Dienstag, 31. Januar 2012

DVD-Veröffentlichung: Teufelskreis Y (1968)

Für Ende Februar 2012 ist eine doch sensationelle DVD-Veröffentlichung angekündigt, und zwar handelt es sich um den britischen Psycho-Thriller TEUFELSKREIS Y (Twisted Nerve), der hierzulande so gut wie nie zu sehen war, in Fankreisen aber aus verschiedenen Gründen Kultstatus genießt. Der Film von Roy Boulting, der deutlich von Hitchcocks "Psycho" (1960) inspiriert ist, erzählt von einem jungen Mann (Hywel Bennett), dessen geistig zurückgebliebener Bruder in einer Anstalt lebt, und der selbst eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt, unter der er seine mörderischen Aggressionen auslebt.
TEUFELSKREIS Y wurde seinerzeit äußerst kontrovers diskutiert und ist danach mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden. Junge Zuschauer werden vor allem das gepfiffene Titelthema von Bernard Herrmann wieder erkennen, das Quentin Tarantino in "Kill Bill" (2003) für Daryl Hannahs Krankenhaus-Auftritt verwendete und gern als Klingelton zu hören ist.

Die deutsche DVD erscheint in der Reihe "Special Screenings"von MMB-TV und enthält sowohl die vollständige Fassung, als auch die um 10 Minuten gekürzte, alte deutsche Kinoversion. Man darf gespannt sein. Die ausführliche Rezension zum Film steht hier.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Hysteria (1965)

Und hier haben wir noch einen Beitrag aus der Psycho-Horror-Ecke der Hammer-Studios. Freddie Francis, der für Hammer schon "Haus des Grauens" (1963) und "Der Satan mit den langen Wimpern" (1964) inszenierte, legte mit HYSTERIA den Abschluss seiner Trilogie vor, für den Hitchcock deutlich Pate stand. Das Drehbuch stammt wie üblich vom versierten Jimmy Sangster, der hier einen straff konstruierten und wendungsreichen Thriller schrieb. HYSTERIA floppte an den Kinokassen und ist heute fast völlig in Vergessenheit geraten. In Deutschland wurde er nie gezeigt.

Robert Webber spielt in HYSTERIA einen Amerikaner, der plötzlich in einem Londoner Krankenhaus aufwacht, nachdem er einen Autounfall überlebte. Er kann sich weder erinnern, was er in England macht, noch wer er eigentlich ist. Ein Unbekannter bezahlt seine Krankenhausrechnung und hat ihm ein luxuriöses Apartment im obersten Stockwerk eines hohen Gebäudes eingerichtet. Wer dieser Gönner ist, niemand weiß es. Nachts hört Webber ein Paar in der Wohnung nebenan streiten, doch diese steht leer. Dann wird er Ohrenzeuge eines Mordes. Ein Privatdetektiv, den er einschaltet, kommt auch nicht hinter das Geheimnis. Eine mysteriöse Schönheit (Lelia Goldoni) scheint der Schlüssel zu sein. Will man unseren Helden in den Wahnsinn treiben, oder soll er für eine raffinierte Intrige benutzt werden? Finden Sie es heraus!

Wobei, einfach zu finden ist HYSTERIA weißgott nicht, dank seines obskuren Status'. Dennoch gefällt mir dieser Thriller weitaus besser als andere Hammer-Filme ähnlicher Machart, etwa der ereignislose "Maniac" (1963). Das liegt einerseits an Robert Webber, der eine gute Leistung als verwirrter Protagonist zeigt, zum anderen ist Freddie Francis ein erfahrener Regisseur und kann trotz geringen Budgets einiges aus dem Stoff herausholen und das Tempo anziehen. Vor allem ist es aber Sangsters durchdachtes Buch, das Spaß macht und genug Fragen aufwirft, auf deren Beantwortung man gespannt wartet. Wer hinter dieser "Treiben wir den labilen Mann in den Wahnsinn"-Nummer steckt, ist schnell klar, denn es gibt eigentlich nur einen Verdächtigen, der es besonders 'gut' mit Webber meint, und das ist in den meisten Fällen der Täter.

Bis zur Auflösung gibt es einige klare Hitchcock-Anspielungen wie das Fleischermesser vor laufender Dusche, den etwas schmierigen Privatdetektiv und eine unerwartete Rückblende, in der die Ereignisse vor Webbers Krankenhausaufenthalt geschildert werden. Einzig störend ist die jazzige Filmmusik, die nicht zu dieser Art Thriller passt und zu sehr noir sein möchte. Sie trägt die Hauptschuld daran, dass HYSTERIA nicht gut gealtert ist und heute einen mehr als angestaubten Eindruck macht. Ein Bernard Herrmann hätte da Wunder gewirkt, aber den muss man sich auch leisten können (und wollen).
Alles in allem ist HYSTERIA ein unterhaltsamer Thriller, der sich nicht um Charaktere oder Glaubwürdigkeit bemüht, sondern sich nur um das Funktionieren der Story kümmert. Das gelingt ihm ziemlich gut. Pflichtprogramm würde ich ihn aber nicht nennen, und Francis' erste Beiträge seiner "Psycho"-Trilogie sind eindeutig sehenswerter.

07/10

Dienstag, 24. Januar 2012

Die Ausgekochten (1963)

Neben den klassischen Gruselstoffen wie "Dracula" und "Frankenstein" versuchten sich die britischen Hammer-Studios Anfang der 60er auch an zeitgenössischen Psycho-Thrillern mit Horror-Touch im Stil von Hitchcocks "Psycho" (1960) und Clouzots "Die Teuflischen" (1955). Zu den erfolgreichsten Beiträgen dieser Reihe zählen der wundervolle "Ein Toter spielt Klavier" (1961) und "Haus des Grauens" (1963).
Der kaum bekannte DIE AUSGEKOCHTEN (Maniac) wurde wie so oft von Routinier Jimmy Sangster verfasst, weist aber deutliche Schwächen auf und kann mit den oben genannten Werken trotz einiger Überraschungen nicht mithalten.

Die Handlung spielt in Frankreich, in der ländlichen Gegend der Camargue, wo der amerikanische Schriftsteller Paul (Kerwin Mathews) nach einem Krach mit seiner Freundin in einer Kneipe strandet. Dort freundet er sich zunächst mit der jungen Annette (Liliana Brousse) an, dann beginnt er ein Techtelmechtel mit deren Stiefmutter Eve (Nadia Gray), der die Bar gehört. Eves Ehemann sitzt in einer Nervenheilanstalt, seit er vor Jahren den Vergewaltiger der Tochter mit einem Schneidbrenner ermordete. Eve schlägt Paul vor, den Gatten zu befreien, damit dieser ihr im Gegenzug die Kneipe überschreibt. Paul lässt sich darauf ein, ahnt aber nicht, dass er für einen ganz anderen, teuflischeren Plan missbraucht wird...

