Donnerstag, 29. November 2012

Henry - Portrait of a Serial Killer (1986)

Henry (Michael Rooker) ist ein gar nicht so übler Typ. Er kann zuhören, er beschützt Becky (Tracy Arnold), die Schwester seines Freundes Otis (Tom Towles), vor dessen Übergriffen und macht Kellnerinnen  Komplimente über ihr Lächeln. Man könnte Henry fast gern haben, wenn er nicht daneben noch ein brutaler Serienkiller wäre, der wahllos Frauen, Männer und ganze Familien abschlachtet. Henry und Otis, die eine kriminelle Vergangenheit verbindet, ziehen bald gemeinsam zum Töten los und nehmen sogar ihre Untaten auf Video auf, um sie sich zu Hause in gemütlicher Atmosphäre anzuschauen. Henry, Otis und Becky bilden eine bizarre Wohngemeinschaft, und Becky entwickelt zarte Gefühle für Henry, von dessen Morden sie nichts ahnt...

HENRY - PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (Henry - Portrait of a Serial Killer) ist das sensationelle Filmdebüt von John MacNaughton, das mit nur knapp 100.000 Dollar entstand und auf Festivals für Furore sorgte. MacNaughton orientiert sich in seinem Werk, das genremäßig irgendwo zwischen Biopic, Psychodrama und Splatter-Horror angesiedelt ist, an der wahren Geschichte des Serienkillers Henry Lee Lucas. Er benutzt Fragmente aus dessen Leben (wie den Mord an der eigenen Mutter, die ihn misshandelte) aber nur als Hintergrund für eine ganz eigene Geschichte beinahe alltäglicher Gewalt. Seine Kamera ist dokumentarisch, der Blick unverstellt, nüchtern und sachlich - deshalb ist die Sequenz, in der Henry und Otis ins heile Heim einer Familie einbrechen und sämtliche Familienmitglieder quälen und töten, auch so unerträglich. Denn nicht wie in Kubricks "Uhrwerk Orange" (1971) wird die Tat durch Inszenierung und Ausstattung dermaßen over the Top stilisiert (kein 'Singing in the Rain' hier), dass man die tatsächliche Gewalt hinter der Satire nur noch erahnen kann, sondern sie wird dem Zuschauer als das präsentiert, was sie ist - dreckig, widerlich, abstoßend, banal und würdelos.

Dass HENRY ausgerechnet so viele Schwierigkeiten mit der Zensur hatte (in den USA vergingen drei Jahre, bevor der Film in den Kinos gezeigt werden durfte, was zum Teil auch auf die Produzenten zurückging, die mit dem Film nicht zufrieden waren), zeigt das Unverständnis der Filmprüfer bei Fragen der Gewaltdarstellung. Ist sie realistisch und abstoßend, bekommt der Filmemacher Probleme. Mäht ein Action-Held massenweise Extras mit dem Maschinengewehr nieder, geht das in Ordnung. Ebenso wie Sex muss die Gewalt im amerikanischen Kino konsumierbar sein, beides darf nicht in einem realistischen Kontext gezeigt werden. Inwieweit HENRY realistisch ist, vermag ich nicht zu sagen, dazu kenne ich zu wenig Serienkiller und habe auch keine Berührungspunkte mit dem Milieu, das hier gezeigt wird. Aber MacNaughton vermittelt ein gnadenloses Gefühl von Realität. Für Henry ist das Morden so normal wie Nahrungsaufnahme oder der Toilettengang, es gehört zu seinem Leben einfach dazu. Identifizieren kann und soll man sich nicht mit ihm.
Man ist versucht zu sagen, MacNaughton zeigt, ohne zu werten, aber das stimmt nicht ganz, denn er hat einen unübersehbaren Spaß am Tabubruch und legt viel Wert darauf, dass HENRY kein ganz schlechter Kerl ist. Zwischen den Zeilen gibt es in HENRY so viel schwarzen Humor, dass man sich fragen muss, ob er vielleicht als böse Komödie gedacht ist. Dafür spräche besonders der Schlussteil, in dem die Gewaltschraube so heftig überdreht wird, dass sie doch schon wieder zum Cartoon wird. Die makabere Schlusspointe wollen wir auch nicht vergessen. Und die Figur des Otis könnte genau so gut aus einer Sitcom stammen. Das sind die Momente, in denen HENRY dann doch wieder Unterhaltungskino ist.

Michael Rooker zeigt hier eine fantastische Darstellung und hat sich gleich mehrere Eintrittskarten für Hollywood gesichert, wo er seit HENRY in den unterschiedlichsten Rollen zu sehen ist - wenngleich selten in sympathischen Hauptrollen. Er spielt den Massenmörder Henry mit viel Understatement, greift nie auf Klischees zurück, wird selten laut, ist nie das 'Monster', sondern immer der Mann von schlichtem Gemüt, der natürlich auch ein Herz hat, aber ebenso erbarmungslos zuschlagen kann. Ein tumber großer Bruder, den man holt, wenn man Schläge angedroht bekommt. Es ist Michael Rooker, der HENRY so sehenswert macht.

HENRY ist möglicherweise nicht das Meisterwerk, als das er vielfach bejubelt wird. Er ist radikal und ernüchternd (er kann einem perfekt den Abend versauen), und er bleibt lange im Gedächtnis, wenn man ihn einmal verdaut hat. Er will den Täter und seine Taten aber auch nicht wirklich beleuchten oder etwas über den Zustand unserer Gesellschaft sagen, die Menschen wie Henry hervorbringt. Er ist insofern nicht wesentlich anders als der trashige und unterschätzte "Maniac" (1980).
Da sich sowohl Handlung als auch Charaktere kaum entwickeln, bleibt der Film durchweg auf einer Tonart, bietet keine Steigerung des Schreckens. Die Anfangspassagen sind - gerade durch die Aussparung der Gewaltakte (wir sehen lediglich die Opfer nach der Tat, während auf dem Soundtrack ihr zurückliegender Todeskampf zu hören ist) - so stark und eindringlich, dass HENRY kaum noch etwas nachzulegen hat. Die späteren Blutexzesse kommen nie an den suggestiven Beginn heran. Dem österreichischen Beitrag "Angst" (1983) gelingt es aus meiner Sicht besser, direkt hineinzublicken in die Seele des Killers und das Grauen zu spüren, das von dieser menschlichen Bestie ausgeht. Der schaut nicht nur drauf, sondern ist so hautnah dabei, dass man schreien möchte.

Nichtsdestotrotz ist HENRY ein hervorragender und wichtiger Film, gerade für das amerikanische Kino, in dem allzu oft Gewalt zum Spaß wird. Dagegen ist auch grundsätzlich nichts zu sagen, und ich wäre kein Horror-Fan, wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Aber ab und zu sollte man sich daran erinnern, wie und was echte Gewalt wirklich ist, und welche Nachwirkungen sie hat. HENRY hilft uns, das nicht zu vergessen.

08/10

Mittwoch, 28. November 2012

One Hour Photo (2002)

In ONE HOUR PHOTO (One Hour Photo) arbeitet Robin Williams in einem Einkaufszentrum als Techniker eines Fotolabors. Der einsame Angestellte nimmt auf seine Weise Teil am Leben der vielen Fremden, die ihm ihre privatesten Momente offenbaren, wenn sie ihre Filme zur Entwicklung geben. Die junge Familie der attraktiven Connie Nielsen ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Er träumt davon, der gute Onkel zu sein, der zu Hause von seiner Verwandtschaft begrüßt wird, stattdessen lebt er ein vollkommen isoliertes Leben. Mit anderen Worten: er ist ein Soziopath, eine tickende Zeitbombe, die kurz vor der Explosion steht. Als er sich ungefragt in das Privatleben von Nielsen und ihrem Mann einmischt und seinen Job verliert, schlägt seine freundliche Zurückhaltung in Aggressivität um...

ONE HOUR PHOTO wird in einschlägigen Filmlexika als Psycho-Thriller bezeichnet, aber wer den Film mit solchen Erwartungen sieht, wird zwangsläufig enttäuscht werden. ONE HOUR PHOTO ist das differenzierte Psychogramm eines Einzelgängers. Regisseur Mark Romanek ist nach eigenen Aussagen ein Fan des 70er-Kinos über einsame, verlorene Großstädter, denen der letzte Rest Boden unter den Füßen weggezogen wird, à la "Taxi Driver" (1976), und das merkt man seinem Film an. Als Foto-Techniker lebt Williams in einer komplett künstlichen Welt aus gesichtlosen Shopping Malls, genormten Einfamilienhäuserrn und sterilen Apartments. Alles, wonach er sich sehnt, ist ein bisschen Zuneigung, aber die wird ihm von niemandem entgegengebracht. Seine zaghaften Versuche, Kontakt zu den Mitmenschen zu finden, enden stets in Enttäuschung, zumal er durch sein gehemmtes Auftreten bei seiner Umwelt für Unbehagen sorgt - und das zu Recht, denn seine Probleme sind schwerwiegender als er selber ahnt.

Robin Williams spielt diesen Außenseiter mit ungewohnter Zurückhaltung, die man nicht von ihm gewohnt ist, und die deswegen umso effektiver wirkt. Lediglich gegen Ende droht sein Spiel ins Overacting abzugleiten, aber da auch sein Charakter mehr und mehr die Fassung verliert, ist das im Sinne des Drehbuchs gerechtfertigt. Man wird allerdings den Gedanken nie los, ob ONE HOUR PHOTO nicht noch stärker wäre, wenn ein unbekannter Schauspieler die Rolle übernommen hätte (weil die Art, wie Williams hier gegen sein Image anspielt, sehr viel Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, die eigentlich seiner Figur gelten müsste). So ist es eben nicht der unscheinbare Jedermann, der da ins Privatleben Fremder eindringt, sondern immer der verkleidete Hollywood-Star, der von Maske und Makeup zudem noch groteske Züge erhält. Da Williams aber eine makellose Leistung zeigt, soll uns das nicht weiter beschäftigen.

ONE HOUR PHOTO ist ganz auf seinen Star zugeschnitten. Die anderen Schauspieler stellen sich in die zweite Reihe und funktionieren, bleiben aber Staffage. Für das Innenleben seines Protagonisten findet Regisseur Romanek wunderbare, ruhige und unvergessliche Bilder, wie die Foto-Wand in Willams' Apartment, auf der sich ein ganzes Leben abspielt (nämlich das von Nielsens Familie), während er selbst nur gelähmt davorsitzen kann und sich in seinem eigenen Universum nichts bewegt. Der Film verzichtet dankenswerterweise auf jede Art von Küchenpsychologie und wird zudem großartig unterstützt von einem minimalistischen, unter die Haut gehenden Score von Reinhold Heil und Jonny Klimek ("Lola rennt", 1998).

Mark Romanek durfte seinen Film übrigens nicht wie geplant umsetzen, weil das Studio drastische Änderungen verlangte, um ihn kommerzieller zu machen. So wurde er stark gekürzt, einige von Williams' Monologen fielen der Schere zum Opfer, und die Reihenfolge der Szenen wurde getauscht. Die Rahmenhandlung, in der Williams bei der Polizei sitzt und wir seine Geschichte als große Rückblende erfahren, bräuchte ich überhaupt nicht. Das ist aber nur eine kleine Meckerei über einen Film, der in so vielen Bereichen fesseln und auf angenehme Weise beunruhigen kann.

