Sonntag, 29. Juli 2012

Tödliche Lippen (1988)

"To Die For" ist der Titel einer schwarzen Komödie von Gus van Sant, aber hier geht es um den gleichnamigen Spielfilm von Deran Sarafian, der bei uns unter dem Titel TÖDLICHE LIPPEN (To Die For) direkt auf Video veröffentlicht wurde. Das Schicksal wäre ihm heute womöglich erspart geblieben, wo Vampirstreifen mit jungen, blassen Gesichtern gerade Hochkonjunktur haben. Ende der 80er aber wollte sich niemand so recht für diese moderne Dracula-Adaption mit Mittzwanzigern begeistern. Das Publikum amüsierte sich zu jener Zeit eher über Teenager-Vampirkomödien wie "Vamp" (1986) oder "Fright Night" (1985), die sich über die klassischen Elemente des Genres lustig machten, und mehr noch für die coolen Sprüche Freddy Kruegers.

Zum Inhalt: Der unsterbliche Vampir Vlad Tepish (Brendan Hughes) hat nicht nur extrem verträumte Kulleraugen, die jedes Mädchenherz zum Schmelzen bringen, er lässt sich auch in L.A. nieder und erkennt in der Maklerin Kate (Sydney Walsh) seine verlorene Jugendliebe. Kate ist selbst ganz angetan von dem sensiblen Vlad, der so anders ist als ihr karrieregeiler Yuppie-Lover. Sie vermittelt ihm ein prachtvolles Schloss und ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Celia (Amanda Wyss) als Sekretärin noch dazu. Die mag nach einigen nächtlichen Überstunden bald die Sonne nicht mehr leiden und trägt flatternde Schals, während Kate sich immer mehr nach dem geheimnisvollen Vlad verzehrt...

Einige Eckpunkte des Romans von Bram Stoker werden hier gerade noch erkennbar verwurstet, weswegen der Film in den USA als "Bram Stoker's To Die For" auf Video veröffentlicht wurde. Die Bearbeitung fällt dabei gar nicht so dumm aus. So gibt es für viele von Stokers Einfällen ein modernes Pendant, Kate ist als Maklerin und Draculas große Liebe sozusagen Jonathan Harker und Mina Murray in einem, und die Idee, das Ganze aus der Sicht einer sehnsuchtsvollen jungen Frau zu erzählen, die auf die große Liebe wartet (quasi 'Ally McBeal meets Dracula'), wurde kurz darauf von Francis Coppola ganz ähnlich - wenngleich im klassischen Ambiente - verwendet. TÖDLICHE LIPPEN ist eine der wenigen Stoker-Verfilmungen (vor Coppola), in der die weibliche Hauptfigur nach einer gemeinsamen Liebesnacht das Blut Draculas trinken muss. Das war vielen Adaptionen zuvor zu anstößig.

Apropos anstößig - bei der ersten Begegnung verkündet Kate ihrem Dracula umgehend, dass sie 'körperlich gesund' sei und 'keine übertragbaren Krankheiten' habe. So unsexy das auch klingt, es weist den Film unverkennbar als Produkt der späten 80er aus, als die AIDS-Panik grassierte und vor einem One Night Stand dringend einige Eckdaten klargestellt werden mussten (sollte man übrigens auch machen, wenn man sich nicht mehr in den 80ern befindet). Da es beim Vampirfilm zwangsläufig um den Austausch von Körperflüssigkeiten geht, lag es offenbar nah, den Film mit einem Warnhinweis zu versehen, auch wenn das heute reichlich absurd wirkt.

Leider verzichtet Regisseur Sarafian auf eine Van Helsing-Figur und setzt dafür einen Gegenspieler Draculas ein, eine Art gleichwertigen Rivalen, der vor allem sauer darüber ist, dass er nicht die anständigen Mädels abbekommt, sondern sich mit den billigen Ludern zufrieden geben muss. Außerdem will der Film zugleich herzzerreißende Liebesgeschichte und Splatterfilm sein, was nicht ganz funktioniert. So dürfte TÖDLICHE LIPPEN für Romantik-Fans zu blutrünstig sein, während sich Splatterfreaks in der ersten Stunde eher langweilen werden. Die Spezialeffekte können sich allerdings absolut sehen lassen. Die Vampirfratzen und besonders die verendeten Untoten sind erstklassige Maskenleistungen, alle aus Handarbeit, versteht sich.

Das junge Ensemble agiert auf solidem TV-Niveau. Zwar sind alle Darsteller hübsch anzuschauen und würden sich im 'Melrose Place' wunderbar machen , aber hier fehlt doch der eine oder andere Charaktermime. Eingefleischten Horrorfans sollte Nebendarstellerin Amanda Wyss ein Begriff sein. Sie wurde ein paar Jahre zuvor als erstes Opfer von Freddy Krueger in Wes Cravens "Nightmare - Mörderische Träume" (1984) im Schlaf über Wände und Zimmerdecken geschleift. Sie zeigt hier eine gute Darstellung als nettes Mädel von nebenan, das sich in ein eiskaltes Vamp verwandelt. Als solches sieht sie dann aus, als sei sie einem Robert Palmer-Video entsprungen.
Ebenfalls solide Arbeit leisten Kameramann Jacques Haitkin ("Nightmare 2", 1985, "The Hidden", 1987) und Komponist Cliff Eidelman mit seinem schwülstigen, pompösen Synthie-Score. Die Synchronisation ist eher von der billigen Sorte, den einen oder anderen Sprecher kennt man aus Pornos der 80er - wenn man Pornos der 80er kennt.

Fazit: Wer sämtliche Vampirfilme und Dracula-Adaptionen sehen muss, die je gemacht wurden, der kommt an TÖDLICHE LIPPEN nicht vorbei. Wer auf Horror-Unterhaltung der 80er steht, kann gern einen Blick riskieren und sich an den Effekten ergötzen. Ich mochte TÖDLICHE LIPPEN als pubertierender Jugendlicher und mag ihn immer noch ganz gern. Leider ist er bislang nicht auf DVD erhältlich, also muss die alte, ausgeleierte Videokassette einmal im Jahr dran glauben. Die freut sich immer, wenn man sie in der Abstellkammer besucht.

06/10

Freitag, 27. Juli 2012

Virus (1999)

Wenn Aliens die Erde erforschen, würden sie dann die Menschen als Virus betrachten? Als eine gefährliche Lebensform, die den Planeten bedroht, die man aber noch prima zum Recyceln nutzen kann?

So geschieht es in VIRUS (Virus), einer Comic-Verfilmung von John Bruno. Hier trifft mitten im Ozean ein amerikanischer Schlepper, der in Seenot geraten ist, auf einen russischen Kreuzer, der von Außerirdischen übernommen wurde, und der seitdem führerlos auf dem Meer herumschippert. Nur eine Überlebende gibt es, eine Wissenschaftlerin (Joanna Pacula), die sich vor den Aliens versteckt hält. Die Mannschaft des Schleppers kommt an Bord und wird bald darauf von der unsichtbaren Macht gejagt, die aus menschlichen Überresten grauenvolle Vernichtungsmaschinen bastelt...

VIRUS wurde von Gale Ann Hurd produziert, was natürlich beim Fan wohlige Erinnerungen an Sci-Fi/Horror-Klassiker wie "Aliens" (1986) weckt. Und tatsächlich benutzt VIRUS auch so ziemlich jedes Klischee, das wir in den letzten 30 Jahren in diesem Genre zu sehen bekamen. Leider wirkt der Film seltsam lustlos heruntergekurbelt und hat weder eine Handschrift noch einen interessanten visuellen Stil vorzuweisen, da Regisseur John Bruno vorwiegend fürs Fernsehen inszeniert. Aus der gar nicht dummen Grundidee wird nichts gemacht. Die Spezialeffekte-Abteilung sorgt zwar für ordentlichen Splatter mit verschiedenen Mensch/Maschine-Hybriden und Innereien-Gepansche, doch VIRUS ist vor allem eins - hässlich. Das russische Schiff ist ein einziger Schrottplatz, den der Film nach dem Entern der US-Crew bis zum Ende nicht mehr verlässt, und das Herumgerenne in den immer gleichen, dunklen Räumen voller Elektronik-Müll wird schnell todlangweilig und banal.

