Sonntag, 30. Dezember 2012

Eyes Wide Shut (1999)

Ein Film, der perfekt zum Jahresabschluss passt. Ein Abendkleid fällt, Die Weihnachtslichter blinken, und Tom Cruise unternimmt eine Reise durchs Abenteuerland der erotischen Fantasien in einem New York, das selten so düster gezeigt wurde wie unter Stanley Kubricks Regie in seinem letzten Werk, dessen Fertigstellung der Meister gerade noch erleben durfte, bevor er der Filmwelt für immer Lebewohl sagte und eine Lücke hinterließ, die niemals geschlossen werden wird. 

Als EYES WIDE SHUT (Eyes Wide Shut) seinerzeit herauskam, erntete er eher lauwarme Reaktionen (so ging es allen Kubrick-Filmen seit "The Shining", 1980), und auch ich war mir nicht sicher, was ich von ihm halten sollte, schien er doch auf den ersten Blick eine ziemlich verstaubte Altherren-Fantasie zu sein. Mittlerweile ist der Film als komplexes filmisches Drama anerkannt, und auch ich konnte nach mehrmaligen Sichtungen meine ursprünglich gemischte Meinung revidieren. 

EYES WIDE SHUT basiert auf Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und besitzt die zum Titel passende, surreale Atmosphäre, in der alles möglich zu sein scheint. EYES WIDE SHUT ist (auch) ein Film über männliche Minderwertigkeitskomplexe. Tom Cruise spielt den verheirateten Arzt Dr. Bill Harford, dessen Weltbild nach einer pompösen Weihnachtsparty erschüttert wird, als seine Ehefrau Alice (Nicole Kidman) ihm gesteht, dass sie einst drauf und dran war, ihn für einen anderen Mann (einen völlig Fremden) zu verlassen, nur weil sie sich von diesem erotisch angezogen fühlte. 

Bevor Cruise reagieren kann, wird er aus dem Haus gerufen - der Beginn einer seltsamen nächtlichen Odyssee durch New York, in der er - verfolgt von Visionen seiner untreuen Ehefrau - lauter mysteriösen Menschen begegnet, die sämtlich erotische Geheimnisse haben, welche sie ihm offenbaren. Obwohl es seine Frau ist, die "Alice" heißt, gerät Bill ins Wunderland. Er erlebt Gefahren (eine Gang auf der Straße), Versuchung (eine anziehende Prostituierte nimmt ihn mit in ihre Wohnung), Abgründe (ein Kostümverleiher verhökert seine minderjährige Tochter an reiche Kundschaft). Verschlüsselte Botschaften werden ausgetauscht ("Fidelio", der Name von Beethovens einziger Oper und gleichzeitig ein Hinweis auf "Fidelity", die Treue, die er bald zu brechen bereit ist), und er sucht als "aufrechter Amerikaner" nach dem richtigen Weg, mit den Freizügigkeiten seiner Gattin umzugehen und sich selbst als Mann zu beweisen. Ein Ausweg aus dem Dilemma aber ist nicht in Sicht, nur immer verschlungenere Labyrinthe, die symptomatisch sind in Kubricks Schaffen. 

Bill/Cruise, der offenbar in seinem Leben nie fremdgegangen ist, muss sich ständig Verführungen widersetzen. Seine eigenen Wünsche muss er selbst erst entdecken und kann sie dann überhaupt nur ausleben, wenn er nicht mehr "er selbst" ist, sondern sich hinter Maske und Kapuze versteckt. Derart verkleidet findet er Zutritt zu einer Sexparty der besseren Kreise, doch sein wahres Ich wird umgehend enttarnt. Was Erotik betrifft, ist er ein Außenseiter und wird auch wie einer behandelt. Er wird aus seinem eigenen Traum unter Drohungen hinausbefördert. 

Wenn er am nächsten Tag alle Schauplätze seiner Reise durch die Nacht erneut abklappert, haben diese wie durch Zauberhand ihre Magie verloren. Die Faszination weicht der Ernüchterung, alle verschlüsselten Botschaften stellen sich als banal heraus. Die kurze Begegnung mit seiner dunklen Seite aber hat unseren Doktor so verschreckt, dass er sich heulend zu seiner Frau bekennt und beide zwischen Teddybären und Spielzeug beim Weihnachts-Shopping beschließen, alles beim alten zu lassen und die kurz offen gelegten Geheimnisse unter den Teppich zu kehren, wo sie in der Welt der heilen amerikanischen Familie auch hingehören. Die Ehe - so suggeriert es Kubrick - ist nichts weiter als eine Vereinbarung, nach der beide Partner ihre wahre Natur verheimlichen und sich - wie Kinder - eine Traumwelt zurechbasteln (die Augen bleiben hübsch 'geschlossen', wie der Titel sagt), die nur gelegentlich von der Realität eingeholt wird. Die männliche Überlegenheit hingegen ist ein Relikt, das längst durch Zweifel und Unsicherheit abgelöst wurde. Die Masken spielen eine wichtige Rolle in EYES WIDE SHUT - die tatsächlichen wie die metaphorischen.


Kubrick inszeniert seine Traumnovelle wie gewohnt langsam, kühl und mit analytischem Blick. Er nimmt sich viel Zeit und zieht den Zuschauer hinein. Dialogszenen scheinen endlos zu dauern, jede für sich ist ein eigenes Drama in mehreren Akten. Die Atmosphäre ist beklemmend, hypnotisch und fesselnd. Kubrick hat so lange an seinem Film gearbeitet, dass einige Darsteller aufgrund anderer Verpflichtungen ersetzt werden mussten (Jennifer Jason Leigh), andere hingegen wurden ausgetauscht, weil Kubrick nicht zufrieden war (Harvey Keitel spielte ursprünglich die Rolle, in der nun Sydney Pollack zu bewundern ist). Der perfektionistische Regisseur wollte von Anfang an ein Filmpaar, das auch in der Realität verheiratet war und liebäugelte kurz mit Alec Baldwin und Kim Basinger, bevor er die Rollen Cruise und Kidman gab. Kidman spielt hier eine untergeordnete Rolle und taucht nach dem ersten Akt kaum noch auf (außer für einen Monolog, in dem sie Cruise von einem Traum berichtet, ohne zu ahnen, dass er selbst gerade aus einer Traumwelt kommt und sie beide in einer übergeordneten Traumwelt leben). 

Obwohl Cruise die Hauptrolle spielt und der Film tief in dessen Seelenleben eindringt, ist EYES WIDE SHUT ein Film der Frauen. Cruise tritt als Schauspieler zurück und überlässt den Partnerinnen die Bühne. Marie Richardson, Vinessa Shaw und Julienne Davis nutzen sie brillant für große Vorstellungen, während Cruise stets Projektionsfläche bleibt. Eine ebenso richtige wie geniale Entscheidung von Regisseur und Star. Erwähnt werden muss noch Alan Cumming, der eine einzige, aber fantastische Szene erhält, in der er als Hotelrezeptionist Cruise so schamlos anbaggert, dass man förmlich den bösen Spaß spürt, den Kubrick und Cumming dabei gehabt haben müssen, Cruise aus dem Konzept zu bringen. Der lässt sich aber nicht anmerken, dass er gegen die Wand gespielt wird, dafür ist er zu sehr Profi.

