Sonntag, 30. September 2012

John Carpenters Vampire (1998)

John Carpenter hat mehrfach Howard Hawks zu seinem Idol und dessen Western "Rio Bravo" (1958) zu seinem Lieblingsfilm erklärt, und mehr als einmal in seiner Karriere hat er beiden in seinen eigenen Filmen seine Aufwartung gemacht. "Die Klapperschlange" (1981) oder "Das Ende" (1976) sind kaum getarnte Hommagen an die Western des Meisters, auch wenn sie in einem futuristischen New York oder im zeitgenössischen L.A. spielen.

Und so beginnt auch JOHN CARPENTERS VAMPIRE (Vampires) mit einem bemerkenswerten Kameraflug samt Western-Panorama, begleitet von Carpenters wie üblich selbst komponiertem, atmosphärischem Soundtrack. Sein Horror-Western erzählt von einer Gruppe moderner Vampire, die in New Mexico ihr Unwesen treibt. Ein eigenwilliger Vampirjäger (James Woods) wurde vom Vatikan entsandt, das Böse auszurotten. Gemeinsam mit seiner Gang aus Outlaws ist er dem Obervampir (Thomas Ian Griffith) auf den Fersen, doch bis es zum finalen Duell kommt, müssen einige Hälse dran glauben...

Die Verlegung des klassischen Vampirstoffes in die staubtrockene Wüstengegend hat ihre offensichtlichen Reize, und Carpenter filmt das teilweise extrem blutige Geschehen in gewohnt souveräner Qualität, mit erlesenen Cinemascope-Bildern vor den endlosen Weiten der Prärie, so wie er das Grauen von "Das Ding" (1982) vor dem ewigen Eis der Antarktis in Szene setzte. Das Problem ist, dass ihm dort ein wesentlich besseres Drehbuch zur Verfügung stand und er einen Klassiker des Horrorkinos schuf, während VAMPIRE wenig mehr als Fast Food-Kino ohne bleibenden Wert ist. Nett, unterhaltsam, aber weder wirklich spannend noch intensiv oder beeindruckend. Die Tricks und Effekte sind gut, der Gorelevel ist für einen Carpenter erstaunlich hoch (in den USA drohte ihm ein NC-17-Rating, das er nur durch einige Schnitte umgehen konnte), aber neben einigen sehenswerten Momenten (die Vampire, die sich aus dem Sand erheben, das Motel-Massaker, die Rotblenden) bleibt der Film einfach nicht lange im Gedächtnis.
VAMPIRE kam auch noch um ein paar Jahre zu spät. Tarantino hatte mit "From Dusk Till Dawn" (1996) bereits abgeräumt und zum Thema alles gesagt. Carpenters Film wirkte da nur noch wie ein müder Nachzieher, dem es dazu noch an Originalität mangelt.

James Woods ist ein verlässlicher Hauptdarsteller, aber er gehört auch zu denen, die es gern übertreiben, wenn man sie nicht ordentlich führt, und genau das geschieht hier (für ein anderes Beispiel siehe "The Specialist", 1994). Dazu ist sein cooles Macho-Gehabe dermaßen ausgestellt, dass seine Figur schnell vom Sympathieträger zur Nervensäge verkommt, zumal nur ein Bruchteil seiner Sprüche wirklich witzig ist. Die Figuren und Dialoge sollen insgesamt auf einer rotzig-vulgären Ebene Spaß machen, sind aber überwiegend zu derb und hohl geraten. Als Zuschauer interessiert es einen herzlich wenig, ob am Ende die Proleten-Gang von Woods oder die Vampire siegen, und das wäre einem Hawks nun weißgott nicht passiert.
Als Obervampir macht Thomas Ian Griffith dabei eine ganz gute Figur, die wunderbare Sheryl Lee ("Twin Peaks") wird leider in einer vollkommen passiven Opferrolle komplett verschenkt, und den größten Fehler begeht der Film, wenn er Woods' Sidekick Daniel Baldwin zwischenzeitlich zur Hauptfigur macht. Nicht nur ist Baldwin ein uncharismatischer Darsteller aus der Z-Kategorie (in den 90ern nahm man Daniel Baldwin, wenn man dessen prominente Brüder Alec, William oder Stephen - und zwar in dieser Reihenfolge - nicht kriegen konnte), sondern sein Charakter ist auch komplett uninteressant.

So hängt VAMPIRE dann immer mal wieder kräftig durch, bis das actionreiche Finale den Gesamteindruck wieder etwas heben kann. Trotzdem muss man VAMPIRE nicht gesehen haben. Obwohl er am Startwochenende auf Platz 1 der amerikanischen Kinocharts landete, verschwand er schnell wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein, und von einem angekündigten 'Comeback' des Regisseurs, der zuvor mehrere künstlerisch und/oder finanziell enttäuschende Filme in die Kinos brachte, war auch keine Rede mehr. VAMPIRE gehört sicher noch zu den besseren Beiträgen aus Carpenters Spätphase, aber an die frühen Meisterwerke kommt er in keiner Minute heran.

6.5/10

Montag, 24. September 2012

Runaway - Spinnen des Todes (1984)

Der Science Fiction-Thriller RUNAWAY - SPINNEN DES TODES (Runaway) wurde von Bestseller-Autor Michael Crichton inszeniert, der damit an frühere Regie-Erfolge wie "Westworld" (1973) anknüpfen wollte, was ihm aber nach seinem Flop mit "Looker" (1981) nicht mehr gelingen sollte. Auch RUNAWAY lief nur so lala in den Kinos.

In der futuristischen Welt von RUNAWAY haben Roboter einen festen Platz im Alltagsleben eingenommen. Wie Maschinen aber so sind, spielen sie eben manchmal verrückt. Dann greift Cop Tom Selleck ein, dessen Spezialgebiet das Jagen und Stillegen durchgedrehter Roboter ist. Gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Cynthia Rhodes kommt er dabei den Plänen des größenwahnsinnigen Computerspezialisten Gene Simmons (Mitglied von 'Kiss' - der mit der Zunge) auf die Spur, der mit seinen vollautomatischen Waffen und Killer-Mikrochips das große Geschäft machen will und alle, die sich ihm in den Weg stellen, eiskalt auslöscht...

RUNAWAY ist ein typischer Crichton-Film in dem Sinne, dass er eine interessante Grundidee samt Gesellschaftskritik (Maschinen ersetzen Menschen, Konzerne regieren die Welt) für ein reines Action- und Spannungszenario nutzt, anstatt sie tiefgründig auszuloten. Das geht auch in Ordnung, denn Crichton will vor allem gut unterhalten und nicht die Welt verändern. Die düstere Utopie von Robotern, die allerorts das Alltagsleben bestimmen, ist zwar in der Realität noch immer nicht wahr geworden (offensichtlich sind Roboter im Haushalt den Menschen noch genau so suspekt wie eh und je), der Film selbst aber ist stark gealtert und ein typisches 80er-Produkt, mit rotstichigen Bildern, Synthie-Score und fiesen Dauerwellen.

Die Besetzung ist dabei tadellos. Tom Selleck (der bereits einige Jahre zuvor unter Crichtons Regie eine kleine Rolle in "Coma" hatte) versucht hier erneut, sich als Kinoheld zu etablieren, was ihm - obwohl er durchaus überzeugend agiert - nie wirklich gelang. Anscheinend akzeptiert das Publikum ihn nur auf dem TV-Bildschirm. Es mag an dem Proleten-Schnauzer liegen, der einfach furchtbar war, ist und immer sein wird. An seiner Seite ist die sympathische Cynthia Rhodes zu sehen, die ebenfalls nie den Sprung zum Star schaffte und stets die zweite Geige neben Jennifer Beals, Jennifer Grey und anderen (mittlerweile ebenso vergessenen) Kolleginnen spielen musste. Als Oberfiesling gibt Gene Simmons dank seines bizarren Charismas eine ziemlich gute Figur ab, und die junge Kirstie Alley (die seltsamerweise alle Dialoge schreit, anstatt sie zu sprechen) muss kurz nach ihrem ersten Auftritt schon einen Strip hinlegen, während sie von einer Maschine auf Wanzen gescannt wird. Darauf steht Crichton offenbar, denn auch in "Looker" unterzog sich die nackte Susan Dey einer ähnlichen Prozedur. 

