Donnerstag, 26. April 2012

Dirty Harry (1971)

In San Francisco geht ein geisteskranker Killer um, der scheinbar wahllos Menschen tötet und von der Stadt 100.000 Dollar erpresst. Auf den Fall wird der eigenbrötlerische Inspektor Harry Callahan (Clint Eastwood) angesetzt, der aufgrund seiner unkonventionellen Methoden und einer tief verwurzelten Abneigung gegen die Menschen 'Dirty Harry' genannt wird. Harry muss sich nicht nur mit einen neuen Partner an der Seite herumschlagen, sondern bald schon hat es der Killer persönlich auf ihn abgesehen...

Faschistisch, rassistisch, schwulenfeindlich, frauenfeindlich, menschenfeindlich, oberflächlich, abstoßend - das sind so einige der Adjektive, mit denen Don Siegels DIRTY HARRY (Dirty Harry) seinerzeit bedacht wurde. Das Publikum liebte den Polizeifilm und die von Clint Eastwood gespielte Figur des wortkargen Harry Callahan von der ersten Minute an, und der Film gibt sich alle Mühe, diesen harten Großstadt-Cop und Einzelgänger ohne Illusionen zwar zwiespältig, aber dennoch sympathisch zu zeichnen. Schon bei seinem ersten Auftritt im Büro des Bürgermeisters (John Vernon) hat er alle Sympathien auf seiner Seite, wenn er gefragt wird, was alles zur Ergreifung des Killers unternommen würde und er darauf lapidar antwortet, dass er allein in den letzten 45 Minuten draußen gewartet habe, hereingerufen zu werden.

Ganz klar, Dirty Harry erfüllt ein Grundbedürfnis des Zuschauers. Er hat keinen Respekt vor Autoritäten oder Vorgesetzten, ihm geht es allein darum, den Täter zur Strecke zu bringen, tot oder lebendig. Die Wahl der Methoden ist dabei zweitrangig. Der Killer, der an den so genannten 'Zodiac'-Killer angelehnt ist, und der von Andrew Robinson ("Hellraiser", 1987) herrlich durchgeknallt und furchterregend gespielt wird, scheint ohne Motiv zu handeln, aus lauter Lust an der Zerstörung. Seine Opfer sind junge Frauen und Kinder, er ist das personifizierte Böse, und das gilt es, mit allen Mitteln auszulöschen. Zu keiner Zeit darf Mitleid oder Verständnis für ihn aufkommen, das ist ein Grundprinzip des Selbstjustiz-Thrillers, der in den 70ern auch durch den Erfolg von Siegels Film groß in Mode kam (dazu gehört u.a. auch Charles Bronsons "Death Wish", 1974). Je abstoßender sich der Killer verhält, desto härter kann Callahan gegen ihn vorgehen, umso mehr bejubelt das Publikum jede illegale Aktion des Cops.

In den 70ern war der Glaube der amerikanischen Öffentlichkeit an das System arg ins Wanken geraten, und der Film greift diese Befindlichkeit konsequent und kompromisslos auf. In der Welt von Dirty Harry kann man niemandem trauen - nur dem Mann, der nach dem uralten Prinzip 'Auge um Auge' vorgeht. Dass er dabei einen verschlagenen Witz pflegt, macht ihn umso liebenswerter. Wenn er am Ende seine Marke wegwirft, ist das ein Verweis auf Zinnemanns "High Noon" (1952), in dem ebenfalls ein ernüchterter Held den Glauben an die gute Sache und Zusammenhalt verloren hat - mit dem Unterschied, dass Harry Callahan selbigen vermutlich nie besaß.

Formal ist DIRTY HARRY ein in jeder Beziehung erstklassiger Thriller. Don Siegel inszeniert das Duell des einsamen Rächers gegen die menschliche Bestie in rasantem Tempo, mit deutlich christlicher Symbolik und Western-Motiven an zahllosen Originalschauplätzen (symptomatisch für den 70er-Film). Viele Sequenzen spielen nachts, und die Bilder sind stellenweise so düster, dass man sich wahrlich in einem Höllen-Moloch wähnt. Der Zuschauer befindet sich jederzeit mitten im Geschehen und kann förmlich die Großstadt-Atmosphäre atmen. Dazu hat Lalo Schifrin einen ultra-coolen Soundtrack komponiert. Eastwood spielt seinen Harry mit gewohnt stoischer Miene und verzieht nur gelegentlich angewidert das Gesicht, wenn der Polizeiapparat, die Politik oder die lasche Justiz ihn mal wieder am Ausüben seiner Arbeit hindern. Interessanterweise sind wir nie bei Harry Callahan zu Hause. Harry lebt und arbeitet auf den Straßen San Franciscos, Tag und Nacht. So lange Männer wie er unterwegs sind, können wir beruhigter schlafen, suggeriert der Film und trifft damit einen Nerv beim Publikum.

Nicht umsonst war DIRTY HARRY so populär, dass mehrere Fortsetzungen entstanden, und es gibt bis heute kaum einen Polizeifilm, der sich nicht an das berühmte Vorbild anlehnt, darunter die "Lethal Weapon"-Reihe, die "Stirb langsam"-Filme und sämtliche Cop-TV-Serien. DIRTY HARRY ist zweifellos eingegangen in das kulturelle Bewusstsein. Er gehört zu den besten seiner Art und zum Besten, was das amerikanische Kino der 70er hervorgebracht hat.

