Dienstag, 30. April 2013

Jeepers Creepers (2001)

Die beiden Geschwister Trish (Gina Philips) und Darry (Justin Long) sind mit ihrem Wagen auf der Landstraße unterwegs, als sie von einer alten Klapperkiste gerammt und verfolgt werden. Kurz darauf werden sie Zeugen, wie der Fahrer des Schrottmobils scheinbar Leichen auf einem Grundstück beseitigt. Beim Nachforschen aber entdecken sie, dass sie einem Monster - dem so genannten 'Creeper' - in die Quere gekommen sind. Diese Horror-Gestalt taucht alle paar Jahre auf, sammelt Leichenteile und macht jetzt Jagd auf die Teenager...

JEEPERS CREEPERS (Jeepers Creepers) wurde mit einem relativ schmalen Budget von Victor Salva ("Powder", 1995) inszeniert und stellte sich als Überraschungserfolg in den Kinos heraus. Der Film beginnt als Teenager-Variante von Steven Spielbers Landstraßen-Thriller "Duell" (1971) und wird dann nach der halben Laufzeit zu einem lupenreinen Monster Movie mit mythischen Anklängen. Dass der Song 'Jeepers Creepers', der hier regelmäßig im Autoradio läuft, wenn das Monster in der Nähe ist, einen verstörenden Effekt erzielen kann, haben wir schon in John Schlesingers "Tag der Heuschrecke" (1975) gesehen. Irgendwas haben diese Jazz-Songs der 30er, das heute wohliges Gruseln verursacht.

Um es kurz zu machen: die erste Hälfte von JEEPERS CREEPERS ist ziemlich effektvolles Spannungskino, wenn man akzeptiert, dass die beiden jungen Helden sich wie komplette Idioten benehmen. Ganz ehrlich, wer steigt schon in einen Tunnel, in dem offenbar gerade eine Leiche versenkt wurde, während der mutmaßliche Killer nicht weit entfernt ist? Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Teenager von Natur aus irgendwie bescheuert sind, kann man das aber hinnehmen, und dann ist JEEPERS CREEPERS hervorragende Unterhaltung, inklusive einiger Gänsehaut-Momente, die man so im modernen Horrorkino nicht oft findet.

Die zweite Hälfte hingegen ist reiner Blödsinn. Da taucht plötzlich eine skurrile Märchentante/Katzenfrau auf (die wunderbare Eileen Brennan, die einem Leid tun kann), erzählt uns eine absurde Backstory des Monsters, die Klischees und Logiklöcher häufen sich, und von Spannung kann keine Rede mehr sein. Am Ende serviert JEEPERS CREEPERS eine bösartige Pointe, die den zuvor entstandenen negativen Eindruck fast wieder ausbügeln kann, aber insgesamt gesehen ist der Film einfach zu unausgewogen. Wäre der Creeper ein geheimnisvolles Wesen geblieben, dessen Ziele im Dunkeln bleiben, und hätte Regisseur Salva wie in der ersten Hälfte mehr auf Suspense als auf Mummenschanz gesetzt, hätte JEEPERS CREEPERS das Zeug zu einem kleinen Kultfilm gehabt. So ist er nur zur Hälfte sehenswert. Immerhin.

Keine Rezension über JEEPERS CREEPERS wäre vollständig ohne die Erwähnung, dass Regisseur Salva aufgrund sexueller Übergriffe am minderjährigen Hauptdarsteller seines Films "Clownhouse" (1989) zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Das verleiht fraglos all seinen Filmen einen mehr als unangenehmen Beigeschmack, besonders, wenn sie davon handeln, dass hässliche Monster hinter Teenagern her sind, um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen und - wie im Fall des 'Creepers' - deren Angst 'riechen' können.

07/10

Sonntag, 28. April 2013

House of Wax (2005)

Kann ein Film schlecht sein, in dem Paris Hilton eine Eisenstange durch den Kopf bekommt?
Sagen wir mal, es geht so.

HOUSE OF WAX (House of Wax) entstand im Zug der erfolgreichen Welle von Horror-Remakes, die leider immer noch anhält und mittlerweile keinen jemals gedrehten Horrorstreifen auslässt. Mit der ursprünglichen Verfilmung "Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts" (1933), einem großen Klassiker des Horrorkinos, und dessen späterem Remake "Das Kabinett des Professor Bondi" (1953) mit Vincent Price hat HOUSE OF WAX jedoch nur den Titel und das Thema des Wachsfigurenkabinetts gemeinsam. Im Grunde ist er eher ein lupenreines Remake von "Tourist Trap" (1979) und schickt eine Handvoll junger Leute in die ländliche Einöde, wo sie eine Autopanne zwingt, in einem kleinen Kaff Halt zu machen. Dort begegnen sie skurrilen Hinterwäldlern und finden - einer nach dem anderen - den Tod. Die örtliche Sehenswürdigkeit ist auch schon der einzige Clou des Films: ein Wachsfigurenkabinett, in dem sich nicht nur Wachsfiguren befinden, sondern das von oben bis unten aus Wachs besteht - wie auch immer das möglich ist. Das 'House of Wax' ist also nicht sprichwörtlich, sondern buchstäblich gemeint. Toll, oder?

HOUSE OF WAX weicht dabei kaum von der gähnend langweiligen Formel ab und belästigt den Zuschauer zunächst mit einer ewig langen Exposition, in der wir mit dem konfrontiert werden, was als 'Charakterisierung' der Figuren gemeint ist. Soll heißen, es gibt jede Menge uninteressantes Gerede, ein bisschen Gefummel und die üblichen Probleme der Mittzwanziger (Teenager möchte man sie nicht mehr nennen). Gespielt werden die von der üblichen Schar attraktiver TV-Stars und solchen, die sich für Stars halten. Über Paris Hilton kann man sagen, dass sie auch nicht besser oder schlechter spielt als ihre Kollegen. Das ist dann wohl ein Kompliment (verflixt!). Ihre Besetzung hat dem Film natürlich mehr Aufmerksamkeit gebracht als er verdient hätte, insofern war das Casting ein gelungener Schachzug.
In der Hauptrolle kann Elisha Cuthbert ("24") durchaus überzeugen, zum Schmunzeln regt allerdings ihr Filmbruder Chad Michael Murray an, der einen 'bösen Buben' darstellen soll, der gerade aus dem Knast gekommen ist (was man daran erkennt, dass er leere Bierdosen zerknüllt und in die Landschaft wirft, bevor er herzhaft rülpst), dabei aber mit seinem Justin Timberlake-Outfit ungefähr so bedrohlich wirkt wie ein kuscheliger Teletubbie mit Handtasche.

Nach ca. einer geschlagenen Filmstunde nimmt HOUSE OF WAX dann aber endlich Fahrt auf, und der Rest ist ziemlich gutes Popcorn-Kino mit ein paar schönen Scheußlichkeiten, unter denen vor allem Elisha Cuthbert zu leiden hat. Zuerst werden ihr die Lippen mit Sekundenkleber zugeschweißt, dann wird ihr noch ein Finger mit der Gartenschere abgeschnitten ('Torture Porn' kam gerade in Mode). Das feurige Finale im brennenden Wachsfigurenkabinett, das unter den Füßen unserer Helden wegschmilzt, kann mit klasse Spezialeffekten aufwarten und ist absolut sehenswert. Dafür muss man sich halt durch die ersten zwei Drittel kämpfen, in denen so gut wie gar nichts passiert.