Da kann auch die Besetzung nichts mehr reißen, die immerhin ganz prominent zusammengestellt wurde. Ich habe mir den Film überhaupt nur wegen Jamie Lee Curtis angesehen, die ihre Rollen normalerweise gut auswählt (ich bin dafür sogar ins Kino gegangen, das war vielleicht eine Enttäuschung!), und auch William Baldwin fand ich Anfang der 90er recht knackig (Ich war jung). Baldwins Charme zeigt in VIRUS allerdings schon einige Abnutzungserscheinungen, während Jamie Lee zwar solide spielt, aber mit einer eindimensionalen Rolle keine Chance hat. Die angedeutete Romanze der beiden ist völlig unnötig und keine Sekunde überzeugend. Donald Sutherland streicht als gieriger Kapitän, der zum Oberbösen mutiert, ebenfalls nur seinen Scheck ein und überlässt die Arbeit seinem guten Namen. In einer Nebenrolle wiederholt Cliff Curtis seine Rolle aus "Octalus - Tod aus der Tiefe" (1998), den er ein Jahr zuvor gemacht hatte, und der weitaus besser geraten ist. Offensichtlich hatte er noch nicht genug von Monstern zu Wasser.

Mehr gibt es auch schon nicht zu sagen. VIRUS ist zwar reichlich laut, lädt aber eher zum Einschlafen ein. Fazit: nicht weiter der Rede wert.

02/10

Dienstag, 24. Juli 2012

Unternehmen Capricorn (1978)

UNTERNEHMEN CAPRICORN (Capricorn One) erzählt von der geplanten Marsmission dreier Astronauten (James Brolin, O.J.Simpson, Sam Waterston), die allerdings noch vor dem Start aus der Raumfähre geholt werden, damit sie sich an einem unglaublichen Komplott beteiligen. Wie es aussieht, gibt es erhebliche technische Probleme, die eine erfolgreiche Mission unmöglich machen würden, aber der Präsident und die NASA können sich ein Scheitern politisch nicht leisten. Also wurde hinter den Kulissen beschlossen, die Marslandung auf der Erde zu inszenieren und die Bilder der amerikanischen Öffentlichkeit als authentisch zu verkaufen. Die empörten Astronauten werden mit Gewaltdrohungen gegen ihre Familien erpresst, bei dem Schwindel mitzumachen.
Das böse Spiel verläuft zunächst nach Plan, doch dann kommt ein findiger Reporter (Elliot Gould) dem Betrug auf die Schliche. Als auch die Astronauten beschließen, sich nicht weiter an dem Komplott zu beteiligen, müssen die strahlenden Helden plötzlich um ihr Leben rennen...

UNTERNEHMEN CAPRICORN greift die vielen Verschwörungstheorien zur amerikanischen Mondlandung auf und bastelt daraus eine Mischung aus Verschwörungs-Thriller und Katastrophenfilm - obwohl es keine Katastrophe im eigentlichen Sinne gibt. Die übrigen Zutaten dieses Genres sind aber alle vorhanden: eine beeindruckende Starbesetzung, ein nicht unbeträchtlicher Aufwand, Parallelerzählungen der verschiedenen Charaktere und eine simple Moral, nach der die Politik stets ihre Interessen über die der Menschen stellt, denen sie dienen soll.

Damit reiht sich Peter Hyams' Film nahtlos in eine Reihe von Thrillern ein, die im 70er-Kino das tiefe Misstrauen gegenüber staatlichen Organen, Behörden und Führungspersönlichkeiten in spannende Geschichten verpackten. Anders als anspruchsvollere Werke wie "Zeuge einer Verschwörung" (1974) aber setzt Regisseur Peter Hyams bei seinem Film doch auf knallige Schauwerte und eher oberflächliche Spannung. Die Kritik an der Regierung wird anfangs gesetzt, aber nie vertieft. Er ähnelt damit den Filmen Michael Crichtons, der ebenfalls brisante Themen - die Unkontrollierbarkeit von Maschinen in "Westworld" (1973), illegaler Organhandel in "Coma" (1978) - als originellen Ausgangspunkt für aufregende Verfolgungsjagden verwendete.

Das ist aber eher eine Feststellung als berechtigte Kritik, denn als Spannungsmaschine funktioniert UNTERNEHMEN CAPRICORN über weite Strecken fantastisch. Das Tempo ist rasant, die Dialoge treffend, und das Drehbuch behält seine vielen Charaktere gut im Blick. Die Ansammlung erstklassiger Schauspieler und bekannter Gesichter bis hinein in die Nebenrollen kann sich ebenfalls sehen lassen. Karen Black etwa hat überhaupt nur zwei (wunderbare) Szenen, in denen sie eine kokette Journalistin im Stil der Howard Hawks-Frauen spielt, und in der besten Sequenz gleich zu Beginn zeigt Hal Holbrook als Chef der Marsmission und Hauptverantwortlicher der Verschwörung, was ein Schauspieler mit einem gut geschriebenen, sehr langen Monolog anstellen kann, auch wenn er nur am Tisch sitzt. Eine weitere tolle Darstellung kommt von Brenda Vaccaro (die mit der herrlichen Whisky-Stimme) als Ehefrau des vermissten Kommandeurs der Marsmission, James Brolin. Sie bringt als kluge, starke und trauernde Heldengattin die notwendigen Emotionen in den Film.

Als Zuschauer sollte man allerdings nie anfangen, Logikfragen zu stellen - so wie James Brolin, wenn er wissen will, wie viele Leute in das Komplott eingeweiht sind und die Antwort erhält, es seien nur 'wenige' - was der Film daraufhin ad absurdum führt, wenn Zweifler spurlos verschwinden und von Eingeweihten ersetzt, Killer engagiert und Hubschrauber auf die Jagd nach den geflohenen Astronauten ausgesandt werden. Da ist dann schon die halbe Stadt beteiligt. Zudem hat der Film im letzten Akt starke Probleme, seine Handlungsfäden zusammenzubekommen. So unterbricht Peter Hyams mehrfach die Hetzjagd auf die Astronauten, die durch die Wüste fliehen, um die gleichzeitige Recherche von Reporter Elliot Gould zu schildern, die sich in Tempo und Ton (Goulds Szenen sind eher humorig-skurril, während die drei Astronauten um ihr Leben kämpfen) grundlegend unterscheiden.
Im Finale stapeln sich dann die Zufälle (mehrere wichtige Figuren treffen zufällig am selben Zeitpunkt in der Wüste zusammen), und wenn sich James Brolin, der sich tagelang ohne Wasser durch die Wüste schleppen musste, bei einer anschließenden Luftjagd nur auf der Tragfläche eines Insektenvertilgungs-Flugzeugs festhält, während der Pilot wahnwitzige Loopings und Ausweichmanöver im Kamikaze-Stil fliegt, dann darf man sich schon mal am Kopf kratzen und schmunzeln.

Das macht aber nichts, denn für die kleineren Schwächen und Unglaubwürdigkeiten (zu denen auch zwei Attentate gehören, die auf Elliot Gould verübt werden, zwischen denen er aber fröhlich durch die Stadt spazieren kann, ohne weiter belästigt zu werden - weil die Killer natürlich nur zuschlagen können, wenn der Film gerade spannungsmäßig durchhängt!) gibt es genügend Ausgleich und einen packenden Score von Jerry Goldsmith noch obendrauf.
Dass Peter Hyams kein Künstler ist, das weiß man, deswegen sollte man nicht allzu enttäuscht sein, wenn das letzte Drittel etwas zu routiniert abläuft. Bis dahin ist UNTERNEHMEN CAPRICORN ein höchst unterhaltsamer Thriller mit Substanz, Witz, einer originellen Prämisse und kantigen Charakteren, ein Paradebeispiel für das Kino der späten 70er.