10/10



"Ask yourself - do you feel lucky? Well, do ya, punk?"
Harry Callahan (Clint Eastwood) bei der Arbeit


Samstag, 21. April 2012

Asphalt Kannibalen (1980)

Damals, während des Vietnamkriegs. Ein Hubschrauber-Einsatzkommando entdeckt zwei US-Soldaten, die von Vietkong gefangen gehalten wurden und sich von Menschenfleisch ernähren. Jahre später leidet einer von ihnen (John Saxon) an grauenvollen Alpträumen, wenn er nicht gerade die lüsterne Nachbarstochter mit hungrigem Blick angiert und an deren Bauch knabbert. Sein ehemaliger Kumpel (John Morghen) wird hingegen gerade aus der Psychiatrie entlassen und durch einen Kriegsfilm animiert, über eine Frau herzufallen. Als die beiden Ex-Soldaten aufeinander treffen, haben sie bereits mehrere Menschen mit dem Kannibalenvirus angesteckt, und gemeinsam mit weiteren Menschenfressern fliehen sie nun vor der Polizei...

Sagen wir, wie es ist: der Einfall, dass Menschen sich mit Kannibalismus ähnlich wie mit einem Virus anstecken und die Infizierten selbst Hunger auf lecker Menschenfleisch entwickeln, ist unglaublich bescheuert. Auf der anderen Seite - ist ein rumänischer Graf, der sich nachts in eine Fledermaus verwandelt und das Blut von Jungfrauen trinkt, nicht auch etwas absonderlich, wenn man drüber nachdenkt? Regisseur Antonio Margheriti jedenfalls hält sich nicht lange mit derlei Logikproblemen auf, er hat viel mehr damit zu tun, sämtliche erfolgreichen Filme und Genres der späten 70er zusammenzuwerfen und darauf einen todsicheren Hit zu basteln.

Deshalb ist ASPHALT KANNIBALEN (Apocalypse Domani) sowohl Vietnamkriegsdrama, Kannibalensplatter, Zombie-Schocker, Polizeifilm und Epidemie-Thriller. Von Romeros "Zombie" (1978) übernimmt er gleich mehrere Set Pieces und die Spezialeffekte (die natürlich weit weniger gelungen sind als im Vorbild), dazu bedient er sich reichlich bei Cronenbergs "Rabid" (1977) sowie den Kannibalenfilmen seiner Landsmänner Deodato und Lenzi, wobei er gnädigerweise auf deren Hang zu Tiersnuff und Rassismus verzichtet. Immerhin sind die Kannibalen hier alle US-Bürger und keine angeblichen 'Wilden' aus dem Amazonasgebiet, mit Mehl im Haar und Maden im Gesicht.

Das Ganze nennt man Exploitation-Cinema, und das konnte keiner besser als die Italiener Anfang der 80er. Und so ist auch ASPHALT KANNIBALEN über weite Strecken sehr unterhaltsam, auf eine trashige Art. Die Hauptrolle ist mit dem Genre-erprobten John Saxon, der schon weiland unter Bava spielte, gut besetzt, und daneben erkennen wir einen der meistbeschäftigten Männer des Italo-Horror-Kinos, John Morghen (aka Giovanni Lombardo Radice). Morghen trägt hier den interessanten Rollennamen Charles Bukowski, und man würde glauben, dass darüber mehrere Witze gemacht werden, aber tatsächlich scheint keiner Figur aufzufallen, dass er einen berühmten Namensvetter hat.
Wie dem auch sei, der arme John verlässt den Film mit dem besten Splattereffekt, den Margheriti vorweisen kann, ihm wird von einem Polizeitrupp in der Kanalisation ein so großes Loch in den Bauch geschossen, dass wir staunend hindurch sehen können. Nicht sehr glaubwürdig, aber ein Hingucker, im wahrsten Sinne. - Wohl kaum ein zweiter Darsteller wurde so oft im Kino dahingemetzelt wie John Morghen. Ihm wurde der Kopf mit einer Bohrmaschine durchstoßen ("Ein Zombie hing am Glockenseil", 1981), er bekam ein Messer in den Bauch ("Der Schlitzer", 1980) oder fiel selbst gemeingefährlichen Kannibalen zum Opfer, die ihm Geschlechtsteile, Augen und Gott-weiß-was aufschlitzten ("Die Rache der Kannibalen", 1981). Morghen nimmt es stets mit Humor und liefert in ASPHALT KANNIBALEN seine wahrscheinlich beste Leistung ab. Er wirkt ebenso psychotisch wie bemitleidenswert und spielt zurückhaltender als gewöhnlich. John Saxon hingegen war gar nicht glücklich über seinen Einsatz und wusste angeblich nicht, dass der Film derlei derbe Splattereinlagen beinhalten würde. Nun ja. Vielleicht wirkt er deswegen etwas steif.

Die Mischung aus Action, Geballer und Splatter ist durchaus gekonnt und wird lediglich durch die Tatsache geschwächt, dass es keinen wirklichen Sympathieträger im gesamten Film gibt. Die Hauptfiguren sind Kannibalen - was man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen kann, immerhin waren sie bislang im Genre stets die Antagonisten. Identifikationsfiguren sind sie leider trotzdem nicht. Und die Polizei bleibt charakterlos und uncharismatisch. Auf wessen Seite man steht, spielt keine große Rolle.
Für Liebhaber des italienischen Horrorkinos ist ASPHALT KANNIBALEN so eine Art Muss. Alle, die mit Trashkino dieser Art nichts anfangen können, sollten eine großen Bogen um den Film machen - was nicht schwer sein dürfte, denn er ist ohnehin nur Fans bekannt.

