, die wir so noch nie gesehen haben und auch nie wieder sehen werden - ihre Faust bis zum Unterarm in die Kehle rammt und ihn langsam erstickt.

Das klingt brutal, aber VOR MORGENGRAUEN hält sich mit Splatter sehr zurück und setzt stattdessen auf Atmosphäre und Suspense. Dafür sorgen nicht nur die stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen, sondern auch die eigenwillige Musik von Brad Fidel. Bereits in der Anfangssequenz verlässt der Film wohltuend die Slasher-Schablone, in dem nicht ein kreischender Teenager ermordet wird, sondern ein erwachsener Mann, und das auf sehr unangenehme, eindeutig sexuelle Weise. Auch später gibt es immer wieder Brüche in der Formel, und mehrere Szenen bleiben im Gedächtnis - wie die, in der eine nackte Ausflüglerin im Wasserfall badet und sich von ihrem herumalbernden Lover befummelt glaubt - bis sie diesen am anderen Ufer entdeckt und merkt, dass es wohl nicht seine Hände sind, die da unter Wasser nach ihr grapschen. Schön ist auch der Moment, in dem eine weitere Protagonistin sich in einer Kirche verschanzt und durchs Fenster den vermeintlichen Mörder draußen beobachtet, bis der zweite Mörder - von dem wir bis dahin alle nichts wussten - hinter ihr auftaucht. Ebenso gelungen ist das Spiel mit einem wichtigen Requisit - einer Notfall-Pfeife, die früh (unschuldig) eingeführt wird und konsequent bis zum Ende an Bedeutung gewinnt. Das Pfeifen wird auch im experimentellen Soundtrack wieder aufgegriffen. Das sind alles gute Ideen, die eine Sorgfalt zeigen, welche andere Beiträge des Genres vermissen lassen.

Die Besetzung spielt nicht weltbewegend, aber solide. Neben Chris Lemmon (Sohn von Jack) und dem aus Brian de Palmas Werken bekannten Gregg Henry ist George Kennedy das bekannteste Gesicht. Er spielt den Park Ranger, der mit seinen Topfpflanzen spricht, ist aber für den Handlungsverlauf nicht weiter wichtig. Regisseur Jeff Lieberman ist zuvor bereits mit dem Wurm-Horror "Squirm" (1975) und dem Kultfilm "Blue Sunshine" (1978) positiv aufgefallen und zeigt auch in VOR MORGENGRAUEN, dass er scheinbar ausgelutschten Geschichten noch ein paar bizarre neue Seiten abgewinnen kann.
Das alles ergibt natürlich kein überragendes Filmerlebnis, und zwischen den guten Einfällen hängt VOR MORGENGRAUEN auch mehrfach durch (was auch an den uninteressanten Charakteren liegt), aber was das Backwoods-Subgenre angeht, gibt es wesentlich schwächere Werke. Jeff Lieberman hält VOR MORGENGRAUEN übrigens für seinen besten Film (ich würde da "Blue Sunshine" bevorzugen). Leider hat er als Regisseur danach nichts Sehenswertes mehr zustande gebracht.

07/10

Dienstag, 20. November 2012

Starkstrom (1982)

Der kanadische Horror-Thriller STARKSTROM (Murder by Phone / Bells) ist offensichtlich stark von David Cronenbergs "Scanners" (1981) beeinflusst, der im Jahr zuvor die Kinokassen zum Klingeln und auf der Leinwand Körper und Köpfe zum Explodieren brachte. In diesem Nachfolger geht es um einen gemeingefährlichen Irren, der aus Rachsucht Menschen - Sie ahnen es - per Telefon umbringt. Der bärtige Richard Chamberlain geht den Morden auf den Grund und findet dabei noch eine attraktive Partnerin (Sarah Botsford), die er schließlich vor dem Wahnsinnigen retten muss.