Es gibt noch viel mehr zu sagen und noch mehr zu entdecken in diesem Film, doch für heute belassen wir es dabei, dass EYES WIDE SHUT der letzte Geniestreich seines Schöpfers war. Ebenso wie seine Vorgänger ist auch dieser Kubrick unverwechselbar, eigenwillig, polarisierend, verführerisch und vielschichtig. Ob er ein würdiger Schwanengesang für einen der größten Regisseure aller Zeiten ist, sei dahingestellt. "Familiengrab" (1976) war auch nicht Hitchcocks bester Film. Es ist nicht der Abschluss, der zählt, sondern das Gesamtwerk. Und das von Kubrick ist ohne Frage einzigartig.  


Ich wünsche einen fröhlichen Jahreswechsel - mit oder ohne Maskenball - und jedem den Mut, sich zu seinen geheimen Fantasien zu bekennen. 

10/10


Samstag, 29. Dezember 2012

Die Rache der Pharaonen (1959)

Die Mumie ist mal wieder los. Wie üblich wird sie von unvorsichtigen Archäologen in Ägypten freigelegt und stapft dann - einem Fluch und einer düsteren Beschwörung folgend - durch Haustüren, Fenster und Sümpfe, um die Grabschänder zu bestrafen.

Die britischen Hammer Films erhielten von den amerikanischen Universal-Studios offiziell die Rechte für eine Neuverfilmung des Klassikers "The Mummy" (1932), der Plot des von Jimmy Sangster verfassten Drehbuchs orientierte sich aber eher an späteren Mumien-Filmen wie "The Mummy's Tomb" (1940) oder "The Mummy's Hand" (1942).
Wie üblich fällt diese britische Variante unter der Regie von Terence Fisher - der zuvor schon Frankenstein und Dracula erfolgreich neu belebte - äußerst kurzweilig und farbenfroh aus und reduziert eine komplexe Geschichte auf unterhaltsames Groschenroman-Niveau. Der Gewaltfaktor ist auf beinahe Null zurückgeschraubt, sehenswert sind aber die fantasievollen Kostüme und Beleuchtungseffekte. Visuell gehört DIE RACHE DER PHARAONEN zu den schönsten Hammer-Produktionen. Die Farben explodieren förmlich auf der Leinwand und verschleiern gekonnt das schmale Budget, das man lediglich an den zu engen und kulissenhaften Bauten (gemalte Himmel, künstliche Pflanzen) erkennt, die nie überzeugend vermitteln, der Film würde tatsächlich in Ägypten spielen.

Die Schauspieler agieren gewohnt souverän. Peter Cushing gibt den besorgten Mumienprofessor mit Hinkebein, Christopher Lee hingegen muss die meiste Zeit mit schlammigem Klopapier umwickelt durch die Szenerie torkeln. Dafür bekommt er eine ausgiebige Rückblende, in der er ohne Mumien-Verkleidung zu sehen ist. Er bemüht sich, dem Monster eine tragische Note zu verleihen, wenn er in Cushings Ehefrau (Yvette Furneaux) seine damalige Geliebte wiederzuerkennen glaubt, aber das Mumien-Kostüm schränkt ihn doch zu sehr ein.

DIE RACHE DER PHARAONEN ist nicht der beste Mumien-Film aller Zeiten, das ist und bleibt das Original mit Boris Karloff. Er ist aber um Welten besser als das gleichnamige Stephen Sommers-Spektakel von 1999, das eher an die Indiana Jones-Filme angelehnt ist denn an klassischen Universal-Horror. Wer mit den Produktionen der Hammer Studios nicht viel anfangen kann, der wird auch an diesem Werk nicht viel Freude haben, aber für Fans bietet es genügend Abwechslung und farbenprächtige Grusel-Unterhaltung.

07/10

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Crazy, Stupid Love (2011)

Etwas Heiteres zum Jahresabschluss gefällig? Bitteschön!

Es gibt wohl kaum noch jemanden, der ernsthaft bestreiten würde, dass das Genre der Romantic Comedy heute toter als tot ist. Natürlich bestätigen Ausnahmen wie immer die Regel, aber im Grunde hat das Genre scheinbar nichts Neues mehr zu bieten, wie die jämmerliche Parade komplett künstlicher, überraschungsfreier und stets nach demselben Schema ablaufender, witzloser Streifen beweist, die stets auf Stars denn auf Komödianten zugeschnitten sind und Namen wie Aniston, Butler, Bullock, Hudson und Heigl eher bitter aufstoßen denn begeistern.
Umso überraschter war ich, als ich mir CRAZY, STUPID LOVE (Crazy, Stupid Love) ansah. Warum ich das tat? Die Besetzung ließ mich zumindest hoffen. Und tatsächlich fühlte ich mich über zwei Drittel der Laufzeit gut unterhalten. Man sollte allerdings schnell abschalten, bevor die gefühlten 35 Enden losgehen, denn da stürzt der Film schneller ab als ein Kamikazeflieger in Pearl Harbour.

In CRAZY, STUPID LOVE wird Familienvater Steve Carell von seiner Frau Julianne Moore verlassen, weil sie die eheliche Routine nicht mehr erträgt (man staunt, dass Moore im letzten Drittel noch dabei ist, wenn der Film selbst in die totale Hollywood-Routine verfällt). Carell kommt mit dem Single-Dasein nicht zurecht und heuert den Gigolo und Aufreißer Ryan Gosling an, um ihm auf die Sprünge zu helfen, was nach einigen Anlaufschwierigkeiten auch gelingt. Gosling selbst erlebt ebenfalls eine unerwartete Romanze. Und nicht nur das - sogar der minderjährige Sohn von Carrell entdeckt seine Herzensdame, und Julianne Moore findet den Ex plötzlich wieder ganz anziehend...

Doch, da gibt es eine Menge, was man mögen kann an diesem heiteren Liebesreigen. Zuallererst darf man feststellen, wie angenehm es ist, dass sich ein Film dieses Genres überhaupt mit mehreren Generationen beschäftigt und nicht nur auf die unter 20jährigen zugeschnitten ist. Die Probleme von Männern und Frauen um die 40, die plötzlich alleine dastehen und sich in einer vom Jugendwahn beherrschten Gesellschaft nach einem passenden Partner umsehen müssen, sollten viel öfter thematisiert werden.
Danach muss man die Besetzung loben, allen voran Ryan Gosling, der zwar nicht die Hauptrolle spielt, aber so unverschämt gut aussieht (Partnerin Emma Stone kommentiert seinen nackten Oberkörper mit den Worten: "Are you kidding me? You look like you've been photoshopped!") und gar Unmengen an coolem Charme versprüht, dass man aufpassen muss, keine Minderwertigkeitskomplexe zu kriegen. Und das mit einer Rolle, die im Grunde eher schmierig und unsympathisch angelegt ist, was Gosling aber locker überspielt. Gegen Gosling hat kaum jemand eine Chance, Steve Carell aber hält gut dagegen und bekommt ein paar wirklich gelungene Gags (der Moment, in dem eine junge Schönheit im Restaurant lächelnd auf ihn zuschwebt und sich unerwartet als Kellnerin entpuppt, die lediglich die Rechnung bringt, ist ein echtes Highlight). Julianne Moore ist immer fantastisch in Dramen und nicht ganz so gut in Komödien (wer das bezweifelt, sollte sich die 4. Staffel von "30 Rock" ansehen), aber das spielt keine Rolle, weil man ihr einfach gerne zusieht. Neben Kevin Bacon erhält Marisa Tomei die absolute Abräumer-Nebenrolle, in der sie schlicht zum Brüllen komisch ist und das Wort "Asshole" häufiger gebraucht als Al Pacino in "Scarface" (1983) das 'F'-Wort von sich gab.