Insgesamt ist HOUSE OF WAX auch nur ein weiterer überflüssiger Vertreter des Remake-Kinos. Muss man definitiv nicht gesehen haben, es sei denn, man hat eine (verständliche) Aversion gegen Paris Hilton und möchte gern sehen, wie sie kreischend dahingemetzelt wird. Muss jeder selbst wissen.

06/10

Samstag, 27. April 2013

In 3 Tagen bist du tot (2006)

Jugendsünden rächen sich auch im Salzkammergut... 

Dass die Österreicher gute Horrorfilme machen können, haben wir schon bei Jessica Hausners kunstvollem "Hotel" (2004) festgestellt, der sich allerdings klar an ein Arthaus-Publikum wendet. IN 3 TAGEN BIST DU TOT ist dagegen ein rein kommerzielles Produkt, das auf einen erfolgreichen Zug aufspringen möchte, und das gelingt ihm außerordentlich gut.

Die Story kommt uns allen nicht ohne Grund bekannt vor: Vor vielen Jahren haben vier Kinder den Tod eines Mitschülers verursacht. Jetzt hat die Clique gerade die Matura bestanden, als jeder von ihnen eine ominöse SMS mit dem Filmtitel als Nachricht erhält. Prompt werden sie von einem geheimnisvollen Unbekannten gejagt, der auf nasskalte Rache aus ist...

Ich bin eher zufällig im ZDF-Nachtprogramm über diesen Ösi-Slasher gestolpert, konnte ihn aber nicht abschalten, was ein gutes Zeichen ist. Die Parallelen zu "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" (1997) sind dabei so offensichtlich, dass die Formulierung 'ins Auge springen' bereits die Untertreibung des Jahrhunderts wäre. Aber der Film von Andreas Prochaska hat mehr zu bieten als der Inhalt vermuten lässt, nämlich eine eigene, dichte Atmosphäre, die ihn locker über den ganzen Rest der "Scream"-Nachahmer hinauskatapultiert. Regisseur Andreas Prochaska fängt mit seinem Kameramann David Slama wundervoll stimmungsvolle Bilder ein und verwandelt seine vorhersehbare Rachegeschichte in einen gespenstischen Alptraum, in dem seine jungen Protagonisten gefangen sind. Wasser spielt dabei eine zentrale Rolle, sowohl geographisch als auch metaphorisch. Um den blutigen Vorgängen auf den 'Grund zu gehen', muss tief abgetaucht werden in die Sünden der Vergangenheit, und Final Girl Sabrina Reiter muss am Ende erst symbolisch sterben und wieder geboren werden, um sich von der Schuld reinzuwaschen. Kamera und Ausstattung bemühen sich, die Wasser-Thematik immer wieder neu aufzugreifen, durch Aquarien, Toiletten, Fische oder Dauerregen. Die angenehm zurückhaltende Musik von Matthias Weber verstärkt die morbide Grundstimmung des Films.

Die Jugendsünden sind ein beliebtes Thema des Slasherfilms, und auch IN 3 TAGEN BIST DU TOT lässt inhaltlich kaum ein Klischee des Genres aus (Fake Scares, Leichen, die verschwinden, Drohnachrichten, etc.), und in einer eher überflüssigen Szene (die Schulabgänger überfahren ein Reh) wird so deutlich auf "Ich weiß, was du..." angespielt (mal ganz abgesehen vom gesamten Fischerdorf-Setting), dass man sich fragen muss, ob es sich hier um einen extrem selbstbewussten Umgang mit geborgten Ideen handelt, oder ob man wirklich dachte, damit durchzukommen (nach dem Motto: vielleicht merkt's ja keiner). Egal. Auch Kevin Williamson hat das Genre nicht erfunden. Neben den üblichen Verdächtigen des Slasherfilms gibt es übrigens noch Anleihen bei Argento, in dessen Werken finale Konfrontationen der Helden mit dem Killer oft an jenem Ort stattfinden, der das ultimative Böse beherbergt: dem Elternhaus. So spielt auch hier ein verlassenes Haus, das dunkle Geheimnisse birgt, eine wichtige Rolle.

IN 3 TAGEN BIST DU TOT profitiert ungemein von den natürlichen Darstellerleistungen seiner unverbrauchten Jungschauspieler und den realistischen Dialekten (inwieweit sie für die Region authentisch sind kann ich nicht beurteilen, es ist für mich auch nebensächlich), und der Film bemüht sich erfolgreich, die Figuren nicht zu Kanonenfutter verkommen zu lassen, sondern sie als sympathische, dreidimensionale Charaktere zu zeichnen. Humor ist nur minimal vorhanden, die Spannung verdichtet sich stetig bis zum Finale, welches dann zwar mit mehreren Unglaubwürdigkeiten jongliert (wer überlebt schon einen Sturz aus einem mehrstöckigen Haus frontal auf die Spitzen eines Metallzauns??), aber dennoch so packend inszeniert ist, dass man über die Logikholperer hinwegsieht.

Der Film war ein großer Erfolg in den heimischen Kinos und konnte auch hierzulande viele Fans gewinnen, so dass ein zweiter Teil obligatorisch war. Der geht ganz andere Wege als der Vorgänger, hat mich aber doch leicht enttäuscht. Andreas Prochaska gehört mittlerweile verdientermaßen zu den profiliertesten deutschsprachigen Kino- und TV-Regisseuren, seine Darsteller sind ebenfalls in der Filmlandschaft etabliert. Respekt und Hut ab, es gehört schon was dazu, einem ausgelutschten Genre wie dem Slasherfilm noch interessante Seiten abzugewinnen. Von mir eine klare Empfehlung, auch wenn ich nicht verschweigen will, dass IN 3 TAGEN BIST DU TOT polarisiert und ihn viele Rezensenten als plumpen Abklatsch einschlägiger Vorbilder empfinden. Für mich stecken die Unterschiede in den Details.

8.5/10

Freitag, 26. April 2013

Flashback - Mörderische Ferien (2000)

Wes Cravens "Scream" (1996) hat einige gute, viele schlechte und ein paar äußerst skurrile Slasherfilme nach sich gezogen. Zu den merkwürdigeren Beiträgen gehört die deutsche Produktion FLASHBACK - MÖRDERISCHE FERIEN von Michael Karen. Der Film kopiert das amerikanische Erfolgsrezept, ohne eigene Ideen oder eine Handschrift beizusteuern, rutscht aber gleich zu Beginn dank haarsträubender Dialoge und übertriebener Splatter-Effekte rasant in den Trash-Bereich ab, wo er - das muss man ihm lassen - eine gute Nische findet und auch zu unterhalten weiß.