Was Action angeht, gibt es wenig zu meckern. Insbesondere die Szenen, in denen Simmons mit elektronischen Hochgeschwindigkeits-Geschossen ballert, die ihr Opfer um Straßenecken jagen und töten, können sich sehen lassen. Allerdings fehlt deutlich eine Grundspannung, was an dem episodenhaften Drehbuch liegt. Sobald gerade nichts Aufregendes passiert, sackt der Film umgehend ab. Die titelgebenden 'Spinnen' (kleine Roboter, die an Wänden und Menschen hochkriechen und Säure verspritzen) sind von "Alien" (1979) beeinflusst und erzeugen eine nette Gänsehaut, spielen aber eine eher untergeordnete Rolle. Am Ende muss Selleck nicht nur gegen den Oberbösen zum letzten Duell antreten und seinen Sohn retten, sondern dabei auch noch seine Höhenangst überwinden. Da grüßt Hitchcock fröhlich aus dem Grab. Für alle Akrophobiker (wie mich) ist das Finale auf einem Baugerüst in schwindelerregender Höhe aber schweißtreibend inszeniert.

Alles in allem ist RUNAWAY ein sehenswerter Sci-Fi-Thriller, der nicht ganz die perfekte Achterbahn ist, die er gern sein würde, aber gute 80er-Unterhaltung. 

7.5/10


Samstag, 22. September 2012

Das perfekte Alibi (1995)

Traue niemals französischen Au Pairs, ganz besonders nicht, wenn sie so unscheinbar mit Brille, Zopf und spießiger Kleidung daherkommen und so tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Unter den konservativen Fummeln steckt nämlich ein sexy Vamp, das sich umgehend auf das Familienoberhaupt stürzt und mit ihm gemeinsam finstere Pläne schmiedet, die Ehefrau loszuwerden, um deren Platz einzunehmen, während der Gatte das Geld erbt.

Genau so geschieht es in DAS PERFEKTE ALIBI (Perfect Alibi), einem Thriller aus den frühen 90ern - natürlich, denn das war die Zeit, in der weibliche Psychopathinnen die Kinoleinwände unsicher machten, was immer noch auf den Einfluss von "Eine verhängnisvolle Affäre" (1989) zurückging, in der Glenn Close die ultimative Bedrohung für die glückliche amerikanische Mittelstands-Familie darstellte. Filme wie "Die Hand an der Wiege" (1992) oder "Weiblich, ledig, jung sucht..." (1992) folgten dem Trend.

DAS PERFEKTE ALIBI kann zwar mit den genannten Vorbildern nicht mithalten, ist aber ein netter, harmloser kleiner Thriller, der sich gut wegschaut und eher wie eine Light-Version des Stoffes wirkt - zumal er aussieht wie eine TV-Produktion, was er auch ist.Man erkennt es unter anderem an einer biederen Sexszene, in der sich beide Darsteller nackt im Bett umherwälzen, ihre Körper aber stets durch ein albern drapiertes Laken voneinander getrennt sind, was eine leidenschaftliche Penetration anatomisch eher schwierig macht.

Hier schleicht sich also das französische Kindermädchen Lydie Denier in das Leben von Arzt Alex MacArthur und Gattin Kathleen Quinlan ein. Quinlans alkoholisierte Schwester, die neben dem Wodka auch den Braten riecht, muss als Erste dran glauben, Privatdetektiv Charles Martin Smith ist der nächste. Jeder, der das Geheimnis ahnt, muss sterben, so wie in "Das Omen" (1976), nur ohne die Teufelschoräle und fliegende Glasplatten. Durch die Todesfälle misstrauisch geworden, schnüffelt fortan Quinlans Geschäftspartnerin Teri Garr gemeinsam mit Detective Hector Elizondo dem mordlüsternen Pärchen nach und begibt sich dabei in Lebensgefahr...

Ja, das klingt nicht gerade wahnsinnig aufregend und ist es auch nicht. Trotzdem macht DAS PERFEKTE ALIBI Spaß, wenn man Freude an derlei altmodischer Krimi-Kost hat. Das Ensemble besteht zur Gänze aus guten Schauspielern, die von Hollywood irgendwann in die zweite Reihe verbannt oder gänzlich vergessen wurden, die aber (allein schon deswegen) außerordentlich sympathisch sind. Teri Garr ist das beste Beispiel, wie man in der Traumfabrik mit Frauen umgeht. Anfang der 80er war sie heißer als heiß und konnte sich die Rollen aussuchen, kurz danach war sie aus unerfindlichen Gründen (mit 30 wahrscheinlich viel zu alt) abgemeldet, dabei hat sie mehr Talent im kleinen Finger als andere Kolleginnen im gesamten Silikonkörper.  Mit Kathleen Quinlans Karriere ging es ebenso auf und ab. Außerdem ist es schön, Hector Elizondo mal in einer größeren Rolle zu sehen. Und als Teri Garrs skurrile Tante hat Estelle Harris ("Seinfeld") köstliche Auftritte.
Das Drehbuch ist zwar ohne Ende vorhersehbar und weist einige haarsträubende Logikfehler auf, baut aber hier und da ein paar schlagfertige Dialoge ein und präsentiert am Ende den herrlich alten Hut mit dem vergifteten Tee, der die Seiten wechselt (à la "Der Wein mit der Pille ist in dem Becher mit dem Fächer").

Wer gerade nichts Besseres zu tun hat, kann mal reinschauen, wer nur 'echte' Thriller mag, wird sich eher langweilen. Ich mag ihn.

6.5/10

Donnerstag, 20. September 2012

Spellbinder - Ein teuflischer Plan (1988)

Dieser kleine, unscheinbare Mystery-Thriller verschwand Ende der 80er eher sang- und klanglos aus Kinos und Videotheken, hat sich aber einen kleinen Fankreis aufgebaut und tauchte (etwas überraschend) sogar in dem lesenswerten Buch "Die 100 besten Horrorfilme" von Hans Schifferle wieder auf. Das ist vielleicht etwas zu viel der Ehre, aber ansehbar und unterhaltsam ist diese düstere Liebesgeschichte mit Teufelsanbetung auf jeden Fall.

Zum Plot: der junge Anwalt Timothy Daly rettet eines Abends die schöne Kelly Preston vor einem gewalttätigen Freund, und da die Dame gerade kein Zuhause hat, zieht sie kurzerhand bei ihm ein. Daly wähnt sich schon in einer stürmischen Liebesgeschichte, doch dann stellt sich heraus, dass Preston offenbar von einem Satanskult verfolgt wird, dem sie bis vor kurzem angehörte. Je mehr unser Held sich aber bemüht, sie aus den Klauen des Kultes zu befreien, desto mehr muss er erkennen, dass hier alles ganz und gar nicht so ist, wie es zu sein scheint...

SPELLBINDER (Spellbinder) - das darf man an dieser Stelle verraten - ist ein kaum getarntes Remake des Horror-Kultfilms "The Wicker Man" (1973). Hier wie dort versucht ein aufrechter Mann, ein satanisches Verbrechen aufzudecken (bzw. es zu verhindern) und ist doch selbst nur Opfer böser Machenschaften. Die Verlegung der Geschichte ins Los Angeles der späten 80er hat dabei ihren besonderen Reiz, denn anders als in so vielen Filmen dieses Jahrzehnts wird die Spezies des Yuppies im Designeranzug mit Schulterpolstern hier nicht als ideale Lebensform, sondern als durch und durch Böse dargestellt. Während sich zuvor ein Michael J. Fox ("Das Geheimnis meines Erfolges", 1987) oder eine Melanie Griffith ("Die Waffen der Frauen", 1988) mit Witz und Ehrgeiz an die Spitze der Erfolgsleiter katapultierten und das Publikum auf ihrer Seite hatten, stellt SPELLBINDER klar, dass eben dort der Teufel regiert.