Wie üblich darf man in einem Sangster-Script niemandem trauen, und natürlich stellt sich ein raffiniert eingefädelter Plan nur als Finte heraus, um an viel Geld zu kommen und die Unschuldigen dabei über die Klippe springen zu lassen. DIE AUSGEKOCHTEN (bereits der deutsche Titel lässt keinen Zweifel an der Verwandtschaft mit Clouzots Film) beginnt mit einem durchaus packenden Mord, konzentriert sich dann aber über weite Strecken auf die Liebesgeschichte und verzettelt sich darin. Bis der Thriller endlich losgeht, muss sich der Zuschauer über die halbe Laufzeit des Films mit romantischen Szenerien begnügen, die nicht einmal sonderlich gut gespielt sind. Den Darstellern fehlt leider jegliches Charisma, mit Ausnahme des inhaftierten Schneidbrenner-Schwingers, der von Donald Houston mit passend irrem Gehabe interpretiert wird. Warum als Schauplatz ausgerechnet Frankreich gewählt wurde, bleibt unklar. So müssen die britischen Darsteller allesamt mit aufgesetzten Akzenten à la Inspektor Clouseau sprechen. Da vermisst man sowohl eine anständig kreischende Heldin wie Susan Strasberg oder einen furiosen Ränkeschmieder wie Oliver Reed, die in den besseren Hammer-Beiträgen nachdrücklich überzeugt haben. Auch ein Regisseur wie Freddie Francis wäre hilfreich gewesen.

DIE AUSGEKOCHTEN plätschert dahin, bis im letzten Drittel dann die überraschenden Wendungen eintreffen, auf die man schon sehnsüchtig wartet, die aber den Gesamteindruck des Films nur unwesentlich verbessern. Auf Gruseleffekte legt Regisseur Michael Carreras wenig Wert, lediglich Kameramann Wilkie Cooper, der schon Hitchcocks "Die rote Lola" (1950) fotografierte, sorgt für ein paar hübsche Schwarzweiß-Bilder in Cinemascope. Unterm Strich bleibt ein unbefriedigender, kleiner Psycho-Krimi aus der Rubrik "muss man nicht gesehen haben".

05/10

Samstag, 21. Januar 2012

Pink Flamingos (1972)

"One of the most vile, stupid and repulsive films ever made" wetterte die Daily Variety bei Erscheinen von PINK FLAMINGOS - was Regisseur John Waters nur als Kompliment auffassen konnte, denn genau das war seine Absicht.

In Waters' wohl größtem Underground-Erfolg spielt Drag Queen Divine die Trailerpark-Diva Babs Johnson, die wegen Mordes und anderer Scheußlichkeiten von der Polizei gesucht wird und mit ihrer degenerierten Familie in einem Campingwagen lebt, dessen Vorgarten die titelgebenden rosa Plastikflamingos zieren. Das Auge wohnt ja schließlich auch mit. Als ein örtliches Schmierblatt Divine zur "Filthiest Person Alive" (widerlichste lebende Person) erklärt, weckt das den Zorn der Marbles (Mink Stole und David Lochary), ein ebenso verabscheuungswürdiges Pärchen, das einen erfolgreichen Adoptionsservice betreibt, hinter dessen Kulissen Frauen entführt, künstlich befruchtet und deren Babys an lesbische Paare verhökert werden. Bald beginnt eine Schlammschlacht um den Titel "Filthiest People Alive" zwischen den Familien, in deren Verlauf es zu jeder Menge Ekel, Mord und Totschlag kommt...

Nein, hübsch anzuschauen ist dieser Trash nicht, der weder für schwache Mägen noch für sensible Gemüter und schon gar nicht für politisch korrekte Zeitgenossen geeignet ist, was ironischerweise den Schock-Faktor in den Jahren nur erhöht hat. Je braver die Zeiten werden, umso mehr wächst das Potential von PINK FLAMINGOS, sein Publikum zu verblüffen und abzustoßen. Waters selbst nannte seinen Film einen 'Anti-Hippie-Film für Hippies', die PINK FLAMINGOS in den Mitternachtsvorstellungen zum Renner machten. Wie üblich kennt Waters dabei keine Geschmacksgrenzen. Seine Vorbilder sind Kenneth Anger, Hershell Gordon Lewis und die Filme der Warhol-Factory. 12.000 Dollar standen Waters zur Verfügung für seine Ode an den Brechreiz, das Geld stammte von Papa Waters, der das Werk seines Sprösslings aber nie gesehen hat, worüber der berühmte Sohn heute noch froh ist.

Um in der Sprache von PINK FLAMINGOS zu bleiben: Waters legt seinen Finger nicht auf die Wunden Amerikas, sondern steckt ihn tief in Amerikas Po. Als Entertainer bewegt sich Waters zwischen Rummelplatz-Freakshow und Arthouse-Satire, seine Darsteller sind zu jeder fröhlichen Abscheulichkeit bereit. Divine stiehlt ein Steak im örtlichen Kaufmannsladen, indem sie es sich unter den Rock und zwischen die Schenkel steckt, später uriniert sie in einen Vorgarten und leckt die Möbel der verhassten Marbles ab, um sie mit einem Fluch zu belegen - was sie so erregt, dass sie ihrem Sohnemann (Danny Mills) gleich an Ort und Stelle einen bläst. Divines Mama (Edith Massey) hockt den ganzen Tag in einem Baby-Laufgitter und treibt es mit dem Eiermann, der ihr jeden Tag frische Eier bringt. Die Marbles schicken Divine Fäkalien im Geschenk-Karton, lutschen sich gegenseitig an den Zehen und befruchten die gefangenen Frauen in ihrem Kellerverlies mit Sperma-Injektionen. Auf einer Gartenparty tritt ein nackter Beatnik auf, der Kunststücke mit dem nackten Anus vorführt, eine Gruppe Polizisten wird von Divines Gang ermordet und verspeist (in einer blutigen Hommage an Romeros "Nacht der lebenden Toten", 1968), und nach einer Spontan-Gerichtsverhandlung werden die Marbles geteert, gefedert und standrechtlich erschossen.
Berühmt-berüchtigt aber wurde PINK FLAMINGOS vor allem durch die letzte Szene, in der Divine einen frischen Hundehaufen verspeist, den der Pudel von Casting-Frau Pat Moran auf den Gehsteig setzt. Der Film endet mit einem strahlend-braunen Lächeln ('A Shit-Eating Grin', wie Waters es nannte) der Drag Queen nach getaner Arbeit.

Dass die Filme von John Waters nicht jedermanns Geschmack sind, das muss man nicht mehr erwähnen. Seine Underground-Werke sind bewusste Angriffe auf das Mainstream-Kino und das Nervenkostüm der Zuschauer. Die einen zeigten sich begeistert und verhalfen PINK FLAMINGOS zu einem fantastischen Ruf, die anderen überschlugen sich mit Zensur, Verboten und Verrissen. Kalt hat der Film niemanden gelassen, und auch heute, 40 Jahre später, hat er nichts von seiner Wirkung verloren, im Gegenteil. Dass er technisch stümperhaft ist und mehr als eine Länge aufweist, mindert seinen ruppigen Charme nur wenig. Und wer genug hat von gepflegter Langeweile im Arthouse-Kino oder politisch korrektem Stumpfsinn im Mainstream, der wird sich bei diesem Klassiker des subversiven Kinos zünftig unterhalten fühlen.