FLASHBACK lag ein Original-Drehbuch von Jimmy Sangster zugrunde, der in den 50ern und 60ern unzählige Scripts für die britischen Hammer-Studios verfasst und einige echte Klassiker zu Papier brachte. FLASHBACK weckt aufgrund seiner überraschenden Wendungen und absurden Konstruktion Erinnerungen an Sangsters 'Mini-Hitchcocks' "Ein Toter spielt Klavier" (1961) oder "Der Satan mit den langen Wimpern" (1964), natürlich ohne jemals deren Klasse oder Atmosphäre zu erreichen. Einen dermaßen versierten Drehbuchautor findet man selten im Slasher-Genre, und darauf kann sich FLASHBACK schon einiges einbilden. Selbstverständlich wurde Sangsters Buch aufgefrischt und an die Neuzeit angepasst (und das meine ich nicht positiv). Wie viel von Sangster noch im fertigen Film steckt, lässt sich schwer sagen, aber der Storybogen mit den finalen Haken ist ein eindeutiges Markenzeichen.

Nun zum Plot: die junge Sylvie (Valerie Niehaus) musste als Kind mitansehen, wie ihre Eltern von einem Killer im Blümchenkleid mit einer Sichel brutal ermordet wurden und sitzt seitdem in der Psychiatrie. Jetzt wird sie entlassen und tritt eine Stelle als Französisch-Lehrerin bei drei verzogenen Sprösslingen (Alexandra Neldel, Simone Hanselmann und Xaver Hutter) reicher Eltern an. Bald schon beginnt eine neue Mordserie in der friedlichen Bergwelt. Ist der Killer von damals wieder am Werk, oder hat er einen Nachahmer gefunden? Oder ist vielleicht alles ganz anders?

Ja, ist es, und wer Sangster kennt, der ahnt auch schon, worauf es hinausläuft. FLASHBACK wurde hierzulande mit viel Hohn und Spott überschüttet, weil er verzweifelt versucht, das Niveau eines "Scream" zu erreichen, dabei aber nicht über "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" mit Serienkiller hinauskommt. Da muss man allerdings die Kirche im Dorf lassen. Natürlich kann man an den mageren Schauspielleistungen der Soap-Akteure einiges aussetzen, aber ich habe ehrlich gesagt auch keine Meryl Streep in den US-Vorbildern entdecken können. Und ob Jennifer Love Hewitt eine begnadete Schauspielerin ist, möchte ich auch lieber nicht beurteilen. Gleichzeitig werden kaum hiesige Schauspielgrößen wie Corinna Harfouch Schlange stehen, um Dialoge wie "Ich trage gar keinen BH!" aufzusagen. Das sollen mal schön die Wanderhuren und Schulmädchen des deutschen Trash-TVs machen, so gehört sich das auch.

Neben den hübschen Hauptrollen-Gesichtern leistet sich FLASHBACK ein paar Gastauftritte. So darf Elke Sommer eine finstere Haushälterin (mit dem schönen Namen 'Frau Lust') spielen, die ein blutiges Ende auf einer Bergseilbahn findet, und Detlev Buck schaut spät im Film als seriöser Psychiater vorbei. Über Logik oder Spannung brauchen wir nicht zu reden, die sind beide kaum vorhanden, aber FLASHBACK wird auch nie wirklich langweilig. Dafür sorgen das hohe Inszenierungstempo und ein paar schräge Splattermomente. Da darf eine dahingemetzelte Leiche den ganzen Film über vor sich hinmodern, weil sie von niemandem bemerkt wird (auch nicht von der Polizei, die mehrfach dran vorbeifährt), und aus einem Schneepflug regnen abgehackte Körperteile über Bauern und eine sensationsgeile TV-Crew. Die Gore-Effekte bewegen sich eher auf Monty Python-Niveau (minus deren Intelligenz), und die FSK 18-Einstufung ist komplett lächerlich, weil die blutigen Prothesen eher für Lacher als Gänsehaut sorgen. Ich mag übrigens den müden Gag "Hier ist der Hund begraben" - "Echt, wo?". Weiß auch nicht, warum.

Man könnte sich fragen, warum ich an Filmen wie "Schrei, wenn du kannst" (2001) kein gutes Haar lasse, während ich Schund wie diesem gegenüber eher aufgeschlossen bin. Das liegt daran, dass ich es einerseits immer begrüßenswert finde, wenn sich das deutsche Kino überhaupt für Horror interessiert und mal einen Genrefilm wagt, anstatt sich in depressiver Arthouse-Selbstgefälligkeit zu ergehen oder idiotische Kopien  idiotischer US-RomComs produziert, andererseits nimmt sich FLASHBACK selbst nicht wirklich ernst und ist mir daher grundsätzlich sympathisch. Das will und soll Fast Food-Kino sein, bei dem man mit und über den Film lacht. Hat ja keiner behauptet, dass dies hier ein Meisterwerk wäre. Gott bewahre!
Auf die einsame Insel würde ich dann aber doch lieber "Psycho" (1960) mitnehmen.

05/10

Dienstag, 23. April 2013

The Faculty (1996)

An der Herrington Highschool benehmen sich die Lehrer plötzlich noch merkwürdiger als sonst. Sie trinken Unmengen von Wasser, sehen attraktiver aus, zeigen keinerlei Emotionen mehr und machen Jagd auf die Schüler. Könnte es sein, dass Aliens von ihnen Besitz ergriffen haben? Ein paar misstrauische Außenseiter kommen der Invasion der Außerirdischen auf die Spur und müssen bald um ihr Leben rennen...

Die Geschichte um Körper-Invasoren aus dem All, die seelenlose Doppelgänger unserer Liebsten produzieren, um die Erde zu übernehmen, wurde bekanntermaßen bereits mehrfach verfilmt, weil sie zahlreiche Möglichkeiten zur Interpretation bietet und mit universellen Urängsten spielt. Don Siegel benutzte sie als Metapher für Kommunisten-Paranoia ("Die Dämonischen", 1956), in Philip Kaufmans Remake ging es um Entfremdung und Anonymität in der Großstadt ("Die Körperfresser kommen", 1978), Abel Ferrara erzählte von Uniformität beim Militär ("Body Snatchers", 1993), und "Invasion" (2007) - die zweifellos schwächste Adaption - handelte von Nicole Kidmans viel zu engem Pullover. Kein Wunder also, dass auch im Zuge der Teenie-Horror-Welle Ende der Stoff noch einmal aufgewärmt wurde, diesmal von Robert Rodriguez, der eine unterhaltsame und ironische Mischung aus Horror und Science Fiction schuf, die allerdings unter ihren Möglichkeiten bleibt.

Das Drehbuch zu THE FACULTY (The Faculty) stammt von Kevin Williamson (der von Miramax hastig eingeflogen wurde, um das ursprüngliche Buch zweier Autoren auf 'cool und hip' zu trimmen), der das Genre des Teenie-Slashers kurz zuvor mit "Scream" (1996) auffrischte und zu den heißesten Nummern im Hollywood der späten 90er zählte. Er konnte praktisch schreiben, was er wollte, es wurde ihm nur so aus den Händen gerissen. Sein augenzwinkerndes, selbstreflexives Spiel mit Traditionen und Klischees des Horrorfilms war die große Mode und findet sich heute noch in Genre-Beiträgen. Sein FACULTY-Drehbuch greift die klassischen Verfilmungen von Siegel und Kaufman wieder auf, verlegt sie aber an den Ort der größten Teenage Angst, die amerikanische Highschool, in der man sich ohnehin schnell als Außenseiter fühlt, wenn man nicht perfekt ist.

