Dienstag, 26. Februar 2013

Das Leichenhaus der lebenden Toten (1974)

Der spanische Horror-Beitrag DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN ist hierzulande auch unter seinem Kino-Wiederaufführungstitel "Invasion der Zombies" bekannt und hat im Original so viele Titel, dass sie aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Die bekanntesten sind: "The Living Dead at the Manchester Morgue" und "Let Sleeping Corpses Lie". Dieses Wirrwarr soll aber nicht verschleiern, dass es sich hier um einen der meistunterschätzten Horrorfilme der 70er, vielleicht sogar aller Zeiten, handelt.

Worum geht es? Der Kunsthändler Ray Lovelock (bekannt aus zahllosen Italo-Western und dem Katastrophen-Kracher "Cassandra Crossing", 1976) will aus der Großstadt mit seinem Motorrad nach Manchester reisen und gerät unterwegs an die zauberhafte Christine Galbo, die ihm das Motorrad unabsichtlich kaputtfährt. Als sie die weitere Strecke gemeinsam zurücklegen, geraten sie bald an einen Haufen Untoter, die offenbar durch die Strahlung einer neuartigen Insektenvernichtungsmaschine aus ihrem Grab gerufen wurden und nach Blut lechzen...

DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN orientiert sich im Handlungsablauf wie auch in der Auflösung an George Romeros Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten" (1968). Hier wie dort gerät ein junges Paar an einen herumtorkelnden Zombie und muss sich bald vor einer ganzen Armee Gedärmelutscher verstecken. Dabei nimmt Regisseur Jorge Grau aber Romeros eigenen Nachfolger "Dawn of the Dead" (1978) verblüffend vorweg, indem er das grauenvolle Geschehen in schönsten Farben filmt, mit ordentlich Sozialkritik und hervorragenden Ekeleffekten (von Gianetto de Rossi) anreichert. Trotz der blutigen Splatter-Einlagen aber setzt sein Film deutlich mehr auf Gruselatmosphäre und Spannung, was ihm ausgezeichnet gelingt. Einige Sequenzen - wie die, in der unser Paar in einer verschlossenen Leichenhalle gegen mehrere Untote zur Wehr setzen muss - erinnern an Hammer-Klassiker wie "Dracula" (1958) und sind tatsächlich zum Zerreißen spannend. Das Tempo ist durchweg gemächlich, steuert aber zielgenau auf das bittere Ende hin. Die für das europäische Exploitation-Kino typisch unfreiwillig komischen Trash-Momente fehlen fast völlig, und obwohl die Erklärung für die Existenz der Zombies letztlich albern ist (auch, dass sie ihr Untoten-Dasein weitergeben können), nimmt der Film sie so ernst, dass sie viel weniger haarsträubend wirkt als das bei anderen Genre-Vertretern der Fall ist.

Das liegt auch daran, dass Jorge Grau mit seinem Thema intelligent umgeht und den Zeitgeist erstaunlich real einfängt. Zu Beginn erinnert der Zombie-Schocker eher an Arthaus-Kino à la "Blow Up" (1966). Themen wie Studentenunruhen, Hippie-Communities, Terrorismus, Generationenkonflikt und Umweltverpestung finden Eingang in Drehbuch und Umsetzung. Bereits die Titelsequenz, in der Ray Lovelock durch die Stadt fährt und die Kamera authentische Bilder eines bedrückenden Großstadtlebens einfängt (tote Singvögel am Straßenrand, rauchende Fabrikschlote, Menschen mit Atemschutzmasken vor dem Gesicht), ist intelligenter als komplette Filme seiner Zeitgenossen und beweist, dass sogar ein Zombiefilm scharfsinnige Kommentare zu politischen und gesellschaftlichen Themen abgeben kann, wie sie im Mainstream nicht unbedingt möglich sind.

Dazu kommt die knallharte Darstellung der Ordnungsmacht, verkörpert durch einen eiskalten Arthur Kennedy, der hier ein brillantes Porträt eines skrupellosen, desillusionierten Polizisten zeichnet, der seinen Hass auf die veränderten Zeiten nur in Gewalt ausdrücken kann. Am liebsten würde er "die Langhaarigen, die Schwulen und die Hippies" vom Erdboden verschwinden lassen. Kennedys 'Untaten' sind schlimmer als die der Film-Monster - der Zombies - weil diese lediglich ihrem Instinkt folgen und sich ihr Dasein nicht ausgesucht haben, Kennedy aber weiß genau, was er tut, und wenn er sich am Ende ganz übel verhält, verabscheut man ihn mehr als die Untoten.
Hauptdarsteller Lovelock gerät allein durch seinen Bart und die längeren Haare ständig in Konflikt mit Polizei und Dorfbewohnern, wobei Jorge Grau auch Anspielungen an Charles Manson und den Sharon Tate-Mord einfließen lässt. Wenn Lovelock die Strahlenmaschine zerstört, die für die Zombie-Invasion verantwortlich ist, wird er prompt für einen gemeingefährlichen Terroristen gehalten.

Formal besticht DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN durch eine erstklassige Kameraführung, die die einsame englische Gegend mit den grünen Hügeln und verlassenen Friedhöfen stimmungsvoll einfängt. Die Musik ist angenehm zurückhaltend, statt alberner Zombie-Masken setzt Jorge Grau auf interessante Gesichter (die Zombie-Darsteller sind hervorragend gecastet), und die Hauptdarsteller Lovelock und Galbo geben ein sympathisches Paar ab, dem man nichts Böses wünscht - was selten genug im Horrorfilm vorkommt. Christine Galbo ist nicht nur sehr attraktiv und verletzlich, sondern nach ihrer Mitwirkung im Kult-Klassiker "Das Versteck" (1969) und dem Wallace-Giallo "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" (1972) eine europäische Horror-Ikone.
DAS LEICHENHAUS ist übrigens so sicher durchgstylt, dass nicht einmal die 70er-Kostüme abschreckend oder schrill wirken - Galbos Schwarzweiß-Outfit sieht heute noch klasse aus. Überhaupt ist dies ein Film, in dem ich den Gore überhaupt nicht bräuchte, er funktioniert ganz wunderbar als klassische Schauergeschichte und hat mit Sicherheit John Carpenter zu "The Fog" (1980) inspiriert. Zu bemängeln ist lediglich die deutsche Synchro, die seltsam unbeteiligt und fade wirkt.

Fazit: DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN sollte sich kein Horror-Fan entgehen lassen. Ich selbst - das gebe ich gern zu - konnte mit dem Film früher nicht viel anfangen, weil er mir zu langsam war und ich ihn nur auf verschrammelten VHS-Prints gesehen habe. Nun wurde er jüngst auf Blu-Ray veröffentlicht (Edition Tonfilm) und sieht fantastisch aus. Als ich ihn kürzlich so wiedersah, waren alle Vorbehalte nach einer Minute verschwunden, und ich kann mich nur der Meinung vieler Horror-Experten anschließen, dass dieser Film eine echte Perle des Genres ist. 

9.5/10


Sonntag, 24. Februar 2013

Can't Stop the Music (1980)

Hier ist der Film, auf den die Welt in den 80ern (nicht) gewartet hat: eine musikalische Erzählung vom Aufstieg der 'Village People' zu Ruhm und Welterfolg!

Das erste, was man dabei denkt, ist vermutlich: wer braucht das denn? Und genau so sahen es auch die Kinozuschauer im Jahr 1980, denn mit einem Budget von 20 Millionen Dollar wurde CAN'T STOP THE MUSIC (Can't Stop the Music) zu einem der größten Flops in der Geschichte Hollywoods. Heute gehört dieses sinnbefreite, quietschbunte und völlig überproduzierte Kitsch-Spektakel zu den besten schlechten Filmen aller Zeiten, oder wie ich es nenne:
'The Sound of Music' meets 'Cruising'.

Der Film beginnt schlimm genug mit Hauptdarsteller Steve Guttenberg, der als erfolgloser Komponist seine Chance auf Erfolg wittert, als er einen DJ-Gig in einer angesagten Disco bekommt. Prompt schmeißt er seinen Tagesjob hin und macht einen Jubel-Ausflug durch die Stadt - auf Rollerskates und mit Transistorradio in der Hand! So rollt er während der (endlosen) Titelsequenz durch New York und erlebt crazy Sachen wie Schaufensterpuppen, die ihm zuzwinkern und Omas, die junge Männer mit Torten in der Hand ausrauben! Verrückt! Dabei grinst er die ganze Zeit so dümmlich, als hätte er eine Familienpackung Stimmungsaufheller geschluckt, und das geht bis zum Abspann so weiter - bei allen Mitwirkenden. Und der Film nimmt seinen Titel wörtlich - die Musik will einfach nicht aufhören.

