Mittwoch, 30. Januar 2013

Eine Leiche zum Dessert (1976)

Was passiert, wenn die berühmtesten Detektive der Literaturgeschichte bei einem Wochenende in der Villa eines exzentrischen Millionärs aufeinander treffen, wo es neben Nebel aus der Maschine, unheimlichen Schreien, spinnwebenverhangenen Räumen und herabstürzenden Steinfiguren auch noch einen Mord um Mitternacht gibt, der aufgeklärt werden muss?

Das beantwortet der Film EINE LEICHE ZUM DESSERT (Murder by Death) von Robert Moore, in dem sich ein Top-Ensemble zum Dinner versammelt, welches jedes Filmherz höher schlagen lässt. Den Gastgeber Lionel Twain spielt Schriftsteller Truman Capote in einem seiner seltenen Leinwandauftritte, und die Stars Maggie Smith, David Niven, Peter Sellers, Peter Falk und Elsa Lanchester - um nur einige zu nennen - parodieren gut gelaunt ihre leicht abgewandelten Rollenvorbilder Charlie Chan, Miss Marple, Nick und Nora Charles, sowie Hercule Poirot und Sam Spade. Wer Sherlock Holmes vermisst, dem sei gesagt, dass dieser - dargestellt von Keith McConnell - ursprünglich am Ende des Films auftauchen sollte, wenn der 'Fall' bereits gelöst ist, doch die Szenen wurden vor der Premiere wieder entfernt, weil die Stars sich durch den Auftritt in den Hintergrund gedrängt fühlten (ach, die Eitelkeiten...).

Ansonsten aber beweisen sie alle jede Menge Humor und haben sichtlich Spaß an den Albernheiten des Drehbuchs, das eine findige Wendung nach der anderen serviert und im Finale so viele Mordtheorien präsentiert, dass man sich - selbst wenn man den Film mehrfach gesehen hat - nicht merken kann, wie nun eigentlich die Lösung des Falles aussieht. Damit macht sich EINE LEICHE ZUM DESSERT natürlich über die ausschweifenden Erklärungen und absurd-raffinierten Morde der Literaturvorlagen lustig, insbesondere die von Agatha Christie in den Poirot-Romanen. Doch auch die Detektive selbst bekommen ordentlich ihr Fett weg und werden entweder in ihren Marotten überzeichnet oder ins Gegenteil verkehrt.

So besteht Hercule Poirot/Milo Perrier (James Coco) zwar immer noch darauf, Belgier zu sein, ist aber ansonsten ein übergewichtiger, femininer Jammerlappen, der sich mehr ums Essen als um die Leiche beim Dessert sorgt und eine eindeutig-zweideutige Beziehung zu seinem muskulösen Chauffeur pflegt, während Charlie Chan/Inspektor Wang (Peter Sellers) sich vor allem durch schlechte Grammatik auszeichnet, die dem Gastgeber den letzten Nerv raubt - immerhin ist er Schriftsteller und scheint nichts mehr zu hassen, als wenn jemand den bestimmten Artikel nicht korrekt benutzt. Meine persönliche Lieblingsfigur ist - natürlich - Maggie Smith als wohlerzogen-manirierte Nora Charles/Dora Charleston, die sich zum Dinner in scharfe Fummel stürzt, zwischendurch einen Joint raucht und durch die vulgäre Redensweise der resoluten Miss Marple alias Jessica Marbles (Elsa Lanchester) angetörnt wird ("Ich steh' drauf, wie sie redet!"). Ebenso wunderbar ist Peter Falk als knallharter Noir-Detektiv mit dauergedemütigter Sekretärin/Geliebten (Eileen Brennan), der bei Aufträgen auch gern mal Frauenkleider trägt - angeblich nur Tarnung...

Abgerundet wird das Ensemble durch die herrlich blöden Auftritte von Alec Guiness als blindem Butler, der die größten Probleme hat, seiner taubstummen Köchin (Nancy Walker, bekannt als 'Tante Angela' aus den 'Golden Girls') Anweisungen fürs Dinner zu geben und später als nackte Leiche am Küchentisch sitzt.
Dass nicht immer alle Gags zünden, schmälert das Vergnügen überhaupt nicht, es ist allein schon eine Freude, diesen Komödianten bei der Arbeit zuzusehen. EINE LEICHE ZUM DESSERT gehört zu meinen Lieblingsfilmen, seit ich ihn als Kind im Fernsehen zum ersten Mal sah. Er landet regelmäßig im DVD-Player, wenn ich gute Laune brauche und bringt mich jedesmal wieder zum Lachen. Zeitlos witzig.

10/10


Montag, 28. Januar 2013

Mr. Brooks (2007)

Als Serienmörder hat man es auch nicht leicht. Davon kann Mr. Brooks (Kevin Costner) ein Lied singen. Erst wird er trotz sorgfältiger Planung beim Doppelmord beobachtet, dann steht der Augenzeuge (Dane Cook) auch noch mit Beweisfotos vor der Tür und verlangt, beim nächsten Mord dabei zu sein. Aber nicht nur das - eine clevere Ermittlerin (Demi Moore) ist dem mörderischen Geschäftsmann Brooks bereits auf den Fersen, und die eigene Tochter hat offenbar das Mörder-Gen geerbt...

Bruce A. Evans inszenierte mit MR. BROOKS (Mr. Brooks) einen Serienkiller-Thriller, der tief eintaucht in die Psyche seiner Hauptfigur, und die wird von Kevin Costner überraschend gut und mit viel Zurückhaltung gespielt. Er gehört noch immer nicht zu den begnadetsten Schauspielern aller Zeiten, aber für seine Verhältnisse - und der Tatssache, dass er (fast) nie den Bösen spielt - ist ihm mit MR. BROOKS doch eine außerordentliche Charakterstudie gelungen. Um Brooks' innere Zerrissenheit darzustellen (er will das Töten aufgeben, kann sich aber seiner Sucht nicht entziehen), stellt der Film ihm mit William Hurt ein Alter Ego zur Seite, das nur von Costner gesehen wird und diesen ständig zu weiteren üblen Taten anstachelt. Ob Hurt nun Costners Vater sein soll, das wird zwar nicht ausgesprochen (er hat nur einen Vornamen), aber deutlich suggeriert. Das Zusammenspiel der beiden ist die eigentliche Attraktion des Films - besonders, wenn sie wie Spiegelbilder agieren und die gleichen Bewegungen machen. Das hat man in der Form noch nicht gesehen.

Als Costner vom jungen Dane Cook unter Druck gesetzt und erpresst wird, entsteht mit dem folgenden Katz- und Mausspiel eine hübsche Hitchcock/Highsmith-Situation. Leider erfahren wir zu wenig über die von Cook gespielte Figur, damit diese wirklich interessant wird, er taucht unverhofft auf und ist von Mord und Totschlag fasziniert, was ihn aber antreibt, oder woher seine Faszination kommt, das wird nicht weiter ergründet.
Ebenso schade ist, dass die ausgefeilte Psycho-Studie durch zu viele Subplots immer wieder unterbrochen und in den Hintergrund gedrängt wird. So gibt es neben dem Hauptstrang noch einen entlassenen Gefängnisinsassen, der hinter Cop Demi Moore her ist (und immer dann auftaucht, wenn der Film dringend Action benötigt), dazu erfahren wir noch alles über deren Scheidungsprobleme, und als wäre das nicht genug, stellt sich auch noch das schwangere Töchterlein von Costner als Mörderin heraus, der Vati aus der Patsche helfen muss - natürlich ebenfalls durch Mord. Damit haben wir dann Psychostudie, Serienkiller-Thriller und Familiendrama, alles in einem.

Das alles lässt den Film oft konfus und unfokussiert wirken. Der Umstand, dass Demi Moore eine Multimillionärin spielt, die trotz haufenweise Kohle als Cop arbeitet, um ein Vaterproblem abzuarbeiten, ist eine nette Spiegelung der Costner/Hurt-Beziehung, aber da gleitet MR. BROOKS leider in billige Küchenpsychologie ab. Gegen Demi Moore selbst, die viel Kritik einstecken musste, habe ich hingegen nichts, ich bin ja bekennender 'Nicht-Demi-Moore-Hasser'. Sie sieht spektakulär gut aus (und noch nicht ganz so wächsern wie mittlerweile, obwohl auch hier ihre Stirn schon verdächtig faltenfrei ist) und verleiht ihrer im Grunde uninteressanten Rolle wenigstens ein bisschen Klasse. Sie und Costner haben übrigens nicht eine gemeinsame Szene, und die Art, wie sie in ihrem Fall ermittelt, ist weitgehend hanebüchen (sie hat immer wieder 'Ahnungen', die durch nichts begründet werden, die sie aber schnell ans Ziel bringen). Wenn man genau darüber nachdenkt, könnte man sämtliche Szenen mit Moore aus dem Film entfernen, ohne dass etwas Wesentliches fehlen würde. Schon seltsam.

Dafür gibt es gegen Ende ein paar überraschende Wendungen, die zwar nicht alle Sinn machen (eine davon stellt sich als Alptraum heraus - das hatten wir ja lange nicht!), aber den Film zumindest nicht langweilig werden lassen. MR. BROOKS wirkt so, als habe jemand eine intime Psycho-Studie (à la "One Hour Photo", 2002) machen wollen, die dann aber mit Gewalt zum konventionellen Thriller umgekrempelt wurde. Ach ja, und in einer Nebenrolle wird Marg Helgenberger ("CSI") als Costners Ehefrau komplett verschenkt. Auch schade.

Fazit: MR. BROOKS ist spannende, gelegentlich auch schwarzhumorige Unterhaltung mit guten Darstellern und einem interessanten Blick in die Psyche eines Killers, wird aber zu oft von unnötigen Nebenhandlungen ausgebremst und hinterlässt am Ende einen eher zwiespältigen Eindruck. Schwer zu beurteilen. Einer dieser "Kann man, muss man aber nicht"-Fälle.

7.5/10

Samstag, 26. Januar 2013

Vom Satan gezeugt (1975)

Ein alter Gynäkologen-Spruch, der schon in "Rosemary's Baby" (1968) ausgesprochen wurde, lautet, keine Schwangerschaft ist wie die andere. Bei manchen Frauen verläuft sie problemlos, bei anderen - wie Juliet Mills in VOM SATAN GEZEUGT (Chi Sei?/ Beyond the Door / The Devil Within Her) - nicht ganz so.
Die spuckt zunächst blutige Innereien, zertrümmert das Aquarium ihres Mannes und stößt derbe Flüche aus. Soweit alles normal. Dann aber erwachen die Spielzeuge ihrer Kinder zum Leben und fliegen durchs Zimmer, der Embryo wächst schneller als die Polizei erlaubt, und ein ehemaliger Lover (Richard Johnson) ist hinter ihr her, um sicherzugehen, dass das Kind auch zur Welt gebracht wird. Der hat nämlich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und lässt sich auch von literweise Rahmspinat nicht abhalten, den Juliet ihm ins Gesicht göbelt. Ist Juliets Kind etwa der Spross des Satans?