8.5/10

Die Rechnung ging nicht auf (1956)

Den mit nur geringem Budget hergestellten Film Noir DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (The Killing) darf man als Durchbruch des Regisseurs Stanley Kubrick bezeichnen.
Das grimmige Kriminaldrama schildert einen minutiös geplanten und durchgeführten Überfall auf eine Pferderennbahn, der für alle Beteiligten böse endet. Damit gehört Kubricks Film zum Genre des Caper Movies à la "Rififi" (1955). DIE RECHNUNG GING NICHT AUF erinnert außerdem in Stil und Machart an John Hustons "The Asphalt Jungle" (1950), der eine beinahe identische Geschichte erzählt. Zudem spielt Sterling Hayden in beiden Filmen die Hauptrolle.

Was Kubricks Film auszeichnet, ist neben der grandiosen Kameraführung die verschachtelte Erzählstruktur. Die Handlung springt vor und zurück und schildert Szenen und Abläufe aus jeweils verschiedenen Perspektiven. Diesen Kunstgriff empfanden viele Zuschauer bei Testvorführungen als verwirrend, und Kubrick wurde noch vor dem Start des Films bekniet, eine klassischere Erzählform zu wählen und die Szenen in chronologischer Reihenfolge zu montieren. Doch der Regisseur setzte sich durch, zumal ihn gerade das Spiel mit der Zeit an dem Roman "Clean Break" interessierte, auf dem sein Film basiert. Kubrick setzte allerdings zwecks besserer Verständlichkeit einen Voice-Over-Erzähler ein. Heute ist diese nicht-linieare Struktur durchaus gängig, man denke nur an Tarantinos Gangsterdramen "Pulp Fiction" (1994) oder "Reservoir Dogs" (1992), die beide stark an Kubricks Vorbild angelehnt sind.

In bester Noir-Tradition wird Kubricks Film bevölkert von Verlierern, die sich erfolglos abstrampeln, um an Geld zu kommen und aus ihrem armseligen Leben auszubrechen. Eine klassische Femme Fatale (Marie Windsor) bringt zudem mit ihren Intrigen den gesamten Plan zum Scheitern. Geldgier, Neid, Eifersucht und Dummheit bestimmen die Handlungen der Akteure. Wie die meisten Caper Movies ist auch DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ein Film mit klarer Moral: Verbrechen lohnt sich nicht, und auf jede schmutzige Handlung folgt die gerechte Strafe. Dazu baut Kubrick noch eine schicksalhafte Komponente ein. Ähnlich wie in späteren seiner Werke die Protagonisten einem vorbestimmten Weg folgen (man denke etwa an Barry Lyndons unaufhaltsamen Aufstieg und Fall, oder an Jack Nicholsons konsequenten Abstieg in den Wahnsinn in "The Shining", 1980), haben auch hier die Figuren keine Chance auf Glück. Scheinbare Zufälle kommen ihnen immer wieder in die Quere. Ein freundlicher Parkwächter ist zu aufdringlich, ein Hund reißt sich unerwartet los, ein Schloss will nicht schließen. Zufälle oder Vorsehung? "What's the Difference?" fragt am Ende Sterling Hayden, wenn das erbeutete Geld davonweht und die Polizei schon anrückt. Weglaufen hat keinen Sinn, es ist ja doch alles sinnlos.

Für solch düstere Schicksale findet Kubrick, der sich mehrfach mit seinem Kameramann Lucien Ballard herumstritt, gnadenlose Bilder. Oft verschwinden die Charaktere förmlich im Schwarz, das sie umgibt. Trotz des schmalen Budgets (erkennbar an den sich wiederholenden Sets und den immergleichen Originalaufnahmen des Rennbahn-Betriebes) gleitet die Kamera manchmal schwerelos durch Apartments und Wände. Türen und Fenster sind mit Zahlen übersät. Die finale Sequenz, in der ein Koffer voller Geld sich auf dem Flugplatz öffnet und der Propeller der eingetroffenen Maschine die Scheine ins Nirgendwo befördert, ist ebenso packend wie symbolträchtig.

Obwohl er positive Kritiken erhielt, war DIE RECHNUNG GING NICHT AUF kein Erfolg an den Kinokassen. Mit seinen knapp 90 Minuten Laufzeit dürfte er der kürzeste und temporeichste von Kubricks Filmen sein. Er ist kaum gealtert. Seine innovative Erzähltechnik, die hervorragenden Charakterdarsteller (darunter Ikonen des Noir wie Elisha Cook, jr.) und eine sich stetig steigernde Spannung halten ihn - wie die meisten Kubricks - modern und zeitlos.

09/10

Sonntag, 22. Juli 2012

Das Doppelleben der Sister George (1969)

Nach dem Erfolg mit "Das dreckige Dutzend" (1967) widmete sich Regisseur Robert Aldrich in DAS DOPPELLEBEN DER SISTER GEORGE (The Killing of Sister George) einer Herzensangelegenheit, die er selbst produzierte, weil ihr nur geringe kommerzielle Chancen eingeräumt wurden. Das bewahrheitete sich, als das Drama an den Kinokassen - auch wegen eines skandalösen X-Ratings - sang- und klanglos unterging. Aldrich selbst bezeichnete den Film später als einen seiner liebsten.

Die Verfilmung eines Theaterstücks von Frank Marcus erzählt von der Schauspielerin June (Bery Reid), die in einer britischen TV-Serie die weise und gutmütige Dorfkrankenschwester 'Schwester George' spielt, welche sich rührend um das Wohlergehen der Einwohner kümmert. In der Realität ist June eine saufende, pöbelnde und cholerische Zynikerin, die mit ihrer naiven und jüngeren Geliebten Childie (Susannah York) eine sadomasochistische Beziehung führt. Als June erfährt, dass sie aus der Serie herausgeschrieben wird und 'Schwester George' sterben muss, bricht für die Schauspielerin eine Welt zusammen. Ihre Wut entlädt sich in Hasstiraden und Boykottversuchen, und ihre Freundin wendet sich ausgerechnet der Produzentin der TV-Serie (Coral Browne) zu, die für Schwester Georges 'Ableben' hauptverantwortlich ist...

Aldrichs offenherzige Darstellung eines lesbischen Dreiecksverhältnisses schockierte die Zensoren seinerzeit so sehr, dass sie dem Film aufgrund einer drastischen Sex-Szene zwischen Susannah York und Coral Browne das berüchtigte X-Rating verpasste, das für Hardcore-Erotik vorgesehen war und Jugendlichen nicht gestattete, den Film im Kino zu sehen. Das mag ein Grund sein, warum er bis heute kaum bekannt und selten zu sehen ist. Ebenfalls neu für seine Zeit war eine Sequenz, die Aldrich in einer (realen) Bar für lesbische Frauen inszenierte, in der ungezwungen getanzt und angebaggert wird. Für heutige Verhältnisse ist das relativ züchtig, aber das Kino der 60er war solche Einblicke nicht gewohnt. Aldrich machte sich allerdings auch unter Feministinnen Feinde, die sich an den unsympathischen Figuren stießen und bemängelten, der Film würde lesbische Beziehungen ausschließlich als krank, manipulativ und grausam schildern. Wer allerdings mehrere Aldrich-Filme gesehen hat, wird anerkennen müssen, dass bei ihm selten Liebesbeziehungen als gesund, liebevoll und erwachsen gezeichnet werden, man denke nur an seinen Noir-Klassiker "Das Rattennest" (1955). Das hat mit lesbisch oder nicht erst einmal gar nichts zu tun.

