Donnerstag, 29. März 2012

Die Haut, in der ich wohne (2011)

Der brillante Chirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas) arbeitet mit Hingabe an der Entwicklung einer künstlichen, widerstandsfähigen Haut, die er seiner Patientin und Geliebten Vera (Elena Anaya) verpflanzt. Vera wird in Roberts abgelegenem Anwesen, in dem sich außer den beiden nur die Haushälterin Marilia (Marisa Paredes) aufhält, praktisch gefangen gehalten - warum, das wissen nur Robert und Vera. Eine tragische Vorgeschichte liegt dieser Situation zugrunde, die sich nach und nach enthüllt...
Um die vielen Wendungen und Überraschungen der Geschichte, die den Blick auf immer tiefere seelische und moralische Abgründe freigeben, nicht zu verraten, spare ich mir eine ausführlichere Nacherzählung.

Mit DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE (La Piel Que Habito) hat Pedro Almodóvar seinen ersten Horrorfilm abgeliefert, der aber noch genügend Elemente des Melodrams enthält, die man von dem spanischen Meisterregisseur und Geschichtenerzähler gewohnt ist. Es gibt bizarre Verwandtschafts- und Geschlechterkonstellationen, tragische Lebensbeichten, Mord, Selbstmord, Vergewaltigung, schrille Kostüme und seltsamen Sex. Also eigentlich alles wie gehabt, nur ernster und düsterer. Das konkrete Vorbild für den Film ist zweifellos der französische Klassiker "Augen ohne Gesicht" (1960), den Almodóvar oft als einen seiner Lieblingsfilme bezeichnet hat. Die Parallelen sind unübersehbar. Hier wie da geht es um einen Chirurgen, der in einem abgelegenen Haus mit seiner Haushälterin und einer maskierten Bewohnerin zusammenlebt, der er eine neue Haut schenken möchte, wofür er über Leichen geht. Almodóvar bereichert diese simple, aber effektive Story um zahlreiche Backstories und krempelt sie einmal von innen nach außen, sozusagen.

Zum ersten Mal spielt Antonio Banderas seit dem gemeinsamen "Fessle Mich!" (1990) wieder in einem Almodóvar-Werk die Hauptrolle und zeigt eine intensive Darstellung, die noch einmal beweist, was wir längst wussten, nämlich, dass Banderas in fast sämtlichen Hollywood-Filmen, die er gemacht hat, fehlbesetzt war. Beinahe ausschließlich als Latin Lover mit Olivenöl im Haar besetzt, hat keiner der amerikanischen Regisseure seine echten Stärken genutzt, die Dunkelheit und Abgründe hinter der attraktiven Fassade, die wahnsinnige Besessenheit, die traurige Obsession. Banderas kann charmant, liebenswert und gefährlich sein, Protagonist als auch Antagonist (wie in "Fessle mich" oder "Das Gesetz der Begierde", 1987), alles zur selben Zeit. Er ist deutlich älter geworden, hat sein Talent aber glücklicherweise in Hollywood nicht verloren. Ihm zuzuschauen stellt den eigentlichen Reiz des Films dar, der ansonsten immer interessant, aber auch stellenweise fad und gelegentlich langatmig ist.

Zwar sind die expressiven Bilder, die atmosphärische Musik und die Darstellerleistungen sämtlich hervorragend, aber die Geschichte weist einige Längen auf. Hat man z.B. verstanden, wer sich unter der Haut von Elena Anayas Vera wirklich verbirgt, ist man dem Film weit voraus, der zu viel Zeit mit Rückblenden und Erklärungen verplempert. Ebenso enttäuschend ist die kurze Strecke, in der Roberto Álamo als verrückter Sohn von Haushälterin Marisa Paredes ins Haus des Doktors eindringt, seine Mutter in der Küche fesselt und knebelt und dann die eingesperrte Anaya vergewaltigt. Diesen Komplex hat Almodóvar bereits 1992 in "Kika" erzählt, und zwar beinahe 1:1 (wenngleich sehr viel komischer - dort war es ein irrer Pornostar, der die Hauptfigur Kika vergewaltigte). In Almodóvars Oeuvre kommt es oft zu Überschneidungen (wir erinnern uns an die identischen Organspendesequenzen aus "Alles über meine Mutter", 1999, und in "Sprich mit ihr", 2002), aber selten waren sie so plump wie hier. Da hilft auch das Tigerkostüm des Vergewaltigers nicht, das zwar ein wenig Skurrilität ins Spiel bringt, aber mehr auch nicht.

Wirklich großartig ist hingegen der letzte Akt des Films gelungen, wenn die Konflikte so hochgekocht sind, dass sie nur noch mit Gewalt ausgeräumt werden können und Almodóvar einen Höhepunkt nach dem nächsten inszeniert, bevor er zu einer emotionalen letzten Szene ansetzt, die man nicht so schnell vergisst. Dennoch braucht er einfach lange, um in Fahrt zu kommen, und manche Figurenmotivationen holpern (die Beziehung Robert/Vera ist extrem sonderbar und macht nur Sinn, wenn man sie schlichtweg akzeptiert). Da die Geschichte - anders als vielleicht sämtliche früheren Almodóvars - nichts mehr mit irgendeiner Art von Realität zu tun hat, die wir kennen, ist es leichter, den Film für seine technische Virtuosität zu bewundern als wirklich zu mögen.

Unterm Strich ist DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE ein weiterer sehenswerter Beitrag aus dem Schaffen des spanischen Autorenfilmers, dessen Filme stets unverwechselbar sind, selbst wenn er komplette Handlungsabläufe anderer Filme verwendet. Sie werden doch immer zu seinen eigenen. Es lässt sich aber auch nicht leugnen, dass etwas fehlt. Vielleicht ist es der spezielle Humor, der hier nur selten zum Tragen kommt. Vielleicht sind es die liebenswerten Figuren, von denen es hier nur eine einzige (Marisa Paredes) gibt. DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE ist ein sehr kalter, akademischer Film, trotz aller Schicksale, von denen er erzählt. Als solcher bleibt er stets distanziert und artifiziell. Mir sind die Filme Almodóvars lieber, die mein Herz erwärmen. Insofern, alles schön und gut, aber beim nächsten Mal würde ich gern wieder herzhaft lachen und weinen anstatt die perfekte Form zu bewundern. Man darf wie immer gespannt sein, was als nächstes kommt.

7.5/10

Dienstag, 27. März 2012

Wer hat Tante Ruth angezündet? (1971)

Der britische Horrorfilm WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? (Whoever Slew Auntie Roo?) stammt - der Originaltitel weist deutlich darauf hin - aus der Zeit nach "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961), als die alten, teilweise vergessenen Diven des Kinos mit Messern und Äxten bewaffnet auf die Leinwand zurückkehrten. Dieses Subgenre hat mehrere Namen, wird aber oft als 'Grande Dame Guignol' bezeichnet. Regisseur Curtis Harrington hatte im selben Jahr mit Hauptdarstellerin Shelley Winters den exzellenten "Was ist denn bloß mit Helen los?" (1971) inszeniert, der ebenfalls zu diesem Zirkel gehört.

WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? ist dabei weniger Schocker als Märchenfilm mit makaberen Gruselelementen. Winters spielt die wohlhabende Witwe Rosie Forrest, die jedes Jahr aus dem benachbarten Waisenhaus eine Gruppe Kinder zum Weihnachtsfest einlädt, wo sie die lieben Kleinen mit Geschenken überhäuft, Geschichten vorliest und singt. In diesem Jahr sind auch die beiden Kinder Christopher und Katy dabei, deren Anwesenheit ein paar schreckliche Erinnerungen in Mrs. Forrest auslöst. Vor Jahren ist ihre eigene Tochter beim Spielen von der Treppe gefallen und verstorben. Durch den Tod wahnsinnig geworden, versucht sie nun, die junge Katy als Tochterersatz bei sich zu behalten. Dabei schreckt sie vor nichts zurück...

Schon sehr früh im Film wird die Parallele zu "Hänsel und Gretel" bespielt, wobei man diese als Zuschauer weniger entdecken darf, als dass man sie um die Ohren geklatscht bekommt. Nicht nur wird das Märchen explizit vorgetragen, es finden auch überdeutliche Verweise statt, etwa, wenn Mrs. Forrest den Finger der kleinen Katy nimmt und meint, sie müsse noch zunehmen. Das große alte Haus der verrückten Lady mit den seltsamen Bediensteten gehört natürlich zum Standardrepertoire dieser Art von Schockern und steht im Märchensinne für das Knusperhäuschen, Winters als böse Hexe. Tatsächlich sollte der Film ursprünglich "The Gingerbread House" heißen, man entschied sich dann aber für den an "Baby Jane" angelehnten "Whoever Slew Auntie Roo?".

Sehenswert an WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? ist in erster Linie Shelley Winters, die hier einmal nicht die schlampige Matrone spielen muss, als die sie in der späteren Phase ihrer Karriere oft besetzt wurde. Als Mrs. Forrest ist sie gleichzeitig liebenswert als auch zum Fürchten irre. Winters gehört zwar zu den Schauspielerinnen, die oft over the top gehen, bleibt unter der Regie Harringtons aber - wie schon zuvor in "Was ist denn bloß mit Helen los?" - kontrolliert und über weite Strecken zurückgenommen. Man sieht ihr einfach gern zu. Auch die Nebenrollen sind mit Ralph Richardson als zwielichtigem Medium und Michael Gothard als fiesem Butler hervorragend besetzt. Die Kinderdarsteller machen ihre Sache ebenfalls gut, trotzdem erhalten die Kleinen zu viel Raum, weswegen der Film mehr wie ein Weihnachts-Kinderfilm als ein Horror-Beitrag wirkt und letztlich auch vollkommen harmlos bleibt. Curtis Harrington streut hier und da einige makabere Einfälle ein, zu denen besonders das alte Kinderzimmer im Haus der Mrs. Forrest gehört, in dem Winters ihre mumifizierte Tochter aufbewahrt und ihr Kinderlieder vorsingt. Trotzdem ist WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? insgesamt zu nett und plüschig, um wirklich Angst zu machen, zumal man immer ahnt, dass die Kinder den Film wohl heil überstehen werden und so auch nie echte Spannung aufkommt.

Was die 'Grande Dame Guignol'-Filme anbelangt, bewegt sich Harringtons Werk im Mittelbereich. Mit den Glanzstücken "Baby Jane" oder "Wiegenlied für eine Leiche" (1964) kann er nicht mithalten, ist dafür aber sorgfältiger und aufwändiger produziert als etwa die Billig-Schocker von William Castle. Für Fans sicher einen Blick wert, alle anderen können diesen doch obskuren Titel getrost überspringen.

6.5/10

Mittwoch, 21. März 2012

Psycho Legacy (2010)

Die Dokumentation PSYCHO LEGACY (The Psycho Legacy) betrachtet in Spielfilmlänge die Hintergründe, Entstehungsgeschichte und Dreharbeiten der vier "Psycho"-Filme, die mit Alfred Hitchcocks legendärem Klassiker ihren Anfang nahmen. Der Film ist direkt auf Video/DVD erschienen und gehört in eine Reihe mit ausführlichen Dokus, die sich mit erfolgreichen Horror-Reihen beschäftigen, wie der hervorragende, vierstündige "Never Sleep Again" (2010) über die "Nightmare On Elm Street"-Filme oder "His Name was Jason", der "Freitag der 13." (1980) und dessen Sequels unter die Lupe nimmt.

Regie bei PSYCHO LEGACY führte Robert Galluzzo, ein Fan des Genres, und für sein Projekt konnte er viele der Beteiligten aufspüren. Einige wichtige fehlen hingegen unerklärlicherweise.
Visuell entspricht PSYCHO LEGACY dem typischen Look eines Making Ofs im Stil von Laurent Bouzereau, der diese Art Zugaben zu DVD-Releases perfektioniert hat. Filmausschnitte gibt es erstaunlich wenig, und wenn, dann nur sehr kurz. Offenbar besaß man auch nicht die Rechte an der berühmten Filmmusik von Bernard Herrmann, weswegen eine mittelmäßig nachgemachte Synthie-Version über den Bildern liegt.
Zu Wort kommen u.a. die Darsteller Robert Loggia, Diana Scarwid, Jeff Fahey und Olivia Hussey, sowie einige Schauspieler aus der zweiten und dritten Reihe, die nur kurze Auftritte hatten (und bei deren eingeblendeten Filmnamen man selbst als Fan lange überlegen muss, welche Figur das denn um Himmels Willen war). Neben Produzenten, Technikern und Regisseuren wie Mick Garris sprechen auch Fansite-Betreiber über ihre Erfahrungen mit "Psycho" und den Fortsetzungen. Dabei konzentriert sich Golluzzo vor allem auf Anthony Perkins und die von ihm unsterblich interpretierte Rolle des Norman Bates. Zu schade, dass der mittlerweile verstorbene Perkins nicht selbst zu Wort kommt, außer in ein paar Ausschnitten einer Fan-Convention. Das Bild, das die Weggefährten von ihm zeichnen, ist äußerst liebevoll und warmherzig, zwischen den Zeilen erfährt der geneigte Zuschauer aber auch, dass der Schauspieler etwas schwierig war, sich mit Meg Tilly in "Psycho II" (1983) nicht verstand und ewig über Kleinigkeiten am Set von "Psycho IV" (1988) diskutierte.