Steve - dessen Rollenname nicht besonders subtil an den echten Entdecker der Village People erinnert - lernt also einen Musikproduzenten kennen und braucht jetzt noch ein paar Sänger, die seine Disco-Songs auf die Bühne bringen. Glücklicherweise hat seine Zimmergenossin (Valerie Perrine) viele gute Freunde, darunter - Achtung, jetzt kommt's - einen Indianer, einen Ledermann, einen Bauarbeiter, einen Cowboy, etc., etc. Und da sie alle aus Greenwich Village stammen, warum sie nicht einfach die "Village People" nennen? Irre! 

Was nun folgt ist eine Nummernrevue, die man gesehen haben muss, denn die 80er werden nicht umsonst als Jahrzehnt des schlechten Geschmacks bezeichnet. Da werden die Songs der Village People in unglaublichen Sets, mit Wahnsinns-Aufwand, Massen an Background-Tänzern und schrill-extravaganten Kostümen abgefeiert, als gäb's kein Morgen.
Nun muss man dazu sagen, dass die Village People ursprünglich eine Formation waren, die für die Gay Community zusammengewürfelt wurde (nicht schwer zu verstehen, wenn man sich die Pin-Up-Kostüme der Herren anschaut). Der Film aber will natürlich allen gefallen (das Geld muss ja wieder reinkommen), also gibt es im gesamten Werk keinen Moment, in dem das Wort "gay" ausgesprochen wird. Stattdessen aber gibt es an jeder Ecke leicht bekleidete Muskelkerle, die Kamera zoomt stets auf die Knackpos der Männer, und Nebendarsteller Bruce Jenner muss eine ganze Szene im bauchnabelfreien T-Shirt und abgeschnittenen Jeans auf Hodenhöhe hinter sich bringen. So viele Schnauzer, Brustbehaarung und Muckis hat man selten in einem Film gesehen. 

Der große Höhepunkt ist natürlich die "YMCA"-Nummer, die in einem - jawoll - YMCA stattfindet, wo die Village People und ihre Frontfrau Valerie Perrine singend und tanzend nackte Jungs in Umkleidekabinen 'überraschen', wo Sportler sich unter der Dusche die Handtücher auf den nackten Po klatschen, während Synchronschwimmer ein Wasserballett veranstalten, Boden- und Geräteturner durch die Luft fliegen, dass Leni Riefenstahl in Entzückung geraten würde, und wo sich Ringer schwitzend am Boden wälzen! Das ist mit Abstand die definitiv schwulste Musical-Nummer ever!  
Hätte ich den Film in der Pubertät gesehen, er wäre mein Lieblingsfilm geworden - so war es eben "Maurice" (1987), aber der hier macht eindeutig mehr Spaß.

Und da das Wort "gay" schon nicht mehr erwähnt werden muss, wundert es auch niemanden, warum keiner der männlichen Darsteller irgendeine Art von weiblichem Love Interest bekommt - nicht einmal Hauptdarsteller Guttenberg, und der gehört nicht mal zu den Village People. Guttenberg darf sich zwar gelegentlich ausziehen und nackt im Overall herumspazieren, aber seine nette WG-Partnerin verliebt sich in den Typ mit dem bauchnabelfreien T-Shirt.
Hatte ich schon erwähnt, dass es zwischendurch ein durchgeknalltes Casting gibt, weil noch ein Mitglied der Village People fehlt? Da steckt sich tatsächlich jemand beim Jonglieren in Brand - und das ist nicht das einzige heiße Höschen, das der Film bietet. Wahrscheinlich muss man den Film so sehen, wie die Macher ihn konzipiert haben - mit jeder Menge Drogen. Regisseurin übrigens war Nancy Walker, und das ist - richtig! - Tante Angela aus den "Golden Girls"!

Wenn man sich dran gewöhnt hat, wie unlustig und bizarr dieses groteske Spektakel ist, dann fängt es irgendwann an, gute Laune zu machen, und spätestens bei der Schlussnummer hält es mich nicht mehr auf dem Sofa - zu dem Song trägt der Indianer übrigens rosa Kopfschmuck und farblich passende Knöchel-Puschel! Oh mein Gott! Sein wippender Lendenschurz bekommt sogar eine Großaufnahme. Danke, Frau Walker! Der Abspann ist dann mit so viel Glitter (über den nochmaligen 'Höhepunkten' des Films) überzogen, dass man sich in der Herrentoilette des 'Studio 54' wähnt.

Ich empfehle CAN'T STOP THE MUSIC für fröhliche Video-Abende oder ESC-Partys mit Cocktails, Schnittchen, Käse-Igel, guten Freunden und im Doppelprogramm mit "Xanadu" (1980), der ebenso schlimm, aber mindestens genau so unterhaltsam ist.

08/10 (ja, ehrlich)

P.S. Wieso hat eigentlich der G.I. überhaupt keinen Text?


Eurovision Song Contest? Nein, die Village People! 
Man beachte den rosa Indianer-Kopfschmuck.


Samstag, 23. Februar 2013

Die Augen der Laura Mars (1978)

Hoppala, warum habe ich den denn bislang nicht besprochen? Das hätte mir auch mal einer sagen können, immerhin gehört dieser wunderbare Schund doch zu meinen meistgesehenen Thrillern der 70er!

Um es gleich vorweg zu nehmen, nein, gut ist der nicht, aber die Idee zum Film stammt immerhin von John Carpenter, und man mag sich gar nicht ausmalen, wie DIE AUGEN DER LAURA MARS (Eyes of Laura Mars) wohl unter seiner Regie ausgesehen hätte, wenn er denn sein ursprüngliches Drehbuch hätte verfilmen dürfen. Das wurde ihm aber unterm Hintern weggezogen, komplett umgeschrieben und dann von Irvin Kershner inszeniert. Dumm gelaufen für ihn und für uns alle.

Faye Dunaway spielt hier die titelgebende Laura Mars, eine angesagte New Yorker Modefotografin, deren Zurschaustellung von Gewalt und Sex gerade für jede Menge Zündstoff sorgt. Als mehrere ihrer Models brutal ermordet und die toten Körper arrangiert werden wie auf Lauras Fotos, gerät die Fotografin zur Zielscheibe eines Serienkillers. Aber nicht nur das - durch eine offenbar telepathische Verbindung kann sie die Morde durch die Augen des Mörders sehen, während sie stattfinden...

Das klingt doch nach einem herzhaften Schocker mit Spannung, Terror, nackter Haut und Gesellschaftskritik. Leider ist der Film nur ein Hochglanz-Modeprodukt seiner Zeit und kann aus seiner genialen Grundidee kaum Kapital schlagen. Jedes Mal, wenn der Killer zuschlägt, bleibt Dunaway stocksteif und mit weit aufgerissenen Augen (gelegentlich auch mitten auf der Straße) stehen und sieht zu, wie der Mörder ihre Models meuchelt. Woher diese merkwürdige Verbindung zwischen ihr und dem Killer stammt, das wird nie erklärt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich das eigentlich gut oder schlecht finde. Irgendwie will man schon wissen, woher zum Teufel diese Gabe stammt, andererseits, welche Erklärung wäre denn dafür befriedigend?
Der Film macht es sich an der Stelle nicht nur sehr leicht, sondern ist auch noch unnötig verschwurbelt, weil der Mörder angeblich durch Lauras Fotos zum Töten inspiriert wurde, während sie hingegen ihre Inspiration auf wundersame Weise durch Polizeifotos erhielt, welche sie aber nie zu Gesicht bekam - soll heißen, sie stand schon zuvor mit dem Killer in Kontakt, der aber erst durch sie zum Morden kam? Hä? Macht alles keinen Sinn, wenn man weiter darüber nachdenkt. Ist einer dieser "Huhn oder Ei"-Fälle, bei denen man nicht weiß, was denn nun zuerst da war.

Genug von Logik, wie spannend ist das Ganze denn nun? Der Film beginnt sehr eindrucksvoll mit einem Negativ-Bild von Dunaway und dem Titelsong von Barbra Streisand, die ursprünglich die Hauptrolle spielen sollte, bevor sie es sich anders überlegte (bzw. nachdem sie das neue Drehbuch las) und lediglich den Song beisteuerte, welcher aber extrem hörbar ist (Achtung, Ohrwurmqualität!). Danach sehen wir kurz das nächste potentielle Opfer durch die Augen des Killers (Anklänge an "Halloween", ein bisschen Carpenter steckt eben doch drin), dann erwacht Dunaway in ihrem Designer-Apartment vor einer Spiegelwand einsam in ihrem Bett. Das ist sehr stylisch und macht Lust auf mehr.