07/10

Donnerstag, 19. April 2012

Kino-Liste: Die 20 besten Titelsequenzen

Die Titelsequenz ist ein wenig aus der Mode gekommen, weil man im aktuellen Kino lieber gleich in die Handlung springt oder den ersten Popsong einspielt, während die Kamera entweder über Wasser fliegt oder Straßenschluchten der Großstadt aus der Vogelperspektive zeigt. Alfred Hitchcock war einer der ersten, die das Publikum mit ausgefallenen Titelsequenzen in die richtige Stimmung versetzten, und kein Bond-Film wäre denkbar ohne sie. Hier sind meine liebsten:

1. Vertigo (1958)


Keine Konkurrenz! James Stewart irrt wie betäubt durch ein Labyrinth aus Liebe, Mord und Höhenangst, die atemberaubende Titelsequenz zu Hitchcocks Meisterwerk stammt natürlich von Saul Bass, der hier seine beste Arbeit ablieferte. Wer "Vertigo" im Kino sehen durfte, wird sich glücklich schätzen, diese Bilder auf der großen Leinwand gesehen zu haben. Zusammen mit der Musik Bernard Herrmanns ein unvergessliches Ereignis.


2. James Bond 007 - Feuerball (1963)


Leicht bekleidete Damen, das farbenfrohe Spiel der Elemente und ein stets schussbereiter Superagent waren sein Markenzeichen. Maurice Binder entwarf die meisten und die schönsten Bond-Vorspannsequenzen. Bekannt dafür, immer auf den letzten Drücker anzufangen und das Ergebnis in letzter Sekunde abzugeben, waren seine Kreationen stets einer von vielen Höhepunkten der Bond-Abenteuer. Der für mich beste Moment bleibt das Abfeuern der Harpune zum (doppelten) Titelschriftzug in "Thunderball", gefolgt von der Mensch/Totenkopf-Verwandlung im "Live and Let Die"-Vorspan.



3. Casino (1995)


Martin Scorsese hat die Kunst von Saul Bass in den 90ern wieder entdeckt und sich die Werke "Goodfellas" (1990), "The Age of Innocence" (1993), "Cape Fear" (1991) und "Casino" vom Meister - in Zusammenarbeit mit dessen Frau Elaine - veredeln lassen. Diese letzten Arbeiten zeigen den Grafikdesigner noch einmal auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Robert De Niro fliegt dank Autobombe durch die Luft und saust durch glitzernde Welten des schönen Scheins. Passend dazu: J.S. Bachs 'Matthäuspassion'. Episch!



4. Psycho (1960)


Mit Norman Bates' Psyche ist nicht alles in Ordnung. Und so wie sein Küchenmesser die arme Janet Leigh zerteilt, werden in Saul Bass' simplem wie effektivem Design zu Hitchcocks Kulthit die Namen der Beteiligten durch horizontale und vertikale Linien zerschnitten und wieder zusammengesetzt. Derangierte Psychen, derangierte Buchstaben. Hitchcock war fasziniert von der Gegensätzlichkeit - das hoch aufragende Gothic House der Mrs. Bates, darunter das ultramoderne, langgestreckte Motel. Saul Bass baut alles grafisch zusammen. Ein Film der einzelnen Meisterleistungen, die perfekt zusammenfinden.



5. Alien (1979)


"Im Weltall hört dich niemand schreien" lautete die Werbezeile zu Ridley Scotts Sci-Fi-Horror. Die bedrohliche Stille liegt auch über der Vorspannsequenz, die mit beunruhigenden Tönen aus entfernten Welten, der fast unhörbar leisen Musik Jerry Goldsmiths und einem umwerfend schlichten Titeldesign aufwartet, das immer wieder schön anzuschauen ist. Der Gegenentwurf zu George Lucas' Weltall-Seifenoper, die mit Pauken und Fanfaren daherkommt.



6. Die Schwestern des Bösen (1973)


Brian De Palma nimmt die Lösung seines Murder Mysteries und die tragische Vorgeschichte seiner bösen Heldin bereits vorweg, indem er Bilder aus dem Mutterleib zeigt. Zwillinge, untrennbar miteinander verbunden, oder doch nicht? Die Wände des Apartmentkomplexes, in dem Jennifer Salt einen Mord beobachtet, haben die gleiche Farbe wie die Föten. Bernard Herrmanns schriller Score sorgt für zu Berge stehende Haare, noch bevor die tödliche Geburtstagstorte serviert wird.




7. Crash (1996)

Die Titel ziehen wie Lichter auf der Autobahn vorbei (auf welcher der Zuschauer als Geisterfahrer unterwegs ist), die metallenen Buchstaben weisen bei genauer Betrachtung diverse Lack- und Formschäden auf. Beschädigt sind auch die Menschen in diesem höchst umstrittenen Film von David Cronenberg, der gleich mehrere neue Fetische präsentiert. Wie (fast) immer im Schaffen des Regisseurs sorgt Komponist Howard Shore für die musikalische Untermalung, die hier besonders experimentell und stimmungsvoll daherkommt.


8. Charade (1963)


Als Hitchcock sich Mitte der 60er von außergewöhnlichen Vorspännen und Wegbegleitern verabschiedete (was seinen Filmen nicht gerade gut bekam), traten die Bewunderer und Epigonen auf den Plan. Stanley Donen sicherte sich für seine Hitchcock-Hommage "Charade" die Talente von Saul Bass, der eine sehr verspielte, aber bedeutsame Titelsequenz schuf. Viele Wege führen zur Aufklärung des Verbrechens, aber bis dahin wird man sich oft verlaufen - sagt das Design. Ebenso empfohlen: der Nachfolger "Arabeske" (1964).