08/10

Samstag, 14. Januar 2012

Macabre (1958)

Der Kleinstadtarzt Rodney Barret (William Prince) läuft nachts mit seiner Sprechstundenhilfe (Jacqueline Scott) über einen nebligen Friedhof, um seine kleine Tochter zu finden, die von einem Unbekannten entführt und lebendig begraben wurde. Nur wenige Stunden Zeit bleiben Barret, um sie zu finden, bevor sie erstickt. Der örtliche Sheriff (Jim Backus) ist auch keine Hilfe, denn der hält Barret für schuldig am Tod von dessen Ehefrau und deren blinder Schwester. Wer spielt ein hinterhältiges Spiel mit Barret? Oder steckt er selbst hinter den mysteriösen Ereignissen? Eine Beerdigung bringt es schließlich an den Tag...

Gimmick-Meister William Castle verpfändete sein Haus, um MACABRE (Macabre), seinen ersten Spielfilm und Ausflug ins Gruselgenre, unabhängig zu produzieren. Noch war Hitchcocks "Psycho" (1960) nicht erschienen, dessen Erfolg er später unermüdlich zu kopieren versuchte. In MACABRE nimmt er sich stattdessen Clouzots "Die Teuflischen" (1955) zum Vorbild. So ist dann auch der Plot weniger dem Horror- als dem Thrillergenre zuzurechnen (was übrigens - streng genommen - auch auf "Psycho" zutrifft). Trotzdem verbreitet er mit seiner Nebelmaschine und den makaberen Schauplätzen (Friedhof, Bestattungsinstitut) viel billige Gothic-Atmosphäre, um die Nerven seines Publikums zu strapazieren.

Für die Vermarktung von MACABRE setzte Castle seinen ersten Gimmick ein, der gleich wie eine Bombe einschlug. Die Zuschauer wurden bei jeder Vorstellung mit 1000 Dollar für den Tod durch nackte Angst ("Death of Fright") versichert - ausgenommen Herzkranke und Menschen, die in selbstmörderischer Absicht ins Kino gekommen sind, wie ein Sprecher zu Beginn des Films erklärt. Selbstverständlich wurde diese Versicherung nie in Anspruch genommen. Nicht nur, weil das Ganze ohnehin nur ein Gag war, sondern auch, weil es in MACABRE eigentlich keine Momente gibt, die jemanden zu Tode erschrecken könnten (anders als bei Clouzot). Der heftigste 'Schocker' ist eine blutüberströmte Leiche, die in einer Gruft in der Ecke steht, was die Hauptdarstellerin zu einem zünftigen Kreischanfall veranlasst.

Ansonsten ist MACABRE eher nett-unterhaltsam und leidlich spannend durch den Timelock, der zu Beginn gesetzt wird. Leider sehen wir weder das Kind vor seiner Entführung, noch hören wir das Telefonat, in dem der Täter diese verkündet. Da beides nur im Off geschieht, hält sich das Mitzittern stark in Grenzen. Um die Hintergründe der Geschichte zu erläutern, baut Castle zudem an mehreren Stellen ausführliche Rückblenden ein, die das Fortschreiten des Plots verzögern. Glücklicherweise nimmt sich MACABRE selbst nicht sonderlich ernst und gibt nie vor, mehr zu sein, als er ist. Das macht alle Filme Castles so sympathisch. Hier soll der Zuschauer sich 70 Minuten lang hübsch unterhalten und ein bisschen gruseln, und als Belohnung gibt es am Ende eine überraschende Wendung, die beim zweiten Sehen nicht sonderlich viel Sinn ergibt. Für einen echten Thriller aus Castles Hand sollte es noch ein paar Jahre (und Hitchcock) brauchen, aber der Regisseur stand hier auch erst am Anfang seiner Showman-Karriere.

MACABRE ist kürzlich in einer sehr schönen DVD-Edition erschienen, die ich ausdrücklich empfehlen möchte. Neben dem Film in der 16:9-Version, der alten Vollbild-Kinofassung und der Super 8-Version enthält sie eine weitere DVD mit der sehenswerten, 80-minütigen Dokumentation "Spine Tingler! The William Castle-Story" aus dem Jahr 2007.

07/10

Freitag, 13. Januar 2012

Paranoid Park (2007)

Der introvertierte, 16-jährige Alex (Gabe Nevins) ist begeisterter Skater. In seinem Leben passiert nichts Aufregendes, bis er im berüchtigten Eastside Skate Park, der von den Skatern 'Paranoid Park' genannt wird, fährt und ein Unglück geschieht. Durch Alex' Schuld kommt ein Wachmann ums Leben. Diese Tat verfolgt den Jungen. Die Polizei kommt in die Schule und verhört alle Skater. Alex zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Um mit seiner Schuld umzugehen, schreibt er einen Brief, den er danach verbrennt. Das Leben geht weiter. Unaufgeregt. Ereignislos...

Gus Van Sant macht wieder Arthouse-Kino mit großem 'A', das Einblick in Portlands Jugendkultur vermittelt, die fernab von Ideologie, Engagement oder Interessen jenseits des eigenen Alltags nur um sich selbst kreist. Ein unbeabsichtigter Mord geht scheinbar ebenso spurlos an seinem Protagonisten vorbei wie alles andere. Innerlich ist er schon zerwühlt, aber man sieht es ihm kaum an. Das liegt auch an der Besetzung mit Laiendarstellern, die Gus Van Sant hauptsächlich über Internet-Portale wie "Myspace" zusammengesammelt hat. So kann man in Hauptdarsteller Gabe Nevins zwar viel hineinlesen, eine wirklich klare Emotion kann er aber nicht spielen. Bezeichnend ist eine Sequenz, in der er während einer Autofahrt verschiedene Musiktitel aus dem Radio hört und dabei unterschiedliche emotionale Zustände zeigen soll, tatsächlich schaut aber immer auf die gleiche Art bedröppelt aus der Wäsche. Die Beschränkung auf Laiendarsteller sorgt so zwar für ein starkes Gefühl der Authentizität, verhindert aber Identifikation und differenzierte Auseinandersetzung. Alex bleibt ein Rätsel - für den Zuschauer, seine Umgebung und für den Film.
Mich hat PARANOID PARK (Paranoid Park) an den deutschen Arthouse-Beitrag "Bungalow" (2002) erinnert, in dem auch ein 'echter' Skater statt eines gelernten Schauspielers die Hauptrolle übernommen hat, und der ebenfalls von der 'Generation Ziellos' handelt. Hier wie da überwiegen Zustandsbeschreibungen, die außer dem Realitätsgehalt kaum unter die Oberfläche gelangen. So bleibt der Blick Van Sants durchweg dokumentarisch. Dabei hätte er eigentlich alle Zutaten für ein saftiges Jugenddrama zur Hand, aber das interessiert ihn nicht weiter.