Das Drehbuch von Don Fogelman wartet mit viel Dialogwitz, skurrilen Situationen und peinlichen Momenten auf, die Regisseure Glenn Ficarra und John Requa legen ein ordentliches Tempo vor, und man sieht dem Ensemble an, dass es Spaß hat. Das überträgt sich durchaus nicht in jedem Film, hier aber schon. Wie gesagt, in den ersten zwei Dritteln kann ich die Komödie nur empfehlen. Danach kommen dann die unvermeidlichen Verwicklungen, es gibt eine 'überraschende Wendung', die überhaupt nicht überraschend ist, wenn einem die ähnliche Haarfarbe zweier Darstellerinnen aufgefallen ist (und es ist unmöglich, das zu übersehen), dann folgen viele Tränen, Versöhnungen, zu viele Schlüsse und die unvermeidliche 'große, öffentliche Liebeserklärung', die man schon so oft gesehen hat, dass allein die Ankündigung Brechreiz hervorruft. Die Konflikte werden auf die simpelste Art gelöst, alles wird verziehen, und alle haben sich furchtbar lieb - also genau die kitschig-zuckrige Soße, die uns Hollywood seit Jahrzehnten immer neu serviert und hofft, dass man sie immer wieder schluckt. Zugegeben, ein großer Erzählstrang bleibt relativ offen, aber das rettet den Film auch nicht mehr vorm Über-Schmalz.

Schade, schade, schade, denn CRAZY, STUPID LOVE hatte bis dahin eine echte Chance, nicht in dieser Ecke zu landen. Möglicherweise ist das auf Einmischungen des Studios zurückzuführen, man weiß es nicht genau. Man fragt sich aber, wann es wieder so weit ist, dass eine romantische Komödie von vorne bis hinten witzig, spritzig, geistreich und frech sein darf, so wie es die Screwball-Klassiker der 30ern oft (nicht immer) waren. Wer aber zum Ende des Jahres noch einmal herzhaft lachen und sich an den Liebsten/die Liebste/das Sofakissen kuscheln möchte, der ist hier ziemlich richtig. 

07/10


Montag, 24. Dezember 2012

Frohe Weihnachten 2012!


Allen Filmfreunden, Trash-Fans und ganz besonders den Lesern meines kleinen Blogs wünsche ich auch in diesem Jahr wieder ein schaurig-schönes Weihnachtsfest, ob im Overlook-Hotel, in Hill House, im Dorf der Verdammten oder wo immer Ihr auch seid. Und damit es Euch nicht wie unserer armen Joan Collins unten in "Geschichten aus der Gruft" (1972) geht, nicht vergessen: hat man soeben den Gatten mit dem Schürhaken erlegt, während ein entlaufener Irrer im Weihnachtsmannkostüm draußen ums Haus schleicht, sollte man lieber nicht die Türen öffnen! Kann einem das ganze schöne Fest (und die erhoffte Erbschaft) versauen...  




Samstag, 22. Dezember 2012

The Happening (2008)

Nein, das ist kein Film über wilde Woodstock-Orgien, sondern ein weiterer Versuch M. Night Shyamalans, die Welt davon zu überzeugen, dass er keine Eintagsfliege ist. Was nicht gelang. Tatsächlich war THE HAPPENING (The Happening) ein weiterer Schritt Shyamalans in die eigene Bedeutungslosigkeit.

In New York fallen die Bauarbeiter plötzlich wie Fliegen vom Gerüst, und auch im Central Park bringen sich die Leute gleich massenweise selbst um die Ecke. Schuld daran ist ein Nervengift, das von Pflanzen freigesetzt wird. Biologielehrer Mark Wahlberg versucht mit seiner Frau Zooey Deschanel und dem Kind eines befreundeten Kollegen, der Seuche zu entkommen. Aber wie läuft man vor Wind und Pflanzen davon?

Regisseur M. Night Shyamalan huldigt seinem großen Vorbild Alfred Hitchcock und konstruiert mit THE HAPPENING seine Version von "Die Vögel" (1962). Hier wie da wehrt sich die Natur gegen die Menschheit und lässt den Terror dort entstehen, wo niemand ihn vermutet hätte. Shyamalan hatte nach dem gewaltigen Flop "Das Mädchen aus dem Wasser" (2006) große Probleme, das Vertrauen der Geldgeber wieder zu gewinnen. Heute ist Shyamalans Ruf nach mehreren Misserfolgen und der künstlerischen Bankrotterklärung "Die Legende von Aang" (2010) fast vollständig ruiniert. Aus dem Fall Shyamalan kann man lernen, dass man einen Neuling nicht mit Etiketten wie "Hitchcock-Nachfolger" zupflastern sollte, bevor dieser nicht bewiesen hat, dass er konstant gute Arbeit abliefert.

THE HAPPENING beginnt ganz kurz sehr vielversprechend, wird aber schnell bemerkenswert albern und uninteressant. Sogar Shymalans schwächere Filme wie "The Village" (2004) oder "Signs" (2002) konnten noch mit starken Suspense-Sequenzen aufwarten, doch THE HAPPENING bleibt banal und oberflächlich. Am meisten erstaunt, dass der Film so schmucklos aussieht, beinahe wie ein TV Movie. Selbst das Kostümbild ist flach - die Darsteller sehen sämtlich aus, als seien sie bei H&M eingekleidet worden. Alles an THE HAPPENING wirkt billig und eilig zusammengekleistert. Eine Stimmung der drohenden Apokalypse, die der Stoff gebraucht hätte, kommt nicht mal im Ansatz auf.

Dazu versucht Shyamalan, die fehlende Spannung durch einige ungewohnt blutige Splattereffekte und Zynismus zu ersetzen. Da bekommt schon mal ein Kinderdarsteller eine Ladung aus der Schrotflinte in den Kopf, und ein armer Tierpfleger wird im Zoo von Raubtieren zerrissen. Die besten Momente in Shyamalans Filmen sind aber gerade die subtilen, stummen Sequenzen, in denen man das Schlimmste erwartet und trotzdem überrascht wird - davon gibt es hier weit und breit keine.
THE HAPPENING wirkt eher so, als hätte der Regisseur selbst kein Vertrauen in seine Geschichte. Da helfen auch keine kitschigen Momente gegen Ende, wenn mal wieder der männliche Hauptdarsteller (wie in allen Shyamalan-Filmen) heulend im Keller sitzt. Das hatten wir schon bei "Signs" und wird auch durch die Wiederholung nicht besser. Sogar James Newton Howards Musik wirkt wie schon mal dagewesen.

