Dienstag, 29. Mai 2012

In Freundschaft verbunden (1943)

Kit Marlowe (Bette Davis) und Millie Drake (Miriam Hopkins) sind beste Freundinnen seit Kindheitstagen, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die bescheidene und intellektuelle Kit hat einen von Kritikern geschätzten, aber erfolglosen Roman veröffentlicht, während Millie - auch aus Eifersucht heraus - zur erfolgreichen Schmonzetten-Autorin aufsteigt. IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN (Old Acquaintance) schildert über 20 Jahre die stürmische Freundschaft, in der Kit viele Opfer auf sich nehmen muss, während die extrovertierte Millie mit ihrem schrillen, selbstsüchtigen Gehabe alle Menschen in ihrer Umgebung, inklusive Mann und Kind, vergrault. Am Ende bleibt ihr nur... Kit.

Nach dieser kurzen Inhaltsbeschreibung sollte man annehmen, dass die Rolle der Millie sehr viel mehr hergibt als die der Kit, und tatsächlich ergreift Miriam Hopkins divenhaft jede Gelegenheit, ihre Co-Stars an die Wand und aus dem Film zu spielen. Als hysterische Millie darf sie herumkreischen, flirten, glamouröse Garderobe tragen und Overacten, was das Script hergibt. Dennoch ist IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN Bette Davis' Film, die besonders in der ersten Hälfte als burschikose, moderne Kit begeistert. Nicht nur sieht sie mit ihrem schlichten Look bei weitem besser aus als die herausgeputzte Hopkins, ihr Understatement und die ruhige Gelassenheit wirken ungemein anziehend. Natürlich ist sie auch die klare Sympathiefigur und hat die Gunst des Publikums stets auf ihrer Seite, während Hopkins ein menschliches Monster darstellt, das nur an sich selbst denkt und alle zur Verzweiflung oder in den Suff treibt. Es hilft auch, dass Hopkins in der zweiten Filmhälfte deutlich weniger Szenen bekommt - auch weil man solche Frauen nur in geringen Dosen ertragen kann.

Bette Davis darf hier wieder die Masochistin geben, die sich viel gefallen lässt (bis zur großen Auseinandersetzung, aber dazu gleich mehr), zweimal für Hopkins eine große Liebe aufgibt und doch stolz und aufrecht bleibt, weil sie die menschlichere der beiden ist, weil sie verzeihen kann und weiß, was Güte bedeutet. Für einen Film der 40er ist es übrigens erstaunlich, dass beide am Ende ohne Männer dastehen, für einen heutigen Film wäre das schlicht undenkbar. Wirft man mal einen radikalen Blick in die Gegenwart auf - sagen wir - "Sex and the City", wo es ebenfalls um Frauenfreundschaft und Solidarität geht, stellt man schnell fest, dass am Ende doch so ziemlich jeder Topf seinen Deckel abkriegt, und dass Freundschaft schön und gut ist, noch besser aber ist eine Liebesbeziehung. IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN bringt das sogar zum Ausdruck, wenn am Ende Hopkins sagt, die Leser ihrer Romane würden ihr nie ein Ende abkaufen, in dem die Frauen alleine blieben - woraufhin Davis lächelnd anmerkt, es wäre vielleicht Hopkins' erster Schritt in Richtung anspruchsvollerer Unterhaltung.

IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN basiert auf einem Theaterstück und ist erwartungsgemäß ein dialoglastiges Drama, das alle aufwändigen Szenerien - wie Parties und Theaterpremieren - überspringt und sich auf die Szenen davor und danach beschränkt. Diese Konzentration sorgt für einen sehr geschlossenen Film, der beiden Darstellerinnen reichlich Gelegenheit bietet, ihr Können zu zeigen. Über die Feindschaft von Hopkins und Davis, die bereits in "Die alte Jungfer" (1939) das 'Vergnügen' hatten, miteinander zu spielen, ist viel geschrieben worden. So hat Bette Davis stets über Hopkins gesagt, dass sie sie als Schauspielerin respektiere und sie ein charmanter Mensch sei, mit ihr zu arbeiten sei allerdings eine ganz andere Geschichte. Von diesem Zickenkrieg merkt man übrigens im Film nicht die Spur, das zeichnet große Schauspielerinnen aus. Wenn aber Davis als Kit in der großen Auseinandersetzung endlich zurückschlägt, Hopkins packt und kräftig durchschüttelt, dann kann man sich vorstellen, welche Freude ihr das bereitet haben muss.

Neben den stürmischen Auseinandersetzungen der beiden Hauptfiguren gibt es noch genügend melodramatische Wendungen, Liebeserklärungen und emotionale Konflikte, dass besonders das weibliche Publikum, für das er in erster Linie konzipiert wurde, begeistert sein dürfte. Die Männer verblassen im Vergleich. Hauptdarsteller John Loder funktioniert, bleibt aber uncharismatisch, dafür kann der junge Gig Young in einer Nebenrolle als Davis' jugendlicher Lover (der sie selbstverständlich für eine Jüngere aufgibt) punkten. Regisseur Vincent Sherman setzt ganz auf die Anziehung seiner Stars, und die guten Dialoge und amüsanten Spitzen machen IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN zu erstklassiger Unterhaltung.

Das versöhnliche Ende wirft dazu einige interessante Fragen über die Natur von Freundschaften auf. Man wundert sich zunächst, dass die Davis reumütig zu Hopkins zurückkehrt und ihr alles verzeiht. Offensichtlich braucht aber die Freundschaft der beiden einen dominierenden und einen unterlegenen Part - einen, der immer gibt, und den anderen, der immer nimmt und alle Aufmerksamkeit braucht. So wie die Frauen gestrickt sind, sind sie ideal füreinander. Das wirkt zunächst ein kleines bisschen zynisch oder desillusionierend, doch bei genauerer Betrachtung steckt in dieser Darstellung eine positive Botschaft. Freundschaft bedeutet hier, dass man die Fehler und Schwächen des anderen kennt, akzeptiert und ihm trotzdem weiterhin zur Seite steht - selbst wenn er sich so unmöglich benimmt wie Miriam Hopkins, die selbst eingefleischte Pazifisten zur Mordlust treiben würde.

IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN war ein populärer Hit und hat viele spätere Filme wie die Bette Midler-Schmonzette "Freundinnen" (1988) oder - deutlich künstlerischer - Almodóvars "Mein blühendes Geheimnis" (1995) beeinflusst. Ein offizielles Remake gab es 1981 unter dem Titel "Rich and Famous" ebenfalls.
Leider ist der Klassiker bislang nicht auf DVD erschienen, ich konnte ihn aber kürzlich im Nachtprogramm (gegen 2:00 Uhr früh!) von 3SAT erwischen, als Teil einer Bette Davis-Filmnacht. Man darf froh sein, dass es überhaupt noch Sendetermine für derart gute Filme gibt. Warum man diese dem Publikum vor Mitternacht nicht 'zumuten' möchte, das weiß der Himmel.