THE FACULTY zeichnet mit seinen Protagonisten einen Mikrokosmos sozialer Randfiguren - den Nerd (Elijah Wood), den Kleinkriminellen Sohn reicher Eltern (Josh Hartnett), die Introvertierte, die von allen als 'Lesbe' beschimpft wird (Clea Duvall), oder die 'Neue' (Laura Harris), die keinen Anschluss findet (und ein böses Geheimnis mit sich herumträgt...). Dass ausgerechnet diese Außenseiter, die sowohl von der Mehrheit abgelehnt werden als auch sich gegenseitig nicht leiden können, gemeinsam mit zwei Vertretern der 'perfekten' Front (Shwan Hatosy als Football-Ass und Jordana Brewster als Schulkönigin) gegen die Aliens antreten müssen, ist eine nette Idee, die vom Film gut umgesetzt wird, auch wenn sich die Charakterisierungen aufs Nötigste beschränken und gelegentlich klischierter sind als die Klischees, die das Drehbuch eigentlich aufs Korn nehmen möchte.
Selbstverständlich macht sich Williamson die Sache auch sehr einfach, indem er als Feindbild schlicht die Lehrer (bzw. die Aliens) erklärt, womit er die Sympathien des Publikums auf seiner Seite hat. Leider verliert er oft die Übersicht über seine zahlreichen Charaktere, so dass manche Figuren, die prominent eingeführt werden, erst nach längerer Zeit wieder auftauchen, während andere ganz verschwinden oder schlicht vergessen werden.

Sehenswert ist THE FACULTY vor allem wegen der Besetzung, und damit sind weniger die Jungstars gemeint (die allesamt gute Vorstellungen zeigen) als die Lehrerschaft, die gleich aus mehreren Kultfiguren besteht. Da hätten wir den bösen Terminator Robert Patrick (aus "Terminator 2", 1992) als Sportlehrer und Schülerschinder, Piper Laurie ("Carries" Mutter), Bebe Neuwirth ("Frasier) als kaltherzige Rektorin und natürlich meinen besonderen Liebling Famke Janssen als mausgraue, verschüchterte Literaturdozentin, die nach ihrer 'Übernahme' durch die Aliens zur (wer hätte das gedacht?) sexy Femme Fatale mutiert. Warum allerdings Rodriguez-Stammschauspielerin Salma Hayek, die eine dauerverschnupfte Schulkrankenschwester spielt, nach ihrer Verwandlung genau so unattraktiv zurecht gemacht ist wie zuvor, erklärt sich überhaupt nicht. Schade eigentlich, aber sie verschwindet in der zweiten Hälfte ohnehin spurlos, weil sie vermutlich nur wenige Drehtage zur Verfügung stand.

Regisseur Robert Rodriguez drückt stark aufs Tempo, damit der Zuschauer die vielen Logiklöcher nicht bemerkt, und statt eines durchgehenden Spannungsbogens bietet THE FACULTY eher episodenhafte Einzelteile, die aber für sich so gut sind, dass man über die dramaturgischen Schwächen hinwegsehen kann. Die Spezialeffekte können ebenfalls überzeugen - außer im Finale, wenn das große CGI-Monster zuschlägt und der Film unerwartet in den Trash-Bereich rutscht. Der Gore-Gehalt ist allenfalls minimal. Hier und da holpert die Inszenierung, und der Film erweckt insgesamt den Eindruck, dass er eilig produziert und im Nachhinein ordentlich dran herumgeschnippelt wurde.

Was den Spaßfaktor betrifft, ist THE FACULTY weniger witzig als man erwarten würde und beschränkt sich eher auf Insider-Gags. Der beste Einfall ist vielleicht das von unserem jungen Dealer Hartnett verteilte 'Gegenmittel' gegen die Aliens - eine synthetische Droge, die sich die Teenager durch die Nase ziehen müssen. Sehr politisch unkorrekt. Auf jeden Fall ist es schön, einen Teenager-Horror ohne maskierten Slasher zu sehen, der stumpfsinnige Gören abmurkst. Auch wenn Rodriguez hier nicht mehr als hübsches Fast Food-Kino gelungen ist - THE FACULTY beweist immerhin, dass man durchaus auch klassischere Gruselstoffe für ein junges Zielpublikum aufbereiten kann und gute Ideen nie altern. 

07/10

Samstag, 20. April 2013

Schrei, wenn du kannst (2001)

Mit "Düstere Legenden" (1998) hat Jamie Blanks einen gelungenen Beitrag zur Slasher-Welle inszeniert. Vier Jahre später folgte mit SCHREI, WENN DU KANNST (Valentine) ein weiterer, der aber leider zu den ganz schlimmen Vertretern eines Genres gehört, das ausgelutschter ist als Denise Richards' One Night Stands, und der überhaupt nur für Hardcore-Slasherfans oder Komplettisten zu empfehlen ist.

SCHREI, WENN DU KANNST beginnt mit Highschool-Jahrbüchern, in denen wir Fotos der weiblichen Hauptdarstellerinnen aus Jugendzeiten sehen. Das ist schon das Beste am ganzen Film, denn da sieht man schön, welche Gesichter sich...äh...sagen wir mal, ungewöhnlich verändert haben. Gleichzeitig werden wir Zeuge, wie ein junger Nerd (den man an der typischen Brille und fiesen Zähnen erkennt) auf einem Abschlussball mehrere Mädchen zum Tanzen auffordert, aber bei allen kalt abblitzt, weswegen er dann aus Verzweiflung ein dickes Mädchen abknutscht (weil mit Nerds und dicken Mädchen niemand etwas zu tun haben will - eine Lektion für die jüngeren Zuschauer). Prompt wird er von gemeinen Mitschülern ausgelacht, mit Punsch übergossen, nackig ausgezogen und vermöbelt.

An dieser Stelle hat SCHREI bereits den künstlerischen Offenbarungseid abgelegt, denn so dreist wurde sogar im Slasher-Genre selten geklaut. Außerdem wirkt der Abschlussball billig und lieblos zusammengeschustert (ca. 10 Kinderdarsteller werden aus unterschiedlichen Perspektiven gefilmt, um den Eindruck zu erwecken, der Saal wäre voll). Das betrifft auch den Rest des Films, der zwar für ein großes Studio (Warner) produziert, aus Kostengründen aber in Kanada gedreht wurde, weswegen Vancouver als San Francisco herhalten muss. Da kann Herr Blanks im Audiokommentar noch so oft behaupten, dass das keiner merkt, man merkt es.
Sogar eine Szene, die ein Fest für jeden Ausstatter und Regisseur sein sollte (ein Mord während einer Kunstausstellung) ist nur öde, weil sie viel zu hell ausgeleuchtet und schlecht geschnitten ist. Außerdem ist die eigentlich gute Idee des Labyrinths aus Video-Installationen, durch die das Opfer gejagt wird, todlangweilig umgesetzt. 

Weiter zur Handlung. Viele Jahre und Schönheits-OPs später sind die betroffenen Mädels erwachsen, suchen alle einen Freund (obwohl einige schon einen haben, aber man kann ja nie dünn, reich oder beliebt genug sein) und werden am Valentinstag von einem maskierten Killer der Reihe nach dahingerafft. Das wirft viele Fragen auf. Könnte es sich bei dem Mörder um den ehemals gepeinigten Jungen handeln? Wie viele Ersatzteile stecken in Denise Richards? Warum kriegt Jessica Capshaw die Zähne nicht auseinander? Warum gibt es keinen einzig spannenden Moment?