Die Schauspieler können auch nichts reißen. Mark Wahlberg, gegen den ich persönlich gar nichts habe (im Gegenteil, ich war ein großer Fan seiner Unterwäsche-Kampagne in den 90ern), übersteht den Film mit zwei Gesichtsausdrücken (staunend oder emotionslos), und den Biologielehrer nehme ich ihm nicht eine Sekunde ab. Sagen wir mal, Wahlberg ist nicht gerade der Typ, dem man ein abgeschlossenes Studium glaubt. Zooey Deschanel spielt seine Gattin so 'skurril' und nervtötend, wie sie alle Rollen spielt (warum ist die eigentlich so populär?), und in einer Wegwerf-Nebenrolle wird der großartige John Leguizamo ('Benny Blanco from the Bronx') völlig verschenkt. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit "Carries" Turnlehrerin Betty Buckley.

THE HAPPENING funktioniert - wenn überhaupt - noch am besten als Trash, auch wenn  man bezweifeln darf, dass er als solcher konzipiert wurde. Er ist auf belanglose Art unterhaltsam und hat viele unfreiwillig komische Momente zu bieten, etwa, wenn Wahlberg mit einer Zimmerpflanze spricht oder ganze Gruppen von Menschen versuchen, vor dem sich drehenden Wind davonzulaufen (!). Obwohl deutlich die Spannung fehlt, hat THE HAPPENING zumindest ein ganz anständiges Tempo und keine Überlänge, so dass er sich ganz passabel wegschaut. Das soll aber keine Empfehlung sein. Möglicherweise wäre THE HAPPENING mit größerem Budget besser geworden, aber wer einen solchen Reinfall wie "Das Mädchen aus dem Wasser" inszeniert hat, kriegt das Geld eben nicht mehr nachgeworfen.

04/10

Montag, 17. Dezember 2012

Horror Express (1972)

Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn ist immer ein Erlebnis - ganz besonders, wenn sich unter den Mitreisenden zwei Horror-Veteranen wie Christopher Lee und Peter Cushing befinden. Der eine (Lee) spielt einen Anthropologen, der ein zottiges Urvieh in einer Kiste mitgebracht hat, der andere (Cushing) ist ein neidischer Kollege, der zu gern wissen würde, was der Konkurrent da im Gepäckraum verstaut hat. Bald darauf bricht das Monster aus der Vorzeit aus und metzelt sich durch die Waggons...

Der spanisch-britische Horror-Beitrag HORROR EXPRESS (Pánico en el Transiberiano) ist mittlerweile ein verdienter Trash-Klassiker. Die Schwierigkeit besteht darin, eine gute Kopie davon aufzutreiben, denn der Film befindet sich im Public Domain, d.h. jeder Billig-Anbieter kann ihn auf DVD pressen und auf den Grabbeltisch werfen, wie es ihm beliebt. Dann und wann erlebt man eine ganz ordentliche Veröffentlichung, aber die meisten Versionen sehen grauenhaft aus.
Trotzdem kann der Film auch in mieser Aufmachung begeistern, denn der ist große Klasse. Regisseur Eugenio Martin inszeniert mit viel Tempo und serviert dem geneigten Horror-Fan eine delikate und stimmungsvolle Schlachtplatte, die so viel Charme besitzt, wie ihn sich komplette andere Filme wünschen würden. Die Besetzung mit den Hammer-Stars Lee und Cushing ist natürlich ein unglaublicher Gewinn. Beide sind bekannt dafür, sogar in schlechten Filmen nie durchblicken zu lassen, dass sie gern woanders wären und spielen auch hier mit großem Ernst und Nonchalance. Sie machen den Trash erst zur Perle. Der dritte große Name im Ensemble ist Telly Savalas, doch der tritt erst nach einer guten Stunde Filmzeit auf und ist für den Verlauf der Handlung relativ überflüssig. Trotzdem schön, ihn zu sehen, Willkommen an Bord. 

Wer Filme liebt, die in Zügen spielen, der liegt hier sowieso goldrichtig. Wie die alte Eisenbahn da dampfend und pfeifend durch die eisige Nacht und bizarren Winterlandschaften braust (einige davon sind nur gemalt, was der irrealen Atmosphäre zugute kommt), während sich im Inneren das Grauen abspielt, das ist schon allerfeinste Schauer-Unterhaltung. Das Drehbuch vermengt fröhlich verschiedene Genre-Elemente und wird mit zunehmender Laufzeit immer absurder. Was wie ein klassischer Monsterfilm mit einer unheimlichen Kreatur in der Kiste beginnt, entwickelt sich zum Körpertausch-Horror, dann stellt sich heraus, dass das Monster eigentlich ein Außerirdischer ist, der wieder auf seinen Heimaplaneten zurück will (ein Ding aus einer anderen Welt eben), und im Finale, wenn sämtliche Opfer des Aliens von den Toten wieder auferstehen und die letzten Überlebenden durch den ratternden Zug jagen, mutiert der Film dann endgültig zum Zombie-Schocker.

Ausstattung, Kostüme, Musik und Effekte sind zwar sehr schlicht und preiswert, aber absolut effektiv. Die Aufnahmen der Opfer, denen das Blut aus allen Körperöffnungen strömt, während ihre Augen glasig werden, sind trotz zahlreicher Wiederholungen nie langweilig. Und sogar Humor gibt es: wenn Peter Cushing eine Obduktion vornehmen will und seine ältere Assistentin bittet: "Ich brauche Ihre Hilfe", wirft die nur einen Blick auf seine sexy Reisegefährtin und antwortet "Das wundert mich nicht bei einem Mann Ihres Alters". Und wenn der ermittelnde Zug-Inspektor die Herren Cushing und Lee fragt, ob nicht einer von ihnen das Monster sei, erwidert Cushing mit tödlicher Entrüstung: "Monsters? We're british!" Von solchen Dialogperlen gibt es einige.

HORROR EXPRESS bietet wuschelige Monster, schöne Frauen, distinguierte Herren, Gehirnoperationen, Augen, die mit Injektionsnadeln gepiekst werden, schwarzen Humor und spart auch nicht mit Kirchenkritik (ein unheimlicher Mönch - nein, nicht der von Edgar Wallace - biedert sich bei förmlich jedem an, sogar beim Monster). Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Der Film funktioniert am besten im Winter - und sogar bei miserabler Bildqualität. Das ist ein großes Kompliment.

08/10



Freitag, 14. Dezember 2012

Love Crime (2010)

Was für eine Wohltat! Manchmal gehen Filme einfach runter wie das sprichwörtliche Öl, und dies ist so einer. Man muss natürlich auf Filme stehen, in denen sich zwei Power-Schauspielrinnen einen gepflegten Zickenkrieg liefern, angefangen von "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961) bis "Tagebuch eines Skandals" (2006). Wer daran Freude hat, für den wird LOVE CRIME (Crime d'Amour) ein solcher Genuss sein wie für mich.