8.5/10

Samstag, 26. Mai 2012

Die toten Augen des Dr. Dracula (1966)

Wir befinden uns gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Frau stürzt sich von einem alten Gemäuer und wird von einem Zaun aufgespießt. Bald darauf trifft der Gerichtsmediziner Dr. Eswai (Giacomo Rossi Stuart) in dem kleinen mitteleuropäischen Dörfchen ein, um die Leiche zu obduzieren. Das sehen die Bewohner aber gar nicht gern und versuchen, die Tote schnell zu beerdigen, bevor Eswai Hand anlegen kann. Wie sich herausstellt, lastet ein schrecklicher Fluch auf dem Dorf - seit einst ein kleines Mädchen namens Melissa starb, wird jeder, der ihre Geistererscheinung sieht und die Glocken läuten hört, in den Selbstmord getrieben...

Regie-Maestro Mario Bava bezeichnete DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA (Operazione Paura/Kill, Baby, Kill) stets als einen seiner Lieblingsfilme, und man versteht schnell, warum. Die Geistergeschichte überzeugt durch ihre traumhafte, ebenso künstlerische wie künstliche Atmosphäre, einige effektive Schreckenssequenzen und die sorgsame Farbdramaturgie. Selbst wenn der Film in der ersten Hälfte etwas schleppend vorangeht und die Darsteller holzschnittartig agieren, baut Bava eine unheimliche Spannung auf, die sich durch die Betonung einzelner Details wie einer Kinderschaukel, einem hüpfenden Ball, Puppen und Wendeltreppen, dem Lachen des kleinen Killer-Mädchens und dem Anblick ihrer gespenstischen Erscheinung hinter beschlagenen Fenstern stetig steigert.
Mit der realen Welt hat der Film - wie so oft bei Bava - nichts zu tun. Die Schauspieler wandeln durch eine von Tod und Verfall beherrschte Alptraumlandschaft, die direkt aus dem Unterbewusstsein zu kommen scheint. Die alten Ruinen des Dorfes sind von Moos und Spinnweben überzogen, überall lauern Verwesung und das Jenseits. Bavas Kameraarbeit ist wie immer makellos. Anders als im knallbunten "Blutige Seide" (1963), der das gesamte Farbspektrum zelebriert, dominieren hier die Erdtöne sowie krankes grün bei Tag, die Nächte sind dagegen tiefblau (und unheimlich).

Natürlich orientiert sich Bava hier eindeutig an den Filmen der Hammer-Studios, sowie an denen Roger Cormans und am "Dracula"-Mythos - wobei der sinnlose deutsche Titel sich lediglich an den Erfolg der Hammer-Filme und Bavas Vorgänger "Die Stunde, wenn Dracula kommt" (1960) anhängen will und nichts mit der Handlung zu tun hast, selbst wenn es im Schlussteil eine Dialoganspielung gibt, die aber nur von der Synchronregie eingebaut wurde, um den Titel zu rechtfertigen. Ein Vampirfilm ist DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA jedenfalls nicht, auch wenn die guten alten Bekannten vorkommen, etwa der ängstliche Kutscher, der nicht weiterfahren will, sowie nebelverhangene Friedhöfe, Totengräber und schweigende Dorfbewohner, die jeden Fremden misstrauisch beäugen.

Der Splattergehalt ist aus heutiger Sicht sehr gering, zumal Bava weitaus mehr Wert auf Atmosphäre legt, seinerzeit wird man es aber sicher als heftig empfunden haben, wie das Blut bereits in der ersten Szene spritzt. Über die Glaubwürdigkeit der Geschichte muss man nicht lange reden, Geistergeschichten sind in den seltensten Fällen logisch. In erster Linie ist DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA ein morbides Schauerstück des Gothic Horror, das auch heute noch die eine oder andere Gänsehaut verursacht. Obwohl ich persönlich "Die Stunde, wenn Dracula kommt" klar bevorzuge, gehört der hier zu Bavas besten und bekanntesten Werken.

08/10

Donnerstag, 24. Mai 2012

Fright Night (2011)

Vorweg sei gesagt, dass das Original "Fright Night - Die rabenschwarze Nacht" (1985) zu meinen liebsten Horrorfilmen der 80er zählt. Meine Erwartungen an das Remake FRIGHT NIGHT (Fright Night) waren also gleich Null, und den vielen wohlwollenden Rezensionen im Netz darf man ohnehin nicht trauen. Insofern kann ich verkünden, dass meine Erwartungen voll und ganz erfüllt wurden. Das ist keine Überraschung.

FRIGHT NIGHT behält die inhaltlichen Eckpfeiler (und Eckzähne) des Originals und variiert einzelne Elemente. Wieder verdächtigt der Teenager Charley Brewster (Anton Yelchin) den attraktiven Nachbarn (Colin Farrell), als Vampir die gesamte Nachbarschaft auszurotten und macht sich schließlich selbst daran, ihn in die Hölle zurückzuschicken. Das stellt sich als schwieriger heraus als gedacht.

So weit, so bekannt. Ich will es auch gar nicht zu lang machen und lediglich feststellen, dass FRIGHT NIGHT eine neue Generation von Filmzuschauern ansprechen will, zu denen ich definitiv nicht mehr gehöre. Da muss man auch nicht jammern. Auch das Original war ein Modeprodukt (allein der 80er Synthie-Score!), das bei Fans des klassischen Horrorfilms eher Brechreiz auslöste, und die Fortsetzung "Fright Night 2 - Mein Nachbar, der Vampir" (1988) gehört zu den schlimmsten Sequels aller Zeiten. So überholt wie Tom Hollands Film heute wirkt, so oll wird auch das Remake in 20 Jahren aussehen, das in erster Linie laut, reizüberflutend und weitgehend hirnlos ist. Die CGI-Effekte sind mäßig, von den homoerotischen Subtexten des Originals (das tatsächlich mehr wollte als 'nur' eine Vampirgeschichte zu erzählen), fehlt hier jede Spur. Das war zu erwarten, obwohl der Stoff geradezu danach schreit, die Zeiten haben sich aber geändert.

Was ich beim neuen FRIGHT NIGHT am meisten vermisse, ist Atmosphäre. Das Setting (eine Neubausiedlung am Rand der Wüste bei Las Vegas) bleibt banal und ohne jedes Geheimnis, und die Abgeschiedenheit des Schauplatzes wirft zahllose Logik-Fragen auf. So scheint niemand außer unserem Hauptdarsteller zu bemerken, dass ein Teenager nach dem anderen verschwindet, und sowohl Explosionen vor der Haustür am hellichten Tag noch blutüberströmte Kids wecken sonderliches Interesse bei Nachbarn oder der Polizei.
Den Humor bezieht der Film vor allem aus bemüht komischen One-Linern ("Schon mal einen Pfahl ins Herz gekriegt? Das tut weh!"), die auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert sind (soll heißen: auch der Doofste im Publikum soll herzhaft lachen dürfen und darf um Gottes Willen nicht mit feiner Ironie verwirrt werden).

Die Darsteller schlagen sich wacker, bleiben aber letztlich uninteressant. Es ist vor allem schade, eine tolle Schauspielerin wie Toni Collette in so einer Wegwerf-Rolle wie Charleys Muter zu sehen. Colin Farrell wirkt - das ist eine Überraschung - doch schon reichlich abgetakelt für sein Alter, und irgendwie scheint sein A-Status nicht recht zu diesem Fast Food Kino passen zu wollen.