8.5/10

Dienstag, 27. November 2012

Shopping (1986)

Die neueste Errungenschaft einer Einkaufspassage sind drei Wach-Roboter, die zum Schutz vor Ladendieben und anderem Gesindel eingesetzt werden und keinen Spaß verstehen. Was aber, wenn diese Roboter einen Kurzschluss haben und harmlosen Angestellten nachjagen, die sich nach Feierabend in der Mall mit ein bisschen Musik und Sex vergnügen wollen? Dann haben wir einen typischen Film aus der Roger Corman-Schmiede: kurz, knackig, blutig und trashig.

SHOPPING (der im Original den schönen Titel "Chopping Mall" trägt und kurzzeitig auch "Killbots" hieß) wurde von Cormans Ehefrau Julie produziert und bietet ein Szenario, bei dem sich Regisseur Jim Wynorski über diverse Vorbilder lustig machen kann (selbstverständlich nicht allzu intelligent), allen voran den "Terminator" (1984), der Pate für die Killer-Roboter stand. Der letzte zur Strecke gebrachte Roboter schießt allerdings nicht noch einmal aus den Flammen hervor, um nach dem Final Girl zu grapschen. Man wundert sich.

Daneben wird auch George Romero kräftig zitiert, wenn die Eingeschlossenen sich mal eben im Waffenladen bedienen und herumballern als gäb's kein Morgen. Ebenso selbstverständlich ist bei einer Corman-Produktion, dass sich keinerlei Anspruch in den Film verirrt, dafür aber einige Längen zu verzeichnen sind, die hauptsächlich mit den Teenager-Charakteren zu tun haben, welche lediglich als Kanonenfutter herhalten müssen. Als solches geben sie aber gute Zielscheiben ab und werden von den Killbots mit ordentlich Schmackes ins Jenseits befördert. Im wohl besten Moment wird einer kreischenden Nebendarstellerin von den Mordmaschinen im wahrsten Sinne der Kopf weggepustet, und die spannendste Sequenz schildert, wie sich das Final Girl in einer Zoohandlung versteckt, während ganze Armeen von Spinnen und Schlangen über sie drüberkriechen.

SHOPPING ist ganz auf die jugendliche Zielgruppe zugeschnitten, was bedeutet, dass auch ein paar nackte Brüste und durchtrainierte Torsos am Start sind. Zu spielen gibt es für das Ensemble nicht viel, und das ist auch besser so. Sie müssen hübsch aussehen, viel rennen, kreischen und durch Scheiben springen. Unter den Darstellern finden sich übrigens so illustre Genre-Bekannte wie Dick Miller (als Hausmeister Walter Paisley, der von den Robotern unter Strom gesetzt wird), Paul Bartel, Mary Woronov und Barbara Crampton ("Re-Animator", 1985).

Für eine Billigproduktion kann SHOPPING mit ganz ordentlichen Production Values aufwarten. Die Special Effects sind überzeugend, das Roboter-Design sieht besser aus als es müsste, und das Setting bietet genügend Abwechslung für unterhaltsame 80 Minuten.Wer nicht zuviel erwartet, kann sich hier recht kurzweilig amüsieren oder zumindest über die absurden 80er-Frisuren und den schlimmen Synthie-Soundtrack ablachen.

06/10

Sonntag, 25. November 2012

Ausflug in das Grauen (1981)

Der schlechteste Slasher aller Zeiten?
Auf jeden Fall ist er nah dran. Am besten kann man diesen Beitrag so beschreiben: Hätte Edward Wood jr. in den 80ern noch gelebt und Slasherfilme gedreht, würden sie so aussehen wie AUSFLUG IN DAS GRAUEN (Don't Go in the Woods...Alone!). 
Die Zensurbehörden in Deutschland und Großbritannien haben in den 80ern jedenfalls ganze Arbeit geleistet, als sie den Film auf die schwarze Liste setzten und aus dem Verkehr zogen. Hierzulande ist AUSFLUG IN DAS GRAUEN bis heute wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt. Das ist der einzige Grund, warum sich ein kleiner Fankreis gefunden hat und wir überhaupt noch ein Wort über ihn verlieren. Andernfalls wäre er in der Versenkung verschwunden, wo er hingehört, und niemand würde sich an diesen amateurhaften Quark erinnern.

AUSFLUG IN DAS GRAUEN entstand auf dem Höhepunkt der Slasher-Welle Anfang der 80er, als es scheinbar reichte, ein paar Laiendarsteller in die Wälder zu schicken und dort von einem Irren abmurksen zu lassen. Irgendwo in den Bergen und Wäldern Utahs geht also ein primitiver Massenmörder im Fellrock um, der Wanderer, Landschaftsmaler, Picknicker und Camper abschlachtet. Und da hat er alle Pranken voll zu tun, denn in dieser Bergregion geht es zu wie auf einem Bahnhof zur Weihnachtszeit (oder für Berliner: wie an jedem beliebigen Wochentag auf dem S-Bahnsteig).

AUSFLUG IN DAS GRAUEN wurde von James Bryan als Independent-Produktion zusammengeschustert und erfüllt gerade einmal die minimalsten Anforderungen an einen Spielfilm - soll heißen, er dauert ca. 90 Minuten. Ansonsten wird man als Zuschauer mit grässlicher Musikuntermalung berieselt, Charaktere werden nicht entwickelt, sondern tauchen unvermittelt auf und werden in regelmäßigen Abständen blutig ermordet, wobei die Spezialeffekte so preiswert sind, dass sie eher lächerlich wirken. Die Montage ist gelegentlich so schlecht, dass ein Bild nicht zum anderen passt, und es wechseln sich Tag und Nacht innerhalb ein- und derselben Szene fröhlich ab.
Dass die Prüfstellen Schaum vorm Mund bekamen, liegt vermutlich nicht an den Splatter-Effekten, die kein Kleinkind um den Schlaf bringen, sondern am vorherrschenden Zynismus, der vielleicht nicht einmal beabsichtigt war, sondern eher der allgemeinen Inkompetenz entsprang. Da wird z.B. ein Rollstuhlfahrer, der sich - warum auch immer - in die Berge verirrt hat und von 'lustiger' Musik begleitet wird (weil Menschen mit Körperbehinderungen immer für einen Lacher gut sind?) im Vorbeirollen enthauptet, und eine junge Mutter segnet blutig das Zeitliche, während ihr Baby zuschaut. Am Ende stürzen sich dann die letzten Überlebenden auf den Killer und hauen und stechen so lange auf ihn ein, bis er selbst nur noch ein Häufchen Matsch ist. Ob damit ein Kommentar abgegeben werden soll über eine Gewaltbereitschaft oder Urinstinkte, die außerhalb der Zivilisation und unter Extrembedingungen ausbrechen, das wage ich zu bezweifeln, aber Selbstjustiz war noch nie gern gesehen bei den Damen und Herren Filmprüfern.

Als eine Wanderin auf der Flucht vor dem Killer ausgerechnet in dessen zusammengezimmerter Behausung im Wald Schutz sucht, wird sie in der Enge eines Raums dahingemetzelt,  während ein sonnendurchflutetes Fenster ein mögliches Entkommen suggeriert. Das ist die einzige Szene des Films, in der so etwas wie künstlerische Inspiration durchschimmert. Sie ist unangenehm anzuschauen - nicht wegen der Gewalt, sondern wegen der Aussichtslosigkeit und des klaustrophobischen Settings.

Stephen Thrower, Autor des Standardwerks über das amerikanische Independent-Kino, "Nightmare USA",  bejubelt AUSFLUG IN DAS GRAUEN, weil der Film radikal auf rudimentärste Plot-Elemente verzichtet und dem Publikum das gibt, was es offenbar verlangt - eine fortwährende Aneinanderreihung blutiger Morde. Diese Argumentation hat etwas für sich, und man kann den Film tatsächlich subversiver und ehrlicher finden als die klapprigen Handlungsgerüste 'seröserer' Slasher, die zwischen den Mordszenen nur so tun, als hätten sie etwas zu erzählen. Man kann AUSFLUG IN DAS GRAUEN aber auch schlicht zu Trash erklären, der leider nicht einmal in die 'so schlecht, dass er schon wieder gut ist'-Schublade passen will. Er gleicht eher einer Jahrmarkts-Freakshow und ist als solche ein Guilty Pleasure. Man sieht ungläubig zu und staunt, mit wie wenig Mitteln und Verstand ein Film entstehen konnte.
Dass heute noch Special Editions von AUSFLUG IN DAS GRAUEN auf den Markt kommen, dafür sind ironischerweise ausgerechnet die verantwortlich, die ihn gern komplett beseitigt hätten. Insofern gebührt James Bryan ein Sonderapplaus. Wer zuletzt lacht, lacht immer am besten.

03/10

Donnerstag, 22. November 2012

Vor Morgengrauen (1981)

VOR MORGENGRAUEN (Just Before Dawn) kam während der Slasher-Welle Anfang der 80er in die Kinos und ging dort eher sang- und klanglos unter. Auch auf Video wurde er kein Hit, hat sich aber nach und nach einen Kultstatus unter Fans erarbeitet und gilt mittlerweile wegen seiner Abweichungen vom Schema F als einer der interessanteren Beiträge eines Genres, das nicht gerade für Originalität bekannt war.

Der Inhalt hört sich dabei wenig innovativ an: Fünf junge Leute machen eine Tour durch die Wälder Tennessees. Dort aber gehen zwei degenerierte Hinterwäldler um, die jeden Eindringling um die Ecke bringen und auch die Gruppe nach und nach dezimieren. Auf sich allein gestellt, müssen die letzten beiden Ausflügler um ihr Leben kämpfen...

Das klare Vorbild von VOR MORGENGRAUEN ist weniger John Carpenter als vielmehr John Boormans "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972), dem er in Handlungs- und Figurenführung folgt. Auch hier wird mit Gregg Henry ein scheinbar zäher Überlebenskünstler eingeführt, der sich als nutzlos in Gefahrensituationen erweist, während seine scheue, unauffällige Partnerin Deborah Benson über sich hinauswachsen und am Ende die Killer allein bezwingen muss - ganz genau, wie es die von Burt Reynolds und Jon Voight gespielten Charaktere in Boormans Film vorgemacht haben. VOR MORGENGRAUEN trug den Arbeitstitel "The Tennessee Mountain Murders", was die Nähe zu einem weiteren bekannten Kultfilm andeutet. Für die Mordlust der Hinterwäldler gibt es keine Erklärung. Sie repräsentieren das grausame Gesetz der Natur, dem sich die Zivilisierten unterordnen müssen. Deshalb muss Deborah Benson im Finale auf nackte Gewalt und Urinstinkte zurückgreifen, wenn sie den letzten Killer zur Strecke bringt und ihm - eine Szene, die wir so noch nie gesehen haben und auch nie wieder sehen werden - ihre Faust bis zum Unterarm in die Kehle rammt und ihn langsam erstickt.