Fantastisch hingegen ist die Kameraarbeit von Christopher Doyle, mit ihren hypnotischen Bildern. Auch die Musikauswahl Van Sants ist gelungen. Wie schon in "Elephant" (2003) folgt die Kamera dem Protagonisten wie ein unsichtbarer Schatten, und die Szenen der Skateboarder sind weniger modern-aufgeregt als vielmehr psychedelisch. Hier schweben die Kids in ihren ganz eigenen Sphären. Dass der Film sich in diesen melancholischen Momenten verliert, ist verständlich, aber auch schade. Die artifizielle Erzählweise mit ihrer verschobenen Chronologie suggeriert Komplexität, führt aber zu keiner neuen Deutungsebene, und die Langsamkeit wirkt - ebenso wie die endlosen Skater-Szenen - auf Dauer ermüdend, weil sie keine neuen Türen öffnet. Durchbrochen wird dieser Schwebezustand nur durch den Moment der Gewalt. Die Szene mit dem von einem Zug zweigeteilten Wachmann, der mit losgelöstem Oberkörper und anklagendem Blick auf Alex zukriecht, ist in ihrer Drastik allerdings unfreiwillig komisch.

Es stellt sich die Frage, für wen PARANOID PARK gemacht ist. Die Generation, die er darstellt, dürfte sich bei der filmischen Aufarbeitung ihrer Befindlichkeiten eher langweilen, das erwachsenere Klientel muss schon viel guten Willen mitbringen, um sich für eine Studie desinteressierter Jugendlicher, die in ihrem eigenen Kosmos gefangen sind, zu begeistern. Die Kritiken zum Film reichen von 'todlangweilig' und 'prätentiös' bis 'Meisterwerk'. Meine Einschätzung liegt irgendwo dazwischen. Mich hat Van Sants Film nie wirklich erreicht oder gepackt, sehenswert ist er wegen seiner formalen Virtuosität aber trotzdem.

05/10

Donnerstag, 12. Januar 2012

Der unheimliche Gast (1944)

Die Geschwister Roderick (Ray Milland) und Pamela (Ruth Hussey) kaufen spontan ein altes Landhaus, das direkt an der Steilküste Cornwalls steht, und das auch noch zum Schnäppchenpreis. Für den gibt es allerdings einen Grund, wie die beiden bald herausfinden, denn in dem alten Haus spukt es. Nachts hört man unheimliches Weinen, und ein Zimmer mit herrlicher Aussicht wird niemals warm. Blumen verwelken dort in Sekunden. Was ist in diesem Haus passiert, und was hat die schöne Tochter des Verkäufers (Gail Russell) damit zu tun?

DER UNHEIMLICHE GAST (The Uninvited) gehört zu den bliebetesten Klassikern des Geisterfilms. Wer ihn als Kind gesehen hat, wird sich noch an die wohlige Gänsehaut erinnern, die er bereitet hat, mit seinen stimmungsvollen Schwarzweiß-Bildern, den sparsamen, aber gelungenen Trickeffekten (eigentlich nur ein Zeitraffer bei den verwelkenden Blumen und eine neblige Geistererscheinung) und den hervorragenden Schauspielern. Sieht man ihn als Erwachsener, weist er auch ein paar Schwächen auf, etwa einen Hang zum Melodramatischen, die etwas ungeschickten Ausflüge ins Humorfach, und eine Überbetonung der schwülstigen Filmmusik von Victor Young, wo schlichte Stille womöglich effektiver wäre.

Trotzdem kann dieser unheimliche Gast immer noch überzeugen. Er ist sorgfältig ausgestattet und von Lewis Allen (dessen Spielfilmdebüt DER UNHEIMLICHE GAST war) straff inszeniert. Anklänge an Hitchcocks "Rebecca" (1940) sind nicht zufällig und bereichern die Geistergeschichte. Vor allem ist es aber die Kameraarbeit von Charles Lang, die dem Film seine unheimliche Atmosphäre verleiht. Wenn Milland und Hussey nachts mit Kerzen durchs Haus wandern, ist um sie herum nur sattes Schwarz. Was sich in dieser Dunkelheit befindet, das macht die Spannung aus.
Und dann ist da noch die junge, schöne Gail Russell, eine tragische Figur Hollywoods. Sie befand sich noch am Anfang ihrer Karriere und sollte von Paramount zum Star aufgebaut werden. Ihr ausgeprägtes Lampenfieber betäubte sie mit Alkohol, der ihr zum Verhängnis wurde. Sie starb 1961 im Alter von 36 Jahren an den Folgen ihrer Alkoholsucht. Im UNHEIMLICHEN GAST spielt sie Stella, die zerbrechliche Tochter einer Selbstmörderin, die nun im Haus umgeht und ihr Unglück beklagt. Das Wehklagen der toten Mutter zieht Stella immer wieder an die Steilküste, in den Abgrund. Diese düstere Parallele verstärkt noch den Reiz dieses Gruslers, von dessen Art ich mir mehr wünschte. Die Zeit von solch subtilen Geistergeschichten ist aber wegen ihrer Unaufdringlichkeit eindeutig abgelaufen. Umso schöner ist das Wiedersehen mit diesem Juwel meiner Kindheit.

08/10


Da kann man schon mal die Nerven verlieren -
Milland, Russell und Hussey in "The Uninvited"

Sonntag, 8. Januar 2012

Kino-Liste: Die zehn besten Spukhaus-Filme

Unheimliche Schlösser, alte Landhäuser, knarrende Türen und Frauen, die im Nachtgewand, mit Kerzenleuchtern in der Hand, endlose Korridore hinabwandern, während wehende Vorhänge den Blick auf das Böse dahinter verbergen. Das sind die Zutaten meines liebsten Subgenres, dem Spukhaus-Film. Was haben mir diese Filme für eine schöne Gänsehaut beschert, damals, heute und für alle Zeiten. Oder wie die Zwillinge in Kubricks "Shining" sagen: "Für immer. Für immer..."

1. Schloss des Schreckens (1961)

"Es war nur der Wind", meinen die beiden engelhaften Kinder, aber deren Gouvernante, Miss Giddens, weiß es besser: es war der Gärtner. Können Kinder Monster sein, oder ist die liebe Miss Giddens mit ihrer religiösen Erziehung das Unheil in Person? Sie hat es doch nur gut gemeint. Jack Claytons Meisterwerk über die Schatten der Nacht, Gesichter hinter Fensterscheiben und verdorbene Unschuld. Ausführliche Rezension hier.


2. Bis das Blut gefriert (1963)

Eleanor hat endlich ein Zuhause gefunden, und es war nicht Theo, die ihre Hand so fest gedrückt hat. In der Nacht. Eine Spukgeschichte über eine junge alte Jungfer, die sich aus Einsamkeit ins Reich der Geister begibt. In der Nacht. "Sie können das Haus billig haben", sagt Russ Tamblyn, vom Zynismus befreit, angesichts atmender Türen in 'Hill House'. In der Nacht. Ausführliche Rezension hier.