Erinnert sich noch jemand an die Mike Nichols-Komödie "Die Waffen der Frauen" (1988)? LOVE CRIME könnte man ungefähr als Thriller-Variante beschreiben. Hier übernimmt Kristin Scott Thomas die Rolle der biestigen Chefin, die der naiven, aber hochtalentierten Assistentin Ludivine Sagnier die brillanten Ideen klaut, während sie der Angestellten gegenüber stets betont, wie wichtig Teamarbeit sei. Dafür schnappt sich Sagnier den Lover der Vorgesetzten (Patrick Mille) und wird im Gegenzug von ihrer Chefin bei einer Party öffentlich gedemütigt. Fortan sinnt Sagnier auf Rache, und plötzlich befinden wir uns nicht mehr in einem Yuppie-Drama aus der Welt der Hochfinanz, sondern in einem tiefschwarzen Film Noir über den perfekten Mord...

Ja, das klingt toll und ist es auch. Regisseur Alain Corneau darf man schon als Altmeister bezeichnen, zu seinen bekannten Werken gehört das Krimi-Drama "Wahl der Waffen" (1981). Er versteht sich auf Schauspielführung und inszeniert seinen überraschenden Thriller so ruhig, sicher und unaufgeregt, wie es nur die Franzosen können. Kaum Musikuntermalung, entrümpelte Bilder von großer Klarheit, ein komplett zurückgenommenes Farbkonzept, in dem fast ausschließlich Braun- und Grautöne dominieren, und eine Abfolge vieler kurzer, aber prägnanter Szenen bestimmen die Erzählung. Ohne jeden Rummsbumms oder sinnlose Ablenkung darf man bei diesem weiblichen Katz- und Mausspiel zuschauen, und die Damen haben ein unübersehbares Vergnügen bei ihren Boshaftigkeiten. Kristin Scott Thomas, die mühelos den Sprung ins französische Arthouse-Kino geschafft hat, wirft sich mit so viel Vergnügen in die Rolle der eiskalten Chefin aus der Hölle, dass sie allein den Besuch lohnen würde, aber wenn in der zweiten Hälfte die überraschenden Wendungen einsetzen, gehört der Film eindeutig der jungen Ludivine Sagnier, die sich vom geprügelten Opfer in einen vom Wahnsinn gezeichneten Racheengel verwandelt.

Die einzige Mäkelei betrifft das letzte Drittel, in welchem sämtliche zuvor gelegten Hinweise und Spuren raffiniert eingelöst werden und man als Zuschauer nur staunen kann, mit welcher Mühe da ein Mordkomplott erdacht wurde, aber es fehlt gegen Ende irgendwie noch die Krönung. Ich muss leider so vage bleiben, weil ich hier ganz bestimmt nicht spoilern möchte. Ich kann nur jedem, der Lust auf unterschwellige Spannung mit zwei der besten Schauspielerinnen des europäischen Films hat, LOVE CRIME ans Herz legen. LOVE CRIME lief übrigens bereits im TV unter dem Titel "Liebe und Intrigen", bevor er unter dem etwas besseren Titel auf DVD veröffenticht wurde.

Brian de Palma hat soeben ein Remake von LOVE CRIME inszeniert, das mit dem Titel "Passion" nächstes Jahr in die Kinos kommt (oder auch nicht, das weiß man erst, wenn es soweit ist). Dort spielen Noomi Rapace und Rachel McAdams Chefin und Angestellte. Man darf gespannt sein, was de Palma aus dem Stoff macht (wenn man dem Plakat trauen kann, wird der homoerotische Subtext der Frauenbeziehung deutlich hochgeschraubt - was für eine Überraschung), gleichzeitig ist LOVE CRIME in jeder Beziehung so hervorragend, dass die Welt wirklich auf ein Remake verzichten kann.

09/10

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Event Horizon (1997)

Im Jahr 2047 sucht die Besatzung eines Bergungsraumschiffs nach der verschollen geglaubten 'Event Horizon', die nach Durchquerung eines selbst erschaffenen Schwarzen Lochs in den Tiefen des Alls verschwunden war, jetzt aber wieder Signale aussendet. An Bord des Geisterschiffes müssen die Rettungskräfte entsetzt festellen, dass sich die Crew der 'Event Horizon' gegenseitig abgeschlachtet hat. Und nciht nur das - plötzlich werden ihre eigenen Ängste und Horrorvisionen lebendig...

Das haben wir doch schon mal gehört?
Die britisch-amerikanische Co-Produktion EVENT HORIZON (Event Horizon) von Paul W.S. Anderson war ein Überraschungserfolg in den Kinos, der bewies, dass man kein Multimillionen-Budget braucht, um einen effektiven Sci-Fi-Horror mit beeindruckenden Spezialeffekten zu erschaffen. Der Film hat sich einen eigenen Kultstatus erobert und wird gemeinhin besser besprochen als er in Wirklichkeit ist, aber wer damit leben kann, dass hier inhaltlich so ziemlich die gesamte Sci-Fi-Filmgeschichte geplündert wird, der wird mit grandiosen Bildern und einer schön schaurigen Atmosphäre belohnt, ganz zu schweigen von einem klasse Techno-Score.

Das große Vorbild für EVENT HORIZON ist natürlich Tarkowskis "Solaris" (1972), aber man entdeckt auch ausgiebig genutzte Elemente aus "Alien" (1979), "Aliens- Die Rückkehr" (1986), "The Dark Side of the Moon" (1990), "Forbidden Planet" (1956) und weiteren Werken bis hin zu "Hellraiser" (1987). Das Konzept basiert auf dem klassischen Old, Dark House-Prinzip, in dem eine Gruppe Eindringlinge in einem von der Umwelt abgeschlossenen Objekt (Spukschloss, Geisterbahn, Nostromo) von finsteren Mächten terrorisiert wird. So schafft auch EVENT HORIZON den Spagat zwischen altmodischem Gruselkino und modernstem Effekte-Spektakel überraschend gut und wirkt wie der Film eines begeisterten jungen Fans, der die Lieblingsfilme seiner Kindheit noch einmal frisch zusammenbringt.

Die ausgezeichnete Kameraarbeit und das originelle Set-Design sorgen für die Schauwerte, die das Drehbuch leider nicht liefern kann, denn da wird wirklich kein Klischee ausgelassen, sei es die Mannschaft im Hyperschlaf, der gefährliche Weltraum-Spaziergang, die tödliche Sicherheits-Schleuse, das kaputte Raumschiff, das repariert werden muss und so den finalen Timelock liefert, die verschlüsselte Bordaufzeichnung, das angebliche Notsignal, bis hin zur schlussendlichen Mega-Sprengung. Eigentlich fehlt nur noch die Rettung der Bordkatze Jones, aber Tiere gibt es hier weit und breit nicht zu sehen.