Das klingt brutal, aber VOR MORGENGRAUEN hält sich mit Splatter sehr zurück und setzt stattdessen auf Atmosphäre und Suspense. Dafür sorgen nicht nur die stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen, sondern auch die eigenwillige Musik von Brad Fidel. Bereits in der Anfangssequenz verlässt der Film wohltuend die Slasher-Schablone, in dem nicht ein kreischender Teenager ermordet wird, sondern ein erwachsener Mann, und das auf sehr unangenehme, eindeutig sexuelle Weise. Auch später gibt es immer wieder Brüche in der Formel, und mehrere Szenen bleiben im Gedächtnis - wie die, in der eine nackte Ausflüglerin im Wasserfall badet und sich von ihrem herumalbernden Lover befummelt glaubt - bis sie diesen am anderen Ufer entdeckt und merkt, dass es wohl nicht seine Hände sind, die da unter Wasser nach ihr grapschen. Schön ist auch der Moment, in dem eine weitere Protagonistin sich in einer Kirche verschanzt und durchs Fenster den vermeintlichen Mörder draußen beobachtet, bis der zweite Mörder - von dem wir bis dahin alle nichts wussten - hinter ihr auftaucht. Ebenso gelungen ist das Spiel mit einem wichtigen Requisit - einer Notfall-Pfeife, die früh (unschuldig) eingeführt wird und konsequent bis zum Ende an Bedeutung gewinnt. Das Pfeifen wird auch im experimentellen Soundtrack wieder aufgegriffen. Das sind alles gute Ideen, die eine Sorgfalt zeigen, welche andere Beiträge des Genres vermissen lassen.

Die Besetzung spielt nicht weltbewegend, aber solide. Neben Chris Lemmon (Sohn von Jack) und dem aus Brian de Palmas Werken bekannten Gregg Henry ist George Kennedy das bekannteste Gesicht. Er spielt den Park Ranger, der mit seinen Topfpflanzen spricht, ist aber für den Handlungsverlauf nicht weiter wichtig. Regisseur Jeff Lieberman ist zuvor bereits mit dem Wurm-Horror "Squirm" (1975) und dem Kultfilm "Blue Sunshine" (1978) positiv aufgefallen und zeigt auch in VOR MORGENGRAUEN, dass er scheinbar ausgelutschten Geschichten noch ein paar bizarre neue Seiten abgewinnen kann.
Das alles ergibt natürlich kein überragendes Filmerlebnis, und zwischen den guten Einfällen hängt VOR MORGENGRAUEN auch mehrfach durch (was auch an den uninteressanten Charakteren liegt), aber was das Backwoods-Subgenre angeht, gibt es wesentlich schwächere Werke. Jeff Lieberman hält VOR MORGENGRAUEN übrigens für seinen besten Film (ich würde da "Blue Sunshine" bevorzugen). Leider hat er als Regisseur danach nichts Sehenswertes mehr zustande gebracht.

07/10

Dienstag, 20. November 2012

Starkstrom (1982)

Der kanadische Horror-Thriller STARKSTROM (Murder by Phone / Bells) ist offensichtlich stark von David Cronenbergs "Scanners" (1981) beeinflusst, der im Jahr zuvor die Kinokassen zum Klingeln und auf der Leinwand Körper und Köpfe zum Explodieren brachte. In diesem Nachfolger geht es um einen gemeingefährlichen Irren, der aus Rachsucht Menschen - Sie ahnen es - per Telefon umbringt. Der bärtige Richard Chamberlain geht den Morden auf den Grund und findet dabei noch eine attraktive Partnerin (Sarah Botsford), die er schließlich vor dem Wahnsinnigen retten muss.

STARKSTROM beginnt spektakulär in einer U-Bahn-Station, wo eine junge Frau ans öffentliche Telefon geht und von dem Verrückten unter Starkstrom gesetzt wird, bis sie aus allen Körperöffnungen blutet und mit lautem Knall über den gesamten Bahnsteig bis zur Rolltreppe geschleudert wird. Wenn das mal kein Paukenschlag ist, dann weiß ich es auch nicht.
Leider sind die Mordszenen überhaupt das einzig Sehenswerte an STARKSTROM. Sie sind in schöner Regelmäßigkeit über den Film verteilt und laufen zwar grundsätzlich alle nach dem gleichen Prinzip ab (die Opfer fangen an zu vibrieren, dann bluten sie, und schließlich landen sie mit großem Peng! samt Funkenflug am anderen Ende des Zimmers, gerne in Glasvitrinen oder Küchenschränken), können aber jedesmal wieder begeistern und sind mit Schmackes inszeniert und geschnitten. Dazwischen herrscht dann gähnende Langeweile, weil der Thriller viel zu langsam dahinkriecht. Schade, weil Richard Chamberlain wie immer gut spielt. Seine Recherchen aber sind entsetzlich öde, die Liebesgeschichte interessiert keine Sau, und da es sich hier um eine kanadische Produktion handelt, sind die Sets unattraktiv grau in grau und lassen die bizarre Fantasie eines Cronenberg vermissen, der die Tristesse in verstörenden Bildern einzufangen wusste. Der Mann im Regiestuhl heißt hier aber Michael Anderson, und der hat einige Kultfilme wie "Flucht ins 23. Jahrhundert" (1976) oder "Orca, der Killerwal" (1977) gedreht, ein wirklich guter Film aber ist ihm - jedenfalls nach meinem Geschmack - nie gelungen. Obwohl, doch, halt, der Hitchcock'sche "Flüsternde Schatten" von 1958 ist sehr schön geworden ("Das Quiller-Memorandum" von 1966 ist auch nicht so schlecht).

Viel mehr gibt es auch schon nicht zu sagen - außer, dass John Barry einen klasse Score für STARKSTROM komponiert hat, der wenigstens ein bisschen Atmosphäre bringt, und dass Schauspiel-Veteran John Houseman mit seinen 70 Jahren ebenfalls per Telefon blutig um die Ecke gebracht wird.
Gegen Ende gibt es eine einigermaßen spannende Sequenz, in welcher der anonyme Terror-Anrufer zurückverfolgt werden soll (mit hübschen Aufnahmen von klappernden Relais und durchs Innere von Telefonleitungen), und dessen Ableben ist ebenfalls hübsch saftig (der Starkstrom wird zu ihm zurückgeleitet, wobei ihm die Augen aus dem Kopf ploppen). Zuvor bemüht sich STARKSTROM um ein bisschen Suspense, wenn sowohl der Killer als auch Chamberlain gleichzeitig versuchen, die Hauptdarstellerin telefonisch zu erreichen und man als Zuschauer nicht weiß, welcher von beiden sie da anklingelt. 

Der Film endet allerdings mit einer der blödesten Einstellungen, die ich je gesehen habe. Ein grinsender Chamberlain hält ein Telefon hoch, das Bild wird eingefroren, dann hört man das ominöse Grummeln, das zuvor stets einen Mord ankündigte, und bumms, da kommt der Abspann über Fotos von Telefonen. Äh, wie bitte? Lebt der unheimliche Serien-Anrufer jetzt weiter? Oder will Michael Anderson nur dem Klischee folgen, dass der Böse in Horrorfilmen am Ende immer noch mal aufmuckt? Man weiß es nicht. Will man auch gar nicht wissen. Hauptsache, es ist vorbei.

4.5/10

Montag, 19. November 2012

The Drifter (1988)

Nachdem Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre" (1987) Michael Douglas' Kaninchen in den Kochtopf steckte und der Thriller zum Welterfolg und Tagesgespräch wurde, mussten andere Produzenten nachziehen. Alsbald wurde der außereheliche One Night Stand im Kino als Schreckensereignis auserkoren, das stets schicksalhafte Folgen nach sich zog. Die Formel wurde dabei kaum variiert. In THE DRIFTER (The Drifter) wechseln lediglich die Geschlechterrollen. Soll niemand behaupten, dass Hollywood nicht originell sein kann!

Die schöne Kim Delaney hat hier alles, was frau sich wünscht, bzw. sich wünschen soll - einen erfolgreichen Beruf als Modedesignerin, einen attraktiven Freund, eine beste Freundin und ein eigenes Apartment. Dass sie eine Vorliebe für Psychopathen hat, zeigt die Besetzung ihres Freundes mit Timothy Bottoms, dem irren Massenmörder aus "Achterbahn" (1977). Da Delaney keine ganz feste Bindung eingehen und auf eigenen Füßen stehen möchte, muss der Film sie nun umgehend dafür bestrafen. Also nimmt sie einen mysteriösen Anhalter (Miles O'Keefe) mit, verbringt eine heiße Nacht mit ihm in einem Motel und verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen. Der Anhalter gibt aber nicht so schnell auf und stellt ihr nach. Bald schon ist die beste Freundin tot, und Delaney muss sich der Tatsache stellen, dass ihr Aufriss ein Psychopath ist - oder etwa doch nicht?

Man muss es THE DRIFTER lassen, dass er zumindest im letzten Akt durch einige wenige überraschende Wendungen versucht, das bekannte Schema zu verlassen. Das macht die Sache aber nicht viel besser. Dem Vorbild "verhängnisvolle Affäre" wurde gemeinhin Frauenfeindlichkeit unterstellt, weil er die arbeitende Single-Frau als Höllenmonster zeichnete. THE DRIFTER bemüht sich, die arbeitende Singlefrau als Opfer männlicher Kontrollsucht darzustellen, nur geht der Schuss nach hinten los, weil wir dadurch eine passive Heldin haben, die sich nicht nur nie selbst zu helfen weiß und sich ahnungslos in tödliche Gefahren begibt, sondern die sich auch noch am Ende (Vorsicht, Spoiler! - Wenn Sie vorhaben, den Film noch zu sehen - auch wenn ich nicht wüsste, warum - bitte nicht weiterlesen) ausgerechnet dem Kerl an den Hals schmeißt, vor dem sie die ganze Zeit Todesangst hatte, und das nur, weil er sich plötzlich als Beschützter aufspielt. Merke: Frauen können sich ja gerne beruflich verwirklichen und - wenn's sein muss - auch wählen dürfen, aber wenn es ums körperliche Wohl geht, muss ein Mann her, am besten einer mit Muckis und ordentlich was in der Hose.
Die Botschaft an die Männer ist auch nicht besser: Wenn Frauen 'Nein' sagen, meinen sie eigentlich: 'Stell' mir ruhig so lange nach, ruf an und belästige mich, bis ich meine Meinung vielleicht ändere'. Dann mal los.  

Diesen modernen Neandertaler spielt Miles O'Keefe mit der ihm eigenen Ausdruckslosigkeit, die er schon als "Tarzan, Herr des Urwalds" (1981) unter Beweis stellte. Er sieht aus wie das Fleisch gewordene Cover eines Barbara Cartland-Romans, trägt eine Wallemähne, fährt Motorrad und kennt sich beim Sex aus, hat aber Null Persönlichkeit. Ist es das, was Frauen wollen, oder will uns der Film das nur weismachen? Kim Delaney, die nicht zu den schlechtesten Schauspielerinnen gehört, hat sicher etwas Besseres verdient als diesen Macho aus dem Quelle-Katalog. Durch O'Keefe bekommt der Film aber immerhin einen gewissen Trash-Charme, auch wenn er sich dafür nicht viel kaufen kann.

Was den Thriller angeht, der ist nur streckenweise interessant oder spannend, er plätschert die meiste Zeit ganz unterhaltsam vor sich hin. THE DRIFTER ist eine Billig-Produktion, die auf einen erfolgreichen Zug aufspringen möchte, bleibt aber durchweg bieder und mag nicht einmal mit freizügiger Erotik schockieren. Das Mikro hängt gelegentlich im Bild, und die Ausstattung ist so minimal, dass man nicht einmal das Apartment unserer Hauptdarstellerin glaubt, weil es aussieht, als hätte man schnell ein paar Bretter zusammengetackert. THE DRIFTER erschien bei uns nur auf Video und ist bislang nicht als DVD erhältlich. Muss auch nicht sein, solange Meisterwerke wie "Die Wendeltreppe" (1945) noch nicht erhältlich sind.