Um es kurz zu machen: SCHREI möchte gleichzeitig Horrorfilmfans und Frauen, die "Sex and the City" lieben, ansprechen, und diese Mixtur geht so furchtbar in die Hose, dass man sich fremdschämt. Da gehen die Mädels zu irgendwelchen Speed Dating-Veranstaltungen und wälzen Liebesprobleme, während der Film die miesesten und gestörtesten Männer vorführt, um zu zeigen, dass die armen Damen keinen Partner finden können - ohne zu merken, dass die hier dargebotene weibliche Spezies samt und sonders aus billigen, oberflächlichen Plastik-Püppchen besteht, in deren Köpfen weniger Inhalt steckt als in Partyballons.
Werfen wir doch geschwind mal einen Blick auf die angeblichen Traumbräute: 

1. Ein aufgepimptes Luder (dargestellt von Denise Richards, die nicht einmal überzeugend spielen kann, dass sie Cornflakes isst!), das alles durch die Laken zieht, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, und sogar den widerlich schmierigen Kommissar anbaggert.

2. Ein naives Blondchen, das man mit "Heather Graham ohne das Talent" beschreiben kann, und deren Freund ein trockener Alkoholiker ist, weswegen sie die Beziehung schwierig findet und sich nach anderem Ehematerial umsieht, anstatt ihm...hm... nur eine Vorschlag: beizustehen!

3. Eine verwöhnte Zimtzicke, die ihre asiatische Stiefmutter als "Katalogbraut aus der Hölle" bezeichnet (gut, einen Punkt für Originalität), sich selbst aber in einen offensichtlichen Lügner und Betrüger verliebt, dem sie teure Geschenke macht (mit denen er verduftet), weil er hübsch aussieht. 

4. Eine weitere Blondine ohne jede Persönlichkeit, die das Bewerbungsvideo eines Liebeskandidaten angewidert abschaltet, als dieser erklärt, er liebe Football (Frauen sind ja so anspruchsvoll), und gottseidank als Erste dran glauben muss, weil sie einfach furchtbar nervt.

Haben diese Frauen außerdem noch Träume, Wünsche, Hoffnungen - oder wenigstens Berufe? Nö. Die suchen nur einen Kerl, das reicht doch wohl als Charakterisierung. Damit der Whodunit funktioniert, müssen sich alle irgendwie verdächtig verhalten, was stellenweise unfreiwillig komisch wird, wenn sogar kleinste Nebenfiguren plötzlich düster dreinblicken. Der größte 'Star' neben der absurden Denise Richards (die wenigstens so etwas wie Trash-Charme besitzt) ist David Boreanaz ("Angel"), aber der schnarcht sich wie Prinz Valium durch das Gemetzel und wechselt wahlweise von Gesichtsausdruck A (lächeln) zu B (finster gucken). Der Killer bekommt übrigens Nasenbluten während der Morde - nicht so wie der Zuschauer, der eher unter Gehirnblutungen zu leiden hat.

Und das Schlimmste: nicht mal die Mordszenen sind interessant, weil der Film in jeder Beziehung zu brav und bieder ist. SCHREI, WENN DU KANNST ist das beste Beispiel, warum das Slashergenre einen so schlechten Ruf hat. Eine hauchdünne Krimigeschichte, die vorn und hinten nicht stimmt, bevölkert von unsympathischen Charakteren, deren Schicksal einem am Arsch vorbeigeht. Wie bei 'Malen nach Zahlen' hakt Jamie Blanks uninspiriert sämtliche Klischees ab (Fake Scares, Popmusik, Twist Ending) und erlöst den Zuschauer nach einem mauen Finale, das so aufregend wie eine Doppelfolge "Derrick" ist.

Eine positive Bemerkung: die Maske des Killers und die bösen Valentinskarten, die die Mädels vor ihrer Ermordung bekommen, sind ganz nett. Gut, der Mord an Denise Richards ist auch ok. Wem's reicht...

02/10

Freitag, 19. April 2013

Joyride - Spritztour (2001)

JOYRIDE (Joy Ride / Roadkill) ist seinerzeit in den Kinos leider untergegangen, vermutlich weil er als Teenie-Slasher vermarktet wurde, der er schlicht und ergreifend nicht ist. Man könnte ihn am besten als "Duell" (1971) meets "Hitcher, der Highway-Killer" (1986) beschreiben.

Worum geht es? Auf der Fahrt quer durch die USA von Colarado nach New York spielen zwei junge Männer (Paul Walker und Steve Zahn) einem Trucker einen fiesen Streich, der für einen Unbeteiligten tödlich endet. Der Trucker erweist sich prompt als Psychopath und macht gnadenlos Jagd auf unsere Protagonisten...

JOYRIDE wurde von John Dahl inszeniert, der in den 90ern Spezialist für Neo-Noir-Thriller war ("Red Rock West", "Kill Me Again") und mit "Die letzte Verführung" (1994) einen absoluten Kultfilm geschaffen hat.
Hier muss sich der Autorenfilmer ganz und gar dem auf jugendliches Publikum zugeschnittenen Mainstream unterordnen, aber Dahl weiß, wie man Suspense erzeugt und seine Charaktere interessant gestaltet. Offensichtlich hat er ausgiebig Spielbergs "Duell" - den besten aller möglichen Trucker-Thriller - studiert. So bekommen wir den Psychopathen und Gegenspieler (namens 'Rusty Nail') nie zu Gesicht, wir hören lediglich dessen Stimme über den CB-Funk. Die Stimme wurde nach ausgiebigem Voice-Casting von Ted Levine zur Verfügung gestellt, der den Killer im "Schweigen der Lämmer" (1991) spielte, und dessen Timbre sorgt für mehrere Gänsehaut-Momente.
Was Spielberg von Hitchcock lernte (zum Beispiel, dass man am hellichten Tag und in weiter Landschaft eine absolut bedrohliche Situation erzählen kann, wie der Maestro mit "North by Northwest" bewies), wird nun von Dahl wieder aufgegriffen, insofern steht JOYRIDE in guter Gesellschaft und muss sich dort nicht verstecken.

JOYRIDE braucht ein wenig, um in Fahrt zu kommen (was irgendwie zu einem Roadmovie passt), läuft dann aber im Mittelteil auf Hochtouren, und das Drehbuch schlägt einige nette Haken. Anders als in einschlägigen Teenie-Slashern werden die jugendlichen Helden (die sich zwar nicht sonderlich erwachsen verhalten, dem Teenager-Alter aber schon knapp entsprungen sind) nicht nur vom maskierten Killer durch Maisfelder gejagt (wobei eine ähnliche Szene vorkommt), sondern der Psychopath spielt ein raffiniertes Katz- und Mausspiel mit den verhassten Gören, das ebenso spannend wie komisch ist.
In einer eher heiteren Szene werden Paul Walker und Steve Zahn von ihrem Widersacher - der ihre Freundin Leelee Sobieski (die früreife Lolita aus Kubricks "Eyes Wide Shut") in der Gewalt hat - genötigt, splitternackt in eine Fernfahrer-Raststätte zu gehen, was verständlicherweise zu einigem Aufsehen führt (sowie im Internet zu Diskussionen, wer von beiden den knackigeren Hintern hat). Steve Zahn sorgt mit seiner skurrilen Darstellung für weitere Lacher, während Paul Walker (der Rob Lowe der 90er) wie üblich nur gut aussieht.