9. Der rosarote Panther (1963)


Der Klassiker unter den Titelsequenzen und besser als der nachfolgende Film. Paulchen Panther, der ohne Frage wiederkommt, weil heute nicht aller Tage ist, ist der Held in einem Cartoon-Abenteuer, das nur dem Namen nach im Film vorkommt. Dort ist der 'Pink Panther' lediglich ein Edelstein. Die Idee, jenem Juwel ein tierisches Äußeres zu verpassen, das Kinder wie Erwachsene erfreut, ist schlichtweg genial und hat den Film unsterblich gemacht. Ach ja, und Henry Mancini natürlich auch.


10. Blutige Seide (1964)

Mario Bava, der Meister der Kamera und des italienischen Horrorfilms, kreierte selbst die Titelsequenz zu seiner Giallo-Blaupause "Blutige Seide". Wir befinden uns in einem exquisiten Modesalon, und Bava stellt seine Hauptdarsteller wie Schaufensterpuppen in eine düster-barocke Welt aus grellen Farben, tiefschwarzen Schatten und ebenso schwarzer Spitze. Carlo Rustichelli sorgt mit einem eingängigen Mambo für die Ohrwurm-Qualität zu den berauschenden Bildern. Eine Titelsequenz, wie es sie nur einmal gibt.



11. Der unsichtbare Dritte (1959)

Erneut ein klassisches Design von Saul Bass, der die Titel zu Hitchcocks Agenten-Verwirrspiel auf die Fassade eines Wolkenkratzers legt, hinter dessen Fenstern Cary Grant als Werbefachmann Roger O. Thornhill arbeitet. Das 'O' steht übrigens für gar nichts. Bass' Sequenz war so einflussreich, das sie unter anderem von John Carpenter ("Das unsichtbare Auge", 1978) und David Fincher ("Panic Room", 2002) wieder aufgegriffen wurde.


12. Die neun Pforten (1999)

Treten Sie ein, die Hölle erwartet Sie! Wer einmal die Musik Wojciech Kilars zu Roman Polanskis Okkult-Thriller gehört hat, wird sie nie vergessen. Der Vorspann jagt den Zuschauer - als hätte man es geahnt- durch die neun Pforten, hinter denen vielleicht oder auch nicht der Teufel zu finden ist. Ob der dann auch die Gestalt der schönen Emanuelle Seigner besitzt, wird sich zeigen. Der Film war durchaus umstritten, über die Klasse von Vorspann und Score waren sich aber alle einig. Der Abspann ist übrigens mindestens genau so schön.


13. 2001: Odyssee im Weltraum (1968)


Stanley Kubrick brachte seine Filme immer schon gern auf den Punkt, bevor überhaupt ein Dialog zu hören war. Im Vorspann zu "Lolita" (1962) werden jungfräuliche Fußnägel bemalt, in "Dr. Seltsam" (1964) sind bereits zu Beginn unter Kinder-Krakelschrift die Bomber unterwegs, und in "2001"geht es um etwas Großes, Gewaltiges, nicht mehr als um die Geschichte der Menschheit - Anfang, Ende und darüber hinaus. Also sprach Zarathustra!



14. Die Vögel (1963)


Hitchcock verzichtet im gesamten Film auf Musik und verstört somit die Zuschauer nur noch mehr, die ohnehin schon nicht wissen, warum zum Teufel die friedlichen Federtiere plötzlich über die ahnungslosen Menschen in Bodega Bay und die verzickte High Society-Schickse Tippi Hedren herfallen. In Saul Bass' Titelsequenz werden die Namen der Beteiligten bereits von flatternden Flügeln zerfetzt, während Bernard Herrmann zusammen mit den Tontechnikern für adäquates Gekreische der Vögel sorgt. Klasse!



15. Halloween - Die Nacht des Grauens (1976)

Ebenso simpel wie genial - und zeitlos gut. Die Jahreszeit: Halloween. Die Tageszeit: Nacht. Michael Myers kommt nach Hause. John Carpenter braucht nur einen Kürbis und seine pulsierende Synthesizer-Musik, um das Publikum auf die kommende Nacht des Grauens einzustimmen. Er kommt näher, und näher, und näher...



16. Manhattan (1979)

Woody Allen macht seiner Stadt die Aufwartung und zeigt sie von ihren schönsten Schwarzweiß-Seiten in einer der stimmungsvollsten Titelsequenz aller Zeiten. Eine Liebeserklärung an Manhattan, seine Architektur und seine Neurotiker, fotografiert von Gordon Willis, dem "Prince of Darkness". Dazu hören wir Gershwins "Rhapsody in Blue". Einfach nur zum Dahinschmelzen.



17. Shining (1981)


Stanley Kubrick schickt Jack Nicholson in Berge, Wahnsinn und Tod im Heckenlabyrinth. Seine Fahrt zur neuen Arbeitsstelle, dem 'Overlook'-Hotel, in dem besonders die Silvesterparty zu empfehlen ist (man sollte allerdings auf den Fahrstuhl verzichten), schildert Kubrick als Reise ins Nirgendwo, in eine Welt, die - ähnlich wie das Weltall in "2001" - nur böse Überraschungen bereithält. Majestätische Berge, Endzeit- oder Urzeit-Stimmung, ganz wie man will.




18. Casino Royale (2006)


Zur Wiedererweckung der Bond-Filme für ein neues Zeitalter würdigt das neue Design die klassischen Maurice Binder-Grafiken und weist gleichzeitig den Weg in eine bessere - weil Brosnan-freie - Zukunft. Neben bereits hinlänglich bekannten Motiven wie den Spielkarten, die von Anfang an zum Bond-Universum zählten, ist es vor allem das blutende Herz, das hier für den Film und einen neuen Bond steht.