Nach dem ersten Drittel aber, wo wir sie bei der Arbeit mit den Models gesehen und kurz die gesellschaftlich relevanten Fragen oberflächlich gestreift und zu den Akten gelegt haben (ist es moralisch vertretbar, Mode mit Sex und Gewalt zu verkaufen?), folgt der Film dem bekannten Whodunit-Schema und spult wie in einer Zeitschleife den immer gleichen Ablauf ab - ein Mord geschieht, Dunaway versucht, jemanden zu überzeugen, dass sie den Mord gesehen hat, aber keiner glaubt ihr, dann kommt der nächste Mord, sie rennt wieder zur Polizei, aber keiner glaubt ihr, etc., etc. Dazwischen scheinen die Morde auch mal keine Rolle zu spielen, wenn etwa mitten im Film eine fröhliche Geburtstagsparty steigt, obwohl gerade 5 bis 6 Freunde der Geburtstagsgesellschaft dran glauben mussten. Hm.

Um die Identität des Killers zu verschleiern (die dem aufmerksamen Zuschauer lange klar sein dürfte), werden so viele falsche und plumpe Spuren gelegt, dass sich die Verdächtigen schnell zu stapeln beginnen. Ist es der irre Brad Dourif, der Dunaway durch die Stadt kutschiert? Oder der finstere Ex-Mann Raul Julia? Oder doch der ermittelnde Cop Tommy Lee Jones (hier noch ohne Knitterface), der sich seltsam abgestoßen von Dunaways Fotos zeigt?
Nun ja, sagen wir mal, die Auflösung ist so vorhersehbar wie unspektakulär. Dunaway kann den Mörder niederballern (der zuvor - sehr symbolisch! - die Spiegel ihres Schlafzimmers zerbricht) und weiter ein Leben als überbezahlte Promi-Knipserin führen. Ein bisschen Suspense stellt sich zwischendurch durchaus mal ein, wird aber nie lange gehalten.Warum durfte Carpenter den Film nicht selbst machen? Angeblich sollte das Ganze bei ihm sehr viel phantastischer und weniger wie ein Slasher-Film ablaufen. Wir werden es nie erfahren, denn DIE AUGEN DER LAURA MARS war nicht so erfolgreich, dass ein Remake in Sicht wäre.

Bleibt noch Faye Dunaway, die der Produktion ein bisschen Klasse verleiht. Zwar sieht sie etwas anämisch aus und trägt schlimme Klamotten (wie den Sherlock-Holmes-Karo-Anzug mit Hut), bei denen man sich ernsthaft fragt, warum eine Frau mit so scheußlichem Geschmack ausgerechnet für Modefotos verantwortlich ist, aber sie spielt wieder mal, was das Zeug hält und läuft sich schon warm für ihren durchgedrehten Overacting-Marathon in "Meine liebe Rabenmutter" (1982). Das ist mal hervorragend, mal unfreiwillig komisch - ich verweise nur auf die ganz miese Liebesszene zwischen ihr und Tommy Lee Jones, in der beide nach einer Beerdigung (!) ohne Vorwarnung plötzlich durch den Herbstwald taumeln und schnulzige Dialoge sprechen müssen, bevor sie sich in die Arme fallen und unmotiviert herumknutschen, während gerade ein Serienkiller hinter ihr her ist. Dunaway bringt es selbst am besten auf den Punkt, wenn sie keuchend sagt: "I'm completely out of control!" - Äh, ja, nicht nur heute, Faye...

Spitze ist übrigens der Soundtrack, auf dem sich neben dem typischen Slasher-Score lauter Disco-Hits der 70er wie "Let's All Chant" und "Shake Your Booty" die Plateau-Schuhe in die Hand geben. Das fetzt!
Und erwähnt werden muss noch meine Lieblingsszene auf dem Polizeirevier, wo die Models sich einfinden, um ihre Aussagen zu machen und eine von ihnen den Stylisten dabei hat, der ihr die Haare macht, während sie wartet! Das kann ich nur empfehlen. Ohne meinen Haarstylisten gehe ich nicht mal mehr zum Briefkasten.
Nebenbei, ich mag den Film - trotz allem. 

07/10 (objektiv fünf, sechs für den Nostalgiefaktor und sieben für den Stylisten)


Sex Sells! 
Faye Dunaway als Laura Mars in "Die Augen der Laura Mars




Freitag, 22. Februar 2013

Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key (1972)

YOUR VICE IS A LOCKED ROOM AND ONLY I HAVE THE KEY (Il Tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave) dürfte wohl der längste Titel sein, der jemals einen Giallo zierte, und dahinter verbirgt sich ein sehenswerter Thriller von Genre-Spezialist Sergio Martino.

Der Film fährt gleich mehrere Kultfiguren des Genres auf. Anita Strindberg spielt die gedemütigte Frau eines erfolglosen, ausgebrannten Schriftstellers (Luigi Pistilli), der gern die lokalen Hippies zu Orgien in sein Haus einlädt, bei denen er seine Ehefrau vor aller Augen quält. Kurz darauf werden sowohl seine Geliebte als auch die Haushälterin brutal ermordet. Als dann noch die schöne Nichte (Edwige Fenech) des Tyrannen auftaucht, nehmen die überraschenden Wendungen kein Ende mehr...

Sergio Martino verbindet in YOUR VICE Giallo-Elemente mit einschlägigen Klassikern à la "Die Teuflischen" (1955) und baut dazu noch Anspielungen auf Edgar Allan Poes "The Black Cat" ein, indem er der Hauskatze eine wichtige Rolle zukommen lässt und die sadomasochistische Beziehung der Hauptfiguren sowie die finale Auflösung aus Poes Geschichte übernimmt. Es steckt also mehr drin in diesem Italo-Cocktail als kreischende Frauen, denen die Kleider vom Leib gerissen werden, bevor sie gemeuchelt werden. Wobei, Kleider fliegen hier auch ganz schön durch die Gegend, denn Martino suhlt sich förmlich in menschlichen Abgründen. Die liebe Nichte stellt sich als eiskaltes Biest heraus, das über Leichen geht, die unterdrückte Ehefrau entdeckt selbst den Satan in sich, und den fiesen Gatten möchte man schon in der ersten Szene am liebsten tot sehen. YOUR VICE schildert neben dem Thriller-Plot eine durch und durch dekadente Gesellschaft, in der jeder nur an sich denkt, und in der sich die Stärkeren alles nehmen, was ihnen nach ihrer Ansicht zusteht, während sie auf den Schwachen herumtrampeln. Sex ist ein reines Macht- und Manipulationsintrument, Mord und Totschlag die Kommunikationsmittel der Wahl.

Martino geht - was seine Charaktere betrifft - mehr in die Tiefe, als es normalerweise im Giallo üblich ist. Als Zuschauer hat man leichte Schwierigkeiten, auch nur für eine der Figuren wirklich Sympathie zu empfinden - am ehesten noch mit der von Strindberg gespielten Ehefrau, allerdings lässt die sich so oft demütigen, dass man sie schütteln möchte. Edwige Fenech, die schönste aller Giallo-Heldinnen (siehe "Das Geheimnis der blutigen Lilie", 1971 oder Martinos Giallo-Vorgänger "Der Killer von Wien", 1971), sieht wie immer umwerfend aus (diesmal mit kurzen Haaren) und entweicht mit ihrer Rolle dem üblichen Opfer-Schema, aber sie kommt ein bisschen spät in den Film und entpuppt sich schnell als niederträchtige Göre. Das ist aber alles kein Problem, weil man gerne zuschaut, wie diese Widerlinge sich gegenseitig das Lebenslicht ausblasen. Da entschuldigt man auch ein paar kleinere Längen.

Formal hält sich Martino an die Vorgaben des Genres. Die Mordsequenzen sind schnell und blutig, die Kamera filmt das sündige Geschehen im schönsten Licht und mit ungewöhnlichen Perspektiven, und die Musik von Bruno Nicolai ist mal wieder eine Klasse für sich. Wer Gialli mag, der sollte sich YOUR VICE, der seltsamerweise zu den eher unbekannten Vertretern des Genres gehört und bis heute nicht in Deutschland erschienen ist, nicht entgehen lassen.

08/10


Donnerstag, 21. Februar 2013

Frauen bis zum Wahnsinn gequält (1970)

Der deutsche Titel ist hier wie so oft irreführend (ganz zu schweigen von doof) - FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT (The Forbidden Photos of a Lady Above Suspicion) ist kein Folter- und Gefängnisfilm mit Linda Blair in Ketten, sondern ein als Giallo getarnter erotischer Thriller.