William Friedkins "Der Exorzist" (1972) hat uns Freunden der gepflegten Horror-Unterhaltung nicht nur einen der besten Filme aller Zeiten geschenkt, sondern auch jede Menge herrlich blöder Nachahmer. Die meisten kamen aus Italien, wo die Horror-Maschinerie Mitte der 70er auf Hochtouren lief und alles gnadenlos kopiert wurde, was nicht bei drei auf dem Baum war. Alberto de Martino kam mit seinem "L'Antichristo" (1975) um die Ecke, dem armen Mario Bava wurde sein  persönlicher Liebling "Lisa und der Teufel" (1974) vom Produzenten unterm Hintern wegezzogen und zum Exorzismus-Schocker umgeschnitten, und den größten Hit landete Ovidio G. Assonitis mit VOM SATAN GEZEUGT, der "Rosemary's Baby" gleich mitverwurstete und weltweit zum Kassenknüller wurde (in den USA landete er gleich hinter "Jaws"). Aber auch in Deutschland durfte man sich über sexuelle Satans-Auswüchse in "Magdalena - Vom Teufel besessen" (1972) fremdschämen.

Der Witz ist, dass die meisten Exorzisten-Nachahmer nicht verstanden haben, dass das Vorbild mehr ist als ein alberner Film über eine Erbsensuppe kotzende Göre. Der Fairness halber sei gesagt, dass man das auch in den USA nicht begriffen hat, wie die unsinnigen Sequels und Prequels zu Friedkins Film zeigen. Keiner aber ist so großartig bescheuert wie VOM SATAN GEZEUGT. Alle diese Filme übrigens zeigen eine bemerkenwerte, männliche Angst vor dem weiblichen Körper. Alles, was mit Körperflüssigkeiten, Ausscheidungen und dem, was 'unten rum' passiert, zu tun hat, wird in den Exorzisten-Filmen zum Mittelpunkt von Horror und Ekel. Das mag überinterpretiert sein, aber ich habe doch selten bis nie mal einen Kerl vom Satan besessen gesehen, der sich ein Kruzifix in den Allerwertesten steckt, es sind immer Mädchen und Frauen.

In der Hauptrolle spielt hier die respektierte Juliet Mills, als ginge es um einen Oscar. Gerade noch hatte sie für Billy Wilder gearbeitet ("Avanti, Avanti", 1972), schon liegt sie hier im italienischen Exploitation-Kino mit grausig-gräulichem Make-Up im Bett und dreht ihren Kopf um 360 Grad, wenn sie gerade nicht durchs Zimmer schwebt oder an merkwürdige EEG-Elektroden angeschlossen wird ("Die Gehirnaktivität ist gleich Null", sagt der Arzt bei der Untersuchung, aber ob er nur die Patientin oder den Film meint - man weiß es nicht genau).
An ihrer Seite agiert Argento-Stammschauspieler Gabriele Lavia ("Deep Red", 1974) nachvollziehbar verwirrt, und Richard Johnson spielt den unheimlichen Stalker, der hier Max von Sydow ersetzt und das finale Duell mit der vom Gehörnten besessenen Hausfrau bestreitet. Johnson, der immerhin mal in einem der subtilsten Horrorfilme aller Zeiten mitwirkte ("The Haunting", 1964), hatte eine erfolgreiche zweite Karriere im italienischen Trash-Kino und ist unvergessen als Zombie-Wissenschaftler in Lucio Fulcis "Woodoo" (1979), einem meiner absoluten Lieblingsfilme.

Subtil ist in VOM SATAN GEZEUGT hingegen nichts, und das ist auch gut so. Die 'Spezialeffekte' laden eher zum Totlachen ein, die Handlung ist komplett konfus (Regisseur Assonitis weiß oft nicht, welchen Film er zuerst kopieren soll), und keiner der Charaktere benimmt sich annähernd wie ein menschliches Wesen. Eine mögliche Abtreibung etwa wird kurz angesprochen, aber gleich wieder fallen gelassen (ist halt ein italienischer Film), während der Arzt/Hausfreund des Ehepaares sich zwar wundert, dass der Fötus mehrere Schwangerschaftsmonate überspringt, allerdings nicht so sehr, dass er darüber sein Mittagessen vergessen würde ("Das klingt ja alles schrecklich, Robert! Gibst du mir mal das Salz?"). Und weil Mia Farrow als Rosemary gern rohes Fleisch verschlang, muss die arme Juliet Mills eine olle Bananenschale von der Straße aufklauben und herzhaft abschleckern. MMmmmmmm.

Der größte Brüller aber sind die Kinder von Mills und Lavia, die - obwohl erst im Vorschulalter - fortwährend in einem Gossenjargon sprechen, der Al Pacinos Tony Montana stolz machen würde. Die deutsche Synchronfassung übertreibt es dabei wie so oft und lässt sie noch geschmackloseres Zeug daherreden. Als Zuschauer traut man seinen Ohren kaum, wenn das kleine Mädchen zu dem noch kleineren Brüderchen, das nicht einschlafen kann, meint, er solle doch an seinem 'Schwänzchen spielen, das hilft immer' (im Original rät sie ihm lediglich, sich selbst Märchen zu erzählen)! Als der Kleine Fieber bekommt, sagt sie zur Mama, sie solle ihm ein 'Zäpfchen hinten rein schieben', dann ist Ruhe. So ist VOM SATAN GEZEUGT am Ende doch noch gelungene Propaganda für Geburtenkontrolle, denn wenn man diese missratenen Bälger gesehen hat - die übrigens nicht einen Funken Schauspieltalent besitzen - dann benutzt man beim nächsten Beischlaf lieber zwei Kondome.

Erwähnt werden muss noch, dass Regisseur und Produzent Assonitis Selbstironie beweist, wenn er überall im Hintergrund Erbsensuppe in Dosen platziert. Selbst als die Kinder zur besten Freundin geschickt werden, damit sie nicht mitansehen müssen, wie Mutti sich zum Affen macht, packen sie neben Büchern und Windeln die Suppe in den Koffer.

Die Herren von Warner Brothers übrigens fanden die vielen 'geborgten' Ideen inklusive Erbsensuppe so wenig witzig, dass sie eine Plagiatsklage einreichten, damit aber nicht durchkamen. Das erstaunt, weil hier wirklich alles schamlos geklaut ist. Gerade deswegen aber macht VOM SATAN GEZEUGT solchen Spaß, und für Trash-Liebhaber ist dieser Film ein 5-Gänge-Menü vom Sternekoch. Kann man sich heute noch vorstellen, dass Filme wie dieser mal tatsächlich in sämtlichen Kinos liefen? Ach, die gute alte Zeit...

08/10



Ähnlichkeiten sind rein zufällig und ganz bestimmt nicht beabsichtigt
Juliet Mills und Linda Blair, von Teufel und Spinat besessen.



Mittwoch, 23. Januar 2013

Red Eye (2005)

Fliegen ist nicht jedermanns Sache - ganz besonders nicht, wenn man einen unangenehmen Sitznachbarn hat, der entweder zu viel Platz beansprucht oder zu viel redet, oder aber droht, den eigenen Vater ermorden zu lassen, sollte man nicht unverzüglich seinen Anweisungen folgen und ein Attentat für ihn vorbereiten. Ich hasse es, wenn das passiert.
In Wes Cravens RED EYE (Red Eye) erlebt dieses Horror-Szenario die hübsche Rachel McAdams, die als Hotelmanagerin einen Nachtflug gebucht hat ohne zu ahnen, dass es sich bei dem netten jungen Mann neben ihr (Cillian Murphy) um einen eiskalten Terroristen handelt. Aber wie kommt man aus solch einer Lage, wenn man sich hoch über den Wolken befindet und niemanden um Hilfe rufen kann?

Mit "Red Eye" bezeichnen die Amerikaner Nachtflüge (nicht die roten Augen, die man - neben abgeschnittenen Köpfen - immer auf Familienfotos hat), und Wes Craven versucht sich hier als Mini-Hitchcock, indem er seinen Film überwiegend an einem begrenzten Schauplatz ansiedelt, so wie es der große Meister in Filmen wie "Das Rettungsboot" (1944) oder "Cocktail für eine Leiche" (1948) vorgemacht hat. Das Konzept wird natürlich nicht konsequent durchgezogen, da Cravens Thriller zu Beginn schon lange braucht, bis die Maschine überhaupt startet, aber auch da bedient sich der Regisseur bei seinem Vorbild und wendet dessen Kniff aus "Die Vögel" (1963) an, indem er seinen Film als romantische Komödie beginnen lässt, was die Zuschauer raffiniert verunsichert. Das Kennenlernen von MacAdams und Murphy in der Abflughalle, das nach klassischem Meet Cute gestaltet ist, folgt exakt den Regeln der RomCom (zufällige Begegnung, gemeinsames Erlebnis, Annäherung bei einem Cocktail, etc.). Umso überraschter ist man, wenn dann der Thriller losgeht, und der ist tatsächlich über weite Strecken extrem spannend - zumindest so lange sich die Maschine in der Luft befindet. So wie Colin Farrell in "Nicht auflegen" (2002) in der Telefonzelle feststeckt und um sein Leben fürchten muss, so muss sich MacAdams alles mögliche einfallen lassen, um aus ihrer misslichen Lage zu entkommen, während zu Hause ihr Vater (immer gut: Brian Cox) bereits von Auftragskillern bewacht wird, für den Fall, dass seine Tochter beim verbrecherischen Plan nicht mitspielt. Ebenfalls nach Hitchcocks Vorbild streut Craven immer wieder ein bisschen Humor ein (in Form der skurrilen Assistentin von MacAdams), um die Spannung aufzulockern.

Leider vertraut Craven der Situation im Flugzeug nicht so sehr, dass er seinen Film dort enden lässt und hängt ein lang gezogenes Finale dran, dass sowohl vollkommen unrealistisch als auch unlogisch ist und mit seinem Action-Aufwand den angenehmen Kammerspiel-Eindruck der ersten beiden Drittel verpuffen lässt - was dazu führt, dass man RED EYE am Ende als schwächer empfindet als er ist, denn der Mittelteil ist wirklich allerfeinstes Suspense-Kino. Neben den "Vögeln" gibt es übrigens auch noch zahlreiche Anspielungen auf "Der Mann, der zuviel wusste" (1956), wie etwa das zu verhindernde Attentat, bei dem sich unsere Hauptdarstellerin als starke Heldin beweisen muss. Wie sie das allerdings anstellt ist höchst unglaubwürdig. 
Rachel McAdams kann als ehrgeizige Hotelmanagerin überzeugen, Cillian Murphy ist ein klasse Bösewicht, der seinen Terroristen nie bis zur Karikatur überzeichnet und deswegen so furchteinflößend ist. Die beiden harmonieren gut miteinander und sind ein Filmpaar, das im Gedächtnis bleibt.