19. Sphere (1998)

Über die Qualität des Films kann man sich streiten, die meisten mögen ihn nicht. Ich selbst kann ihn als 'Guilty Pleasure' immer wieder sehen, weil Unterwasser-Filme und Sharon Stone stets einen Wackerstein bei mir im Brett haben. Außerdem hat Elliot Goldenthal seinen besten Score für "Sphere" komponiert, und das edle Vorspann-Design ist ein Musterbeispiel für die außergewöhnlichen Grafiken der 90er, die mit Finchers "Se7en" (1995) ihren Anfang nahmen (ein weiteres gutes Beispiel ist "Mimic", 1997). Alte Schiffsmotive, Seeungeheuer und Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer" sind die Motive dieser Titelsequenz, die wahrscheinlich hundertmal besser ist als der nachfolgende Film. Ich mag ihn trotzdem.




20. Total Recall (1990)


Paul Verhoevens Armabreißer-Epos und der bis dato teuerste Film aller Zeiten beginnt mit einem fantastischen Vorspann-Design. Im Mittelpunkt steht die Farbe Rot - für den Mars, auf dem die Handlung spielt, und das Blut, das heftig spritzt, wenn Schwarzenegger als Douglas Quaid unterwegs ist, um sein Gedächtnis zu finden. Vielleicht ist es aber auch nur ein Urlaub, oder ein Traum. Der brachiale Score von Jerry Goldsmith tut das Übrige. Anschnallen, zurücklehnen und bereit machen für einen Sci-Fi-Trip der krachledernen Art.


Und als Bonus:


Mit Schirm, Charme und Melone (The Avengers, 1967)

Kein Kino, sondern Fernsehen, aber die beste TV-Titelsequenz aller Zeiten. Mrs. Peel, die stets gebraucht wird, schießt den Korken vom Champagner und richtet die Nelke in Steeds Knopfloch. Stylischer geht es nicht als in dieser kultigen Agentenserie aus Großbritannien, die sich 1967 mit dem Einzug der Farbe in die heimischen Wohnzimmer zu neuen kreativen Höhen aufschwang.


Dienstag, 17. April 2012

Der schwarze Leib der Tarantel (1971)

Obwohl Mario Bava als Erfinder des Giallo gilt, war es der Erfolg von Dario Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1970), der das Genre so richtig in Fahrt brachte. Wie Pilze schossen fortan Psycho-Thriller aus dem Boden, die sich gegenseitig mit absurd langen Titeln überboten, in denen vorzugsweise Tiere vorkamen, und stets die erprobte Mischung aus Murder Mystery, Sex und schriller Mode boten. Paolo Cavaras DER SCHWARZE LEIB DER TARANTEL (The Black Belly of the Tarantula) gehört nach Meinung vieler zu den besten Vertretern des Genres.

Der Plot: Ein Serienkiller tötet Frauen auf besonders perfide Weise, in dem er sie zuerst mit einem Insektengift paralysiert und ihnen dann den Bauch aufschlitzt, so dass sie ihrer Ermordung wehrlos zuschauen müssen - ganz genau so, wie es eine spezielle Wespenart mit Spinnen macht, die sie erst lähmen, um sie dann in aller Ruhe aufzufressen. Der ermittelnde Inspektor (Giancarlo Giannini) findet sich bald selbst im Netz des Killers wieder und bringt sich und seine Lebensgefährtin in tödliche Gefahr, bevor es zum aufregenden Showdown kommt...

DER SCHWARZE LEIB DER TARANTEL gehört zu den Filmen, die einem Giallo-Fan ein genüssliches Aahhhhh entlocken - so als würde man einen lieben alten Bekannten wiedersehen. Weitaus weniger brutal als der Inhalt vermuten lässt, setzt Regisseur Cavara mehr auf eleganten Stil und Kamera als auf blutige Effekte, um seine düstere Geschichte zu erzählen. Dafür stehen ihm nicht nur Komponist Ennio Morricone mit einer wundervollen Musik zur Verfügung, sondern auch der junge Giancarlo Giannini ("Casino Royale", 2006) als Ermittler mit dem schönsten traurigen Dackelblick, den das italienische Kino kennt. Nebenbei zeigt er eine klasse schauspielerische Leistung - man glaubt ihm, dass er mit zunehmender Laufzeit immer mehr in Bedrängnis gerät und dem Killer ebenso besessen auf der Fährte ist wie dieser seine Opfer jagt. Insbesondere mit seiner Filmpartnerin Stefania Sandrelli hat er eine tolle Chemie. Die beiden sind als Paar schön anzuschauen und wirken in ihrer Körperlichkeit miteinander absolut glaubwürdig.
Neben diesen beiden geben sich übrigens gleich drei Bond-Girls die Klinke in die Hand, Barbara Bach ("Der Spion, der mich liebte", 1977), Claudine Auger ("Feuerball", 1965) und Barbara Bouchet ("Casino Royale", 1967). Um die Riege der betörenden Damen abzurunden, spielt Isabelle Incantrera ein weiteres Mordopfer.