Neben diesem Blick auf Perkins möchte PSYCHO LEGACY aber auch die Wirkung und Auswirkung von Hitchcocks Original beleuchten, und das gelingt leider nicht im geringsten. Überhaupt ist der Part zum Klassiker (jeder Teil erhält in der Besprechung ca. 20 Minuten Filmlänge) der schwächste. Da werden nur die längst bekannten und abgenudelten Allgemeinplätze zu "Psycho" heruntergespult. Wie riskant Janet Leighs BH war, dass man zum ersten Mal im amerikanischen Film eine Toilette sah, dass man sich mit Norman Bates identifizierte, blablabla. Für Zuschauer, die sich noch nie mit Hitchcocks Meisterwerk beschäftigt haben, dürfte das eventuell Neuland sein, aber für Fans und Kenner des Originals ist das außerordentlich langweilig.

Spannender wird es bei den Sequels, denn über die weiß man in der Tat gar nicht so viel. PSYCHO LEGACY bemüht sich sehr, alle im besten Licht erscheinen zu lassen, es wird kaum ein negatives Wort verloren - interessanterweise nur von Anthony Perkins selbst, der auf der o.g. Convention zu "Psycho III" (1986) - den er selbst als Regisseur zu verantworten hatte - sagt, der Film wäre inhaltlich zu sehr eine Kopie von "Psycho", um zu funktionieren. Als großer Fan des zweiten Teils war es für mich schön zu hören, wie positiv über dieses sorgfältige Sequel gesprochen wird. Dass Teil 3 hingegen mehr als die von Perkins angesprochenen Schwächen hat und Teil 4 einfach nur schlecht ist (sorry), das wird geflissentlich übersehen, und da staunt man schon über die durchgehende Lobhudelei. Den vielleicht größten Fehler macht Golluzzo aber, indem er Gus van Sants "Psycho"-Remake von 1998 vollkommen ignoriert. Hier wäre es doch interessant gewesen, die Beteiligten zu befragen, wie sinnvoll im Nachhinein dieser überflüssige Film war, und warum er nicht die Spur eines ähnlichen Effekts wie das Original auf die Zuschauer hatte. Schade. Und wo sind Vera Miles, Meg Tilly, Roberta Maxwell, Patricia Hitchcock?

Unterm Strich bleibt ein sehenswertes Making Of, das aber zu sehr nett und kuschelig sein möchte, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Als Hommage an den wundervollen Schauspieler Anthony Perkins, der Zeit seines Lebens nicht vom Image des Psychopathen loskam, ist PSYCHO LEGACY außerordentlich gelungen.
Die deutsche DVD bietet den Film entweder in der O-Fassung, oder mit deutschem Sprecher. Leider kann man nicht die O-Fassung mit Untertiteln anwählen, denn die sind nicht vorhanden, was eine ziemlich sinnlose Entscheidung ist. Dafür gibt es massig Extras und Zusatzmaterial. Für Fans empfehlenswert.

06/10

Montag, 19. März 2012

Sharky und seine Profis (1981)

Oder auch: 'The French Connection' meets 'Laura'.

Für SHARKY UND SEINE PROFIS (Sharky's Machine) übernahm Hauptdarsteller Burt Reynolds selbst die Regie und lieferte einen temporeichen Cop-Thriller ab, der leider einem großen Publikum unbekannt geblieben ist, in Fankreisen aber sehr geschätzt wird.
Der Film erzählt vom toughen Drogenfahnder Sharky ("Wie ist Ihr Vorname?" - "Sergeant."), der in Atlanta dem Gangsterboss Victor (Vittorio Gassman) auf den Fersen ist. Nach einem schief gelaufenen Einsatz wird Sharky zur Sitte versetzt, trifft dort auf seine ehemaligen Kumpels und nimmt mit ihnen die Jagd nach dem Drogenkönig wieder auf. Dafür verwanzt er das Apartment des Luxus-Callgirls Dominoe (Rachel Ward), in die sich Sharky verliebt. Als sie von einem psychopathischen Killer des Drogenrings scheinbar ermordet wird und seine Kollegen ebenfalls auf der Abschlussliste landen, nimmt Sharky ab sofort den Kampf persönlich...

Obwohl SHARKY einige wenige Längen aufweist, die hauptsächlich mit der etwas unglücklich gezeichneten Liebesgeschichte zwischen Cop Sharky und Edelhure Dominoe zu tun haben, kann der Thriller über die gesamte Lauflänge gut und spannend unterhalten. Der ungewöhnliche Schauplatz ist Atlanta, das der in Georgia geborene Reynolds eindrucksvoll in Szene setzt. Die Großstadt-Atmosphäre wird gleich zu Beginn überzeugend gesetzt, wenn Reynolds zu den Klängen von 'Street Life' zu einem Treffen mit einem Drogendealer durch die Straßen, verlassene Fabrikanlagen und Industrieviertel zieht.

Neben einigen gelungenen Action-Set-Pieces (wie der spektakuläre Sturz eines Bösen durchs Hochhaus-Fenster) bieten die Szenen zwischen Reynolds und seinen Profis jede Menge 'Comic Relief', und die Besetzung mit hervorragenden Charakterdarstellern wie Charles Durning, Brian Keith und Bernie Casey hilft der Glaubwürdigkeit des Thrillers. "Wer da runtergeht, kommt meistens nicht mehr hoch", wird über die Sittenabteilung gesagt, die sich im Keller des Polizeigebäudes findet. In diesem schmuddeligen Höllenloch werden eingesammelte Prostituierte zur Abfertigung in Käfige gesperrt und Cops abgestellt, die durchs Raster gefallen sind, gesellschaftliche Außenseiter zwischen Außenseitern. Natürlich befinden sich hier die 'echten' Kumpels, und der Film schafft es schnell, diese eingeschweißte Männergruppe durch viele kleine Einfälle sympathisch zu machen. Die meisten Lacher hat Charles Durning auf seiner Seite, der als Chef der Abteilung immer nur über sein schmales Gehalt meckert und mehr über die luxuriösen Ausstattungen von Callgirl-Apartments entsetzt ist als über die Verbrechen, die dort stattfinden.

Frauen spielen in diesem Universum kaum eine Rolle, sie sind allesamt nur Huren (offenbar ist auch keiner der Cops verheiratet). Oberhure Dominoe wird atemberaubend von der schönen Rachel Ward gespielt, die kurz später im legendären TV-Mehrteiler "Die Dornenvögel" (1983) mit Priester Richard Chamberlain herumtollen durfte. Hier nimmt sie tausend Dollar für eine Liebesnacht und träumt von einem Haus und einer Karriere als Tänzerin. Reynolds, der ihr Apartment abhört und sie per Teleskop beobachtet, entwickelt eine erotische Obsession, der schon viele Helden des Film Noir erlagen. Als die Dame vermeintlich erschossen wird und kurz später höchst lebendig wieder auftaucht, stellt man überrascht fest, dass SHARKY UND SEINE PROFIS ein Remake des Klassikers "Laura" (1944) sein möchte, und tatsächlich gelingt die Mischung aus Cop-Film und Noir ziemlich gut, die sich auch im Soundtrack wieder findet (ein Mix aus Jazz, Score und Pop). Für ein Beispiel, bei dem dieser Versuch in die Hose ging, siehe "The Specialist" (1994).