Der Film ist dabei als klassische Liebesgeschichte aufgebaut, mit einem einsamen Helden, der offensichtlich zu viele Filme gesehen hat und an die große Liebe auf den ersten Blick glaubt, der sich als Retter in der Not aufspielt und nicht merkt, dass er längst im Netz der Oberspinne zappelt, die sich geschickt als guter Freund und Vorbild tarnt. Die Darsteller spielen überwiegend überzeugend, und der Thriller bleibt trotz seines eher gemächlichen Tempos kurzweilig, weil das Drehbuch schnurgerade auf die finale Wendung zusteuert. Da macht es auch nichts, dass die Regie von Janet Greek eher uninspiriert ausfällt.
Dazu gibt es für alle Nostalgiker wunderschön-scheußliche 80er-Frisuren und Kostüme, sowie einen Gastauftritt von Audra Lindley, die einigen als Vermieterin 'Mrs. Roper' aus der Sitcom 'Three's Company' noch im Gedächtnis sein könnte.

Fazit: netter Film, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Fans des 80er-Horrors sollten einen Blick riskieren, leider ist der Film bislang nicht auf DVD erhältlich. Da muss die gute, alte VHS herhalten. 

07/10

Dienstag, 18. September 2012

Friedhof der Kuscheltiere (1989)

Für viele Fans des Bestseller-Autors Stephen King galt FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE (Pet Sematary) lange als sein bestes Werk (mein persönlicher Favorit wäre 'Misery', aber ich habe bei weitem nicht alle King-Bücher gelesen), umso gespannter war man auf die unvermeidliche Verfilmung. Zunächst sollte George A. Romero die Story adaptieren, der sich mit Zombies auskennt wie kein Zweiter. Das hätte eine fantastische Kombination werden können (der beste Horrorfilm, der nie gemacht wurde?). Romero hatte aber länger keinen Hit, und sein (finanzieller) Flop "Zombie 2" (1985) war den Verantwortlichen noch in schlechter Erinnerung.

Mary Lambert erhielt schließlich den Zuschlag und inszenierte nach dem Drehbuch von King persönlich den zu erwartenden Kinohit, der das Mainstream-Publikum mit seinen düsteren Themen (Kindstod, Kannibalismus, Suizid und Matrizid, um nur einige zu nennen) schockierte. Der Film konzentriert sich auf die oberflächlichen Horror-Aspekte des Romans, ohne die Urängste und den Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen auch nur ansatzweise wiederzugeben, die das Buch so intensiv machen. Nun muss man aber sagen, dass eine werkgetreue Umsetzung vermutlich ein absolut deprimierender, verstörender und todtrauriger Film wäre, den man kaum noch als Unterhaltung wahrnehmen könnte. Insofern haben Mary Lambert und King im Grunde alles richtig gemacht. Ihr Auftrag lautete, aus einem unverfilmbaren Buch einen Hit fürs Massenpublikum zu basteln, den haben sie ausgeführt. Man darf gespannt sein, ob die Gerüchte über ein Remake wahr werden und wie dann das Ergebnis ausfällt.

Zum Plot: das junge Ehepaar Creed (Dale Midkiff und Denise Crosby) zieht mit zwei Kindern an eine viel befahrene Landstraße in ländlicher Idylle. Legenden nach soll es hinter dem örtlichen Tierfriedhof eine alte Indianerstätte geben, von der die Toten zurückkehren, die dort begraben werden. Als die geliebte Katze der Creeds überfahren wird, kann Papa Creed die Nachricht seiner gerade abwesenden Tochter nicht beibringen und begräbt das Tier auf dem Indianerfriedhof, von wo es kurz später tatsächlich zurückkehrt. Aus dem süßen Kätzchen ist aber eine Höllenbestie geworden. Als dann noch der kleine Sohn der Creeds bei einem Unfall ums Leben kommt, stiehlt der verzweifelte Papa ihn aus dem Grab und beerdigt ihn ebenfalls auf dem Indianerfriedhof. Mit furchtbaren Konsequenzen...

Es sind in der Tat lauter unbequeme Themen, mit denen Kings Geschichte spielt. Die Angst, dass seinen eigenen Kindern etwas passieren könne, hat ihn zu dieser Story inspiriert, in der das Unglück über die Familie hereinbricht wie ein nicht enden wollender Orkan, und in der die schlimmsten Alpträume aller Familienmitglieder wahr werden. Formal ist Mary Lambert ein durchaus ansehbarer Horrorfilm gelungen. Ganz besonders in Erinnerung bleibt die Musik von Elliot Goldenthal, der das groteske Geschehen grandios untermalt. Immerhin, nichts unterstützt eine durchtrennte Achillessehne besser als kreischende Geigen.
Visuelle Schockeffekte sind reichlich vorhanden und können dem anvisierten Mainstream-Publikum, das nicht jeden Tag getötete Kinder, erhängte Mütter und gefrorene Katzen zu sehen bekommt, die Haare zu Berge stehen lassen. Lambert springt von einem Höhepunkt zum nächsten, was ihren Film sehr unterhaltsam macht.

Leider inszeniert sie die Geschichte aber auch wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen und serviert alles mit dem Holzhammer. Ein gutes Beispiel dafür ist der Moment, an dem Vater Creed beschließt, den toten Sohn aus dem Grab zu holen. Das ist bei King nachvollziehbar, weil man die unendliche Trauer und Verzweiflung des Mannes spürt. Im Film fragt man sich eher, warum er aus den schlechten Erfahrungen mit der Katze nichts gelernt hat. Natürlich ist es schwierig, die inneren Vorgänge darzustellen, doch Lambert gibt sich auch keine besondere Mühe. Hauptdarsteller Midkiff begnügt sich damit, hübsch zu lächeln, ein paar Kullertränchen zu vergießen und ansonsten Schwiegermuttis Liebling zu spielen. Das ist einfach zu wenig bei einer so komplexen Rolle, in der ein Mann von Schmerz und Trauer so überwältigt wird, dass er nach und nach den Verstand verliert.

Schon besser geht Denise Crosby mit einer ebenso schwierigen Rolle um, aber sie wird immer in die zweite Reihe gedrängt, bis sie zum Finale wieder auftaucht (was sehr dünn motiviert ist und im zeitlichen Ablauf wenig Sinn ergibt). Dort mutiert FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE dann endgültig zum Zombie-Schocker, wobei man die Leistung von Kinderstar Miko Hughes ("Wes Cravens New Nightmare", 1994) nicht genug loben kann, der als untotes Balg aus der Hölle wirklich für Gänsehaut sorgt und dennoch eine tragische, bemitleidenswerte Figur bleibt (wobei er - aus verständlichen Gründen - in den besonders fiesen Momenten gedoubelt wird, wahlweise von einem kleinen Mann und einer Puppe).
Hughes Filmschwester hingegen spielt schwach (entweder schmollt sie, oder sie heult), ist schon manieriert wie eine Erwachsene und bekommt viel zu viel Filmzeit. Einige zusätzliche Längen des Films gehen auf das Konto von 'Opa Munster' Fred Gwynne, der den warnenden Mümmelgreis im Overactor-Modus spielt. Herrlich blöde ist der Moment, wenn Creed ihn fragt, ob mal jemand einen Menschen auf dem Indianerfriedhof begraben hat, woraufhin Gwynne sämtliche Bierflaschen vor Schreck umschmeißt ("Nein! Um Himmels Willen! Wer hätte denn...?"). Sehr subtil. Warum er jedem Dahergelaufenen von dem Friedhof erzählt, obwohl er genau weiß, welch grauenvolles Unheil damit verbunden ist, das bleibt auch sein Geheimnis.

Was leider gar nicht funktioniert ist der Versuch, schrägen Humor in die bittere Geschichte zu zwängen, wenn der 'Geist' eines verstorbenen Schülers (gespielt vom geisterhaften Brad Greenquist, der uns als irrer Frauenmörder aus "Das Schlafzimmerfenster" noch in guter Erinnerung ist) das Geschehen begleitet und zynische Oneliner von sich gibt, während ihm eine Gehirnhälfte aus dem Schädel tropft.
Gänzlich geschmacklos und unangenehm ist die Darstellung der an Multiple Sklerose erkrankten Filmschwester Denise Crosbys. Anstatt die richtige Mischung aus Grauen und Empathie zu erzeugen (wir sehen sie durch Crosbys Augen, die als Kind die Schwester pflegen musste und nie darüber hinweg gekommen ist), präsentiert der Film die Kranke als widerliches, schmatzendes Schreckgespenst. Das ist nicht nur unangemessen und im höchsten Maße unsensibel, sondern absolut stumpfsinnig.