STARKSTROM beginnt spektakulär in einer U-Bahn-Station, wo eine junge Frau ans öffentliche Telefon geht und von dem Verrückten unter Starkstrom gesetzt wird, bis sie aus allen Körperöffnungen blutet und mit lautem Knall über den gesamten Bahnsteig bis zur Rolltreppe geschleudert wird. Wenn das mal kein Paukenschlag ist, dann weiß ich es auch nicht.
Leider sind die Mordszenen überhaupt das einzig Sehenswerte an STARKSTROM. Sie sind in schöner Regelmäßigkeit über den Film verteilt und laufen zwar grundsätzlich alle nach dem gleichen Prinzip ab (die Opfer fangen an zu vibrieren, dann bluten sie, und schließlich landen sie mit großem Peng! samt Funkenflug am anderen Ende des Zimmers, gerne in Glasvitrinen oder Küchenschränken), können aber jedesmal wieder begeistern und sind mit Schmackes inszeniert und geschnitten. Dazwischen herrscht dann gähnende Langeweile, weil der Thriller viel zu langsam dahinkriecht. Schade, weil Richard Chamberlain wie immer gut spielt. Seine Recherchen aber sind entsetzlich öde, die Liebesgeschichte interessiert keine Sau, und da es sich hier um eine kanadische Produktion handelt, sind die Sets unattraktiv grau in grau und lassen die bizarre Fantasie eines Cronenberg vermissen, der die Tristesse in verstörenden Bildern einzufangen wusste. Der Mann im Regiestuhl heißt hier aber Michael Anderson, und der hat einige Kultfilme wie "Flucht ins 23. Jahrhundert" (1976) oder "Orca, der Killerwal" (1977) gedreht, ein wirklich guter Film aber ist ihm - jedenfalls nach meinem Geschmack - nie gelungen. Obwohl, doch, halt, der Hitchcock'sche "Flüsternde Schatten" von 1958 ist sehr schön geworden ("Das Quiller-Memorandum" von 1966 ist auch nicht so schlecht).

Viel mehr gibt es auch schon nicht zu sagen - außer, dass John Barry einen klasse Score für STARKSTROM komponiert hat, der wenigstens ein bisschen Atmosphäre bringt, und dass Schauspiel-Veteran John Houseman mit seinen 70 Jahren ebenfalls per Telefon blutig um die Ecke gebracht wird.
Gegen Ende gibt es eine einigermaßen spannende Sequenz, in welcher der anonyme Terror-Anrufer zurückverfolgt werden soll (mit hübschen Aufnahmen von klappernden Relais und durchs Innere von Telefonleitungen), und dessen Ableben ist ebenfalls hübsch saftig (der Starkstrom wird zu ihm zurückgeleitet, wobei ihm die Augen aus dem Kopf ploppen). Zuvor bemüht sich STARKSTROM um ein bisschen Suspense, wenn sowohl der Killer als auch Chamberlain gleichzeitig versuchen, die Hauptdarstellerin telefonisch zu erreichen und man als Zuschauer nicht weiß, welcher von beiden sie da anklingelt. 

Der Film endet allerdings mit einer der blödesten Einstellungen, die ich je gesehen habe. Ein grinsender Chamberlain hält ein Telefon hoch, das Bild wird eingefroren, dann hört man das ominöse Grummeln, das zuvor stets einen Mord ankündigte, und bumms, da kommt der Abspann über Fotos von Telefonen. Äh, wie bitte? Lebt der unheimliche Serien-Anrufer jetzt weiter? Oder will Michael Anderson nur dem Klischee folgen, dass der Böse in Horrorfilmen am Ende immer noch mal aufmuckt? Man weiß es nicht. Will man auch gar nicht wissen. Hauptsache, es ist vorbei.

4.5/10

Montag, 19. November 2012

The Drifter (1988)

Nachdem Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre" (1987) Michael Douglas' Kaninchen in den Kochtopf steckte und der Thriller zum Welterfolg und Tagesgespräch wurde, mussten andere Produzenten nachziehen. Alsbald wurde der außereheliche One Night Stand im Kino als Schreckensereignis auserkoren, das stets schicksalhafte Folgen nach sich zog. Die Formel wurde dabei kaum variiert. In THE DRIFTER (The Drifter) wechseln lediglich die Geschlechterrollen. Soll niemand behaupten, dass Hollywood nicht originell sein kann!

Die schöne Kim Delaney hat hier alles, was frau sich wünscht, bzw. sich wünschen soll - einen erfolgreichen Beruf als Modedesignerin, einen attraktiven Freund, eine beste Freundin und ein eigenes Apartment. Dass sie eine Vorliebe für Psychopathen hat, zeigt die Besetzung ihres Freundes mit Timothy Bottoms, dem irren Massenmörder aus "Achterbahn" (1977). Da Delaney keine ganz feste Bindung eingehen und auf eigenen Füßen stehen möchte, muss der Film sie nun umgehend dafür bestrafen. Also nimmt sie einen mysteriösen Anhalter (Miles O'Keefe) mit, verbringt eine heiße Nacht mit ihm in einem Motel und verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen. Der Anhalter gibt aber nicht so schnell auf und stellt ihr nach. Bald schon ist die beste Freundin tot, und Delaney muss sich der Tatsache stellen, dass ihr Aufriss ein Psychopath ist - oder etwa doch nicht?