Dass Regisseur Craig Gillespie zuvor mit "Lars und die Frauen" (2007) eine zarte, bittersüße Arthouse-Tragikomödie gelungen ist und nun ohne jede Erfahrung im Genre einen Horror-Blockbuster inszeniert, das gehört zu den desillusionierenden Aspekten des modernen Kinos. Zu denen zählt auch der Umstand, dass nur noch Erfolg verspricht, was schon mal erfolgreich war, egal ob ein Remake nun Sinn macht oder nicht. Aber im Zuge der "Twilight"-Hits war es wohl unvermeidlich, die Vampirfilme der 80er nach einem geeigneten Remake-Stoff zu durchforsten. Ich hätte da noch einen "Near Dark" (1987) im Angebot. Der wäre doch mit CGI-Blut auch viel cooler, oder nicht?

Die Moral von der Geschichte: Ich muss weißgott nicht mehr mit jedem Film warm werden, der für mehr als halb so alte Zuschauer wie mich gemacht ist. Wäre ja auch irgendwie albern. Ich würde es eher bedenklich finden, wenn man sich mit 40 für "Transformers" und Konsorten begeistert. Stattdessen mache ich mir lieber nostalgische DVD-Abende mit den Krachern meiner Jugend. Als professioneller Filmkritiker muss man sich mit der Kluft zwischen dem eigenen, gefestigten Geschmack und dem sich unentwegt verändernden Zielpublikum auseinandersetzen. Ich kann mich als Amateur gottseidank zurücklehnen und sagen: Filme wie FRIGHT NIGHT können mir getrost den Buckel runterrutschen, ich schaue mir stattdessen lieber noch zweimal das Original an. Ich bin eben altmodisch. Spießig womöglich. Na und?

03/10

Mittwoch, 23. Mai 2012

Identikit (1974)

IDENTIKIT (The Driver's Seat/Identikit) gilt allgemein als Tiefpunkt in Elizabeth Taylors Karriere. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Diva in glamouröser Garderobe prachtvoll ausgestattete Hollywood-Großproduktionen anführte. Dies ist ein kleiner, italienischer Arthouse-Streifen voller bizarrer Einfälle und einer Taylor, die man - vielleicht - gesehen haben muss, um sie zu glauben. Da bin ich mir allerdings selbst nicht so sicher.

Nach dem Roman "The Driver's Seat" von Muriel Sparks spielt Elizabeth Taylor in IDENTIKIT eine Frau mittleren Alters, die aus einem unbekannten, aber ungemein wichtigen Grund nach Italien reist, wo sie einen Mann zu treffen hofft, den sie aber noch nicht kennt. Soweit klar?
Bereits im Flugzeug wird sie von einem aufdringlichen Fremden (Ian Bannen) angesprochen, doch der scheint der Falsche zu sein. Stattdessen macht sie sich an den Passagier im Nachbarsitz heran, der aber ergreift bei ihrem Anblick die Flucht und bekommt einen Nervenzusammenbruch. So verhalten sich übrigens sämtliche Männer im Film - entweder werden sie alle spontan scharf auf Taylor, oder sie nehmen die Beine in die Hand und rennen um ihr Leben.
In Rom gerät Elizabeth dann an eine alte Dame, wird nebenbei in einen Terror-Anschlag verwickelt, dann lernt sie einen attraktiven Automechaniker kennen, der sie im Auto zum Oralsex zwingt, zwischendurch begegnet sie Andy Warhol, der ihr ein mysteriöses Geschenk überreicht, und schließlich stellt sich heraus, dass der geheimnisvolle Fremde, den sie die ganze Zeit sucht, ihr Mörder sein wird, weil sie von einer Art Todessehnsucht gequält wird.

Noch Fragen?
IDENTIKIT verzichtet auf eine klassische, lineare Erzählung und wirkt durchweg, als hätten sämtliche Beteiligte unter Drogeneinfluss gestanden. Das soll aber nicht heißen, dass der Film nicht unterhaltsam wäre. Allein die Anfangssequenz, in der Elizabeth Taylor in einer Boutique voller futuristischer Schaufensterpuppen ein schreiend hässliches Kleid anprobiert und einen Wutanfall bekommt, als sie erfährt, dass es chemisch behandelt ("It's stainless") wurde, setzt den hysterischen Ton für die kommenden 90 Minuten. Selten hat man die Hollywood-Diva Taylor so unattraktiv zurecht gemacht gesehen - ihre Haare sind wild aufgebauscht und zerzaust, und die 70er-Kleider in schreienden Farben erinnern an psychedelische TV-Testbilder (als es die noch gab).

"Wollen Sie zum Zirkus?" ruft ihr eine Putzfrau nach und spricht damit aus, was der Zuchauer denkt. Man fragt sich ohnehin, warum ein Film, in dem Elizabeth Taylor durchsichtige BHs trägt, beinahe vergewaltigt wird und sich selbst auf dem Bett befummelt, einen so obskuren Status besitzt. Die einen werden sagen, dass der ganze Streifen weit unter Taylors Würde sei, weil sie pausenlos degradiert wird, für Trash-Fans macht natürlich genau das den besonderen Reiz aus. Man fragt sich zumindest, was der Grund für Taylors Zusage war.
Ihr Spiel ist übrigens tadellos. Sie hat ein paar herrlich schräge Töne drauf, die perfekt zum Stil des Films passen. Bei einer Flughafenkontrolle keift sie den Zollbeamten an "You're all so suspicious! Suspicious! Suspicious! Suspicious!" und wird kurz darauf von einer weiteren Beamtin belästigt, die ihr in den Büstenhalter grapscht.

Am Ende muss man sich selbst irgendwie zusammenreimen, worum es eigentlich in IDENTIKIT geht. Offenbar ist dies ein Psychodrama über eine schwer gestörte, einsame Frau, die sich den Tod wünscht - eine Art Eurotrash-Variante von "Auf der Suche nach Mr. Goodbar" (1977). Die Terroranschläge und die vielen parallelen Verhörszenen, in denen sämtliche Männer, denen Taylor begegnet ist, von der Polizei vernommen werden, sollen wohl den Eindruck einer paranoiden Welt zeichnen, die von Gewalt und Tod beherrscht wird. Insofern ist IDENTIKIT ein äußerst pessimistisches Werk, das mit seinem doch überraschenden Anti-Happy-End in Erinnerung bleibt. Wenn auch aus manch falschen Gründen. Sonderbar, sonderbar.
Der schlechteste Film, den Elizabeth Taylor jemals machte, ist IDENTIKIT aber sicher nicht. Ich persönlich habe mich bei dem aufgeblasenen Mammut-Spektakel "Cleopatra" (1963) deutlich mehr gelangweilt und öfter nach der Fernbedienung geschielt als bei diesem extrem bizarren Murks.

05/10

Montag, 21. Mai 2012

Rio Bravo (1959)

RIO BRAVO (Rio Bravo) - das meint nicht nur Kult-Regisseur John Carpenter - ist der ultimative Western, selbst für Nicht-Western-Fans (wie mich). Man könnte ihn auch als Drama, Komödie und als Thriller einordnen - sogar eine Musical-Nummer gibt es. Hier ist für jeden etwas dabei. Für die Freunde der Law & Order-Mentalität gibt es den bärbeißigen John Wayne in seiner Paraderolle als Sheriff John T. Chance, die Hausfrauen dürfen sich an Dean Martin erfreuen, Teenies können ihr hübsches Idol Ricky Nelson anschmachten, und damit das alles nicht zu männerlastig wird, bezaubert die junge Angie Dickinson als langbeinige Pokerspielerin.