Zu den grausigsten Momenten des Films gehören nicht die Mordsequenzen (wobei diese nicht ohne sind), sondern die Filmaufnahmen, die ein Biologe dem Kommissar vorführt, und in denen die oben genannte Wespe bei der Arbeit gezeigt wird. Die Natur (und Kinder) können grausam sein, und für alle Spinnenphobiker wie mich sind diese authentischen Aufnahmen schwer zu verdauen. Sie verunsichern in genau dem Maß, den der Film braucht, um seine Spannung zu halten.
Zwischendurch gibt es noch eine schweißtreibende Sequenz, in der Giannini einen Erpresser über Hochhausdächer jagt. Die schlussendliche Lösung des Rätsels könnte man enttäuschend nennen, weil der Täter praktisch auf der Hand liegt, gleichzeitig ist seine Motivation so beliebig, dass auch die (nicht vorhandenen) Gärtner oder Butler in Frage kämen. Das macht aber nichts, denn bis dahin hat DER SCHWARZE LEIB DER TARANTEL hervorragend unterhalten und ist seinem Ruf als einer der besten seiner Art absolut gerecht geworden. Wenn gerade kein Argento zur Hand ist, um die Giallo-Lust zu befriedigen, sollte man hier zugreifen.

08/10

Sonntag, 15. April 2012

Das Geheimnis der blutigen Lilie (1971)

Spielen wir kurz 'Erkennen Sie den Film': In einem modernen Apartmenthaus wird eine attraktive, blonde Frau im Fahrstuhl von einer Gestalt im schwarzen Regenmantel mit einem Skalpell ermordet, während sein nächstes Opfer bereits ein paar Stockwerke höher auf den Fahrstuhl wartet. Als sich dort die Fahrstuhltüren öffnen, befindet sich lediglich die blutüberströmte Leiche des Mordopfers im Fahrstuhl.

Wer jetzt für "Dressed to Kill" (1980) ist, hebt bitte die Hand - und liegt falsch. Es handelt sich nämlich um den zehn Jahre zuvor entstandenen Giallo DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE (Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?), der auch unter den Titeln "Der Satan mit dem Skalpell" und "Drops of Blood" vertrieben wird. Brian De Palma wird zwar oft als Hitchcock-Epigone bezeichnet, aber beim Ansehen der ersten Minuten der BLUTIGEN LILIE bleibt einem doch die Spucke weg, wie ähnlich der spätere Fahrstuhl-Mord an Angie Dickinson hier ausgeborgt wurde, und zwar bis hin zu Einstellungsdetails und Musikuntermalung. Ist ja nicht weiter schlimm, denn die BLUTIGE LILIE bedient sich selbst heftig bei anderen Gialli, wie etwa Bavas "Blutige Seide" (1963), aber man darf doch anmerken, dass eine der besten Szenen aus dem Oeuvre des amerikanischen Thriller-Meisters aus diesem obskuren italienischen Werk entliehen wurde. Dass "Dressed to Kill" ansonsten in jeder Beziehung hochklassiger ist, muss nicht extra erwähnt werden.

Zum Inhalt: nachdem besagte junge Frau im Fahrstuhl ins Jenseits befördert wurde, muss auch bald ihre Mitbewohnerin dran glauben. In die somit frei gewordene Wohnung der Mordopfer zieht das Fotomodell Jennifer (Edwige Fenech) zusammen mit einer Freundin. Doch nun ist der Killer hinter Jennifer her. Steckt etwa der Architekt des Gebäudes (George Hilton) hinter den Morden? Oder die seltsame alte Frau von nebenan, die immer Horror-Comics kauft und in ihrem Kleiderschrank einen grässlich entstellten Sohn versteckt? Dann wäre da noch der Geige spielende Herr aus dem gleichen Stockwerk, dessen lesbische Tochter Sheila ( Annabella Incontrera) Jennifer Avancen macht. Oder ist der Täter der mysteriöse Anführer einer Sekte, aus dessen Fängen Jennifer vor kurzem entkommen ist, und der ihr dauernd Lilien vor die Füße wirft? Fragen über Fragen...

DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE gehört dank seines exemplarischen Charakters zu den sehenswertesten Gialli, jenem italienischen Genre, in dem schwarzbehandschuhte Killer aus überwiegend sexuellen Störungen heraus junge Frauen ermorden. Praktisch alle typischen Elemente sind hier vorhanden - der Mörder mit dem Regenmantel, originelle Mordsequenzen, eine hübsche Heldin in Lebensgefahr, ein dubioser Lover, jede Menge Verdächtige, reichlich 70er-Großstadt-Atmosphäre inklusive scheußlicher Modeverirrungen, sowie ein schmissiger Soundtrack mit Ohrwurm-Qualität von Bruno Nicolai, der zu meinen liebsten iPod-Nummern gehört. Mit dieser Musik im Ohr geht man einfach beschwingt durchs Leben und missachtet schon mal eine rote Ampel.

Die Hauptrolle spielt die wunderbare, atemberaubend schöne Edwige Fenech ("Five Dolls For an August Moon", 1972), die wie ihr Co-Star George Hilton Kultstar in zahlreichen Eurotrash-Filmen der 70er war. Regisseur Giuliano Carmineo, der im Vorspann als Anthony Ascott aufgeführt wird, bietet ihr reichlich Gelegenheit, den perfekten Körper zur Schau zu stellen. Sie betritt den Film mit einem Outfit, das lediglich auf ihren Körper aufgemalt ist (!), bekommt mehrere Nacktszenen und findet zwischen den Angriffen auf ihre körperliche Unversehrtheit immer genug Zeit, sich in ausgefallene Kostüme zu kleiden, die ihr dann regelmäßig durch den Killer wieder vom Leib gerissen werden. Tatsächlich wird ihr so oft die Bluse heruntergerissen, dass es schon hysterische Ausmaße annimmt, und der beste Moment des Films ist wohl der, wenn Edwige sich vor dem Angreifer in eine Nachbarswohnung flüchtet, in der die ebenso hübsche, lesbische Sheila wohnt, die nach Edwiges Schilderung der versuchten Vergewaltigung nur lüstern sagt: "Kein Wunder, du würdest jeden in Versuchung bringen!" Nicht gerade sensibel, aber was soll's?