Man muss es THE DRIFTER lassen, dass er zumindest im letzten Akt durch einige wenige überraschende Wendungen versucht, das bekannte Schema zu verlassen. Das macht die Sache aber nicht viel besser. Dem Vorbild "verhängnisvolle Affäre" wurde gemeinhin Frauenfeindlichkeit unterstellt, weil er die arbeitende Single-Frau als Höllenmonster zeichnete. THE DRIFTER bemüht sich, die arbeitende Singlefrau als Opfer männlicher Kontrollsucht darzustellen, nur geht der Schuss nach hinten los, weil wir dadurch eine passive Heldin haben, die sich nicht nur nie selbst zu helfen weiß und sich ahnungslos in tödliche Gefahren begibt, sondern die sich auch noch am Ende (Vorsicht, Spoiler! - Wenn Sie vorhaben, den Film noch zu sehen - auch wenn ich nicht wüsste, warum - bitte nicht weiterlesen) ausgerechnet dem Kerl an den Hals schmeißt, vor dem sie die ganze Zeit Todesangst hatte, und das nur, weil er sich plötzlich als Beschützter aufspielt. Merke: Frauen können sich ja gerne beruflich verwirklichen und - wenn's sein muss - auch wählen dürfen, aber wenn es ums körperliche Wohl geht, muss ein Mann her, am besten einer mit Muckis und ordentlich was in der Hose.
Die Botschaft an die Männer ist auch nicht besser: Wenn Frauen 'Nein' sagen, meinen sie eigentlich: 'Stell' mir ruhig so lange nach, ruf an und belästige mich, bis ich meine Meinung vielleicht ändere'. Dann mal los.  

Diesen modernen Neandertaler spielt Miles O'Keefe mit der ihm eigenen Ausdruckslosigkeit, die er schon als "Tarzan, Herr des Urwalds" (1981) unter Beweis stellte. Er sieht aus wie das Fleisch gewordene Cover eines Barbara Cartland-Romans, trägt eine Wallemähne, fährt Motorrad und kennt sich beim Sex aus, hat aber Null Persönlichkeit. Ist es das, was Frauen wollen, oder will uns der Film das nur weismachen? Kim Delaney, die nicht zu den schlechtesten Schauspielerinnen gehört, hat sicher etwas Besseres verdient als diesen Macho aus dem Quelle-Katalog. Durch O'Keefe bekommt der Film aber immerhin einen gewissen Trash-Charme, auch wenn er sich dafür nicht viel kaufen kann.

Was den Thriller angeht, der ist nur streckenweise interessant oder spannend, er plätschert die meiste Zeit ganz unterhaltsam vor sich hin. THE DRIFTER ist eine Billig-Produktion, die auf einen erfolgreichen Zug aufspringen möchte, bleibt aber durchweg bieder und mag nicht einmal mit freizügiger Erotik schockieren. Das Mikro hängt gelegentlich im Bild, und die Ausstattung ist so minimal, dass man nicht einmal das Apartment unserer Hauptdarstellerin glaubt, weil es aussieht, als hätte man schnell ein paar Bretter zusammengetackert. THE DRIFTER erschien bei uns nur auf Video und ist bislang nicht als DVD erhältlich. Muss auch nicht sein, solange Meisterwerke wie "Die Wendeltreppe" (1945) noch nicht erhältlich sind.

03/10

Samstag, 17. November 2012

Ameisen! (1977)

Ich erinnere mich noch gern zurück an die frühen 80er, als die ARD eine Katastrophenfilm-Reihe zeigte, in der neben bekannten Klassikern wie "Erdbeben" (1975) auch weniger bekannte Titel liefen, so auch der amerikanische TV-Film AMEISEN (Ants! / It Happened at Lakewood Manor), der bei mir heftiges Kribbeln auslöste (er lief übrigens unter dem Titel "Hotel des Todes"). Ich weiß, der Film ist nicht gut, aber als ich ihn jüngst wieder sah, überfiel mich tatsächlich erneut dieses unangenehme Gefühl. Wer mag es schon, wenn tausende Ameisen über die nackte Haut krabbeln - außer ein paar S/M-Anhängern, womöglich.

AMEISEN (der auf Video den schönen Untertitel "Die Rache der schwarzen Königin" trägt, welche aber im Film überhaupt nicht vorkommt) erzählt von einem Hotel am See, das von der im Rollstuhl sitzenden Myrna Loy geführt wird. Die soll das Hotel an einen schmierigen Geschäftsmann verkaufen, dessen schöne Assistentin von Suzanne Somers gespielt wird. Somers dürfte einigen Nostalgikern noch als Chrissy aus der Sitcom  "Herzbube mit zwei Damen" (Three's Company) in Erinnerung sein. Neben dem Hotel wird gerade gebaut, und die Baggerarbeiten setzen Millionen von Ameisen frei, deren Bisse aufgrund chemischer Abfälle tödlich sind. Bald schon wird das Hotel von den Krabblern belagert...

