Samstag, 30. März 2013

Die City-Cobra (1986)

"Du bist die Krankheit. Ich bin die Medizin."

Mütter, sperrt eure Töchter weg, Psychos, verschanzt euch in der Gummizelle, Supermarkt-Räuber, sprecht euer Gebet - der böse Bulle mit den Muckis und der zu engen Jeans ist wieder in der Stadt!
Tach auch, mein Name ist Cobra.
City Cobra.

Wollte man jemandem den typischen Action-Film der 80er erklären, könnte man ihm James Camerons "Terminator" (1984) oder eben George P. Cosmatos' DIE CITY-COBRA (Cobra) ans Herz legen, die so ziemlich beide Enden des Spektrums abdecken. Der eine ist eine intelligente Suspense-Achterbahn mit düsterem Apokalypse-Szenario, der andere ein testosterongeladener Polizeifilm mit haufenweise sinnlosem Geballer, Selbstjustiz-Glorifizierung und einem lächerlichen Macho-Held, der erst schießt und dann Fragen stellt. Serviert wird das Ganze in rotstichiger Hochglanz-Videoclip-Ästhetik, die damals gerade schwer in Mode war. Wegwerf-Popsongs werden an allen passenden und unpassenden Stellen eingedudelt, damit sich auch das Soundtrack-Album gut verkauft, und statt einer Geschichte gibt es einen losen Faden, der die Action-Sequenzen zusammenhält.

Man staunt, dass für den Plot von COBRA überhaupt ein Roman als Vorlage verwendet wurde, denn die Story ist so dünn, dass sie auf einem Kassenbon Platz finden würde. Es geht um ein hübsches Model (Brigitte Nielsen, noch vor ihren Schönheits-OPs und Dschungelcamp-Ausflügen), das zufällig Zeugin eines grausamen Mordes wird, ausgeführt vom so genannten 'Nachtschlitzer' (ein 'Nacktschlitzer' hätte mir besser gefallen). Hinter dem Namen verbirgt sich eine Gang gewalttätiger Psychopathen. Der saucoole Cop Cobretti (Sylvester Stallone, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist) nimmt sich der Zeugin an und versucht, sie zu beschützen, bevor die Gang sie drankriegt. In einem abgelegenen Motel kommt es zum Showdown zwischen dem Polizisten-Proll und den Schizo-Schlitzern...

Ja, da muss man auch nicht für zwei Sekunden sein Gehirn einschalten beim Anschauen, das hat was. Stallones Drehbuch sagt uns weder, was das genau für eine böse Gang ist oder was die überhaupt wollen (außer brutale Morde verüben), noch findet irgendeine Art von Charakterentwicklung statt. Stallone ist am Ende genau derselbe schweigsame, vernunftresistente, selbstverliebte und schießwütige Mucki-Macho mit Dackelblick wie zu Beginn, und die Frage, ob er vielleicht ebenso psychopathisch ist wie seine Gegenspieler, stellt der Film gar nicht. Charaktere, die leise Kritik an Stallones brachialem Vorgehen äußern, werden sofort als spießige Bürohengste abgewertet oder kriegen von Cobra gleich ein paar aufs Maul. Zu so einem Teufelskerl steigt eine heiße Braut wie Nielsen doch gern aufs Motorrad.

Brigitte Nielsen, damals noch Stallones Gattin, sieht (wirklich) hübsch aus und spielt (wobei 'spielen' ein weitläufiger Begriff ist) von vorne bis hinten nur das Opfer, das beschützt werden muss. Sie bekommt nicht einen Moment, in dem sie selbst mal aktiv wird. Als Charakterisierung reicht dem Film, dass sie zu viel Ketchup auf ihre Pommes kippt. Cobras Partner nascht zu viele Süßigkeiten, und der Oberbösewicht zeichnet sich durch ständiges Schwitzen und Augenrollen aus. Muss reichen.
Über Stallones Cobra erfahren wir, dass er mit Vornamen Marion heißt ('Maria' in der deutschen Fassung), worüber er aber schmunzeln kann (das soll ihn sympathisch machen), ansonsten hängt ihm ein Streichholz dauerhaft im Mundwinkel, und Psychopathen mag er gar nicht, weil die den Steuerzahler nur Geld kosten. Was Cobras Materialschlachten den Steuerzahler kosten, wird nicht thematisiert, weil er ja auf der 'richtigen' Seite steht. Seine Anflüge von Selbstjustiz verteidigt er lapidar mit dem Leid der Opfer und deren Angehörigen - selbstverständlich ohne sich kurz zu fragen, ob nicht die Angehörigen der vielen Opfer, die auf seine eigene Kappe gehen, dann auch Grund genug hätten, loszuziehen und ihn kalt zu machen. Das wäre schon zu viel Selbstreflexion.

Das Erstaunliche ist - wenn man bereit ist, über all das hinwegzusehen (und - seien wir ehrlich - wenn man sich einen Stallone aus den 80ern ansieht, ist man dazu bereit), dann kann COBRA auf verbotene Art viel Spaß machen. Regisseur George P. Cosmatos ("Leviathan", 1989) kriegt wie immer keine wirklich spannende Szene hin, aber er sorgt für so viel Tempo und Krachbumm, dass COBRA eigentlich nie langweilig wird - außer vielleicht an den wenigen Stellen, an denen ödes Süßholz zwischen Hauptdarsteller und Hauptdarsteller-Gattin geraspelt wird. Da so etwas wie polizeiliche Ermittlungsarbeit nicht stattfindet, reiht sich eine actionlastige Sequenz an die nächste, keine dauert länger als die Konzentrationsspanne einer Amöbe aushalten würde, und zwischendurch gibt es viele schöne Montagen. Ein paar beabsichtigte Lacher funktionieren gut ("Sie haben ein Problem mit Ihrer Einstellung"), und im Finale sieht man reichlich halsbrecherische Old-School-Stunts (einer der Stuntleute landet direkt vor dem heranrasenden Motorrad eines Kollegen, der gerade noch ausweichen kann). Man kann über Stallone und Schwarzenegger sagen, was man will, man kann sie lieben oder hassen, aber das Kino der 80er wäre ohne sie deutlich langweiliger und zahnloser.

Man sollte COBRA betrachten wie einen One Night Stand. Er ist dumm, aber irgendwie sexy, man kann sich 90 Minuten lang mit ihm vergnügen, man sollte ihn aber nach dem Höhepunkt möglichst schnell wieder nach Hause schicken - und froh sein, dass man ihn nicht seinen Eltern vorstellen muss.

07/10

Freitag, 29. März 2013

Terminator 2 - Tag der Abrechnung (1991)

"I'll be back!" - Da isser wieder!

Nach mehreren Schwierigkeiten und gerichtlicher Klärung der Frage, wem eigentlich die Rechte am Franchise gehören, konnte James Cameron 1991 endlich sein Sequel zum Erfolgsfilm drehen. Der Regisseur hatte zuvor mit dem gefloppten "The Abyss" (1989) unerwartet Schiffbruch erlitten und brauchte dringend einen Hit.
Den konnte er mit TERMINATOR 2 - TAG DER ABRECHNUNG (T2 - Judgment Day) zweifellos verbuchen. Nicht nur wurde der Film zum Welterfolg, sondern aufgrund seiner bahnbrechenden Spezialeffekte auch zu einem weiteren Meilenstein des Action-Kinos.

Worum geht es diesmal? Im Grunde um das gleiche wie vorher. Wieder wird ein Killer-Terminator (jetzt Robert Patrick) auf die Erde geschickt, um Sarah Connors Sohn John (Edward Furlong) das Lebenslicht auszublasen. Dessen Mutter (wieder Linda Hamilton) sitzt mittlerweile in der geschlossenen Gefängnis-Psychiatrie, weil ihr niemand die Geschichte um Killermaschinen aus der Zukunft glaubt. Ein weiterer 'guter' Terminator wird ebenfalls losgesandt, der Sarah befreien und John beschützen soll. Dieser hat das Aussehen von Arnold Schwarzenegger erhalten, der also heute auf der Seite der Guten kämpft. Nachdem Sarah befreit ist, müssen sie, ihr Sohn und der T2 den drohenden Atomkrieg aufhalten, während der unaufhaltsame Killer-Terminator ihnen auf den Fersen ist...

James Cameron hat für T2 ein wahrhaft gigantisches Szenario aufgebaut, in dem seine Hauptdarstellerin nicht nur um ihr Leben kämpfen, sondern gleich noch die ganze Welt retten muss. Anlass genug für jede Menge Action, pazifistische Monologe und Überlänge. So ist dann T2 nicht nur der bis dato teuerste Film aller Zeiten (mit knapp unter 100 Millionen Dollar), sondern auch ein absolut atemberaubendes Spektakel geworden. Zwar gab es auch kritische Stimmen, die Camerons Tendenz zur jugendfreien politischen Korrektheit missbilligten (anders als im ruppigen Erstling darf Schwarzenegger hier keine Leute mehr erschießen, sondern ihnen 'nur' die Kniescheiben zerschmettern), aber die Massen feierten ein spannungsgeladenes Action-Epos, das allein vom Aufwand her seinesgleichen suchte.

Neben aller Ballerei, Explosionen und Stunts sorgten vor allem die so genannten 'Morphing-Efekte', die Camerons Techniker bereits in "Abyss" angewandt hatten, und die hier zur Perfektion entwickelt wurden, für grenzenloses Erstaunen. Der neue, böse Terminator kann sich nun selbst aus Einzelteilen zusammensetzen (anders als im Original, wo Schwarzenegger noch blutige Operationen an sich durchführen musste), jedermanns Gestalt und Sprache annehmen und sich gelegentlich auch aus Fußböden und anderen Dekorationen hervorschälen (wie es Freddy Krueger in der "Nightmare on Elm Street"-Reihe vormachte, deren Einflüsse hier deutlich sichtbar sind). Gegen Ende werden diese Effekte zwar von Cameron etwas inflationär eingesetzt, aber sie können heute noch so begeistern wie seinerzeit und gehören mittlerweile zum Standard-Repertoire von Effektkünstlern.

Zwei Sequenzen müssen besonders erwähnt werden. Zum einen der spektakuläre Ausbruch von Linda Hamilton aus der geschlossenen Psychiatrie, der eine solche Spannung erzeugt und so punktgenau inszeniert ist, dass einem die Luft wegbleibt (und aufgrund der Länge und überraschender Wendungen ein eigener Film-im-Film ist), zum anderen der apokalyptische Alptraum Hamiltons, in welchem sich eine friedliche Szenerie (ein Kinderspielplatz) durch eine nukleare Explosion in den Schauplatz ultimativen Horrors verwandelt. Selten wurde das Grauen eines möglichen Atomkriegs in dieser Kürze plastischer und beängstigender in Szene gesetzt. Dafür gebührt Cameron jedes erdenkliche Lob als Techniker, Visionär und Geschichtenerzähler.

Wie bereits im Vorgänger sorgt Cameron auch dafür, dass die Menschlichkeit bei allem Bombast (fast) nicht auf der Strecke bleibt. Linda Hamilton kann - mehr noch als im Vorgänger - als Hauptfigur brillieren, an der die Ereignisse aus Teil 1 nicht spurlos vorbeigegangen sind. Sie hat sich in eine muskelgestählte, leicht neurotische und paranoide Kampfmaschine verwandelt und muss erst durch Sohnemann Furlong (in einem beeindruckenden Debüt) wieder zu ihren Muttergefühlen finden. Der von Schwarzenegger mit gewohnter Lakonie und Einsilbigkeit gespielte Terminator sorgt im Zusammenspiel mit Teenager Furlong für den nötigen Witz und gelegentliche Auflockerung. Robert Patrick ist ein wunderbar eiskalter Gegenspieler des Trios.

Wenn es überhaupt etwas zu mäkeln gibt an T2, dann die Tatsache, dass die erste Filmhälfte mit den schon erwähnten Spannungs-Sequenzen so unglaublich gut ist, dass die zweite trotz allen Bombasts und aller Materialschlachten das Niveau nicht ganz halten kann. Da können noch so viele Motorräder aus Hochhäusern in vorbeifliegende Hubschrauber brettern, es kommt nichts mehr an den Moment heran, wenn Hamilton bei ihrem Gefängnisausbruch fast die Freiheit erreicht hat und Schwarzenegger - den sie noch als Verkörperung des Bösen in Ernnerung hat - plötzlich vor ihr aus dem Fahrstuhl steigt.
Im Finale merkt man dem Film sehr deutlich Camerons Willen an, T2 zum überwältigendsten Action-Kracher aller Zeiten zu machen, koste es, was es wolle. Aus diesem Grund wirkt er in den späten Szenen für meinen Geschmack zu verbissen, hat zu viele Enden und verliert leicht die Charaktere aus den Augen. Dass Camerons Filme gerne ausufern, kennt man aus zahlreichen Beispielen (mag irgendjemand den Director's Cut von "Aliens" mit Sigourney Weaver als verkitschter Oma?), hier hält er sich gerade noch so sehr im Zaum, dass die sorgfältig aufgebaute Spannung nicht den Bach runtergeht.