Man sieht schon, mit der Glaubwürdigkeit ist es hier - wie in vielen Gialli - nicht weit her. Dazu gehört auch der Kommentar der Mordzeugin (und besten Freundin des Mordopfers), die sich nicht weiter um die gerade entdeckte Leiche im Fahrstuhl kümmern kann, weil sie dringend zu einem Termin muss ("Ich muss weg!"). Noch mehr Comic Relief kommt von Edwiges WG-Partnerin, die zu jeder Situation einen dummen Spruch auf Lager hat ("Bei Orgien werde ich seekrank!") und ihrer Freundin nebst Lover einen Riesenschreck einjagt, als sie sich als Leiche in der Badewanne ausgibt, um das zu Tode verängstige Pärchen dann auszulachen - was ihr eine saftige Ohrfeige von George Hilton einbringt (mit Soundeffekt á la Bud Spencer/Terence Hill - Kawusch!). Jaja, die 70er, da konnten kesse Frauen nur mit der flachen Hand zur Raison gebracht werden...

Neben diesen eher unfreiwillig komischen Momenten sorgt der Briefmarken sammelnde Inspektor zusammen mit seinem trotteligen Assistenten für etwas gewollten Humor. Der cartoonhafte Assistent darf das heimliche Liebesspiel von Hilton und Fenech beobachten ("Das sieht nicht nach Leichen, sondern nach Nachwuchs aus!"), und der Zuschauer bekommt als Bonus eine Rückblende in Edwiges Sekten-Vergangenheit, in der sie sich nackig unter Lilien räkelt, bevor der Gruppensex beginnt. Was bitte will man mehr vom Kino? Und wo sind Filme wie dieser geblieben?

Wirklich spannend ist DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE nicht, aber er ist extrem kurzweilig, weil ständig etwas passiert. Keine der Figuren verhält sich wie ein intelligentes menschliches Wesen, der skurrile Modefotograf ist (natürlich) schwuler als die Polizei erlaubt, und die Aufklärung des Mordes ist so absurd, dass man nicht zwei Sekunden darüber nachdenken muss - im Rückblick und mit dem Wissen um die Identität des Mörders macht übrigens die erwähnte Eingangsszene gar keinen Sinn mehr.
Bis dahin hat man sich aber ausgezeichnet unterhalten, wenn man ein Faible für diese Art Trash hat. Als Nostalgiker mag ich die BLUTIGE LILIE sehr, weil ich diese Sorte Kino von Herzen vermisse. Die Gialli von Argento, Bava oder Martino sind um Längen und Klassen besser, aber bei Carmineo sitzen alle Giallo-Elemente so schön an ihrem Platz. Wenn man jemandem erklären wollte, was einen Film dieses Genres ausmacht, dann wäre die BLUTIGE LILIE ein gutes Beispiel. Wer mit dem nichts anfangen kann, wird sich wahrscheinlich auch nicht für die anderen begeistern.

08/10


Donnerstag, 12. April 2012

Der New York Ripper (1982)

Gore Galore! schrieb John McCarty in seinem 'Official Splatter Movie Guide' über Lucio Fulcis bluttriefenden Giallo, und besser kann man ihn nicht beschreiben.
Nun sind Fulcis Filme wahrlich nie zimperlich, aber mit dem NEW YORK RIPPER (Lo Squartatore di New York) hat er sogar einige Fans abgeschreckt, die mit der gesteigerten Frauenverachtung des Werks heftige Probleme hatten. Kritiker überschlugen sich gar mit Verbotsforderungen, und schnell fand sich Fulcis Splatterfilm weltweit auf den einschlägigen Listen angeblich jugendgefährdender Streifen wieder. Ganz besonders die damalige Werbekampagne stieß auf Abscheu, die den blumigen Schriftzug trug: "Fulvia Film Proudly Presents: Slashing Up Women Was His Pleasure".
Das bezog man selbstverständlich weniger auf den titelgebenden Killer als auf den Regisseur selbst, der unter dem Schriftzug grinsend in seinem Regiestuhl saß.

Nun sollte man von einem Fulci auch keine Subtilität verlangen. Betrachtet man den Film genauer, stellt man schnell fest, das er auch nicht wesentlich blutiger oder frauenfeindlicher ist als andere Werke Fulcis. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass hier das Fantasy-Element fehlt, das die Gewalt in Fulcis Zombiefilmen stets surrealistisch wirken ließ. Im NEW YORK RIPPER ist alles Realität. Der Film spielt in einem modernen New York, und es sind keine Zombies, die aus den Gräbern steigen, sondern hier ist es ein Serienkiller, der die Frauen aufschlitzt. Männer fallen ihm in der Tat nicht zum Opfer, das heißt aber nicht, dass diese sonderlich sympathisch sind. Ich würde eher sagen, dass DER NEW YORK RIPPER weniger ein frauenfeindliches als ein rundum menschenfeindliches Werk ist. Es gibt so gut wie keine ehrliche, angenehme oder liebenswerte Person im ganzen Film, geschweige denn eine funktionierende Beziehung. Selbst der ermittelnde Detective ist an Schmierigkeit nicht zu überbieten. Die Männer sind größtenteils neurotische, emotionale Krüppel mit Doppelleben und perversen Geheimnissen, die Frauen verdienen entweder mit Sex ihr Geld, erregen durch provozierendes Verhalten die Abneigung ihrer männlichen Umwelt oder reißen in ihrer Freizeit fremde Kerle in Strip-Schuppen auf, um einen heißen Nachmittag mit ihnen zu verbringen (das so genannte Hot Lunch).