3. Shining (1980)

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, also schnell noch einmal angeschaut, dieses Schauerstück von Stanley Kubrick über verschlungene Labyrinthe in den Korridoren des Overlook-Hotels und im Geist von Jack Nicholson. "Du würdest Mama und mir doch nie etwas tun, oder?" Von wegen! Was heißt eigentlich 'Redrum'? Ausführliche Rezension hier.


4. Landhaus der toten Seelen (1976)

Der Traum aller Hausbesitzer: das Landhaus der Familie Allerdice erneuert sich selbst! Das spart die Handwerker und jede Menge Ärger - fast. Man muss nur seine Seele dafür opfern. Karen Black verwandelt sich in Mrs. Bates, Oliver Reed landet in der Frontscheibe seines Wagens, und der armen alten, kettenrauchenden Bette Davis wird die letzte Lebensenergie ausgesaugt. Schwund ist immer. Wenn der Chauffeur lächelt, kommt das Grauen. Ausführliche Rezension hier.


5. Das Waisenhaus (2007)

Keine Angst, die wollen nur spielen. Die Kinder des alten Waisenhauses langweilen sich im Jenseits und suchen neue Spielgefährten. Zuerst holen sie Lauras Sohn, dann Laura selbst. Nicht umdrehen, sie stehen genau hinter dir! Ein wundervolles Drama um Abschied und Loslassen. Ausführliche Rezension hier.


6. Das Grauen (1980)

George C. Scott verliert verliert zwar Frau und Kind, bekommt aber ein echtes Spukhaus. Das Trommeln in der Nacht stammt von einem ertränkten Kind, das auch gerne unsichtbar im Rollstuhl durchs Haus geistert, mit Bällen wirft und ein verrücktes Medium in den Wahnsinn treibt. Schuld ist wieder mal die Politik. Ausführliche Rezension hier.


7. Tanz der Totenköpfe (1973)

Auf 'Hill House' folgt 'Hell House', und wieder stolpern Geisterforscher ins Unglück. In einer Hauptrolle: Pamela Franklin, britische Scream Queen, die als junges Mädchen Deborah Kerr in den Wahnsinn getrieben hat (siehe Platz 1 der Liste). Kaum der Pubertät entronnen und zur Frau erblüht, wird sie auch schon vom Geist des Hauses vergewaltigt, der gern auch als schwarze Katze unterwegs ist. Da helfen keine Maschinen. Ausführliche Rezension hier.


8. Zimmer 1408 (2007)

Könnte mal jemand die Klimaanlage runterschalten? Oder hoch? John Cusack glaubt nicht an Gespenster, aber das Zimmer 1408 im Dolphin Hotel belehrt ihn eines Besseren. Oder hat er beim Surfen nur einen zu heftigen Schlag abbekommen? Wenn Samuel L. Jackson dir sagt, du sollst Leine ziehen, überleg' dir lieber zweimal, was du tust. Ausführliche Rezension hier.


9. Der unheimliche Gast (1940)

Wenn man ein altes, englisches Landhaus an der Steilküste sehr günstig erwerben kann, sollte man stets in die Vergangenheit schauen. Es könnte sein, dass dort ein Geist umgeht, Blumen in Sekunden welken und kalte Räume schwer zu heizen sind. Hätte man das den Geschwistern Ray Milland und Ruth Hussey vorher gesagt, hätten sie vielleicht nicht die Bekanntschaft mit ihrem unheimlichen Gast gemacht.


10. AMITYVILLE HORROR (1979)

"For God's Sake, Get Out!" Im Amity-Haus, das mit seinen Dachfenstern so unheimlich in die Landschaft glotzt, sind ein paar Morde geschehen. Ein Schnäppchen, selbstverständlich (siehe oben), aber mit geringem Budget nimmt man auch ein paar hundert Fliegen in Kauf. Merke: wenn Nonnen, die zu Besuch sind, in den Vorgarten göbeln, kommt bald der Hausherr mit der Axt um die Ecke. Besonders fies: dieses Haus lässt sogar Geld verschwinden! Ausführliche Rezension hier.



BONUS

Eine besondere Erwähnung verdient die "Avengers"-Folge "Weekend auf dem Lande" (The Joker, 1967), in der Emma Peel (Diana Rigg) von einem psychopathischen Ex-Liebhaber, den sie ins Gefängnis brachte, in einem einsamen Landhaus mit Blumen, Liebesliedern und Löchern in Tapeten terrorisiert wird. Kein Spuk, nein, aber toll.


Und die Ehrung für den schlechtesten Spukhaus-Film aller Zeiten geht an Steven Spielberg und Jan De Bont, die mit "Das Geisterschloss" (The Haunting, 1999) nicht nur bewiesen haben, dass Remakes von Meisterwerken grundsätzlich eine dämliche Idee sind (ja, Herr von Sant, damit sind auch Sie gemeint), sondern dass sie nicht mal ansatzweise verstanden haben, was Horror und Grusel bedeuten. Dabei sollte es zumindest einer der beiden besser wissen.

Morjen, Kinder, wie kommen wir aus diesem Haus raus?
Oder noch besser - aus diesem Film?



Zimmer 1408 (2007)

Im Zimmer 1408 des Dolphin Hotels in New York spukt es. Sagt man. Das will Mike Enslin (John Cusack), Autor von Spukhaus-Führern, ganz genau wissen, denn nach all den Übernachtungen in angeblichen Geistergemäuern ist ihm nie ein übersinnliches Phänomen begegnet. Der Hotelmanager (Samuel L. Jackson) des Dolphin warnt ihn eindringlich davor, die Nacht im Zimmer 1408 zu verbringen, da dort bereits 56 Leute zu Tode kamen, aber Mike besteht darauf. Schnell merkt er, dass es in 1408 tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht. Oder bildet er sich das alles nur ein?

Der Schwede Mikael Håfström inszenierte ZIMMER 1408 (1408) nach einer Kurzgeschichte von Stephen King, der seit "The Shining" (1980), auf den der Regisseur mehrfach anspielt, Erfahrung mit Spukhotels hat. Während die Torture Porn-Welle für volle Kassen sorgt, lässt Håfström seinen Grusel langsam angehen, entwirft zunächst mit der Figur des Zynikers Mike Enslin einen interessanten Protagonisten und lässt das Grauen nach und nach über ihn hereinbrechen. Die Spezialeffekte werden anfangs nur sparsam eingesetzt, was zur Wirkung der Schauergeschichte beiträgt. Der Horror im Zimmer 1408 entsteht lediglich aus alltäglichen Details. Ein Radiowecker spielt immer dasselbe Lied, eine Toilettenpapierrolle ist immer frisch gefaltet, obwohl weit und breit kein Zimmermädchen zu sehen war, die Klimaanlage regelt sich selbst. Wenn der Zimmerwecker seinen Countdown startet und von 60 Minuten herunterzählt (an deren Ende Cusacks Filmtod geschehen soll, wenn es nach den Regeln des Zimmers geht), bleiben dem Film ebenfalls genau noch 60 Minuten Laufzeit.