Die sorgfältig aufgebaute Spannung des Films wird gegen Ende leider zugunsten eines knallig-lauten Showdowns aufgegeben, der für meinen Geschmack zu übertrieben geraten ist. Da wird dann kräftig aufs Gas gedrückt, gekreischt und mit Trucks durch Wände gebrettert, weil man offenbar glaubt, dies sei man dem Publikum schuldig (was vielleicht stimmt, vielleicht aber auch nicht).
Auf der DVD gibt es übrigens als Bonus gleich mehrere alternative Enden, und zwei Liebeszenen von Leelee Sobieski - eine mit Walker, eine mit Zahn (nach dem Motto: mal sehen, was besser beim Testpublikum ankommt) - wurden in der Endfassung gestrichen. Daran erkennt man schön, wie 'kreativ' im Hollywood-Mainstream Filme gnadenlos auf Zuschauergeschmack getrimmt werden.

Die Rechnung ist ohnehin nicht aufgegangen, weil JOYRIDE kaum beachtet wurde und sang- und klanglos wieder aus den Kinos verschwand. Regisseur John Dahl wechselte ins Fernsehen, wo er seitdem gut beschäftigt ist. Schade trotzdem, denn seine Kinofilme waren allesamt intelligente, originelle Varianten klassischer Vorbilder und trugen eine eigene Handschrift. Da aber keiner von ihnen ein finanzieller Hit war, musste Dahl seine Kinosachen packen. JOYRIDE gehört zu den besten Horrorfilmen (oder Thrillern, je nach Standpunkt) der frühen 2000er. Er ist hervorragend fotografiert, packend inszeniert, gut gespielt und streckenweise hochspannend. Immer noch ein Geheimtipp.

08/10

Mittwoch, 17. April 2013

Haunted Hill (1999)

Ach, diese Remakes... nun gut, Schwamm drüber, dies ist eines der annehmbaren - aber nur, weil das Original schon nicht so dolle war.

HAUNTED HILL (House on Haunted Hill) ist eine Neuverfilmung des gleichnamigen -Klassikers von William Castle, den man heute nur noch wegen seines albernen Trash-Charmes, nicht wegen etwaiger künstlerischer Qualitäten, anschauen kann. Warum ausgerechnet dieser verstaubte Kicher-Grusler wieder aufgelegt wurde, weiß kein Mensch, aber das Remake stellte sich als überraschend erfolgreich heraus. Es lief im selben Jahr an wie Jan de Bonts "Haunting"-Neuverfilmung und schneidet im Vergleich eindeutig besser ab, auch wenn es gelegentlich in die gleichen Fallen tappt und das Publikum mit Effekten und Lautstärke zudröhnt, anstatt es wohlig zu gruseln.

Der Plot: Multimillionär und Vergnügungsparkmogul Mr. Steven Price (Geoffrey Rush) lädt mehrere Gäste zu einer Party in einem abgelegenen Haus an der Küste ein. In diesem Gemäuer befand sich vor Urzeiten eine Nervenheilanstalt, die nach einem blutigen Massaker der Insassen geschlossen wurde. Seitdem soll es dort spuken. Mr. Price verspricht jedem Gast eine Million Dollar, wenn er bleibt und die Nacht überlebt. Um seinen Besuchern richtig Angst einzujagen, hat er sich ein paar technische Tricks überlegt. Doch da hat er die Rechnung ohne die 'echten' Geister des Hauses gemacht, die schon bald lebendig werden und zur Jagd auf die Partygesellschaft blasen...

Hauptdarsteller Geoffrey Rush liefert eine schön schräge Vorstellung als durchgeknallter Millionär, der als Mischung aus Horror-Ikone Vincent Price (der im Original die Hauptrolle spielte) und Gimmick-Meister William Castle angelegt ist. Seine kaltherzige Gattin, wegen der er den ganzen Partyzauber überhaupt veranstaltet, wird von Famke Janssen mit exquisiter Bösartigkeit gespielt, und das Herumgezicke der beiden ist mit Abstand das Sehenswerteste am gesamten Film. Außerdem ist es immer ein Genuss, Janssen zuzuschauen, die nicht nur hinreißend gut aussieht, sondern auch den nötigen Witz mitbringt. Ich liebe sie, seit sie als Xenia Onatopp die Kerle mit bloßen Schenkeln umbrachte ("GoldenEye", 1995).

Der Rest vom Cast ist solide, kommt aber nicht gegen Rush und Janssen an, die die besten Dialoge bekommen (um nicht zu sagen, die einzig guten). Immerhin ist es angenehm, zur Abwechslung mal erwachsene Schauspieler zu sehen statt der üblichen kreischenden Teenager. Die auf den Postern prominent im Vordergrund abgebildete Bridgette Wilson (die kurz zuvor in "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" vom Fischer mit Haken dahingemetzelt wurde) gehört zu den ersten Opfern des Hauses und spielt die kleinste Rolle. Einen Gastauftritt liefert 'Re-Animator' Jeffrey Combs in einer Rückblende als Nervenarzt, der von seinen Patienten blutig ins Jenseits befördert wird. Der Wärter, der zu Beginn den Bleistift ins Ohr gerammt bekommt (aua!) ist übrigens der Drehbuchautor von HAUNTED HILL.

Regisseur William Malone sorgt für eine recht gelungene, düstere Atmosphäre, allerdings verbringt der Film zu viel Zeit damit, die Charaktere mit Taschenlampen durch das Kellerlabyrinth zu schicken, wo sie nach Sicherungskästen, verschwundenen Gästen oder sonstwas suchen. Das wird leider schnell langweilig, zumal sie in immer gleich aussehenden Sets herumirren. Echte Spannung kommt leider nie auf, weil die Geschichte konfus erzählt wird. So ist das Haus etwa in der Lage, sich per Internet in einen PC einzuhacken, das Böse aber kann erst aus dem Inneren des Hauses entweichen, wenn Janssen durch eine Steinmauer geworfen wird (?).
In der besten Sequenz wird Geoffrey Rush zur Strafe für seine Bösartigkeiten in eine ominöse Kammer gesteckt, die früher angeblich zur Heilung von Schizophrenie benutzt wurde (wie auch immer das funktionieren soll). Dort wird Rush (und der Zuschauer) von einer surrealen Horror-Bilderflut überrollt, deren visueller Einfallsreichtum (mit Reminiszenzen an Clive Barker und seine "Hellraiser"-Reihe) dem restlichen Film eher abgeht.

Am Ende wird's dann doch richtig enttäuschend, wenn 'Das Böse' hinter den letzten Überlebenden her ist. Der CGI-Spuk sieht leider aus wie schwarzer Chiffon (oder Nähgarn), der durchs Haus kriecht, und ist so schlecht animiert, dass er eher für Fremdschäm-Gänsehaut sorgt. Gut für die Charaktere, dass sie zum Schluss auf dem Turm des Hauses den Sonnenaufgang begrüßen können - aber geht die Sonne nicht eigentlich im Osten auf, und steht das Gemäuer nicht an der Westküste?