03/10

Samstag, 17. November 2012

Ameisen! (1977)

Ich erinnere mich noch gern zurück an die frühen 80er, als die ARD eine Katastrophenfilm-Reihe zeigte, in der neben bekannten Klassikern wie "Erdbeben" (1975) auch weniger bekannte Titel liefen, so auch der amerikanische TV-Film AMEISEN (Ants! / It Happened at Lakewood Manor), der bei mir heftiges Kribbeln auslöste (er lief übrigens unter dem Titel "Hotel des Todes"). Ich weiß, der Film ist nicht gut, aber als ich ihn jüngst wieder sah, überfiel mich tatsächlich erneut dieses unangenehme Gefühl. Wer mag es schon, wenn tausende Ameisen über die nackte Haut krabbeln - außer ein paar S/M-Anhängern, womöglich.

AMEISEN (der auf Video den schönen Untertitel "Die Rache der schwarzen Königin" trägt, welche aber im Film überhaupt nicht vorkommt) erzählt von einem Hotel am See, das von der im Rollstuhl sitzenden Myrna Loy geführt wird. Die soll das Hotel an einen schmierigen Geschäftsmann verkaufen, dessen schöne Assistentin von Suzanne Somers gespielt wird. Somers dürfte einigen Nostalgikern noch als Chrissy aus der Sitcom  "Herzbube mit zwei Damen" (Three's Company) in Erinnerung sein. Neben dem Hotel wird gerade gebaut, und die Baggerarbeiten setzen Millionen von Ameisen frei, deren Bisse aufgrund chemischer Abfälle tödlich sind. Bald schon wird das Hotel von den Krabblern belagert...

AMEISEN gehört zum damals beliebten Genre des Tierhorrors, hält sich aber vom Ablauf her dicht an das Szenario einschlägiger Katastrophenfilme, insbesondere "Flammendes Inferno" (1974). Hier wie dort bahnt sich das Grauen langsam an, bis dann die letzten Eingeschlossenen, die sich im obersten Stockwerk verschanzt haben, mit waghalsigen Rettungsaktionen daraus befreit werden müssen. Diese Aktionen gehen mal gut, mal schief, sorgen aber für einige Abwechslung. Natürlich kann sich AMEISEN nicht wirklich mit einem Multimillionen-Blockbuster messen, aber für seine Verhältnisse fällt er ziemlich gut aus. Die Handlungsstränge laufen wie üblich auf Seifenopern-Niveau ab, sind aber solide gespielt und erinnern an eine gute Folge aus dem "Denver-Clan".

Neben Hollywood-Altstar Myrna Loy wirken noch Bekannte wie Bernie Casey, Brian Dennehy, Linda Day George und Robert Foxworth als kerniger Held mit. Foxworth ist - das sage ich immer wieder gern - einer meiner Lieblingsdarsteller aus den 70ern. Er hat schon gegen mutierte Kaulquappen in "Die Prophezeiung" (1979) gekämpft und sich in "Damien - Omen II" (1978) mit dem pubertierenden Satan persönlich verbündet. Mit seinen stahlblauen Augen und der tödlichen Intensität ist er genau der zupackende Typ, den man sich wünscht, wenn Ameisenscharen über einen herfallen - mal abgesehen von der Tatsache, dass er überhaupt erst für die Ameisen-Armee verantwortlich ist, weil er wie ein Besessener in der Baggergrube herumschaufelt, nachdem ihm keiner glauben mag, dass die Ameisen für die Todesfälle im Hotel verantwortlich sind.

Da es sich hier um ein TV Movie handelt, ist der Splatterfaktor selbstverständlich nahe Null. Ein kleiner Junge hüpft in den Müllcontainer und kommt - von Ameisen bedeckt - wieder heraus, ein spanischer Koch wird beim Sahneschlagen erwischt, und die arme Suzanne Somers wird von den Ameisen zerbissen, nachdem sie mit ihrem potthässlichen Widerling von Boss in die Laken gehüpft ist und auch noch so tun musste, als würde sie auf das Ekelpaket stehen. Man fragt sich, welches Schicksal schlimmer ist. Der Chef stürzt sich am Ende drei Stockwerke tief in den Swimmingpool, um sich von den Ameisen zu befreien. Der Pool ist aber leider leer. Shit Happens.

Lobenswert ist hier - ähnlich wir im Kultfilm "Mörderspinnen" (1977) - der überzeugende Einsatz echter Ameisen, mit denen es sicherlich kein einfacher Dreh war. Zwar sehen mit zunehmender Anzahl die Viecher verdächtig wie schwarz gefärbte Reiskörner aus, aber das Finale kann einem schon das große Kribbeln bescheren. Da müssen die drei letzten Überlebenden still dasitzen und durch gerollte Tapetenstücke atmen, während die Ameisen in wirklich großen Stückzahlen über sie drüberkrabbeln. Das macht nicht jeder Schauspieler mit. Unfreiwillig komisch wird es dann, wenn die Rettungsmannschaft dazukommt und erst mal das Zimmer und die Protagonisten mit Insektenvertilgungsmittel einnebelt. ich bin kein Wissenschaftler, aber ob das so gesund ist?

Das große Problem des Films ist natürlich - machen wir uns nichts vor - dass Ameisen per se nicht bedrohlich wirken. Und man fragt sich schon, warum die Eingeschlossenen sich nicht einfach hundert Klamotten überwerfen (die in einem Hotel nicht schwer aufzutreiben sind) und mal eben schnell aus dem Haus rennen, um sich draußen von der Feuerwehr abspritzen zu lassen - so wie die es mit den Gaffern macht, die durch den Staub, den ein eintreffender Hubschrauber aufwirbelt, mit Ameisen bombardiert werden. Aber was soll's? Würden sich Filmfiguren immer intelligent verhalten, gäbe es wahrscheinlich nur zwei bis drei Horrorfilme pro Jahr.

Wie gut oder schlecht ein Vertreter des Tierhorrors ist, muss jeder für sich danach entscheiden, wie sehr es ihn persönlich beim Anblick der Biester gruselt. Da ich Krabbeltiere nicht besonders mag (bei Schlangen, Ratten und Fröschen habe ich keine Probleme), geht mir ein Film wie AMEISEN schon unter die Haut. Insofern hat der Film sein Ziel bei mir erreicht. Empfehlen würde ich ihn deswegen nicht.

07/10 (keine objektive Wertung)

Donnerstag, 15. November 2012

Panik in der Sierra Nova (1977)

Wenn Alfred Hitchcock gewusst hätte, was er anrichtet, als er Krähen und Möwen auf  Tippi Hedren losließ... Obwohl sein Klassiker "Die Vögel" bereits 1962 entstand, brach die Welle von Tierhorrorfilmen erst in den ökologisch bewussten 70ern so richtig übers Publikum herein. Zu denen gehört auch PANIK IN DER SIERRA NOVA (Day of the Animals / Something's Out There). Der Film beginnt mit einem 'seriösen' wissenschaftlichen Statement, nach dem hauptsächlich der unverantwortliche Umgang mit Spraydosen und das daraus entstehende Ozonloch für das Durchdrehen sämtlicher im Film vorkommender Tierarten verantwortlich sei, und dem Hinweis, dass hier ein realistisches Szenario durchgespielt wird. Das kann ich absolut bestätigen. Seit ich kein Haarspray mehr benutze, werde ich viel seltener von Raubvögeln attackiert. 

PANIK IN DER SIERRA NOVA erzählt von einer Gruppe Wanderer, die in schönster Katastrophenfilm-Manier zusammengestellt wurde (alle Altersklassen und sozialen Schichten, plus Love-Story), und die fröhlich durch die wilde Berglandschaft streift. Nachdem ein Mitglied der Gruppe von einem Wolf angefallen wird, stürzen sich bald darauf Geier, Adler, Pumas und wilde Hunde auf die Ausflügler, unter denen sich auch Leslie Nielsen als arrogantes Werbe-Arschloch befindet. Der fällt Bergführer Christopher George ständig ins Wort, beleidigt alle Mitwanderer und verliert schließlich sämtliche ohnehin schon locker sitzenden Schrauben, als er die Führung beansprucht und sich mit nacktem Oberkörper auf einen Bären stürzt, nachdem er Andrew Stevens im Streit gepfählt hat. Der Bär macht aber kurzen Prozess mit ihm. Nielsen spielt das mit dem gebotenen Ernst, aber wenn man ihn einmal in einer Zucker-Abrahams-Zucker-Produktion gesehen hat, fällt es schwer, ihn ernst zu nehmen. Wie dem auch sei, der örtliche Sheriff lässt die Stadt evakuieren, nachdem er zu Hause von Ratten angefallen wurde. Die letzten Überlebenden versuchen, sich vor einem Rudel Schäferhunde auf dem Fluss in Sicherheit zu bringen...

Da ist ganz schön was los in der Sierra Nova, das muss man schon sagen. Das Positive am Film sind die schönen Cinemascope-Aufnahmen der Landschaft und der Tiere, sowie die atmosphärische Musik Lalo Schifrins, ein echtes A-Talent unter lauter B- und C-Leuten. Die Charaktere und deren Probleme sind leider so sturzlangweilig erzählt, dass es nicht im Mindesten interessiert, wer hier ins Gras beißt oder zu Tierfutter verarbeitet wird. Die Tierüberfälle sind ok inszeniert, aber man sieht deutlich, dass die Kuschelmonster abgerichtet und harmlos sind, gelegentlich sogar niedlich.
Nun geht es mir persönlich bei Tierhorror meistens so, dass ich auf der Seite der Kreaturen stehe - immerhin sind es die Menschen, die da ungefragt in die Natur eindringen, alles vollmüllen und mit ihren sinnlosen Dialogen die Umwelt belasten. Wenn sie dazu noch so dämlich sind wie hier, dann haben sie es auch nicht besser verdient. Allein die Reaktion auf den ersten Wolfsangriff ist komplett absurd - anstatt die Wanderung abzubrechen, wird die Verletzte mal eben mit Pflastern versorgt (sie blutet von oben bis unten) und nach Hause geschickt, während sich ansonsten kein Schwein um sie sorgt. Echte Schweine kommen hier übrigens nicht vor.

Mehr komisch als beängstigend ist die Ratten-Szene, in der man deutlich sieht, wie die possierlichen Nager vom Regie-Assistenten ins Bild, bzw. in Richtung Sheriff geworfen werden. Furchteinflößend sind lediglich ein paar Schlangen, die wirklich zubeißen. Die bösen Hunde hingegen wedeln alle freundlich mit dem Schwanz und freuen sich, Filmstars zu werden. Der Angriff von Raubkatzen wird wie beim seligen Ed Wood jr. hergestellt, indem die Darsteller sich mit Tierfellen am Boden herumwälzen und kreischen. So muss Trash sein! Spannend ist das alles nicht, aber unterhaltsam schon.

Regisseur William Girdler ist ein tragischer Held der Filmgeschichte. Er produzierte, schrieb und inszenierte die meisten seiner Filme im Alleingang und starb im Alter von nur 30 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz, kurz nach der Fertigstellung seines Horrorfilms "Der Manitou" (1978). Sein schmales Oeuvre besteht hauptsächlich aus Rip-Offs (wie der 'weiße Hai'-Abklatsch "Grizzly", 1976), aber man muss anerkennen, dass er sich als Auteur stets seine Unabhängigkeit von Hollywood bewahrt hat. Er war zudem ein großer Hitchcock-Fan, das merkt man in PANIK IN DER SIERRA NOVA an jeder Ecke - nicht wegen seines Talents, sondern wegen zahlloser Anspielungen. So ist dann die beste Szene auch der Angriff von Raubvögeln auf eine verletzte Wanderin, die so heftig von den gefiederten Freunden bearbeitet wird, dass sie über eine Felskante rutscht und in einen Abgrund stürzt (wo sie mit lautem 'Knacks' aufprallt).