Dass ein Film, der so sehr seine Zielgruppen abdeckt und als eindeutig kommerzielles Mainstream-Produkt konzipiert ist, trotzdem die persönliche Handschrift seines Schöpfers tragen und künstlerisch wertvoll sein kann, das beweist RIO BRAVO in jeder Minute, und das liegt ganz allein an Regisseur Howard Hawks, einem Meister auf so vielen Gebieten.

Worum geht es? Im kleinen Western-Städtchen Rio Bravo hat John Wayne alle Hände voll zu tun. Er hat einen Mörder eingesperrt, dessen mächtige Verwandtschaft alles daran setzt, ihn aus dem Knast zu befreien und dafür gern über Leichen geht. Dann wäre da der versoffene Deputy Dean Martin, der zu wenig zu gebrauchen ist, seit er aufgrund einer unglücklichen Liebschaft zu tief in die Flasche schaut, und der von Wayne auf den rechten Weg zurückgebracht werden muss. In der wenigen Freizeit, die Wayne zwischen den Anschlägen auf sein Leben hat, darf er sich zudem mit der reizenden Angie Dickinson herumstreiten, die sich spontan in ihn verliebt und einfach nicht die Stadt verlassen will, obwohl Wayne sie mehrfach darum bittet. Und vergessen wir nicht den jungen Meisterschützen 'Colorado' (Ricky Nelson), der für Waynes besten Freund gearbeitet hat, welcher von Gangstern ermordet wurde, und der nun ein neues Betätigungsfeld sucht. Addieren wir noch die Zickereien eines alten Hilfs-Sheriffs (Walter Brennan ohne Zähne), kommt ganz schön was zusammen an so einem Tag...

RIO BRAVO ist ein in jeder Beziehung mustergültiges Filmerlebnis, hochspannend, dramatisch, psychologisch stimmig, witzig, hervorragend gespielt und trotz einer beachtlichen Länge von 140 Minuten straff inszeniert. Es steckt viel drin in dieser Saga der Außenseiter, die sich zusammenraufen, um gemeinsam gegen die böse Macht von außen zu kämpfen. Gewalt und Tod sind allgegenwärtig in dieser Stadt. Niemandem darf man den Rücken zuwenden, für Geld ist jeder bereit, zu morden. Mit der Western-Romantik hat RIO BRAVO nur noch am Rande etwas zu tun, obwohl der Film insgesamt deutlich romantisch-verklärter ist als Zinnemanns desillusionierten "High Noon" (1952), als dessen Antithese er oft bezeichnet wird. Der Mythos lebt in RIO BRAVO weiter, sowohl im fröhlichen Happy End als auch in der funktionierenden Männerfreundschaft, die sogar ein gemeinsam geträllertes Lied ("My Rifle, My Pony and Me") verträgt - eine Szene, die ich ohne Wimpernzucken zu meinen Lieblingsszenen des Films zählen würde, auch wenn sie den Film kurzzeitig zum Stillstand bringt und die Fans vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So sehr diese Szene ein Zugeständnis an die Besetzung ist, sie ist nicht fremd im Hawk'schen Universum, in dem sich oft mit Musik verbrüdert wurde.

Howard Hawks - das muss man nicht extra erwähnen - gehört zu den ganz großen Regisseuren Hollywoods, der sowohl mit Männer- wie Frauengeschichten umgehen konnte. In seinen klassischen Screwball-Comedies waren Männer die Verlierer gegen starke Frauen ("Leoparden küsst man nicht", 1938), in seinen Western und Kriegsfilmen feierte er dagegen das Männerbündnis. In seinen Gangsterballaden mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall ("Haben und Nichthaben", 1944) entwarf er das Bild der 'Hawksian Woman', der ebenbürtigen, zähen Frau, die mit Sarkasmus und Coolness den Männern mehr als nur das Wasser reichen kann.
So wird auch Angie Dickinson in RIO BRAVO geführt, die mehr sein darf als Schaufensterdekoration. Mit ihr hat der gute John Wayne mehr zu kämpfen als mit den Gangstern. Sie redet zu viel, trinkt zu viel und macht ihn überhaupt ganz wuschig. Und wenn er sagt "Dann muss ich Sie verhaften" ist das die Liebeserklärung, die sie hören wollte. Am Ende landet ihr sexy Outfit auf der Straße. Sie ist gezähmt, aber er auch. Das ist schon ein Unterschied zu einem - sagen wir - "Fluss ohne Wiederkehr" (1954), wo am Ende Robert Mitchum die störrische Marilyn nur über die Schulter werfen und "nach Hause" schaffen muss - ob sie will oder nicht. Das kann man mit einer Angie nicht machen.

Ebenso ungewöhnlich und modern geht der Film mit dem Alkoholiker 'Dude' alias Dean Martin um, der eben nicht zu den typisch attraktiven Film-Quartalssäufern gehört, die im Angesicht der holden Aufgabe keinen Tropfen mehr anrühren müssen, weil sie 'kuriert' sind (ein Klischee, das sich hartnäckig auch im modernen Kino hält, weil es ach so romantisch ist). Martin zittert, schwitzt, lässt sich demütigen und beleidigen, nur um kurz einen Hauch von Stolz zu empfinden und sofort wieder zur Flasche zu greifen. Erst als er das mexikanische Totenlied hört, wird ihm bewusst, was er sich antut, und der Drink landet wieder in der Flasche - eine Szene, in der wir die Läuterung einer Figur hautnah miterleben. Dean Martin zeigt hier seine womöglich beste Darstellung überhaupt. Er hatte sich als Schauspieler gerade aus dem Gespann mit Jerry Lewis befreit und konnte in RIO BRAVO die Welt davon überzeugen, dass er es ernst meinte.

Mein Liebling aber ist und bleibt Ricky Nelson. Ja, ich weiß, vorhersehbar und auch so typisch, aber diese jugendliche Lässigkeit, die leuchtend blauen Augen (ohne Nachbearbeitung!) und die samtene Stimme sind einfach zu schön um wahr zu sein. Da ich kein großer Western-Freund bin, brauche ich zusätzliche Schauwerte - eine Marilyn, eine Joan Crawford ("Johnny Guitar", 1954) oder eben Ricky Nelson, tut mir sehr Leid.

John Carpenter zählt RIO BRAVO zu seinen Lieblingsfilmen und hat ihm in gleich mehreren seiner Werke die Aufwartung gemacht. In "Das Ende" (1976) variiert er nicht nur den gesamten Plot, sondern benutzt als Cutter auch das Pseudonym 'John T. Chance', und selbst ein "Ghosts of Mars" (2001) ist nichts anderes als RIO BRAVO auf einem anderen Planeten (nur eben bei weitem nicht so gut, leider).
Von den Bestenlisten, wenn es um Genre geht, ist RIO BRAVO nicht mehr wegzudenken. Ein großer, kluger und immer wieder sehenswerter Film, der erstaunlich geschlossen bleibt (tatsächlich verlassen wir erst gegen Ende die Stadt für ein explosives Finale). Perfekt ist er nicht - die mexikanischen Nebenfiguren und der grauenhafte Humor, der mit ihnen einhergeht, sind der Zeit geschuldet und bereiten heute Zahnschmerzen. Das ist aber nur ein minimaler Einwurf gegen einen so großartigen Film und fällt nicht weiter ins Gewicht. Wer ihn noch nicht kennt - ansehen! Jetzt!