Der Schlüssel zum Gelingen dieses schleichenden Grauens ist die lange Dialogszene zwischen John Cusack und Samuel L. Jackson vor Enslins Einzug, in der so viele Erwartungen geweckt werden, dass man atemlos zusieht, wie sich der Terror entwickelt. Diese Szene ist nicht nur brillant von beiden Darstellern gespielt, sondern entscheidend wichtig für den gesamten Film. Alles, was danach kommt, wird durch diese Szene gespeist.
Der zweite entscheidende Punkt, der ZIMMER 1408 als Horrorfilm guter Schule ausmacht, ist die Tatsache, dass der Film an der Oberfläche zwar von einem Spukhotel handelt, in Wahrheit aber etwas ganz anderes erzählt, nämlich die Selbstfindung eines durch Trauer und Verlust gezeichneten Menschen, der anhand der Ereignisse ein persönliches Trauma verarbeiten und (womöglich) loslassen kann. Der Spuk dient lediglich als Katalysator. Erst nach und nach erfahren wir, was es mit unserem Protagonisten wirklich auf sich hat, und ob die Erlebnisse in 1408 für ihn (und uns) real sind. Diese Art, eine emotionale Geschichte mit den Mitteln des Horrorfilms zu erzählen und sie dadurch zu bereichern, wird leider viel zu selten genutzt. Robert Wise macht es in "The Haunting" (1963) vor, dessen Vorlage zu Stephen Kings Lieblingsbüchern zählt.

Leider verlässt sich Regisseur Håfström nicht ganz auf seine Fähigkeit, subtilen Grusel zu inszenieren (oder er wurde dazu genötigt, um das junge Zielpublikum nicht ganz aus den Augen zu verlieren), weswegen im letzten Drittel sowohl die Spezialeffekte etwas Überhand nehmen und mindestens eine überraschende Wendung zu viel kommt. Zudem findet er kein wirklich befriedigendes Ende für seine Geschichte (das auf der DVD enthaltene, alternative Ende ist auch nicht besser). Das schmälert den positiven Gesamteindruck aber nur minimal. In seinen besten Szenen erreicht er meisterhafte Vorbilder wie den "Mieter" (1976) oder "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973). Wenn John Cusack im Haus gegenüber eine Gestalt sieht und um Hilfe winkt, bevor er erkennt, dass er sich selbst sieht (Polanski lässt grüßen), woraufhin er von einer Horror-Gestalt im eigenen Zimmer angegriffen wird, braucht man auch als Genre-erprobter Zuschauer starke Nerven.
Hier muss noch einmal John Cusack gelobt werden, der 90 % des Films alleine agiert. Dafür braucht man eine starke Präsenz, damit das Publikum mitgeht. Cusack spielt nicht nur überzeugend eine ganze Palette von Emotionen (von spöttischer Ablehnung über Neugier bis zu panischer Angst und tiefer Trauer), er baut stets auch feinen Humor in seine Darstellung ein, damit der Ein-Mann-Psychoterror nie zu deprimierend wird.

Überflüssig zu bemerken, dass viele der "Hostel"- und "Saw"-Fans den Film altmodisch und langweilig fanden. Trotzdem war er einer der finanziell erfolgreichsten King-Verfilmungen aller Zeiten. Für mich bleibt ZIMMER 1408 wegen des sorgfältigen Spannungsaufbaus und der vielen guten Einfälle einer der besseren Horrorfilme der letzten zehn Jahre.

8.5/10

Noch 60 Minuten - John Cusack in "1408"


Samstag, 7. Januar 2012

Ein Richter sieht rot (1982)

Aufgrund von Verfahrensfehlern und illegal beschaffter Beweismittel durch die Polizei werden immer wieder überführte Verbrecher auf freien Fuß gelassen. Das lässt den jungen Richter Hardin (Michael Douglas) langsam am Sinn des amerikanischen Rechtssystems zweifeln. Sein Mentor und Kollege Caulfield (Hal Holbrook) weiht ihn daraufhin in ein streng gehütetes Geheimnis ein - in der 'Star Chamber' haben sich Richter zusammengefunden, die Urteile fällen, vollstrecken und Killer auf freigelassene Täter ansetzen, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hardin zögert zunächst, schließt sich dann aber der Gruppe an. Als er merkt, dass zwei von der 'Star Chamber' verurteilte Kriminelle unschuldig sind, will er das Verfahren stoppen, doch der Killer ist bereits unterwegs...

Schwund ist immer. Das ist ungefähr die Haltung der 'Star Chamber' und ihrer Mitglieder zum Thema "unschuldig zum Tode verurteilt". Und damit sind die Herren und Damen Richter auch nicht besser als das marode Rechtssystem oder die Kriminellen, auf die sie zur Jagd blasen. Dass man es schwer mitansehen kann, wenn überführte Täter auf freien Fuß kommen, das nutzt Regisseur Peter Hyams in seinem Thriller EIN RICHTER SIEHT ROT (The Star Chamber) gnadenlos aus und präsentiert sämtliche vor Gericht stehende Verdächtige als widerlichen, kiffenden Abschaum (zumeist von ausländischer Herkunft oder dunkler Hautfarbe), die Opfer dagegen als brave, aufrechte (zumeist weiße) Bürger, die - wenn sie das Gesetz in die eigene Hand nehmen - den Beifall des Publikums verdienen (sollen). Fast rührend naiv werden dem Zuschauer die Taten der Verbrecher als besonders verabscheuungswürdig vorgeführt. Zwei von ihnen vergewaltigen und töten Kinder, einer bringt ältere Damen um, die gerade ihre kleine Rente von der Bank geholt haben, als sie gemeuchelt wurden. Wohlgemerkt eine kleine Rente, so viel Zeit muss sein.

Dass man bei so grobschlächtiger Vorgehensweise nicht wirklich etwas Differenziertes zum Thema Selbstjustiz sagen kann (oder will), dürfte klar sein. EIN RICHTER SIEHT ROT weist bereits alle Charakteristika des 80er-Jahre-Films auf. Komplexe Themen, die in den 70ern noch zu prallem, intelligentem Kino geführt hätten, verkommen hier zu bloßem Emotionshintergrund für einen stilisierten Thriller, der immer schön an der Oberfläche bleibt. So ist dann auch das letzte Drittel, in welchem Michael Douglas die Mühlen der Selbstjustiz aufhalten muss, sehr spannend geraten, der Film als Ganzes lässt aber jede ernsthafte Auseinandersetzung vermissen. Das wird am deutlichsten in der Tatsache, dass unser Held erst am fragwürdigen System der privaten Verurteilung zweifelt, als wieder Unschuldige dran glauben müssen. Womit der Film klarstellt, dass wahrscheinlich niemand ein Problem mit der Rächer-Organisation bekommen hätte (Douglas eingeschlossen), wenn sie tadellos 'funktioniert' hätte. Der Fehler liegt also im menschlichen Versagen, nicht in der Sache selbst. Das ist dann gerade schon erstaunlich blind gegenüber offensichtlicher Fragen nach Recht und Unrecht.