Ihrem Begleiter übrigens widerfährt ein noch schlimmeres Schicksal. Nachdem sein Schützling zermatscht auf dem Felsen landet, findet er ein stummes Mädel, das alleine durch die Berge irrt (da hat sich James Cameron doch tatsächlich was für "Aliens" geborgt!) und schafft es nach Stunden (oder Tagen), sie in Sicherheit zu bringen, bevor er zum Dank von Schlangen gebissen und danach von einem tollwütigen Hund zerfleischt wird. Das ist doch mal ein richtig beschissener Wandertag!

05/10

Mittwoch, 14. November 2012

Todesparty 2 (1989)

Einige der größten Hollywood-Stars haben ihre Karriere mit Horrorfilmen begonnen, die sie heute vermutlich gern von ihrer Filmografie streichen würden. Man denkt da an Tom Hanks ("Panische Angst", 1980), Holly Hunter ("Brennende Rache", 1981) oder Kevin Bacon ("Freitag der 13.", 1980) - wobei ich persönlich mir hundertmal lieber einen Slasherfilm wie "Panische Angst" anschaue als fünf Minuten von "Forrest Gump".
Wie dem auch sei, Superstar und Ex-Sexiest Man Alive (nicht meine Meinung, aber offenbar die der meisten Frauen) Brad Pitt hat auch so einen Film auf der Liste, und das ist TODESPARTY 2 (Cutting Class). Der deutsche Titel suggeriert ein Sequel, aber der Film ist mit "Todesparty" (Slaughter High, 1986) weder verwandt noch verschwägert. 

Gestorben wird allerdings reichlich in diesem Spät-Slasher, der ohne Frage zum Bodensatz des Genres zählt. Ende der 80er war die Zeit der maskierten Killer eigentlich schon vorbei, und so wirkt TODESPARTY II wie ein müder, überflüssiger Aufguss von ohnehin schon nicht sonderlich originellem Material. Da in den 80ern der Horror-Trend eher in Richtung Parodie ging, wird in TODESPARTY 2 so viel (dämlicher) Humor eingebaut, dass er in einigen Filmlexika als Komödie gelistet wird.

Der Inhalt ist schnell erzählt: ein hübscher Teenager (nein, nicht Pitt, sondern Donovan Leitch) wird aus der Psychiatrie entlassen (was der örtlichen Tageszeitung übrigens eine Schlagzeile auf der Titelseite wert ist!) und versucht, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Die Highschool ist aber nicht der richtige Ort, um irgendwas in den Griff zu kriegen, weshalb dort schon bald Mord und Totschlag auf dem Stundenplan stehen. Steckt unser verwirrter Held hinter den Morden des vermummten Killers?

Brad Pitt spielt hier nicht die erste, sondern die zweite Geige, ist neben Leitch der Hauptverdächtige und streitet sich den gesamten Film mit ihm um die Gunst der reizenden Jill Schoelen, die in vielen Horrorfilmen der 80er ("The Stepfather", 1987) die Heldin spielte und immer eine klasse Sympathieträgerin abgab. Dass sie sich hier zwischen einem Psychopathen (Leitch) und einem jungen Rebell - sprich: Arschloch (Pitt) entscheiden muss, das hat sie wahrlich nicht verdient und lässt berechtigte Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der von ihr gespielten Figur aufkommen. Alle drei Schauspieler sind besser als Drehbuch und Regie es verdient hätten, wobei Pitt hier mehr Aufmerksamkeit auf sein Äußeres als eine darstellerische Leistung legt. Die homoerotische Spannung zwischen Pitt und Leitch (bzw. den Charakteren), die keinen Sportunterricht absolvieren können, ohne sich an die Wäsche zu gehen,  wird vom Film nie auslotet, weil er a) sich ihrer gar nicht bewusst und b) mehr damit beschäftigt ist, dumme Gags und Mordszenen langweilig aneinanderzureihen.

In TODESPARTY 2 gibt es praktisch keinen einzigen Moment, der wirklich spannend wäre. Der Film wirkt billig und schludrig, und die 'Musikuntermalung' vom Synthesizer ist einfach nur grauenvoll. Die Morde sollen originell sein, sind aber überwiegend unglaubwürdig und/oder an den Haaren herbeigezogen. So wird jemand mit dem Gesicht voran auf einen Kopierer gedrückt (und stirbt an... was genau?), andere enden mit einer Axt im Schädel, werden mit Pfeil und Bogen erlegt oder - der 'Höhepunkt' der Kreativität - auf einem Trampolin von einer US-Flagge aufgespießt. Ein politischer Kommentar? Kaum. Dabei ist TODESPARTY 2 nicht mal für Splatterfans interessant, weil die Morde weitgehend unblutig bleiben.
Zusammenhalten soll das alles die Frage, ob nun Leitch oder Pitt hinter den Morden steckt. Am Ende ist man dann schlauer, aber ganz ehrlich, es hätte jeder von beiden sein können, oder auch der Hausmeister, der Butler oder der Gärtner, es spielt überhaupt keine Rolle. Wahrscheinlich ist der Täter am Schreibtisch ausgewürfelt worden.

So werden Talente verschwendet und ein Genre, das ohnehin nicht den besten Ruf genießt, gänzlich in den Dreck gezogen. Mir fällt - außer für Hardcore Pitt-Fans - überhaupt kein Grund ein, sich diesen Murks anzutun, es sei denn, man möchte Roddy McDowall dabei zusehen, wie er als notgeiler Rektor den jungen Schulmädels hinterhergafft und vollkommen am Film vorbeispielt. Den Preis fürs Overacting bekommt er trotz redlicher Bemühungen nicht, der geht nämlich an Martin Mull. Mull spielt Jill Schoelens Vater, der auf einem Jagdausflug schwer verwundet wird und den gesamten Film über (in einer bizarren Parallelhandlung, die mit Sicherheit lustig sein soll) vor sich hinblutet, während er versucht, nach Hause zu kommen. Haha. Wahrscheinlich dachten er und McDowall, dass sowieso niemand TODESPARTY 2 sehen würde. Dass ausgerechnet einer der Hauptdarsteller so ein Mega-Star werden sollte, weshalb TODESPARTY 2 immer noch die Runde macht, das nennt man dann wohl 'dumm gelaufen'. Findet bestimmt auch Brad Pitt.

02/10


Dienstag, 13. November 2012

Feuerkäfer (1975)

FEUERKÄFER (Bug) gehört zum Subgenre des Tier- bzw. Insekten-Horrors, das in den 70ern so populär war, weil man spannende Unterhaltung mit ökologischen Botschaften verbinden konnte. "Die Natur schlägt zurück, wenn wir nicht aufpassen", lautete das Motto dieser Streifen, in denen Frösche, Kaninchen, Schlangen und andere Arten zur Jagd auf Menschen bliesen. Gimmick-Maestro William Castle, der zuvor mit dem von ihm produzierten Mega-Hit "Rosemary's Baby" (1968) weltweit Erfolge feiern konnte, sprang wie immer auf den Zug auf und produzierte diesen Käfer-Horror. Es sollte der letzte Film sein, an dem Castle beteiligt war. Er starb 1977.

Ein Erdbeben bricht in Südkalifornien aus und erwischt eine kleine Stadt, zerstört die Kirche und verursacht einen Spalt im Erdboden, aus dem merkwürdige Käfer krabbeln. Diese haben keine Augen, bewegen sich sehr langsam und sind in der Lage, Feuer aus dem Hintern zu schießen (kein Witz). Das führt zu einigen Explosionen, bei denen die Kleinstadtbewohner spektakulär ums Leben kommen. Auftritt Bradford Dillman als Insektenforscher und Biologielehrer, der mit Eichhörnchen sprechen kann (nein, immer noch kein Witz). Er nimmt sich der Plage an und stellt fest, dass die Käfer aufgrund des Luftdrucks an der Erdoberfläche keine Überlebenschancen haben.
Nun könnte man einfach abwarten, bis die Viecher sich alle selbst in die Luft gesprengt haben, doch Dillman ist so fasziniert von diesen Krabblern, dass er eine Druckkammer entwirft, in der er sie züchten kann - warum, das bleibt sein Geheimnis. Wahrscheinlich, weil der Film sonst zu Ende wäre. Dillman hat aber die Rechnung ohne die Kakerlaken gemacht. Die beseitigen nicht nur Dillmans Ehefrau, sondern entwickeln in der neuen Generation eine Superintelligenz...

FEUERKÄFER ist in erster Linie Trash, der sich ziemlich ernst nimmt und verschiedene Genres mixt. Er beginnt als Katastrophenfilm, geht dann über zum Insektenhorror und endet als klaustrophobisches Kammerspiel, in welchem Bradford Dillman sich mit den Insekten von der Außenwelt abschottet und immer mehr den ohnehin porösen Verstand verliert. Dillman ist ein Veteran des Tierhorrors. An ihm haben bereits Piranhas geknabbert ("Piranhas", 1978), und Bienen herumgestochen ("Der tödliche Schwarm", 1978). Er schafft es aber, den Wissenschaftler (den wir einmal in der Schule unterrichten sehen, und dann nie wieder) überzeugend zu verkörpern und die albernsten Dialoge über die Besonderheiten der Spezies glaubwürdig zu artikulieren, ohne in Lachen auszubrechen.

Nachdem der Film in der ersten Hälfte ziemlich knallig daherkommt und ein paar hübsche Explosionen bietet, stellen sich aber einige Längen ein. Dazu gibt es eine wirklich verstörende Szene, in der eine Katze von den Käfern überfallen wird, und man kann nur hoffen, dass da keine echte Katze misshandelt wurde - es sieht aber ganz so aus. Das versaut mir leider den Spaß. Im letzten Drittel passiert zwar so gut wie nichts mehr, der Gruselfaktor ist hier aber am höchsten, weil es Regisseur Jeannot Szwarc gelingt, trotz des schmalen Budgets ein paar unheimlich ausgeleuchtete Szenen zustande zu bringen. Wer sich vor Käfern ekelt, dürfte an dieser Stelle auch die eine oder andere Gänsehaut bekommen. Die Krabbelviecher sind ansonsten nicht allzu furchterregend, zumal der Film früh klarstellt, dass man eigentlich nur abwarten müsste, um die Plage loszuwerden, was die Spannung nicht gerade ins Unermessliche steigert.
Unangenehmer ist da schon das Ableben von Dillmans Filmgattin, der die Kakerlaken beim Telefonieren (und anschließenden Selbstgesprächen) die Perücke in Brand stecken, weswegen sie (bzw. ein Stuntman, der deutlich erkennbar ist) kurz darauf als lebende Fackel durchs Wohnzimmer stolpert. In einer kleinen Rolle ist Patty McCormack zu sehen, die wir alle als psychopathisches Mörderkind in "Die böse Saat" (1956) noch in Erinnerung haben. Auch sie wird von den Käfern fachgerecht entsorgt. Das hat sie nun davon.