Leider fehlt Burt Reynolds als Schauspieler die große Palette, um überzeugend den unglücklich verliebten Helden zu mimen, er kann entweder nur sein bekannt smartes Lächeln aufsetzen oder grimmig dreinschauen, wenn er wütend ist. Die große Szene zwischen ihm und Ward, in der sie ihn demütigt und er sie 'ein bisschen' verprügelt, ist dann auch die schwächste des Films (Reynolds ist allerdings zehnmal besser als Sylvester Stallone in o.g. Film). Den Oberbösewicht dagegen spielt die italienische Kinolegende 'Il Mattatore' Vitoria Gassman mit perfekter Schmierigkeit, und den nachdrücklichsten Eindruck hinterlässt Henry Silva als dauerkoksender Killer mit abgesägter Schrotflinte, der keine Fragen stellt, bevor er losballert, am liebsten mitten ins Gesicht.

Der Name 'Sharky' ist übrigens eine augenzwinkernde Hommage an zwei erfolgreiche Reynolds-Filme, "Smokey and the Bandits" (1977) und "Shark" (1969). Leider wurde SHARKY UND SEINE PROFIS im Kino weitgehend übersehen und wird so gut wie nie im TV ausgestrahlt. Obwohl er nicht die Klasse eines "French Connection" oder "Dirty Harry" aufweist, ist er aber doch sehr sehenswert und ein klarer Geheimtipp.

7.5/10

Freitag, 16. März 2012

Blade Runner (1982)

Ein Film, über den so viel geschrieben wurde, dass es überflüssig scheint, noch ein weiteres Wort zu verlieren. Mit BLADE RUNNER (Blade Runner) wollte Ridley Scott an seinen Welterfolg "Alien" (1979) anknüpfen. Die Erwartungen waren enorm, die Enttäuschung, als der Film herauskam, war groß. Aus heute kaum noch nachvollziehbaren Gründen war BLADE RUNNER ein Misserfolg an den Kinokassen. Zu schwermütig, zu langsam, zu intellektuell verwirrend und spannungsarm schien den Zuschauern Scotts Zukunftsvision. Kritiker monierten, dass Regisseur Scott das visuelle Design mehr interessiere als die Handlung. Heute weiß man, das visuelle Design ist die Handlung.

Im Los Angeles des Jahres 2019 regnet es unaufhörlich, auf den Straßen herrscht Überbevölkerung, an jeder Ecke weisen grelle Leuchtreklamen darauf hin, dass der Kapitalismus alles kontrolliert. Die Menschen sind lediglich Arbeitstiere, und zu deren Verbesserung wurden gleich künstliche geschaffen. Diese sogenannten 'Replikanten' sollen fremde Planeten erforschen und leben nur vier Jahre, dann müssen sie sterben. Doch damit finden sich einige nicht ab. Als eine Gruppe von ihnen auf die Erde zurückkehrt, um eine Verlängerung ihrer Lebenszeit von ihrem Schöpfer einzufordern, wird der Polizist Deckard (Harrison Ford), ein 'Blade Runner', auf sie angesetzt, um sie aufzuspüren und zu töten. Die Begegnung mit dem Anführer der Replikanten aber zwingt ihn, seine eigene Existenz anzuzweifeln. Ist Deckard vielleicht selbst ein Replikant? Und was ist das, was wir 'menschlich' nennen?

Die Besetzung mit Action-Held Harrison Ford und die Nachwirkung von "Alien" ließen alle auf einen Suspense-Marathon hoffen. Sie bekamen einen nachdenklichen Film Noir im futuristischen Gewand, ein perfekt komponiertes Fest für Augen, Ohren und Hirn, brillant fotografiert, opulent ausgestattet und so düster, wie man die Zukunft noch nie gesehen hat. Humor ist in dieser Welt der Entfremdung nicht vorhanden, hier möchte man ums Verrecken nicht leben. "Star Wars" (1977), dessen Fortsetzung "Das Imperium schlägt zurück" (1980) und zahllose Epigonen hatten 1982 das Publikum fest in der Hand. Science Fiction-Kino war laut, bunt, familienfreundlich und spektakulär. Steven Spielbergs "E.T." (1982) räumte im Jahr von BLADE RUNNER alles ab. Dass die Zuschauer kein Interesse an intellektuellen, abgründigen Sci-Fi-Werken hatten, die es deprimiert wieder aus dem Kino entließen, das musste auch John Carpenter mit seinem fantastischen Remake "Das Ding" (1982) im selben Jahr erfahren. Beide Filme sind heute rehabilitiert und als Meisterwerke anerkannt, weil sie so viel mehr bieten als oberflächlichen Thrill. Die beide in ihrer bewussten Entschleunigung einen Kontrapunkt zum aktuellen Kino setzen wollten und gescheitert sind.

Für Ridley Scott schrillten bereits vor dem Kinostart die Alarmglocken. Die Dreharbeiten waren extrem belastend für alle Beteiligten, der Film fiel bei einer Testvorführung durch und wurde auf Druck der Geldgeber gegen Scotts Willen verändert. Ein Voice-Over wurde eingefügt, der die verwirrende Handlung erklären sollte, und das offene Ende wurde mit Material, das Stanley Kubrick für seinen "Shining" (1980) gedreht und nicht verwendet hatte, zugunsten eines optimistischeren Finales aufgegeben. Erst 1992 konnte Ridley Scott einen Director's Cut erstellen, den er 2000 noch einmal überarbeitete und dank digitaler Technik die letzten Schnitzer (wie ein offensichtliches Double mit schlechter Perücke) beseitigen konnte. So ungern ich zustimme, wenn Regisseure nachträglich ihre Filme ändern, wurde in diesem Fall BLADE RUNNER tatsächlich immer besser, und heute erstrahlt er in genau dem Glanz, den er verdient - als zeitloses Kunstwerk, das immer so aussieht, als sei es gestern gemacht worden. Bis auf das jugendliche Aussehen Harrison Fords weist nichts darauf hin, wie viele Jahrzehnte der Film schon auf dem Buckel hat.

Action-Fans kommen übrigens nach wie vor nicht auf ihre Kosten bei BLADE RUNNER. Je schneller das aktuelle Kino in seiner Schnittfrequenz wird, desto langsamer wirkt BLADE RUNNER. Dabei ist der Film in jeder Hinsicht herausragend, von der sphärischen Filmmusik Vangelis' über die Bezüge zum Film Noir (der tragische Held, der mehr über sich selbst erfährt als ihm lieb ist), mit Anleihen beim Frankenstein-Mythos (das Geschöpf wendet sich gegen seinen Schöpfer), bis zur Besetzung. Rutger Hauer besitzt eine überirdische Präsenz als Replikanten-Anführer Batty, der verzweifelt gegen die Zeit ankämpft, die ihm bleibt - und der deshalb ebenso menschlich ist wie wir alle. Der vieles gesehen hat und alles mitnimmt ins Reich des Todes, wo die Erinnerungen verblassen wie "Tränen im Regen" (Ridley Scotts leichter Hang zum Kitsch, der besonders in der Einhorn-Symbolik des Films zum Tragen kommt, ist vielleicht die einzige, aber verzeihliche Schwäche von BLADE RUNNER).Und die oft gescholtene Sean Young begeistert als berückend schöne, künstliche Kreation in bester 'Femme Fatale'-Manier des klassischen Hollywood-Kinos.