DAS DOPPELLEBEN war zudem eine Überraschung für alle, die aufgrund des Titels eine Variante von Aldrichs "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961) erwarteten. Obwohl DAS DOPPELLEBEN kein Horror-Stoff ist, gibt es durchaus Parallelen. Hier wie dort wird ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen der Unterhaltungsindustrie geworfen, und auf die Art, wie hart mit Publikumslieblingen umgegangen wird, wenn sie ihren Zuschauer-Appeal verlieren. In beiden Filmen bekriegen sich Frauen mittleren und gehobenen Alters mit Worten und Taten, wobei DAS DOPPELLEBEN weniger auf Schockeffekte und mehr auf bitteren Humor setzt. Gleich zu Beginn des Films etwa springt Beryl Reid nach einer Sauftour in der Stammkneipe in ein Taxi und belästigt zwei junge Nonnen. Später zwingt sie ihre Lebensgefährtin, Zigarren zu essen, was dieser augenscheinlich auch noch Genuss bereitet. Das Zusammenleben der beiden ist ein andauerndes Machtspiel, das durch das Auftauchen von Coral Browne neue Dimensionen annimmt. Das Drama und die ständigen lautstarken Auseinandersetzungen erinnern nicht zufällig an einen weiteren Klassiker der 60er, "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" (1966), dessen offenherzige Sprache übrigens das neue Bewertungssystem für Hollywood-Filme initiierte, dem DAS DOPPELLEBEN dann zum Opfer fiel.

Leider geraten Aldrich dabei einige Szenen deutlich zu lang (der Film ist mit seinen fast zweieinhalb Stunden Lauflänge nicht gerade unanstrengend), und nach der x-ten Beschimpfung Yorks durch Reid und zahlreichen Schreiereien - wenngleich mit geschliffenen Dialogen - ist man doch geneigt, heimlich auf die Uhr zu schielen. Sehenswert ist DAS DOPPELLEBEN heute in erster Linie wegen der fantastischen Schauspielerinnen. Aldrich wollte ursprünglich Angela Lansbury für die Titelrolle, und Bette Davis, die schon zweifach unter seiner Regie geglänzt hatte, riss sich angeblich um die Rolle, aber als Lansbury absagte, griff Aldrich auf Beryl Reid zurück, die den Part schon auf der Bühne perfektioniert hatte. Man kann sich aber Bette Davis wunderbar als 'Schwester George' vorstellen, und vermutlich wäre mit ihrer Besetzung der Film auch erfolgreicher gewesen (und noch 'schockierender').

Beryl
Reid gelingt das Kunststück, gleichzeitig dominant, bemitleidenswert, witzig und abstoßend zu sein. Als liebende Frau ist sie ein Monster, das unterdrücken muss, um die Oberhand zu behalten, als Schauspielerin ist sie ein armes Würstchen, das herumgeschubst wird und sich mit kindischen Spielchen gegen ihren Rausschmiss wehrt. Herrlich ist der Einfall, dass sie nach ihrem Ausstieg aus der TV-Serie nur ein einziges Rollenangebot erhält - die Stimme einer animierten Kuh in einer Kinderserie! Am Ende sitzt sie dann, von allen verlassen, im einsamen Studio und macht "Muh". Die dumme Kuh hat alles verloren.

Im 'Queer Cinema' hat DAS DOPPELLEBEN DER SCHWESTER GEORGE seinen festen Platz als einer der ersten 'großen' Filme mit einer offen lesbischen Beziehung im Mittelpunkt. 'Mainstream' würde ich es nicht gerade nennen, zumal Aldrich immer ein unabhängiger Außenseiter Hollywoods war, aber der Film ist für ein großes Publikum konzipiert. Dass er dieses nicht gefunden hat und auch heute noch eher als Geheimtipp gilt, ist bedauerlich, aber er macht es dem Zuschauer auch wirklich nicht leicht, mit ihm warm zu werden. Als Schauspielerfilm ist das Drama allerdings grandios.

Bester Dialog:
Childie: "Not all women are raving bloody lesbians, you know."
June: "That is a misfortune I am perfectly well aware of!"

08/10

Samstag, 21. Juli 2012

Die Anwältin (1989)

Die späten 80er waren keine gute Zeit für den ehemaligen Superstar Burt Reynolds, dessen Karriere sich dank schwacher Filme im Sinkflug befand, aus dem ihn erst Paul Thomas Anderson mit "Boogie Nights" (1997) wieder herausholte.
DIE ANWÄLTIN (Physical Evidence) reiht sich trotz eines gewissen Unterhaltungspotentials nahtlos in die Reihe durchschnittlicher Filme ein, die Reynolds in den 80ern machte. Bemerkenswert an diesem Gerichts-Thriller ist neben der Hintergrundgeschichte nur die Tatsache, dass dies Michael Crichtons letzte Regiearbeit war.

Reynolds spielt hier einen versoffenen Cop, der des Mordes angeklagt wird, sich an die Mordnacht aufgrund eines Blackouts aber nicht mehr erinnern kann. Theresa Russell ist die titelgebende Pflichtverteidigerin, die seine Unschuld beweisen und nebenbei noch einen schmierigen Yuppie-Liebhaber loswerden muss.

DIE ANWÄLTIN war ursprünglich geplant als Fortsetzung des Thriller-Hits "Das Messer" (1985). Glenn Close und Robert Loggia sollten ihre Rollen wiederholen, stiegen aber aus dem Projekt aus (kluge Entscheidung), als ihnen die Entwicklung des Drehbuchs nicht zusagte, woraufhin die Idee eines Sequels fallen gelassen und der Film noch einmal umgestrickt wurde. Man erkennt aber noch Spuren der geplanten Fortsetzung in den Charakteren und einigen Dialogen, die sehr deutlich an das Vorbild angelehnt sind.

Burt Reynolds zeigt eine müde Vorstellung und gibt sich mit der zweiten Geige zufrieden. Er wirkt kraftlos und ausgezehrt (offenbar hatte er auch gesundheitliche Probleme), darf unmotiviert ein paar Rüpel vermöbeln, während Theresa Russell den Film alleine trägt, den Fall löst und sich mit ihrem Lover Ted McGinley (Al Bundys Nachbar Mr. Darcy aus "Eine schrecklich nette Familie") herumstreitet, der ein verweichlichtes Yuppie-Arschloch im Armani-Anzug spielt (von Reynolds wird er als "Your Gucciness" betitelt). Russell darf sogar am Ende die Bösen niederballern, während Reynolds nutzlos herumsteht und auf den Abspann wartet.

Das hört sich alles eher abschreckend an, aber DIE ANWÄLTIN ist streckenweise ganz unterhaltsam und gegen Ende sogar spannend. Der Plot ist ordentlich konstruiert, das Tempo stimmt weitgehend, und ab und zu gibt es einen herzhaften, wenngleich unfreiwilligen Lacher, wenn Ted McGinley auftaucht und sich über seine Sofapolster mehr Gedanken macht als die körperliche Unversehrtheit seiner Verlobten. Ned Beatty hat als widerlicher Staatsanwalt ein paar hübsche Szenen, und Kay Lenz bringt als heimliche Liebschaft ein wenig Emotionen ins Spiel. Grässlich (und spaßig) ist hingegen die Ausstattung, die einem die volle 80er-Dröhnung um die Augen schlägt. So muss Theresa Russell durchweg grauenvolle Business-Kostüme mit übergroßen Accessoires und Schulterpolstern tragen, die eine Joan Collins stolz machen würden, während Handys (der neueste Schrei!) noch die Größe von Schuhkartons haben und eine Rolex so ziemlich das Geilste ist, was man auf der ganzen Welt besitzen kann. Die Bösen laufen in Seidenanzügen à la "Miami Vice" herum und koksen sich die Nasen blutig.