Die deutsche Schauspielerin Dagmar Lassander spielt eine gelangweilte Hausfrau, die den Tag mit guten Vorsätzen (weniger trinken, weniger Pillen) beginnt, welche sie aber gleich wieder aufgibt. Dann begegnet sie einem mysteriösen Fremden, der sie überfällt und ihr erklärt, ihr Mann sei ein Mörder. Tatsächlich ist einer seiner Geschäftspartner gerade ums Leben gekommen. Dagmar versucht der Sache auf die Spur zu kommen und beginnt (aus nicht gerade nachvollziehbaren Gründen) eine Affäre mit ihrem unheimlichen Stalker. Damit bringt sie sich in größte Gefahr...

FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT gehört streng genommen zum Gothic-Melodram à la "Das Haus der Lady Alquist" (1944), aber unter der Regie von Luciano Ercoli wirkt der Film rein äußerlich wie ein lupenreiner Giallo, bei dem man irgendwann doch den schwarzbehandschuhten Killer vermisst. Der Hintergrund der Handlung ist ein rein kriminalistischer, und es fehlen die typisch ausgeschmückten Mordsequenzen, die man sonst im Giallo findet, weil sich der Film eher mit den sexuellen Begierden und Abgründen von Frauen beschäftigt. 
Dazu spielt der Thriller mit einigen Hitchcock-Elementen (insbesondere "Verdacht", 1941), kann diese aber nie wirklich überzeugend zu einem Ganzen zusammenfügen - was schade ist, denn eigentlich ist die Geschichte (Frau verliebt sich in einen Erpresser, der sie und ihren Mann bedroht) gar nicht schlecht.

Dagmar Lassander kann mit ihrem guten Aussehen und ihrem leicht übertriebenen Spiel für Interesse sorgen, und Ercoli gelingen ein paar gute Szenen wie jene, in der Lassander nach dem Überfall in einer Kneipe Schutz sucht und sich der Film ganz auf ihre Einsamkeit konzentriert. Die Sex-Szenen sind dagegen eher verschämt als offenherzig, und die Figuren-Motivation knirscht dermaßen, dass es schwer fällt, den Film ernst zu nehmen. Die Auflösung ist ziemlich vorhersehbar und stammt aus der Kategorie 'hanbeüchen'. Das Beste ist noch die Musik von Ennio Morricone, der wieder einmal für die typische Untermalung sorgt.

Hübsch anzuschauen sind viele der originellen Kameraperspektiven und die schrill-poppige Ausstattung. Wem das genügt, und wer Giallo-mäßig gerade auf dem Trockenen sitzt, der ist mit FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT ganz gut bedient. Aber wer Lust auf dieses wunderbare Genre verspürt, der sollte eigentlich lieber gleich zu einem der besseren Vertreter greifen.

06/10


Sonntag, 17. Februar 2013

Zombies unter Kannibalen (1980)

Anfang der 80er kassierte die italienische Exploitation-Filmindustrie besonders mit zwei Genres ab: dem Zombie- sowie dem Kannibalen-Film. Da brauchte es kein Genie, um auf die wahnsinnige Idee zu kommen, dass man noch mehr abkassieren könnte, wenn man Zombies UND Kannibalen in einem gemeinsamen Film sowohl aufeinander als auch auf unschuldige Opfer loslässt. So entstand ZOMBIES UNTER KANNIBALEN (Dr. Butcher, M.D./Zombie Holocaust), ein echter Splatter-Klassiker.

Plot? Wen interessiert der Plot?
In New York häufen sich Fälle von Kannibalismus, und aus Krankenhäusern werden Leichenteile gestohlen. Ein Inspektor (Ian McCulloch) und eine sexy Anthropologin (Alexandra Delli Colli) verfolgen die Spur eines Sektensymbols, das jeweils an den Tatorten gefunden wurde, und reisen auf eine exotische Insel, wo sie einen irren Doktor (Peter O'Neal) treffen, der grausame Experimente durchführt. Er transplantiert menschliche Gehirne in tote Körper und erweckt diese so zum Leben. Die Überreste (seiner misslungenen Experimente) werden an die örtlichen Kannibalen verfüttert. Warum er das tut? Müssen Sie ihn selbst fragen. Auf jeden Fall ist es höchste Zeit für unsere Protagonisten, den Urlaub abzubrechen...

Für Hauptdarsteller Ian McCulloch muss es ein permanentes Déja Vu gewesen sein, denn der spielte schon unter Lucio Fulcis Regie im Zombie-Klassiker "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" (1979) mit, und ZOMBIES UNTER KANNIBALEN folgt fast 1:1 dem Plot des Vorgängers. Also findet sich der britische Mime wieder auf einer tropischen Insel wieder, darf erneut Zombies mit Molotow-Cocktails beschmeißen und mit seiner hübschen Partnerin Reißaus durch den Dschungel nehmen. Ach, das italienische Trash-Kino ist einfach zu schön. Was ZOMBIES UNTER KANNIBALEN so herrlich unterhaltsam macht, das sind sowohl die derben Splattereffekte, mit denen man unentwegt bombardiert wird, als auch der völlige Verzicht auf Tiersnuff-Szenen, die das Kannibalen-Genre so unerträglich und abstoßend machen. Offenbar haben die Macher dieses Films zumindest in diesem Punkt eine ethische Grenze entdeckt, die sie nicht überschreiten wollen. Dafür sei ihnen gedankt, und dafür nehmen wir auch ganz schlechtes Schauspiel und fürchterliche Dialoge in Kauf.

Dazu weiden wir unsere Augen an massenhaft ausgeweideten Nebendarstellern, herausgepulten Augäpfeln, abgetrennten Schädeldecken und merkwürdigen Arztpraktiken (Lieblings-Dialog von Doktor zu Patientin, die auf dem OP-Tisch gefesselt ist: "Jetzt stört mich dein Gebrüll nicht mehr bei der Arbeit, ich habe deine Stimmbänder durchtrennt!" - Wann haben Sie zum letzten Mal einen Doktor diese unsterblichen Worte sagen hören?). Den besten Moment bekommt Ian McCulloch, wenn er einen Zombie mit dem Propeller eines Außenbordmotors in Einzelteile zerschreddert. Man kann dem Film vieles vorwerfen, aber nicht, dass er sich zurückhalten würde. Hier ist alles over the top und so richtig schön blöd. Die Prise Sex darf selbstverständlich nicht fehlen, weswegen unsere scharfe Völkerkundlerin mal schwarze, mal weiße Dessous unter ihrem Dschungel- oder Krankenschwestern-Outfit trägt, wenn die Eingeborenen ihr nicht gerade mit Fingerfarben Blümchen auf die nackerte Haut pinseln.
Es erübrigt sich fast zu sagen, dass der Film natürlich hierzulande beschlagnahmt wurde und in den 80ern nur im Flüsterton unter Ladentischen zu haben war. Heute kann ihn so ziemlich jeder auf DVD genießen.

Regisseur Marino Girolami war übrigens bereits ein Veteran des Schund-Kinos, als er ZOMBIES UNTER KANNIBALEN inszenierte. Obwohl sein Name eher unbekannt ist, hat er 77 Filme (in Worten: siebenundsiebzig!) Filme auf seiner Vita, viele verständlicherweise unter Pseudonym, darunter preisverdächtige Titel wie "Flotte Teens - Runter mit den Jeans!" (1980), "Ausgeflippt und affengeil" (1980), "Schüler lieben hübsche Hasen" (1975), "Zwei Trottel gegen Django" (1967) oder "Komm, wir machen Liebe" (1975). Wenn das keine Karriere ist, dann weiß ich es auch nicht. Ohne sämtliche Werke zu kennen, würde ich tippen, dass ZOMBIES UNTER KANNIBALEN vielleicht sein bester Film ist. Was das Splatterkino der 80er angeht, gehört er jedenfalls auf die Spitzenränge.

09/10


Donnerstag, 14. Februar 2013

Foltermühle der gefangenen Frauen (1978)

Die Filme des Franzosen Jean Rollin sind nicht jedermanns Sache, und ich gestehe offen, dass sie auch nicht meine sind. Die meisten von ihnen langweilen mich zu Tode, obwohl die Mischung aus nackter Haut und Blut durchaus ihre Reize hat und Rollin sicher kein unbegabter Stümper ist. Der Fairness halber sei dazu gesagt, dass mich Rollins Schaffen vermutlich mehr interessieren würde, wenn mich nackte Frauen antörnen würden, aber so ist es nunmal nicht (und die Kerle in Rollins Filmen sind grundsätzlich Grottenolme).