Der beste Moment hingegen gelingt Mary Lambert beim Tod des Kindes, dessen Unfall lediglich über eine Montage aus Bildern eines Fotoalbums und einen blutigen Kinderschuh erzählt wird. Hier wendet Mary Lambert die ganz alte, aber immer noch gültige Regel des Horror-Kinos an, in der das Grauen im Kopf des Zuschauers sehr viel effektiver ist als das Gezeigte auf der Leinwand. Leider präsentiert sie im restlichen Film lieber auslaufende Matschaugen, als der Imagination des Publikums zu vertrauen. Ich erinnere mich allerdings daran, den Film im zarten Alter von 18 im Kino gesehen zu haben, wo einige unvorbereitete Erwachsene wirklich der Ohnmacht und Brechanfällen nahe waren.

Unterm Strich ist FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE sehr schwer zu beurteilen, deswegen gehen die Meinungen auch stark auseinander. Ich habe ihn selbst bei mehrmaligem Sehen jedesmal anders empfunden. Dass er sein Potential nie ausschöpft, darüber sind sich wohl alle einig. Seine Wirkung im Kino war auf jeden Fall besser als auf dem Bildschirm zu Hause.
Nichts aber in FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ist so schlimm wie der Rocksong der 'Ramones', der mit den ersten Abspanntiteln das Publikum brutal aus jeder Gruselstimmung herausreißt und mit einem idiotischen Refrain ("I don't wanna be buried... in a pet cemetery") aus dem Kino treibt. Eine völlige Geschmacksentgleisung, bei der einem der arme Elliot Goldenthal Leid tun kann.

Und eine letzte Bemerkung: gegen die krude, geschmack- und spannungslose Fortsetzung "Pet Sematary 2" (1992), die ein gewaltiger Flop wurde, ist FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ein Meisterwerk.

07/10

Montag, 17. September 2012

Rhea M - Es begann ohne Warnung (1986)

Ein geheimnisvoller Komet sorgt dafür, dass auf der Erde sämtliche Maschinen verrückt spielen und die Herrschaft über die Menschen übernehmen. Eine Armee 'böser' Trucks belagert ein Diner mit Tankstelle, in dem sich eine Gruppe Überlebender verschanzt hat. Verzweifelt überlegen die Eingeschlossenen, wie sie der ausweglosen Situation entkommen können...

Anfang der 80er verging gefühlt kein Monat, in dem nicht ein neuer Film ins Kino kam, der auf einem Buch oder einer Kurzgeschichte von Stephen King basierte. Alles, was der Erfolgsautor jemals zu Papier gebracht hatte, und sei es die Notiz auf einem Bierdeckel, wurde ihm praktisch aus den Händen gerissen, um damit große Kasse zu machen. 1986 war die Begeisterung noch ungebrochen, obwohl das Publikum mit immer schwächeren Verfilmungen ("Kinder des Zorns", 1984, "Firestarter", 1984) überschwemmt wurde. Für die Adaption von RHEA M - ES BEGANN OHNE WARNUNG (Maximum Overdrive) nahm der Autor King selbst auf dem Regiestuhl Platz, was die Erwartungshaltung von Fans und Kritikern noch einmal anheizte. Das Ergebnis entsetzte dann so ziemlich alle, inklusive King selbst, der RHEA M einen "Idiotenfilm" (Moron Movie) nannte, womit er nicht nur seine eigene Leistung passend beschrieb, sondern auch noch sein Publikum beleidigte.

Nun gibt es Idiotenfilme, die wahnsinnig unterhaltsam sind, und einige gehören zu meinen absoluten Lieblingsfilmen ("Das Tal der Puppen", 1967), aber RHEA M ist tatsächlich so gnadenlos schrecklich, dass einem fast die Worte fehlen. RHEA M ist sinnloser, spannungsarmer Trash, der nur in einigen wenigen Momenten überzeugt, die aber so rar gesät sind, dass man sich dafür weißgott nicht den ganzen Film antun muss. 2002 gab King übrigens in einem Interview zu, dass er während der gesamten Dreharbeiten zugekokst war und nicht wusste, was zur Hölle er da eigentlich tat. Nun, sagen wir einfach mal, man sieht es. Und wenn RHEA M schon nicht als Horrorfilm funktioniert, hat er vielleicht als Warnung gegen Drogenkonsum seine Daseinsberechtigung.

Wie 'spaßig' dieser Film ist, das bekommt man gleich in der ersten Szene zu sehen, wenn Stephen King himself als bebrillter Spießer staunend vor einem Geldautomaten steht, der kein Geld rausrückt und ihn stattdessen "Asshole" nennt. Besser wird es nur in den wenigen Splatter-Momenten, wenn Rasenmäher durchdrehen, Elektromesser ein Eigenleben entwickeln und eine widerspenstige Zugbrücke ein Verkehrs-Massaker anrichtet (beste Szene). Leider ist keiner dieser Momente mit dem richtigen Gefühl für Timing inszeniert - wie sollten sie auch, wenn der Regisseur selbst keine Ahnung vom Filmemachen hat? Dabei ist die Grundidee doch ein klassisches SciFi-Szenario, das als "Twilight Zone"-Episode wahrscheinlich super funktioniert hätte. Man merkt, dass RHEA M lediglich auf einer Kurzgeschichte ("Trucks" aus dem Band "Nighshift") basiert, denn der Film zieht sich ohne Ende und rettet sich nur durch das Reenactment von George Romeros "Night of the Living Dead" (1968) - mit Trucks statt Zombies - über die Lauflänge.

Dass bei so einer Katastrophe die Darsteller nichts reißen können, ist klar. Hauptdarsteller Emilio Estevez sieht knackig aus, spielt aber so gut wie nichts und wurde für seine Leistung mit einer Nominierung für die Goldene Himbeere 'geehrt' - ebenso wie Stephen King als Regisseur. In den Nebenrollen sieht man einige Bekannte, aber es lohnt sich nicht, sie aufzulisten, weil sie ohnehin farblos bleiben. Es reicht vielleicht zu sagen, dass der Soundtrack von AC/DC (!) nicht das Schlechteste an RHEA M ist. Wer jetzt noch Lust hat, bittesehr. Aber was soll man auch von einem Horrorfilm erwarten, in dem ein mörderischer Getränke-Automat einen der Höhepunkte darstellt?

Stephen King sagte, er habe durchaus noch Lust, irgendwann einen weiteren Film zu inszenieren. Das kann man auch als Drohung verstehen. Hoffentlich geschieht das dann mit besseren Rauschmitteln.

02/10

Sonntag, 16. September 2012

Sundown - Rückzug der Vampire (1989)

In dem kleinen Wüstenkaff Purgatory ist ganz schön was los. Dort leben Vampire, die sich den Rahmenbedingungen des modernen Zeitalters angepasst haben. Um sich vor der Sonne zu schützen, tragen sie Schirme und cremen sich mit Lichtschutzfaktor 100 ein. Statt Menschenblut trinken sie eine milchähnliche Ersatzflüssigkeit. Im Grunde genommen sind sie ganz friedliche Wesen - es sei denn, ein großmäuliger Tourist kommt vorbei und macht sich über die Tankstelleninhaber lustig, die wie Mitglieder von 'ZZ Top' aussehen, dann verlieren sowohl die Blutsauger als auch die Touristen (buchstäblich) schnell mal den Kopf.
Doch es bahnt sich Ärger an in dieser Western-Idylle, denn einige Abtrünnige wollen wieder zu den alten Traditionen zurück und Menschen aussaugen. Da sich auch noch ein Nachfahre des alten Vampirjägers Van Helsing (Bruce Campbell) gerade in der Stadt befindet, um die Vampire und deren Anführer (David Carradine) auszurotten, kommt es bald zum ultimativen Vampir-Showdown...