FEUERKÄFER gehört nicht unbedingt zu den besten Vertretern des Tier-Horrors, ich würde ihn im Mittelfeld einordnen. Er ist besser als der alberne "Frösche" (1978), aber nicht so creepy wie etwa "Squirm" (1975). William Castle hätte einen würdigeren Schwanengesang verdient. Regisseur Jeannot Szwarc kam von den mörderischen Tieren auch nicht los und inszenierte kurz darauf "Der weisse Hai 2" (1979) unter katastrophalen Bedingungen. Das nennt man wohl vom Regen in die Traufe kommen.

6.5/10

Montag, 12. November 2012

In einer kleinen Stadt (1993)

Nach dem Roman von Stephen King inszenierte Fraser C. Heston (Sohn von Charlton) mit IN EINER KLEINEN STADT (Needful Things) einen sorgfältigen und gut besetzten Horrorfilm.
Max von Sydow spielt hier (grandios) einen charmanten Antiquitätenhändler, der ins beschauliche Castle Rock - Schauplatz vieler King-Geschichten -  zieht und dort einen Laden eröffnet: "Needful Things". In diesem Geschäft findet jeder Einwohner etwas, das er unbedingt braucht, schon lange sucht oder längst verloren glaubte. Die Gegenstände besitzen ein magisches Eigenleben und kosten so gut wie nichts. Lediglich ein paar kindische Streiche sollen sich die Bewohner gegenseitig spielen, zum privaten Amüsement des Ladenbesitzers. Diese Streiche nehmen aber stetig an Aggressivität zu und geraten bald vollkommen außer Kontrolle. Lange schwelende Konflikte brechen auf, und schon sind Mord und Totschlag an der Tagesordnung...

IN EINER KLEINEN STADT beginnt mit atmosphärischen Landchaftsaufnahmen und einem bombastischen Score von Kenneth Branaghs Stamm-Komponisten Patrick Doyle. Beides macht Lust auf mehr, und tatsächlich kann der Film in den ersten beiden Dritteln außerordentlich gut unterhalten. Er hält die schwierige Balance zwischen Mystery, Melodram und schwarzer Komödie, und das hervorragende Ensemble sorgt dafür, dass viele Charaktere dem Zuschauer wirklich näher gebracht werden (das gilt allerdings nicht für Amanda Plummer, die ihre Figur bis zur Karikatur überspielt). Vor allem Max von Sydow kann als diabolischer Drahtzieher begeistern, der sich das angerichtete Unheil mit Freude ansieht und genüsslich ein 'Ave Maria' hört, während sich die Einwohner die Köpfe einschlagen. Der Teufel übt sich wieder mal in der Kunst der Verführung, und die Menschen sind nur allzu schnell bereit, für nutzlose Dinge, die ihnen aus sentimentalen Gründen viel bedeuten, ihr zivilisiertes Verhalten aufzugeben. Man fragt sich, ob von Sydow auch hinter Ebay steckt...

Neben Max von Sydow glänzen Ed Harris als Sheriff und Bonnie Bedelia als dessen von Krankheit geplagte Ehefrau, an der von Sydow auch ein erotisches Interesse hat. Bedelia ist den meisten wahrscheinlich als Bruce Willis' Ehefrau in den ersten beiden "Die Hard"-Filmen bekannt, und sie wirkte in der frühen King-Verfilmung "Brennen muss Salem" (1979) mit, die ebenfalls in einer kleinen Stadt spielte, in welcher ein Antiquitätenhändler ein teuflisches Geheimnis hütete. Sie gehört zu den Schauspielerinnen, die immer gut sind, aber nie den Sprung zum Star geschafft haben, und sie zeigt hier eine fantastische Leistung als sympathischste Figur im Ort. Die Szene, in der Max von Sydow Bedelia mittels eines Schmuckstücks von ihren chronischen Schmerzen befreit, gehört zum Anrührendsten, was man von einer King-Verfilmung zu sehen bekommt.

Leider manövriert sich der Film aber mit zunehmender Laufzeit (und er ist mir 2 Stunden deutlich zu lang) in eine Ecke, aus der er kaum herauskommt. Nachdem praktisch die Hölle in Castle Rock ausgebrochen ist und die Bewohner nun vollends übereinander herfallen, weiß Fraser C. Heston nicht so recht, wie er die Geschichte zu Ende bringen soll. Es folgen lahme melodramatische Apelle an das Gute im Menschen und eine ziemlich überflüssige Explosion (weil in Hollywood 'Blow Up Things Real Good' schon immer funktioniert hat, wenn man nicht mehr weiter weiß), bevor Max von Sydow den Ort des Schreckens wieder verlässt - genau so, wie er gekommen ist. Nicht ohne noch eine finstere Prophezeiung von sich zu geben, versteht sich. Da es sich bei IN EINER KLEINEN STADT im Grunde um eine Parabel handelt, in der die Moral wichtiger als die Handlung ist, versteht man das Problem, daraus eine Geschichte mit befriedigendem Abschluss zu konstruieren. Trotzdem bleibt am Ende das schale Gefühl, dass hier mehr möglich und ein schwärzeres Finale (etwa mit dem Sieg des Bösen) vielleicht sinnvoller gewesen wäre.

Obwohl das Ende nicht überzeugen kann, gehört IN EINER KLEINEN STADT dank der Schauspieler und der glaubwürdigen Atmosphäre zu den besseren King-Adaptionen. Im Kino war der Film nicht sonderlich erfolgreich, weil Anfang der 90er das Publikum einfach übersättigt war und das Marketing sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht entscheiden konnte, welches Zielpublikum man anvisieren soll. Für den gemeinen Horror-Freak ist der Film zu gepflegt (und letztlich zu harmlos), für Freunde bitterböser Satiren ist er nicht böse genug, und für Liebhaber anspruchsvoller Kleinstadtgeschichten fließt dann doch zu viel Blut. Ein klarer Fall von 'zwischen den Stühlen', und das war noch nie ein gutes Rezept für Erfolgsfilme.

07/10

Samstag, 10. November 2012

Verführung einer Fremden (2007)

Bei Wikipedia wird VERFÜHRUNG EINER FREMDEN (Perfect Stranger) als 'Neo-Noir Psychological Thriller Film' gelistet, was an sich schon lustig ist ('erotic' fehlt irgendwie noch zur Abrundung). Zwar tauchen hier unter den Charakteren einige Psychos auf - darunter jemand, von dem man es am wenigsten erwartet hätte - aber weder ist der Film sonderlich spannend noch psychologisch fesselnd, und was an ihm noir sein soll, bleibt ebenfalls unklar, da keine Film Noir-Elemente erkennbar sind, weder klassische noch moderne. So schön kann Marketing sein.

Halle Berry spielt in VERFÜHRUNG EINER FREMDEN eine schnippische Journalistin, die keine Angst vor hohen Tieren hat und so politisch korrekt agiert, dass man sie gleich übers Knie legen möchte. Diese rasende Reporterin trifft zufällig eine alte Freundin aus Kindheitstagen auf der Straße, die sich merkwürdig verhält und bald darauf mausetot ist. Da die Freundin vor ihrem Ableben unserer Halle noch brisantes Material über einen mächtigen Werbemanager - gespielt von Bruce Willis - in die Patschehand gedrückt hat, sollen wir annehmen, dass Willis vielleicht an ihrem Tod mitgewirkt haben könnte. Undercover schnüffelt Halle Berry nun als Aushilfe im roten Abendkleid in Willis' Werbefirma herum und kommt dem cholerischen Boss dabei näher als sie möchte...

Nicht nur der Wikipedia-Eintrag, sondern auch der deutsche Titel ist dabei irreführend, da Frau Berry hier von absolut niemandem verführt wird. Zwar macht Bruce Willis ein paar zaghafte Anstalten, aber so richtig rum bekommt er sie nicht, weswegen der Film auch absolut sex- und jugendfrei bleibt, trotz seines Themas. VERFÜHRUNG EINER FREMDEN möchte gern etwas über Internet-Dating, das Vorspielen falscher Tatsachen auf Internet-Portalen und die Einsamkeit von Großstädtern erzählen, die sich nie sicher sein können, ob der Typ, mit dem sie sich im Netz verabredet haben, vielleicht ein irrer Killer ist. Das weiß man übrigens ebenso wenig, wenn man jemanden auf klassische Weise in einer Bar aufgabelt (ich spreche hier aus eigener Erfahrung). Das ganze Internet-Gerede macht den Film etwas moderner, aber deswegen nicht brisanter, zumal Regisseur James Foley sein Thema ohnehin komplett aus den Augen verliert. Als Zuschauer weiß man weder, ob man um irgendwen Angst haben muss, oder wohin der Thriller überhaupt steuert. Man weiß nur, dass Giovanni Ribisi sich als Halle Berrys durchgeknallte rechte Hand die ganze Zeit so auffällig verdächtig benimmt, dass er unmöglich der Mörder sein kann.

Zu den spannendsten Momenten gehören die Szenen, in denen Berry irgendwas von Willis' Computer downloaden will, sich aber immer zu blöde anstellt. Zuerst versucht sie ein verräterisches Hintergrundbild schnell zu entfernen, in dem sie wie eine hyperaktive Stenotypistin auf der Tastatur herumhackt, dann versucht sie, mit ihren High Heels den Netzstecker zu ziehen (was natürlich nicht gelingt), und schließlich macht ihr die Spyware einen Strich durch die Rechnung. Damit bestätigt der Film ein altes Vorurteil über Frauen und Technik. Nebenbei, Berry soll eine Journalistin darstellen, die ohne ihren Laptop nirgendwo hingeht. Schade, dass sie ihn nicht bedienen kann.

VERFÜHRUNG EINER FREMDEN möchte Bruce Willis gern als zwielichtigen Verführer darstellen, der hinter seiner charmanten Schale vielleicht oder vielleicht auch nicht einen mörderischen Kern versteckt - à la Jeff Bridges in "Das Messer" (1985). Wenn Bruce Willis aber eines nicht kann, dann ist das Ambivalenz. Willis spielt entweder den Good Guy oder den Bösen, beides zusammen geht nicht. Und da man ihm hier einen Mord beim besten Willen nicht zutraut (zumal ihm dafür jede Motivation fehlt), wirkt der ganze Plot arg an den Haaren herbeigezogen.

Stattdessen bietet VERFÜHRUNG EINER FREMDEN ein paar Hochglanz-Einblicke in die schöne Welt der Werbung und kann so haufenweise attraktiver Damen vorbeiflanieren lassen, darunter auch Fräulein Heidi Klum in einer Gastrolle. Wenn das nichts ist (es ist nichts). Das Positivste, was man über den Film sagen kann, ist, dass Halle Berry im roten Abendkleid spektakulär gut aussieht. Giovanni Ribisi fällt bei ihrem Anblick fast vom Stuhl und beginnt augenblick zu sabbern, aber Halle reagiert auf dieses 'Kompliment' nur mit einem sympathischen 'Ach, hör doch auf'-Lachen. Ja, solche Frauen lieben wir doch alle, die von vorne bis hinten perfekt sind, aber das selbst gar nicht glauben wollen - die rangieren auf einer Stufe mit den dürren Biestern, die jedem erklären, dass sie essen und essen, aber einfach nicht zunehmen. Die armen Dinger.