Mit FOLTERMÜHLE DER GEFANGENEN FRAUEN (Les Raisins de la Mort) verhält es sich etwas anders, da Rollin hier statt nackter Vampire einen lupenreinen Zombiefilm vorlegt, der deutlich leichter zugänglich ist, weil er sich an einschlägigen Vorbildern orientiert und weniger die privaten Obsessionen und Fetische des Regisseurs abfeiert. Ich erinnere mich außerdem mit wohliger Gänsehaut daran, dass der Film im örtlichen Schund-Kino lief (da wo sonst die Softsex-Streifen für ältere Herren mit Hut gezeigt wurden), als ich zarte zehn Jahre alt war und die blutigen Aushangfotos mit dieser erregenden Mischung aus Schaudern, Faszination und Ekel betrachtet habe, die jeder Horror-Fan kennt. Zum Film selbst hatte ich leider keinen Zutritt (verdammter Jugendschutz!).

Der Inhalt der FOLTERMÜHLE ist schnell erzählt: ein junges Mädel reist per Eisenbahn in ein französisches Weinanbaugebiet, um ihren Verlobten zu treffen. In der Ortschaft hat allerdings ein neuartiges Pestizid sämtliche Bewohner in blutrünstige Zombies verwandelt. Schon im Zug wird unsere Protagonistin von einem überfallen und flüchtet entsetzt in die einsame Landschaft. Dort erlebt sie mit jeder weiteren Begegnung ein neuartiges Grauen...

Zunächst einmal wollen wir die deutschen Titelfinder loben, denn FOLTERMÜHLE DER GEFANGENEN FRAUEN ist weißgott ein origineller Titel - besonders, da im gesamten Film weder Folter, Mühlen noch gefangene Frauen vorkommen. Ebenso schön sind die Alternativtitel "Pestizide - Grapes of Death" und "Zombis (sic!) geschändete Frauen". Gut, der Originaltitel "Trauben des Todes" ist auch kein Brüller, aber der hat wenigstens rudimentär mit der Handlung zu tun.
Rollin orientiert sich an Filmen wie Cronenbergs "Rabid" (1974), Romeros "Die Nacht der lebenden Toten" (1968) und Jorge Graus "Das Leichenhaus der lebenden Toten" (1974). Im Thema steckt natürlich auch eine gewisse Ironie, denn dass die Franzosen ausgerechnet durch den eigenen Wein zu blutrünstigen Zombies werden, das hat schon was. Rollin drehte wie immer preisgünstig an Originalschauplätzen, und ihm gelingen - das muss man ihm lassen - einige wundervolle Einstellungen der verlassenen Gegend mit den alten Steinhäusern im Nebel. Die Einstellung, in der unsere Hauptdarstellerin über eine Eisenbahnbrücke torkelt, hat ganz sicher David Lynch in "Twin Peaks" inspiriert. Die surreale Atmosphäre der FOLTERMÜHLE ist nicht zu verachten, gerade wenn man bedenkt, wie billig der Film war.

Leider sieht man ihm das schmale Budget ansonsten an jeder Ecke an. Die Zombie-Masken sehen aus wie künstliches Erbrochenes, das den Darstellern ins Gesicht geklatscht wurde. Die Szene mit der schönen Blinden, die zunächst nackig gemacht und an eine Tür genagelt wird (natürlich nackig, es ist Rollin), bevor sie enthauptet wird, ist nicht nur höchst anstößig (und hat vermutlich dem Film die hierzulande ausgesprochene Beschlagnahmung eingebracht), sondern auch furchtbar albern, weil die Schaufensterpuppe deutlich sichtbar ist, die da den Kopf hinhalten muss. Gemetzelt wird in der FOLTERMÜHLE relativ heftig, was die Splatterfans erfreuen dürfte, doch kein Effekt ist wirklich überzeugend gemacht oder sorgt für echten Schrecken. Zwischen diesen Momenten herrscht dann gähnende Langeweile, wenn unsere Hauptfigur von Tür zu Tür rennt (ohne zu begreifen, dass ihr keiner helfen kann), und Rollin erreicht die Spielfilmlänge überhaupt nur, weil er immer viel zu lange draufhält, auch wenn gar nichts passiert.

Dazu kommen die gewohnten Abstriche, die man bei Dialogen, Charakteren und Schauspielern machen muss. Die Hauptdarstellerin kann zumindest ordentlich kreischen, und in einer Nebenrolle kann die ehemalige Porno-Darstellerin Brigitte Lahaie als mysteriöse Schönheit (komplett im weißen Nachtgewand und mit zwei Riesenhunden an der Kette - da hat wohl jemand Bava gesehen!) für etwas Interesse sorgen, aber der Rest der Besetzung agiert durchweg laienhaft. Nebenbei: ist es ein Zufall, dass Rollin einen ehemaligen Pornostar in einem Film besetzt, der große Ähnlichkeit mit "Rabid" aufweist, in welchem - wir erinnern uns - Ex-Pornostar Marilyn Chambers ihre erste 'seriöse' Rolle spielte? Wie klein doch die Welt ist...
Die deutsche Synchronisation ist übrigens mal wieder von der Sorte 'besonders doof' (mit dauer-kieksenden Frauen, die keinen Satz wie ein normaler Mensch sprechen), glücklicherweise wird aber nicht allzu viel geredet.

Während die italienische Horror-Industrie in den 70ern auf Hochtouren lief und Filme am Fließband produzierte, hat Jean Rollin das französische Exploitation-Kino weitgehend allein bestritten, dafür gebührt ihm Respekt. Dass er künstlerisch einflussreich war, beweisen Filme wie Fulcis "The Beyond" (1981), die sich bei Rollin bedienen (die Begegnung der Heldin mit dem blinden Mädchen in einsamer Gegend ist 1:1 übernommen). FOLTERMÜHLE DER GEFANGENEN FRAUEN ist für Interessierte ein guter Einstieg in Rollins Schaffen. Ob man ein Fan wird, hängt allerdings davon ab, wie man zu seinen persönlicheren Werken wie "Lady Dracula" (1982) steht. Ich habe diesen Sprung nie geschafft, aber ich habe ja noch ein paar Jahre (hoffentlich) vor mir - sofern ich auf französischen Wein verzichte...

6.5/10

Dienstag, 12. Februar 2013

Der Antichrist (1974)

Nein, hier geht es nicht um den gleichnamigen Film von Lars von Trier aus dem Jahre 2009, sondern um ein weiteres (bzw. das erste) Rip-Off von William Friedkins Welterfolg "Der Exorzist" (1973), der besonders in Italien zahlreiche Nachahmer fand. Von diesen war "Vom Satan gezeugt" (1974) der erfolgreichste (und blödeste), während Alberto de Martinos DER ANTICHRIST (L'Anticristo) eher unbekannt geblieben ist, obwohl es sich hier um ebenso grotesken Quatsch handelt.

Dabei beginnt alles so schön mit dokumentarischen Aufnahmen einer religiösen Prozession irgendwo in Italien, religiöser Ekstase und einem spektakulären Selbstmord. Die gehbehinderte Ippolita (Carla Ravina) ist mit ihrem Vater (Mel Ferrer, der sich durch viele italienische Horrorfilme geschnarcht hat) zur Prozession gereist, um Heilung zu suchen, die sie aber nicht findet. Ippolita hat es ohnehin nicht leicht. Der Papa hat sich ein heißes blondes Model (Anita Strindberg) an Land gezogen, der feminine Bruder ist auch keine Hilfe, und die arme Ippolita hatte noch nie Sex in ihrem Leben. Kein Wunder, dass sie verbittert ist und der Satan in sie fährt.
Es folgen derbe Flüche im Stil von Bierkutschern, verspeiste Frösche, heftige Masturbation mit Papas Foto, Verführung des eigenen Bruders und Träume von Teufelsritualen, bei denen Ippolita vergewaltigt wird und - jetzt kommt's - Anilingus an einem Ziegenbock vollführt. Also all das, was bei Besessenen üblicherweise an der Tagesordnung ist (oder ein gewöhnlicher Scripted Reality-Nachmittag auf RTL).

Lustig wird es, wenn die aufgegeilte Ippolita - jetzt ohne Rollstuhl - einen blonden Schuljungen, der aussieht wie Schlagersänger Jürgen Marcus (gottseidank singt er nicht), begrapscht und ihm ordentlich den Kopf verdreht - im wahrsten Sinne des Wortes. Das herumfliegende Mobiliar darf natürlich auch nicht fehlen (warum glauben Horror-Regisseure, dass fliegende Möbel gruslig sind??), und auch der grüne Schleim kommt selbstverständlich zum Einsatz. Mit diesem wird unter anderem die arme Alida Valli bespuckt, die noch Jahre zuvor in Filmklassikern wie "Der dritte Mann" (1949) mitwirkte und hier als unansehnliche Haushälterin gedemütigt wird.
Eine Dinnerparty mit dem Teufelsweib wird zum großen Fremdschäm-Festival, wenn Ippolita rohes Fleisch verschlingt, ihre sexy Stiefmutter als "Cocksucker" beschimpft und ihre Schenkel auf dem Tisch ausbreitet, damit jeder aus der Familie in ihr Allerheiligstes glotzen kann, während die Vorhänge und Gemälde durchs Zimmer tanzen. Ach ja, schweben darf Ippolita später auch noch, wie wollen doch keinen Einfall aus dem "Exorzisten" auslassen, gell? 