RED EYE ist ein knackiger, straffer Thriller ohne Schnörkel, der unter Cravens erfahrener Regie zum Überraschungshit wurde. Noch erfolgreicher war der zur selben Zeit entstandene "Flightplan" (2005). Der benutzt den gleichen  Schauplatz für einen ähnlichen Plot und kann immerhin mit Jodie Foster in der Hauptrolle aufwarten, aber die absurden Konstruktionen im Schlussteil sind dort noch enttäuschender als hier. Glaubwürdig sind beide Filme nicht, weil sie von Plänen erzählen, die in der Realität niemand ausführen würde (und die, selbst wenn, niemals klappen könnten, weil in der Rechnung der Finsterlinge viel zu viele Unbekannte vorkommen), aber für spannende Unterhaltung ist in beiden Fällen gesorgt. RED EYE ist mir aber im Vergleich sympathischer, weil er augenzwinkernder inszeniert ist und genau weiß, dass er albernes Entertainment ist, welches man besser nicht hinterfragen sollte.

7.5/10

Montag, 21. Januar 2013

Jennifer 8 (1993)

Unsere kleine Reise durch die Serienkiller-Thriller der 90er wird fortgesetzt mit JENNIFER 8 (Jennifer 8), einem atmosphärischen Schauerstück, das so viel besser hätte werden können, wenn der Film sich mehr auf seinen Plot denn auf eine schleppende Liebesgeschichte konzentrieren würde. 

Andy Garcia (seinerzeit noch Top-Star) spielt in JENNIFER 8 einen desillusionierten Großstadt-Cop, der auf dem Lande nach Ruhe und einem besseren Leben sucht. Dort aber geht gerade ein - genau - Serienkiller um, der es auf blinde Mädchen abgesehen hat. Sieben Opfer hat er bereits gefunden, das achte wird - so glaubt Garcia - die blinde Uma Thurman werden, die Zimmergenossin des letzten Opfers. Bevor Garcia sich versieht, hat er sich schon heillos in die Schöne verliebt, doch dann steht er plötzlich selbst unter Verdacht...

Keine Frage, JENNIFER 8 gehört - was Kamera und Atmosphäre betrifft - zu den besten Thrillern, die nach dem "Schweigen der Lämmer" (1991) modelliert wurden. Von der ersten Szene an, in der eine Frauenleiche auf einer verregneten Müllkippe aufgefunden wird (warum regnet es in Serienmörder-Filmen immer? Jüngstes Gericht?), über die wunderbar eingefangene Weihnachtsstimmung der kleinen Gemeinde bis zu apltraumhaften Morden im nächtlichen Schneesturm sieht JENNIFER 8 einfach durchweg fantastisch aus. Die Musik von Christopher Young passt sich der düsteren Inszenierung fabelhaft an und kann noch eigene Akzente setzen. Auch das Ensemble spielt auf hohem Niveau. Neben Garcia und der jungen Uma Thurman sind Lance Henriksen und Kathy Baker in wichtigen Nebenrollen zu sehen, und John Malkovich hat einen entscheidenden, schlichtweg genialen Auftritt, bei dem er Garcia eine schauspielerische Meisterklasse erteilt.

Leider, leider aber kümmert sich Regisseur Bruce Robinson viel zu wenig um den Thriller und rückt dafür die Romanze zwischen Thurman und Garcia in den Mittelpunkt des Films. Angeblich gab es große Probleme hinter den Kulissen, weil Robinson seine Vision des Films nicht gegen den Studiowillen durchsetzen durfte, aber wie auch immer diese ausgesehen hätte, sie wäre hoffentlich nicht so ermüdend geworden wie die offizielle Kinoversion, denn die hängt gewaltig durch. Nicht nur stimmt zwischen Garcia und Thurman die Chemie nicht (obwohl beide gut spielen), was möglicherweise daran liegt, dass Thurman zu kalt und unnahbar wirkt, sondern die Liebesgeschichte ist schlichtweg uninteressant.
Das führt dazu, dass JENNIFER 8, dessen Tempo ohnehin oft gegen Null geht, einfach nicht spannend genug ist, um Thriller-Fans bei Laune zu halten. Mit seinen zwei Stunden Laufzeit ist er definitiv zu lang, gerade wenn man bedenkt, wie wenig eigentlich passiert. Lediglich drei Szenen bleiben überhaupt in Erinnerung - der Malkovich-Auftritt, das kurze Finale und eine im positiven Sinne altmodische, aber sehr nervenzerrende Szene, in der die blinde Thurman von dem unheimlichen Killer in der Badewanne belästigt und fotografiert wird. Nur hier erreicht der Film die Qualität, die man eigentlich erwarten würde und knüpft an Klassiker wie "Die Wendeltreppe" (1945) oder "Warte, bis es dunkel ist" (1967) an, in denen Frauenfiguren mit körperlichen Defiziten zur Zielscheibe psychisch gestörter Mörder werden. Davon hätte es hier deutlich mehr geben müssen.

So bleibt unterm Strich ein wegen seiner atmosphärischen Bilder sehenswerter, letztlich aber enttäuschender Thriller, der aufgrund zu vieler Längen und verschenkter Möglichkeiten nicht den Status besitzt (und auch nicht so erfolgreich war wie erhofft), den er haben könnte. Schade.

6.5/10

Sonntag, 20. Januar 2013

Ermordet am 16. Juli (1993)

Der amerikanische Serienkiller-Thriller ERMORDET AM 16. JULI (When the Bough Breaks) wandelt offensichtlich auf den Spuren von Jonathan Demmes Erfolgsfilm "Das Schweigen der Lämmer" (1991), kann aber mit dem großen Vorbild kaum mithalten, auch wenn er es beinahe schon verzweifelt versucht.

In Houston, Texas, werden sieben Paar abgetrennte Kinderhände in der Kanalisation gefunden. Der örtliche Polizeichef (Martin Sheen) bekommt bei den Ermittlungen Hilfe von einer jungen Psychologin (Ally Walker), die selbst unter traumatischen Kindheitserlebnissen leidet. Sie findet Zugang zu einem verschlossenen Jungen (Tara Subkoff), der seit 10 Jahren in der städtischen Psychiatrie sitzt und jedes Jahr zum 16. Juli Hände an die Wände seiner Zelle malt. Steht er im Zusammenhang mit den Opfern oder dem Killer?

Die Ähnlichkeiten mit den schweigenden Lämmern bestehen hier nicht nur in der allgemeinen Serienkiller- und Profiler-Thematik, die Anfang der 90er groß in Mode war, sondern Regisseur Michael Cohn stellt - nach seinem eigenen Drehbuch - ganze Sequenzen nach, wie etwa den ersten Gang der Psychologin durch die unheimliche Psychiatrie, bis hinunter in den Keller, wo der gestörte Junge in seiner Einzelzelle sitzt. Das ist dann schon so munter kopiert, dass man Schwierigkeiten hat, nicht an Hannibal Lecter zu denken. Das Drehbuch schert sich dabei wenig um Glaubwürdigkeit und ignoriert offensichtliche Fragen wie die, was das eigentlich für eine psychiatrische Anstalt sein soll, in der scheinbar keine Psychiater arbeiten und ein minderjähriger Junge wie ein Schwerverbrecher gehalten wird? Die Annäherung von Psychologin und Patient ist dennoch recht spannend erzählt.

Auch visuell kann ERMORDET AM 16. JULI dem Vorbild nicht das Wasser reichen. Er sieht eher wie ein TV Movie aus, ist aber immerhin hübsch düster gefilmt. Den Dauerregen vom Beginn hält der Film leider nicht konsequent durch, das hat dann David Fincher in "Se7en" (1995) erledigt. An den darstellerischen Leistungen gibt es nichts zu meckern. Martin Sheen ist immer gut, auch wenn er wie hier kaum Charakter erhält und die zweite Geige spielt. Ally Walker spielt die sensible Psychologin mit Problemen so überzeugend, dass sie sich für eine eigene TV-Serie empfahl, in der sie ebenfalls eine Profilerin porträtieren durfte, und das mit ziemlichem Erfolg. "Profiler" überlebte immerhin 4 Staffeln. Man glaubt ihr, dass sie auf eigene Faust recherchiert und sich am Ende des Films - wie Jodie Foster im Vorbild - in die Höhle des Löwen begibt, um ein entführtes Kind zu retten. An dieser Stelle kippt der Thriller ins Horror-Genre ab, ist aber tatsächlich kurz mörderisch spannend und serviert dazu einen echten Schocker, der unvorbereiteten Zuschauern einen Herzinfarkt bescheren kann.

ERMORDET AM 16. JULI gehört nicht zu den schlechtesten "Lämmer"-Nachziehern der 90er und ist mir sogar wegen seiner unaufgeregten Erzählweise und Bescheidenheit definitiv sympathischer als groß aufgeblähte Kopien wie "Denn zum Küssen sind sie da" (1997) oder "Der Knochenjäger" (1999). Gesehen haben muss man ihn aber nicht. Nette Unterhaltung mit einigen Logiklöchern und einem nervenzerrenden Finale.

07/10

Freitag, 18. Januar 2013

Eine pornographische Beziehung (1999)

Sie treffen sich immer Donnerstags, um ihre sexuellen Sehnsüchte auszuleben, ohne sich aber den Risiken einer Liebesbeziehung oder Partnerschaft auszusetzen. Sie haben keine Namen. Getroffen haben sie sich per Inserat, schon bei ihrer ersten Begegnung hat es für sie gestimmt. Doch kann man eine sexuelle Beziehung eingehen und die Gefühle draußen lassen?

Frédréric Fonteyne hat dieses kleine Kammerspiel mit den beiden grandiosen Schauspielern Nathalie Baye und Sergi López inszeniert und damit einen meiner Lieblingsfilme geschaffen. Zwei Menschen, zwei Gesichter und eine wunderbare, simple Filmidee - sowie die Frage, wo Liebe und Zuneigung eigentlich anfangen. Wann ist eine Beziehung eigentlich eine Beziehung? Wie entsteht Nähe, und was entspringt zwangsläufig aus ihr?