10/10

Sonntag, 20. Mai 2012

Der Schrecken der Medusa (1978)

"Ich habe einen Hang zu Katastrophen", sagt Richard Burton mit stoischer Miene, und damit meint er nicht etwa seine Darstellung in "Exorzist II - Der Ketzer" (1978), sondern seine telepathischen Fähigkeiten, die in DER SCHRECKEN DER MEDUSA (The Medusa Touch) die Welt an den Rand des Abgrunds bringen.

DER SCHRECKEN DER MEDUSA gehört zu meinen Lieblingsfilmen, seit ich ihn als Kind im Fernsehen sah und mir beim Anblick von Richard Burtons fiesem Blick gehörig ins Höschen machte.
Diese merkwürdige Mischung aus Katastrophen-Thriller und PSI-Horror mit Anklängen an "Das Omen" (1976) ist vom ersten Moment an hochspannend und jagt von einem Höhepunkt zum nächsten, bis zur fatalistischen Auflösung, ohne Schnörkel oder Gedöns, ohne Liebesgeschichte und mit viel sarkastischem Humor.

Dazu ist er grandios gespielt von allen Beteiligten. Lino Ventura ist als zerknitterter französischer Ermittler Brunel in London unterwegs, um einen Mordanschlag auf den Schriftsteller John Morlar (Richard Burton) zu untersuchen. Morlar wurde vor dem Fernseher mit einem Kunstgegenstand erschlagen, und in seinen Notizen findet sich immer wieder die Eintragung "Zonfeld". Zonfeld ist eine Psychiaterin und wird von Lee Remick mit der gewohnten Mischung aus Freundlichkeit und unterkühlter Erotik gespielt.
In Rückblenden erfährt der Zuschauer nun von Dr. Zonfelds Sitzungen mit dem Misanthropen Morlar, der angeblich von seiner Fähigkeit gequält wurde, mittels Gedankenimpulsen Unglück und Katastrophen auslösen zu können. So hat er seine Eltern, Mitschüler und Lehrer bereits in jungen Jahren über die Klinge springen lassen, indem er ihnen den Tod an den Hals wünschte. Um Zonfeld zu beweisen, wozu er fähig ist, lässt er ein Passagierflugzeug in ein Wohnhaus stürzen, und auch eine Weltraumkatastrophe geht auf sein Konto. Jetzt, wo er halbtot an Maschinen angeschlossen ist, arbeitet sein Geist immer noch weiter und versucht, eine Kathedrale zum Einsturz bringen. Die Frage ist nur - kann Lino Ventura die öffentlichen Stellen davon rechtzeitig überzeugen, bevor der ganze alte Kasten während einer Massenveranstaltung zusammenkracht? Und wie stoppt man eine Macht, die man weder kennt noch sieht?

DER SCHRECKEN DER MEDUSA basiert auf einem Roman von Peter van Greenaway. Dort war Zonfeld übrigens noch ein männlicher Arzt und KZ-Überlebender. Der Brite Jack Gold inszenierte diesen parapsychologischen Thriller, der natürlich auf den Erfolgszug von "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1974) aufspringen will, was ihm mühelos gelingt. Hier wie dort ist die Telekinese eine mächtige Kraft, die von niemandem beherrscht werden kann, schon gar nicht vom Träger, bzw. der Trägerin selbst. Sie nährt sich von der Abscheu, die Richard Burton als John Morlar für die Welt und die Menschen empfindet. Seine Mitleidlosigkeit und Hass gegen alles und jeden sind der Motor für Gewalt und Zerstörung, die letztlich auch ihn selbst treffen. Dementsprechend niederschmetternd ist auch das Ende, das den Zuschauer mit einer makaberen Pointe entlässt.

Bis dahin aber darf man sich an einem saftigen, temporeichen Thriller erfreuen, der seine Katastrophenszenarien mit sparsam eingesetzten Spezialeffekten überzeugend gestaltet. Obwohl die Prämisse reichlich albern ist, wird sie mit dem nötigen Ernst aller Beteiligten dargeboten, so dass man Logikfragen und Wahrscheinlichkeitskrämerei schnell beiseite lässt. Der Film ist nie sentimental oder rührig, sondern wird mit ruhiger, aber zielgerichteter Sachlichkeit geschildert. Spannung und Unbehagen werden sorgfältig aufgebaut und stetig gesteigert. Dazu gibt es einige typisch schrullige und sehr britische Nebenfiguren. Das zankende Nachbars-Ehepaar oder der misslungene Versuch des britischen Inspektors, nach Anleitung des französischen Kollegen Ventura eine Zwiebelsuppe zu kochen, lassen unweigerlich an Hitchcock denken.

Die Kritiker waren seinerzeit nicht gerade angetan vom SCHRECKEN DER MEDUSA. Man warf besonders Richard Burton schamloses Overacting vor. Das stimmt nur bedingt, und wenn ich schon jemanden overacten sehen möchte, dann Burton. Das nüchterne Spiel der Co-Stars Remick und Ventura gleicht Burtons Übertreibung locker aus. Er besitzt einfach eine tolle Präsenz, und der Film wäre ohne ihn nur halb so gut.
Selbst wenn ich mich bemühte, ich könnte am SCHRECKEN DER MEDUSA nichts aussetzen (der deutsche Verleih weiß übrigens nach wie vor nicht, ob es nun "Die Schrecken" oder "Der Schrecken" heißen soll - auf dem DVD-Cover steht "Der", im Vorspann "Die").
Er gehört zu den Filmen, die ich wohl am häufigsten gesehen habe und landet mindestens einmal pro Jahr im DVD-Player, genau wie die zeitnah entstandenen "Achterbahn" (1977) und "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123" (1974). Alle drei 70er-Thriller verursachen stets bei mir das wohlige Gefühl, das man hat, wenn man alte Freunde wiedersieht.

10/10

Samstag, 19. Mai 2012

X, Y und Zee (1972)

Die Rollenauswahl von Hollywood-Star Elizabeth Taylor in den 70ern war - um es höflich auszudrücken - durchaus eigenwillig. X, Y UND ZEE (X, Y and Zee/Zee and Company) ist nur einer der vielen seltsamen Filme, in denen die Diva in der Spätphase ihrer Karriere mitwirkte (und da ist "Boom!" noch gar nicht mitgerechnet). Der seltsamste von allen dürfte "Identikit" (1974) sein, dem ich mich in Kürze widme - nachdem ich hoffentlich über ihn hinweg bin.

Worum geht es? Schwierig zu sagen.

X, Y UND ZEE erzählt die Geschichte eine Ehe und stammt aus einer Zeit, als Drogenkonsum gesellschaftlich angesagt war, das erklärt vielleicht ein wenig seinen psychedelischen Touch. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie nach dem Erfolg von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1966) ein Produzent auf die Idee kam, die Taylor erneut in einer Paraderolle als kreischende, überagierende Ehefrau zu zeigen, die sich einen Privatkrieg mit ihrem Gatten (hier Michael Caine) liefert, dem sie in inniger Hassliebe zugetan ist, der aber ein Verhältnis mit einer deutlich jüngeren Frau (Susannah York) beginnt. Der tolle Dreh ist aber: hier muss Elizabeth nicht die schlampige, ungepflegte Matrone spielen, sondern darf tonnenweise Makeup und schrillste 70er-Mode tragen. Dazu gibt es reichlich hippe Partyszenen, 'flotten' Dialog, Sex und Keilereien. Wenn das kein Verkaufsargument ist, dann weiß ich es auch nicht.