Regisseur Anthony Hickox inszenierte mit SUNDOWN - RÜCKZUG DER VAMPIRE (Sundown - The Vampire in Retreat) einen parodistischen Genre-Mix, in den er so ziemlich alles hineinwirft, was ihm gerade in den Sinn kommt: Western, Horror, Soap, Satire, Splatter, sprechende Fledermäuse, ein nackter Maxwell Caulfield, verzickte Blutsauger und nervende Gören. Das ergibt einen unterhaltsamen, leichtfüßigen Film, der aber trotzdem (oder deswegen) nie wirklich fesselt, weil die verschiedenen Stilmittel nicht zu einem befriedigenden Ganzen zusammenfinden und mehrere Längen im Anfangsteil den Erzählfluss bremsen.

Zu den Highlights gehört (natürlich) der Horror-erprobte Bruce Campbell als hübsch verklemmte Comic-Variante des großen Vampirjägers Van Helsing, der sich hier auf ganzer Linie geschlagen geben muss, gebissen wird und selbst zum Vampir mutiert. Überhaupt tummeln sich in Haupt- und Nebenrollen lauter bekannte und gern gesehene Gesichter des Genres, allen voran der unnachahmliche David Carradine als Vampirchef Jozek Mardulak (Scrabble-Fans dürfen dreimal raten, welcher Name sich dahinter wohl verbergen mag...), dazu Morgan Brittany (das schöne "Dallas"-Biest, das Bobby Ewing überfahren hat), die reizende Deborah Foreman, die unter Hickox' Regie schon in "Waxwork" (1988) mitwirkte, Maxwell Caulfield ("Waxwork II") als sexy Vampirlover, der nachts durchs Fenster geflogen kommt, Brendan Hughes ("Tödliche Lippen", 1988), sowie Dana Ashbrook, bekannt aus "Twin Peaks". Das gesamte Ensemble aus Jung- und Altstars ist mit Spaß bei der Sache, und das verleiht dem Film eine grundsympathische Ausstrahlung. Hickox' SUNDOWN ist ein Film für Fans von einem Fan, so wie "Waxwork" eine blutige Hommage an die Klassiker aus Hickox' Jugend war.

Dass das Spektakel nicht ganz funktioniert liegt vor allem an der ersten Filmhälfte, in der die vielen Figuren (zu) breit eingeführt werden und nicht klar wird, wessen Geschichte da eigentlich erzählt werden soll - eine Art "Unsere kleine Vampirstadt", wenn man so will. Auch das Tempo ist eher schleppend, von der genialen, oben bereits angesprochenen Kopf-ab-Szene mal abgesehen. In der zweiten Hälfte kommt SUNDOWN dann gottseidank in Fahrt und liefert am Ende einen Showdown, der nicht nur mit einigen hervorragenden Effekten und Masken punkten kann (auch wenn der Film auf Splatterebene insgesamt harmlos bleibt), sondern auch in bester Western-Tradition inszeniert ist.

Hickox' Versuch bleibt lobenswert, dem Genre neue Impulse zu geben, bzw. das angestaubte Bild des Film-Vampirs zu erneuern, selbst wenn der Film damit nicht weit kommt. Neben den parodistischen Zügen gelingt es ihm dazu, einige ernsthaftere Gedanken einzubringen. Der Aufstand der Vampir-Rebellen, die zurück wollen zu Mord und Totschlag, ist ein durchaus stimmiges Porträt der so genannten "Ewiggestrigen", die sich mit dem Wandel von Zeit und Gesellschaftsformen nicht abfinden können, frei nach dem Motto "Früher war alles besser" oder "Früher war mehr Lametta", wie Loriot es ausdrücken würde. Die Sehnsucht nach der 'guten, alten Zeit' ist also nicht nur eine zutiefst menschliche, sondern offensichtlich auch eine vampirische.

07/10

Samstag, 15. September 2012

Bad Company (1995)

Der Thriller BAD COMPANY (Bad Company, nicht zu verwechseln mit der Anthony Hopkins/Chris Rock-Komödie) von Damian Harris war im Kino nicht erfolgreich und hat überwiegend schlechte Bewertungen erhalten. Was alle Welt an diesem Film auszusetzen hat, erschließt sich mir nicht im Geringsten, aber es spielt auch keine Rolle. Für mich ist dies einer der Geheimtipps der 90er und einer der besten Neo-Noirs dieses Jahrzehnts, das einige brillante Werke zum Thema hervorgebracht hat - wie John Dahls "Die letzte Verführung" (1992), der ebenfalls kein großer Hit war, mittlerweile aber Kultstatus erlangt hat.

Worum geht es? Laurence Fishburne spielt hier einen abgebrühten Edel-Kriminellen, der sich um einen Job in der Firma von Ellen Barkin und Frank Langella bewirbt. Diese Firma ist spezialisiert auf Erpressung, Bestechung und Auftragsmord im großen Stil. Dank seiner Skrupellosigkeit wird Fishburne sofort engagiert und macht sich schnell bezahlt. Wie sich bald herausstellt, spielt er aber ein doppeltes Spiel und wurde von der CIA eingeschleust, die das lukrative Unternehmen übernehmen will. Dafür muss zunächst Konzernchef Langella ausgeschaltet werden. Fishburne und Barkin entwickeln einen raffinierten Mordplan, doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Wem kann man in so einer schlechten Gesellschaft wirklich trauen? Könnte es sein, dass niemand hier der ist, der er vorzugeben scheint?

BAD COMPANY knüpft an die Werke des klassischen Film Noir an und präsentiert ein Figurenkabinett, das ausschließlich aus verachtenswerten, abgründigen Individuen besteht, die sich alle gegenseitig umbringen würden, wenn es ihren eigenen Interessen nützt. Identifikationsfiguren gibt es keine, auch keine Unschuldigen. Außenstehende, die in das Netz aus Intrigen und Lügen hineingezogen werden, sind keinen Deut besser als die, die aus ihrem schmutzigen Charakter ohnehin keinen Hehl machen.

Bestechend ist hier nicht nur die exzellente Besetzung, sondern die Unaufgeregtheit der Erzählung, die stets ruhig, aber stringent auf den finalen Höhepunkt zuschreitet. Damian Harris inszeniert in stilisierten, unterkühlten Bildern und erhebt keinen Realitätsanspruch. In Frank Langellas surrealem Büro aus Beton hängt als einziges Dekorationsobjekt ein überdimensionales, zur Schlinge geformtes Tau von der Decke. Dieser Mann trägt seinen Tod praktisch mit sich herum. Das düstere Apartment von Laurence Fishburne ist ein minimalistischer Alptraum. Die Liebe zum Detail findet sich auch in den Kostümen - in den edlen Designeranzügen der ehrbaren Drecksgesellschaft und den Outfits von Ellen Barkin, die tagsüber klassisches Business-Schwarzweiß trägt, um sich nach Feierabend in extravagante Callgirl-Fummel zu stürzen.

So unterkühlt wie die Ausstattung ist auch das Spiel des Ensembles. Kein Dialog überschreitet je die Zimmerlautstärke, die übelsten Drohungen werden mit sanfter Bestimmung geflüstert, keine Regung in den Gesichtern verrät das Innenleben der Figuren. Diese Damen und Herren verstehen ihr Geschäft und müssen nicht laut werden. Im Gegensatz zu den Designer-Verbrechern werden die CIA-Agenten als banal und dumm in ihrer Habgier gezeichnet. Sie verstehen weder etwas von Kunst noch von Raffinesse, die Sympathien des Films liegen eindeutig bei den Gangstern.

Das Drehbuch ist zwar nicht unbedingt glaubwürdig, aber raffiniert konstruiert und zeichnet sich durch ständige überraschende Wendungen aus. Regisseur Damian Harris versucht dazu noch, an einigen Tabugrenzen zu schrauben und würzt den Thriller mit einem kräftigen Schuss Erotik - kein Wunder, wenn man Ellen Barkin an Bord hat. Er verzichtet bis auf ein letztes Shoot-Out vollständig auf Action und setzt dafür auf Dialog und Charaktere, insofern ist BAD COMPANY ohnehin mehr Arthouse als Mainstream-Thriller - was ein Grund für seine Erfolglosigkeit sein könnte. Wie ich es auch drehe und wende, ich finde einfach an BAD COMPANY nichts auszusetzen. Sicher ist der Film schon wegen des Fehlens sympathischer Figuren nicht jedermanns Sache, aber ich freue mich alle Jahre wieder, wenn er in meinem DVD-Player landet. Er ist und bleibt einer meiner Lieblingsfilme der 90er.