Wer nach dem realistischen Beginn nun geglaubt hat, der Film würde eine kritische Haltung zu Kirche und religiösem Fanatismus einnehmen, der befindet sich auf dem Holzweg, denn wieder mal müssen im letzten Akt die Priester anrücken (darunter Arthur Kennedy, der seine Rolle später im "Hexensabbat" 1975 wiederholte), um der Dame mit dem dreckigen Mundwerk ihren Platz in der Gesellschaft zu zeigen. Zuvor kommt übrigens noch ein Wunderheiler, der Ippolita mit Voodoo-Puppen zur Vernunft bringen will, was zu einer hinreißenden Szene führt, in der Ippolitas Unterarm verschwindet und aus dem Nichts wieder auftaucht, um den Hexenmeister zu würgen - mit ganz schlechten Spezialeffekten.

Wie immer im Subgenre des Exorzisten-Films wird die sexuelle Freizügigkeit der Frau, die nicht mehr gehorchen mag, mit Folter und Qual bestraft, bis sie endlich 'vom Bösen befreit' ist - sprich, ihre Rolle als unterwürfige Jungfer im Rollstuhl wieder einnehmen kann. Die 70er waren eben eine Zeit der (männlichen) Verunsicherung. Wo kommt die Welt hin, wenn Frauen plötzlich einen Orgasmus verlangen? Das geht so nicht! DER ANTICHRIST ist dann auch ein extrem heuchlerischer Film, weil er die weibliche Verführung von Schuljungen als Akt des Satans kennzeichnet, während er mit der Tatsache, dass der alternde Mel Ferrer mit der scharfen Anita Strindberg in die Laken steigt, obwohl die seine Tochter (oder Enkelin) sein könnte, kein Problem hat.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Regisseur Alberto de Martino, der einige ganz hervorragende Gialli inszeniert hat - für seine weibliche Hauptfigur kaum Sympathie aufbringt. Anders als Linda Blair, Mia Farrow oder sogar Juliet Mills in "Vom Satan gezeugt" zeichnet er Ippolita von Anfang an als frustrierte, ungerechte und selbstmitleidige Tyrannin, die ständig Aufmerksamkeit braucht. Einerseits eine mutige Entscheidung, weil realistisch nachvollziehbar, andererseits kann man mit ihr kaum Mitleid empfinden und schaut dem satanischen Treiben eher gelassen zu. Was, ein Ziegenbock-Hintern wird in die Kamera gehalten? Von mir aus.

Bleibt noch zu sagen, dass DER ANTICHRIST wieder mal außergewöhnlich schön fotografiert ist und einen klasse Soundtrack von Ennio Morricone und Bruno Nicolai vorweisen kann. Was die Kameraführung und Lichtsetzung angeht, kommt niemand an die Italiener heran. In so einem Exploitation-Schund derart viel Kunst zu sehen, das ist doch erstaunlich. Das gilt allerdings nicht für die billigen Spezialeffekte. Ausstattung und Locations sind darüber hinaus sehr barock (Kirchen, Kathedralen, alte Gemäuer, feudale Villen), was vielleicht ein Grund für die Erfolglosigkeit des Films im Ausland war. Ein "Vom Satan gezeugt" sieht mit seinen US-Settings einfach moderner aus. DER ANTICHRIST ist - obwohl das Imitat eines US-Films - in Themenwahl und Darstellung durch und durch italienisch.

07/10





Nein, nein und nochmals nein!
Jede Ähnlichkeit ist und bleibt rein zufällig und garantiert nicht beabsichtigt!
Juliet Mills, Carla Ravina und Linda Blair, allesamt vom Teufel besessen.


Freitag, 8. Februar 2013

The Child - Die Stadt wird zum Alptraum (1972)

Venedig ist immer eine Reise wert - oder einen guten Grusler. Nicolas Roeg drehte mit "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) den wohl ultimativen Venedig-Schocker, aber Aldo Lados Giallo THE CHILD (Who Saw Her Die? / Chi L'ha Vista Morire?) kommt ihm schon sehr nahe, zumal der Look hier eher dokumentarisch als stilisiert ist.

THE CHILD erzählt von einem Kindermörder, der rothaarige Mädchen brutal ermordet. Der Vater des letzten Opfers (George Lazenby) sucht auf eigene Faust den Killer in der Lagunenstadt. Bis er diesem aber auf die Schliche kommt, müssen noch einige seiner Bekannten dran glauben, und auch seine Ehefrau (Anita Strindberg) steht auf der Liste des Mörders...

Regisseur Aldo Lado inszeniert THE CHILD in bester Giallo-Tradition, und man fragt sich, warum der Film sogar im Rahmen seines Genres eher unbekannt geblieben ist. Der Film ist durchweg an Originalschauplätzen gedreht worden und besticht durch einen ultra-realistischen Look, den man so nicht oft im italienischen Exploitation-Kino findet. Dramaturgisch wichtige Szenen spielen sich stets dort ab, wo im Hintergrund noch authentische Glasbläser, Gemüseverkäufer, Gondolieri oder Taubenfütterer ihre tägliche Arbeit verrichten, so dass man als Zuschauer tatsächlich das Gefühl hat, mit den Protagonisten an Ort und Stelle zu sein. Gleichzeitig nutzt Aldo Lado die verschlungenen Labyrinthe der Stadt (ebenso wie Roeg) als Metapher für die ebenso verschlungenen Pfade des Murder Mysterys, bei dem man bis zum Schluss nicht errät, wer der Täter sein könnte. Man ahnt lediglich, dass er sich unter den bereits bekannten Gesichtern befindet.
Ebenso hoch anrechnen muss man Lado, dass er mit seiner Geschichte da hingeht, wo es wirklich weh tut, immerhin werden hier keine sexy Models vom schwarzbehandschuhten Mörder gejagt, sondern unschuldige Kinder. THE CHILD beginnt bereits mit einer heftigen Sequenz, in der wir aus der Sicht des verschleierten Killers (mit dem Schleier vor der Kamera) dessen nächstes Opfer beobachten, bevor er es mit einem Stein erschlägt und im Schnee vergräbt. Später stellt der Killer der Tochter unserer Hauptdarstellers nach, und auch diese Szenen gehen unangenehm unter die Haut, weil der Film sich erfolgreich bemüht hat, Vater und Tochter als liebenswerte Figuren zu zeichnen, denen man absolut nichts Böses wünscht. Umso brutaler wirkt dann die Ermordung des Kindes. An dieser Stelle muss - wie so oft - die Musik von Ennio Morricone gelobt werden, der mit seinen Kinderchören für die richtige Gänsehaut-Atmosphäre sorgt.

Obwohl THE CHILD nicht durchgehend spannend ist, gelingt es Aldo Lado immer wieder, den Zuschauer zu fesseln, ganz besonders in den Mordsequenzen, die an Argento erinnern und an Hitchcock. Ein Mord vor einem überdimensionalen Vogelkäfig dürfte wohl die deutlichste Anspielung sein, und die Täter-Motivation stammt direkt aus "Psycho" (1960), zumal sich auch hier der Mörder als alte Frau verkleidet.

Der Vater wird vom einstigen Bond-Darsteller George Lazenby gespielt, der hier ein bisschen nach Junkie aussieht, aber hervorragende Arbeit leistet, ganz besonders in körperlicher Hinsicht, denn er kriegt mehrfach eins auf die Mütze, muss unentwegt durch die Gassen rennen oder wird in gähnende Abgründe geschubst, bevor er den Killer endlich stellen kann. Ihm zur Seite stellt der Film ein bunt zusammengewürfeltes Ensemble aus Euro-Stars wie Fassbinder-Schauspieler Peter Chatel oder die berückend schöne, statuenhafte Anita Strindberg. Mit Adolfo Celi ("Feuerball", 1965) steht noch ein weiterer Bond-Veteran vor der Kamera.
Die Identität des Mörders soll hier nicht verraten werden, aber mit dessen Enttarnung betritt THE CHILD für das Genre und das italienische Kino ungewohnt brisantes Terrain. Der letzte Dialogsatz im Film soll das zwar ein bisschen ausbügeln, aber es wird schon klar, was hier eigentlich für ein Statement gemacht werden soll. Es ist die große Stärke des Films, dass er nicht wie ein schnell zusammengezimmerter Mode-Thriller wirkt, sondern ernsthafte Absichten verfolgt und dabei künstlerisch wertvoll bleibt.