6.5/10

Montag, 15. April 2013

Halloween H20 (1998)

Als Wes Craven mit "Scream" (1996) den Slasherfilm neu belebte, musste natürlich auch der Vater aller Slasher, Michael Myers (Norman Bates ist selbstverständlich der Ur-Vater), dringend wieder reanimiert werden, zumal sein Jubiläumsjahr vor der Tür stand.
Die gute Nachricht: Für HALLOWEEN H20 (Halloween H20) konnte man das ultimative Final Girl Jamie Lee Curtis gewinnen, die den Slasherfilmen ihrer Jugend mittlerweile entwachsen und eine respektierte Schauspielerin geworden war. Curtis ist es auch, die diesem Beitrag den besonderen Kick verleiht, und ihr Porträt der erwachsen gewordenen Laurie Strode ist sehenswerter als sämtliche "Scream"-Ableger und deren Imitatoren zusammen. Der Film als solches ist auch nicht schlecht, auf jeden Fall macht er vieles richtig.

Worum geht es? Laurie Strode (Curtis) lebt und arbeitet inzwischen zurückgezogen auf dem bewachten Gelände einer Privatschule, hat einen neuen Namen angenommen und zieht einen Teenager-Sohn (Josh Hartnett) groß. Die Alpträume sind aber geblieben, und den Schatten von Michael Myers wird sie nie los. Am Halloween-Abend befinden sich die Schüler auf einem Ausflug, so dass der wieder entlaufene Myers freie Bahn hat. Lediglich ein Wachmann (LL Cool J) und ein paar heimlich daheimgebliebene Teenies, darunter Lauries Sohn, befinden sich noch in der Anlage und sehen sich dem unaufhaltsamen Killer gegenüber...

HALLOWEEN H20 (dessen Titel mich total irritiert, weil ich immer die chemische Wasserformel lese) ist extrem sorgfältig produziert und geht respektvoll mit dem großen Vorbild John Carpenters um, ohne das aktuelle Publikum aus den Augen zu verlieren. Regisseur Steve Miner und seine Autoren vergessen die zurückliegenden Sequels und knüpfen direkt bei "Halloween 2" (1981) an, eine gute Entscheidung. Sie nutzen auch die gleiche Zeitstruktur wie das Original - nach einem nächtlichen Prolog springt der Film zum Halloween-Tag, folgt Michael Myers' Anreise zu Laurie Strode und endet noch in derselben Nacht mit dem Showdown Laurie gegen Myers.

Jamie Lee Curtis' Laurie ist mittlerweile zur Alkoholikerin geworden, die den Wodka gleich neben dem Mundwasser aufbewahrt, und die ihrem pubertären Sohn aus einem übertriebenen Beschützerinstinkt heraus die Luft zum Atmen raubt. Beides ist glaubwürdig erdacht und gespielt. Anders als in den ersten beiden Teilen ist Laurie hier nicht mehr die Gehetzte, die lediglich auf die Ereignisse reagieren kann, nein, sie erkennt trotz Panikattacken ihr Schicksal und nimmt den Kampf gegen das Böse bewusst an. Wenn sie mit der Axt über das verwaiste Schulgelände läuft und nach Michael ruft, um sich endgültig von ihm zu befreien, dann ist das der beste Moment im gesamten Film, der am Ende sogar einen echten Schlusspunkt setzen kann. Lauries Schlussfight gegen Myers ist ebenso originell wie spannend, und Steve Miner holt alles aus seinem abgeschlossenen Setting heraus. Ihm gelingen auch ein paar klassische Widescreen-Shots, in denen Michael Myers im Bildhintergrund auf seine Opfer lauert, so wie John Carpenter es in seinem Klassiker vorgemacht hat.

Erwähnt werden muss natürlich der beste Insider-Gag mit Janet Leigh (Curtis' Mutter im wahren Leben) als Schulsekretärin, die unsere Laurie damit tröstet, dass 'uns allen schlimme Dinge passieren'. Und sie muss es wissen, wurde sie doch weiland von Norman Bates ("Psycho", 1960) unter der Dusche zerhackt. Das Auto, das sie in H20 fährt, ist übrigens das gleiche Modell wie in besagtem Klassiker. 

Ein paar Kritikpunkte gibt es trotzdem. LL Cool J ist als Wachmann mit nerviger Ehefrau am Telefon eine überflüssige Figur, die nur als Kanonenfutter herhalten muss, Adam Arkin macht als Curtis' Lover einen unangenehm schmierigen Eindruck (glücklicherweise wird er vom metzelnden Myers entsorgt), und die Musik von John Ottman kann - obwohl sie das berühmte "Halloween"-Thema hier und da benutzt - nie mit Carpenters Kompositionen mithalten, sie klingt wie ein x-beliebiger "Scream"-Soundtrack (kein Wunder, Marco Beltrami hat seinen Senf beigesteuert). Da waren die Produzenten wohl zu ängstlich und wollten lieber auf Nummer sicher gehen.

Obwohl HALLOWEEN H20 in jeder Hinsicht das letzte Kapitel einer langen Geschichte sein will und das auch überzeugend umzusetzen weiß, wurden dank des Erfolges alle positiven Elemente im unvermeidlichen Sequel "Halloween Resurrection" (2002) erneut über den Haufen geworfen, und zwar für einen unterirdischen Trashfilm, der den absoluten Tiefpunkt der Reihe markiert. Aber so ist Hollywood. Wo noch Geld zu holen ist, wird Geld geholt, Was kümmert uns unser Geschwätz von gestern?

7.5/10

Sonntag, 14. April 2013

Amityville Horror (2005)

Ich bin ja einer der wenigen Anhänger des Originals "Amityville Horror" (1979), wenn auch mehr aus sentimentalen Gründen. Der hat sicher seine Schwächen, nämlich zu wenig Spannung und ein lahmes Ende, dafür  mag ich die 70er-Atmosphäre, die stimmungsvolle Grusel-Musik von Lalo Schifrin, sowie die Besetzung mit Margot Kidder und Rod Steiger.

Hier haben wir nun das Remake, basierend auf dem Original, das wiederum auf einem Roman basierte, welcher auf angeblich wahren Tatsachen (die natürlich erstunken und erlogen waren) basierte. Das lässt doch auf viel Originalität hoffen, oder? Schon allein der deutsche Untertitel "Eine wahre Geschichte" ist hinreißend bescheuert, weil seit den 80ern jedes Kind weiß, dass diese Story selbstverständlich nicht wahr ist, sondern seinerzeit vom Ehepaar Lutz (den Protagonisten der Filme) erfunden wurde. Die waren jung und naiv, überschuldeten sich (wie so viele) mit ihrem Hauskauf, erfuhren dann, dass in ihrem neuen Eigenheim mehrere Morde stattgefunden hatten und versuchten daraufhin mit der absurden Begründung "Es spukt bei uns", aus dem Kaufvertrag herauszukommen. Wäre es nicht toll, genau diese Story zu verfilmen? Aber nein, es muss ja alles schön so gemacht werden, wie wir es schon hundertmal gesehen haben.