Die Besetzung des Films ist solide bis hervorragend, leider sind die Charaktere aber so eindimensional gezeichnet wie in einem gewöhnlichen Slasher-Film, so dass die Darsteller kaum etwas herausreißen können. Der arme Richard T. Jones muss sogar den stereotypen 'lustigen Schwarzen' spielen, der allen Ernstes der knackigen Joely Richardson nach absolviertem Kälteschlaf einen Kaffee hinhält und fragt, ob sie etwas 'heißes, schwarzes in sich" haben möchte. Aua! Laurence Fishburne und Kathleen Quinlan zeigen noch die besten Leistungen und sind die Sympathieträger fürs Publikum, während man Sam Neill als Designer der 'Event Horizon', der im Laufe des Films immer mehr den Verstand verliert, den Bauch einzieht und zum Superbösewicht mutiert, nur als Fehlbesetzung bezeichnen kann. Neill ist ein guter Schauspieler, aber ungefähr so bedrohlich wie ein Weihnachts-Butterkeks. Da kann er sich so viele Augen rausreißen, wie er will.

Nichtsdestotrotz - wer sich kurzweilig und nicht allzu intelligent unterhalten lassen will, der ist hier schon ganz richtig. EVENT HORIZON ist kein Meilenstein des Genres, sondern eher ein poppiges Best-Of, aber als knalliges Popcorn-Kino mit ein paar herzhaften Splattereinlagen (die ruhig noch deftiger hätten ausfallen können) und einer guten Handvoll Schockmomente funktioniert der Film ausgesprochen gut - auch und weil er unter der Hochglanz-Oberfläche reinster Trash ist.

7.5/10


Montag, 10. Dezember 2012

Breakdown (1997)

Eine Dame verschwindet - schon wieder!

Aber keine Angst, BREAKDOWN (Breakdown) ist nicht einfach nur eine aufgewärmte und wiedergekäute Variante der alten Hitchcock-Idee, sondern einer der besten Thriller der 90er.
Kurt Russell spielt hier einen netten Zeitgenossen, der mit seiner Frau Kathleen Quinlan quer durchs Land reist, um nach Kalifornien umzuziehen. Das Paar steckt in Geldschwierigkeiten und will einen Neustart wagen. Auf einsamer Landstraße schneiden sie einen Truck und haben kurz darauf eine Autopanne in der Einöde. Der freundliche Trucker J.T. Walsh bietet an, Quinlan zum nächsten Telefon zu bringen, während Russell auf den Abschleppdienst wartet. Als Russell aber endlich nachkommt, ist seine Frau verschwunden, und keiner will sie gesehen haben...

Zugegeben, die Idee ist tatsächlich nicht neu. Nach Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938), dem übrigens eine wahre Geschichte zugrunde lag, welche der Meister selbst als Episode seiner TV-Serie "Alfred Hitchcock Presents" mit  Tochter Patricia in der Hauptrolle inszenierte, wurde sie u.a. von Otto Preminger für "Bunny Lake ist verschwunden" (1965) oder Polanski in "Frantic" (1988) wieder aufgegriffen. Regisseur Jonathan Mostow benutzt den Einfall für eine Mischung aus (im positiven Sinne) altmodischem Thriller und moderner Action. Der Grund für Quinlans Verschwinden ist in diesem Fall keine Spionagegeschichte oder ein psychologisches Katz- und Mausspiel, sondern eine schnöde Erpressung. Um seine Frau wieder zu bekommen, muss Russell einen Batzen Geld auftreiben, leider aber steckt er selbst finanziell in der Klemme. Wie er versucht, die Entführer hereinzulegen und die Gattin aus deren Fängen zu befreien, das ist schon allerfeinstes Suspense-Kino, selbst wenn es im Finale dann allzu brachial zugeht und der Film das richtige Maß etwas aus dem Auge verliert.

Die Wüstenkaffs und Trucker-Restaurants vor endlosem Horizont sind dabei eine grandiose Kulisse, vor der die Einsamkeit des Helden, der plötzlich ohne jede Bezugsperson in fremder Umgebung dasteht, noch beängstigender wirkt. Die Besetzung mit Kurt Russell ist insofern problematisch, weil das Publikum ihn als zupackenden Kerl kennt, der unter John Carpenter schon schleimige Aliens, Präsidenten-Entführer und magische Monster in Little China zur Strecke gebracht hat. Man vertraut darauf, dass er es schon richten wird. Polanski hatte in "Frantic" ein ähnliches Problem mit Harrison Ford, bzw. dessen Image. Sowohl Ford als auch Russell zeigen jeweils sehr gute Darstellungen (Russell gehört nach meiner Meinung ohnehin zu den Schauspielern, die immer unterschätzt werden), aber die Filme bräuchten eigentlich einen harmlosen Jedermann, der völlig unvorbereitet in eine alptraumhafte Situation gerät. So geht ein Teil der Beklemmung verloren, was dem Film letztendlich aber nicht schadet, denn der will ohnehin intelligentes Popcorn-Kino sein, und das gelingt ihm ausgezeichnet.

Jonathan Mostow befolgt dazu die alte Hitchcock-Regel, dass ein Thriller immer nur so gut ist wie sein Bösewicht, und als solcher ist J.T. Walsh herrlich fies und widerlich. Man wünscht ihm und seinen Handlangern die Pest an den Hals und freut sich über jeden Teilerfolg, den Russell im Kampf gegen die Lotterbande erzielt.
Selbstverständlich darf auch bei keiner Rezension des Films vergessen werden, dass BREAKDOWN neben Hitchcock ganz heftig Spielbergs "Duell" (1971) zitiert und sich ein wenig als moderne Variante versteht. Dem Vorbild kann er zwar nicht das Schmieröl reichen, aber was das wenig originelle oder innovative Kino der 90er angeht, gehört BREAKDOWN dank eines klugen Drehbuchs, guter Darsteller und einfallsreicher Regie, die mehr auf emotionale Spannung als auf Sensationen setzt, zu den Thriller-Highlights. Das Publikum honorierte das und machte den mit eher bescheidenen Mitteln finanzierten Film zum überraschenden Kassenhit.

08/10


Freitag, 7. Dezember 2012

Frankensteins Fluch (1957)

Baron Frankenstein (Peter Cushing) wartet in der Todeszelle auf seine Exekution und erzählt einem Priester, was bis hierhin geschehen ist - von seiner frühen Begeisterung als Halbwüchsiger für die Wissenschaft, von seiner Zusammenarbeit mit dem Mentor Paul Krempe (Robert Urquhart) und den ersten Versuchen, tote Tiere ins Leben zurückzuholen, bis er schließlich den künstlichen Menschen (Christopher Lee) erschafft - mit den bekannt katastrophalen Konsequenzen...