BLADE RUNNER ist ein Film, der entweder sofort begeistert, nie begeistert oder nach und nach ans Herz wächst. In den 80ern brauchte ich auch einige Anläufe, um mit ihm warm zu werden, zu fremd und unnahbar wirkte er damals. Heute kann ich ihn immer wieder sehen und jedes Mal Neues und Aufregendes entdecken. Das ist intelligentes, visionäres und bis ins Detail ausgeklügeltes Science-Fiction-Kino, wie es nicht mehr existiert, und neben "Alien" Ridley Scotts zweifelsohne bester Film.

10/10

L.A., 2019: Fantastische Welten - "Blade Runner"

Dienstag, 13. März 2012

I Spit on Your Grave (2010)

Die Tatsache, dass Hollywood seit Jahren nur noch grünes Licht für Produktionen gibt, die auf bereits erprobten Formaten beruhen, direkte Sequels sind oder sich eines zumindest bekannten Titels bedienen, muss hier nicht mehr ausdiskutiert werden. So traurig das auch ist, so läuft es nun einmal.
Regisseur Steven Monroe sagte über sein Remake des 'Video Nasty'-Klassikers "Ich spuck auf dein Grab" (1978), dass er dem Original keine Schande antun wollte. Das hat er auch nicht, so viel darf man sagen. Verbessert oder neu interpretiert hat er es allerdings auch nicht, und verstanden, warum das Original so gut funktionierte, hat er offenbar ebenfalls nicht.

Erzählt wird die gleiche Geschichte. Die Autorin Jennifer (Sarah Butler) will in einem abgelegenen Holzhaus am See einen Roman schreiben, erregt dabei die Aufmerksamkeit und den Zorn einer Gruppe Hinterwäldler, welche sie in einer grausamen Aktion vergewaltigen und demütigen. Am Ende des Gewaltaktes landet Jennifer im Fluss, und die Halunken wähnen sie tot. Doch Jennifer kehrt zurück und nimmt grausam Rache an ihren Peinigern...

I SPIT ON YOUR GRAVE (I Spit on Your Grave) beginnt atmosphärisch und durchaus ansehnlich. Wie schon zuvor verzichtet der Film auf jede Vorgeschichte und springt gleich hinein in die Handlung. Das Setting stimmt, die schauspielerischen Leistungen sind in Ordnung, natürlich sind die Hauptdarsteller deutlich jünger und attraktiver als im Original, das gehört zum Trend. Ob es auch hilft, dass der Obervergewaltiger wie ein H&M-Model aussieht, ich weiß es nicht, es schadet aber auch nicht. Um den Film für jüngere Zuschauer (die ihn aufgrund der Gewaltdarstellung eigentlich ohnehin nicht sehen dürfen, wenn es nach den Bewertungsstellen ginge) aufzupeppen, werden einige technische Neuerungen eingebaut. So filmen die Vergewaltiger ihre Taten mit dem Camcorder, und Jennifer schreibt selbstverständlich nicht auf einer Schreibmaschine, sondern auf einem Laptop. Das war's auch schon. Die wenigen Charakterisierungen, mit denen Meir Zarchi im Original auskam, werden im Remake noch einmal reduziert. So erfahren wir über die Hauptfigur Jennifer in der Tat gar nichts, weder über ihr Vorleben, noch über ihren Roman oder sonst etwas. Die Vergewaltigung wird in Sachen Grausamkeit noch um ein paar Einfälle erweitert, mit denen die Männer ihr Opfer zusätzlich quälen und demütigen. Das ist im 'Rape'n Revenge'-Genre ganz normal, es würde nicht funktionieren, wenn die Zuschauer den Tätern nicht einen qualvollen Tod an den Hals wünschen würden.

Wo das Remake sich vom Original unterscheidet ist die zweite Filmhälfte. Nach der grausamen Tat entkommt Jennifer, indem sie kopfüber in den Fluss springt. Das macht sie effektiv mit einer christlich-mythologischen Geste, die für ihre Figur keinen Sinn macht (in der Realität würde sich Jennifer sicher nicht noch schnell als Todesengel inszenieren, bevor sie ihr Leben rettet), und die man schon in etlichen anderen Filmen gesehen hat. Schaut halt gut aus. Und das bringt uns auch zum Hauptproblem des Films, welches in der Natur der Sache liegt: er stellt alles nur nach. Als Remake fehlt ihm jeder neue Zugang zum Stoff, er kaut nur wieder und hübscht Jennifers Rache mit ein paar grausam eingefädelten Folterszenarien auf, mit denen sie die Täter um die Ecke bringt. Natürlich versucht der Film dadurch, sein junges Publikum zu befriedigen, das mit 'simplen' Mordszenen nicht mehr hinter dem Ofen vorzulocken und durch jede Menge 'Torture Porn' ganz andere Schreckensszenarien gewohnt ist.
Insofern macht Regisseur Monroe nur das, was man von ihm verlangt. Aber er entmenschlicht dadurch auch seine Protagonistin. Er wechselt nicht nur den Standpunkt vom Opfer zu den Tätern, sondern er verwandelt die gequälte Frau in eine gnadenlose Killermaschine, ein übermenschliches Wesen, das in jeden Slasherfilm passen würde. Jennifers Mordmethoden sind unrealistisch (wo hat sie die ganzen Utensilien, die Kenntnisse her, wo hat sie überhaupt ihre Kleider her, nachdem sie nackt den Brutalos entkommen ist?), unsinnig und rein auf Effekt für den Zuschauer angelegt. Lediglich die Brutalitäten werden angezogen, und das so ausufernd, als wolle der Film mit Gewalt eine ähnliche Reaktion hervorrufen wie das Original.