Trotz dieser Meckerei (zu der auch die etwas über-naive Schlussbotschaft gehört, die man eher von Spielberg erwartet hätte), ist  T2 ein in vieler Hinsicht grandioses, richtungsweisendes Action-Werk, das längst seinen verdienten Platz in der Filmgeschichte eingenommen hat. Keines der folgenden Sequels konnte der Qualität der beiden ersten Filme auch nur ansatzweise das Schmieröl reichen.

09/10

Mittwoch, 27. März 2013

Terminator (1984)

Im Jahr 2029 hat ein Atomkrieg die Erde verwüstet. Die Maschinen haben die Kontrolle übernommen und die Menschen versklavt. Aber es gibt Widerstand. Angeführt von einem gewissen John Connor kämpfen einige Mutige gegen die mechanische Übermacht. Um diesen Connor loszuwerden, wird eine Killermaschine - der "Terminator" (Arnold Schwarzenegger) - durch die Zeit zurück in unsere Gegenwart geschickt, um Connors Mutter Sarah (Linda Hamilton) zu töten und damit Connors Geburt zu verhindern. Der Kämpfer Reese (Michel Biehn) reist ebenfalls ins Jahr 1984, um den Plan zu vereiteln und Sarah Connor zu beschützen, die von ihrem 'Glück' noch gar nichts weiß. Kaum angekommen, entbrennt ein gnadenloser Kampf...

Zum TERMINATOR (The Terminator) muss man nicht viel sagen, vermutlich ist sogar die Inhaltsangabe überflüssig, denn der Film war ein Mega-Erfolg, hat mehrere Sequels sowie unzählige Nachahmer inspiriert, und er hat das Action-Kino der 80er definiert wie kein anderer. Wie der Titelheld ist auch der Film selbst eine unaufhaltsame Killermaschine, die - einmal mit dem Vorspann in Gang gesetzt - keine Gefangenen nimmt und über den Zuschauer hinwegrollt, dass diesem kaum Luft zum Durchschnaufen bleibt. TERMINATOR ist eine Action- und Suspense-Achterbahn mit gelegentlichen Anleihen beim Horrorfilm, deren Materialschlacht aber niemals die Story oder die Charaktere unter sich begräbt. Die Geschichte, die sich bei Sci-Fi-Vorbildern wie der "Twilight Zone" bedient, ist nicht nur originell erdacht, sondern umschifft auch geschickt die üblichen Logiklöcher von Zeitreise-Filmen und verknüpft am Ende auf wunderbare, sogar poetische Art und Weise alle losen Fäden. Nebenbei gibt es sogar noch eine überzeugende, subtile Liebesgeschichte, die nicht nur nicht stört, sondern für die Geschichte und deren Ausgang zwingend notwendig ist - das kommt wahrlich nicht alle Tage im Genre vor.

Regisseur James Cameron, der zuvor lediglich den (furchtbaren Trash) "Piranhas II - Fliegende Killer" (1981) inszeniert hatte, stand nicht allzu viel Geld zur Verfügung, was man seinem Werk aber kaum ansieht. Abgesehen von einigen schlimmen Frisuren (die arme Linda Hamilton!), Requisiten (Walkman, Anrufbeantworter so groß wie Kleinwagen) und Kostümen ist TERMINATOR kaum gealtert. Die Action-Sequenzen haben kein bisschen ihrer Kraft eingebüßt, die Spezialeffekte sehen aus als wären sie gestern entstanden, der hämmernde Elektronik-Soundtrack von Brad Fiedel ist maßgeblich mitverantwortlich für die zerkauten Nägel des Publikums und verstärkt die düstere Grundstimmung. Cameron greift sowohl die herrschende Atomkriegs-Angst der 80er wie auch deren "No Future"-Pessimismus auf, wenn es am Ende heißt: "Es wird ein Sturm kommen". Aber es gibt Hoffnung. Die Einflüsse des Slasherfilms merkt man daran, wie Linda Hamilton als Final Girl in den letzten Showdown gejagt wird, anstelle des eigentlichen Terminator-Gegenspielers Michael Biehn.

Zu Hauptdarsteller Schwarzenegger kann man stehen, wie man will, aber dies ist und bleibt seine beste Rolle. Als Killermaschine aus der Zukunft besitzt er eine furchteinflößende Präsenz, und sein roboterhafter Schauspielstil (und Dialekt) passen perfekt zum Material (kritisch wird es erst, wenn er 'echte' Menschen spielen muss). Sein Satz "I'll Be Back" wurde nicht ohne Grund unsterblich und bringt das zynische, Sequel-orientierte Action-Kino der 80er auf den Punkt.
Linda Hamilton, die hier - bis zum Finale - das Opfer gibt und erst in Teil 2 zur Kämpferin werden durfte, ist eine sympathische Heldin von nebenan. TERMINATOR ist in vielerlei Hinsicht ein 'Jungsfilm' mit ordentlich Geballer und mindestens zweistelligem Body Count (Leichen pflastern Schwarzeneggers Weg, der auch vor älteren Damen keinen Halt macht), aber Hamilton ist das Zentrum, das Herz des Films, das James Cameron nie aus den Augen verliert. Michael Biehn spielt überzeugend den guten Helden mit tragischem Ende, und auch das Casting der Nebenrollen ist exzellent, von Lance Henriksen (der ursprünglich den Terminator spielen sollte) und Paul Winfield als sarkastische Cops bis zu Bill Paxtons Mini-Auftritt als Straßenpunk.

James Cameron zeigt in TERMINATOR - vermutlich auch aus schlichten Budget-Gründen - eine bemerkenswerte Effizienz, die er später (trotz aller begründeter Lobhudeleien) oft vermissen ließ. Sein Film ist weder ausufernd noch kitschig, noch belästigt er sein Publikum mit naiven Botschaften - abgesehen von dem ewigen Kampf Gut gegen Böse, der in allen Cameron-Filmen stattfindet, was einen großen Teil ihres Erfolges ausmacht. In Camerons Universum gibt es kein grau, sondern (fast) nur schwarz und weiß. Die Guten haben eine reine Seele und ein kämpferisches Herz (und müssen oft über sich hinauswachsen im Angesicht der Bedrohung), die Bösen sind moralisch abgestumpft, zeigen keine Empathie (oder sind praktischerweise gleich böse Aliens) und müssen um jeden Preis vernichtet werden.
In TERMINATOR hält James Cameron stets die Balance zwischen Bombast, Figuren und Story und weiß, wann er aufhören muss, wann er den Zuschauer wieder aus dem Kinosessel entlassen darf, so dass dieser schweißgebadet, aber glücklich nach Hause gehen kann - mit dem "Terminator"-Thema von Brad Fiedel im Ohr und - aufgrund des hohen Testosteron-Spiegels - vielleicht etwas breitbeiniger und brustlastiger als gewöhnlich.

TERMINATOR ist zu Recht ein moderner Klassiker des Genres, der ebenso unkaputtbar ist wie sein mechanischer (Anti-)Held. Einer der besten Filme der 80er, ein Action-Meilenstein voller Suspense und Witz, an dem sich noch Generationen von Filmschaffenden orientieren dürfen und müssen.

10/10

Sonntag, 24. März 2013

Species II (1998)

Eine Marsmission geht gigantisch in die Hose, als drei Astronauten, die eigentlich Bodenproben auf dem roten Planeten entnehmen sollen, stattdessen von der bösen (und sexy) Alien-DNA infiziert werden, die wir bereits aus "Species" (1995) kennen.
Zurück auf der Erde, verwandelt sich der hübsche Besatzungschef Patrick (Justin Lazard) in ein wandelndes Sex-Monster, das unbedingt gestoppt werden muss, bevor es eine ganze Brut von Alien-Sprösslingen zeugt. Hilfreich erweist sich da die geklonte und friedliche Zwillingsschwester von Sil (Natasha Henstridge), dem weiblichen Bösewicht aus Teil 1, die in einem Labor gezüchtet wurde und über eine telepathische Verbindung zum männlichen Gegenpart verfügt... 

SPECIES II (Species 2) gelingt das Kunststück, noch weniger Sinn als das Original zu machen und erwies sich in den Kinos als das genaue Gegenteil des Vorgängers, nämlich als überraschender Total-Flop, der von enttäuschten Fans aus den Sälen gebuht und von Kritikern mit Kopfschütteln bedacht wurde. Dabei wurde hier an allen Ecken und Ende geklotzt, was das Zeug hält. Erotik und Gore - die beiden Schlüssel zum Erfolg des Originals - wurden extrem hochgefahren, wodurch sich auch der Trash-Faktor drastisch erhöhte. Deshalb macht SPECIES II trotz eines saudummen Scripts auch deutlich mehr Spaß als das züchtigere Original. Tatsächlich ist das Sequel dermaßen blutrünstig, dass sich die FSK 16-Freigabe (wieder mal) nur dadurch erklären lässt, dass ein großes Studio hinter dem Film stand (MGM). Wäre dies ein kleiner, unabhängiger Film, würde er schneller auf dem Index landen als man "Willkür" sagen kann. Im 5-Minuten-Rhythmus wird der Zuschauer mit aufgeplatzten Bäuchen, triefenden Eingeweiden, grotesken Geburts-Szenarien, weggeballerten Köpfen und flotten Dreiern (welche für einen Mainstream-Film heftig an der Grenze zum Hardcore kratzen) beglückt, und im Finale wird das weibliche Alien per - naja, nennen wir es mal 'Extrem-Deepthroating' ins Jenseits befördert - eine Disziplin, die ich gerne bei den nächsten Olympischen Spielen sehen würde.

Musste sich im ersten Teil Natasha Henstridge als sexy Ungeheuer durch den Film rammeln, kommt diese 'Ehre' in der Fortsetzung Justin Lazard zu, der hier eigentlich nach diversen TV-Rollen ("Central Park West") seinen großen Kinodurchbruch feiern sollte, was aber aufgrund des Misserfolgs leider nicht geklappt hat. Regisseur Peter Medak, der sich im Audiokommentar der DVD selbst kritisch zum Film äußert und besonders mit der Nacktheit angeblich Probleme hatte, lässt keine Gelegenheit aus, den knackigen Lazard aus seinen Klamotten herauszuholen - eine willkommene Abwechslung zum üblichen Hollywood-Schema. Als sexbesessenes Alien-Pin-Up zieht er alles durch die Laken, was ihm vor die Füße fällt, bis es dann im Showdown zum ultimativen Erotik-Clash mit seiner außerirdischen Partnerin Henstridge kommt (die dabei - wie gesagt - die schlechteren Karten hat).

Natürlich ist SPECIES II von vorne bis hinten blöde (wo kriegt eigentlich Alien-Daddy Lazard die Kartoffelsack-Kleider für seine gerade gezeugten Alien-Kinder her? Hat der die für Notfälle immer dabei?), aber er ist auch nie langweilig. Die Production Values können sich wieder sehen lassen, die Spezialeffekte sind größtenteils (bis auf den weggeschossenen Kopf) erste Sahne, und auch die Schauspieler liefern solide Leistungen ab. Neben Natasha Henstridge wiederholen Marg Helgenberger und Michael Madsen ihre Rollen aus dem Original und bilden ein gutes Gespann, wobei das Augenmerk klar auf Seiten der Aliens liegt. In einer Nebenrolle darf sich George Dzundza als Militär-Vertreter wie ein Schwein aufführen und die arme Henstridge quälen (in einer Szene, die nur dazu da ist, Henstridges Brüste prominent ins Licht zu rücken), während Peter Boyle als Wissenschaftler in der Klapsmühle ordentlich chargieren kann.

Regisseur Peder Medak hat viele exzellente Filme gemacht, hier kapituliert er komplett und überlässt den F/X-Technikern das Feld. Lediglich die Sequenz, in der Henstridge telepathischen Kontakt zu Lazard aufnimmt, der gerade ein potentielles Opfer sucht, während die Alien-Jäger ihm auf den Fersen sind, zeigt, dass Medak auch für gute Spannung sorgen kann.

SPECIES II ist lupenreiner Trash mit attraktiven Darstellern und ansehnlichem Budget, eine bizarre Mischung aus derbem Sex und cartoonhaftem Splatter. Also bitte, was gibt's daran nicht zu mögen?