X, Y UND ZEE ('Zee' ist übrigens der Rollenname der Taylor, der Rest ist ein Wortspiel über die Dreiecksbeziehung) gehört von der ersten Szene an Elizabeth Taylor, die den Film, die Partner und das merkwürdige Drehbuch nicht nur dominiert, sondern förmlich verspeist - was man an ihrem nicht geringen Bäuchlein und den extrem unvorteilhaften Mini-Kleidern sieht, die sie tragen muss. Taylor säuft, schreit, keucht, prügelt sich und landet schließlich selbst mit der Freundin des Ehemannes im Bett, nachdem sie erfahren hat, dass diese eine lesbische Vergangenheit hat, die sie gern geheim halten würde. Alles, nur um den Gatten zurückzugewinnen, der sich viel gefallen lässt, aber gern auch mal zurückkeift.
Michael Caine sieht hier nicht nur recht attraktiv aus mit seiner coolen 60er-Brille, er hat als Schauspieler ohnehin die Tendenz, wütende Dialoge nicht zu sprechen, sondern zu rufen (das kann man in jedem beliebigen Caine-Film nachprüfen). Je unwohler er sich fühlt, umso mehr brüllt er. Deswegen sind seine Dialoge im Killerbienen-Spektakel "Der tödliche Schwarm" (1978) von Anfang bis Ende eine einzige Brüllerei. Wenn der also auf eine hysterische Taylor trifft, kann man sich ausmalen, was passiert.

Warum sich Susannah York hingegen als freundlich-sensitive Boutiquenbesitzerin das Ganze überhaupt antut, bleibt ein Rätsel. Das sich selbst zerfleischende Ehepaar Taylor und Caine, das unter den Titeln noch fröhlich Pingpong spielt und später den Ball durch York ersetzt, würde jeden, der noch alle fünf Sinne beisammen hat, in die Flucht schlagen. York aber lässt sich demütigen, manipulieren und dann auch noch von der alles verschlingenden Taylor verführen, als gäbe es dafür einen Verdienstorden.

Man muss es aber Elizabeth Taylor lassen - sie gibt immer alles, und davon jede Menge. Sie hat die Energie, die Schönheit und die Persönlichkeit, um große Rollen in großen Filmen zu spielen. Was hätte sie z.B. bei einem Bertolucci oder Visconti spielen können? Man mag es sich kaum vorstellen. Umso bedauerlicher, dass sie ihre Kraft an so belanglose Filme wie diesen verschwendet hat. Mit Regisseur Brian G. Hutton drehte sie später ihren einzigen Horrorfilm, "Die Nacht der 1000 Augen" (1973), der zu meinen absoluten Lieblingsfilmen zählt, auch wenn er das objektiv nicht verdient hat. X, Y UND ZEE aber, dieses bizarre Ehedrama über zwei unerträgliche, eitle Luxusmonster, muss ich mir dann doch kein zweites Mal ansehen.

05/10

Donnerstag, 17. Mai 2012

Hotel International (1963)

"Die nächste Stunde wird sich ziemlich hinziehen", sagt der französische Verführer Louis Jourdan zu seiner verheirateten Geliebten Elizabeth Taylor, und damit könnte er womöglich den Film beschreiben, der zu keiner Zeit die Klasse eines "Menschen im Hotel"(1932) erreicht, auch wenn er sich noch so bemüht.

Nach ihrer reichlich von Skandalen und Schlagzeilen begleiteten Vorstellung in "Cleopatra" (1963) gehörten Elizabeth Taylor und Ehemann Richard Burton endgültig zu den großen Leinwandpaaren der Filmgeschichte, deren Leben vor und hinter der Kamera von Fans und Journalisten in aller Welt gierig verfolgt wurde. Hollywood schlug natürlich Kapital aus dem gesteigerten Interesse der Öffentlichkeit an dem exzentrischen Duo und steckte es in ein Star-Vehikel nach dem nächsten, von denen allerdings keines die Qualität von Mike Nichols' "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1966), ihrem wohl besten Film, erreichte. Man kann die Taylor/Burton-Werke am besten in guten und schlechten Trash einteilen. Und auch das Publikum sollte ihrer bald überdrüssig werden.

Bei HOTEL INTERNATIONAL (The V.I.P.s) war die Sensationslust der Zuschauer noch ungebremst. Der britische Film von Anthony Asquith erzählt von einer handvoll Prominenter, deren Maschine vom Londoner Heathrow Flughafen wegen Nebels nicht starten kann, und die deswegen über Nacht im Hotel einquartiert werden. Unter ihnen befinden sich so illustre Stars wie Margaret Rutherford als schrullige (was sonst?) Gräfin, Orson Welles als schwergewichtiger Filmproduzent und Rod Taylor als Besitzer einer Traktorenfabrik, der einen ungedeckten Scheck stoppen muss, um seine Firma zu retten, wobei ihm die stets hilfsbereite Sekretärin Maggie Smith zur Hand geht. Elizabeth Taylor spielt die verwöhnte Ehefrau des stinkreichen Burton, dem vermutlich die ganze Welt gehört. Trotzdem will sie ihren Gatten für den windigen Geliebten Louis Jourdan verlassen.

Als Film ist HOTEL INTERNATIONAL zwar gut ausgestattet und glänzt mit seiner Starbesetzung, aber er ist auch komplett statisch und leblos. Die Darsteller stehen oder sitzen zumeist voreinander und sagen mehr oder weniger überzeugend ihre Schmonzetten-Dialoge auf. Eine echte schauspielerische Leistung zeigt keiner, mit Ausnahme von Maggie Smith, die als heimlich in ihren Chef Rod Taylor verliebte Sekretärin die einzig sympathische Figur darstellt und diese mit dem nötigen Understatement spielt. So ist dann ihre späte Szene mit Richard Burton auch die einzig interessante im gesamten Film, weil hier nicht nur zwei Stars, sondern zwei Charakterdarsteller miteinander agieren.

Der Rest plätschert ereignislos und vorhersehbar, ohne große Höhepunkte, dahin. Margaret Rutherford bringt als skurrile alte Schachtel mit zu großem Hut zwar ein bisschen Leben in die Bude, führt aber - ebenso wie Orson Welles, dessen Anwesenheit und Storyline vollkommen überflüssig und unwitzig sind - ein schamloses Schmierentheater auf, das ihr auch noch einen Oscar einbrachte. Nicht, dass die herrliche alte Dame diesen nicht für sämtliche Miss Marple-Filme verdient hätte. Offenbar liebt man es in Hollywood, wenn sich große alte Damen der Theaterbühne im Film zum Affen machen. Helen Hayes erhielt für eine ähnlich alberne Darstellung ein paar Jahre später den Oscar für "Airport" (1970). Rutherfords Gatte Stringer Davis taucht übrigens in einer kleinen Rolle als Hotelkellner auf.