Michael Douglas ist als verzweifelter Held natürlich die Idealbesetzung für so eine Rolle. Man nimmt es ihm nicht übel, wenn er sich auf die 'dunkle Seite' schlägt, man leidet mit ihm, wenn er Verbrecher gehen lassen muss, und man ist bei ihm, wenn er sich selbst in Gefahr begibt. Auch die Nebendarsteller sind hervorragend. In den ersten Dritteln wird deutlich zu viel geredet, was daran liegt, dass jede Information und Gefühlsäußerung mindestens dreimal ausgesprochen wird ("Ich weiß nicht mehr, was richtig und falsch ist. Was ist aus unserem Rechtssystem geworden? Gibt es überhaupt Gerechtigkeit?" und so weiter). Das letzte Drittel ist dagegen äußerst sehenswert wegen einiger packender Set-Pieces.

Man kann EIN RICHTER SIEHT ROT ganz gut mit dem Grisham-Thriller "Die Firma" (1993) vergleichen. In beiden Filmen wird ein junger Held in düstere Machenschaften gezogen, denen er sich anschließen oder widersetzen kann (Zufall, dass Hal Holbrook in beiden Filmen mitspielt?). In der "Firma" zieht sich der Protagonist weitaus raffinierter aus der Affäre, nachdem auch er um sein Leben rennen musste. Wo Michael Douglas schlussendlich von der Polizei gerettet wird (was bedeutet, dass man den Staatsorganen immer noch trauen kann, wenn auch nur den offiziellen), rettet Tom Cruise seine Haut selbst. Da braucht es doch schon einen Sydney Pollack im Regiestuhl (und eine gute Vorlage).
Peter Hyams ist kein Künstler, das weiß man, aber er kann mit der Kamera umgehen (er fotografiert die meisten seiner Filme selbst), und er kann spannende Geschichten erzählen. Mehr als passable Unterhaltung ist EIN RICHTER SIEHT ROT daher nicht geworden. Sein Film erfreut sich allerdings großer Beliebtheit.

06/10

Donnerstag, 5. Januar 2012

Stadt Land Fluss (2011)

Im ländlichen Brandenburg macht der junge, verschlossene Marko (Lukas Steltner), der aus einem problematischen Elternhaus kommt, eine Ausbildung zum Landwirt. Der Praktikant Jacob (Kai Michael Müller) kann Marko ein wenig aus seiner Außenseiterrolle herausholen, zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Für eine Nacht fliehen sie nach Berlin und erleben die Großstadt. Aber kann auch auf dem Land ein Paar aus ihnen werden?

Wer hier ein 'Brokeback Brandenburg' mit knackigen Bauernjungs in Overalls und Gummistiefeln vermutet, liegt fast richtig. STADT LAND FLUSS ist aber mehr, eine ungewöhnliche Mischung aus Coming Out-Story und Dokumentarfilm. Regisseur Benjamin Cantu siedelt seine Liebesgeschichte in einer realen Umgebung an, der Agrargenossenschaft EG "Der Märker", und außer seinen beiden Hauptdarstellern sind alle übrigen Mitwirkenden authentisch. Viele Szenen sind improvisiert, es gibt kaum geschriebene Dialoge, nur Skizzen, umso natürlicher (und manchmal verstotterter) agieren die Laien, von denen insbesondere die Ausbilderin Frau Thymian mit Dialekt und regionalem Schalk im Nacken überzeugt. Die Arbeiten im landwirtschaftlichen Betrieb, die die Jungs verrichten müssen, haben deshalb auch nichts von geschönten Bauerndramen. Es ist harte Arbeit, die nur manchmal Raum für melancholische Bilder lässt - etwa, wenn Kai Michael Müller durch die Feldbewässerung läuft (immerhin, kein schwuler Film wäre komplett ohne ein Schnuckel, das sich nass macht). Auch Humor ist vorhanden, wenn Kühe plötzlich durchs Autofenster schauen und Zäune Stromschläge an naive Praktikanten austeilen. Dass diese gern mal ihr T-Shirt ausziehen und sich zum Sonnenbaden in den Sand legen, gehört dabei mehr zum Genre als zum Dokuteil und erfüllt die Zuschauererwartungen.

Der Dokupart verstärkt auf jeden Fall den fiktiven Teil, weil dieser durch die reale Einbettung extrem glaubwürdig daherkommt. Umgekehrt kann die Liebesgeschichte der Dokumentation aber nichts hinzufügen. Diejenigen, die mehr Lovestory erwarten, werden womöglich enttäuscht sein von der ersten Filmhälfte, die lediglich den Arbeitsalltag im Betrieb schildert. Die sparsam eingesetzten Landschaftsaufnahmen - dafür muss man den Film uneingeschränkt loben - werden nie kunstgewerblich. Die Geschichte beginnt spät und wird mehr über Blicke und Gesten geschildert, klappert aber letztlich doch alle Stationen ab, die man im Genre immer wieder sieht. Die Jungs baden im nahe gelegenen Waldsee, der zaghafte erste Kuss wird durch Scham und Komplexe unterbrochen, es folgen Schweigen und Ablehnung, der Trip nach Berlin aber bringt Zusammenhalt und womöglich Liebe.
Das wäre alles sehr klischiert, wenn nicht die Darsteller ihre wortkargen Figuren so eindringlich echt spielen würden (und sich damit dem dokumentarischen Stil des restlichen Films anpassen). Hübsch anzuschauen sind sie sowieso, und die Annäherung ist von starker (auch erotischer) Spannung. Leider endet STADT LAND FLUSS, wenn er seinen interessantesten Punkt erreicht, was doppelt schade ist, weil er dafür ein etwas abgenutztes Bild verwendet, das wir schon in "Beautiful Thing" (1996) und anderen Filmen zum Thema gesehen haben. Schön und herzig zwar, aber nicht neu.

Sehenswert ist STADT LAND FLUSS allemal, auch wenn ich für mehr Drama und Charakterhintergrund (die private Situation der Jungs wird nur angedeutet und beschränkt sich auf Formeln wie "Problemfamilie") gern auf einige dokumentarische Szenen verzichtet hätte. Dennoch, ein Film, der ans Herz wächst, weil er so glaubwürdig ist. Auf schwul-lesbischen Festivals kam STADT LAND FLUSS gut an, und er profitiert von mehrfachem Sehen. Regisseur Jan Krüger ("Rückenwind", 2009) jubelt im Trailer und auf dem Plakat, dass er sich 'in diesen Film verliebt hat'. Kann man verstehen.

8.5/10

Eine Liebe in Brandenburg -
Lukas Steltner und Kai Michael Müller in "Stadt Land Fluss"

Mittwoch, 4. Januar 2012

A Dirty Shame (2004)

Willkommen zum Aufklärungsunterricht mit John Waters.
Das heutige Thema: Sex-Fetische.