07/10

Bitte anschnallen - jetzt wird's trashig!
Natasha Henstridge (mit Gurtpflicht) in "Species II"




Samstag, 23. März 2013

Species (1995)

Der Horror/Action/Sci-Fi-Mix SPECIES (Species) war 1995 ein überraschender Mainstream-Blockbuster, was mehr über die schwache Horror-Landschaft der 90er aussagt als über die Qualität des Films. Der ist zwar nicht schlecht und kann mit prominentem Ensemble und guten Production Values aufwarten, aber von einem Meilenstein des Genres ist er doch Lichtjahre entfernt.

Worum geht es? Wissenschaftler auf der Erde haben eine Rezeptur aus dem All erhalten, nach der sie einen Mensch/Alien-Hybriden züchten können (ich verknappe hier mal die wissenschaftliche Erklärung, die im Film trotz aller Ausführlichkeit auch nicht glaubwürdiger ist). Man entschied sich für ein weibliches Modell, weil dies "besser zu kontrollieren" sei. Die Quittung für diesen Sexismus folgt auf dem Fuße. Als das zum Mädchen herangewachsene Wesen getötet werden soll, kann es spektakulär aus dem Forschungslabor entkommen, reift zur schönen Natasha Henstridge heran und will sich um jeden Preis paaren, um die Spezies zu erhalten. Dabei pflastern Leichen ihren Weg, und ein Team aus Spezialisten wird angeheuert, das Wesen ausfindig zu machen und zu vernichten, bevor es sich vermehrt...

SPECIES ist - kurz gesagt - oberflächliches, aber temporeiches Hollywood-Kino mit Starbesetzung. Schauspieler wie Ben Kingsley sieht man nun wirklich nicht jeden Tag in diesem Genre, und auch die Kollegen Michael Madsen (der hier niemandem ein Ohr absäbelt), Marg Helgenberger (vor ihrem "CSI"-Durchbruch), Forest Whitaker und Alfred Molina darf man zur ersten Garde zählen. Regisseur Roger Donaldson lässt dem Zuschauer wenig Zeit zum Durchatmen, sonst würden die schnell merken, was für ein alberner Plot ihnen hier vorgesetzt wird, denn im Grunde ist SPECIES nichts weiter als Horror-Trash mit ein paar Prisen Sex, er sieht nur teurer aus als andere Vertreter des (S)Exploitation-Kinos.

Das Drehbuch kann allerdings mit ein paar witzigen und ironischen Beobachtungen über Geschlechterrollen der 90er punkten. So ist das "Monster" namens Sil (Henstridge) vor allem die Verkörperung unabhängiger weiblicher Sexualität. Sil ist auf Sex programmiert und setzt alles daran, sich fortzupflanzen. Mit dem Aussehen von Henstridge hat sie keine Probleme, Männer aufzugabeln, allerdings gehört ihr Satz "Ich will ein Baby" nicht gerade zu den Dingen, die Männer bei einem One-Night-Stand besonders gerne hören. Einen weiteren potentiellen Kandidaten lehnt Sil abrupt ab, als sie spürt, dass er zeugungsunfähig ist. Sagen wir, wie es ist - das Monster ist eine Frau, die selbst entscheidet, mit wem sie sich paart, wie weit sie dabei geht, und die tötet, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Kein Wunder, dass dieses Wesen ausgemerzt werden muss, wo kämen wir denn da hin?

Ebenso launig ist auch die Szene, in der Sil etwas zum Anziehen braucht und sich für ein Hochzeitskleid entscheidet - was entweder bedeutet, dass der Wunsch nach Ehe entweder in der Alien-DNA verkankert ist oder in der menschlichen. Vielleicht haben die Aliens auch nur zu viele Romantic Comedies gesehen. Mit diesen Subtexten geht SPECIES sehr augenzwinkernd um, das macht ihn sympathisch. Und Natasha Henstridge ist nicht nur echtes Eye Candy in ihrem Filmdebüt, sie spielt das Sex-Monster auch intelligent ironiefrei. Man ist bei ihr, wenn sie um ihr Überleben kämpft, und man ist nicht unbedingt auf der Seite der menschlichen Kammerjäger, die ihre Spezies ausrotten wollen - zumal diese deutlich weniger interessant gezeichnet sind und lediglich ein paar Screwball-Gags auf ihrer Seite haben. Da hilft auch die frühe Szene, in der die junge Sil im Labor wie ein Versuchskaninchen durch Gas vernichtet werden soll, was sehr unangenehme Assoziationen auslöst und das Publikum auf ihre Seite zieht. Ein Monsterfilm ist immer so gut wie sein Monster, und Henstridge gibt ein sehr passables Monster ab.

Leider verschwindet Henstridge für den letzten Akt und den Showdown aus dem Film (wenn sie ihr "wahres Ich" zeigt) und überlässt den Designs von H.R. Giger den Raum, dessen Kreationen zwar erneut begeistern können, aber die Jagd auf das CGI-Monster fällt weitaus uninteressanter aus als die Jagd auf Henstridge, zumal es gegen Ende einige sehr schlechte Effekte gibt, die mit den Jahren auch nicht besser geworden sind, eher im Gegenteil.
Bis dahin aber ist SPECIES eine unterhaltsame Mainstream-Achterbahnfahrt, die besser gespielt ist als der Stoff es verdient hätte. SPECIES war so erfolgreich, dass ein (noch trashigeres) Sequel unvermeidlich war. SPECIES 3 und 4 waren dann reine Direct-to-Video-Produktionen, die leider auf Natasha Henstridge verzichten mussten, aber durch die Mischung aus Sex und Horror eine eigene kleine Nische besetzten.

6.5/10

Freitag, 22. März 2013

New York 1991 - Nacht ohne Gesetz (1983)

Ganz im Stil von John Carpenters "Das Ende" (1976) entstand dieser kanadische Belagerungs-Thriller namens NEW YORK 1991 (Self Defense) von Paul Donovan und Maura O' Connell, der zwar nicht mit der Klasse des Originals mithalten kann, aber auf seine Weise gut und düster unterhalten kann und dazu noch fast vollkommen unbekannt ist.

Der Inhalt: In New York streikt die Polizei für höhere Gehälter, was zum Ausnahmezustand führt. Als eine brutale Gang namens "New Order" eine Kneipe für Schwule und Lesben überfällt und die Gäste demütigt, kommt der Barkeeper durch einen Unfall zu Tode. Der Anführer der "New Order" lässt daraufhin alle Zeugen ermorden, doch einer von ihnen kann entkommen und flüchtet in ein nah gelegenes Wohnhaus, wo die Bewohner ihn verstecken und auch gegen Gewaltandrohung der Gang nicht herausrücken. Es kommt zum harten Kampf Bürger gegen Gewaltverbrecher...

Die Ähnlichkeiten zu John Carpenters Werk (neben dem "Ende" wird auch "Die Klapperschlange" zitiert) und dem zuvor entstandenen "Die Klasse von 1984" (auf den der deutsche Titel überdeutlich hinweist) sind unübersehbar und gehen bis in Details wie Vorspann-Design, Plakatmotiv (siehe unten) und Musikuntermalung. Der Synthie-Score von NEW YORK 1991 polarisiert die Rezensenten, ich finde ihn außerordentlich gut gelungen. Er ähnelt übrigens sehr dem Klangteppich zu Eckhart Schmidts "Loft" (1985), der ebenfalls von einer Gang erzählt, die friedliche Bürger terrorisiert, während 'draußen' ein Krieg tobt. Da hat sich der deutsche Autorenfilmer doch einiges abgeschaut. In beiden Filmen sorgt der Score für eine beunruhigende und klaustrophobische Atmosphäre.

Sieht man sich die Namen der Beteiligten von NEW YORK 1991 an, entdeckt man so gut wie keine Bekannten. Regisseur Paul Donovan hat den Endzeit-Thriller "Def-Con 4" (1985) produziert und inszeniert, die Schauspieler hat man eventuell mal in diversen Fernsehserien gesehen. Sicher wäre der Stoff unter erfahreneren Händen noch besser ausgefallen, aber auch so macht der mit kleinem Budget realisierte  NEW YORK 1991 keine schlechte Figur. Anders als Carpenters Vorbild braucht er keinen langen Vorlauf, sondern stürzt sich gleich rein in die Handlung und die tiefschwarze Nacht, die bis zum Abspann nicht enden wird.

Zwar kann das Drehbuch dem Zuschauer keine der Figuren so recht nahe bringen (wir erfahren weder Hintergründe über die Charaktere oder die Gang, die aber - anders als bei Carpenter - nicht als allgemeine, sondern individuelle Bedrohung gezeichnet wird, ohne deren Ziele zu erläutern), dafür bietet es aber jede Menge Abwechslung (insbesondere durch den Ideenreichtum der Angegriffenen, die sich mit Fantasie zur Wehr setzen müssen), so dass der Film mit seinen knapp 80 Minuten Laufzeit nie langweilig wird. Anders als "Loft" will er auch nichts über die Gewaltbereitschaft der angeblich zivilisierten Mittelschicht aussagen, er will lediglich spannend unterhalten - was ihm hervorragend gelingt.

NEW YORK 1991 ist nicht übermäßig brutal, allerdings sind die frühen Szenen in der Kneipe mit der eiskalten Hinrichtung der Zeugen so zynisch inszeniert, dass man sie körperlich nachempfinden kann. Ihnen hat der Film vermutlich die FSK 18-Freigabe zu verdanken. Man wünschte sich allerdings eine angemessene Veröffentlichung. Da der Film überwiegend im Dunkeln spielt, sind viele Vorgänge auf der deutschen DVD (Dr. Dressler) kaum erkennbar. Aufgrund seines obskuren Status' scheint eine gute DVD-Version allerdings eher aussichtslos. Für Freunde des düsteren "No Future"-80er-Kinos dürfte NEW YORK 1991 jedenfalls ein Geheimtipp sein. 

7.5/10



Mittwoch, 20. März 2013

Staying Alive (1983)

So gut das Vorbild "Saturday Night Fever" (1977) war, so schlecht ist das unvermeidliche Sequel STAYING ALIVE (Staying Alive) ausgefallen, das nicht nur viel zu spät kam, sondern auch das Original offensichtlich nicht verstanden hat und in allen Bereichen an Belanglosigkeit kaum zu überbieten ist.

Wir erinnern uns - am Ende des Vorgängers hat Tony Manero (John Travolta) zwar einen Preis gewonnen, dafür aber einen Freund verloren und mit der Dame seines Herzens Freundschaft geschlossen. Heute, sechs Jahre später, arbeitet er als Jazz Dance-Lehrer/Kellner und klappert Auditions ab, um einen Job in einer Broadway-Show zu ergattern. Seine große Chance soll bald kommen, vorher aber muss er sich noch zwischen einer liebenswerten Freundin (Cynthia Rhodes) und einer verzickten Millionärstänzerin (Finola Hughes) entscheiden.

Wird die wahre Liebe siegen?
Wird Tony seinen umjubelten Durchbruch feiern?
Wer will's wissen?

Natürlich wird all das passieren, weil aus unerfindlichen Gründen Drehbuch und Regie des Sequels von Sylvester Stallone übernommen wurden, weswegen STAYING ALIVE wie jedes x-beliebige "Rocky"-Sequel abläuft - zunächst die Niederschläge, am Ende dann der Triumph, und dazwischen jede Menge fetzig geschnittene Montagen. Mit einer solchen beginnt auch der Film zum Song "Far From Over" von Frank Stallone (es soll ja alles hübsch  in der Familie bleiben), dem einzig guten Stück Pop im gesamten Film. Nach dieser Titelmontage aber rauscht STAYING ALIVE schneller bergab als das Olympische Bobschlittenteam und hängt eine uninteressante Szene an die nächste.

John Travolta spielt den halben Film mit einem angewiderten Gesichtsausdruck, was man verstehen kann, er kennt ja das Drehbuch. Seine Figur Tony Manero ist vom ruppigen Underdog zum unerträglichen Jammerlappen mutiert, der zu 'stolz' ist, Hilfe bei der Suche nach einer Broadway-Rolle anzunehmen - was im Universum von Stallone bedeutet, dass er Rückgrat hat, in Wahrheit lässt es ihn nur furchtbar dämlich aussehen - übrigens das gleiche Phänomen wie bei Jennifer Beals' Figur in "Flashdance" (1983), die sich auch zu schade war, um über Vitamin B auf die Tanzakademie zu kommen. Vielleicht steckt in beiden Filmen die Botschaft, dass Tänzer nicht gerade die hellsten Kerzen auf der Torte sind...