Das kennen wir natürlich aus einem anderen Film, nämlich Brian De Palmas "Dressed to Kill" (1980), den Fulci so oft und bis in Details zitiert, dass es fast an Plagiat grenzt. Nicht nur haben wir eine Dame, die bei einem nachmittäglichen One Night Stand ermordet wird (auch noch in einem Hotel in der Nähe des Fahrstuhls), sie trägt auch noch ein ähnliches Outfit wie Angie Dickinson im Vorbild. Fulci bietet dazu noch eine U-Bahn-Sequenz, in der eigentlich nur Nancy Allen fehlt, und der Mörder verstellt hier wir da seine Stimme - was leider bei Fulci zu einem lächerlichen Versatzstück wird, indem er ihn wie Donald Duck quaken lässt. Der Killer mit der Quakstimme hat Fulci jede Menge Spott und Kopfschütteln eingebracht und ist ein absolut saudummer Einfall.
Im Großen und Ganzen aber merkt man Fulcis Film unentwegt den Versuch an, "Dressed to Kill" (und dessen Erfolg) zu kopieren und diesen in den Gewaltszenen derart aufzumotzen, dass selbst dem hartgesottenen Fan die Spucke wegbleibt. Da werden Stripperinnen mit zerbrochenen Flaschenhälsen massakriert, die Polizei darf live mithören, wie ein weiteres Opfer per Rasierklinge ins Jenseits befördert wird (wobei Fulci nicht mit Details spart - da bekommt Buñuels Augenschlitzerszene aus dem "andalusischen Hund" ein Exploitation-Upgrade, bzw. Downgrade, je nach Geschmack), und einmal glotzt die Kamera wie zu besten Edgar Wallace-Zeiten aus einer durchtrennten Kehle hinaus ins Freie. Mit Spannung hat es Fulci nicht sehr am Hut, weswegen der NEW YORK RIPPER als Giallo nur bedingt funktioniert und den Filmen Dario Argentos, mit denen er sich stets messen musste, wie immer unterlegen ist.

Trotzdem sollte man den NEW YORK RIPPER nicht unterschätzen oder als frauenfeindliches Gewaltspektakel abschreiben (nebenbei bemerkt, ist diese Frauenfeindlichkeit nicht nur Fulci zuzuschreiben, denn er arbeitet hier mit einem Drehbuch zweier Autoren, die bereits die Vorlagen zu ähnlich kontroversen Filmen abgeliefert haben). Neben der zynischen Weltsicht, die durchaus etwas für sich hat und zumindest Fulcis Standpunkt vermittelt (was mehr ist als andere Vertreter des Genres bieten, deren Handlungen sich in einem entfernten Nirgendwo abspielen, das vage an die Realität erinnert), bleibt die Kraft seiner Bilder lange im Gedächtnis, so unschön sie auch sein mögen. Fulci war nie ein Meister der Spannung, aber er hat ein Auge für grandiose Set Pieces und Atmosphäre. Statt Lovecraft'schem Surrealismus besticht der NEW YORK RIPPER durch die realistische Großstadtatmo, die es so nur in den 70ern und frühen 80ern gab. Fulcis New York ist ohne jeden Glamour, ein Vorort der Hölle aus Pornoschuppen, Hinterhöfen, Mülldeponien und einem leeren Kino - für Kunst ist kein Platz in dieser Welt. Und die Sequenz, in der unsere Ehebrecherin versucht, sich aus den Fesseln zu befreien, mit denen sie ans Bett gebunden ist, ohne dass der neben ihr schlafende, mutmaßliche Mörder wach wird, ist absolut schweißtreibend.

So springt der Film von einem spektakulären Mord zum nächsten und serviert am Ende eine alberne, aber doch überraschende Auflösung. Wenn man bereit und in der Lage ist, jede politische Korrektheit und alle Regeln des Anstands außer acht zu lassen, kann man den NEW YORK RIPPER genießen, und mir ist - ehrlich gesagt - ein derart anstößiger Film, der alle Hemmungen ablegt und dafür weltweiten Protest (inklusive Ablehnung der eigenen Anhängerschaft) in Kauf nimmt, hundertmal lieber als auf Sicherheit bedachte Streifen, die niemandem weh tun wollen. Ein Film wie DER NEW YORK RIPPER konnte nur in den 80ern entstehen, als die Kinozuschauer begeistert waren von den blutigen Tricks der Maskenbildner, und als Political Correctness gerade noch kein Thema war. Das gilt nicht nur für den Horrorfilm. Mit dieser Schroffheit war es dann auch bald vorbei, und nicht umsonst sind die 90er das wohl langweiligste und belangloseste Jahrzehnt der Filmgeschichte.

Nach dem NEW YORK RIPPER hat Lucio Fulci keinen wirklich guten Film mehr gemacht, und das lag sicherlich auch an den Reaktionen auf seinen bissigen Schlitzerfilm. Die Horror-Fans, die er damals verschreckt hat, haben sich in den Jahren wieder an den NEW YORK RIPPER angenähert. Er ist immer noch nicht sonderlich beliebt, und man schämt sich doch ein wenig, ihn zu verteidigen, aber neben den Zombie-Meisterwerken der frühen 80er gehört er zu Fulcis besten und eindrucksvollsten Filmen. Er profitiert übrigens von mehrfachem Sehen. Wenn man die überlauten Momente des Schreckens und des Splatters einmal hinter sich hat, fallen einem plötzlich die Details auf, die den Film doch weit über das Schundmaß heben. Und davon gibt es viele.

09/10
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