EINE PORNOGRAPHISCHE BEZIEHUNG (Une Liaison Pornographique) verführt den Zuschauer durch seinen Titel, ein erotisches Abenteuer zu erwarten. Das findet aber nur für die Charaktere statt, das Publikum wird diskret draußen gehalten. Wenn die Hotelzimmertür sich hinter den beiden schließt, können wir nur ahnen, was passiert. Schon bei ihrer ersten Begegnung aber funkt es, das spürt man deutlich, auch die beiden spüren das. Immer wieder ergeben sich Momente, in denen mehr möglich zu sein scheint als die auf Distanz gehaltenen Treffen, doch beide verweigern sich, mehr voneinander oder übereinander zu erfahren, sogar über sich selbst. Keiner von beiden glaubt mehr an die Liebe, keiner will verletzt werden. Die Absage an die Liebe ist bei beiden eine Lüge, und verletzt werden sie trotzdem.

Der Film zeigt beide in Interviewsituationen mit einem imaginären Off-Interviewer, in der sie über die zurückliegende Beziehung berichten. Beide schildern das Kennenlernen und das Verhältnis mit kleinen Unterschieden, manchmal erinnern sie sich falsch, haben Details ausgeblendet oder werden vom Film eines Besseren belehrt. Das ist ganz großes Schauspielkino, witzig, spannend und nie voyeuristisch. Nathalie Baye zuzuschauen, wie sie ihren Weg geht, ist aufregender (und plastischer) als 3-D-Kino. Sergi López ist ein echter Traummann. Am Ende ist man nicht viel schlauer über die Liebe oder das Leben. Die Charaktere auch nicht. Oft reichen Beobachtung und Miterleben völlig aus. Man ist traurig, dass die beiden, die doch so sehr füreinander bestimmt wirken, nicht über ihren Schatten springen können. Aber so war es abgemacht. Wenigstens bleibt ihnen das schmerzhafte Ende ihrer Liebe erspart. Oder auch nicht.

Filme über Versuche der Anonymität im erotischen Miteinander gibt es einige. Der berühmteste dürfte wohl "Der letzte Tango in Paris" (1972) sein, wo Marlon Brando und Maria Schneider es wild treiben, ohne sich näher zu kommen. Doch so wie Bertolucci Tabus bricht ("Reich mir mal die Butter!") und sein Publikum schockieren will, so leise und zurückhaltend ist Fonteyne.

EINE PORNOGRAPHISCHE BEZIEHUNG ist hierzulande nicht auf DVD erhältlich, er ist aber momentan auf ARTE in mehreren Wiederholungen zu sehen. Ich kann ihn jedem Cineasten nur ans Herz legen. Ein kleiner, großer Film, wie man so schön sagt. Sehr französisch und sehr intim. Da passt der Titel doch schon wieder.

10/10

Mittwoch, 16. Januar 2013

Hammer House of Horror (1980)

Ende der 70er war die große Zeit der britischen Hammer Films vorbei. Daher versuchte das Studio, im Fernsehen Fuß zu fassen und kreierte mehrere Horror-TV-Serien, von denen HAMMER HOUSE OF HORROR die beste ist. Im deutschen TV (die Älteren erinnern sich) lief sie unter dem Titel  "Gefrier-Schocker".

HAMMER HOUSE OF HORROR besteht aus 13 (!) abgeschlossenen Episoden. Neben übernatürlichen Themen wie Werwölfen, Geistern und Voodoo tauchen auch Mordpläne, Serienkiller und Kannibalen auf. Einige Folgen sind eher humorvoll angelegt, die meisten aber versuchen sehr ernsthaft, das Fernsehpublikum zu Tode zu erschrecken. Das 50-Minuten-Format führt in einigen Fällen dazu, dass die knackigen Geschichten manchmal sichtlich in die Länge gezogen wirken (die Episoden eines durchschnittlichen Amicus-Spielfilms dauern höchstens halb so lang), aber anders als in vergleichbaren Serien sind hier sogar die schwächeren Episoden sehenswert, Totalausfälle sucht man vergebens. Die Production Values sind - in der Tradition der Hammer Filme - überwiegend niedrig gehalten, dafür gibt es aber ein Wiedersehen mit alten Hammer-Bekannten wie Peter Cushing und Robert Urquhart (beide haben zusammen in "Frankensteins Fluch", 1957 gespielt), sowie prominente Gaststars wie Denholm Elliott, Diana Dors, Jon Finch und Brian Cox. Einen kurzen Auftritt hat der junge Pierce Brosnan. 
Auch die technischen Mitarbeiter gehören zum vertrauten Hammer-Team. Neben Komponist James Bernard, der viele der Hammer-Klassiker vertont hat, zeichnen u.a. Alan Gibson ("Dracula jagt Mini-Mädchen", 1972), Peter Sasdy ("Wie schmeckt das Blut von Dracula", 1970) oder Don Sharp ("Der Kuss des Vampirs", 1962) für die Regie verantwortlich.
Hier sind meine vier Lieblings-Episoden in der Kurzübersicht:

1. DIE EXPERMIENTE DES MR. BLUECK  (The Silent Scream)
Brian Cox kommt gerade aus dem Gefängnis und übernimmt einen Job in der Zoohandlung von Peter Cushing, der geheimnisvolle Experimente mit Raubtieren durchführt. Zu spät merkt der Ex-Knacki, dass sein Chef ein ehemaliger KZ-Arzt ist, der in Cox sein nächstes Versuchskaninchen wittert. Da sitzt der auch schon in der Falle... eine krude, aber packende Story, jede Menge Suspense sowie ein bitter-komisches, extrem düsteres Ende zeichnen diese Episode aus - und natürlich die Mitwirkung Peter Cushings, der gegen Ende seiner Karriere oft den ehemaligen Nazi-Schergen spielen musste (siehe auch "Shock Waves", 1977). 

2. DAS HAUS DES GRAUENS (The House that Bled to Death)
Eine junge Familie zieht in ein heruntergekommenes Haus, in dem vor Jahren ein Ehemann seine Gattin in kleine Stücke gehackt hat. Kaum eingezogen, gehen die mysteriösen Vorgänge auch schon los. Die Hauskatze stirbt grausam, eine abgetrennte Hand liegt im Kühlschrank, und die alte Mordwaffe hängt an der Wand. Spukt es hier, oder will da jemand unsere Familie vertreiben? ... Hier wird die Story von "The Amityville Horror" (1979) sehr schwarzhumorig aufs Korn genommen, inklusive einer überraschenden Pointe, die man nicht kommen sieht. In der besten Szene ergießt sich ein wahrer Blutschwall aus einem kaputten Wasserrohr über einen kreischenden Kindergeburtstag. Das sieht man viel zu selten.

3. DIE ZWEI GESICHTER DES BÖSEN (The Two Faces of Evil)
Nachdem eine Familie auf dem Weg in den Urlaub einen unheimlichen Anhalter mitgenommen hat, endet der Ausflug für sie im Krankenhaus. Der Anhalter ist tot, aber der Familienpapi benimmt sich plötzlich, als wäre er nicht mehr er selbst... Regisseur Alan Gibson inszeniert hier die visuell stärkste Episode voller surrealer Einfälle und Farbspiele, die sich schließlich als Adaption der bekanten "Invasion of the Body Snatchers"-Geschichte herausstellt. Da gefriert einem tatsächlich einige Male das Blut in den Adern.

4. DIE HANDLANGER DES SATANS (The Mark of Satan)
Ein Angestellter im Leichenschauhaus ist nach einem Erlebnis mit einem Toten von der Idee besessen, der Teufel persönlich habe ihn als Beute auserkoren. ... schaurige Psycho-Studie eines unterdrückten Einzelgängers, dessen Wahn nach und nach Besitz von ihm ergreift. Knüpft thematisch an "Rosemary's Baby" (1968) an und ist gerade wegen des realistischen Settings so wirkungsvoll und überzeugend.

Wer seinen Grusel altmodisch mag und Horror-Episodenfilme wie "Totentanz der Vampire" (1964) oder "Asylum" (1972) liebt, der ist bei den Hammer-Geschichten gut aufgehoben. Trotz einiger Schwächen und Längen gehört HAMMER HOUSE OF HORROR zu den besten Vertretern seiner Art. Man wundert sich nur, dass in keiner Episode Vampire vorkommen...
Die Serie ist hierzulande komplett in einer sehr schönen und liebevoll gemachten Box von Koch Media erschienen, bei der sogar schon im Kapitelmenü hübsch gekreischt wird.
Sehr empfohlen.

08/10


Dienstag, 15. Januar 2013

Stummer Schrei (1994)

In einer friedlichen Kleinstadt beobachtet ein autistischer Junge (Ben Faulkner) den Mord an seinen Eltern und wird vom örtlichen Psychiater (Richard Dreyfuss), der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hat (weil er - wir ahnten es - eine tragische Vorgeschichte hat, die dringend aufgearbeitet werden muss), in Obhut genommen. Zusammen mit der Schwester des Jungen (Liv Tyler) versucht er, das Kind von seinem Trauma zu befreien und den Mörder des Ehepaares zu finden. Dabei macht er eine unglaubliche Entdeckung und gerät selbst in Gefahr...

Autisten sind seit Dustin Hoffmans Darstellung in "Rain Man" (1988) aus Filmen nicht mehr wegzudenken. Ganz besonders in Krimis tauchen sie in schöner Regelmäßigkeit auf, weil sie einerseits den Hauptdarstellern Gelegenheit geben, ihre sensible, beschützende Seite zu zeigen (Bruce Willis etwa wirkt im Zusammenspiel mit Miko Hughes in "Das Mercury Puzzle" fast schon einfühlsam), andererseits können sie durch den erschwerten Zugang zu ihnen den Whodunit lange hinauszögern, was der Spannung zugute kommt.

Regisseur Bruce Beresford nahm sich mit STUMMER SCHREI (Silent Fall) des Themas an. Ihm gelang ein durchaus ansehbares Thriller-Drama, in dem vor allem die Schauspieler glänzen. Liv Tyler spielt hier ihre erste Filmrolle, nachdem sie zuvor nur in Musikvideos aufgetaucht war, und wenn man bedenkt, wie komplex ihr Charakter angelegt ist (anders als der kleine Bruder ist sie der eigentliche Schlüssel zur Lösung des Rätsels), zeigt sie eine hervorragende Leistung. Der Autist wird ebenso beeindruckend von Ben Faulkner verkörpert, und nach all den Kinderdarstellern, die Autisten bereits gut gespielt haben, muss man sich eventuell fragen, ob Dustin Hofmans Leistung vielleicht etwas überbewertet war - nur so ein Gedanke.