Theresa Russell erträgt das alles mit stoischer Miene. Ihre Darstellung ist nicht schlecht, wirkt aber manchmal angestrengt. Was überhaupt nicht funktioniert ist die angedeutete Liebesgeschichte zwischen ihr und ihrem abgetakelten Klienten. Und dass Reynolds womöglich schuldig sein könnte (was immerhin die Spannung im "Messer" ausmachte), glaubt man ebenfalls keine Sekunde. Der Name Crichton steht zwar im Vorspann, aber eine Handschrift erkennt man hier nicht, DIE ANWÄLTIN hätte praktisch von jedem inszeniert werden können. Heute wäre er wahrscheinlich ein besserer TV-Film oder eine Direct-to-Video-Premiere.

Erwähnt werden muss noch, dass es von der ANWÄLTIN hierzulande ungefähr 10 DVD-Ausgaben gibt - alles grauenvolle Grabbeltisch-Fassungen mit falschen Bildformaten, ohne Originalton, mit frei erfundenen Titeln (wie "The Silent Advocate" oder "Revenge") und hässlichen Covermotiven. Offenbar darf den Film jeder herausbringen, der einen DVD-Brenner besitzt und mit Fotoshop hantieren kann.

6.5/10

Freitag, 20. Juli 2012

Impulse (1990)

Sondra Locke hatte sich als Schauspielerin und vor allem als Lebensgefährtin von Clint Eastwood einen Namen gemacht. Sie spielte in mehreren seiner Filme die weibliche Hauptrolle, bevor sie selbst ins Regiefach wechselte und nach dem misslungenen "Ratboy" (1986) den Cop-Thriller IMPULSE (Impulse) inszenierte. Der Film war ebenso wie Lockes Debüt kein finanzieller Erfolg und beendete ihre Karriere als Regisseurin, auf Video konnte er aber einige Fans gewinnen. Heute ist IMPULSE so gut wie unbekannt und bislang weltweit nicht auf DVD erhältlich. Schade, denn dieser düstere Neo-Noir hat einiges, was für ihn spricht.

Da ist natürlich in erster Linie Hauptdarstellerin Theresa Russell zu nennen, die einige Jahre zuvor in Bob Rafelsons "Die schwarze Witwe" (1987) eine mysteriöse Frauenfigur spielte, die in mehreren Verkleidungen auftrat. In IMPULSE steht sie auf der 'richtigen' Seite des Gesetzes und arbeitet als Undercover-Spezialistin Lottie Mason fürs Sittendezernat in Los Angeles, hat aber dennoch mehrere Gesichter. Als vermeintliche Prostituierte lockt sie potentielle Freier in die Falle oder lässt Drogendeals auffliegen, indem sie sich als Junkie ausgibt. Dabei wird sie von ihrem frauenverachtenden Vorgesetzten (George Dzundza) offen sexuell belästigt und gemobbt, kann sich aber mit Schlagfertigkeit zur Wehr setzen. Während Lottie immer mehr an ihrem Job zweifelt, versucht der attraktive Staatsanwalt Stan (Jeff Fahey), einen Mafia-Boss hinter Gitter zu bringen und muss dafür einen Kronzeugen beschützen. Stans und Lotties Wege kreuzen sich im Zuge der Ermittlungen, und die beiden verlieben sich. Doch die eigenwillige Lottie hat kein Interesse an einer festen Beziehung und träumt vom Ausstieg. Die Möglichkeit bietet sich ihr überraschend, als sie dem gesuchten Mafia-Boss begegnet und der ihr Geld bietet, um mit ihm ins Bett zu gehen. Einem selbstzerstörerischen Impuls folgend, geht sie auf das Angebot ein, doch als ihr Freier unerwartet ermordet wird, gerät sie selbst ins Fadenkreuz der Ermittlungen...

An der Inhaltsangabe merkt man schon, dass viel drinsteckt in IMPULSE, der neben seiner komplexen Thriller-Story vor allem das faszinierendes Porträt einer ungewöhnlichen Polizistin erzählt. So funktioniert denn der Thriller über weite Strecken auch als Psychodrama, und die ruppige Lottie wird von Theresa Russell grandios gespielt. Die Männerfiguren treten alle in den Hintergrund und sind lediglich Staffage für die Charakterstudie. Für einen Film der frühen 90er ist das äußerst gewagt, denn weibliche Action-Heldinnen (und Regisseurinnen, die sich in dem Metier versuchten) waren selten erfolgreich beim Publikum. Zwar konnte kurz zuvor Kathryn Bigelow mit "Blue Steel" (1989), in welchem Jamie Lee Curtis als Polizistin gegen einen Psychopathen antritt, einen Hit landen, doch der Misserfolg von IMPULSE bewies, dass herumballernde Frauen keinen guten Stand bei den Zuschauern hatten.

Das ist umso bedauerlicher, als IMPULSE neben seiner Charakterstudie auch einige handfeste Suspense- und Action-Sequenzen zu bieten hat. Theresa Russell meistert ihre Shoot-Outs im Supermarkt und Verfolgungsjagden durchweg überzeugend, und wenn sie auf der Schwelle zur Illegalität steht und diese aus Frust über den schmutzigen Job und die ständigen Attacken der männlichen Partner und Gegenspieler überschreitet, sind wir auf ihrer Seite. Leider gönnt der Film ihr keinen finalen Alleingang, sondern entlässt sie in die Arme des kuscheligen Sensibelchens Jeff Fahey, der ihr eine sichere Liebesbeziehung inklusive Popcorn mit Curry-Geschmack bietet. Ein Zugeständnis an den Mainstream, bei dem Sondra Locke gerade noch einen Rest Ambivalenz einschmuggeln kann, indem sie offen lässt, ob auch Hauptdarsteller Fahey möglicherweise die Seiten wechselt.

IMPULSE hat auch ein paar Längen, wenn Theresa Russell gerade nicht im Bild ist, und es dauert insgesamt zu lange, bis der Film an den Punkt kommt, wo Lottie wirklich unter Druck gerät. Die Stärken des Films überwiegen aber. Anders als der durchstilisierte "Blue Steel" zeichnet Sondra Locke ein extrem düsteres, realistisches Bild von Los Angeles. Lotties Leben als Undercover-Cop spielt sich überwiegend nachts ab, daher schwelgt ein Großteil des Films in nächtlichen Begegnungen, auf menschenleeren Straßen, in verlassenen Parkhäusern und einsamen Bars. Zusammen mit der innerlich zerrissenen Heldin und einem düsteren Score von Michel Colombier entsteht so ein lupenreiner Film Noir. Dass Sondra Locke nach zwei erfolglosen Filmen keine Chance mehr auf eine weitere Kinoarbeit bekam, ist ebenso schade wie bezeichnend.

Und dass die Rechtschreibprüfung hier im Blogger das Wort 'Regisseurin' nicht kennt, ebenso.

07/10

Mittwoch, 18. Juli 2012

The Nesting - Haus des Grauens (1981)

THE NESTING - HAUS DES GRAUENS (The Nesting) erschien, nachdem sich kurz zuvor "Amityville Horror" (1979) als absolute Granate an den Kinokassen entpuppt hatte und das Genre des Geisterhaus-Thrillers wieder in Mode war. Da ich persönlich Filme über Spukhäuser liebe, versuche ich in schöner Regelmäßigkeit mit THE NESTING warm zu werden, bin aber jedes Mal wieder furchtbar enttäuscht. Muss Masochismus sein.

Der Plot: Schriftstellerin Lauren (Robin Groves) leidet unter Agoraphobie, weswegen sie ihr Apartment in der Großstadt kaum verlässt. Als wäre das nicht schlimm genug (und das ist es offensichtlich nicht, denn für eine Agoraphobikerin läuft sie ganz schön viel draußen herum), wird sie auch noch von Visionen und Alpträumen gequält, bei denen es sich möglicherweise um verschüttete Erinnerungen handelt. Da Ärzte und Psychiater wie üblich nicht helfen können, beschließt Robin, aufs Land zu ziehen und findet ein altes, mysteriöses Haus, das ihr seltsam bekannt vorkommt. Nachdem sie eingezogen ist, häufen sich die merkwürdigen Ereignisse, Geistergestalten tauchen auf, Menschen sterben, das volle Geisterhaus-Programm eben. Wie kann es Lauren schaffen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen?