Die arme Cynthia Rhodes ist eine gute Schauspielerin, sieht hübsch aus und kann fantastisch tanzen, muss aber immer die zweite Geige spielen (siehe "Dirty Dancing" oder "Flashdance"), so auch hier. Sie zeigt noch die beste Leistung im Film, kann ihn aber auch nicht retten. Statt unsterblicher Bee Gees-Songs gibt es diesmal Wegwerf-Bee Gees-Songs und anonymen Plastik-Pop von Frank Stallone. Die Tanzszenen sind im Stil von 80er-Musikvideos geschnitten, was bedeutet, dass man nie eine komplett durchchoreografierte Tanzsequenz sieht, sondern nur kurze Einstellungen von Figuren, Körperteilen und schwitzenden Gesichtern. Überhaupt kann STAYING ALIVE die Freude am Tanz an keiner Stelle vermitteln, der wirkt hier stets nur wie Schwerstarbeit. John Travolta hat sich zwar - wahrscheinlich unter Anleitung von Stallone und dessen Anabolika du jour - ein anständiges Workout gegönnt, aber ansonsten besitzt sein Tanz weder Charme noch Eleganz und wirkt nur angestrengt.

Der Hammer kommt dann nach ca. 70 Minuten, wenn die 'große' Broadway-Show steigt. Die heißt passenderweise "Satan's Alley" und ist laut Choreograph eine 'Reise durch die Hölle' - dabei sind es doch die Filmzuschauer, die beim Ansehen des fürchterlichen Streifens durch die Hölle müssen. Diese Show besteht aus drei nicht enden wollenden, überproduzierten Nummern, die den kompletten Rest des Films ausmachen, und in denen sich haufenweise Tänzer in geschmacklosen Kostümen im Bodennebel wälzen, während die 80er-Synthie-Mukke von Stallone dröhnt und sich Travoltas Film-Mutti im Publikum bekreuzigt (Gott hat sich allerdings längst mit Abscheu abgewendet).
Im Finale wird dann ein halbnackter Travolta im Lendenschurz von mehreren 'Satanstänzern' in Lack und Leder ausgepeitscht (das hat ihm bestimmt gefallen), bevor er seine zickige Partnerin einfach in die Kulissen schleudert (ein unbeabsichtigter Brüller, der in die "nackte Kanone" gehört) und zu einem atemberaubend absurden Solo ansetzt, das natürlich stehende Ovationen vom fassungslosen Broadway-Publikum erntet.

STAYING ALIVE ist ein gutes Beispiel dafür, warum Sequels einen miesen Ruf haben. Ein bisschen Kasse zu machen, indem man sich an den Erfolg des Originals dranhängt und den Hauptdarsteller in schnittige Legwarmer und Stirnbänder steckt, die dieser im Vorgänger nicht im Traum angezogen hätte (wir erinnern uns: Tony Manero wollte sicher kein Broadway-Tänzer werden), das hat glücklicherweise nicht funktioniert, denn STAYING ALIVE wollte überhaupt niemand sehen. Travoltas Karriere, die ohnehin schon im Sinkflug war, wurde mit Filmen wie diesem begraben. Da musste erst Tarantino kommen, um sie zehn Jahre später zu reanimieren.

02/10  (für "Far From Over")


Dienstag, 19. März 2013

Saturday Night Fever (1977)

Der Film zum Plateau-Schuh!

Es gibt nicht viele Filme, die eine Ära so intensiv einfangen wie SATURDAY NIGHT FEVER (Nur Samstag Nacht / Saturday Night Fever), der die bereits totgesagte Discomusik in ungeahnte Höhen katapultierte, John Travolta zum Superstar sowie zur Mode- Stil - und Tanz-Ikone machte und den Bee Gees Millioneneinnahmen bescherte.
Und wer jetzt erwartet, einen saftigen Verriss zu lesen, der sich über die schrecklichen Frisuren, Polyester-Hemden und Travoltas gockelhaften Tanzstil lustig macht, der irrt gewaltig, denn SATURDAY NIGHT FEVER ist kein Trash, sondern ein klasse Film, der sich erstaunlich gut gehalten hat und trotz einiger - aus heutiger Sicht - unfreiwilliger Komik zum besten gehört, was das amerikanische Kino der 70er zu bieten hat.

Die Erfolgsformel des Films - ein talentierter Underdog träumt von einem besseren Leben und wird nach mehreren Rückschlägen und Todesfällen erwachsen - wurde später bis zum Erbrechen kopiert (in deutlich dümmeren Filmen wie "Flashdance" oder "Top Gun") und gilt bis heute als Blaupause für sicheren Mainstream-Erfolg, wobei man dazu sagen muss, dass SATURDAY NIGHT sie nicht erfunden hat - kurz zuvor räumte "Rocky" (1976) mit einer ganz ähnlichen Story ab. Sieht man sich aber modernere Werke wie "Studio 54" (1998) an, die exakt das Muster von SATURDAY NIGHT FEVER kopieren und grandios scheitern, erkennt man schnell, wie gut und substanziell das Vorbild ist.

In SATURDAY NIGHT FEVER spielt Travolta den Italo-Amerikaner Tony Manero, der mit seiner Familie in Brooklyn lebt. Tagsüber arbeitet er als Farbenverkäufer und ist ein ziemlicher Loser, aber nachts, wenn er den Föhn rausholt und die Goldkettchen anlegt, wird er zum umschwärmten Star der örtlichen Disco. Da setzt er den coolen Gesichtsausdruck auf, wird von Frauen umjubelt und tanzt sich frei. Während seine schlichten Kumpels Drogen einwerfen und sich mit ihrem Leben abgefunden haben, will Tony raus aus dieser Welt. Dafür soll ihm ein Tanzwettbewerb helfen, für den er eine neue Tanzpartnerin (Karen Lynn Gorney) findet, in die er sich auch verliebt. Doch das Leben hält noch einige unangenehme Überraschungen für Tony bereit...

SATURDAY NIGHT FEVER entstand während der zweiten Goldenen Zeit Hollywoods, in der anspruchsvolle Stoffe mit differenzierten, unbequemen Charakteren in realistischem Umfeld an der Tagesordnung standen. So gelingt es auch Regisseur John Badham und seinem Kameramann Ralf Bode ("Dressed to Kill", 1980), die ruppige Straßenatmosphäre Brooklyns absolut authentisch einzufangen. Die bunte Glitzerwelt der Discos ist das Paralleluniversum, in dem jeder seine Alltagssorgen vergessen kann, wo man geliebt und bewundert wird, selbst wenn man tagsüber ein Niemand ist.
Nicht umsonst war SATURDAY NIGHT FEVER auf der ganzen Welt ein Mega-Hit, seine Themen sind universell und trafen seinerzeit den Nerv des jungen Publikums wie kaum ein anderer Film. Die Musik der Bee Gees wird nicht etwa knallhart an passenden oder unpassenden Stellen eingespielt, um den Soundtrack-Verkauf anzukurbeln (trotzdem gehört der Soundtrack zu den meistverkauften aller Zeiten), sondern sie trägt und unterstützt den Film, erfüllt wichtige dramaturgische Funktionen - so wie in den klassischen US-Musicals. Die Musik erzählt die Geschichte von SATURDAY NIGHT FEVER.

Travoltas Tony Manero ist eine Figur, mit der sich das Publikum identifizieren kann, weil er die Sehnsucht des 'kleinen Mannes' verkörpert, aus den Beschränkungen seines sozialen Umfelds auszubrechen, und in diesem Zusammenhang ist es geradezu erstaunlich, wie unsympathisch und abstoßend dieser Tony im Drehbuch eigentlich gezeichnet wird, und wie Travolta es schafft, ihn dennoch liebenswert zu verkörpern. Sein Tony ist dumm und eitel, verwendet unentwegt Gossensprache, behandelt Frauen überwiegend wie Dreck, gefällt sich in Macho-Allüren und geht nach mehreren Demütigungen so weit, seine große Liebe beinahe zu vergewaltigen. Unvorstellbar, so etwas heute in einem Mainstream-Film zu sehen.
Travolta kämpfte übrigens für diesen rohen Tony Manero, was dazu führte, dass der ursprüngliche Regisseur John Avildsen ("Rocky"), der mit dem Buch nicht einverstanden war und Tony netter und zugänglicher machen wollte, kurz vor Beginn der Dreharbeiten gefeuert wurde und John Badham in letzter Minute einsprang.
Travolta bestand auch darauf, dass seine großen Tanzszene ("You Should be Dancing") hauptsächlich in einer Einstellung belassen und nicht durch unnötige Schnitte und Naheinstellungen unterbrochen wurde - weil schon Fred Astaire und Gene Kelly wussten, dass man Tänzer auf der Leinwand immer mit ganzem Körper zeigen musste, weil so erst die Magie des Tanzes und das Gefühl der Schwerelosigkeit entsteht.

SATURDAY NIGHT FEVER besticht aber nicht nur durch die Bilder und die Musik, sondern auch durch die Schauspieler, die durch die Bank erstklassige Vorstellungen zeigen. Seltsamerweise zog sich Hauptdarstellerin Karen Lynn Gorney nach dem Film für 15 Jahre von der Leinwand zurück und ist heute so gut wie unbekannt, obwohl sie die schlichte Stephanie mit dem Hang zum Snobismus perfekt spielt. Donna Pescow ist eine wundervoll verletzliche beste Freundin, die zu gern mit Tony in die Kiste springen würde, sich aber nach mehreren Zurückweisungen schließlich zugedröhnt allen Kumpels auf dem Rücksitz seines Wagens zur Verfügung stellt. SATURDAY NIGHT FEVER zeigt Menschen, die unentwegt die schlimmsten Fehler machen und lauter verhängnisvolle Entscheidungen für ihr Leben treffen, aber er verurteilt sie nie dafür. So verzichtet der Film auch auf ein zuckriges Happy End und endet überraschend leise und eher zurückhaltend optimistisch.

Bleibt noch zu sagen, dass die deutsche Synchronfassung so viele Probleme mit dem Straßenslang von Tonys Gang hat, dass sie praktisch unerträglich ist. Statt ruppiger Dialoge gibt es dort nur "flotte Sprüche" und lahme Kalauer zu hören, wie nur ein Rainer Brandt sie lieben würde.

Für viele Kritiker gilt SATURDAY NIGHT FEVER als einer der besten Filme der 70er, und man sollte aufgrund der unendlichen Parodien (besonders gelungen im genialen "Airplane!", 1980) nicht annehmen, dass dies ein Film aus der Kategorie "so schlecht, dass er schon wieder gut ist" wäre. Er hat seine kleinen Schwächen (ein paar Längen in den Subplots um Tonys Kumpel), ist aber sowohl als Zeitdokument als auch Charakter- und Milieustudie absolut mitreißend - natürlich umso mehr, wenn man die Musik mag.

Also, warum noch länger vorm PC sitzen? Your Should be Dancing! 

09/10



Montag, 18. März 2013

Denn zum Küssen sind sie da (1997)

DENN ZUM KÜSSEN SIND SIE DA (Kiss the Girls) gehört zur Welle der Serienkiller-Thriller, die nach dem Erfolg von David Finchers "Se7en" (1995) über die Kinoleinwände schwappte. Mit Morgan Freeman konnte man den Hauptdarsteller aus Finchers unerreichtem Vorbild gewinnen und ihm mit Ashley Judd eine starke Partnerin an die Seite stellen. Das Zusamenspiel der beiden macht den Reiz des Thrillers aus, der ansonsten eher zu den schwächeren Beiträgen des Genres gehört.

Der Plot: ein Serientäter entführt junge Frauen, darunter auch die Nichte des Polizeipsychologen Alex Cross (Freeman). Kurz darauf verschwindet auch die junge Ärztin Kate (Judd), der es aber gelingt, aus ihrem unterirdischen Gefängnis zu entkommen. Gemeinsam mit Cross versucht sie, dem Täter auf die Spur zu kommen und begibt sich selbst wieder in Lebensgefahr...

Die Flucht von Judd aus dem Versteck des Killers, in welchem die entführten Opfer in Verschlägen gehalten und zur Unterhaltung des Psychopathen ab und zu hervorgeholt werden, ist dann auch die aufregendste Sequenz im gesamten Film. Den Killer dicht am Fuß muss Judd durch Wälder rennen und schließlich spektakulär einen Wasserfall hinunterhüpfen, um zu entkommen. Das macht ihr so schnell keiner nach. Ashley Judd empfahl sich hier für körperbetonte Action-Rollen, die sie in Filmen wie "Doppelmord" (1999) und "Twisted" (2004) spielen sollte. Sie ist eine zähe und sensible Heldin, mit der man umgehend warm wird, und ihre Figur ist eine willkommene Abkehr von den Opferrollen, mit denen sich Frauen im Genre so oft zufrieden geben müssen (siehe Gwyneth Paltrow in "Se7en", der trotz aller Brillanz mit Frauen so gar nichts am Hut hat).