Nur, das Original war eben nicht (nur) wegen der Gewaltdarstellung anstößig, sondern wegen seiner Beobachtung von Geschlechterrollen, wegen der Ablehnung eines moralischen Standpunktes und wegen der Beschreibung einer Vergewaltigung, wie man sie niemals im Mainstream-Kino sehen würde. Zudem beschrieb der Vorgänger Jennifer als sexuell befreite Frau, die von den konservativen Hinterwäldlern als Bedrohung angesehen wird. Es handelte vom Clash der Kulturen, Geschlechter, Settings und Zeitgeister. "Ich spuck auf dein Grab" war in Zeiten des Feminismus' und der männlichen Angst vor dem Feminismus ein bewusster Affront, ein Statement. Nicht umsonst hat er Filmkritiker und Filmwissenschaftler dermaßen gespalten und über Jahrzehnte beschäftigt.
Das Remake hat ebenfalls die Zensoren beschäftigt, aber lediglich aus Gründen der Darstellungsweise. Dem deutschen Kinopublikum wurden ca. 13 Minuten Demütigung und Rache vorenthalten, darunter eine Szene, in der Jennifer dem Oberfiesling den Penis mit einer Heckenschere abschneidet und ihn damit füttert, während seinem Kumpel die Augen von Krähen ausgepickt werden. Wenn Steven Monroe gehofft hat, mit seinem Film einen ähnlichen Sturm der Entrüstung auszulösen wie seinerzeit Meir Zarchi, dann hat er sich gründlich geschnitten. Sein Remake löst bestenfalls Schulterzucken aus. Zu sehr ist man harte Stoffe heute gewöhnt, zu wenig kontrovers ist die 'Rape'N Revenge'-Formel heute noch.

Meir Zarchi wollte 1978 mit seinem Film ein Erlebnis verarbeiten, das ihn nie losgelassen hat (er hat zusammen mit seiner Tochter und einem Freund im Wald eine von zwei Männern vergewaltigte Frau aufgegriffen und zur Polizei gebracht, wo sie durch die Ignoranz der Behörde ein weiteres Mal gedemütigt wurde - wer die ganze Geschichte hören will, sollte sich den Audiokommentar des Regisseurs auf der aktuellen DVD/Blu-Ray anhören). Steven Monroe wollte mit einem berüchtigten Titel und Anleihen beim Folterkino die schnelle Kohle machen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber genau so sehen die Filme dann auch aus. Der eine ist ein umstrittener Klassiker, der andere gerade mal eine Fußnote.

03/10

Samstag, 10. März 2012

Ich spuck auf dein Grab (1978)

Hier haben wir einen echten Skandal-Klassiker aus dem Jahr 1978, der für heftige Reaktionen sorgte, einen berühmt-berüchtigten Verriss des US-Kritikers Roger Ebert provozierte, weltweit zensiert, verboten und beschlagnahmt wurde, und bei dem sich die Meinungen teilen, ob er einfach übler, frauenverachtender Schund ist - oder ein feministisches Mahnmal.

ICH SPUCK AUF DEIN GRAB (I Spit on Your Grave) gehört zum Genre des 'Rape & Revenge'-Movies, das sich durch seinen Namen selbst erklärt, und viel mehr erzählt der Film auch nicht. Die junge Autorin Jennifer (Camille Keaton) fährt aus New York in die Wildnis, um dort in der Ruhe und Abgeschiedenheit an einem Waldsee ein Buch zu schreiben. Dabei erregt sie das Interesse einiger männlicher Hinterwäldler, die Jennifer aufreizend finden und sie an einem Sommertag mehrere Stunden lang brutal vergewaltigen. Halb tot zurückgelassen, rappelt sich Jennifer wieder auf und nimmt gnadenlos Rache an ihren Peinigern...

Auf den ersten Blick wirkt der Film des israelisch-amerikanischen Regisseurs Meir Zarchi tatsächlich wie Hinterhof-Schund. Es gibt keine Filmmusik, der Ton ist so schlecht aufgenommen, dass man ihn stellenweise kaum versteht, Dialoge sind nur minimal vorhanden. Nach kurzer Einführung der Charaktere beginnt auch schon Jennifers Martyrium, und das wird so ausgedehnt (auf ca. eine geschlagene halbe Stunde ), dass es tatsächlich schwer zu ertragen ist. Die mehrfachen Vergewaltigungen durch die Männergruppe schildert Zarchi mit der Nüchternheit eines Dokumentarfilmers, in Echtzeit, ohne Verharmlosung, Erotisierung oder Emotionalisierung - so wie es Gaspard Noé später in "Irréversible" (2002) ebenfalls tun sollte (mit ähnlichen Reaktionen). Weidet sich der Film nun an den Qualen von Jennifer, wie die Zensoren unterstellen? Oder ist dies viel mehr die einzig 'richtige' Art, eine Vergewaltigung darzustellen? Ist das Ausbeutung oder Realismus? ICH SPUCK AUF DEIN GRAB macht es dem Zuschauer wahrlich nicht leicht. Man fragt sich beim Zusehen, warum man sich das überhaupt antut, aber das ist ein durchaus legitimer Gedanke, den der Film provoziert. Den wollte auch ein Haneke mit "Funny Games" (1997) auslösen. Nichts wäre doch fataler, als wenn eine Vergewaltigungsszene unterhaltsam, spannend oder - Gott bewahre - sexy wäre (wie in Peckinpahs ebenso umstrittenen "Straw Dogs", 1971). Insofern macht Zarchi hier aus meiner Sicht vieles richtig. Die wutschnaubenden Reaktionen kamen mit Ansage, und sie sind Zarchi auch bewusst.

Der letzte Teil des Films beschreibt Jennifers Rache an den Männern, die von ihr erhängt, in der Badewanne kastriert und mit einem Motorboot über den Haufen gefahren werden. Auch hier gibt es einen Aufreger, der besonders die Feministinnen auf die Barrikaden gehen rief. Um den Anführer der Gang in die Badewanne zu locken, spielt Jennifer diesem sexuelles Interesse vor, zieht sich verführerisch an und macht ihm eindeutige Angebote. Viele Rezensenten nahmen Jennifers Umgarnung nicht als Teil des Racheplans wahr, sondern als ehrliche Werbung. Das gibt der Film nun in keiner Weise vor, und man muss schon sehr blind sein, um das nicht zu begreifen. Viele Kritiker aber schäumten bereits beim Filmtitel vor Wut. Ursprünglich lief er übrigens unter dem vom Regisseur gewünschten Titel "Day of the Woman" mehr schlecht als recht in den Kinos, bis er 1980 unter dem neuen, deutlich sleazigeren Titel noch einmal aufgeführt wurde und wie eine Bombe einschlug.

Das völlige Fehlen von Justizorganen und moralischen Instanzen macht ICH SPUCK AUF DEIN GRAB natürlich angreifbar, aber genau das hatte Meir Zarchi auch vor. In den späten 70ern war ein Film wie dieser ein bewusster Affront. Der Regisseur behauptete in allen Interviews, dass es ihm nicht um den Exploitation-Faktor ginge, sondern um das 'Empowering' einer weiblichen Hauptfigur, die aus ihrer Opferrolle hinaustritt. Das macht die Einordnung des Films auch so schwierig, denn es gibt Belege für Zarchis Intention, und Reaktionen wie die Roger Eberts wirken bei genauer Betrachtung oberflächlich und sind sämtlich zu kurz gegriffen.
Interessanterweise widmet die Filmwissenschaftlerin Carol J. Clover in ihrem Standardwerk über den Horrorfilm, "Men, Women and Chainsaws" (1992), dem Film ein ganzes Kapitel und verteidigt ihn gegen die Angriffe. Sie vergleicht ihn mit Jonathan Demmes "Angeklagt" (1988), der mit ähnlicher Thematik den komplett entgegengesetzten Weg geht und den Stoff vom menschlichen Drama weg zu einer Justizfrage macht und statt der Geschichte eines Vergewaltigungsopfers die Geschichte einer Anwältin erzählt, an deren Ende die Justiz (denkbar unglaubwürdig) siegt und die Ordnung wieder hergestellt ist, während ICH SPUCK AUF DEIN GRAB (fast) nie die Protagonistin verlässt und nicht im Gerichtssaal endet, sondern in der Wildnis, mit einer Großaufnahme Camille Keatons. Daran zeigt sich, wie verschieden lesbar Zarchis Film ist, und dass es kein abschließendes Urteil geben kann und wird.