FRANKENSTEINS FLUCH (The Curse of Frankenstein) war der erste Farbfilm der Hammer-Studios und legte den Grundstein für die legendäre Horrorfilmreihe der britischen Produktionsfirma. Der Film war ein Riesenerfolg und konnte mit seiner Mischung aus Horror, Sex, Grausamkeiten, sorgfältiger Ausstattung und exzellenten Darstellern das Publikum begeistern, während die Kritiker sich eher düpiert zeigten angesichts der "Verschundung" der literarischen Vorlage. Drehbuchautor Jimmy Sangster hat hier lediglich ein paar Elemente des Romans zusammengeklaubt und daraus ein eigenes Gebräu hergestellt, das weder den Geist noch den Inhalt von Mary Shelleys Werk wiedergibt. Unter der straffen Regie von Terence Fisher ist ein unterhaltsamer Grusel-Schocker entstanden (mit seinen 75 Minuten Laufzeit dürfte FRANKENSTEINS FLUCH auch die weitaus kürzeste Adaption des epischen Romans sein), der heute sicher mit seinen braven Splatter-Effekten niemanden mehr vom Hocker reißt, der aber seinerzeit durchaus einige Tabus brach. Da darf der Baron schon mal in muffigen Korridoren mit dem Zimmermädchen knutschen, während seine Verlobte Elizabeth (Hazel Court) tadellos frisiert beim Tee nebenan sitzt. Nebenbei darf er sich als Grabräuber betätigen, Gehirne und Augen einwecken und abgetrennte Hände mit nach Hause bringen. Das knallrote Blut fließt reichlich, die Dekolletés bleiben aber noch hochgeschlossen. 

Dargeboten wird diese Hommage ans Grand Guignol von einem hervorragenden Ensemble, allen voran der immer sehenswerte Peter Cushing, der es schafft, mit großer Ernsthaftigkeit und intensiver Leidenschaft durch diesen Groschenroman zu gehen. Was die Monster-Kreation angeht, enttäuscht der Film allerdings. Er verzichtet bewusst auf das berühmte Karloff-Makeup (Fisher wurde von Universal juristisch untersagt, Karloffs Maske auch nur ansatzweise zu kopieren) und lässt stattdessen Christopher Lee als graugesichtigen Zombie mit Glasauge und Bandagen herumstolpern, weswegen er eher an Romeros Untote im Supermarkt erinnert als an die klassischen Filmmonster. Die Szene, in der Baron Frankenstein das Monster wie ein Hündchen an der Kette hält und 'Sitz' machen lässt, wurde dann auch fast 1:1 von Romero in "Zombie 2" (1985) übernommen.
Das ist deshalb so schade, weil die meisten Adaptionen das Monster im Sinne Shelleys als tragische Kreatur begreifen, die unfreiwillig ins Leben geworfen wird und in ihrem Schöpfer Frankenstein - dem wahren Monster - die Vaterfigur sieht, die es vernichten muss. Bei Fisher und Sangster fehlt das alles komplett, und Christopher Lees Herumgestolpere im Wald wirkt dann leider auch stellenweise unfreiwillig komisch. Als Dracula hatte Lee zwar auch nicht mehr Text, konnte aber wenigstens seine unvergleichliche Präsenz einsetzen.

FRANKENSTEINS FLUCH hat seinen festen Platz in der Geschichte des Horrorfilms eingenommen, weil er den Ruhm und Welterfolg der Hammer Studios begründete. Da die Zuschauer offensichtlich bereit waren, die verstaubten  Klassiker in neuen, farbenprächtigen und blutigen Gewändern zu sehen, entstanden kurz darauf mit "Dracula" (1958) und "The Mummy" (Die Rache der Pharaonen, 1962) weitere Neuverfilmungen alter Stoffe, die qualitativ besser waren als dieser Erstling, welcher trotz seiner kleinen Schwächen haushoch über späteren Frankenstein-Adaptionen steht. Wir erinnern uns alle noch mit Schaudern an Kenneth Branaghs operettenhafte Schmonzetten-Variante (und die aufgemalten Bauchmuskeln des eitlen Regisseurs/Hauptdarstellers)... das war Grusel der ganz anderen Art. 

08/10

Mittwoch, 5. Dezember 2012

DVD-Veröffentlichung: Die Wendeltreppe (1945)

Erst kürzlich habe ich mal wieder herumgejammert, dass Klassiker wie Robert Siodmaks "Die Wendeltreppe" (1945) hierzulande noch auf eine Veröffentlichung warten, und bumms, da ist er heimlich, still und leise gerade neu erschienen, und zwar in der Reihe "Midnight Movies".
Diese ist zwar bekannt dafür, längst überfällige Klassiker wie "Du lebst noch 105 Minuten" (1948) herauszubringen, leider geschieht das aber oft in liebloser Form, so auch hier. Immerhin liegt neben einer schönen Hartbox mit dem Original Plakatmotiv auch der englische Originalton vor (was bei "Du lebst noch 105 Minuten" nicht der Fall war), aber die deutsche Tonspur weist einen durchgehenden Brummton auf. Für den entschuldigt sich der DVD-Anbieter zwar vor dem Film auf einer Texttafel (mit schmerzendem Schreibfehler), aber viel kaufen kann man sich dafür nicht. 

Nun sind weite Teile des Films ohnehin stumm (ebenso wie die Protagonistin), insofern ist man mit dem O-Ton so oder so besser bedient. Die Bildqualität geht in Ordnung. Ob sich der Kauf lohnt, darf also jeder für sich entscheiden. Das ist eines von vielen Beispielen, welchen Stellenwert anerkannte Meisterwerke der Filmgeschichte in der Konsumlandschaft haben.


Dienstag, 4. Dezember 2012

The Roommate (2011)

Kann man einen Film rezensieren, von dem man nur 15 Minuten gesehen hat? Ich denke schon, es verstößt zumindest gegen kein Gesetz, und ich werde dafür nicht bezahlt. Meine Lebenszeit ist mir auch sehr wichtig (oder wie Geena Davis in "Die Fliege" sagt: "Ich werde auch nicht jünger"), und wie oft ist es tatsächlich passiert, dass ein Film, der einen nach zehn Minuten schon ins Wachkoma befördert, plötzlich zum meisterhaften Thriller mutiert? Ich würde mir die restlichen 80 Minuten von THE ROOMMATE (The Roommate) nicht mal ansehen, wenn sich unerwartet herausstellte, dass der verstorbene Stanley Kubrick aus dem Grab auferstanden und den Film unter Pseudonym gedreht hätte (obwohl...dann vielleicht schon). Außerdem konnte ich immerhin trotz des kurzen 'Vergnügens' eine interessante Entdeckung machen, aber dazu später.

Also, bei THE ROOMMATE (The Roommate) wollte ich eigentlich nur wissen, wie wohl ein Remake von "Weiblich, ledig, jung sucht..." (1992) für die heutige, junge Zielgruppe aussieht, denn um genau das handelt es sich hier. Nun hatte auch der seine (kleinen) Schwächen und war von anderen Filmen stark beeinflusst, aber er konnte immerhin einen guten Regisseur, einen Meister hinter der Kamera und mit Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh zwei klasse Schauspielerinnen mit Persönlichkeit und Charisma vorweisen (ganz zu schweigen von Komponist Howard Shore). THE ROOMMATE hat von alledem - nichts.