Und vor allem - wen interessiert's?

THE NESTING ist ein unabhängig produziertes Billig-Produkt, das nur deshalb Eingang in die Filmgeschichte gefunden hat, weil B-Movie-Queen Gloria Grahame hier ihre letzte Vorstellung zeigt. Ein trauriger Abgang, in der Tat. Neben ihr spielt Horror-Ikone John Carradine den tattergreisigen Hausbesitzer, aber auch er verlässt den Film so schnell er kann, vermutlich, um den Agenten zu wechseln.
Regisseur Armand Weston hat zuvor Pornos inszeniert, das gibt einem vielleicht einen Hinweis auf die Qualität seiner Horror-Geschichte. Hauptdarstellerin Robin Groves spielt überraschend solide, kreischt allerdings zu viel herum und muss sich dank eines schwachen Drehbuchs ständig unlogisch verhalten. Ganz besonders dämlich ist dann auch eine Sequenz geraten, in der sie trotz Agoraphobie (die dringend von den Verantwortlichen noch einmal hätte nachgeschlagen werden müssen) aufs Dach ihres Hauses klettert, nicht mehr herunterkommt und ein freundlicher Arzt bei dem hirnrissigen Versuch, ihr herunter- oder hineinzuhelfen, in den Tod stürzt. 'Haus der Bekloppten' wäre ein vielleicht passenderer Titel.

Der Film hat ein, zwei gute Momente, wenn Geisterhände aus dem Jenseits nach den Lebenden grapschen, aber das war es dann auch schon. Das Haus ist hübsch ausgesucht und bietet eigentlich eine ideale Kulisse für solch eine Spukgeschichte. Die Lösung des Spuk-Rätsels liegt wie so oft in der Vergangenheit. Das Haus war während des zweiten Weltkrieges ein Bordell, und Gloria Grahame will als Spukgestalt aus dem Totenreich Rache nehmen (à la Alice Krige in "Ghost Story", 1981). Die meisten Zuschauer dürften zu dieser Zeit aber schon im Tiefschlaf liegen und selig von Geisterhaus-Klassikern wie "Bis das Blut gefriert" (1963) oder "Schloss des Schreckens" (1961) träumen.

Schade, denn die Ansätze für eine hübsche, altmodische Geisterbahnfahrt sind alle vorhanden. Das Covermotiv ist dann auch das Beste am ganzen Film und verspricht mehr als der Streifen halten kann. Ich bin gespannt, wann ich wieder mal reinschaue und dann wie immer frustriert das Handtuch werfe.

03/10

Montag, 16. Juli 2012

Uhrwerk Orange (1971)

Wie geht man mit jugendlichen Straftätern um?
Eine aktuelle, brisante Frage. Begriffe wie 'Warnschuss-Arrest' geistern durch die Medien, die Frage nach Straffähigkeit, der Ruf nach Erziehung und Therapie wird lauter, aber niemand hat ein Rezept.
Anthony Burgess beschrieb das Problem 1962 in seinem Roman UHRWERK ORANGE (A Clockwork Orange), in dem er die Vergewaltigung seiner Frau verarbeitete und den jugendlichen Gewalttäter Alex zum Protagonisten machte. Das Buch wurde schnell zum Kult.
Zehn Jahre später verfilmte Stanley Kubrick den Roman und schuf damit nicht nur eines der bedeutendsten Meisterwerke der Filmgeschichte, sondern löste auch einen Sturm von Empörung und Entsetzen aus. Über die Art der Gewaltdarstellung wurde diskutiert, über die angebliche Menschenverachtung des Werks (was vollkommen am Sinn der Erzählung vorbeigeht), und über die Verwendung klassischer Musik als Untermalung von Szenen, in denen geprügelt, gemordet und vergewaltigt wird.

Hinter der knallbunt-schrillen Fassade aus Burgess' Kunstsprache, der poppigen Ausstattung und den futuristischen Designs, sowie den vielen technischen Verfremdungen aber steht eine ebenso schlichte wie tiefsinnige Frage - wenn wir unseren freien Willen verlieren, sind wir dann noch Menschen oder nur noch Maschinen, 'Uhrwerke', die auf Wunsch aufgezogen werden können, aber keine Persönlichkeit, keine 'Seele' mehr besitzen, kein Organismus (die Orange) mehr sind?

Alex, unser jugendlicher (Anti-)Held, wird gespielt von Malcolm McDowell. Alex zieht mit seinen 'Droogs' durch die Großstadtwüste, ergötzt sich an Gang Rapes, Einbrüchen und Diebstählen, für die Schule aber ist er zu kränklich. Ein Sozialarbeiter schaut immer mal nach ihm, lechzt aber selbst nur nach Ausbeutung und körperlicher Nähe. Die Eltern sind passiv und ratlos. Nach einem Mord und dem anschließenden Verrat durch seine Gang landet Alex im Strafvollzug, aus dem er nur entkommen kann, indem er sich als Versuchskaninchen für eine Therapie - die Ludovico-Therapie - zur Verfügung stellt, in deren Verlauf ihm per Medikation die Lust an Sex und Gewalt ausgetrieben wird. Auch die Freude an Beethoven. Aber, so heißt es, "vielleicht ist das die Bestrafung". Nachdem Alex entlassen wird, begegnet er seinen ehemaligen Opfern und Weggefährten unter umgekehrten Voraussetzungen. Er ist unfähig, sich gegen Gewalt zu wehren, wird zum Spielball politischer Intrigen und sieht schließlich nur noch im Selbstmord einen Ausweg. Doch auch hier scheitert er. Am Ende ist Alex geheilt, all right. Er darf wieder selbst entscheiden, wer er sein will. Seine Zukunft ist ungewiss.

An dieser Stelle darf angemerkt werden, dass Kubrick die amerikanische Fassung des Romans bearbeitet hat, in der das letzte Kapitel fehlt. Dort schildert Burgess, wie Alex selbst der Gewalt abschwört und seine Phase der Rebellion hinter sich lässt. Kubrick gestattet ihm diesen Ausweg nicht und beschreibt Alex' Lust an der Zerstörung somit auch nicht als vorübergehende Passage auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Für ihn ist das Gewaltpotential von Alex ein zutiefst menschliches, und die Frage stellt sich, wie die Gesellschaft damit umgeht. Darf sie einen Alex 'umpolen' und zu einem Zombie konditionieren, der auf Stichwort die gewünschte Reaktion zeigt, wie der berühmte Pawlowsche Hund (nicht umsonst heißt die Therapie, die Alex durchmacht, 'Ludovico'-Therapie)? Oder müssen wir akzeptieren, dass es destruktive Verhaltensmuster gibt und damit leben? Muss die Gesellschaft damit fertig werden?
Das Leid der Opfer spielt für Alex keine Rolle, und für Kubrick auch nicht, auch das war ein Grund des Anstoßes. Alex spricht zum Zuschauer wie zu einem Verbündeten, er ist unsere einzige Identifikationsfigur. Nicht sonderlich sympathisch, aber... leiden wir nicht auch mit ihm, wenn er vom Staat und dessen Institutionen missbraucht wird? Erkennen wir uns und unsere düstersten Fantasien nicht auch ein wenig in ihm wieder?