Für die Zuschauer, die noch nicht eingeschlafen sind, präsentiert James Foley am Ende dann eine überraschende Auflösung, die - das sei ihm zugestanden - tatsächlich überraschend kommt und alles Vorangegangene auf den Kopf stellt. Ich habe sie jedenfalls nicht kommen sehen (es war mir ehrlich gesagt auch egal). Ich könnte mir vorstellen, dass so einige Szenen beim zweiten Sehen mit dem Wissen um die Auflösung herzlich wenig Sinn ergeben, aber ich hatte leider gar keine Lust, mir den Film deswegen ein weiteres Mal anzutun. Was beweist, dass ein paar hochkarätige Darsteller, ein originelles Titeldesign und ein düsterer Score (der noch das Beste am Film ist) eben nicht für einen nervenzerrenden, sexy Thriller ausreichen. VERFÜHRUNG EINER FREMDEN ist ganz nett, wenn man gar nichts erwartet, aber man hat absolut nichts verpasst, wenn man ihn ignoriert - was übrigens die meisten Kinozuschauer getan haben.

03/10

Mittwoch, 7. November 2012

Im Auftrag des Teufels (1997)

IM AUFTRAG DES TEUFELS (Devil's Advocate) ist ein Mainstream-Horrorfilm aus den 90ern und gehört zu den besseren Vertretern des Genres in einem Jahrzehnt, in dem der Horrorfilm am Boden lag wie selten zuvor. Als solcher bleibt er zwar weitgehend harmlos und ist auch für sensiblere Zuschauer mit dünneren Nerven geeignet, darüber hinaus aber will er eine ernsthafte Botschaft vermitteln - was selten genug im Horror-Genre vorkommt und noch seltener auch funktioniert. Hier funktioniert es ziemlich gut. Aber eins nach dem anderen.

Keanu Reeves spielt (wobei 'spielt' bei Reeves immer im weitesten Sinne zu verstehen ist) einen attraktiven Südstaaaten-Anwalt mit viel Pomade im Haar, der mit seiner schönen Ehefrau Charlize Theron ein beschauliches Leben führt und soeben einen Kinderschänder vor Gericht verteidigt, den er dank seiner Überzeugungskraft freibekommt, obwohl er von dessen Schuld weiß. Das ruft Al Pacino, einen New Yorker Luxus-Anwalt für die Reichen und die Superreichen auf den Plan, der Reeves ein Angebot macht, das der nicht ablehnen kann. Bald bekommt das junge Paar ein schickes Apartment, ein teures Auto, und alles läuft fantastisch. Aber irgendwas ist merkwürdig. Die Mitglieder der Kanzlei scheinen mehrere Gesichter zu haben und mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Arbeitet Reeves vielleicht für den Höllenfürsten persönlich? Oder ist am Ende doch alles anders, als man denkt?

IM AUFTRAG DES TEUFELS borgt sich den Plot aus der (besten) Grisham-Verfilmung "Die Firma" (1993), geht dann aber andere Wege und mischt einen kräftigen Schuss "Angel Heart" (1987) dazu. Regisseur Taylor Hackford muss man in erster Linie dafür loben, dass er Keanu Reeves dem Publikum glaubwürdig als jemanden verkauft, der tatsächlich studiert hat - auch wenn Reeves Südstaaten-Akzent in der Originalfassung schneller an- und ausgeht als die Zimmerbeleuchtung. Man muss aber anerkennen, dass er sich von Pacino nicht an die Wand spielen lässt. Er mag nicht der beste Darsteller aller Zeiten sein (weißgott nicht), aber er hat eine eigene Präsenz und ist ein Sympathieträger. Außerdem sind Reeves und Charlize Theron ein heißes Paar. Die beiden wurden übrigens bald darauf für den schlimmen Super-Trash "Sweet November" (2001) wieder vereint, und gegen den ist IM AUFTRAG DES TEUFELS ein Meisterwerk. 
Theron stand hier noch vor ihrem Durchbruch als ernsthafte Schauspielerin, muss die meiste Zeit nur hübsch aussehen und die liebende, aber misstrauische Ehefrau spielen (Frauen merken in diesen Filmen immer eher als Männer, dass etwas nicht stimmt), dafür bekommt sie später aber eine Selbstverstümmelungs-Szene, die unvorbereiteten Zuschauern (und durchaus auch ein paar Splatterfreaks) die Haare zu Berge stehen lässt. Al Pacino hingegen spielt wie so oft hauptsächlich Al Pacino, und das kann er einfach wie kein anderer. Taylor Hackford ist leider kein Regisseur, der den Schauspieler kontrolliert führt, er lässt ihn einfach gewähren. Als Bonbon erhält Pacino einen finalen Monolog, der an Eitelkeit nicht zu überbieten ist, und der ihm offensichtlich seit dem verdienten Oscar für den (schrecklichen) "Duft der Frauen" (1992) offenbar vertraglich zugesichert wird.

Im AUFTRAG DES TEUFELS kann aber nicht nur mit seinem Ensemble, sondern auch mit hohen Production Values aufwarten. Die Bilder sind verführerisch (passend zum Thema), der Score bombastisch, es gibt Liebe, Sex, Mord und Totschlag, die Spezialeffekte sind hervorragend, und dann ist da eben noch die 'Important Message', die im letzten Akt abgefeuert wird. Im AUFTRAG DES TEUFELS ist ein Film über Versuchung, Eitelkeit (weswegen Pacinos selbstgefällige Darstellung auch nicht schadet, sondern passt) und die Freiheit der persönlichen Wahl - was im Kontext des Films bedeutet: wenn man die Wahl hat, einen überführten Kinderschänder zu verteidigen, sollte man das eher ablehnen, will man ein moralisch integrer Mensch sein und keine Schuld auf sein Gewissen laden. Und für den Teufel zu arbeiten, muss auch nicht sein. Geld, Macht und Erfolg verleiten uns an jeder Ecke, falsche Entscheidungen zu treffen. Wer nur auf sein Gewissen hört (wenn er denn eins besitzt), wird sich vom Bösen nicht verführen lassen. Interessant übrigens, dass diese Botschaft gerade aus Hollywood kommt, wo nichts wichtiger ist als Geld und Erfolg, und wo die Scientologen so viel Macht besitzen wie nirgendwo sonst. Aber lassen wir das beiseite. 

Nun kann man sagen, dass jeder Mensch, der noch alle Sinne beisammen hat, diese Lektion nicht braucht, um sich richtig zu verhalten, aber ein Keanu (und viele andere) müssen das eben auf die harte Tour lernen. Und bevor Missverständnisse aufkommen: ja, ich bin absolut für ein Rechtssystem, in dem jeder die Chance auf eine gute Verteidigung bekommt, egal was er angestellt hat, und ich bin auch gegen die Todesstrafe (was sich in der Sekunde ändern wird, wenn einem meiner Liebsten etwas angetan wird). Ich würde nur den Kinderschänder, den der Film auch noch so herrlich ekelhaft und übertrieben abstoßend zeichnet, auch nicht verteidigen wollen - was exakt der Punkt des Films ist. Sehr nett ist in diesem Zusammenhang das bissig-ironische Ende, das noch einmal deutlich zeigt, wie leicht verführbar Menschen sind.

IM AUFTRAG DES TEUFELS schafft es, Horror-Fans und Mainstream-Zuschauer gleichermaßen spannend zu unterhalten und eine gute Frage aufzuwerfen. Ihm fehlt allerdings vor lauter Hochglanz-Politur auch das emotionale Zentrum, um wirklich packen zu können. Man kann ihn leicht für die oberflächlichen Schauwerte und das tolle Handwerk bewundern, er geht aber nur selten wirklich unter die Haut.

08/10

Montag, 5. November 2012

Apology - Tödliches Geständnis (1986)

Wie sehr beeinträchtigen Schuldgefühle unser Leben? Das fragt sich Lily (Lesley Ann Warren), eine Avantgarde-Künstlerin, die für ihre kommende Ausstellung gerade an einer Installation arbeitet. Für diese hat sie ein Beicht-Telefon eingerichtet, wo Menschen anonym anrufen und über Dinge sprechen können, für die sie sich schuldig fühlen. Die Anrufe werden auf Band aufgezeichnet und sollen zu der Installation die akustische Begleitung liefern. Leider aber meldet sich auch ein Serienkiller, der Lily nicht nur begangene Morde beichtet, sondern auch neue ankündigt. Das ruft den Ermittler Rad (Peter Weller) auf den Plan, der selbst unter Schuldgefühlen leidet und mit Lily eine Affäre beginnt. Der Killer aber ist bald hinter Lily selbst her...

Wenn das mal keine tolle Idee ist! Und wie die besten Ideen kommt sie aus dem wahren Leben. Diese Kunst-Installation gab es tatsächlich in New York, der Thriller-Plot wurde einfach drumherum gestrickt. APOLOGY - TÖDLICHES GESTÄNDNIS (Apology) gehört zu den vergessenen Krimis der 80er. Er wurde vom Kabelsender HBO produziert und war zunächst im TV zu sehen, bevor er auf VHS veröffentlicht wurde. Eine DVD-Version gibt es bis heute nicht, und erinnern kann sich wahrscheinlich auch kaum jemand an diesen Film. Der ist aber gar nicht schlecht. Zwar zeigt Regisseur Robert Bierman, der überwiegend TV Movies gedreht hat, keine eigene Handschrift, aber die originelle Grundidee bleibt spannend, die Charaktere und ihre Konflikte sind gut gezeichnet, und die Besetzung ist hervorragend.

In der Hauptrolle kann Lesley Ann Warren als eigenwillige und leicht überkandidelte Intellektuelle überzeugen, die es gut meint und das Böse anlockt - sie spielte übrigens bald darauf die gleiche Rolle in "Der Cop" (1988), wo sie erneut ins Fadenkreuz eines Wahnsinnigen geriet. An ihrer Seite ist Peter Weller zu sehen, der kurz vor seinem Durchbruch als "RoboCop" (1987) stand und seine Rolle wie immer nüchtern und emotionslos, aber sympathisch spielt. In Nebenrollen entdeckt man Chris Noth, Harvey Fierstein und John Glover. Da kann man nicht meckern. In den Händen eines profilierteren Regisseurs hätte aus der kleinen Geschichte vielleicht sogar ein großer Thriller werden können, der mit seinem Leitmotiv 'Schuld' (bzw. echte und eingebildete Schuldgefühle, die unser Leben bestimmen) interessante und vor allem düstere Klänge hätte anstimmen können. So bleibt ein harmloser, aber doch unterhaltsamer und temporeicher Krimi ohne allzu störende Längen und mit Schauspielern, denen man gern bei der Arbeit zuschaut. Einen schönen Score von Maurice Jarre gibt es gratis dazu, und Nostalgiker bekommen einen realistischen Blick auf die 80er, da APOLOGY auf New Yorker Hochglanz-Locations verzichtet und die Geschichte an kalten Wintertagen in beschmierten U-Bahnen, verranzten Cafés und abseitigen Kunstgalerien ansiedelt, wodurch ein authentisches Hinterhof-Gefühl entsteht, was für einen TV-Film schon ungewöhnlich zu nennen ist.

Auf die Liebesgeschichte hätte APOLOGY allerdings gern verzichten können. Sie ist ein klares Zugeständnis an den vermeintlichen Publikumsgeschmack und wirkt zu gewollt. Dafür funktioniert der Showdown in der Galerie umso besser, wenn Lily gegen den Killer um ihr Leben kämpfen muss. So ist das eben, wenn abgehobene Künstler plötzlich mit der Realität konfrontiert werden. Glücklicherweise blieb der Künstlerin, die das Vorbild für den Film lieferte, ein solches Schicksal erspart.

