Freitag, 3. August 2012

Große Lüge Lylah Clare (1968)

Neben Western und Kriegsfilmen hat sich Regisseur Robert Aldrich - wie in seinem größten Hit "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1962) - häufig der Gnadenlosigkeit der Unterhaltungsindustrie angenommen und diese in schrillen, teils grotesken Schauermärchen an den Pranger gestellt.
GROSSE LÜGE LYLAH CLARE (The Legend of Lylah Clare), den er selbst produzierte, gehört zu seinen bizarrsten Filmen und ist dank einiger absoluter Geschmacksentgleisungen ein Klassiker des Camp Cinema geworden, jener Filme, die so schrecklich sind, dass man sie lieben muss. Anders als ein "Tal der Puppen" (1967) aber, der aufgrund seiner naiven Inkompetenz begeistert, sind es hier eher die falschen Entscheidungen und seltsamen Einfälle, die LYLAH CLARE so unbeschreiblich sinnlos und unterhaltsam machen.

Worum geht es? Die junge Schauspielerin Elsa (Kim Novak) sieht einer vor 20 Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Leinwandgöttin namens Lylah Clare (ebenfalls Kim Novak) zum Verwechseln ähnlich und wird von Lylahs ehemaligem Ehemann und Regisseur (Peter Finch) verpflichtet, in einem Film über Lylah die Titelrolle zu spielen. Elsa wird in Lylah verwandelt und der staunenden Presse vorgeführt, kurz darauf scheint sie aber vom Geist des toten Stars besessen und weiß bald nicht mehr, wer sie eigentlich ist. Und da sie ihrem Vorbild haargenau folgt, scheint auch ihr Ableben bevorzustehen...

Das Offensichtliche zuerst. Wenn man einen Film über einen Regisseur macht, der eine mausgraue Schauspielerin in das Ebenbild einer verstorbenen, mondänen Blondine verwandelt, die dazu noch zu Lebzeiten unter Höhenangst litt (!!), und diese dann mit Kim Novak besetzt - ist das Satire, ein Anflug von Genialität, eine augenzwinkernde Hommage oder schlicht eine ganz bescheuerte Idee? Schneller als man hier "Vertigo" (1958) sagen kann, wird also die arme Kim wieder mal zum Vamp umgestylt, das Problem ist nur, dass sie auch spielen muss, während Hitchcock klug genug war, ganz auf Novaks geheimnisvolle Ausstrahlung zu setzen und ihr möglichst wenig Text zu geben.
Als Lylah Clare muss Novak wilde Hasstiraden schwingen, ihren Kopf in den Nacken werfen und böse lachen ("Ha-ha, ich bin böse und ich liiiiebe es, böse zu sein!" - Diese Art eben). Jeder ihrer 'Besessenheits'-Ausbrüche ist so schlecht gespielt, dass man sich a) fremdschämt und b) fragt, ob das alles Absicht sein soll oder schlicht passiert ist. Novak fühlt sich offensichtlich extrem unwohl (sie nestelt ständig an irgendwas herum), und niemand kommt der armen Frau zu Hilfe, weder die Kamera, die sie oft in unvorteilhaften Posen fotografiert, noch die Makeup-Abteilung, die ihr einen Look verpasst, der nichts mit Hollywood-Stars der 30er zu tun hat (Lylah soll eine Art Marlene Dietrich sein), und schon gar nicht Aldrich, der mehr damit beschäftigt ist, den italienischen Nebendarstellerinnen Rossella Falk und Valentina Cortese erfolglos zu einer einigermaßen verständlichen Aussprache zu verhelfen.

Der Hammer kommt aber noch. Nach Fertigstellung des Films beschloss Aldrich, Kim Novak nachträglich synchronisieren zu lassen, und zwar in den Momenten, wenn der Geist der toten Lylah sie 'überfällt'. Da spricht sie dann plötzlich mit einer tiefen, rauchigen Männerstimme und deutschem Akzent (Lylah und Elsa haben deutsche Wurzeln und nennen alle Männer 'Drecksau', wenn sie gerade in Rage sind), was ungefähr so klingt wie die Teufelsstimme von Linda Blair im "Exorzisten" (1974). Das ist so schräg, dass einem der Kopf um 360° rotiert (ebenfalls wie bei Linda Blair). Der Kopf rotiert ungehemmt weiter, wenn Aldrich absurde Schwarzweiß-Rückblenden einbaut, die wie Szenen eines billigen Horrorfilms wirken, und in denen plötzlich rotes Zeichentrick-Blut spritzt. Ebenso sprachlos ist man, wenn Komponist Frank DeVol nach Mord und Totschlag im Abspann fröhliche Melodien einspielt, zu denen ein imaginärer Damenchor regelmäßig "Cha-cha-cha" haucht. An dieser Stelle sollte der Kopf dann endgültig explodieren.