Das ist subversives Kino, das so nur in den 70ern entstehen konnte. Filme wie UHRWERK ORANGE, "Straw Dogs" (1971), "The Wild Bunch" (1969) oder "The Last House on the Left" (1972) spiegelten die reale Gewalt ihrer Zeit und veränderten das Kino. Nachdem jugendliche Straftäter vor Gericht angaben, von Kubricks Werk verleitet worden zu sein (und nach Morddrohungen gegen ihn), zog Stanley Kubrick den Film in Großbritannien eigenhändig aus dem Verkehr. Er sollte bis zu seinem Tod nicht mehr gezeigt werden. Der Rest der Welt durfte sein Werk weiterhin genießen, und nachdem sich die Gemüter in den folgenden Jahren beruhigten, konnte der Film auch endlich als das gesehen werden, was er ist. Eine bitterböse, ebenso komische wie erschreckende Satire, deren futuristisches Ambiente nie verhüllt, wie real und alltäglich die dargestellte Problematik ist.

Kubrick begegnet dieser Problematik mit philosophischen Fragen (er lässt interessanterweise den nicht gerade sympathisch gezeichneten Gefängnispfarrer die philosophische, humanistische Frage formulieren, wie viel ein Mensch ohne freien Willen noch wert ist), verschlagenem Witz und einer vollen Breitseite visueller und akustischer Sensationen, die zu vielfältig sind, um sie hier alle zu nennen. Allein seine innovative Verwendung klassischer Musik hat die Filmgeschichte nachhaltig beeinflusst. Und neben aller inszenatorischen Brillanz, die einem immer wieder den Atem raubt, darf man die Schauspieler nicht vergessen. Malcolm McDowell zeigt als Alex ebenso viele Facetten wie Kubrick als Regisseur, er ist der rotzfreche Junge, der hinterlistige Drecksack, der omnipotente Verführer und der geprügelte Hund. Dumm, arrogant, zynisch, aber nicht unmenschlich. Der Tod seiner Schlange trifft ihn mehr als der Verlust elterlicher Zuneigung. Er kann empfinden und lieben. Wenn sein Wille gebrochen wird, ist er eine erbärmliche Kreatur. Sind wir nicht alle ein bisschen Alex?

Ich sah den Film erstmals in den späten 80ern auf Video, nachdem ich schon einiges über ihn gehört und gelesen hatte. Ich war also vorbereitet und konnte daher nicht ganz die Wucht nachvollziehen, die er auf unvorbereitete Gemüter ausübte. Ich habe UHRWERK ORANGE nie als Gewaltverherrlichung gesehen, zu abstrakt, zu stilisiert und over the top ist Kubricks Inszenierung. Ich habe in UHRWERK ORANGE immer das filmische Kunstwerk gesehen, das richtige Fragen stellt und diese offensiv und provokant verpackt. Viel mehr als müßige Fragen nach der Berechtigung von Gewaltdarstellungen (so alt wie das Kino selbst) haben mich die unglaubliche Fantasie der Sets, Kostüme und Ausstattung, der Witz und die Kunstsprache fasziniert. Insofern wäre ich auch nie ein 'guter' Zensor geworden. Genau wie Kubrick bin auch ich für den freien Willen. Ich will selbst entscheiden, was ich mir ansehe und was ich damit anfange. Deswegen sind mir Kontrollinstanzen (freiwillige oder unfreiwillige), Filmbewertungs- oder Prüfstellen und jede Form von Zensur seit jeher suspekt und ein klarer Eingriff in die Selbstbestimmung.

Eines ist aber sicher - einen solchen Film wird es kein zweites Mal geben. Es gäbe noch so viel mehr zu sagen, aber auch der längste Text und die schärfste Analyse (von denen es Hunderte gibt) wird nie das filmische Erlebnis ersetzen. Insofern, lieber ansehen. Oder auch nicht. Auch das sollte jedermanns freie Entscheidung sein.

10/10


Den Bildern ausgeliefert - Alex wird konditioniert
Malcolm McDowell in "Uhrwerk Orange"

Sonntag, 15. Juli 2012

Erpressung - Blackmail (1929)

Alfred Hitchcocks erster Tonfilm ERPRESSUNG (Blackmail) war gleichzeitig auch der erste britische Tonfilm und zeigt nicht nur die technische Experimentierfreude des Regisseurs, es finden sich darin auch viele Themen und Motive seiner späteren Meisterwerke. Vornehmlich geht es um Mord, Liebe und Schuld.

Die junge Alice (Anny Ondra) streitet sich mit ihrem Freund, dem Polizisten Frank (John Longden), und verbringt die Nacht bei einem befreundeten Künstler. Der wird schnell zudringlich, und Alice kann einer Vergewaltigung nur entgehen, indem sie ihn aus Notwehr mit einem Brotmesser tötet. Sie flieht aus der Wohnung und vertraut die Tat niemandem an. Während die Polizei fieberhaft nach dem Täter sucht, wird Alice von Schuldgefühlen geplagt. Ihr Freund findet einen ihrer Handschuhe in der Wohnung des Mordopfers, behält dies aber für sich. Als ein Erpresser auftaucht, der von Alices Tat weiß, gerät das Paar zunehmend unter Druck, doch das Schicksal scheint es gut zu meinen, als der Erpresser selbst unter Verdacht gerät...

ERPRESSUNG war ursprünglich als Stummfilm geplant, weshalb es in den ersten acht Minuten des Films, in denen die Verhaftung eines Verbrechers durch die Polizei und unseren Hauptdarsteller geschildert wird, außer Musik und einigen ausgewählten Toneffekten keinen Dialog zu vernehmen gibt. Von ERPRESSUNG existiert übrigens auch eine komplette Stummfilmfassung. Wenn Hauptdarstellerin Anny Ondra auf der Bildfläche erscheint, wechselt der Film vom Stumm- zum Tonfilm, das teilweise übertrieben expressionistische Spiel der Darsteller gehört aber unverkennbar noch zum 'alten' Medium, was ERPRESSUNG schon allein aus filmhistorischer Sicht zu einem interessanten Studienobjekt macht. Hitchcock wurde schnell bewusst, welche Probleme der Tonfilm mit sich brachte. Hauptdarstellerin Anny Ondra sprach mit so starkem Akzent, dass sie synchonisiert werden musste - was seinerzeit nur möglich war, indem eine andere Schauspielerin am Set den Text sprach, während Ondra spielte.

Nach der stummen Anfangspassage und dem Streit unseres Liebespaars, das sich offensichtlich nicht besonders liebt (sie flirtet fremd und beschwert sich ständig, er scheint durchweg genervt zu sein), kommt dann der Thriller ins Spiel, und wenn Alice das Apartment ihres potentiellen Vergewaltigers betritt, befinden wir uns auf ureigenstem Hitchcock-Terrain. In dieser Passage finden sich übrigens zahlreiche Querverweise zu späteren Hitchcock-Hommagen, insbesondere Brian de Palmas "Dressed to Kill" (1980), der sich hier ordentlich bedient hat - von der fremdgehenden Frau in der Wohnung eines Übeltäters bis zum verlorenen Handschuh (der dem von Angie Dickinson in de Palmas Film täuschend ähnlich sieht). Am Ende dieser Passage und nach vollführter Bluttat wird Alice von einem Gemälde ausgelacht, auf dem ihr ein fröhlicher Narr seinen Finger entgegenstreckt, als Zeichen ihrer Schuld und als Hinweis auf einen Mitwisser. Ein genialer Einfall.

Die Schuld lässt Alice dann auch nicht mehr los. Berühmt ist die Szene, in der sie zu Hause versucht, Brot zu schneiden, eine plappernde Kundin im Tabakladen des Vaters nebenan aber gleichzeitig von dem Mord berichtet und der Ton so stark verzerrt wird, dass nur noch das Wort MESSER herauszuhören ist. Diese Idee wirkt heute etwas theatralisch und aufgesetzt, der kreative Umgang mit dem jungen Medium des Tonfilms aber ist natürlich absolut bemerkenswert. Dass Hitchcock die Technik stets verwendet, um dem Zuschauer die Emotionen der Charaktere zu vermitteln und nie zum Selbstzweck werden lässt, das sollte bis zu seinem Tod so bleiben.
Hitchcocks Liebe zum Theater findet sich im Spiel mit Requisiten (das Brotmesser wird praktisch zum dritten Hauptdarsteller) und anderen Details. Die Vergewaltigung und der Mord finden buchstäblich hinter einem Vorhang statt.