ICH SPUCK AUF DEIN GRAB hat - ob die Kritiker das wollen oder nicht (und sie haben in erster Linie dazu beitragen) - seinen festen Platz in der Geschichte des Horrorfilms eingenommen und ist daraus nicht wegzudenken. Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet von diesem kleinen, obskuren Film einmal eine Millennium-Blu-Ray-Disc geben wird, mit Audiokommentaren von Regisseur und Filmautoren? Das hat "Angeklagt" noch nicht geschafft.
Im Jahr 2010 entstand ein obligatorisches Remake, das dem Original weitgehend folgt, aber ohne jeden gesellschaftlichen Kontext auskommen muss und nicht nur deshalb komplett scheitert. Meir Zarchis Film ist zum vieldiskutierten Kultfilm geworden. Ist er unterhaltsam? Mit Abstrichen. Ist er gut? Ja. Die Atmosphäre ist durchweg creepy, gerade durch das Fehlen jeglicher Filmmusik. Er ist zudem gut gespielt. Camille Keaton zeigt eine großartige Leistung als Opfer und als Rächerin. In der zweiten Hälfte ist sie tatsächlich eine völlig andere Person. Ist er ein Horrorfilm? Definitiv. Allein die Badewannen-Kastration ist in ihrer Aussparung Hitchcocks Duschmord beinahe ebenbürtig. Gefällt er mir? Bedingt. Ich bin der festen Überzeugung, dass er besser als sein Ruf und auf keinen Fall dummer Trash ist. Spaß macht er nicht, aber das soll er auch nicht.

07/10

Mit Axt und Motorboot auf Männerjagd
Camille Keaton in "I Spit on Your Grave"

Mittwoch, 7. März 2012

Untraceable (2008)

Im Jahr 2008 agieren nicht nur Verbrecher vermehrt im Internet, auch die zuständigen Sicherheitsbehörden machen es sich zunehmend hinter ihren PCs bequem, um die Bösen zu stellen. So auch FBI-Agentin Jennifer (Diane Lane), ein Ass im Aufspüren von Cyberkriminalität. Als sie aber eine Webseite entdeckt, auf der live eine Katze zu Tode kommt, und die sie weder sperren noch zurückverfolgen kann, ahnt sie, dass bald Menschen an Stelle des Haustieres dran glauben müssen. Und tatsächlich, schnell sitzt das erste menschliche Opfer auf der Folterbank. Die anonymen User sind herzlich eingeladen, mitzumachen, indem sie die Seite aufrufen. Je mehr Klicks diese verzeichnet, desto schneller wird das Opfer ins Jenseits befördert...

Klingt doch nach einem tollen PC-Game, oder? Der US-Thriller UNTRACEABLE (Untraceable) verbindet den 90er-Profiler-Thriller à la "Se7en" (1995) oder "Copycat" (1995) mit den grausamen Folterszenarien des Torture Porn im Stil von "Saw" (2004). Als Thriller funktioniert UNTRACEABLE dabei über weite Strecken leidlich gut, ist routiniert in Szene gesetzt, und Diane Lane verkörpert die alleinerziehende Ermittlerin mit Attraktivität und Glaubwürdigkeit, obwohl die Rolle nicht viel von dieser ausgezeichneten Schauspielerin erfordert. Der Film wird zudem von der Musik Christopher Youngs veredelt.
Sensationen oder überraschend originelle Einfälle gibt es wenig bis gar nicht, und ohne die guten Darsteller und Production Values hätte dies auch ein Direct-to-Video-Produkt sein können. Diane Lanes Filmassistent zum Beispiel ist so deutlich vom ersten Moment an als Opfer des Killers gekennzeichnet, dass er genau so gut ein Schild um den Hals tragen könnte: "Ich erlebe das Ende dieses Films nicht mehr." Damit das Duell Agentin/Killer zum Höhepunkt kommt, muss Diane Lane natürlich im Finale selbst im Folterkeller landen, und das passiert durch eine wirklich armselig konstruierte Szene, in der Lane alle Intelligenz über Bord wirft und sich so dumm verhält wie die Teenager in einem x-beliebigen Slasherfilm. Gut, wir alle machen Fehler.

Was aber ganz und gar nicht stimmt an UNTRACEABLE, das ist die inhaltliche Intention. Dort haben wir es mit einer abgeschmackten Doppelmoral zu tun, die einen ganz üblen Nachgeschmack verursacht. Neben seinem Unterhaltungsanspruch (der schwer genug zu erfüllen ist), möchte der Film auch noch den gesellschaftlichen Verfall von Moral und Anstand anprangern, indem er die Internet-Gemeinde als Heer abgestumpfter Schaulustiger zeichnet, die begeistert eine Seite anklicken, vor der sie das FBI ausdrücklich warnt. Ginge es nach der Moral des Films, sind diese User mindestens so skrupellos wie der Täter selbst.
Dessen Motivation wird durch einen Vorfall begründet, der mit eben jener Schaulust zu tun hat, der allgemeinen Geilheit nach Sensationen und makabere Szenarien, möglichst echt, live und in Farbe. Nun gibt es viele Möglichkeiten (und Gründe), Verrohung und Sensationslust zu kritisieren, aber wie glaubwürdig ist es, dies mit einem Thriller zu erledigen, der genau auf eben jene Art von Grausamkeiten setzt, um Zuschauer ins Kino zu locken? Zwar ist UNTRACEABLE nicht übermäßig brutal in der Gewaltdarstellung, aber seine Set Pieces sind ohne Frage die Folter- und Todesszenen, die selbstverständlich vom Killer mit perfider Menschenverachtung ausgetüfelt sind. Das ist, als würde Altbundeskanzler Helmut Schmidt eine Anti-Raucher-Kampagne anführen. Mit einem Wort: lächerlich.

Und damit keine Missverständnisse aufkommen - ich finde auch vieles pervers, was sich Leute im Internet ansehen oder einstellen, aber schlechter Geschmack ist noch lange nicht kriminell. Das sage ich als überzeugter Fan von "Showgirls" (1995), und dabei bleibe ich auch.