Dann wäre da noch Peter Finch, ein toller Schauspieler, der aber ein Vierteljahrhundert zu jung für seine Rolle ist, immerhin soll er bereits vor 20 Jahren mit Lylah Filme gedreht und seinen Star geheiratet haben (in der Hochzeitsnacht stellte sich heraus, dass Lylah eine Lesbe ist - ups!). So wie Finch aussieht, wäre er zu jener Zeit ungefähr 11 gewesen. Finchs darstellerische Leistung ist trotzdem hervorragend, ebenso die seiner Kollegen Ernest Borgnine und Coral Browne, die bereits in Aldrichs "Das Doppelleben der Sister George" (1968) eine bösartige Lesbe spielen durfte und hier als Louella Parsons-Verschnitt mit Holzbein und im Rollstuhl eine noch fiesere Klatschkolumnistin gibt, die Kim Novak mit dem Gehstock malträtiert, bevor die wieder ihre Exorzistenstimme auspackt und der Dame die Leviten liest.
Der lesbische Part kommt hier Rossella Falk zu, die nebenbei noch an der Heroinnadel hängt und Elsa liebevoll zeigt, wie Lylah sich immer die Haare bürstete, à la Miss Danvers in "Rebecca" (1940). Aldrich borgt nicht nur reichlich bei Hitchcock, er verwurstet auch noch "Sunset Boulevard" (1950) und so ziemlich alle anderen Filme, die von Dramen hinter den Hollywood-Kulissen handeln.

Wovon LYLAH CLARE selbst handelt, das bleibt völlig unklar. Für eine Satire fehlt der Humor (der freiwillige, wohlgemerkt, unfreiwilligen gibt es ohne Ende), für ein Melodram sind die Charaktere zu gefühllos. Sämtliche Figuren sind entweder irre, sadistisch oder von Toten besessen. Die Darsteller werfen sich unablässig gehässige Spitzen an den Kopf (herrlich!), prügeln sich herum oder werfen Vasen durch Fenster (die Fenster sind in Anschnitten stets wie auf wundersame Weise wieder ganz...). Zum Finale überschlagen sich die Ereignisse, und Aldrich endet LYLAH CLARE mit einem Hundefutter-Werbespot (??). Der soll wohl bedeuten, dass Hollywood ein Haifischbecken ist, in dem jeder jeden zerfleischt, und das wäre auch nicht das erste Mal, dass Aldrich Kritik am Hollywood-System übt. Was er uns aber genau sagen will, wer weiß? Ein paar zynische Kommentare über die künstliche Fabrikation von Legenden gibt es durchaus, aber mehr nicht. Alles andere ist so over the top und sinnfrei, dass LYLAH CLARE nur eines sein kann: ein Fest für Trash-Liebhaber.

Bleibt noch zu erwähnen, dass LYLAH CLARE ein totaler Flop war. Die Werbekampagne versuchte erstmals in der Geschichte, auf den bewussten Camp-Charme des Films zu setzen (mit einer am Daumen nuckelnden Novak auf dem Poster), doch dafür war die Zeit noch nicht reif. Die wenigen Kritiker, die sich den Film ansahen, zerrissen ihn in der Luft. Kim Novak spielte nach LYLAH CLARE nie wieder eine Hauptrolle in einem amerikanischen Film, was lustig ist, wenn man bedenkt, wovon LYLAH CLARE handelt. Lange war Aldrichs Film verschollen, bis er kürzlich von Warner Brothers in deren "Archive Collection" auf DVD veröffentlicht wurde. Ein wunderbarer Film für feucht-fröhliche Video-Abende. Ich liebe ihn!

09/10


"Nimm das, du Schlampe!"
Kim Novak in "Lylah Clare"


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