09/10


Freitag, 14. September 2012

Goldenes Gift (1947)

Einer der größten Film Noirs aller Zeiten ist Jacques Tourneurs GOLDENES GIFT (Out of the Past), der die essentiellen Stilmittel und Elemente des Genres auf furiose Weise mixt und mit Jane Greer eine exemplarische Femme Fatale porträtiert.

Robert Mitchum spielt den ehemaligen Privatdetektiv Bailey, der jetzt in einem Kleinstadt-Nest eine Tankstelle betreibt, wo er eines Tages Besuch von einem Schatten der Vergangenheit erhält, der ihn zu seinem ehemaligen Auftraggeber Sterling (Kirk Douglas) bringen soll. Einst sollte Bailey Sterlings Freundin Kathie (Jane Greer) suchen, die mit 40.000 Dollar durchgebrannt war. Als er sie in Mexiko aufspürte, verliebte er sich in die schöne, aber skrupellose Dame und tauchte mit ihr unter. Ein Mord hat beide auseinander gebracht. Sterling hingegen hat noch eine Rechnung mit unserem Antihelden zu begleichen und plant, Bailey einen Mord unterzuschieben und gleichzeitig einen Erpresser loszuwerden. Überraschenderweise ist auch Kathie wieder mit von der Partie und spielt ein eigenes, undurchschaubares Spiel...

Die Vergangenheit holt dich immer wieder ein. Das ist eine der Grundregeln des Film Noir. Niemand, der betrogen, gelogen, gestohlen oder gemordet hat, kommt ungeschoren aus diesem moralischen Universum. Am Ende leben nur die wirklich Unschuldigen, aber sie sind in der Minderheit. Alle anderen mit dunkler Vergangenheit müssen dran glauben. Man staunt, wie sonnig GOLDENES GIFT über weite Strecken ist, und wie viel sarkastischen Humor er bietet. Robert Mitchum geht stets mit einem spöttischen Lächeln durch den Film, so als könne ihm nichts etwas ausmachen. Oder ist das nur das Wissen um die Unausweichlichkeit seines Schicksals? "Wir verdienen einander", sagt er zu Jane Greer, der bösen, skrupellosen Lügnerin mit dem Engelsgesicht, obwohl er nichts getan hat außer der falschen Frau zu folgen. Den Mord hat sie auf dem Gewissen, und nicht nur den einen.

Obwohl Mitchum und der junge Kirk Douglas starke Kerle sind, die es mit jedem aufnehmen können, ist GOLDENES GIFT Jane Greers Film. Ihre Kathie Moffat ist so durch und durch verkommen, dass Männerleichen buchstäblich ihren Weg pflastern. Was ist nur mit diesem lieblichen Mädel passiert, dass sie so abgründig wurde? Im Gegensatz zu der eiskalt berechnenden Königin aller Femme Fatales, Barbara Stanwycks Phyllis Dietrichson ("Frau ohne Gewissen", 1940), die kühl und berechnend Männer ins Verderben lockt, strahlt Greer trotz aller Abgebrühtheit eine mädchenhafte Unschuld aus, der man sich nicht entziehen kann, der man glauben möchte, auch wenn sie offensichtlich lügt. Kein Wort, das sie im Film spricht, ist wahr. Mitchum ist noch an sie gekettet, wenn er sie längst durchschaut hat.

Jacques Tourneur, der einige der wundervollsten Horror-Märchen inszeniert hat ("Katzenmenschen", 1942, "Ich folgte einem Zombie", 1943), kennt sich mit Licht und Schatten aus wie kein anderer, und er hat eine hoffnungslos romantische Ader. Er inszeniert Grauen, Mord und Totschlag immer als Liebesgeschichte, so auch hier. Und er baut überall Stolpersteine ein, die der Erwartungshaltung des Publikums zuwider laufen. Der Plot von GOLDENES GIFT ist mit seinen parallelen Plots und Intrigen aller Beteiligten gegeneinander so verzwickt, dass man ihn unmöglich wiedergeben kann. Ständige Wendungen und die Einführung neuer Figuren halten den Thriller ununterbrochen in Hochspannung. Die Dialoge sind von messerscharfer Ironie und Bissigkeit.
GOLDENES GIFT ist ein großer, tiefschwarzer Klassiker voller Überraschungen, bevölkert von beschädigten Charakteren, die alle nur das Beste wollen - für sich selbst.

10/10

Donnerstag, 13. September 2012

Rächer der Unterwelt (1946)

Zwei Auftragskiller sind in der Nacht unterwegs, um den "Schweden" (Burt Lancaster), Ex-Boxer und Beteiligter eines Raubüberfalls, zu ermorden. Der wartet schon in seinem kleinen Apartment auf den Tod und hat keine Lust mehr, vor dem Unausweichlichen wegzulaufen. "Ich bin fertig mit Davonlaufen. Ich habe mal etwas Falsches getan, früher" sind seine letzten Worte.

An dieser Stelle endet die Kurzgeschichte von Ernest Hemingway, auf der RÄCHER DER UNTERWELT (The Killers) basiert. Dort erfahren wir nicht, was der "Schwede" verbrochen hat und ob er noch einmal davonkommt. Im Film stricken die Drehbuchautoren Anthony Veiller und ein nicht genannter John Huston die Geschichte weiter. Der "Schwede" wird getötet, und ein Versicherungsdetektiv (Edmond O'Brien) macht sich auf die Suche nach Antworten. Der Film übernimmt ab diesem Zeitpunkt eine "Citizen Kane"-Struktur und schildert die Vorgeschichte des Auftragsmords in Rückblenden, jeweils erzählt von Weggefährten des "Schweden". Die Nachforschungen des Detektivs aber haben ganz eigene Konsequenzen in der Gegenwart, führen selbst zu Mord und Totschlag und decken einen Betrug auf, der vom Initiator des Raubüberfalls (Albert Dekker) und seiner bezaubernden, aber abgründigen Femme Fatale Kitty Collins (Ava Gardner) ausgeführt wurde.

RÄCHER DER UNTERWELT gehört zu den klassischsten aller klassischen Film Noirs und landet regelmäßig auf sämtlichen Top 10-Listen des Genres. Burt Lancaster gab hier sein Leinwanddebüt und wurde über Nacht zum Star, und auch Ava Gardner, einst die "schönste Frau Hollywoods", feierte mit diesem Gangsterdrama ihren Durchbruch. RÄCHER DER UNTERWELT, der mit seiner verschachtelten Chronologie die Grenzen der konventionell-linearen Erzählweise sprengt, war ein Riesenerfolg bei Kritikern und Zuschauern, was einerseits an der glänzenden Besetzung, andererseits an der atmosphärisch-straffen Regie Robert Siodmaks liegt, der seine fatalistische Geschichte, die in bester Noir-Tradition für (fast) niemanden gut ausgeht, in raffiniert ausgeleuchteten Sets voller Schatten und Tiefenschärfe erzählt. Der hochspannende Beginn hält das Publikum so in Atem, dass es einige kleinere Längen im Mittelteil locker verzeiht. Die einzige Kritik, die man äußern könnte, bezieht sich auf die Motivation des Versicherungsdetektivs O'Brien, der sich - ebenfalls ein Stilmittel des Noir - in seine Nachforschungen so hineinsteigert, dass er bald selbst nicht mehr von den Gangstern zu unterscheiden ist, wofür es eigentlich keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Da O'Brien seinen Agenten aber hervorragend spielt und die Geschichte ohnehin von merkwürdigen, obsessiven Typen bevölkert wird, stellt sich diese Frage nur am Rande.