Morgan Freeman spielt den ermittelnden Psychologen wieder mit der ihm eigenen Ruhe und Präsenz, leider aber wird er vom Drehbuch mit so viel Genialität und altkluger Weisheit ausgestattet, dass seine Figur schnell langweilig wird. Er zieht stets die richtigen Schlüsse, erkennt sofort die Schwächen anderer und ist von vorne bis hinten moralisch unantastbar. Dummerweise versäumt er es, den Killer, der direkt vor seiner Nase auftaucht, einfach mal zu erschießen, wofür der Film dann überhaupt keine Erklärung mehr hat.
(Vorsicht, kleiner Spoiler folgt)
Der überraschende Clou, dass es sich hier um zwei Killer handelt, wird ebenfalls verschenkt und ist für den Handlungsablauf völlig unnötig. Er zieht nur den Film in die Länge und verwirrt den Zuschauer.

Regisseur Gary Fleder, der keinen wirklich guten Film vorweisen kann ("Die Jury" von 2003 ist vielleicht noch der beste), siedelt den Stoff in den Südstaaten an, kann aber nicht genügend Atmosphäre aufbauen. Weder ist DENN ZUM KÜSSEN SIND SIE DA ein stimmungsvoller Gruselstoff noch ein rasanter Kracher, er ist irgendwas dazwischen. Auch die Musik von Mark Isham bleibt belanglos. Sehenswert sind ein paar prominente Auftritte von Nebendarstellern wie Brian Cox, Tony Goldwyn und Jeremy Piven, doch auch die können kein Meisterwerk aus dem durchschnittlichen Stoff machen. Letztendlich fehlt auch der Humor - jedenfalls bis zum absurden Finale, wenn Ashley Judd alleine mit dem Täter (dessen Identität sie noch nicht kennt) in der Küche steht und ihn bittet, ihr das "große Küchenmesser" zu reichen. Das ist dann ein Riesen-Brüller (vielleicht nicht unbedingt gewollt).

Wie der Killer danach zur Strecke gebracht wird, das ist durchaus unterhaltsam, entbehrt aber jeder Logik. Probieren Sie's mal aus, wenn Sie einen Gasherd, eine Pistole, eine Tüte Milch und einen Serienmörder bei sich zu Hause haben.

5.5/10


Sonntag, 17. März 2013

Tesis (1996)

Die Studentin Angela (Ana Torrent) schreibt eine Diplomarbeit über Gewalt in den Medien und gerät dabei an ein Video, das die reale Folterung und Ermordung einer vor zwei Jahren verschwundenen Frau zeigt. Als Angela nachforscht, gerät sie an mehrere Verdächtige und muss bald selbst vor dem Killer mit der Kamera dvonlaufen...

Der erst 23-jährige Alejandro Amenábar, der Fans des Genres vor allem durch seinen Nicole Kidman-Grusler "The Others" (2001) ein Begriff sein dürfte, inszenierte mit TESIS (Tesis) seinen Debütfilm und wurde dafür weltweit ausgezeichnet. Auf den fürchterlichen deutschen Titel "Tesis - Der Snuff-Film" habe ich hier aus ästhetischen Gründen verzichtet. Auch die deutsche FSK 18-Freigabe will sich mir nicht erschließen, denn was Amenábar zeigt, ist nicht etwa authentische Gewalt (für Splatterfans ist der Thriller weitgehend uninteressant), sondern die Faszination, die sie auf die Betrachter ausübt.

Bereits in der ersten Szene, wenn die Fahrgäste einer notgebremsten U-Bahn vom Personal durch den Tunnel geführt werden, weil sich ein Selbstmörder vor den Zug geworfen hat, verzichtet TESIS auf eine Darstellung der Leiche, sondern bleibt ganz bei den Passanten, die sich entweder mit Abscheu abwenden oder nicht wegschauen können, insbesondere seine Heldin Angela.
Deren Obsession, was das Thema Gewalt angeht, wird in TESIS nie begründet, obwohl sie mehrfach von Charakteren darauf angesprochen wird. Glücklicherweise bietet Amenábar hier keine psychologische Erklärung an (wäre dies ein Hollywoodfilm, hätte sie wahrscheinlich ihre Eltern durch einen brutalen Mord verloren), sondern betrachtet ihre Suche nach Antworten als menschliches Phänomen. Kaum einer von uns kann bei einem Autounfall wegsehen, kaum einer mag sich vor schlimmen Bildern schützen, obwohl wir wissen, dass sie weh tun.
Konsequent hält sich Angela beim Betrachten des Snuff-Videos zunächst die Hände vor die Augen, um dann durch die Finger hindurchzublinzeln. Während ihr Kommilitone Chema (Fele Martinez) beim 'Genuss' des Videos fröhlich Chips mampft, muss Angela sich übergeben. Als Angela dem mutmaßlichen Täter (Eduardo Noriega) begegnet, kann sie sich nicht entscheiden, ob sie Angst vor ihm haben oder sich sexuell angezogen fühlen soll, und träumt davon, dass er sie während eines erotischen Stelldicheins tötet. Der Täter hingegen braucht die Kamera zum Mord, weil nur durch die Aufzeichnung der Akt für ihn 'real' wird (Anklänge an Powells "Peeping Tom", 1959).

Was die Entstehung und den Mythos des 'Snuff-Films' anbelangt, geht TESIS nicht in die Tiefe, darüber erfährt man überraschend wenig (weswegen es viele Rezensenten gibt, die ihn nicht mögen). Dafür gelingt Amenábar aber ein extrem spannender Thriller (mit nägelkauenden Verfolgungsjagden und einem Finale, das bei klassischem Schauer-Gewitter stattfindet), der sein Thema immer wieder aufgreift (wie die allgegenwärtige Überwachung durch Kameras) und am Ende noch eine gute Portion Medienkritik anklingen lässt, wenn das Snuff-Video dem Fernsehen in die Hände fällt, das es natürlich mit heuchlerischer Warnung den Zuschauern vorführt (nach den üblichen Floskeln, das man "lange überlegt und diskutiert habe", ob man diese Bilder dem Publikum zeigen darf), welche allesamt gebannt vor den Fernsehern sitzen.

Ist es eine Todessehnsucht, die uns dazu bringt, uns so etwas anzusehen? Wollen wir den Tod besser verstehen, damit er seinen Schrecken verliert, oder suchen wir einen Weg, mit Gewalt umzugehen? TESIS wirft viele Fragen auf und überlässt es dem Zuchauer, seine Schlüsse zu ziehen. Insofern ist er deutlich anspruchsvoller als der mainstreamige "8 mm" (1999) mit Nicolas Cage. Ich kann ihn guten Gewissens allen Thriller-Fans empfehlen, auch weil er sich durch die unverbrauchten Gesichter wohltuend vom Hollywood-Kino abhebt.

09/10

Freitag, 15. März 2013

James Bond 007 - Skyfall (2012)

Eigentlich wollte ich SKYFALL (Skyfall) nicht besprechen, weil es bereits gefühlte 5000 Rezensionen zum Film gibt, andererseits kann die 5001. auch nicht schaden, und ein paar Gedanken möchte ich doch loswerden anstatt sie weiter im Kopf herumzutragen. Denn Fakt ist: SKYFALL hat mich nicht begeistert, und darüber ist keiner überraschter als ich selbst, denn nach dem schlimmen "Ein Quantum Trost" (2008) dachte ich, es kann nur noch bergauf gehen, zumal Regie und Besetzung hervorragendes Kino versprachen. Also, was ist passiert?

Den Inhalt muss ich hier nicht wiedergeben, denn der kocht sich selbst auf einen simplen Racheplan herunter, den ein britischer Ex-Agent (Javier Bardem) an Geheimdienstchefin "M" (Judi Dench) durchführt, wobei ihm der desillusionierte und ramponierte Bond (Daniel Craig) in die Quere kommt. Man staunt, wie viel Aufwand, Sach- und Personenschaden entstehen muss, um eine einzelne Person umzubringen, aber das ist Teil des Action-Kinos. Gewundert habe ich mich lediglich, dass Judi Dench bei einer Straßensperre mal eben aus der Limousine steigt und damit ein hervorragendes Ziel für jeden Attentäter abgeben würde, dieser aber lieber U-Bahnen in die Katakomben Londons krachen lässt, um an sie heranzukommen.

Die Logiklöcher in SKYFALL könnte man übersehen, wenn man ihn als reinen Eskapismus sehen will (was dann aber gleich alles entschuldigt), doch da sich der Film selbst so wahnsinnig ernst nimmt und unbedingt  etwas "Besonderes" innerhalb der Reihe sein will, darf man kurz feststellen, dass es mit der Logik hier an jeder Ecke so gewaltig hapert, dass einem schwindlig wird. Die Beispiele möchte ich jetzt aber nicht alle aufzählen, sonst sitze ich Weihnachten noch hier (und habe noch keine Geschenke). An Glaubwürdigkeit mangelt es ebenfalls (toll aber, wie Bond durch bloßes Hinschauen einen verschlüsselten Quellcode knackt, an dem sich bereits Genies die Zähne ausgebissen haben). Das gehört schon alles auch irgendwie dazu, aber sagen wir einfach, es gab schon Bonds, die weniger Fragen aufgeworfen haben.

Die erste halbe Stunde mit der furiosen Pre-Title-Sequenz, dem beeindruckenden Vorspann-Design zum klassischen Bond-Song und den anschließenden Szenen von Bonds Wiederherstellung (nachdem er zuvor erschossen wurde und sich durch die Betten gesoffen hat) ist perfektes Unterhaltungskino. Auch die an "Blade Runner" erinnernde Shanghai-Episode ist beeindruckend gestaltet. Dann aber stellt sich schnell etwas ein, was ich bei nur ganz wenigen Bonds überhaupt empfunden habe - Langeweile. Ja, in der Tat, ich habe mich bei keinem Bond-Abenteuer zwischendurch so gelangweilt wie bei dem aktuellen Beitrag, der mehrfach auf der Stelle tritt (immer dann, wenn er substanziell sein möchte), und dessen Finale sich so in die Länge zieht, dass man förmlich das Ende herbeisehnt.

Das liegt vor allem daran, dass der Film mit aller Macht die Charaktere vielschichtiger gestalten will, dabei aber lediglich Sentimentalität herauskommt. Die Modernisierungen vom Cyber-Terrorismus bis zum nerdigen "Q" gehen alle in Ordnung, aber dieser Bond, der immer am Rockzipfel seiner strengen, aber insgeheim liebevollen Mutti "M" hängt - die trotz permanenter Zickigkeit offenbar ein solches Charisma besitzt, dass sämtliche ihrer männlichen Angestellten einen Ödipus-Komplex entwickeln und nicht sterben können, oder ihr vorher in die Augen gesehen zu haben (man fragt sich, ob hiesige Vertreter vom Verfassungsschutz ähnliche Reaktionen bei ihren Untergebenen auslösen) - dieser Bond geht mir mittlerweile ganz gehörig auf die Nerven. Und wollen wir wirklich, wirklich etwas über seine traurige Kindheit wissen? Ich finde es tragisch, dass mittlerweile eine ganze Generation von Kinogängern herangezüchtet wird, der platte Küchenpsychologie und Kalendersprüche als Komplexität verkauft wird. Allein Albert Finneys schwülstige Beschreibung von Bonds Kindheitstrauma: ("Als er nach zwei Tagen aus seinem Versteck kam, war er kein Junge mehr") zieht einem die Schuhe aus.

Ebenso merkwürdig ist die reaktionäre Grundhaltung, die den Geheimdienst als letztes stolzes Bollwerk gegen den internationalen Terrorismus bejubelt und mit Judi Denchs "M" eine Figur unantastbarer Integrität zeichnet, die zwar harte (und für einzelne Agenten schicksalhafte) Entscheidungen treffen muss, aber natürlich alle zum Wohl der Nation. Und der von Ralph Fiennes gespielte spätere Geheimdienstchef ist natürlich eine Vertrauensperson, weil er mit der Kanone umgehen kann und früher mal in IRA-Gefangenschaft war! Wo sich der Film selbst als anspruchsvoll und modern empfindet, ist er doch reichlich naiv und konservativ. Inwieweit der Geheimdienst selbst in terroristische Machenschaften verwickelt ist, das wird nicht einmal angerissen. Die Bösen sind - obwohl Judi Dench sich beklagt, dass sie nicht mehr klar erkennbar sind - gar nicht so schwer auszumachen, es sind nämlich immer die anderen (und die Psychopaten).