AMEISEN gehört zum damals beliebten Genre des Tierhorrors, hält sich aber vom Ablauf her dicht an das Szenario einschlägiger Katastrophenfilme, insbesondere "Flammendes Inferno" (1974). Hier wie dort bahnt sich das Grauen langsam an, bis dann die letzten Eingeschlossenen, die sich im obersten Stockwerk verschanzt haben, mit waghalsigen Rettungsaktionen daraus befreit werden müssen. Diese Aktionen gehen mal gut, mal schief, sorgen aber für einige Abwechslung. Natürlich kann sich AMEISEN nicht wirklich mit einem Multimillionen-Blockbuster messen, aber für seine Verhältnisse fällt er ziemlich gut aus. Die Handlungsstränge laufen wie üblich auf Seifenopern-Niveau ab, sind aber solide gespielt und erinnern an eine gute Folge aus dem "Denver-Clan".

Neben Hollywood-Altstar Myrna Loy wirken noch Bekannte wie Bernie Casey, Brian Dennehy, Linda Day George und Robert Foxworth als kerniger Held mit. Foxworth ist - das sage ich immer wieder gern - einer meiner Lieblingsdarsteller aus den 70ern. Er hat schon gegen mutierte Kaulquappen in "Die Prophezeiung" (1979) gekämpft und sich in "Damien - Omen II" (1978) mit dem pubertierenden Satan persönlich verbündet. Mit seinen stahlblauen Augen und der tödlichen Intensität ist er genau der zupackende Typ, den man sich wünscht, wenn Ameisenscharen über einen herfallen - mal abgesehen von der Tatsache, dass er überhaupt erst für die Ameisen-Armee verantwortlich ist, weil er wie ein Besessener in der Baggergrube herumschaufelt, nachdem ihm keiner glauben mag, dass die Ameisen für die Todesfälle im Hotel verantwortlich sind.

Da es sich hier um ein TV Movie handelt, ist der Splatterfaktor selbstverständlich nahe Null. Ein kleiner Junge hüpft in den Müllcontainer und kommt - von Ameisen bedeckt - wieder heraus, ein spanischer Koch wird beim Sahneschlagen erwischt, und die arme Suzanne Somers wird von den Ameisen zerbissen, nachdem sie mit ihrem potthässlichen Widerling von Boss in die Laken gehüpft ist und auch noch so tun musste, als würde sie auf das Ekelpaket stehen. Man fragt sich, welches Schicksal schlimmer ist. Der Chef stürzt sich am Ende drei Stockwerke tief in den Swimmingpool, um sich von den Ameisen zu befreien. Der Pool ist aber leider leer. Shit Happens.

Lobenswert ist hier - ähnlich wir im Kultfilm "Mörderspinnen" (1977) - der überzeugende Einsatz echter Ameisen, mit denen es sicherlich kein einfacher Dreh war. Zwar sehen mit zunehmender Anzahl die Viecher verdächtig wie schwarz gefärbte Reiskörner aus, aber das Finale kann einem schon das große Kribbeln bescheren. Da müssen die drei letzten Überlebenden still dasitzen und durch gerollte Tapetenstücke atmen, während die Ameisen in wirklich großen Stückzahlen über sie drüberkrabbeln. Das macht nicht jeder Schauspieler mit. Unfreiwillig komisch wird es dann, wenn die Rettungsmannschaft dazukommt und erst mal das Zimmer und die Protagonisten mit Insektenvertilgungsmittel einnebelt. ich bin kein Wissenschaftler, aber ob das so gesund ist?

Das große Problem des Films ist natürlich - machen wir uns nichts vor - dass Ameisen per se nicht bedrohlich wirken. Und man fragt sich schon, warum die Eingeschlossenen sich nicht einfach hundert Klamotten überwerfen (die in einem Hotel nicht schwer aufzutreiben sind) und mal eben schnell aus dem Haus rennen, um sich draußen von der Feuerwehr abspritzen zu lassen - so wie die es mit den Gaffern macht, die durch den Staub, den ein eintreffender Hubschrauber aufwirbelt, mit Ameisen bombardiert werden. Aber was soll's? Würden sich Filmfiguren immer intelligent verhalten, gäbe es wahrscheinlich nur zwei bis drei Horrorfilme pro Jahr.

Wie gut oder schlecht ein Vertreter des Tierhorrors ist, muss jeder für sich danach entscheiden, wie sehr es ihn persönlich beim Anblick der Biester gruselt. Da ich Krabbeltiere nicht besonders mag (bei Schlangen, Ratten und Fröschen habe ich keine Probleme), geht mir ein Film wie AMEISEN schon unter die Haut. Insofern hat der Film sein Ziel bei mir erreicht. Empfehlen würde ich ihn deswegen nicht.

07/10 (keine objektive Wertung)

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