In der Hauptrolle überzeugt Richard Dreyfuss als Psychologe, der zunächst nichts mit dem Fall zu tun haben will, sich aber immer mehr hineinsteigert und schließlich selbst um sein Leben fürchten muss, als er der Wahrheit immer näher kommt. Manchmal übertreibt er es ein wenig, so wie beim ersten Zusammentreffen mit dem autistischen Jungen, wo der Film weniger eine Annäherung von Psychologe/Autist zeigt als mehr eine Dreyfuss-One-Man-Show, aber er besitzt genau die Wärme und Intelligenz, mit der sich der Zuschauer schnell anfreunden kann. Hätte man selbst das Verlangen nach einem Psychologen, würde man sich jemandem wie Dreyfuss anvertrauen wollen.
Auch die Nebenrollen sind mit klasse Mimen wie J. T. Walsh und John Lithgow (als Dreyfuss' Gegenspieler und Hassfigur) besetzt. Lediglich Linda Hamilton als Dreyfuss' Ehefrau wird vollkommen verschenkt. Schade, denn sie hatte zuvor gezeigt, dass sie sowohl mit Knarren als auch Killer-Robotern aus der Zukunft locker fertig wird. Hier steht sie nur in der Küche und bereitet ihrem Mann ein schönes Heim. Wann wird Hollywood es endlich lernen?

Bruce Beresford ist absolut kein Thriller-Spezialist (sein berühmtester Film ist und bleibt "Miss Daisy und ihr Chauffeur", 1989), aber er versteht sich auf Schauspielführung, Menschlichkeit und Atmosphäre. Seine Filme sind oft im Süden angesiedelt, und auch in STUMMER SCHREI kann er die ländliche Umgebung des Schauplatzes wunderbar in stimmungsvollen Bildern einfangen. Dass der Krimi da manchmal arg in den Hintergrund gerät, stört eigentlich kaum. Dafür schießt er am Ende etwas übers Ziel hinaus, wenn er ein ziemlich unglaubwürdiges Finale auf die Leinwand bringt, bei dem die Charaktere plötzlich übermenschliche Fähigkeiten entwickeln - da ich (mal) nicht spoilern will, gehe ich nicht näher darauf ein. 

STUMMER SCHREI ist im Kino leider untergegangen und deswegen auch bis heute nicht auf DVD erhältlich. Man wundert sich auch ein wenig über die schlechte Gesamtbewertung, die er z.B. in der IMDB erhält. Das Publikum der 90er wollte lieber geniale Serienkiller oder Sharon Stone mit Eispickel sehen, das steht fest. Gegen solch knallige Konkurrenz konnte sich ein leiser Film wie STUMMER SCHREI nicht durchsetzen. Er hat sicher seine Schwächen, hat aber die Zeit besser überdauert als so manch anderer. Weil er von Menschen erzählt, und nicht von Cartoons. Ich mag ihn.

7.5/10

Sonntag, 13. Januar 2013

Blue Steel (1989)

Bevor Kathryn Bigelow sich anspruchsvolleren Stoffen mit Oscar-Chancen zuwandte, bewies sie Anfang der 90er, dass Frauen ebenso knallharte Thriller-Kost inszenieren können wie ihre männlichen Kollegen. Nach dem atmosphärischen Vampir-Western "Near Dark" (1987), der schnell zum Kultfilm wurde, drehte sie mit BLUE STEEL (Blue Steel) einen Film aus der seinerzeit gerade beliebten Reihe "Psychopathen machen anständigen Leuten das Leben schwer und müssen eliminiert werden", die von den genial-übergeschnappten Serienkillern à la "Schweigen der Lämmer" (1991) abgelöst wurde.

In BLUE STEEL spielt Jamie Lee Curtis eine toughe Polizistin, die gerade von der Polizeischule kommt und ihren ersten schweren Fehler begeht, als sie einen Ladendieb in bester "Dirty Harry"-Manier niederballert. Dessen Mega-Wumme landet vor den Füßen des Psychopathen Ron Silver, der tagsüber als Broker unterwegs ist und nachts unschuldige Menschen umbringt - und zwar mit der gefundenen Waffe, was Jamie Lee schnell in große Schwierigkeiten bringt. Der Killer aber findet Gefallen an der harten Polizistin und macht sich an sie heran. Als die aber ahnt, welchen Psycho sie sich da ins Bett geholt hat, schlägt Jamie Lee - mit den Nerven am Ende - ebenso brutal zurück...

BLUE STEEL geriet seinerzeit in die Kritik, weil Kathryn Bigelow hier ganz ungeniert einen Waffen- und Uniformen-Fetischismus zelebriert, der im Kino seinesgleichen sucht. Das hat man von einer Regisseurin nicht erwartet und ihr durchaus übel genommen. Optisch ist BLUE STEEL erlesen komponiert und in durchweg kaltem Blau fotografiert, ausufernde Schusswechsel werden natürlich in Zeitlupe abgefeiert, und die Kamera weidet sich an Abzeichen, Patronenhülsen, Schlag- und Schusswaffen. Auch der von Ron Silver gespielte Psychopath ist besessen von der erbeuteten Penisverlängerung (natürlich eine 44er Magnum Smith & Wesson) und ritzt sogar Jamie Lees Namen auf die Patronen, mit denen er tötet. Er ist der buchstäbliche Wolf im Schafspelz. Das Tier in ihm kommt zum Vorschein, wenn er sich nach ausgeführtem Mord auf dem Dach eines Wolkenkratzers nackig auszieht und mit dem Blut seiner Opfer beschmiert. Fehlt nur noch, dass er den Mond anheult. Der Vollbart wirkt da auch ganz passend. Interessant, dass der im Kino der 80er noch gefeierte Typ Yuppie gegen Ende des Jahrzehnts zum Feindbild erklärt wurde. Und haben wir es nicht immer gewusst, dass die schicken Anzugträger und Geldjongleure über Leichen gehen?

Silvers Gegenüber wird stark gespielt von Jamie Lee Curtis, die sehr verletzlich sein kann, die aber auch schon erfolgreich gegen entsprungene Klapsmühlenbewohner wie Michael Myers, Nebelgeister und andere Slasher gekämpft, sowie in "Prom Night" (1980) einen scharfen  Discofox aufs blinkende Parkett gelegt hat. Als aufrechte Amerikanerin mit Hang zu Ballermännern bekommt sie vom Film noch ein unbearbeitetes Trauma aus der Küchenpsychologie auf die Seele gestempelt, das erklären soll, warum ein so zartes Persönchen überhaupt zur Polizei geht (ihre Mutter wurde vom Vater misshandelt), aber schon allein wegen ihrer Darstellung lohnt sich der Film.

Das finale Shoot-Out zwischen Silver und Curtis, bei denen beide wild um sich schießend durch die Straßen rennen, ist im wahrsten Sinne des Wortes der absolute Overkill und zeigt den Hang der Regisseurin zu völlig übertriebenen letzten Akten (anschaulichstes Beispiel: "Strange Days", 1995), ist aber ebenso sehenswert wie aufregend inszeniert. Spielte BLUE STEEL in der Realität statt in einem filmischen Niemandsland aus Gegenlicht, wären bei dieser Ballerei vermutlich 64 ahnungslose Passanten ums Leben gekommen, aber hier triumphiert Jamie Lee als Rächerin des Gesetzes und darf Silver schlussendlich das Gehirn wegblasen. Die Ordnung ist wieder hergestellt, die verkorkste Kindheit kann in der Therapie gelöst werden - oder beim nächsten Schusswechsel mit Ladendieben. Wir aber dürfen uns alle sicherer fühlen in dem Wissen, dass Jamie Lee für uns die Stadt bewacht.

BLUE STEEL ist ein packender, wuchtiger und eiskalter Thriller, der bis auf ein paar unnötige Subplots - wie die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Curtis und dem todlangweiligen Clancy Brown als freundlichem Kollegen (den der Film braucht, um Jamie Lee als einigermaßen normales Mädel zu zeigen, das nicht nur den ganzen Tag an Pistolen und Psychos denkt) - auch heute noch zu fesseln vermag.

08/10

Samstag, 12. Januar 2013

Amok (1976)

Der britische Regisseur Pete Walker begann seine Karriere Ende der 60er Jahre mit Sexploitation und wechselte bald darauf ins Horror/Exploitation-Fach, wo er einige Kultfilme wie "House of Whipcord" (1974) inszenierte. Mit AMOK (Schizo) drehte er einen an Hitchcock angelehnten Psycho-Thriller, der aber auch Elemente des italienischen Giallo-Kinos beinhaltet, den Slasher-Film vorwegnimmt und sich dazu noch - als wäre das nicht genug - beim "Exorzist" (1974) bedient. Das Schöne am Exploitation-Kino ist ja gerade, dass oft sämtliche Trends in einen Topf geworfen werden, um für jeden etwas zu bieten. Das so entstandene Gebräu will hier aber nur bedingt schmecken.

Lynne Frederick (Ex-Frau von Peter Sellers) spielt in AMOK eine bekannte Eiskunstläuferin ("The Ice Queen"), die kurz vor der Hochzeit mit ihrem Verlobten steht, als sie sich unentwegt von einem mysteriösen Mann aus ihrer Vergangenheit verfolgt sieht. Da diesen aber sonst niemand wahrnimmt, steht sie ziemlich allein mit ihrem Problem da. Der Fremde taucht auch in Lynnes Haus auf, wo er ihr unter der Dusche nachstellt, im Supermarkt findet sie ein Hackebeil in ihrem Einkaufswagen, und am Tag der Hochzeit liegt ein blutiges Messer vor der Hochzeitstorte. Dann werden auch noch die Menschen in Lynnes Umgebung brutal ermordet...

Die erwähnte Duschszene ist natürlich die direkteste Anspielung auf Hitchcocks Werk, aber es finden sich auch Hinweise auf "Marnie" (1964) und "Spellbound" (1945) in AMOK. Von den Gialli hat sich Walker die blutigen Morde und die schwarzen Handschuhe des Killers ausgeborgt. Da es sich hier aber um eine britische Low Budget-Produktion handelt, ist der filmische Stil eher schundig als opulent. Ausgefallene Kamerafahrten oder surreale Sequenzen sucht man vergebens, stattdessen bekommt man eine schreiend hässliche 70er-Ausstattung mit grell gemusterten Tapeten und Duschvorhängen, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben.
Das Drehbuch baut um den geheimnisvollen Verfolger und dessen Beweggründe ein großes Geheimnis auf, aber Fans des Genres wissen doch sehr schnell, wie die Lösung aussieht, weil bereits der Titel und eine vorab aus dem Off gesprochene Erklärung über Schizophrenie diese mehr als nur suggerieren. Leider gelingt es Walker nicht, das Interesse des Zuschauers trotz der spannenden Ausgangsidee wach zu halten. Einige Szenen (wie eine Séance oder die blutigen Set Pieces, von denen besonders ein Mord mit Hammer im Gedächtnis bleibt) sind herausragend, aber der Rest ist doch zu unbeteiligt weginszeniert, das Tempo deutlich zu langsam.