Von Originalität ist in SKYFALL auch wenig zu entdecken. Von "Mission: Impossible", dem "Schweigen der Lämmer" über "Naked Lunch", "Speed", "Rio Bravo", "Frankenstein" (ja, wirklich!), "Die Tiefe" bis zu "Harry Potter" und "The Dark Knight" wird sich bei allem bedient, was nicht bei drei auf den Bäumen sitzt, dazu bietet SKYFALL Handlungselemente und ganze Stränge aus "Goldeneye" (1995), "Der Mann mit dem goldenen Colt" (1974) und "Casino Royale" (2006), wobei  die 'Reminiszenzen' an frühere Bonds überwiegend plump ausfallen. Ebenso plump ist auch der gelegentliche Anflug von Humor, der an die schlimmen Pennäler-Scherze aus "Stirb an einem anderen Tag" (2002) erinnert ("Der hat wohl keinen Fahrschein!" - was haben wir gelacht).Die Anleihen sind natürlich legitim, aber bei einem Budget von 250 Millionen Dollar dürfte schon ein bisschen mehr Ideenreichtum drin sein.

Auch Bösewicht Javier Bardem hat mich nicht überzeugt. Der grandiose Schauspieler zieht hier eine groteske Muppetshow ab - mit einem guten (bzw. schlechten) Schuss Homophobie obendrauf. Und wo wir schon dabei sind: muss man einen großartigen Schauspieler wie Albert Finney engagieren, um ihn dann in einer Rolle zu besetzen, die jeder alte Fernseh-Zausel hätte spielen können (nämlich einen triefäugigen Wildhüter, der seit geschätzten 100 Jahren in einem verlassenen Landhaus in Schottland herumgeistert, für den Fall, dass zufällig mal jemand vorbeikommt)?

Und nun genug der Meckereien, es gibt auch noch Positives. SKYFALL sieht von vorne bis hinten toll aus und ist vielleicht der Bond mit dem erlesensten Set-und Lichtdesign aller Zeiten. Es gibt einzelne Spannungs-Sequenzen und Set Pieces, die sich ins Gedächtnis einprägen, wie das Shanghai-Attentat oder die Londoner U-Bahn-Jagd (schön zu sehen übrigens, dass London mal wieder eine prominente Rolle einnimmt). Am Ende gibt es einige Überraschungen, was die Figurenkonstellation betrifft, und die losen Enden werden geschickt verknüpft, um zu einer neuen Ausgangssituation für den nächsten Film zu gelangen.
Regisseur Sam Mendes ist ein fabelhafter Schauspieler-Regisseur, deshalb ist dieser Jubiläums-Bond auch (mit Ausnahme von Bardem, aber der ist zugegebenermaßen Geschmackssache) durchweg exzellent gespielt. Schade, dass ein guter Darsteller wie Ola Rapace (bekannt aus den "Wallander"-Krimis) keinen Text bekommt und nur davonrennen oder in die Tiefe stürzen darf. Man merkt übrigens stark den Einfluss der brillanten BBC-Serie "Sherlock" (2010), sowohl in der Darstellung des neuen "Q" als auch in der Musikuntermalung - wobei ich ganz klar sagen muss, dass jede der "Sherlock"-Episoden aus meiner Sicht spannender, origineller und humorvoller ist als der langatmige SKYFALL.

Vielleicht lag es an meinen Erwartungen, aber SKYFALL war für mich insgesamt eine Enttäuschung . Die Bond-Reihe musste sich oft an den Zeitgeist anpassen, was mal mehr, mal weniger gut funktionierte. Hier ist es immerhin gelungen, Massen ins Kino zu locken und für Bond zu begeistern, das ist keine Kleinigkeit. Dass er polarisiert, ist ebenso selbstverständlich. Der Film kann sich insofern ein scharfsichtiges Zeitdokument nennen, als sich sämtliche Figuren überwiegend mit sich selbst und ihren psychischen Befindlichkeiten beschäftigen. Das gesellschaftlich anerkannte Selbstmitleid hat Einzug ins Bond-Universum gehalten.
Am Ende aber zeigt Craigs Bond neue Lust am nächsten Auftrag - vielleicht macht dieser dann auch mehr Spaß. Wie gesagt, die Zeiten ändern sich. Vieleicht sehen wir irgendwann auch mal wieder einen gut gelaunten Agenten ohne Mutter- Vater- oder Ödipuskomplex.

6.5/10

Mittwoch, 13. März 2013

Kap der Angst (1991)

Mit seinem Thriller-Remake KAP DER ANGST (Cape Fear) konnte Martin Scorsese einen weltweiten Mainstream-Hit landen. Die Zeit war günstig, denn zu Beginn der 90er waren Filmpsychopathen, die heile amerikanische Mittelklassefamilien oder Singles terrorisierten, der große Renner. Wer wäre da besser geeignet als Robert De Niro, der in Scorseses "Taxi Driver" (1976) und "King of Comedy" (1982) bereits furiose Irre gespielt hatte?

Scorseses Film folgt dem Original "Ein Köder für die Bestie" (1962) vom Handlungsablauf relativ dicht. Der Bösewicht De Niro wird aus dem Gefängnis entlassen und stellt seinem ehemaligen Anwalt Nick Nolte und dessen Familie nach, weil er sich für den Knastaufenthalt rächen will, den Nolte zu verantworten hat. Nolte kann sich gegen De Niro nicht wehren, auch der Einsatz eines Privatdetektivs endet katastrophal. Zum Showdown treffen sich Psycho und Familie auf einem Hausboot auf dem reißenden 'Cape Fear', wo Nolte selbst zum Täter werden muss, um den Stalker loszuwerden...

Die Welle von Psychothrillern der 90er ist - wenn man es genau betrachtet - eine Aneinanderreihung von Selbstjustizpropaganda. In den seltensten Fällen enden die Filme damit, dass der Bösewicht von der Polizei in Gewahrsam genommen wird. Meistens müssen unsere Helden selbst die Waffe bzw. sache in die Hand nehmen, zum ultimativen Schlussfight antreten und den Psychopathen unter Applaus des Publikums zur Hölle schicken. Interessant übrigens, dass der große Vater aller Psycho-Thriller, Alfred Hitchcock, die meisten seiner Filmbösewichter - mit wenigen Ausnahmen wie Robert Walker in "Der Fremde im Zug" (1951) - durchaus verhaften ließ. Selbst Norman Bates endet hinter Gittern (bzw. in der Geschlossenen). Aber das waren auch andere Zeiten.
Martin Scorsese ist so klug, seine Sympathiefiguren nicht aus dem moralischen Dilemma zu entlassen und deren Selbstjustiz ernst zu nehmen - zu sehen an den Schlusseinstellungen von KAP DER ANGST, wenn Nick Nolte wie ein Primat im Schlamm sitzt, nachdem er De Niro zur Strecke gebracht hat. Der zivilisierte Mensch ist wieder zum Neandertaler geworden und kann seine Lieben zurück in die Höhle bringen. Dazu gehört auch, dass der von Nolte gespielte Anwalt kein Unschuldslamm mehr ist. Nicht nur hat er eine außereheliche Affäre, er trägt auch - anders als Gregory Peck im Original - tatsächlich Schuld an De Niros Verurteilung und hat sich damit möglicherweise verdient zum Ziel des Psychopathen gemacht.

Eine weitere Neuerung besteht in der Zeichnung der bereits halb kaputten Familie. War Robert Mitchum im Vorbild noch der finstere Gewaltverbrecher, der das heile Familienidyll von Gregory Peck zerstört, gerät Robert De Niro bereits auf einen Kriegsschauplatz. Die Teenager-Tochter (Juliette Lewis) hat sich schon von den Eltern abgewendet, und die Affäre des Papas führt zu ewigen Streitereien zwischen dem Ehepaar. Robert De Niro ist hier lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Als erstes muss natürlich der Familienhund dran glauben, der von De Niro vergiftet wird. Soviel Klischee darf schon sein.
Was die psychologischen Untiefen angeht, die Scorsese und sein Drehbuchautor Wesley Strick hier anbieten, weiß ich nicht, inwieweit sie dem Thriller wirklich helfen, der dadurch oft unnötig überfrachtet wirkt (dazu ist die Geschichte selbst auch zu dünn). Immerhin, das Original hat ohne das ganze Brimbamborium wunderbar als reine Spannungsmaschine funktioniert (ich ziehe das Original dem Remake immer noch vor). Aber - wie schon gesagt - die Zeiten haben sich geändert. Die heile Familie gab es einfach Anfang der 90er in der Form nicht mehr (vermutlich hat es sie nie gegeben, aber das ist eine andere Geschichte), und Scorsese trägt dem Rechnung.

Formal ist KAP DER ANGST ein zweifelsohne brillanter Film, in weiten Teilen hervorragend gespielt, Kameraführung und Schnitt sind grandios, und Komponist Elmer Bernstein hat die Original-Musik von Bernard Herrmann (inklusive einiger Herrmann-Kompositionen aus dessen abgelehntem Score zu Hitchcocks "Torn Curtain", 1966) wuchtig neu eingespielt, was dem Film eine klassische Note verleiht. Scorsese inszeniert dazu einige unvergessliche Suspense-Momente, wie De Niros Mord an Privatdetektiv Joe Don Baker, bei dem das Publikum den Atem anhält.

Aber es gibt auch Schwächen. Die größte ist - meiner Meinung nach - Robert De Niro. Der erschafft zwar einen Filmbösewicht, der im Gedächtnis bleibt, dabei übertreibt und grimassiert er aber so ausufernd, dass er zur Cartoon-Figur verkommt. Scorsese legt noch mehrere Schippen drauf, indem er De Niro zum archaischen Überpsychopathen stilisiert, zur Verkörperung des Bösen, das in uns allen (angeblich) schlummert. Wenn er am Ende im Fluss versinkt und dabei seltsame Laute von sich gibt, wird KAP DER ANGST unfreiwillig komisch. Auch seine Kannibalenattacke auf die arme Illeana Douglas ist eher bizarr-amüsant als beängstigend (zumindest für Horror-Fans, das Mainstream-Publikum reagiert da gewollt entsetzt), und die seinerzeit viel gepriesene Szene, in der De Niro hinter charmanter Maske die rohe Sexualität aus der pubertierenden Juliette Lewis herauskitzelt, ist nicht nur viel zu lang, sondern auch höchst albern. Mir ist De Niro immer lieber, wenn er nuancierte Darstellungen zeigt und nicht wie Bette Davis auf Speed agiert.

Positiv überraschen kann allerdings Nick Nolte mit einer sehr zurückgenommenen Leistung (jedenfalls bis zum Finale, wo auch bei ihm der Größenwahn zuschlägt), und die immer wunderbare Jessica Lange (noch vor den schrecklichen Schönheits-OPs) kann aus einer uninteressanten Rolle (die weinerliche Ehefrau, die bis zum Schluss passiv bleibt) das Beste herausholen. Juliette Lewis wurde durch ihre neurotische Darstellung mit Recht zum Star, leider war sie danach zu oft auf dümmlichen Hinterwäldler-Schlampen festgelegt. Meine persönliche Lieblings-Sequenz ist übrigens die, in der Jessica Lange nachts vor dem Spiegel sitzt und sich die Lippen schminkt, wobei sie von der Kamera in wechselnde Farben getaucht wird. Das ist trotz des simplen Vorgangs ganz großes, magisches Kino - nicht auf den ersten Blick erklärbar, aber unwiderstehlich verführerisch - und wie immer bei Scorsese sehr symbolbeladen.

Insgesamt ist KAP DER ANGST schwierig zu beurteilen. Gutes, visuell und akustisch atemberaubendes Unterhaltungskino mit mehr Tiefgang (und Schockeffekten) als die Konkurrenz zu bieten hat, allerdings auch mit einigen Längen und zu vielen Übertreibungen (De Niros absurder  'Anhalter'-Trick unter Noltes Wagen ist nur eine davon und wurde in "Crazy Instinct" passend parodiert). Sehenswert allemal, aber für einen Scorsese letztlich doch sehr mainstreamig. Geschmackssache. Ich schwanke da.

7.5/10 - vielleicht auch mehr


Montag, 11. März 2013

Eiskalte Leidenschaft (1992)

"Ich möchte gern mal wieder überrascht werden", meint Richard Gere als Psychiater Dr. Barr zu Beginn von EISKALTE LEIDENSCHAFT (Final Analysis), und diesen Wunsch können wir nur zurückgeben, denn Gere spielt den graumeliert-schnöseligen Seelenklempner genau so, wie er alle seine graumeliert-schnöseligen Rollen spielt. Immerhin, meine Mutter - Gott hab' sie selig - stand immer auf ihn, ich selbst konnte mich nie entscheiden, ob er eigentlich ein passabler Schauspieler oder ein ziemlicher Langweiler ist. Egal.