Laut Autor Terence Rattigan basiert die Taylor/Burton-Geschichte auf einem wahren Fall. So wollte Vivien Leigh wohl einst ihren Gatten Laurence Olivier verlassen, um mit Schauspieler Peter Finch durchzubrennen, doch der Heathrower Nebel machte auch diesem Paar einen Strich durch die Rechnung. Warum das Liebesdrama aber dermaßen leblos bleibt, man weiß es nicht genau. Burton übersteht den Film mit genau einem Gesichtsausdruck, der sich nicht ändert, egal, ob er vor Eifersucht kocht, sich sinnlos betrinkt oder mit der Pistole herumfuchtelt wie ein drittklassiger Groschenroman-Charakter. Elizabeth Taylor gibt sich ein wenig mehr Mühe, wirkt aber ebenso blass und wird dazu von offensichtlich blinden Masken- und Kostümbildern ausgestattet. Zunächst trägt sie ein schreckliches Strickkleid mit Turmfrisur, später dann ein rosa Seidenkleid, das einer Miss Piggy gerade noch gut zum alljährlichen Schweineball stehen würde, aber nicht einer erwachsenen Millionärsgattin.
Louis Jourdan spielt das, was er immer spielt, und ich kann nicht oft genug sagen, wie sehr mich sein schmieriger Gigolo-Habitus ZU TODE LANGWEILT. Was finden Frauen nur an dieser hölzernen, manierierten Marionette? Dazu wird er auch noch als komplette Flasche und Feigling gezeichnet, so dass man sich ernsthaft fragt, ob Taylor verrückt geworden ist, mit diesem Hanswurst durchbrennen zu wollen. Eine Schande.

Wenn am Ende (Achtung, Spoiler - zumindest für alle, die den Ausgang der Geschichte nicht nach zehn Minuten ahnen) Taylor zu ihrem Gatten zurückkehrt, weil er kleinlaut und selbstmitleidig mit Selbstmord droht, fragt man sich schon, welch wunderbare Zukunft die beiden wohl vor sich haben, und warum sich Elizabeth eigentlich nur mit emotionalen Wracks herumschlägt, wo sie doch jeden haben kann. Ich selbst würde sie sofort heiraten (was aufgrund ihres Todes nun auch nicht mehr so richtig geht) - allein, um ihre Kleider und Klunker tragen zu können! Und ich würde sie auch besser behandeln.
Aber bitte. Jeder, wie er will.

Trotz der eklatanten Schwächen war HOTEL INTERNATIONAL ein Kassenhit und ist leidlich unterhaltsam, wenn es draußen mal wieder in Strömen regnet. Dem Paar Burton/Taylor zuzuschauen macht irgendwie immer Spaß, weil beide - selbst wenn sie gar nichts spielen - schlicht und einfach aufgrund ihrer Ausstrahlung und Persönlichkeit sehenswert sind. Für Burton tut es mir trotzdem Leid, der sich zu oft neben Taylor zu einem heulenden Jammerlappen degradieren lassen musste (siehe auch "Die alles begehren", 1965, die wohl schlimmste Schmonzette der beiden).

HOTEL INTERNATIONAL ist bislang noch nicht auf DVD erhältlich, wird aber gern im Nachtprogramm versendet, weil er als Einschlafhilfe noch am besten funktioniert.
"Ich bin so müde", haucht Elizabeth am Ende ihrem Richard ins Ohr.
Uns geht's ähnlich, liebe Liz.

6.5/10

Mittwoch, 16. Mai 2012

Body Puzzle (1992)

Anfang der 90er war das italienische Horror-Kino endgültig am Boden. Bevor sich Regisseur Lamberto Bava in die Niederungen von TV-Fantasy-Abenteuern zurückzog, inszenierte er noch einmal einen Slasherfilm namens BODY PUZZLE (Body Puzzle), der gar nicht mal so schlecht ist wie man vielleicht befürchten musste.

Der Inhalt: ein wahnsinniger Mörder (Francois Montagut) tötet scheinbar wahllos Menschen und schickt deren Körperteile mit schönen Grüßen an die attraktive Lektorin Tracy (Joanna Pacula). Bald aber stellt sich heraus, dass den Opfern auch Innereien entnommen wurden, und dass Tracys verstorbener Ehemann Abe nicht nur ein schwules Doppelleben führte, sondern auch als Organspender fungierte. Abes Leiche wurde bereits vom Friedhof gestohlen. Nun befinden sich alle Empfänger seiner Organe in Lebensgefahr, denn scheinbar versucht der irre Killer, sich den geliebten Gatten von Tracy wieder zusammenzusetzen... oder ist doch alles ganz anders?

Ja, es ist alles etwas anders, das liegt aber lediglich daran, dass die zunächst einleuchtende Backstory über den mit Leichenteilen puzzelnden Mörder mit zunehmender Lauflänge unnötigerweise verkompliziert wird, bis man als Zuschauer kaum noch mitkommt, wer da wessen Körperteile zu welchem Zweck sammelt und wieder zusammensetzt, bzw. um wessen Identität es sich bei dem Killer nun wirklich handelt. Das macht aber nichts, unterhaltsam und über weite Strecken spannend ist BODY PUZZLE, der übrigens überraschende Ähnlichkeiten mit dem zeitgleich entstandenen US-Horrorfilm "Body Parts" (1991) aufweist, allemal.

Das liegt zum einen an der temporeichen Inszenierung Bavas, der sich zwar visuell kein Bein ausreißt, dafür aber straff und schnörkellos voranschreitet, zum anderen an den guten Darstellern. Joanna Pacula war bereits in mehreren US-Genrefilmen zu sehen, Francois Montagut ist ein eindrucksvoller Mörder, und in Nebenrollen tummeln sich Veteranen des Horror-Kinos wie Erika Blanc, die schon bei Lambertos Vater Mario spielte ("Die toten Augen des Dr. Dracula", 1966) und Giovanni Lombardo Radice (aka John Morghen), den wir alle seit der Zeit der Zombie- und Kannibalenfilme lieben, und der hier einen melancholisch-schwulen Kutscher spielt, der offenbar - wie fast alle Charaktere - in den toten Ehemann der Witwe Tracy verliebt war.

Sehenswert wie immer bei Lamberto Bava sind die Mordsequenzen, die nicht übertrieben blutig daherkommen, aber dennoch die eine oder andere Gänsehaut verursachen. So landet ein Konditor blutüberströmt in seinen Pralinen, einer Hausfrau wird auf einer Kaufhaus-Toilette eine Hand abgehackt (Aua!), und ein Bademeister wird unter Wasser im Schwimmbecken aufgeschlitzt (wie der Killer unter Wasser allerdings Organe entnehmen will, das muss er bitte mal vormachen, die Kamera hält sich wohlweislich zurück bei diesem Kunststück).
Der Killer hört bei Ausübung seiner blutigen Taten per Walkman stets dasselbe klassische Musikstück, nämlich Carl Orffs "Carmina Burana", zumindest in der italienischen Originalfassung. Aus rechtlichen Gründen muss er in allen ausländischen Versionen mit Mussorgskys "Night on Bare Mountain" (Johannisnacht auf dem Kahlen Berge) vorlieb nehmen, das etwas weniger effektiv sein dürfte. Ohnehin sind beide Stücke mittlerweile von den Massenmedien so zu Tode gedudelt, dass man sie nur schwer noch ertragen kann.