Die Schauspieler geben sich alle Mühe, und man erkennt neben Hauptdarstellerin Lynne Frederick bekannte Genre-Gesichter wie Stephanie Beacham aus "Samen des Bösen" (1981) oder "Dracula jagt Mini-Mädchen" (1972) als beste Freundin, aber so richtig begeistern kann hier niemand. Die Schluss-Pointe ist nett, doch auch die sieht man lange im Voraus kommen. Für Freunde des britischen Exploitation-Kinos ist AMOK sicher einen Blick wert. Wer sich wirklich spannend unterhalten will, der sollte sich anderweitig umschauen oder zu Walkers besseren Filmen (wie "Frightmare", 1974) greifen.

05/10

Freitag, 11. Januar 2013

Faces in the Crowd (2011)

Die Grundschullehrerin Anna (Milla Jovovich) beobachtet nachts auf dem Nachhauseweg einen Serienkiller bei der Arbeit und kann ihm gerade noch entkommen, verliert dabei aber durch einen Sturz von der Brücke die Fähigkeit, Gesichter wahrnehmen zu können. Die Gesichter ihrer Freunde verwandeln sich in fremde, sogar ihr Spiegelbild zeigt das Antlitz einer anderen Frau. Der Killer aber ist schon hinter Anna her. Blöd, dass sie ihn nicht erkennen kann...

FACES IN THE CROWD (Faces in the Crowd) basiert auf einer ebenso simplen wie guten Idee und erinnert in der Gestaltung an den Serienkiller-Thriller "Blink" (1994), in welchem Madeleine Stowe nach einer Augen-OP ebenfalls von einem Serienkiller, den sie nicht identifizieren konnte, heimgesucht wurde. Die Ähnlichkeiten gehen dabei sogar so weit, dass der spannendste Moment in beiden Filmen eine Jagd durch die U-Bahn schildert. Aber auch ohne diese Gemeinsamkeiten macht FACES IN THE CROWD einen merkwürdig altmodischen Eindruck, so als hätte jemand ein älteres Drehbuch aus den 90ern verfilmt, ohne sich der heutigen Realität anzupassen. Da wird der armen Anna bei der Polizei ein dickes Buch mit Verbrecherfotos hingeworfen, anstatt sie vor einen Computer zu setzen, und der ermittelnde Detective (Julian McMahon) erzählt Anna, dass das Labor sogar (!) die Tränenflüssigkeit des Killers auf DNA untersucht habe - als wäre das etwas Außergewöhnliches und nicht heutzutage selbstverständlich. Der Serienmörder ist dazu im Besitz von Annas Handy, aber niemand kommt auf die Idee, dieses orten zu lassen, Anna wird lediglich empfohlen, ihren Vertrag nicht zu kündigen, falls der Killer das Gerät benutzt, um sie anzurufen.

Neben diesen logischen Holperern, die im Genre verzeihlich sind, muss man feststellen, dass die gute Idee der Gesichtsblindheit leider auch die einzige im Film bleibt. Der Clou, den der Film benutzt, sämtliche Nebenrollen von jeweils drei bis sechs verschiedenen Darstellern spielen zu lassen (je nachdem, wen Anna gerade in ihnen sieht), ist ohne Frage originell und führt zu guten Situationen (Anna muss allen Schülern, die sie normalerweise in- und auswendig kennt, plötzlich Namensschilder ankleben, weil alle Kinder für sie gleich aussehen, beim Sex mit ihrem Freund verwandelt sich sein Gesicht so oft, dass sie scheinbar mit mehreren Männern gleichzeitig schläft), eine echte Thriller-Spannung mag aber trotzdem nicht aufkommen, weil der Film zu viel Zeit mit Annas Problemen verplempert und darüber den Krimi vergisst (übrigens auch eine Ähnlichkeit zu "Blink"). Der Täter ist schnell über seine Stimme identifizierbar, und sein "Tick" (er heult wie ein Schlosshund, nachdem er seine Opfer ermordet hat und wird deswegen "Tearjerk Killer" genannt) im höchsten Maße albern.

Was FACES IN THE CROWD vorweisen kann, ist vor allem Milla Jovovich in der Hauptrolle. Sie ist nicht die weltbeste Schauspielerin, aber man sieht sie gern an (ihr Gesicht wird einfach nie langweilig), und sie besitzt genug Persönlichkeit, um auch die ereignislosen Passagen des Films zu überstehen. Julian McMahon ist leider uncharismatisch und hat die besten "Nip/Tuck"-Tage hinter sich, er wirkt müde und schwerfällig, hat aber auch eine undankbare Rolle (als Detective ermittelt er praktisch nichts). Als Therapeutin ist kurz die wundervolle Marianne Faithfull zu sehen, aber dummerweise unterliegt auch sie Annas Gesichtsblindheit und wird in den folgenden Szenen von anderen Darstellerinnen ersetzt - da geht die Idee leider nach hinten los.

FACES IN THE CROWD ist hübsch gefilmt, mit stimmungsvoller Musik untermalt und - was die Hauptfigur angeht - gut gespielt, funktioniert aber als Thriller wie als Drama nur sehr bedingt. Kann man sich ansehen, muss man aber nicht. Wer Filme wie "The Eye" (Original oder Remake) oder "Blink" kennt, wird hier nichts Neues erleben.

6.5/10

Mittwoch, 9. Januar 2013

Die Fratze (1972)

Der britische Psycho-Thriller DIE FRATZE (Fright) ist ein Vorbote der nahenden Slasher-Welle und weist viele Ähnlichkeiten zu Fred Waltons "Das Grauen kommt um 10" (1979) auf. In beiden Filmen wird eine junge Babysitterin von einem Psychopathen terrorisiert.

Hier ist es die junge Susan George als Teenager Amanda, die sich auf einen ruhigen Abend freut. Dann aber streitet sie sich mit ihrem Freund (Dennis Waterman), unheimliche Geräusche im Haus machen ihr Angst, und schließlich schleicht der aus der Irrenanstalt entsprungene Vater (Ian Bannen) des Kindes, auf das die Babysitterin aufpasst, ums Haus...

DIE FRATZE ist ein hübscher kleiner Grusler, der im Grunde aus nur einer Situation entspringt, die für viele Zuschauer nachvollziehbar ist - allein zu sein in einem fremden Haus mitten in der Nacht. Da werden schnell Kindheitsängste wach, und Regisseur Peter Collinson schafft es gerade in den Anfangspassagen ausgezeichnet, eine Stimmung von Angst zu erschaffen, in der alltägliche Geräusche und Vorgänge (wie eine klappernde Wäschespinne) zur unheimlichen Bedrohung werden. Anders als "Das Grauen kommt um 10", der diese Ausgangsidee nur als Vorspiel für ein Psychodrama nutzt und in der Handlung um ein paar Jahre springt, spielt DIE FRATZE die Grundsituation bis zum Finale durch. Die Intensität der Übergriffe steigert sich, es kommt zu einer Konfrontation mit dem Psychopathen und schließlich zu einer Geiselnahme, während die Polizei das Haus umstellt.

Das ist zwar konsequent, allerdings merkt man bei dieser Struktur auch deutlich, dass die Idee nicht ganz über 90 Minuten trägt, weswegen es im Mittelteil und beim finalen Psycho-Duell einige Durchhänger gibt. Insgesamt aber ist DIE FRATZE ein sehenswerter und gut gespielter Genrebeitrag, der mehr auf Stimmung und Klaustrophobie setzt als auf physische Gewalt - auch wenn es davon im späteren Verlauf ein wenig gibt. Die Konzentration auf die Qualen der gepeinigten weiblichen Hauptfigur erinnert an Klassiker wie "Warte bis es dunkel ist" (1967) oder "Stiefel, die den Tod bedeuten" (1971). Es ist ein bisschen schade, dass der Film Susan George, die so viel durchmacht, am Ende nicht die Möglichkeit gibt, zurückzuschlagen und sich ihrer Haut zu wehren. Sie muss sich von der Polizei retten lassen, während die Mutter des Kindes (Honor Blackman, kampferprobt als Vorgängerin Emma Peels in "The Avengers" und als Pussy Galore in "Goldfinger", 1964) den Kampf gegen den durchgedrehten Ex-Mann aufnehmen muss.
Nur wenige Jahre später zeigte John Carpenter, dass Babysitterinnnen sich mit Stricknadeln, Drahtbügeln und Fleischermessern zur Wehr setzen können - was durchaus mit dem Erfolg seines Films zu tun hat und der FRATZE ebenfalls gut zu Gesicht gestanden hätte. Manchmal muss man einer guten Idee aber erst den richtigen Schliff verpassen, um einen Welthit zu landen.

7.5/10


Dienstag, 8. Januar 2013

Angst in der Nacht (1972)

Ein leerer Fußballplatz vor einem Internat, Kindergesänge und eine Leiche, die am Baum baumelt. Dazu der Schriftzug "A Hammer Production". So beginnt der britische Psycho-Thriller ANGST IN DER NACHT (Fear in the Night) von Jimmy Sangster, der für Hammer zahllose Drehbücher geschrieben hat und sich auch einige Male als Regisseur versuchte. Da kann doch eigentlich nichts schief gehen, oder? Doch. Als Autor ist Sangster nämlich klar besser, und auch ANGST IN DER NACHT fällt nach starkem Auftakt schnell ab.

Judy Geeson spielt eine junge Braut, die mit ihrem Ehemann Alan Bates in ein abgelegenes Jungeninternat reist, um dort eine Stellung anzutreten. Zuvor wird sie allerdings brutal von einem Einarmigen mit Prothese überfallen und in psychiatrische Behandlung geschickt. Immer noch von dem Ereignis verfolgt, erlebt sie auf dem Land mysteriöse Vorkommnisse. Der Schuldirektor Peter Cushing hat ebenfalls nur einen Arm, und dessen kaltschnäuzige Ehefrau Joan Collins schmiedet offensichtlich finstere Pläne. Bald schon stapeln sich die Toten. Aber wer spielt hier Katz und Maus mit wem?