Mir schwante das schon während des todlangweiligen, hundertmal dagewesenen Beginns. Die Hauptdarstellerin und ihre böse Zimmergenossin konnte ich nicht wirklich voneinander unterscheiden, sie sind vollkommen austauschbare Fernseh-Gesichter, oberflächlich hübsch, wenn man auf diesen Typ Girlie steht, aber ansonsten leer, ausdrucks- und farblos. Den Ausschlag zum Abschalten gab dann aber  das 'Meet Cute' unserer Protagonistin mit ihrem Traummann auf einer 'hippen' College-Party. Sie begegnen sich, indem sie unabsichtlich zusammenstoßen, wobei sie ihren Drink verschüttet. Das ist nun wirklich dermaßen originell, dass ich wusste, den Rest des Films kann ich mir getrost sparen. Man weiß sowieso, was kommt. Ohne es gesehen zu haben, würde ich tippen, die böse Mitbewohnerin erledigt ein paar Typen, die ihrer Beziehung zu der neuen Freundin im Weg stehen, steckt vielleicht auch ein paar Kätzchen in Kochtöpfe, bis am Ende die gebeutelte Studentin um ihr Leben kämpfen muss. Gähn. 

Interessant war allerdings der Blick in die 'Deleted Scenes' der DVD. Da findet sich nämlich eine alternative Vorspann-Sequenz, die mit atmosphärischen Bildern und passender Musik die leere Wohnung der beiden Studentinnen zeigt, in der sich bald das Böse einnisten wird. Keine große Kunst, aber gut gemacht, stimmungsvoll, ruhig (!!) und mit wenigstens einem Einfall. In der offiziellen Version hingegen beginnt der Film mit völlig banalen Bildern vom College-Campus und von unserer fröhlichen Protagonistin zu fetziger Musik.
Wer wissen will, was mit dem aktuellen Hollywood-Kino alles nicht in Ordnung ist, der sollte hier einige Antworten finden. Zumindest, was das Mainstream-Kino angeht, finden künstlerische Einfälle nur noch als Deleted Scenes statt. Ich freue mich schon irre auf "Hangover 4" als Special Edition mit Interviews, Audiokommentaren, Bildergalerie, Making of und "Citizen Kane" (1941) als DVD-Bonus.


01/10 (für die ersten 15 Minuten)

Sonntag, 2. Dezember 2012

Cecil B. (2000)

Die schräge Action-Komödie CECIL B. (Cecil B. Demented) ist John Waters' Liebeserklärung an den Independent-Film und seine Lieblingsregisseure. Melanie Griffith spielt hier einen snobistischen Hollywood-Star namens Honey Whitlock (mit deutlichen Bezügen zu Julia Roberts und Konsorten), die zur Premiere ihrer neuesten Romantic Comedy nach Baltimore reist, wo sie in einer spektakulären Aktion vom irren Underground-Filmemacher Cecil B. Demented (Stephen Dorff) und seiner Gang filmbegeisterter Freaks entführt wird. In einem leerstehenden alten Kino planen sie den ultimativen Autorenfilm mit Honey als Gallionsfigur. Die sträubt sich anfangs noch, kann sich aber mehr und mehr mit den Zielen der Gruppe anfreunden und steht bald selbst auf der Seite der Guerilla-Filmer. Gemeinsam stürmen sie Multiplexe, Filmverkaufsveranstaltungen und die Dreharbeiten von "Forrest Gump 2", um der Welt zu beweisen, dass Blockbuster der Tod des Kinos sind...

Wenn man John Waters' Ansichten über die aktuelle Filmlandschaft teilt, dann kann man mit seinem abgefahrenen CECIL B. eine Menge Spaß haben. Zwar erreicht er hier nicht die Klasse und den satirischen Witz seiner besten Werke, aber für unterhaltsamen Trash ist durchweg gesorgt. Als typischer Elefant im Porzellanladen schießt Waters gegen Mainstream à la "Forrest Gump" und Wohlfühl-Kino wie "Patch Adams" ("Patch Adams" braucht keinen Director's Cut! Die Kinofassung war lang genug!"), daneben macht er sich auch über die Unantastbaren der Filmindustrie lustig, wie Katharine Hepburn und David Lean (den er für einen der langweiligsten Regisseure aller Zeiten hält), allein weil er Lust darauf hat. Schon im Vorspann, wenn auf alten, verranzten Kinofassaden die Namen absurder Blockbuster auftauchen, wird klar, dass Waters hier so richtig schön die Sau rauslassen kann.

Dass er Melanie Griffith für CECIL B. gewinnen konnte, die damals noch zur A-Riege gehörte, bevor sie ironischerweise selbst dem Jugendwahn Hollywoods zum Opfer fiel und in die hintere Reihe verbannt wurde, wo sie seitdem versucht, durch bizarre Schönheitsoperationen an einstigem Glamour festzuhalten, ist ein wahrer Glücksfall, und Griffith wirft sich mit Spaß und Verve in die Rolle - so wie es vor ihr Kathleen Turner in "Serial Mom" (1994) tat. Stephen Dorff, der immer gut in B-Movies ist, spielt den wahnsinnigen Cineasten als übergeschnappte Mischung aus Cecil B. DeMille und Erich von Strohheim, und zum Rest seiner Gang jugendlicher Terror-Filmfreaks gehören u.a. Alicia Witt als ehemaliger Pornostar, Maggie Gyllenhaal und Jack Noseworthy. Die üblichen Verdächtigen des Waters-Stammensembles wie Ricki Lake und Mink Stole dürfen ebenfalls nicht fehlen, und wenn im Finale Patricia Hearst auftaucht, die in vielen Waters-Filmen mitspielte, wird spätestens klar, dass der Film natürlich ihre eigene Geschichte erzählt (die Kurzfassung: Millionenerbin Hearst wurde in den 70ern von Terroristen entführt, verliebte sich in den Anführer und raubte mit ihnen Banken aus. Sie machte das Stockholm-, bzw. Helsinki-Syndrom berühmt).

Auch wenn nicht alle Gags zünden, bietet CECIL B. genügend Tempo, Ballereien, Kreischereien, bösen Witz und so viele Insider-Gags, dass die Laufzeit im Flug vorbeigeht. John Waters hat in seinem Leben nie einen auch nur ansatzweise verlogenen Film gemacht. Selbst die gefälligeren Mainstream-Werke wie "Hairspray" (1988) tragen seine unverkennbare Handschrift. In CECIL B. findet er trotz Starbesetzung wieder zurück zum schundigen Underground-Film und sagt offen, was er denkt und was er verabscheut. Er spuckt in mächtige Gesichter der Filmindustrie und huldigt die Außenseiter, die Subversiven, die Eigenständigen und die Unterschätzten - Sam Fuller, Fassbinder, Preminger, Anger und H.G. Lewis sind einige der Namen, die sich Cecils Gang auf die Körper tätowiert hat. In deren Andenken kämpft Waters für den Erhalt des unabhängigen Autorenkinos. Dass CECIL B. nicht jedermanns Sache ist, muss man bei einem Waters nicht dazu sagen. Bitter ist, dass unter Waters' Slapstick sehr viel Wahrheit steckt und man heute feststellen kann, dass er auf verlorenem Posten kämpft.

08/10
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