Wer sich mit dem Giallo-Kino anfreunden kann, dem sei THE CHILD dringend ans Herz gelegt. Im Gegensatz zu vielen seiner Weggefährten hält er den Trash-Faktor so niedrig, dass er kaum vorhanden ist. Auch unfreiwillige Komik gibt es nicht. THE CHILD ist trotz einiger Unlogiken und kleiner Längen ein sehenswerter, düsterer Psycho-Thriller, der unter die Haut geht und sich dort festsetzt. Für Fans ein Muss.

08/10

Donnerstag, 7. Februar 2013

Disturbia (2007)

Regisseur D. J. Caruso modernisierte mit DISTURBIA (Disturbia) Alfred Hitchcocks Klassiker "Das Fenster zum Hof" (1954) für ein junges Zielpublikum. Obwohl Hitchcock-Puristen bei dieser Vorstellung eher aufschreien, muss man sagen, dass sich das Ergebnis wirklich sehen lassen kann und um einiges origineller ausfällt als etwa Gus van Sants "Psycho"-Remake (1999).

Shia LaBeouf spielt in DISTURBIA einen schwierigen Teenager, der den Verlust des Vaters verkraften muss und nach einer Prügelei mit seinem Spanischlehrer durch eine elektronische Fußfessel ans Haus gebunden ist. Von dort aus verbringt er seine Freizeit damit, die Nachbarn auszuspionieren. Dabei kommt ihm der Verdacht, dass einer von ihnen (David Morse) ein gesuchter Serienkiller sein könnte. Bald schon muss er um sein eigenes Leben fürchten...

DISTUIRBIA hangelt sich dabei eng an der Vorlage entlang und versucht für alle Elemente ein modernes Pendant zu finden. Die elektronische Fessel entspricht James Stewarts Gipsbein, die schwarzhumorige Krankenschwester Thelma Ritter wird durch den besten Freund ersetzt, und das erwachsene Problem von Hitchcocks Hauptfiguren (Grace Kelly möchte heiraten, James Stewart will lieber als Fotograf durch die Welt ziehen) weicht den typischen Teenager-Ängsten (LaBeouf muss den Tod des Vaters akzeptieren, mit seiner Umwelt zurecht kommen und die erste Liebe entdecken). Für die Etablierung der Charaktere lässt sich Regisseur Caruso angenehm viel Zeit (einige würden sagen, zu viel) und findet viele gute Einfälle für die Langeweile, mit der sich der ans Haus gefesselte LaBeouf herumschlagen muss, bevor er Zeuge eines Mordes wird.Auch die Fußfessel wird dramaturgisch geschickt eingesetzt. 

Tatsächlich beginnt nach einem obligatorisch knalligen Auftakt (der überraschende Unfalltod des Vaters) der Thriller erst ab der Hälfte der Filmzeit, lässt dann aber nicht mehr locker und jagt seinen jungen Helden von einer atemlosen Situation in die nächste. Dass das alles weißgott nicht neu ist (inklusive einer vermeintlichen Leiche, die keine ist, was man als uralten Hut bezeichnen kann), kann DISTURBIA über weite Strecken verschleiern, und er bietet genug Spannung und Humor, damit der Zuschauer das möglichst nicht merkt.

Im Finale übertreibt der Film dann allerdings gewaltig. Da befindet sich plötzlich unter dem Einfamilienhaus des Nachbarn ein ganzes Höhlenlabyrinth, wichtige Charaktere werden entweder im Vorbeigehen ermordet oder einfach vergessen, und den Schlussfight mit dem Killer hat man so und ähnlich schon hundertmal in Slasher-Filmen gesehen.
Bis dahin aber hat man sich gut unterhalten, und die Schauspieler leisten allesamt tadellose Arbeit. LaBeouf ist ein echter Sympathieträger, Carrie-Ann Moss hingegen wird als LaBeoufs Mutter leider verschenkt. Ihre Szenen sind zum großen Teil der Schere zum Opfer gefallen, wie man auf den Deleted Scenes der DVD sehen kann. Das ist im Hinblick auf die Filmstory und das Zielpublikum nachvollziehbar, aber trotzdem schade für die Schauspielerin, die im fertigen Film nur noch in der Küche steht, ihren Filmsohn zum Aufräumen anhält und sich am Ende selbst in Todesgefahr bringt. Das waren noch Zeiten, als sie mit Keanu Reeves die 'Matrix' aufmischte...

Natürlich muss man dazu sagen, dass DISTURBIA nicht ansatzweise die Klasse, Subtilität oder den verschlagenen Witz von Hitchcocks Klassiker besitzt (und auch keine Grace Kelly). Allein wie Hitchcock dort mit der Darstellung der Nachbarschaft einen abgeschlossenen Mikrokosmos erzählt und jede Menge wunderbarer kleiner Geschichten in die große packt, davon kann ein DISTURBIA nur träumen. Am diesem Beispiel sieht man sehr schön, wie das Kino und das Publikum sich verändert haben.

Die Rechnung ging übrigens auf, und DISTURBIA wurde ein Hit beim jungen Publikum, woraufhin sich Regisseur Caruso gleich darauf einen weiteren Hitchcock-Klassiker vornahm, den "unsichtbaren Dritten" (1959), der - wieder mit LaBeouf in der Hauptrolle und deutlich mehr Action - als "Eagle Eye" (2008) in die Kinos kam - wenngleich mit schwächerem Ergebnis.

08/10

Dienstag, 5. Februar 2013

Die drei Tage des Condor (1976)

Der amerikanische Polit-Thriller DIE DREI TAGE DES CONDOR (Three Days of the Condor) war ein großer Hit und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Sein Ruf ist sogar besser als der Film es verdient hätte, denn der bietet zwar spannende Unterhaltung, ist aber weder brisant, noch geht er wirklich unter die Haut (wie es die besten Vertreter dieses Genres schaffen), und er wird durch eine zähflüssige Liebesgeschichte sabotiert.

Sydney Pollack inszenierte diesen Thriller nach dem Roman von James Grady (in welchem der Condor sechs Tage statt drei bekommt). Robert Redford spielt darin einen harmlosen CIA-Agenten, der im Auftrag der Regierung Abenteuer-Romane und Krimis liest, um geheime Bedeutungen, Muster oder mögliche Pläne von Bösewichtern zu erkennen. Als er eines Tages von der Mittagspause ins Büro zurückkehrt, findet er alle Mitarbeiter seiner Abteilung erschossen vor. Nun ist er selbst auf der Flucht. Aber wem kann er in einem System trauen, das selbst niemandem vertraut?

Zunächst das Gute. Die erste halbe Stunde des Films ist perfekte Mainstream-Unterhaltung - humorvoll, hochspannend und actionreich. Als flüchtender Geheimagent stolpert Redford von einer Suspense-Szene in die nächste, und Regisseur Pollack beweist, dass er viel von Hitchcock gelernt hat - der sympathische Held, der ungewollt in finstere Machenschaften gerät, die schmutzigen Methoden des Geheimdienstes, die sich der Vertrauten des Gejagten bedienen, um ihn in die Falle zu locken, die schöne Unbekannte, die ihm ungewollt hilft, etc., das sind alles Elemente der besten Filme des Meisters. CONDOR ist zudem glänzend besetzt und fährt neben John Houseman und Cliff Robertson als dubiose CIA-Chefs Max von Sydow als eiskalten Auftragskiller auf, nachdem dieser zwei Jahre zuvor noch bei Linda Blair den Teufel ausgetrieben hat.

Noch mehr allerdings bemüht sich Pollack, das Sonnyboy-Image seines Hauptdarstellers (und Produzenten) Redford sauber zu halten, und damit unterscheidet er sich grundlegend von anderen Vertretern des Politkinos der 70er, in denen gebrochene Hauptfiguren auf den Spuren von Verschwörungen kaum das Filmende erlebt haben und das Publikum verstört wurde. Bei Pollack ist man immer auf der sicheren Seite, und man muss als Zuschauer nie Angst haben, dass unserem Robert oder seiner Frisur etwas Ernstes zustößt. Schon in den ersten fünf Minuten erleben wir ihn als Sonnenschein, der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat (= witzig), sich nicht gern an Regeln hält (= unangepasst) und - obwohl ein Bücherwurm - auch mit dem 'einfachen Volk' in einem Café locker scherzen kann (= einer von uns). Diese Aktion 'sympathischer Redford' ist schon ziemlich penetrant, und spätestens, wenn er Faye Dunaway mit romantischer Psychoanalyse vollsülzt ("Du bist etwas zwischen Herbst und Winter" - wollen das nicht alle Frauen gern hören?), kann einen schon der Brechreiz überfallen.