Das klingt gut, ist es aber nicht. Jimmy Sangster verfilmte mit ANGST IN DER NACHT sein eigenes Drehbuch, das von Michael Syson überarbeitet wurde (von Syson stammt u.a. der Internats-Schauplatz), und klaute ordentlich bei sich selbst, namentlich bei "Der Satan mit den langen Wimpern" (1964) und "Ein Toter spielt Klavier" (1961), zu denen er ebenfalls die Bücher verfasste. In allen drei Fällen soll eine junge Heldin in den Wahnsinn getrieben werden und Dinge tun, die eigentlich niemand voraussehen kann, die aber dennoch genau so eintreffen, wie die Drahtzieher es geplant haben.
Während die beiden älteren Werke aber Klassiker des Psycho-Thrillers in bester "Die Teuflischen" (1955)-Manier sind, gerät ANGST IN DER NACHT bald zum Langweiler und wirkt mit seinem naiven Plot schrecklich altmodisch. Die "Lass' uns das Weib in den Wahnsinn treiben"-Schiene hatte bereits Anfang der 70er einen furchtbaren Bart, und wenn man auch nur eines der Vorbilder gesehen hat, dann weiß man sofort, wie der Hase läuft. Da der Film aber seine Spannung allein aus den überraschenden Wendungen ziehen will, scheitert dieser Versuch, weil man als Zuschauer den Figuren viel zu weit voraus ist. Vielleicht habe ich auch schon zu viele von diesen raffiniert gestrickten kleinen Hitchcocks gesehen, um nicht mehr darauf hereinzufallen. Mit ANGST IN DR NACHT habe ich nun dreimal versucht, warm zu werden, weil er eigentlich alle Zutaten besitzt, die ich gern sehe, aber ich kann mich einfach nicht mit ihm anfreunden, er schläfert mich jedesmal ein.

An der Besetzung liegt es nicht. Horror-Ikone Peter Cushing spielt wie immer wunderbar, hat aber im Grunde nur eine einzige wichtige Szene. Judy Geeson ist ein überzeugend unschuldiges Mädel (ganz im Gegensatz zum Horror-Trash "Samen des Bösen" von 1981, wo sie von Außerirdischen geschwängert wird und ihre Raumschiff-Crew tötet und verspeist!), und das "Denver"-Biest Joan Collins (ach, die 80er...seufz) ist als fremdgehende Schlampe mit Schrotflinte perfekt besetzt.
Leider aber fehlt dem Film unter Sangsters Regie jede Grusel-Atmosphäre, die notwendig wäre. Er ist zu dialoglastig, und man merkt das schmale Budget an jeder Ecke, da er mit nur einer handvoll Darstellern auskommen muss und diese in den immer gleichen Räumen sitzen und über Dinge grübeln, die das Publikum längst ahnt. Schade.

Der Film ist hierzulande als "The Fear" auf DVD erhältlich. Die 18er Freigabe möge mir aber bitte mal jemand erklären, die ist unbegreiflich. Während ich mir - in der richtigen Stimmung - auch beim x-ten Sehen von "Ein Toter spielt Klavier" noch in die Hosen machen könnte, gibt es hier weit und breit nichts, was Achtjährige erschrecken würde.

04/10

Sonntag, 6. Januar 2013

Freeze - Alptraum Nachtwache (1997)

Wenn europäische Regisseure in Hollywood Remakes ihrer eigenen Filme machen, kommt selten etwas Gutes, sondern meistens etwas Überflüssiges heraus. Da sich Amerikaner aber keine untertitelten Filme ansehen und lieber in heimische Gesichter schauen, ist es müßig darüber zu lamentieren. Das Zurechtbiegen und Wiederkäuen ist gängige Praxis und wird so lange bleiben, wie es Filme geben wird. Man darf sich höchstens wundern, warum sich selbst integre Künstler wie Michael Haneke, die sicherlich nicht nach der Regie des nächsten "Transformers"-Sequels schielen (obwohl, man weiß es nicht), dazu hinreißen lassen.

Der Däne Ole Bornedal inszenierte 1997 mit FREEZE - ALPTRAUM NACHTWACHE das Remake seines Hits "Nightwatch" (1994). Die Handlung ist gleich geblieben, die Bilderfolgen im Grunde auch, verändert haben sich natürlich die Besetzung und ein paar entscheidende Details.

Zu der Besetzung lässt sich sagen, dass Ewan McGregor die richtige Wahl ist, weil er mit seinem jugendlichen Aussehen und Charme (was er beides heute noch besitzt) der ideale Studentendarsteller ist. Er kann den Jungen von nebenan, der unfreiwillig in finstere Machenschaften verstrickt wird, wunderbar verkörpern und ist fürs Publikum immer ein Sympathieträger, der auf Anhieb als solcher funktioniert.
Damit endet aber auch schon das gute Casting. Patricia Arquette ist leider deutlich zu alt für ihre Rolle, die drastisch verkleinert wurde und im Grunde keinerlei Bedeutung mehr für den Film hat - außer wenn sie gegen Ende als "Damsel in Distress" herhalten muss, was einer alten Hollywood-Tradition folgt. Dazu muss sie den Film unter einer unattraktiven Perücke absolvieren. Verantwortlich war wahrscheinlich derselbe Mensch, der Franka Potente den potthässlichen Fiffi in "Anatomie" aufgesetzt hat.
Nick Nolte ist für die Rolle des Inspektors, der im Original so hervorragend von Ulf Pilgaard verkörpert wurde, ein zu großer Star, was die überraschende Wendung, die der Film nach der Hälfte nimmt, deutlich mindert. Möglicherweise dachte Bornedal, das Publikum wisse ohnehin um die wahre Natur der Rolle, so dass es keinen Grund gibt, diese zu verheimlichen, aber Nolte spielt auch schwach. Josh Brolin hingegen macht seine Sache als zwielichtiger Freund McGregors ziemlich gut. Insgesamt führt die Starbesetzung dazu, dass der Film durch sie die Authentizität verliert, die den Vorgänger auszeichnete, und das ist schade.

Schlimmer als die verzeihlichen Fehlgriffe bei der Besetzung ist allerdings die Tatsache, das FREEZE an allen Ecken und Enden glattgebügelt wurde. Wenn man eines nicht im Hollywood-Mainstream tun darf, dann ist das, sein Publikum zu verschrecken oder vor den Kopf zu stoßen. In "Nightwatch" hat Bornedal genau das mit einigen pikanten Tabubrüchen (wie Sex in der Leichenhalle) erreicht und es trotzdem die ganze Zeit auf seiner Seite behalten. In FREEZE sind die Kanten fast sämtlich geglättet, weswegen der Film immer noch ein sehenswerter Thriller ist (eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte), aber es fehlt der ruppige Charme, das Besondere - das Neue, wenn man so will.
Bezeichnend ist auch der neue Filmbeginn, der den Zuschauer nicht langsam in die Geschichte hineinzieht, sondern es gleich mit einem spektakulären Mord überrumpelt, der zwar gut inszeniert ist, aber in seiner Übertriebenheit und Lautstärke nicht zum Rest passt und keine wirkliche Emotion hervorruft. Immerhin durfte Bornedal sein Filmende behalten. Da kann sein niederländischer Kollege George Sluizer ("Spurlos", 1993) ein ganz anderes Lied singen...

Fazit: FREEZE kann man sich getrost anschauen, aber wenn man die Wahl hat, sollte man auf das dänische Original zurückgreifen, das in so vieler Hinsicht besser ist. 

07/10

Samstag, 5. Januar 2013

Nightwatch - Nachtwache (1994)

Dass die Skandinavier gute Krimis und Thriller machen können, hat sich mittlerweile herumgesprochen. 1994 aber überraschte der dänische Genrebeitrag NIGHTWATCH - NACHTWACHE (Nattevagten) so ziemlich alle und entwickelte sich trotz schmalen Verleihs zum Kinohit. Die Zutaten: ein nächtliches Leichenschauhaus, ein Serienkiller und eine Gruppe von vier Freunden, deren Leben sich durch die mörderischen Ereignisse einschneidend verändert.

Nicolaj Coster-Waldau spielt den Studenten Martin, der einen Job als Nachtwächter in der Pathologie des Universitätskrankenhauses in Kopenhagen annimmt. Einer seiner Vorgänger soll mal Sex mit Leichen gehabt haben, aber auch sonst passieren merkwürdige Dinge in der Stille der Nacht. Der Alarm geht plötzlich los, mysteriöse Gestalten tauchen auf, und dazu treibt noch ein Killer sein Unwesen in der Stadt, der mit Martin ein Katz- und Mausspiel treibt. Bald wird Martin der Morde verdächtigt, und als wäre das noch nicht genug, muss er nebenbei noch diverse Mutproben bestehen, zu denen ihn sein bester Freund Jens (Kim Bodnia) herausfordert...

Regisseur Ole Bornedal hat sein Vorbild Hitchcock ausgiebig studiert und wendet hier in schauriger Atmosphäre die Techniken des Meisters brillant an. Bereits der anfängliche Rundgang durchs Leichenschauhaus erzeugt beim Zuschauer die nötige Gänsehaut, und danach spielt Bornedal mit den Emotionen des Publikums wie auf einer Klaviertastatur und erzeugt stets die beabsichtigte Wirkung, sei es Suspense, Grusel, Schock - oder Lacher, denn NIGHTWATCH ist nicht nur mörderisch spannend, sondern auch erstaunlich witzig. Wie der junge Martin da von Polizei, finsteren Ärzten und seinem besten Freund hinters Licht geführt und zu Tode geängstigt wird, das ist schon stellenweise extrem komisch. In dieser hintergründigen Mischung erinnert NIGHTWATCH nicht nur an Hitchcock, sondern auch an die besten Filme Polanskis - sowohl in der Auswahl der Sets als auch in kleinen, surrealen Details und Irritationen, die nie erklärt werden (wie einem Foto, das in Martins Büro hängt).
Gegen Ende wird der Thriller auch noch ziemlich blutig, so dass nicht nur Krimifreunde, sondern auch Horror-Fans auf ihre Kosten kommen.Mit einer Sex-Szene in der Leichenhalle bricht er außerdem noch Tabus und kann den Zuschauer immer wieder aufs Neue überraschen.

Aber NIGHTWATCH will noch mehr. Die Charaktere der jungen Protagonisten sind viel mehr als die Abziehbilder amerikanischer Slasherfilme, die lediglich als Kanonenfutter dienen. Sie sind voll entwickelte Figuren mit Geschichte und Persönlichkeit. Man sorgt sich um sie und wünscht ihnen nicht den Tod an den Hals. Neben der Krimihandlung erzählt Bornedal überzeugend von der Schwelle des Erwachsenwerdens,  die für die Männer schwieriger zu überschreiten ist als für die Frauen, die bereits zu verantwortungsvollen Menschen gereift sind (obwohl sie als solche durchaus noch unsicher sind), während die Jungs sich ihre Zeit mit kindischen Spielen vertreiben und Streiche spielen, die gelegentlich böse enden und von Mitleidlosigkeit gegenüber anderen geprägt sind.
Die Besetzung agiert dabei hervorragend. Hauptdarstellerin Sofie Gråbøl ist mittlerweile als "Kommissarin Lund" (die beste Krimi-Reihe der letzten zehn Jahre) eine eigene Größe im Genre, und der besondere Clou ist die Wahl von Ulf Pilgaard als Inspektor mit düsterem Geheimnis. Pilgaard war dänischen Zuschauern vor allem als Komödien-Darsteller bekannt. Die überraschenden Wendungen von NIGHTWATCH funktionierten für sie also noch besser als für uns.