EISKALTE LEIDENSCHAFT ist eine Hitchcock-Hommage von Phil Joanou, das sieht man schon am Plakat, auf dem sich Gere und sein Co-Star Kim Basinger in bester Stewart/Novak-Tradition heftig umarmen, während die Wendeltreppe zum Turm die psychologischen Abgründe andeutet.
Die Ähnlichkeiten zu "Vertigo" (1958) sind dann auch im Film unübersehbar. Hier wie dort gerät unser (un)sympathischer Hauptdarsteller an eine Femme Fatale (Basinger), die mehrere Gesichter hat. Gerade noch verführt sie den ahnungslosen Gere (der kein Problem damit hat, mit der Schwester einer Patientin ins Bett zu steigen, was ein eher sportliches Verhältnis zu seinem Berufsethos zeigt), schon zieht sie ihrem Brutalo-Ehemann Eric Roberts nach erzwungenem Fellatio mit der Hantel ordentlich eins über, woraufhin dieser das Zeitliche segnet. Basinger lässt sich daraufhin von Gere eine merkwürdige Krankheit bescheinigen, aufgrund derer sie nach dem Genuss von Alkohol nicht mehr weiß, was sie tut, doch als der Psychiater dahinterkommt, dass Basinger alles von langer Hand geplant hat und nun ihn reinreißen will, erlebt er nicht nur die Überraschung, auf die er so lange gewartet hat, sondern muss auch alles daran setzen, der eiskalten Lady einen Strich durch die Rechnung zu machen, bevor er selbst als Mörder hinter Gittern landet...

Angekündigt wurde EISKALTE LEIDENSCHAFT als erotischer Thriller, die FSK-Freigabe ab 12 verrät aber schon, dass hier außer verschämtem Sex im Halbdunkel und Geres kurz aufblitzendem nackten Hintern (den es in jedem Gere-Vehikel zu sehen gibt) keine echte Erotik gibt. Und auch sonst ist das alles nicht sonderlich erregend. Das Drehbuch baut zwar so viele Wendungen ein, dass einem schwindlig wird, aber die Figuren sind allesamt ausgedachte Marionetten, die der (Über-)Konstruktion der Geschichte folgen müssen, ohne ein Eigenleben zu entwickeln. Kim Basinger muss sich im letzten Akt so unglaublich vorausblickend intrigant verhalten (sie kennt plötzlich Aufenthaltsorte von Menschen, denen sie zuvor nie begegnet ist und weiß stets, was der nächste Schritt ihrer Widersacher ist), dass auch noch die letzte Glaubwürdigkeit über den Jordan geht. Weniger wäre da mehr gewesen.
Auch die Hitchcock-Zitate werden nicht sonderlich subtil eingeflochten, sondern dem Zuschauer mit dem Holzhammer serviert. Nachdem sich Mel Brooks bereits in seiner Hitchcock-Parodie "Höhenkoller" (1977) über das Turmfinale lustig gemacht hat, fällt es schwer, die gleiche Szenerie 15 Jahre später noch ernst zu nehmen. Da knirscht nicht nur die Mechanik des Turmgeländers, sondern auch die Logik, wenn sich Tag und Nacht plötzlich im Minutentakt abwechseln und eine Frau mal eben aus der geschlossenen Psychatrie entkommt, indem sie sich eine Sonnenbrille aufsetzt...

Unterhaltsam ist EISKALTE LEIDENSCHAFT schon, auch wenn er lange braucht, um überhaupt mal auf den Punkt zu kommen. Bei der Stange gehalten wird man durch eine pompöse Filmmusik, die an Bernard Herrmann erinnern soll, die elegante Kameraführung und die sehenswert besetzten Nebenrollen. Eric Roberts zieht als Basingers fieser Gatte zwar seine übliche Schmieren-Nummer ab (siehe auch "The Specialist", 1994), aber die ist immerhin vergnüglich anzuschauen.
Die beste Leistung zeigt die junge Uma Thurman als Basingers neurotische kleine Schwester, die nicht ganz so unschuldig ist wie sie tut. Kim Basinger selbst wurde für ihre Darstellung mit einer Nominierung für die Goldene Himbeere 'geehrt'. In den frühen Szenen geht sie als sexy Verführerin in Ordnung, aber wenn sie ihre diabolische Seite rausholt, müssen alle Kollegen in Deckung springen. So ist dann ihr großer 'Ausbruch' in einem Restaurant, bei dem sie sich wie eine Furie auf den verdutzten Eric Roberts wirft und ihn mitsamt Essen und Tischdecke zu Boden ringt, eher amüsant als schockierend. Als Zuschauer soll man wohl denken, oh mein Gott, die Frau hat ja ernste Probleme, aber eigentlich denkt man nur, schalte mal ein paar Gänge runter, Kim, einen Oscar gibt's hier nirgendwo abzustauben (den gab's später für eine mittelprächtige Leistung in "L.A. Confidential", 1997). Ansonsten habe ich aber nichts gegen Basinger, ich mag sie, seit sie sich von Mickey Rourke vor dem offenen Kühlschrank mit Honig (und anderen...äh... Flüssigkeiten) bekleckern ließ.

Das Drehbuch zu EISKALTE LEIDENSCHAFT stammt von Wesely Strick, der fast zeitgleich den Scorsese-Hit "Kap der Angst" (1991) verfasste. Welcher von beiden einem besser gefällt, hängt davon ab, ob man lieber Frau Basinger oder Herrn De Niro im kompletten Overacting-Modus sehen will. Da aber Scorsese der talentiertere Regisseur ist und er die echte Bernard Herrmann-Musik statt einer Kopie verwendet, würde ich eher zu seinem Thriller greifen.

6.5/10

Samstag, 9. März 2013

Schizoid (1971)

Lucio Fulci, der Splatterfans eher wegen seiner famosen und furiosen Zombiefilme inklusive Glockenseil und Geisterstadt bekannt sein dürfte, war in allen Genres zu Hause, die schnelles Geld versprachen, so auch in diesem frühen Giallo namens SCHIZOID (Lizard in a Woman's Skin). Der Titel erinnert an Argento und dessen Tier-Trilogie ("Bird/Cat/Flies"), Fulci geht hier aber inhaltlich völlig andere Wege und kann auch formal eigene Akzente setzen, wenn man von einigen Querverweisen auf Hitchcock absieht. Vor allem ist SCHIZOID ein nett psychedelischer Film und sehenswert wegen seiner surrealen Alptraumsequenzen.

Mit einer solchen beginnt auch gleich unsere Geschichte. Carol (Florinda Bolkan) ist eine sexuell frustrierte Hausfrau und Gattin eines Geschäftsmannes (Jean Sorel, hübsch und steif wie immer), die sich in ihren Träumen in verschlossenen Zügen voller nackter Menschen wähnt. Dort begegnet ihr auch die frivole Nachbarin (Anita Strindberg), die für Carol sexuelle Freizügigkeit verkörpert, von der sie sich gleichzeitig abgestoßen und angezogen fühlt. Bald aber werden die Träume brutaler, und in ihren Wahnvorstellungen sieht sich Carol die Nachbarin ermorden. Als diese daraufhin tatsächlich tot aufgefunden wird, stellen sich mehrere Fragen - hat Carol sie umgebracht, weil sie nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Illusion unterscheiden kann, oder spielt da jemand ein gemeines Spiel im Hintergrund?

Sieht man sich die Gialli der 70er an, stellt man oft verblüfft fest, welchen Einfluss diese scheinbar schundigen Sexploitation-Krimis auf amerikanische Filme hatten. So haben wir schon bei "Das Geheimnis der blutigen Lilie" (1971) festgestellt, dass ein Fahrstuhlmord beinahe exakt von Brian de Palma für "Dressed to Kill" (1980) kopiert wurde. In SCHIZOID sehen wir nun eine unbefriedigte Hausfrau, die von sexuellen Eskapaden träumt und diese ihrem Psychiater schildert. Kommt Ihnen bekannt vor? Da soll noch mal einer sagen, de Palma würde sich nur bei Hitchcock bedienen...
Da Fulci oft vorgeworfen wurde, sich hemmungslos bei Argento zu bedienen, darf man SCHIZOID attestieren, dass die Flucht seiner Hauptdarstellerin aus einer Fledermaushöhle, bei der sie ein paar Koffer übereinanderstapelt, um aus einem höher gelegenen Fenster zu entkommen, auf wundersame Weise in Argentos "Suspiria" (1977) wieder auftaucht.

Die Traumsequenzen werden von Fulci und dem begnadeten Kameramann Luigi Kuveiller mit Schmackes und Lust am Experimentieren in Szene gesetzt. Die Kamera ist extrem beweglich, sucht stets nach interessanten Perspektiven (und Zooms), und der avantgardistische Schnitt setzt dem ganzen noch die Krone auf (manche Einstellungen werden blitzschnell mehrfach hintereinander kopiert). Für den Schuss prickelnde Erotik sorgen die nackte Anita Strandberg, die sich mit Florinda Bolkan auf Kissen lümmeln darf, während eine Windmaschine ihnen die Haare durchpustet, als wollte Fulci einen Werbespot fürs Gard Haarstudio drehen.
Fulcis späteres Markenzeichen, der extreme Splatterfaktor, ist hier schon rudimentär vorhanden. Neben der blutig dahingemeuchelten Strindberg gibt es in einer weiteren Traumsequenz offene Bäuche und Gedärme zu bestaunen, sowie ein Rudel Hunde, das aufgeschlitzt in merkwürdigen Apparaturen hängt - eine Szene, die Fulci sehr viel Ärger einbrachte, weil die Effekte einem italienischen Gericht zu realistisch waren. Fulci konnte mit Hilfe seines Tricktechnikers allerdings nachweisen, dass keine echten Hunde leiden mussten, und heute wundert man sich, wie jemand diese süßen Fellpuppen für authentisch halten konnte.

In der Hauptrolle kann Florinda Bolkan als gequälte Neurotikerin absolut überzeugen, an ihrer Seite gibt Jean Sorel den Ehemann, der langsam am Verstand seiner Gattin zweifelt. Leider verliert SCHIZOID nach der Hälfte der Laufzeit ziemlich viel Drive, und die Aufklärung der verwirrenden Geschichte ist nicht allzu aufregend. Manche Szenen - wie das falsche Geständnis eines Hippies - dauern zu lang, sind für die Handlung irrelevant und offensichtlich nur dazu da, die Laufzeit zu strecken. Eine Verfolgung Bolkans durch einen bizarren Motorradfahrer kann zwischenzeitlich wieder für Spannung sorgen, und der Angriff der Killer-Fledermäuse ist in bester "Die Vögel"-Tradition inszeniert (das US-Plakat versucht witzigerweise, den Film als Fledermaus-Horror zu verkaufen), aber am Ende bleibt man doch mit gemischten Gefühlen zurück.

Wer Spaß an psychedelischen Spielereien und bizarren Kamerafahrten hat, der sollte sich Fulcis Giallo nicht entgehen lassen. Als Psychogramm einer gestörten Frauenseele würde ich eher "The Perfume of the Lady in Black" (1974) empfehlen. Trotz seiner Schwächen beweist Fulci aber, dass er mehr kann als wurmzerfressene Zombies auf die Leinwand (und Catriona MacColl) loszulassen.

07/10

Donnerstag, 7. März 2013

Der Prozess (1962)

Kann man einen Film von Orson Welles, mit Anthony Perkins, Romy Schneider und Jeanne Moreau nicht mögen? Ja, man kann. Ich mochte DER PROZESS (The Trial) nicht, als ich ihn zum ersten Mal sah, und ich mag ihn immer noch nicht, obwohl er mittlerweile endlich in vollständiger Fassung und in genialer Bildqualität erhältlich ist. Beim ersten Sehen war ich enttäuscht, weil er meine hohen (möglicherweise falschen) Erwartungen nicht erfüllt hat, und das zweite Sehen war nur eine Bestätigung meines ursprünglichen Gefühls. Dabei besitzt DER PROZESS alle Zutaten, die ihn zu einem meiner Lieblingsfilme machen müssten. Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, warum der Film nicht bei mir funktioniert, kann aber nur vage Mutmaßungen anstellen.