Im Gedächtnis bleiben vor allem die Szenen mit der berückenden Ava Gardner, die ihren sterbenden Liebhaber anfleht, er möge doch die Polizei von ihrer Unschuld überzeugen, eine stilisierte Boxkampf-Sequenz, ein dokumentarisch anmutender Raubüberfall und nicht zuletzt die traurigen Augen Burt Lancasters, der als sensibler, anständiger Dummkopf in schlechte Gesellschaft gerät, aus Liebe ins Gefängnis geht und schließlich aufrecht sein gewaltsames Ende erwartet.
"What's the Difference?" fragt Sterling Hayden am Ende von Stanley Kubricks später entstandenem Gangsterdrama "The Killing" (1956), der viel von "The Killers" übernommen hat. Wozu? Das ist die Frage, die ein Genre auf den Punkt bringt, welches nicht zufällig in Kriegszeiten geboren wurde.

09/10

Dienstag, 11. September 2012

Magic - Die Puppe des Grauens (1978)

Da ist sie wieder, die böse Bauchrednerpuppe, die uns im Horror-Genre schon so oft das Fürchten lehrte, seit Michael Redgrave als irrer Bauchredner in "Traum ohne Ende" (1945) nicht mehr zwischen Realität und Wahn unterscheiden konnte.

Hier heißt die Puppe 'Fats' und gehört Anthony Hopkins, der als Magier und Bauchredner 'Corky' mit frechen Sprüchen das Publikum unterhält. Als er aber das Angebot für eine große TV-Show bekommt, für die 'Corky' sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen müsste, lehnt er ab und versteckt sich in einer Waldhütte, wo er seine alte Highschool-Flamme (Ann-Margret) wiedertrifft und sich verliebt. Da hat die Puppe aber auch noch ein Wörtchen mitzureden...

Für den Film MAGIC - DIE PUPPE DES GRAUENS (Magic) adaptierte Autor William Goldman seinen eigenen Roman, die Regie führte Richard Attenborough. Für Anthony Hopkins war MAGIC die erste Hauptrolle in einem Spielfilm, und er ist auch der Grund, warum man sich dieses Puppentheater ansehen sollte. Seine Interaktionen mit der Puppe 'Fats' sind brillant gespielt und eindringlich inszeniert. Der Film bezieht seine Spannung nicht aus der Frage, ob die Puppe womöglich lebt, sondern - wie das Vorbild "Traum ohne Ende" - aus dem schleichenden Wahnsinn der von Hopkins gespielten Figur. Für den introvertierten Künstler, der anfangs noch liebenswert skurril wirkt, vor dem man sich aber im weiteren Verlauf immer mehr zu fürchten beginnt, ist Hopkins die Idealbesetzung. Trotz seines mörderischen Verhaltens empfindet man als Zuschauer immer noch Mitleid und hofft, dass seine Taten unentdeckt bleiben (der Norman Bates-Effekt).

Überhaupt kann MAGIC bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern aufwarten. Neben dem fantastischen Burgess Meredith als Hopkins' finsterer Agent ist es vor allem Ann-Margret, die Sex-Ikone der wilden 60er, die einer eher uninteressanten Rolle Tiefe, Zerbrechlichkeit und Menschlichkeit verleiht. Komponist Jerry Goldsmith hat einen wundervollen, melancholischen Gruselscore für den Film komponiert, der oft an Bernard Herrmann erinnert. Die Puppe 'Fats' ist als Doppelgänger von Hopkins (die beiden tragen mehrfach dieselbe Kleidung) so gut entworfen, dass allein ihr Anblick und leichte Veränderungen in ihrem Gesicht für wohligen Schauer sorgen. Ein TV-Spot, der zur Promotion von MAGIC lief, musste in den USA übrigens zurückgezogen werden, nachdem sich Eltern beschwerten, ihre Kinder würden es mit der Angst bekommen.

Ganz so schockierend ist MAGIC dann doch nicht, denn Richard Attenborough mag sich nicht so recht entscheiden, ob er einen Horrorfilm, einen Thriller oder ein psychologisches Drama erzählen will. Nach einem gelungenen Auftakt stellen sich mehrere Längen ein, die hauptsächlich mit der Liebesgeschichte zwischen Hopkins und Ann-Margret zu tun haben, und die Momente echten Horrors sind sehr überschaubar. Langweilig ist MAGIC nie, aber so richtig Spaß macht der Film aufgrund der schwermütigen Herbststimmung und des gemächlichen Tempos ebenfalls nicht. Als Schauspielerfilm funktioniert MAGIC am besten.

Die deutsche DVD-Fassung von MAGIC ist leider um ganze acht Minuten sowohl in den Gewaltszenen als auch in Dialogpassagen gekürzt, was das Vergnügen ziemlich schmälert.

07/10

Montag, 10. September 2012

Shame (2011)

Der attraktive Mittdreißiger Brandon (Michael Fassbender) verdient viel Geld, lebt allein in einem Designerapartment und hat unglaublich viel anonymen Sex. Seine längste Beziehung hielt vier Monate. Als seine schwierige Schwester Sissy (Carey Mulligan) plötzlich bei ihm hereinschneit, wird Brandons tägliche Routine durchbrochen und offenbart dessen tiefe Probleme hinter der aalglatten Fassade. Voneinander angezogen und abgestoßen taumeln die beiden auf eine Katastrophe zu...

SHAME (Shame) von Regisseur Steve McQueen sorgte aufgrund seines offenherzigen Umgangs mit Sex für Aufsehen bei den Filmfestspielen von Venedig, wo Hauptdarsteller Fassbender den Schauspielerpreis gewann. In Amerika wurde der Film mit einem NC-17-Rating belegt, dabei muss man feststellen, dass es weitaus kompromisslosere und drastischere Werke zum Thema gibt. Möglicherweise war man in den USA mehr entsetzt über die Tatsache, dass Fassbender mehrfach nackt über die Leinwand huscht, was offenbar immer noch ein Tabu zu sein scheint. Albern, aber wahr. Der Sex jedenfalls ist durchweg simuliert und nicht besonders anstößig. Die deutsche 16er-Freigabe ist völlig angemessen.

SHAME erhielt überwiegend positive Rezensionen, von einem Meisterwerk war oft die Rede, mich persönlich hat der Film leider nicht ganz überzeugt. Ja, die Kameraführung ist hervorragend, die Schauspieler sind exzellent, einige Szenen und Montagen haben eine durchaus verstörende Qualität, aber es gibt auch eine Menge Leerlauf und sehr viele Klischees, zu denen auch die viel zu lang gehaltenen Einstellungen und Plansequenzen zählen, die mittlerweile zum Standard im Arthouse-Kino geworden sind - so, als ob man immer etwas entdecken könne, wenn man nur lange genug draufhält (bestes Beispiel dafür ist Brandons Date mit einer Arbeitskollegin im Restaurant, das in Echtzeit abläuft und in nur einer Einstellung gehalten wird). Auch das Stilmittel, die Menschen stets an den äußeren Bildrand zu quetschen, um deren Distanz zu ihrer Umgebung und sie somit als isoliert zu kennzeichnen, ist ein gern genommenes. Die komplette Humorlosigkeit auch.

Um nicht missverstanden zu werden: SHAME ist weißgott kein schlechter Film, aber mir ist hier vieles zu offensichtlich. Das Apartment von Brandon ist teuer, aber leer (man erwartet jeden Moment, dass Kim Basinger mit Mickey Rourke im Schlepptau um die Ecke gekrabbelt kommt, um Geldscheine vom gelackten Fußboden aufzusammeln) - soll heißen, er führt ein 'leeres' Leben, verstanden, Häkchen drunter. Brandons Schwester trägt im Gegensatz zu Brandons Grau-in-Grau-Look ein knallig-buntes Outfit mit rotem Hut und Leopardenmantel - soll heißen, sie ist 'lebendig', durchgeknallt und wird Brandons sterile Umgebung durcheinanderbringen, verstanden. Sissy ist so problembeladen, dass sie die Worte "Inzest" und "Suizid" auch auf Plakaten mit sich herumtragen könnte. Brandon hat anonymen Sex, ist süchtig nach Internet-Pornos und denkt immer nur an das eine, soll heißen, er kompensiert seine Einsamkeit und Intimitätsprobleme mit oberflächlichen Reizen. Verstanden!