Die mürrische Hausfrau Sylvia Stickles (Tracey Ullman) hat von Fetischen noch nichts gehört, auch wenn ihre Tochter Caprice (Selma Blair) ihre überdimensionalen Brüste gern als Stripperin namens Ursula Udders vorführt und deswegen Hausarrest bekommen hat. Sylvias Gatte (Chris Isaak) spürt noch fleischliches Verlangen, aber Sylvia hat zu viel mit dem Haushalt zu tun, um sich darum zu kümmern. Als Sylvia aber dem Automechaniker Ray-Ray (Johnny Knoxville) begegnet und von einem vorbeifahrenden Rasenmäher eins über den Kopf bekommt, wird aus der züchtigen Verklemmten plötzlich eine lüsterne Sexbestie. Offensichtlich ist Ray-Ray ein Heilsbringer in Sachen Sex und verantwortlich für die spontane Wandlung der halben Baltimore-Bevölkerung. Während die Sex-Süchtigen mit all ihren Vorlieben die Stadt übernehmen, wagen ein paar aufrechte Spießbürger, die 'Neuters', den Widerstand...

Nachdem die letzten Filme von Bad-Boy Waters doch recht züchtig und massentauglich ausfielen, hat er mit A DIRTY SHAME (A Dirty Shame) in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurückgefunden, auch wenn der Film professionell produziert ist und daher wenig ästhetische Ähnlichkeit mit dessen rohen Underground-Werken besitzt. Was sein Thema angeht, kennt Waters aber keine Scham- oder Geschmacksgrenzen und ist in den USA dafür mit einem NC-17-Rating geohrfeigt worden, was den finanziellen Reinfall des Films praktisch garantierte. Und das, obwohl es keinen einzigen Sexualakt im Film zu sehen gibt - was John Waters zu der berechtigten Frage veranlasste, ob man nicht mal mehr über Sex reden dürfe. Dem scheint so zu sein. Haben in den 90ern zumindest noch Erotik-Thriller wie "Basic Instinct" (1991) für ein wenig Knistern auf der Leinwand gesorgt, ist der Sex inzwischen fast spurlos aus dem amerikanischen Kino verschwunden, wenn man von einigen nackten Brüsten in pubertierendem Zielgruppen-Trash wie "Piranha 3-D" (2010) absieht. Dass dies einem John Waters nicht gefällt, ist logisch.

Waters zielt mit seiner Satire auf die Spießbürgerlichkeit und Doppelmoral ab, will aber dem Publikum dazu noch sämtliche Unterarten des fleischlichen Vergnügens beibringen. Falls Sie nicht mit "Sploshing", "Teabagging", "Upper Deckern", "Plate Jobs" oder "Felching" vertraut sind, Herr Waters steht mit Rat und Tat zur Seite. Neben den verschiedenen Fetischen (ein älterer Herr im Babykostüm ist auch dabei, ebenso ein junger Mann, der gern an Dreck schnüffelt) präsentiert uns Waters auch jede umgangssprachliche Beschreibung von Sexpraktiken, wobei er gerade für den 'Cunnilingus' (die orale Befriedigung der Partnerin) mit besonders blumigen Ausdrücken um sich wirft (wie "Yodeling in the Canyon").

Seine Besetzung macht jeden versauten Spaß fröhlich mit. Tracey Ullmann zeigt in der Hauptrolle bemerkenswerten Mut, wenn sie sexgeil in Abfallcontainern nach aufreizenden Fummeln sucht und während einer Tanzveranstaltung im Altersheim eine Wasserflasche aufhebt, ohne die Hände zu benutzen (und stattdessen ihr Allerheiligstes). "Jackass"-Star Knoxville - selbst ein Bad Boy des Kinos - ist die Idealbesetzung für den Sex-Prediger Ray-Ray. Die Waters-Stammschauspieler Mink Stole und Patricia Hearst sind natürlich ebenfalls mit von der Partie. Suzanne Shepherd, die Ullmans Mutter und Anführerin der Sexgegner spielt, hatte übrigens für den Film zugesagt, ohne das ganze Drehbuch zu kennen und war außer sich, als sie zum Dreh anreiste und feststellen musste, dass es im ganzen Film nur um eines geht. Unter Tränen und Nervenzusammenbrüchen reiste sie wieder ab, konnte aber von John Waters besänftigt werden. Ein weiteres 'Highlight' des Films sind die unglaublichen Brustprothesen, die Selma Blair tragen muss, und die ebenso absurd wie täuschend echt wirken. Hier zollt Waters Russ Meyer, einem weiteren 'Wilden' der Filmbranche, seinen Tribut.

Darüber hinaus gibt es massenhaft Anspielungen auf die Melodramen Douglas Sirks und - im späteren Verlauf - Romeros "Die Nacht der lebenden Toten" (1968), wenn die Sexsüchtigen die Stadt übernehmen und aus Mülltonnen und Büschen nach den unschuldigen Mitbürgern grapschen. An dieser Stelle geht Waters' Ode an die Freizügigkeit klar nach hinten los, weil er die sexuelle Befreiung nur anhand offensichtlich durchgeknallter Irrer vorführt, die nun wirklich nicht als Rollenvorbild dienen (mit Ausnahme eines knuddeligen und sympathischen Trios schwuler 'Bären'). Waters' Botschaft ist so simpel wie einfach: so lange niemand zu Schaden kommt, hat jeder ein Recht auf seinen Fetisch, auch wenn er sich im Supermarkt mit Ravioli aus der Dose einschmiert oder Exkremente in Handtaschen älterer Damen hinterlässt. Auto-Strangulation mit der Telefonschnur während der Selbstbefriedigung ist nichts, dessen man sich schämen müsste.

Schade nur, dass der Film nach den ersten, sehr vergnüglichen 40 Minuten dramaturgisch zum Stillstand kommt und sich sämtliche Charaktere durch ständige Gehirnerschütterungen abwechselnd in 'Sex-Addicts' oder 'Neuters' verwandeln, bis alles in einer chaotischen Massenorgie endet, zu der sich auch digitale Eichhörnchen und obszön geformte Bäume gesellen. Da wirkt der Spaß dann doch arg bemüht. Der finale Einfall, mit 'Headbanging' eine neue Sexpraktik zu efinden, kommt dann nur noch aus der Ha-ha-Ecke. Es zeigt sich, dass der gute Wille allein nicht reicht.

A DIRTY SHAME rotzt der amerikanischen Verklemmtheit ungehemmt ins Gesicht, geht dabei aber nie wirklich dahin, wo es weh tut, sondern bleibt der private Spaß eines Spätpubertierenden (sehr spät, Waters ist mittlerweile Mitte 60). Das ist über weite Strecken witzig (in der besten Szene kommt es zu einer 'emotionalen' Annäherung von Mutter und Tochter Stickles, die mit Tracey Ullmans Jubelruf: "Let's go down to the Holiday House and fuck the whole bar!" endet - wollen das nicht alle jungen Mädchen von ihrer Mutter hören?), dürfte aber nur wenigen gefallen. Aber schön zu sehen, dass John Waters nach mehreren Jahrzehnten den Provokateur in sich noch nicht vergessen hat.

07/10


Mutter-Tochter-Ausflug ins 'Holiday House' -
Tracey Ullmann und Selma Blair in "A Dirty Shame"


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