08/10


Sonntag, 4. November 2012

Halloween 4 (1988)

Nachdem von Michael Myers in "Halloween 3" (1982) nicht viel bis gar nichts zu sehen war und der Film sich als kompletter Flop erwies, mussten die Fans der "Halloween"-Reihe einige Jahre warten, bis HALLOWEEN 4 (Halloween IV - The Return of Michael Myers) in die Kinos kam. Der Slasher-Boom war zu dieser Zeit schon so gut wie durch, und der Film kommt trotz einiger guter Ansätze nicht übers Mittelmaß hinaus.

Wieder haben wir es mit einer sensationellen Auferstehung zu tun, wie sie im Horrorgenre an der Tagesordnung steht. Michael hat die gigantische Explosion am Ende von "Halloween 2" (1981) also überlebt, und sein Augenlicht hat er auf wundersame Weise auch wieder gefunden. Nun soll er unter strenger Bewachung aus einem Sanatorium verlegt werden. Das geht selbstverständlich schief, und schon ist Michael wieder auf freiem Fuß, mordet sich direkt nach Illinois, wo seine Nichte Jamie (Danielle Harris) in einer Pflegefamilie lebt. Auf seinen Fersen ist der unvermeidliche Dr. Loomis (Donald Pleasence), der das Feuer seinerzeit ebenfalls überlebt hat - ob der auch übermenschliche Fähigkeiten besitzt?

Was Regisseur Dwight H. Little  ("Phantom of the Opera", 1989) und sein Autor absolut richtig machen ist die Entscheidung, den missglückten Teil 3 einfach zu ignorieren und nahtlos an den 2. Teil anzuschließen. HALLOWEEN 4 bemüht sich dabei ernsthaft, die Geschichte fortzusetzen und dabei John Carpenters Original mit einzubeziehen. So werden mehrere von Carpenters Szenen wiederholt, bzw. variiert (Myers' Nichte Jamie wird in der Schule gehänselt, Jamie trägt das gleiche Halloween-Kostüm wie der junge Myers zu Beginn des Originals, etc.), und die ursprünglichen Charaktere werden mehrfach erwähnt. Jamie Lee Curtis wurde für dieses Sequel angefragt, aber ihre Karriere befand sich gerade auf dem Mainstream-Höhepunkt, man kann also die Absage verstehen. Dafür steht Donald Pleasence wieder zur Verfügung, der zur "Halloween"-Reihe dazu gehört wie Michael Myers selbst. Allerdings wirkt es schon unfreiwillig komisch, dass der arme Mann offenbar seit zehn Jahren nichts anderes zu tun hat als alle Welt davon zu überzeugen, Michael sei Mensch, sondern das pure Böse. Seine Rolle hält leider keine Überraschung mehr bereit, und eigentlich könnte man auch auf ihn verzichten (für die Handlung ist er ohnehin nicht wichtig). Trotzdem schön, ihn zu sehen (außer ganz am Ende, wenn er overacted, als gäbe es kein Morgen).

Positiv lässt sich vermerken, dass sich HALLOWEEN 4 um Spannung und Suspense statt Splatter oder albernen Humor bemüht, was ihn - gerade zu seiner Zeit - angenehm altmodisch erscheinen lässt. Die berühmte Carpenter-Musik wird von dessen Partner Alan Howarth sparsam und an den richtigen Stellen eingesetzt, und die letzte halbe Stunde des Films, in der sich die wenigen Überlebenden im Haus verschanzen und Michael Myers die kleine Nichte über Hausdächer und durch leere Schulzimmer jagt, sind angemessen nervenzerrend. Ansonsten aber fehlt Dwight H. Little leider doch das Talent eines John Carpenter. Seltsamerweise verzichtet der Film auf dessen raffinierte Cinemascope-Bildkompositionen und präsentiert dafür eine überwiegend flache Fernseh-Ästhetik. Das geringe Budget kann dafür keine Entschuldigung sein, denn Carpenter stand für das Original viel weniger Geld zur Verfügung. Es ist eher ein Trend der 80er, der sich hier gegen den Film wendet.

Zudem fehlt auch echte Originalität (kein Wunder bei einem Teil 4). Die inhaltlichen Abläufe sind zwar in sich stimmig, hat man aber irgendwie alle schon mal gesehen, sei es die Verbarrikadierung der Überlebenden oder der schlussendliche Austausch des Bösen. Im Grunde könnte man HALLOWEEN 4 auch als Remake von Teil 1 bezeichnen. Er beginnt mit einem fehlgeschlagenen Krankentransport, schildert die Ereignisse der Halloween-Nacht und endet mit einem erschossenen Myers, der nicht richtig tot ist. Alles wie gehabt. Da der Film mehrfach darauf hingewiesen hat, dass Myers nicht sterben kann, ist natürlich ein passendes Ende schwer zu finden, also belässt es Dwight Little einfach dabei, ihn von der Polizei durchsieben zu lassen (was noch nie geklappt hat), es spielt ja doch keine Rolle.

Auf den moralischen Zeigefinger kann HALLOWEEN 4 leider auch nicht verzichten. So endet eine vollbusige Blondine, die unserer Heldin den Lover ausspannen will,  mit einem Gewehrlauf in der Bauchhöhle, und dem fremdgehenen Freund wird das Genick gebrochen. Nur die moralisch Aufrechten, die auch mal ein Date absagen, um der Stiefschwester ein Halloween-Kostüm zu besorgen, dürfen weiterleben. Den unfreiwillig komischsten Moment erlebt Kinderdarstellerin Danielle Harris, die sich ein Foto ihrer Filmmutter Jamie Lee Curtis ansieht und wie aufs Stichwort einen Heulkrampf bekommt. Das kann man doch nachvollziehen. Wo ist Jamie Lee, wenn man sie wirklich braucht?

Trotz seiner Schwächen und Ermüdungserscheinungen ist Teil 4 um Welten besser als die folgenden Teile 5 und 6. Immerhin konnte er das Franchise wieder aufleben lassen, das nach Teil 3 totgeglaubt war (so wie Michael). Erst "Halloween H20" (1998) sollte mit der Rückkehr von Jamie Lee Curtis in der Rolle, die sie zum Star machte, der Reihe zu wenigstens ein bisschen neuem Glanz verhelfen.

6.5/10

Freitag, 2. November 2012

Stepfather 2 (1989)

Joseph Rubens furioser Horror-Thriller "The Stepfather" (1987) endete mit dem Tod des Bösewichts Jerry Blake (Terry O'Quinn), der von Frau und Stieftochter zur Strecke gebracht wurde. Zumindest glaubten wir das, als er mit Küchenmesser im Herzen die Treppe herunterpolterte. Wie wir aber aus der unvermeidlichen Fortsetzung STEPFATHER 2 (Stepfahther 2)  erfahren, hat er sich dabei anscheinend nur leicht verletzt. Aha.

Jetzt sitzt Jerry (wieder Terry O'Quinn) - fröhlich wieder auferstanden - im Knast und steht unter Beobachtung eines Gefängnispsychiaters. Nachdem er den Doktor und einen Wachmann brutal aus dem Weg geräumt hat, nimmt Jerry eine neue Identität als Familientherapeut an und zieht in eine beschauliche Einfamilien-Wohnsiedlung. Dort lernt er die sympathische Maklerin Carol (Meg Foster) kennen, die sich in ihn verliebt. Carols Stiefsohn Todd (Jonathan Brandis) kann sich ebenfalls mit dem potentiellen Stiefvater anfreunden. Andere Menschen sind allerdings nicht so vertrauensselig, und so wird die Vorgartenidylle bald drastisch dezimiert...

Jeff Burr inszenierte dieses im Grunde überflüssige Sequel, das weder Fisch noch Fleisch ist. Glücklicherweise konnte man erneut Terry O'Quinn für die Titelrolle verpflichten, andernfalls wäre diese Fortsetzung wohl komplett in die Hose gegangen. O'Quinn spielt den Psychopathen wieder mit der ihm eigenen Intensität, aber bereits in den ersten Szenen zeigt sich das Grundproblem des Films: Jerry Blake ist kein origineller Charakter mehr, sondern eine Killermaschine, die in hübsch aufeinanderfolgenden Abständen alle abmurkst, die ihm irgendwie in die Quere kommen oder etwas gegen die heile amerikanische Traumfamilie sagen. Spätestens, wenn er  nach seiner Flucht aus dem Knast ein Auto stiehlt und den Fahrer tötet, zeigt sich der bemühte Versuch, Jerry Blake als Horror-Ikone à la Michael Myers oder Freddy Krueger zu etablieren, was absolut misslingt. Der Untertitel des Films ("Make Room for Daddy"), der besser zu einem "Nightmare"-Sequel passen würde, deutet bereits an, dass man diesen neuen Jerry weniger ernst nehmen soll/muss. Diese Art von Humor gehört zum Horror-Kino der 80er dazu, bereitet aber aus heutiger Sicht oft genug Zahnschmerzen. Das führt auch dazu, dass sich Jerry Blake noch offensichtlich verrückter benehmen muss als im Original und die von Meg Foster gespielte Figur vollkommen blind (um nicht zu sagen blöd) wirkt, weil sie trotz deutlicher Anzeichen nicht ahnt, welchen Irren sie sich da ins Haus holt.

Das zweite Problem ist die Liebesgeschichte. Der große Vorteil des Vorgängers war, dass er das Kennenlernen und die Zusammenfindung der Familie übersprang und den Zuschauer gleich mit den gegebenen Verhältnissen konfrontierte. Hier muss das Publikum nun etliche Längen in Kauf nehmen, weil der Film erst die angehende Romanze zwischen Jerry und seiner neuen Flamme erzählt, und die ist mehr einschläfernd als originell (was durch eine miese Billig-Synchronisation in der deutschen Fassung noch verschlimmert wird). Auch hier rettet die Besetzung den Film vorm Absturz, denn Meg Foster gehört zu den interessanteren Darstellerinnen des Genrekinos, konnte in mehreren Kultfilmen ("Sie leben", 1988) begeistern und bekam als Oberböse am Ende von "Leviathan" (1989) von Peter Weller kräftig eins auf die Nase. Hier bleibt sie zwar unter ihren Möglichkeiten, aber sie und Terry O'Quinn sind besser als der Film es verdient hätte.

Damit die Zuschauer nicht vollends einnicken, müssen ein paar Nebendarsteller ins Gras beißen, die von Jerry Blake auf verschiedenste Weise ins Jenseits befördert werden, bis es zum schlussendlichen Showdown zwischen dem Liebespaar am Hochzeitstag kommt. Dieser finale Fight ist ordentlich inszeniert und wird in seiner Wirkung nur dadurch geschmälert, dass man Meg Fosters Stuntman allzu klar erkennt, wenn sie über die Tische segelt. Die beste Szene folgt dann ganz am Schluss, wenn Foster und ihr Filmsohn blutbeschmiert die Kirche betreten, in der die Gäste eine feierliche Trauung erwarten. Leider muss der sterbende O'Quinn noch einen letzten 'humorigen' Satz von sich geben ("Bis dass der Tod uns scheidet"), bevor endlich alle Klischees erfüllt sind und er abermals sein Leben aushaucht. Der folgende und noch überflüssigere Teil 3 "The Stepfather III - Vatertag" (1992) konnte dann nicht mal mehr mit Terry O'Quinn aufwarten und ließ die Figur des Jerry Blake vollends fallen.

Insgesamt handelt es sich hier um ein 'Solala'-Sequel, das lediglich durch die Besetzung und ein paar Mordszenen zu gefallen weiß, das dem Original aber (natürlich) nicht das Küchenmesser reichen kann.

05/10

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