So wird die Moralkeule, die UNTRACEABLE heftig schwingt, nicht nur unglaubwürdig, sie wird zum Bumerang. Sie passt aber zu der 'Law & Order'-Mentalität, die sich überall im Film findet. Seit wann eigentlich sind FBI-Agenten, die vom Büro aus fröhlich die Privatsphäre von Internet-Usern überwachen und im Zweifelsfall ein Überfallkommando losschicken, um "ein paar Türen einzutreten" (wie Diane Lane zu Beginn lächelnd verkündet), positive Helden? Da wundert man sich doch über so manche Jubelrezension zum Film, verfasst von Menschen, die es bestimmt nicht lustig finden, wenn die Rollkommandos vor der eigenen Tür auftauchen und den PC beschlagnahmen.

Aber auch das ist ein Zeichen der Zeit. Im Kino der 70er wären Filmfiguren wie die von Diane Lane ganz klar die Bösen gewesen, Befehlsempfänger eines Überwachungsstaates, der die Freiheit jedes einzelnen einschränken will. Heute ist sie die hübsche, mütterliche und kuschelige Identifikationsfigur, die den üblen Kätzchenmörder jagt. Fehlen nur noch US-Präsidenten, die persönlich Jagd auf außerirdische Invasoren machen. Ach ja, die hatten wir ja auch schon...

04/10

Sonntag, 4. März 2012

Inside Deep Throat (2005)

Er kostete ungefähr 25.000 Dollar und spielte über 600 Millionen Dollar ein. Er macht den Porno zum gesellschaftlichen Ereignis, sorgte für mehrere Skandale, Gerichtsverhandlungen und brachte den klitoralen Orgasmus der Frau (Bemerkung am Rande: der Blogger-Rechtschreibprüfung ist der weibliche 'klitorale Oragsmus' immer noch nicht bekannt...) ins öffentliche Bewusstsein. Sein Name: "Deep Throat". Seine Geschichte erzählt INSIDE DEEP THROAT (Inside Deep Throat), ein Dokumentarfilm von Fenton Bailey und Randy Barbato, produziert von Hollywood-Größe Brian Grazer.

Der Porno-Klassiker "Deep Throat" (1972) entstand als Underground-Film in sechs Tagen in einem Hotel in Miami und handelt von dem, was der Titel verspricht - einer Frau, deren Klitoris tief im Rachen sitzt. Dargestellt wird sie von Linda Lovelace, die durch "Deep Throat" zu Berühmtheit gelang. Der Film, der expliziten Sex und Humor miteinander verband (und der nicht besonders gut war, wie alle Beteiligten inklusive Regisseur anmerken) wurde schnell zu einer Sensation und fand den Weg in Mainstream-Kinos. Es war "schick", sich "Deep Throat" anzusehen, er spielte Unmengen an Geld ein und lockte Menschen aller gesellschaftlichen Schichten ins Kino, die sich normalerweise niemals in der Nähe eines Hardcore-Streifens sehen lassen würden.
Da der im Film praktizierte Oralverkehr aber in mehreren Bundesstaaten selbst unter Eheleuten strafbar war (und heute noch ist), rief er auch die Zensurbehörden und Moralapostel auf den Plan. Zudem war die Mafia am Verleih des Films beteiligt und kassierte den Großteil der Einnahmen. Aufgrund des Skandals wurde unter Führung von Richard Nixon ein neues Gesetz zur Sittenwidrigkeit erlassen, das es einem Staatsanwalt erlaubte, den Hauptdarsteller von "Deep Throat", der eigentlich nur ein Produktionsassistent war und aufgrund seines Talents zur spontanen Erektion als Darsteller eingesetzt wurde, vor Gericht zu bringen und zu verurteilen. Dass ausgerechnet Nixon später aufgrund der Aussage eines Informanten namens 'Deep Throat' im Watergate-Skandal von seinem Amt zurücktreten musste, ist nur eine der vielen ironischen Spitzen, die den Hintergrund der Dokumentation so unterhaltsam und amüsant machen.

Der Dokumentarfilm INSIDE DEEP THROAT lässt die meisten Beteiligten zu Wort kommen, ebenso Zeitzeugen der sexuellen Revolution und des Underground-Kinos. John Waters, Hugh Hefner, Larry Flynt, Ruth Westheimer, Camille Paglia, Dick Cavett und andere erzählen zumeist heitere Anekdoten und versuchen, das gesellschaftliche Ereignis "Deep Throat" zu verdeutlichen. Interessanter aber sind die direkt am Film Beteiligten, insbesondere der schlecht gelaunte Locationmanager, der den Film für Mist hält.

INSIDE DEEP THROAT gehört zur Generation der 'Michael Moore'-Dokumentarfilme. Er ist witzig, temporeich, wird mit allerlei technischen Gags aufgehübscht (neben Ausschnitten aus "Deep Throat" gibt es Szenen aus Aufklärungsfilmen), und der poppige Soundtrack sorgt für durchgehende Wohlfühlatmosphäre. Man kann sich entspannt zurücklehnen, schmunzeln und den Kopf über Doppelmoral und die amerikanische Hysterie in Sachen Sex schütteln. In die Tiefe geht INSIDE DEEP THROAT (leider) nie. Die Feminismus-Bewegung etwa, die gegen Pornofilme auf die Straße ging, wird schnell als Spielverderberei abgehandelt, weil sie die angeblich angesteuerte sexuelle Revolution, die durch Filme wie "Deep Throat" stattfand, im Keim erstickte. Auch die tragische Lebensgeschichte der Linda Lovelace, die sich später vom Film distanzierte und gegen Pornos zu Felde zog, um dann - verarmt in ihren 50ern - erneut erotische Fotos machen zu lassen, hinterlässt kaum Eindruck, weil der Dokumentarfilm nicht zu deprimierend sein möchte. Auch de große Bogen, den er gerne spannen würde, von den Independent-Filmen der 70er bis zur heutigen Porno-Industrie, bleibt nur behauptet (da erfährt man in P.T. Andersons "Boogie Nights" mehr). Viele der Interviews sind zu kurz, und interessante Gesprächspartner wie Feministin Camille Paglia, die Pornos nicht negativ gegenübersteht, könnten viel mehr erzählen, wenn ihnen der Film die Zeit dafür geben würde.

Trotzdem ist INSIDE DEEP THROAT sehenswertes Doku-Kino. Aus dem Original-"Deep Throat" gibt es übrigens nur einen expliziten Hardcore-Ausschnitt, der Linda Lovelace bei Ausübung ihrer speziellen Fähigkeit zeigt. Wegen dieser kurzen Szene erhielt der Dokumentarfilm in den USA ein NC-17-Rating - was beweist, dass sich trotz sexueller Revolution wenig in den USA verändert hat. Oder wie es der damals ermittelnde Staatsanwalt am Ende des Films (sinngemäß) ausdrückt: "Wenn sich die Terroristen aus dem Land verziehen würden, könnte man sich endlich darauf konzentrieren, das wirkliche Übel, nämlich den Verfall der Sitten, zu bekämpfen." Hallelujah!

08/10
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...