Kurz zur Erinnerung: In DER PROZESS spielt Perkins den jungen Angestellten Josef K., der eines Tages völlig unverhofft Besuch von der Polizei erhält. Er wird wegen einer Sache angeklagt, die nie benannt wird. Auch wird K. nicht verhaftet, sondern darf sich frei bewegen. Je mehr er versucht, zu verstehen, was überhaupt vorgeht, desto mehr verfängt er sich in den Mühlen der Justiz, die unbarmherzig seinen Tod fordern...

Natürlich ist meine bescheidene Meinung höchst subjektiv, denn DER PROZESS ist alles andere als ein schlechter Film. Kameraarbeit und Ausstattung sind exzellent, manchmal atemberaubend. Auf visueller Ebene ist der Film zweifellos ein Meisterwerk. Die Schauspieler geben ihr Bestes (wobei mir Perkins in der Hauptrolle zu selbstbewusst und genervt auftritt), und Orson Welles hatte selten in seiner Karriere so viel Freiheit und Kontrolle über den vollständigen Film. Der Regisseur selbst war sehr zufrieden mit seinem Werk, das genau so ausfiel wie er es sich vorgestellt hatte. Die Kritiker waren seinerzeit eher gespalten, mittlerweile aber hat sich DER PROZESS einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet und gilt als einer von Welles' besten Filmen. Das Welles-Zitat "The Best Film I Ever Made" prangt sogar auf dem Kinoplakat. Da wäre ich aber dann doch für "Touch of Evil" (1958). Und vergessen wir bitte nicht "Citizen Kane" (1941). 

DER PROZESS beginnt stark mit einer langen Sequenz, in der Josef K. von Polizeibeamten in seiner Wohnung überrumpelt und bedrängt wird, ohne den Grund für deren Vorgehen zu erfahren. Hier fängt Welles das Alptraumhafte von Josef K.s Situation beklemmend ein, danach aber lässt er den Würgegriff wieder los. Obwohl Welles Kafkas Handlungsablauf relativ dicht folgt, steckt doch wenig Kafka in der Adaption. Welles macht die Geschichte zu seiner eigenen, verlegt die Handlung in die Gegenwart (sogar einen Computer gibt es), reichert den Hintergrund mit Holocaust-Anspielungen an und geht atmosphärisch in eine völlig andere Richtung. Zwar schafft er surreale Szenerien, aber der Ton entspricht durchweg dem einer bitteren Komödie und weniger einem klaustrophobischen Alptraum (wobei der Film auf viele genau diese Wirkung hat). Die sich immer mehr zuziehende Schlinge um Josef K.s Hals kann ich bei Welles nicht nachempfinden, dazu ist der Film zu offen und die Bedrohung zu unbedrohlich. Dazu empfinde ich den Film als extrem geschwätzig und die Dialoge nicht so mitreißend, dass ich durchweg gebannt zuhören würde.

Josef K. wird nebenbei von mehreren Frauen sexuell bedrängt, denen er sich stets entzieht - eine augenzwinkernde Anspielung von Welles auf seinen homosexuellen Hauptdarsteller, der sein Privatleben geheim hielt, und dessen 'Verklemmtheit' immer Teil seiner Darstellung war, aber mit Kafka oder dem Thema des Films hat das herzlich wenig zu tun. Orson Welles rafft auch den Handlungszeitraum - was sicher notwendig war, aber gelegentlich keinen Sinn ergibt - etwa, wenn Perkins seinen Anwalt (Welles) feuert, obwohl er ihn erst ein einziges Mal gesehen hat, während er in der Vorlage erst nach Monaten erkennt, dass der Anwalt ihm überhaupt keine Hilfe ist und die Justiz eine unendlich langsam mahlende Mühle ist, der man sich nur ergeben kann, anstatt gegen sie anzugehen. Das Ende ist bei Welles dann wieder perfekt in seiner zynischen Ausweglosigkeit, und da findet er auch wieder zu Kafka zurück.

Welles stellt seinem Film eine Illustration von Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" voraus, die Josef K. im Roman vom Gefängniskaplan hört (und welche von Kafka bereits vor dem 'Prozess' als Prosatext veröffentlicht wurde). Sie handelt von einem Mann, der bis zu seinem Tod vergeblich Einlass zum Gesetz verlangt, den ihm ein Torhüter verweigert. In dieser Parabel steckt alles, was Kafka ausdrücken will. Da sie im Film am Anfang steht, ist das, was danach folgt, lediglich eine (zugegeben kunstvolle) Bebilderung dieser Parabel und in seiner Wirkung schwächer.

Vielleicht kann ich dem PROZESS beim nächsten Versuch mehr abgewinnen, aber ich bezweifle es. Manchmal funkt es einfach nicht zwischen Film und Zuschauer, das ist ja auch nicht weiter schlimm. Da es zum PROZESS ausschließlich Lobeshymnen zu lesen gibt, bin ich wahrscheinlich einfach auf dem ganz falschen Dampfer. Dafür kann ich "Touch of Evil" immer wieder sehen.

05/10


Freitag, 1. März 2013

Cassandra Crossing (1976)

Die Produzenten Carlo Ponti und Sir Lew Grade (der wegen seiner minderwertigen Filme auch gern 'Sir Low Grade' genannt wird) trommelten 1976 ein internationales Ensemble zusammen, um auf die Katastrophenfilmwelle aufzuspringen, welche zu dieser Zeit allerdings bereits am verebben war. So konnte CASSANDRA CROSSING (The Cassandra Crossing) auch weder künstlerisch noch finanziell mit den Klassikern des Genres mithalten. Aufgrund reichlich unfreiwilliger Komik und massenhaft Action ist er aber heute noch extrem unterhaltsam.

Der Plot: Zwei Terroristen brechen in ein Schweizer Gesundheitszentrum ein, in dem mysteriöse Geheimexperimente durchgeführt werden. Als sie von Wachmännern niedergeschossen werden, entweichen tödliche Bakterien, mit denen sich einer der Terroristen infiziert, bevor er entkommen kann. Auf der Flucht besteigt er einen Zug nach Stockholm, wo sich die Epidemie bald unter den Passagieren ausbreitet. Um eine weitere Ausweitung der Katastrophe zu verhindern, wird der Zug - nach Willen eines US-Colonels (Burt Lancaster) - abgeriegelt und zu einer stillgelegte Brücke (die 'Cassandra Crossing') geleitet, die unter der Last der Bahn zusammenbrechen und alle Mitreisenden begraben wird. Die Passagiere - angeführt von Richard Harris und Sophia Loren - müssen diesen Plan vereiteln, bevor sie sich zu Tode husten oder zermalmt werden...

Das hört sich doch nach einer spannenden Geschichte an, möchte man meinen. Die Besetzung kann sich ebenfalls sehen lassen und bietet mit Richard Harris ("18 Stunden bis zur Ewigkeit", 1974), Ava Gardner ("Erdbeben", 1974) und O.J. Simpson ("Flammendes Inferno", 1974) gleich drei erfahrene Katastrophenfilm-Veteranen, die keine Probleme haben, sich zum Affen zu machen. O.J. spielt hier übrigens einen Rauschgiftfahnder, der sich als Priester verkleidet, um einen schrecklich affektierten Martin Sheen (der als Ava Gardners Lustknabe mitreist) des Drogenhandels zu überführen. Man merkt schon, so ganz ernst nehmen sollte man dieses Spektakel nicht.

Sophia Loren ist nicht nur die Hauptdarstellerin, sondern auch die Frau des Produzenten, deshalb bekommt sie das schönste Licht, die meisten Großaufnahmen und mehr Weichzeichner als Robert Redford im "Pferdeflüsterer". Da wird gleich eine ganze Vorratspackung Vaseline auf die Linse geschmiert, aber immerhin sieht Loren dadurch spektakulär gut aus. Sie spielt eine schnippische Bestseller-Autorin, die einen Enthüllungsroman über ihre Ehe mit Herzchirurg Richard Harris geschrieben hat, weswegen dieser etwas verschnupft ist. Man fragt sich, ob sich Enthüllungsromane über irgendwelche Chirurgen wirklich gut verkaufen (ich habe bislang leider keinen gelesen), aber für Harris scheint es ein Wahnsinns-Affront zu sein. Trotzdem landen sie miteinander in der Kiste, was Harris viel Gelegenheit bietet, sein Hemd auszuziehen (was er in jedem Film gern macht und - außer ihm selbst - garantiert niemand sehen will).

Unter den Reisenden befindet sich noch Lee Strasberg als jüdischer Uhrendealer, der eine Krise bekommt, als der Zug in Polen gestoppt und von Männern in Uniform und Schutzanzügen verriegelt wird. Aufgrund schrecklicher Erlebnisse im Konzentrationslager dreht Strasberg völlig durch und geht auf die Ordnungshüter los, die ihn gleich niederballern ohne Fragen zu stellen. Nach zehn Minuten aber befindet er sich - wie durch ein Wunder - wieder an Bord und hat nur einen Streifschuss am Arm (?). Nebenbei, die Holocaust-Anspielungen im Film sind nicht nur in solchem Unterhaltungs-Schund absolut fehl am Platz, sondern auch geschmacklos. Und Strasberg sollte für die schlimme Schmierenkomödie, die er hier abzieht, seinen Studenten das Geld für die Schauspielkurse am 'Actor's Studio' zurückzahlen.

Wer ist sonst noch an Bord? Alida Valli, die sich unter einer blonden Perücke und hinter einer dicken Dieter Krebs-Gedächtnisbrille versteck, Ray Lovelock als Teil einer Hippie-Gesangsgruppe, deren Sängerin keine Note halten kann, und Lionel Stander (Butler Max aus "Hart, aber herzlich") als gemütlicher Zugschaffner namens - natürlich - Max!

Während sich links und rechts die kleinen privaten Dramödchen abspielen, die man im Katastrophenfilm so liebt, hustet sich der kranke Terrorist durch die Waggons, was zu einer sehr ekelhaften Szene führt, in der er sich schwitzend und röchelnd in der Zugküche über einer Schüssel Reis aushustet, welche dann prompt im Speisewagen umhergereicht wird - guten Appetit!
Der Virus erwischt glücklicherweise nur Nebendarsteller, weil A-Stars offensichtlich keinen Reis verzehren. Deshalb sind unter den ersten Toten auch nur weniger bekannte Gesichter zu verzeichnen. Burt Lancaster sitzt derweil mit Ingrid Thulin - deren Englisch so schlecht ist, dass man kein einziges Wort ihres Dialogs versteht - im Genfer Gesundheitszentzrum, trifft fatale Entscheidungen, die böse Militärs in diesen Filmen halt immer treffen, und bewegt sich dabei nicht einen Zentimeter von seinem Platz weg - den ganzen Film über! War ein sehr einfacher Dreh für den Herrn Lancaster.
Die Top-Stars überleben hier ungewohnt zahlreich. Lediglich Martin Sheen wird bei einer waghalsigen Aktion vom Zug geschleudert und bricht sich das Genick. Der Karriere hat es nicht geschadet.

Leider konnten die Produzenten keinen guten Regisseur für ihren Thriller gewinnen, weswegen es George Pan Cosmatos ("Leviathan", 1989) richten musste, der nicht wirklich in der Lage ist, Spannung aufzubauen, und für den 'subtil' ein Fremdwort ist. Gottseidank passiert genug, damit keine Langeweile aufkommt. Komponist Jerry Goldsmith sorgt mit seinem ohrenbetäubenden Krawall-Score dafür, dass man den Film spannender findet als er in Wahrheit ist, und die Kameraführung geht auch schwer in Ordnung.
Am Ende, wenn die Brücke unter dem Zug zusammenkracht, wird dann noch ziemlich heftig gesplattert (ein Zuginsasse bekommt einen Stahlträger frontal in die Magengrube - aua!).
Der 'beste' (weil schlimmste) Moment folgt auf dem Fuße, wenn die letzten Überlebenden den einzigen heil gebliebenen Waggon verlassen, welcher rechtzeitig vom Rest des Zuges abgekoppelt wurde, und Sophia Loren einfach in der Tür stehen bleibt, um Richard Harris einen (elendig langen) verliebten Blick zuzuwerfen und ihm in die Arme zu fallen, während hinter ihr die Leute schon Schlange stehen, um diesen Höllenexpress endlich verlassen zu können. Entschuldigung, so viel Zeit muss sein! Ich bin hier immerhin der Star! Ist mir doch egal, ob Ihnen gerade ein Auge ausläuft!

Für den schnellen Katastrophenfilm-Hunger zwischendurch ist CASSANDRA CROSSING durchaus empfehlenswert. Unter besserer Regie hätte das ein absoluter Kracher werden können. So aber bleibt kurzweiliger Trash - was nicht das Schlechteste ist.

7.5/10


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