Was BODY PUZZLE leider nicht so recht hinbekommt, ist die Liebesgeschichte zwischen Joanna Pacula und dem ermittelnden Cop Tomas Arana. Man fragt sich, warum die trauernde Witwe eigentlich so fröhlich flirtet und sich in den Haaren spielt, während ein Unbekannter ihr unentwegt Leichenteile vor die Tür legt und die Überreste ihres Mannes vom Friedhof stiehlt. So heiß ist der Herr Arana nun auch wieder nicht, dass man darüber die kleinen Alltagsprobleme (wie abgeschnittene Ohren im Kühlschrank) vergessen kann. Ebenfalls enttäuschend ist das Finale, das zwar inhaltlich an den Beginn anknüpft, aber doch ein paar Nummern spannender hätte ausfallen dürfen. Dafür bietet Bava einen herzhaften Schocker, wenn Kommissar Arana eine Tiefkühltruhe untersucht.

BODY PUZZLE gehört mit seinen Stärken und Schwächen zu den letzten Filmen seiner Art. Von den zahlreichen Kultregisseuren, die den italienischen Horrorfilm in den 70ern und 80ern zwischen Trash und Meisterwerken auf Erfolgskurs hielten, blieb nur noch Dario Argento, der weiter fürs Kino seine Schreckensvisonen inszenierte. Alle anderen sind auf der Strecke geblieben, das Genre wanderte ins Fernsehen, wo es per Definition nichts zu suchen hat. Das ist mehr als schade, das ist eine wirklich tragische Geschichte.

7.5/10

Samstag, 12. Mai 2012

Torso (1973)

Zwei Studentinnen fallen einem maskierten Killer zum Opfer. Die einzige Spur zum Täter ist ein roter Schal, der auf dem Campus von einem fliegenden Händler verkauft wird. Der versucht, den Täter zu erpressen und wird von einem Auto überfahren. Eine weitere Studentin glaubt, die Identität des Mörders zu kennen und erhält umgehend bedrohliche Anrufe, weswegen sie mit ein paar Freundinnen in ein abgelegenes Landhaus (da ist es wieder!) flieht.
Doch der Mörder ist den Mädels bereits auf den Fersen. Als unsere Hauptdarstellerin Jane (Suzy Kendall) am Morgen erwacht, hat der Täter alle Freundinnen umgebracht und zerstückelt ihre Körper mit einer Handsäge. Es kommt zu einem mörderischen Katz- und Mausspiel...

TORSO, der im Original den schönen Titel "I corpi presentano tracce di violenza carnale" (grob übersetzt: "Die Körper weisen Spuren von Gewaltanwendung auf") trägt und bei uns unter dem Titel "Die Säge des Teufels" ins Kino kam, gehört zu den wichtigsten Gialli der frühen 70er. In den USA wurde er in den Programm- und Drive-In-Kinos zum Hit, wo er im Doppelprogramm mit Mario Bavas "Bay of Blood" (1969) lief, und sein Einfluss auf den späteren Slasherfilm ist nicht von der Hand zu weisen. Dazu gehören die typische Maskierung des Killers, der hier eine groteske Skimütze trägt, sowie dessen obligatorische Waffe und die POV-Shots des Killers in den Mordszenen, die den Zuschauer zur Identifizierung mit dem Killer zwingen. Erwachsene Charaktere gibt es kaum in TORSO, der hauptsächlich unter Frühzwanzigern spielt, auch das ist ein Stilmerkmal des Slasherfilms.

Sergio Martino, der einige der besten Vertreter des Giallo-Kinos inszeniert hat, schraubt in TORSO den Gewalt- und Erotiklevel in neue Höhen. Wer seinen Trash am liebsten mit viel nackter Haut mag, der ist bei Martino genau richtig. Außer unserer züchtigen Hauptdarstellerin Suzy Kendall müssen sich sämtliche - und ich meine sämtliche - Damen nackig machen, und bereits unter den Titeln gibt es einen flotten Dreier zu bestaunen. In der US-Fassung wurde dieser übrigens entfernt und durch eine der späteren Mordsequenzen ersetzt, frei nach dem Motto: Mord und Totschlag = ok, Sex = nicht ok.

Das Studentenleben in TORSO besteht im Prinzip aus einer Kette von Orgien und Drogenexperimenten, daneben wird ein bisschen pseudo-intellektuell dahergeschwafelt ("Herr Professor, ich finde Ihre Analyse zu autoritär" - "Wirklich? Das ist ja interessant.") . Statt zu büffeln, ziehen die flotten Kommilitoninnen lieber zur Freude des männlichen Publikums ihre Blusen aus. Ganz besonders schlimm wird es, wenn die Damen aufs Land entfleuchen und von einem Traktor durchs Dorf kutschiert werden, wo die alten und jungen Dorfzausel Stielaugen bekommen und extrem frauenfeindliche Kommentare ablassen, die von der deutschen Synchronfassung noch getoppt werden. Die schwarze Darstellerin Carla Brait wird mit dummen Sprüchen wie "Färbt die ab?" oder "Ich steh' auf Schokoladenpudding" bedacht, was dem Film dann nicht nur einen sexistischen, sondern auch noch rassistischen Anstrich verleiht. Warum eins, wenn man auch beides haben kann? Gut, die Zeiten waren noch nicht so politisch korrekt wie heute (und das ist auch gut so), aber witzig ist irgendwie anders.
Typisch übrigens, dass alle Studentinnen aussehen, als seien sie gerade einem Erotik-Kalender entsprungen, während die Männer durchweg das Who-is-Who von Hässlichhausen repräsentieren. Sogar ein zwielichtiger Unbekannter, der als 'schön' tituliert wird, ist ein Grottenolm.

Trotz mancher Schwächen kann TORSO aber in den Spannungssequenzen punkten. Gerade das letzte Drittel, wenn Suzy Kendall allein mit dem Killer im Landhaus eingeschlossen ist, bietet für den Freund klaustrophobischer Spannung jede Menge Gänsehaut, und dass Kendall in solchen Szenen gut funktioniert und schön kreischen kann, hat sie in Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1970) bewiesen. Leider folgt der Film auch im Finale seinem Macho-Gehabe. Anstatt sich selbst zur Wehr zu setzen, muss Kendall sich zuvor den Fuß verstauchen, indem sie saublöd eine Treppe herunterfällt, nur damit sie am Ende von einem der langweiligen Kerle gerettet werden kann, der natürlich kaum Schwierigkeiten hat, den Killer mit ein paar Faustschlägen zur Strecke zu bringen. Ach, die Italiener...

Obwohl TORSO durchaus gewalttätig ist, gelingt es Sergio Martino durch Aussparungen und Unterschneidungen, den Splatterfaktor auf genießbarem Niveau zu halten. Wenn der Killer die Leichen mit der Säge zerteilt, genügen ihm lediglich blitzschnelle Zwischenschnitte und Andeutungen. Die Komponisten Guido und Maurizio de Angelis haben einen der besten Giallo-Scores aller Zeiten komponiert, der eine erstaunliche Palette aufweist, von sanften Easy Listening-Melodien für die Partyszenen bis zu hämmernden Rhythmen in den Stalk 'N Slash-Momenten.

Ob man ihn mag oder nicht, TORSO hat seinen festen Platz in der Geschichte des Horrorfilms. Er fügt der traditionellen Giallo-Formel ein paar neue Elemente hinzu und weist direkt in Richtung "Halloween" (1978) und Nachfolger. Ob sein Titel sich aber auf die zerhackstückten Leichen bezieht oder auf die stets textilfreien Oberkörper der Studentinnen, das weiß ich auch nicht.

08/10

Der Killer mit dem roten Halstuch - "Torso"



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