Was uns zum nächsten großen Problem bringt. Faye Dunaway spielt ihre Rolle tadellos, aber sie ist vollkommen nutzlos für den Film, der jedesmal zum Halten kommt, wenn sie auftaucht. Nicht nur ist sie viel zu sophisticated für die Rolle, die sie spielt (laut Buch ist sie eine junge Fotografin, die nicht so recht weiß, wo sie hingehört und mit einem reichen Kerl ins Ski-Wochenende fahren will - da stellt man sich doch eher eine Goldie Hawn vor und nicht die kühle Dunaway), sie hat auch nichts anderes zu tun als unentwegt ängstlich zu schauen und sich trotz gewaltsamer Übergriffe Redfords in diesen zu verlieben. Muss ein extremer Fall von Stockholm-Syndrom sein. Der Film schenkt ihr nicht einen interessanten Moment und serviert sie dann im dritten Akt mit einer schnulzigen Abschiedsszene auf Nimmerwiedersehen ab. Eigentlich wartet man ständig darauf, dass sie von einem Polizisten wegen fahrlässiger Ausbremsung eines Thrillers verhaftet oder - wie in der Muppet-Show - von einem gigantischen Spazierstock seitwärts aus dem Bild gerissen wird.
Die Schauspielerin kann nichts dafür. DIE DREI TAGE DES CONDOR ist so auf Massengeschmack gebügelt, dass die Liebesgeschichte obligatorisch ist, ob sie nun passt oder nicht. Der Film ist ein gutes Beispiel dafür, wie unsensibel Hollywood mit talentierten Frauen umgeht, die nur als Schaufensterdekoration herhalten müssen, um dem männlichen Held größtmögliche Potenz zu bescheinigen. Redford bekommt sogar mehr Großaufnahmen als sie.

Nachdem die erste Hälfte des Films auf Hochtouren läuft, fällt die zweite dann spannungsmäßig etwas ab, und wenn am Ende Redford als letzten Ausweg seine Geschichte der seriösen New York Times erzählt und der Film somit die Medien als unbestechlich und heilsbringend zeichnet (der eher zaghafte Versuch, das Ende dennoch durch einen ominösen Dialog offen zu lassen, überzeugt da nicht), dann weiß man, dass das Kino sich auf geradem Weg in die 80er befindet, wo jede Verunsicherung des Zuschauers zugunsten einer simplen Gut/Böse-Weltsicht geopfert wurde.
Mit düsteren Paranoia-Thrillern wie "Der Marathon-Mann" (1976) oder "Zeuge einer Verschwörung" (1974) hat DIE DREI TAGE DES CONDOR nur noch am Rande zu tun. Er will den größtmöglichen Erfolg und bleibt deswegen weitgehend harmlos. Dennoch bietet er unterm Strich spannende, gut gespielte und formal tadellose Thriller-Unterhaltung - und das ist ja nicht wenig.

08/10

Sonntag, 3. Februar 2013

Das siebte Zeichen (1988)

Obwohl im Kino der 80er regelmäßig muskulöse Neandertaler wie Stallone oder Schwarzenegger die Welt mit brachialer Gewalt aufräumten, war das Publikum durch die Schrecken der Realität - wie Tschernobyl, Aufrüstung und einen drohenden Nuklearkrieg - so verunsichert über die Selbstzerstörungswut der Menschheit, dass gegen Ende des Jahrzehnts der Okkultismus groß in Mode war. John Carpenter schickte in seinem "Die Fürsten der Dunkelheit" (1987) den Satan persönlich auf die Erde zurück, und in James Camerons "Abyss" (1989) kündigten Aliens das nahende Ende der Welt an.
In DAS SIEBTE ZEICHEN (The Seventh Sign) liegt es an Demi Moore, die Welt vor dem Abgrund zu retten. Und eines ist sicher - wenn das Schicksal der Welt in Demi Moores Händen ruht, dann sollte man sich besser warm anziehen, denn das Ende steht kurz bevor.

Ominöse Zeichen deuten auf die drohende Aopkalypse. Flusswasser verwandelt sich in Blut, Fische sterben, und die Wüste wird zu Eis. Ein Abgesandter des Vatikan (Peter Friedman) ist überzeugt, dass die in der Bibel prophezeite Offenbarung des Johannes Wirklichkeit wird. Gleichzeitig vermieten die schwangere Demi Moore und ihr Ehemann Michael Biehn eine Einliegerwohnung an den mysteriösen Jürgen Prochnow, der ebenfalls in Sachen Weltende unterwegs ist. Er ist nämlich kein geringerer als Jesus persönlich, von Papi auf die Welt gesandt, das nahende Ende aufzuhalten. Und das ist nur möglich, wenn Moores Ungeborenes gesund zur Welt gebracht wird. Da hat der böse Kirchenvertreter aber auch noch ein Wörtchen mitzureden, denn dem wäre nichts lieber als die ewige Finsternis...

Wer jetzt meint, das klingt nach einem ziemlich zusammengewürfelten Haufen Wirrwarr, der liegt schon ganz richtig. Ähnlich wie in "Das Omen" (1976), von dem sich DAS SIEBTE ZEICHEN einiges abschaut, werden Bibelpassagen nicht interpretiert, sondern schlicht wörtlich genommen (bzw. die besten Stellen geplündert), um einen Horror-Plot daraus zu basteln. Dagegen ist ja erst mal nichts einzuwenden, und beim "Omen" funktioniert das ziemlich gut. DAS SIEBTE ZEICHEN aber wirkt stellenweise doch arg naiv, und wenn sich trotz atmosphärischer Bilder und dem guten Spiel der Hauptdarsteller eine Unglaubwürdigkeit an die nächste reiht, dann muss man schon sehr gnädig sein, um das apokalyptische Spektakel genießen zu können.
Gegen Ende wird das Ganze zwar sehr spannend und dramatisch (Moore muss die Hinrichtung eines zum Tode Verurteilten verhindern, um die Zeichenkette zu durchbrechen und so den Untergang aufzuhalten), aber der Film sabotiert sich selbst durch unfreiwillig komische Szenen wie die 'Enttarnung' Jürgen Prochnows als Jesus, samt güldenem Schein selbstverständlich. Was hingegen gut funktioniert ist der emotionale Bogen um Demi Moore, die eine schwache, depressive Frau spielt, die nach einer Fehlgeburt bereits mehrere Suizidversuche hinter sich hat, und der vom Schicksal (bzw. dem Drehbuchautor) nun das Schicksal der gesamten Menschheit auf die schmalen Schultern gelegt wird. Moore ist hier absolut überzeugend und zeigt ihre vielleicht beste Leistung überhaupt, gerade weil der Film überhaupt kein Interesse an ihrem Sex-Appeal hat.

Wie sich herausstellte, sieht allerdings die Welt Demi Moore lieber, wenn sie sich für eine Million die Nacht an Robert Redford vermieten lässt ("Ein unmoralisches Angebot", 1993), Michael Douglas an die Wäsche geht und ihre aufgepumpten Brüste über Treppengeländer hängt ("Enthüllung", 1994), deshalb war dem SIEBTEN ZEICHEN auch nicht der rechte Erfolg beschieden. Wohl auch, weil der Film sich nicht so recht entscheiden mag, ob er nun Horror, Mystery oder Justizdrama sein will, weswegen er alles in einen Topf wirft und hofft, am Ende würde etwas Komplexes dabei herauskommen. Stattdessen wirkt DAS SIEBTE ZEICHEN eher konfus. Immerhin stecken einige gute Ideen drin, so dass man ihn nicht als kompletten Fehlschuss bezeichnen kann.
Den stärksten Effekt erzielt der Film, wenn Demi Moore sich durchs TV-Programm zappt, wo eine Schreckensmeldung auf die nächste folgt und sich Kriege, Hungersnöte und Umweltverpestung die Hand reichen. Die Absicht vom SIEBTEN ZEICHEN, der Welt einen Spiegel vorzuhalten, ist lobenswert, aber die Tatsache, dass er sich durchgängig  zu ernst nimmt und den Zuschauer am Ende mit einer platten Botschaft abspeisen will ("So lange es Menschen gibt, die sich aufopfern, besteht Hoffnung"), hinterlässt einen mehr als zwiespältigen Eindruck. Und Spaß macht er wegen der depressiven Grundstimmung übrigens auch keinen.

6.5/10


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