Und da sind wir schon beim Hauptpunkt. Was mich an SHAME am meisten stört, das ist die merkwürdig konservative Moral, in der anonymer Sex stets gleichbedeutend mit innerer Leere ist (das kennen wir aus hundert anderen Beispielen bis hin zu Romantic Comedies wie "Was der Herz begehrt", wo Jack Nicholsons Vorliebe für jüngere Frauen natürlich ein pathologisches Problem darstellt, das nur durch die Liebe einer reifen, sprich, zu ihm 'passenden' Frau gelöst werden kann).
Gegen Ende, wenn Brandons Leben sich schon im Auflösungsprozess befindet und er wie ein in die Enge getriebenes Tier nach jeder Art Sex geifert, um wieder ins Gleichgewicht zu finden, sucht er einen schwulen Darkroom (das letzte Refugium der Hedonisten?) auf, wo er seinen 'Fix' bekommt (soll heißen, er bekommt einen geblasen). Dieser Darkroom stammt übrigens direkt aus "Irreversible" (2002) und soll so etwas wie der Vorhof zur Hölle sein (archaisch anmutende, bärtige Männer in feuerrotem Dunkel). Man wundert sich, wie in einem doch so 'offenen' Arthouse-Werk plötzlich die Homophobie um die Ecke lugt (wieder à la "Irreversible"), und es offenbart sich doch eine erschreckend begrenzte Weltsicht. Der Besuch in einem echten Darkroom hätte vielleicht geholfen, dass die Szene nicht ganz so wertend und unrealistisch wirkt. Wie es scheint, kann man mit Sex immer noch Aufmerksamkeit erlangen, ohne dafür sehr viel Substanz mitliefern zu müssen.

Dass das alles gut gespielt und berückend fotografiert ist (insbesondere Brandons Streifzüge durchs nächtliche Manhattan und die U-Bahn-Sequenzen, die effektiv mit Hans Zimmers Musik aus "The Thin Red Line" unterlegt sind), täuscht nicht darüber hinweg, dass SHAME - zumindest für mich - ziemlich wenig zu sagen hat. Er beginnt hypnotisch und vielversprechend, lässt dann aber immer mehr nach - wobei die letzte Einstellung des Films dann wieder großartig geraten ist. Augen können so viel mehr sagen als Worte. Besonders, wenn sie Michael Fassbender gehören.

05/10

Samstag, 8. September 2012

Warum eigentlich... bringen wir den Chef nicht um? (1980)

Als Sekretärin hat man es nicht leicht. Andauernd wird man niedergemacht, nicht ernst genommen, befummelt oder bei Beförderungen übergangen. Das wollen sich die drei Damen Judy (Jane Fonda), Violet (Lily Tomlin) und Doralee (Dolly Parton) nicht mehr bieten lassen. Nachdem ein 'Unfall' mit Rattengift im Kaffee ihres sexistischen Vorgesetzten Mr. Hart (Dabney Coleman) fast zu dessen Ableben und Kündigung der Frauen führte, wird der Boss kurzerhand geknebelt und gefesselt in seinem schicken Anwesen zwischengelagert, während die Frauen den Konzern übernehmen. Und der läuft unter weiblicher Führung sehr viel besser...

Die amerikanische Filmkomödie mit dem wahnsinnig originellen (Ironie-Modus aus) deutschen Titel WARUM EIGENTLICH... BRINGEN WIR DEN CHEF NICHT UM?, der im Original schlicht und passend "9 to 5" heißt, war ein absoluter Mega-Hit, der vor allem Country- und Westernsängerin Dolly Parton mitsamt ihres Titelsongs den großen Hollywood-Durchbruch bescherte. Der Film traf mit seinen feministischen Ansätzen einen Nerv der Zeit und sprach besonders Frauen aus der Seele. Er ist heute noch überaus beliebt und ein moderner Klassiker des Genres, obwohl er objektiv gar nicht unbedingt sehr gut ist.

Der Erfolg hängt natürlich stark mit der Besetzung zusammen, und die ist in der Tat genial. Jane Fonda produzierte selbst und gab sich mit der untergeordeneten Rolle im Trio zufrieden, wobei sie eine Menge Spaß hat, sich als Mauerblümchen mit dicker Brille und unter absurden Hüten zu verstecken. Wenn man bedenkt, dass Fonda eine der Power-Frauen der 70er und Gallionsfigur der Emanzipation war, ist es schon sehr spaßig, sie in dieser Doris Day-Rolle zu sehen. Apropos Doris Day, ihr Kabinettstück im Film - ein Kampf gegen einen durchgedrehten Büro-Kopierer - ist original aus dem Day-Klassiker "Ein Hauch von Nerz" (1962) entliehen. Dafür darf Jane Fonda aber in einer Traumsequenz ein Großwildjägerinnen-Outfit anziehen und sieht darin spektakulär gut aus. Barbarella ist back.

Für die Komikerin Lily Tomlin war 9 TO 5 es erst der dritte Film, aber sie hält die Komödie zusammen, bekommt die witzigsten Gags und darf Leichen aus dem Krankenhaus entführen, Rattengift in Kaffee schütten und in der erwähnten Traumsequenz als bizarres Schneewittchen (komplett mit animierten Tierchen) den miesen Boss (schön schmierig gespielt von Dabney Coleman) per Chefsessel aus dem Fenster katapultieren. Tomlin besitzt genau den trockenen Humor, den der Film braucht, um nicht gänzlich in Albernheiten abzugleiten, und ihre Violet ist eine glaubwürdige, realistische Frauenfigur. Zu Dolly Parton muss man sagen, dass sie für ihre erste Filmrolle eine unglaubliche Leistung zeigt. Sie ist witzig, warmherzig, schräg und trotz absurdester Kostüme, die alle ihre Oberweite ausstellen, von der ersten Sekunde an liebenswert. Sie ist der heimliche Star des Films.

Was die Sozialkritik der Geschichte angeht, bleibt diese stets im Rahmen der Komödie harmlos, aber durchaus erkennbar. Viele Fonda-Fans zeigten sich enttäuscht, dass die Schauspielerin nach vielen anspruchsvollen Rollen in ambitionierten Filmen ihr gesellschaftskritisches Anliegen in so mainstreamige Unterhaltung verpackte, gleichzeitig konnte sie aber mit 9 TO 5 das Image der 'Problemfrau' ablegen und ein großes Publikum für sich begeistern, das sich vorher kaum in einen Fonda-Film gewagt hätte (man darf auch nicht vergessen, dass Fonda in den 70ern mit ihren Protesten gegen den Vietnamkrieg stark angefeindet wurde).
Die Rebellion der Frauen im Film beschränkt sich zwar darauf, Teilzeitarbeit in der Firma einzuführen, die Büroräume hübscher zu gestalten und eine Kindertagesstätte einzurichten, doch ist die Aussage, dass Menschen besser arbeiten, wenn sie gerne zur Arbeit gehen, ebenso richtig wie (erschreckend) aktuell. Dass die Damen aus der prekären Situation am Ende nur herausfinden, indem Sterling Hayden als Deus ex Machina auftaucht, um sämtliche aufgelaufenen Probleme auf einen Schlag zu lösen, das ist dann wieder ganz Hollywood.

9 TO 5 ist bei weitem kein Meisterwerk, aber er ist außerordentlich sympathisch und macht vom Vorspann an direkt gute Laune, wenn Dolly Partons Titelsong erklingt, der sich bis heute gut gehalten hat und direkt in Beine und Herz trifft. Das Erfolgsrezept des Films wurde mehrfach kopiert und findet sich in Werken von "Die Waffen der Frauen" (1986) bis zum "Club der Teufelinnen" (1996) wieder. Auch wenn nicht alle Gags zünden, stimmt hier einfach die Chemie zwischen den Schauspielerinnen.
Warum 9 TO 5 hierzulande eher wenig bekannt ist, bleibt unklar, bis heute wartet man vergeblich auf eine DVD-Veröffentlichung. In den USA gibt es dafür gleich mehrere Versionen, unter anderem eine wunderbare Special Edition (Die "Sexist, Egotistical, Lying Hypocritical Bigot"-Edition) mit massig Outtakes, Deleted Scenes, Dokus und einem Audiokommentar der Stars. So geht das.

08/10
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