Was die Spannung der Geschichte ausmacht, das ist in erster Linie die Frage nach deren Ausgang. Anders als in den klassischen Whodunits wissen wir, wer hier wen umgebracht hat, die Frage lautet also: wie kommt sie davon? Kommt sie überhaupt davon? Alice hat sich schuldig gemacht, indem sie einen Mord verübte (wenngleich aus Notwehr) und nicht zur Polizei ging, ihr Freund Frank unterschlägt ein wichtiges Beweisstück (Alices Handschuh) und macht sich so mitschuldig. Beide verheimlichen dem anderen, was sie wissen, das Drama entsteht durch Lügen und Geheimnisse. Das Paar, das anfangs noch recht kühl und zickig miteinander umging, wird absurderweise enger zusammengeschweißt durch die gemeinsame Schuld.

Interessant wird es, wenn der Erpresser selbst ins Fadenkreuz der Ermittler gerät und sich nach einer aufregenden Jagd durchs britische Museum den Hals bricht. Theoretisch könnten nun Alice und ihr Freund die ganze Geschichte zu den Akten legen, doch können sie auch mit ihrer Schuld weiterleben? Hitchcock bleibt - das sollte sich auch später nicht ändern - mit seinen Sympathien immer bei seiner Hauptdarstellerin, obwohl sie getötet hat. Er versteht ihre Tat (wie auch der Zuschauer) und liebt es dennoch, sie mit Schuldgefühlen zu quälen. Er will aber nicht, dass sie ins Gefängnis kommt. So bleibt dann das Ende auch höchst ambivalent. Wieder einmal wird ein Paar aus dem Film entlassen, das womöglich einem Happy End entgegensieht, das aber durch gemeinsame Schuld aneinandergekettet ist und nach moralischen (und realistischen) Maßstäben keine Chance auf Glück und ein unbeschwertes Leben hat.

ERPRESSUNG ist natürlich ein Muss für Hitchcock-Fans und hat die Zeit gut überdauert. Die Stummfilmpassagen kommen übrigens trotz ihrer Länge komplett ohne Zwischentitel aus, was Hitchcocks unglaubliches Talent zur Erzählung einzig über Bild und Schnitt belegt. Die Tonpassagen hingegen zeigen schon den kommenden Meister des Thrillers, dessen Filme immer mehr sind als simple Kriminalgeschichten. Es sind die Subtexte, die Obsessionen, die Fragen nach Moral und Schuld, die sie so reichhaltig machen.

07/10

Donnerstag, 12. Juli 2012

Mord - Sir John greift ein (1930)

MORD - SIR JOHN GREIFT EIN (Murder!) ist Alfred Hitchcocks dritter Tonfilm und einer seiner wenigen Whodunits - ein Genre, das ihn wegen der simplen Frage nach dem Täter nie sonderlich interessierte.
Die Handlung folgt den Recherchen eines der angesehensten Schauspieler Englands, Sir John Menier (Herbert Marshall), der als Geschworener in einem Mordprozess die Angeklagte für schuldig befindet, obwohl er starke Zweifel hat, und sich nun aus Gewissensbissen heraus selbst auf die Suche nach dem Täter macht.

Obwohl man MORD nicht zu den großen Klassikern aus Hitchcocks britischer Phase zählen muss, ist er in mancher Hinsicht bemerkenswert. Der innovative Umgang mit dem noch jungen Medium des Tonfilms ist bereits hinreichend bekannt - so verfrachtete Hitchcock ein komplettes Orchester hinter eine Badezimmerdeko, in der sich Herbert Marshall eine Konzertübertragung im Radio hört, weil man seinerzeit den Ton nicht getrennt vom Bild aufnehmen konnte. Derlei Experimente zeigen Hitchcocks großes Interesse an jeder Form technischer Neuerungen, das bis zu seinem Tod nicht abreißen sollte. Auf allzu plumpe und theatralische Tonexperimente wie in "Blackmail" (1929) verzichtet er in MORD allerdings.

Abgesehen von der Technik ist es vor allem Herbert Marshall, der seine Rolle wie immer vorzüglich ausfüllt und den Krimi sehenswert macht. Aristokratisch, gebildet, wortgewandt und etwas überheblich sucht er nach dem Mörder und überführt diesen schließlich nicht mit kriminalistischem Geschick, sondern mittels seiner speziellen Fähigkeiten (ein Prinzip, das Hitchcock immer wieder anwandte, siehe James Stewart im "Fenster zum Hof", 1954), indem er ein Casting veranstaltet, bei dem der mutmaßliche Täter Texte sprechen muss, die sich direkt auf seine Tat beziehen und eine nervöse Reaktion hervorrufen.

Hitchcocks Freude am Spiel mit Realität und Illusion, das sich auch in vielen späteren Filmen wie "Die rote Lola" (1950) findet, kommt hier schon voll zur Geltung, wenn die Polizei während einer Theatervorstellung die Schauspieler als Zeugen hinter der Bühne vernimmt und diese ständig ihre Identitäten und Kostüme wechseln. Mit der Identität des Mörders beweist Hitchcock hingegen einmal mehr seine Faszination für ungewöhnliche Sexualität. Auch wenn es nicht klar benannt wird, ist der Mörder eindeutig schwul, tritt in Frauenkleidern im Zirkus auf und hat auch aus diesem Grund - der Angst vor Enttarnung - gemordet. Die stark feminine Darstellung des Schauspielers sowie der unterstellte Zusammenhang zwischen Transvestitismus, Homosexualität und psychischer Labilität (alles schön in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt), die mit Mordgelüsten einhergeht, ist starker Tobak, man kann aber nicht behaupten, dass der junge Hitchcock sich hier nichts trauen würde, im Gegenteil. Wenn man bedenkt, was Brian de Palma mit dem späteren "Dressed to Kill" (1980) bei ähnlicher Figurenzeichnung für einen Aufruhr verursachte, weiß man, wie die Zeiten sich geändert haben.

Ebenfalls bemerkenswert ist Hitchcocks Umgang mit der Justiz. Als Sir John wird Herbert Marshall bei den Beratungen der Geschworenen von der Gruppe geradezu zu einem Schuldspruch genötigt, obwohl er starke Zweifel hat. Er fügt sich unter Druck dem Willen der Mehrheit und verleugnet sein individuelles Bauchgefühl. Bei diesen Geschworenen, die wie ein Rudel geifernder Hunde wirken, kann das Urteil nur falsch sein. Man staunt, wie scharfsinnig und zynisch der junge Hitchcock schon die Welt und gesellschaftliche Mechanismen betrachtet.

Leider findet MORD nie zu einem gleichmäßigen Rhythmus oder durchgehenden Ton. Komödie, Krimi, Liebesgeschichte und Satire wechseln sich abrupt ab, und das schleppende Tempo sorgt für (darf man das sagen?) eine ordentliche Portion Langeweile. Von der Virtuosität seiner großen englischen Filme wie "Eine Dame verschwindet" (1938) oder "Die 39 Stufen" (1935) ist MORD doch noch weit entfernt. Die Ansätze sind aber schon vorhanden, das macht den Film für Hitchcock-Fans natürlich zum Pflichtprogramm.
Hauptdarsteller Herbert Marshall ging kurz darauf nach Hollywood, wo er schnell zu einem der gefragtesten und verlässlichsten Leading Men wurde und 1940 erneut unter Hitchcocks Regie in "Der Auslandskorrespondent" (1940) den Bösewicht spielte.

Weil es damals so üblich war, inszenierte Hitchcock parallel zu der britischen Version von MORD auch eine deutsche Fassung, mit Alfred Abel in der Herbert Marshall-Rolle. Der Film wurde unter dem Titel "Mary" aufgeführt.


06/10
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