Ja, da steckt viel drin in diesem kleinen, großen Thriller, weswegen ich ihn jedem nur ans Herz legen kann. Für mich ist NIGHTWATCH einer der besten Filme der 90er. Ole Bornedal durfte den Film in Hollywood gleich noch einmal inszenieren, allerdings mit deutlich schwächerem Ergebnis.

10/10

Freitag, 4. Januar 2013

Die Todeskarten des Dr. Schreck (1965)

Obwohl DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK (Dr. Terror's House of Horrors) an den britischen Grusel-Klassiker "Dead of Night" (1945) angelehnt ist, legten Regisseur Freddie Francis und Autor Milton Subotsky hier den Grundstein für das heute noch bei Fans populäre Subgenre des Horror-Episodenfilms. Produziert wurde das Werk von Amicus, die sich in den folgenden Jahren auf eben jene Form des Horrors spezialisierten. Sie schufen u.a. Filme wie  "Geschichten aus der Gruft" (1972) oder "Asylum" (1972), deren Einflüsse über die "Creepshow"-Reihe bis in die Gegenwart reichen.

In DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK besteigen fünf Passagiere (u.a. Christopher Lee, Donald Sutherland und Roy Castle) einen Nachtzug, der sie ins Grauen führt. Mit ihnen im Abteil sitzt der mysteriöse Dr. Schreck (Peter Cushing), der ihnen anhand von Tarotkarten eine schreckliche Zukunft voraussagt. In den folgenden fünf Geschichten geht es um einen blutrünstigen Werwolf, eine tödliche Killerpflanze, einen Voodoo-Fluch, eine Vampirbraut, sowie um die abgetrennte Hand eines Künstlers, die zum Leben erwacht und Rache an einem missgünstigen Kunstkritiker nimmt...

Oft sind die ersten Filme einer Reihe nicht die besten, weil am Konzept noch gefeilt werden muss, doch in DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK sind bereits alle Elemente an ihrem richtigen Platz. Der Film ist außergewöhnlich gut mit Stars des britischen Horrorkinos besetzt, die Geschichten variieren geschickt zwischen modernem und klassischem Horror, Science Fiction und böser Ironie. Die Schluss-Pointe, die zum Standard des Genres wurde ("Haben Sie nicht erraten, wer ich bin?") ist für die Zeit, in der der Film entstanden ist, ebenso düster wie ungewöhnlich.

Freddie Francis, der selbst ein genialer Kameramann war, inszeniert das makabere Geschehen mit Tempo und Stil, das Drehbuch von Milton Subotsky baut dazu noch einige Bezüge zu aktuellen Themen ein und verleiht dem Film dadurch trotz der surrealen Stimmung einen  realen Anstrich. So erzählt etwa die Voodoo-Episode, die oft fälschlicherweise als rassistisch bezeichnet wird, auf intelligente Art von den Machenschaften der (weißen) Musikindustrie, in der große Kasse mit gestohlenen Ideen (der schwarzen Kultur) gemacht wird, und die Geschichte um den Kunstkritiker greift eine seinerzeit aktuelle Tagesdiskussion um Form und Inhalt in der Kunst auf. 
Natürlich dürfen auch ein paar alberne Einfälle nicht fehlen, die besonders mit der mörderischen Schlingpflanze zu tun haben (es gibt also ein Ministerium, das sich mit solchen Vorkommnissen beschäftigt? Hm...), aber sie erhöhen nur den Spaßfaktor. Es kommt außerdem sehr selten vor, dass sich in einem Episodenfilm sämtliche Geschichten auf einem durchgängigen Niveau befinden, aber genau das ist hier glücklicherweise der Fall.

DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK ist rundum gelungene, atmosphärische und spannende Gruselunterhaltung, die zu Recht zum Klassiker des britischen Kinos wurde.

09/10

Mittwoch, 2. Januar 2013

Prometheus (2012)

Auf der Suche nach dem Ursprung menschlichen Lebens - und einem guten Drehbuch. Die Suche bleibt in beiden Fällen erfolglos.

Ich hätte das neue Jahr gern mit einem besseren Film begonnen, aber man kann nicht alles haben. Also schließe ich mich bei der Bewertung von Ridley Scotts über-hyptem und polarisierendem "Alien"-Remake, das irgendwie ein Prequel sein will, den Rezensenten an, die unisono sagen: sieht toll aus, ist aber innen hohl und hat zwischenzeitlich die Wirkung einer Schlaftablette.

PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN (Prometheus) erzählt von zwei Wissenschaftlern (Noomi Rapace und Logan Marshall-Green), die zusammen mit einer Raumschiff-Crew im Jahr 2091 auf den Mond LV-223 reisen, wo sie die Ursprünge des menschlichen Lebens vermuten. Dort angekommen gerät das Unternehmen jedoch bald außer Kontrolle, als sich die außerirdischen Funde als ziemlich aggressiv herausstellen...

Mehr will ich nicht über den Inhalt verraten, denn dieser ergibt ohnehin nicht viel Sinn. Keine Frage, PROMETHEUS überzeugt in technischer Hinsicht und fährt visuelle Effekte auf, deren Perfektion ihresgleichen sucht. Allein die Bilder der Vorspann-Sequenz sind so atemberaubend geraten, dass man wenigstens einen Kubrick erwartet. Leider bekommt man nur einen Scott, und der ist ohne Drehbuch immer aufgeschmissen, was man nach den ersten Dialogzeilen merkt. Und wenn am Ende der Film bewiesen hat, dass er nicht zu einer einzigen wirklich originellen Idee fähig ist und nach dem gleichen Muster abläuft wie jeder der 175 "Alien"-Abklatsche, dann darf man schon herbe enttäuscht sein. Scott rettet sich wie üblich vor dem totalen Absturz durch grandiose Bilder, die den Film zumindest ansehbar, manchmal sogar sehr ansehbar machen.

Die Charaktere sind - mit Ausnahme des von Michael Fassbender gespielten Androiden - allesamt Abziehbilder, deren Schicksal vollkommen kalt lässt, und ihr Verhalten reicht von kindisch bis idiotisch. Oder soll man Wissenschaftler glauben, die auf einem fremden Planeten mal eben ihren Schutzhelm abnehmen, nur weil die Messgeräte (die übrigens alles anzeigen, außer den wirklich wichtigen Dingen wie etwa drohende Gefahren) einen ausreichenden Sauerstoffgehalt anzeigen (schon mal was von Bakterien oder Viren gehört?)? Die ihre Finger in fremdartige Flüssigkeiten stecken und einen Alien-Kopf neurologisch stimulieren, um "mal zu sehen, was passiert"?? Die sich furchtbar anschreien, wenn sie vor dunklen Höhlen Angst bekommen, die aber außerirdische Schlangen, die plötzlich auftauchen, neugierig anfassen, um dann fachgerecht massakriert zu werden? Das Beste hebt sich PROMETHEUS für den Schluss auf, wenn gleich drei Bordmitglieder ihr Leben opfern, nur weil unsere Hauptdarstellerin ihnen sagt, sie sollen ihr mal bitte vertrauen. Da ist der Alien-Kopf nicht der einzige, der platzt. 

So schön es ist, gute Schauspieler wie Fassbender, Noomi Rapace und Charlize Theron (als kühle und böse Blondine mit natürlich streng zurückgekämmtem Haar) zu sehen, so bemitleidenswert werden sie vergeudet - als würde man Pavarotti einladen, um auf einem Kindergeburtstag "Happy Birthday" zu singen. Für den von Fassbender gespielten Androiden hat der Film die besten Einfälle, aber seine Handlungen bleiben - wie die seiner Mitspieler - stets unmotiviert und zusammenhanglos. Und warum muss Guy Pearce unter albernem Alters-Makeup begraben werden, anstatt einen 80jährigen Schauspieler zu besetzen (Eli Wallach ist doch immer noch zu haben, wie Polanskis "Ghostwriter" zeigt)? Hätte nicht das echte, gelebte Gesicht eines alten Mannes viel besser die Botschaften des Films transportiert als diese Muppet-Show? Aber vermutlich darf man in einem Blockbuster kein Gesicht über 30 zeigen, zumindest keins, das nicht künstlich bearbeitet wurde. Traurig.

Das Drehbuch versucht, Spannung aufzubauen, indem es zu Beginn möglichst viele Fragen aufbaut, um sie dann am Ende alle unbeantwortet zu lassen - und damit keine Missverständnisse aufkommen: es ist völlig in Ordnung, Fragen unbeantwortet zu lassen, damit sich der Zuschauer seine eigenen Gedanken machen kann, es ist aber etwas anderes, wenn der Film dem Zuschauer am Ende eine schallende Ohrfeige verpasst und dabei auch noch dümmlich grinst ("Meine Suche geht weiter" - na dann, auf ein Wiedersehen im Sequel - oder auch nicht). Die "Alien"-Zitate sind mehr oder weniger geschickt eingebaut (inklusive eines kurzen Einspiels von Jerry Goldsmiths Score), erinnern aber leider nur daran, wie innovativ und bahnbrechend der Vorgänger war (ganz zu schweigen von UNKITSCHIG) . Die Tatsache, dass sich PROMETHEUS so furchtbar ernst nimmt, macht die Sache nicht besser, weil unter der schillernden Oberfläche auch nur ein trashiger Monsterfilm steckt, der genau so gut von Roger Corman stammen könnte (dann aber witziger wäre).

Der einzige Moment, der etwas Leben in die Bude bringt, ist die Szene, in der Noomi Rapace eine Selbstoperation vornimmt, bei der ihr der MedPod (eine Operationsmaschinerie) ein Alien aus dem geöffneten Bauch holt und den offenen Bauch (!) in drei Sekunden zutackert, wonach Rapace - als wäre kaum was gewesen - umgehend wieder durchs Schiff stolpern kann. Natürlich ist diese Sequenz völlig absurd und over the top, aber wenigstens erzeugt sie eine Reaktion beim Publikum und vergisst kurz, dass der Film "seriös" sein will. Schade, dass der Rest sich so wichtig nimmt.

Wer so naiv ist, bei PROMETHEUS ein Meisterwerk im Geist von "Alien" zu erwarten, welcher in einer völlig anderen Zeit und Kinolandschaft entstanden ist, der darf sich nicht wundern, wenn er frustriert wird. PROMETHEUS ist ein Fest fürs Auge, aber mehr als drei, vier spannende Momente hat er nicht zu bieten. Die Bewertung fällt da schwer, aber für die Mühe der F/X-Crew und die Tatsache, dass ich Sci-Fi-Horror nie ernsthaft böse sein kann, gebe ich zähneknirschende...

05/10

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...