Ryan Reynolds, frisch aus dem Fitness-Studio und mit James Brolin-Gedächtnisbart, zieht also jetzt in das Haus ein, mitsamt Gattin Melissa George und deren Kindern. Ich glaube übrigens nicht eine Sekunde, dass diese Frau drei Kinder zur Welt gebracht hat, und ihre mütterliche Ausstrahlung ist auch gleich Null. Macht aber nix, Reynolds und George sind ein heißes Paar. Kurz nach dem Einzug spielen die Kinder mit (nicht so) unsichtbaren Freunden, Babysitter landen im Wäscheschrank, und Kühlschrankmagneten entwickeln ein Eigenleben, während Familienpapi Reynolds ein liebevolles Verhätlnis zu seiner Axt entwickelt...

Die Kühlschrankmagneten sind überhaupt der Ober-Hammer. Die arrangieren sich dank nett-altmodischer Stop-Motion-Technik von alleine und bilden mysteriöse Worte. Seit ich AMITYVILLE HORROR (The Amityville Horror) gesehen habe, drehe ich meinen Kühlschrankmagneten nie wieder den Rücken zu.
Auf diesem Niveau bleibt dann auch der Rest des Films. Regisseur Andrew Douglas, der für dieses Werk aus der Versenkung auftauchte und gleich danach wieder darin verschwand, bemüht sich nicht die Spur, so etwas wie Gruselstimmung aufkommen zu lassen, sondern geht den Irrweg von Jan de Bonts "Haunting"-Katastrophe. Alles ist viel zu laut, zu offensichtlich, zu dick aufgetragen, um auch nur ansatzweise zu überzeugen. Im Original sieht man z.B. die unsichtbaren Spielgefährten der Kinder nie, man ahnt nur, dass sie da sind. Hier bekommen wir geschminkte Muppet-Kinder mit Einschusslöchern in voller Beleuchtung zu sehen, deren Gruselwert ungefähr dem der Sesamstraße entspricht.
Anstatt Szenen sorgfältig aufzubauen, geht jeder Horror-Vorgang im ach-so-modernen Schnittgewitter unter, es gibt auch nicht einen einzigen Moment der Stille im gesamten Film, obwohl die unheimliche Stille für einen Spukhaus-Film unbedingt notwendig ist (wer's nicht glaubt, sieht sich bitte die wirklich guten Vertreter wie "Schloss des Schreckens" von Jack Clayton an). Und wer jetzt meint, das ginge aber nicht mit einem heutigen Publikum, das sich nicht länger als drei Sekunden konzentrieren kann, dem sei gesagt, das geht doch, siehe "Das Waisenhaus" (2007).

Was ebenfalls nicht überzeugt ist das künstliche 70er-Setting. Der Film sieht nie so aus, als würde er wirklich in den 70ern spielen. Die Kostüme sind weniger authentisch als Retro-Schick, und Ryan Reynolds' perfekt getunter Body sieht spektakulär gut aus (er darf ihn auch oft genug vorführen), ist aber vollkommen anachronistisch für die Zeit. Immerhin erhält der Film durch ihn wenigstens einen Schauwert, wobei Reynolds als Schauspieler leider nicht in der Lage ist, komplexe Vorgänge darzustellen und lediglich die Augen zusammenkneift, wenn er Abgleiten in den Wahnsinn spielen soll.
In der Rod Steiger-Rolle zeigt der angesehene Philip Baker Hall eine solide Vorstellung, das war's dann aber auch schon. Die Kinder der Spukhaus-Familie werden in 'niedlich', 'skurril' und 'frech' eingeteilt, sind aber allesamt unerträglich. Man wünscht sich, das Haus würde wenigstens eines dieser Bälger zur Hölle schicken, aber nein.

Trotz aller Schwachstellen hatte das 70er-Original wenigstens ein Thema, das über den vordergründigen Grusel hinausging. Dort war das Haus vor allem ein Geldvernichtungsmonster, das seine Bewohner ihrer wirtschaftlichen Existent beraubt (sehr schön beschrieben in Stephen Kings Sachbuch "Danse Macabre") und in einer wichtigen Szene einen Batzen Geld verschwinden lässt. Das Remake spielt zwar mit einigen Ansätzen kurz herum (Überschuldung, mangelnde Akzeptanz der Stiefkinder dem neuen Vater Reynolds gegenüber), lässt diese aber alle wieder fallen zugunsten einer aus "Poltergeist" (Teil 1 und 2) geklauten Auflösung, in der wir plötzlich erfahren, dass das Haus noch ganz andere Tragödien erlebt hat. Wer bitte braucht denn diese an den Haaren herbei gezogene Erklärung? Reicht es nicht, dass brutale Morde in diesem Haus verübt wurden und es seitdem 'böse' ist? Dieser moderne Zwang zu Erklärungen und ausufernden Backstorys ist übrigens der Grund, warum man Filme wie "Halloween" (1978) oder "The Haunting" (1963, wohlgemerkt), die ihre Geheimnisse für sich behalten, noch in 20 Jahren anschauen kann, während Filme wie dieser allesamt in Vergessenheit geraten werden.

AMITYVILLE HORROR gehört in die lange Reihe seelenloser, gnadenlos auf oberflächlichen Schick gezimmerten Remakes, die das Horror-Kino spätestens seit Michael Bays "Texas Chainsaw Massacre"-Neuverfilmung heimsuchen. Ein Film, der nichts will und nichts kann, der durch seine Lautstärke und schnellen Schnitte dem Zuschauer suggeriert, dass er etwas erleben würde, während er tatsächlich nur in ein schwarzes Loch aus gähnender Langeweile starrt.

02/10  (Ein Punkt für Reynolds' Workout, das bestimmt anstrengend war)


Freitag, 12. April 2013

Düstere Legenden (1998)

Was erwartet man von einer Universität, in der 'Freddy Krueger' Robert Englund als Professor urbane Mythen und Legenden unterrichtet? Richtig, jede Menge Gemetzel.
Willkommen zu DÜSTERE LEGENDEN (Urban Legend), einem weiteren Beitrag zum Slasher-Revival der späten 90er. Echte Originalität sollte man bei diesem Genre längst nicht mehr erwarten, insofern darf man lobend erwähnen, dass dieser Vertreter zumindest einen Ansatz für seine Mordserie gefunden hat, den es zuvor noch nicht gab, bzw. der nicht in dieser Form benutzt wurde.

Als 'Urbane Legenden' bezeichnet man makabere Geschichten, die stets Freunden von Freunden von Freunden passieren (nie einem selbst oder jemanden, den man tatsächlich kennt), und die eine Art moralischen Kompass von Generation zu Generation transportieren. Durch sie werden Heranwachsende vor den Folgen von Promiskuität gewarnt oder vor außerehelichem Sex. Ich erinnere mich, dass hierzulande eine urbane Legende Anfang der 90er herumgeisterte, in der die AIDS-Hysterie noch in vollem Gange war. In dieser Story hatte ein Teenager-Mädel  (die Freundin einer Freundin, etc.) eine Urlaubsaffäre mit einem Fremden, und als sie nach Hause kam, fand sie eine tote Ratte in einem Geschenkkarton des Liebsten vor, mit dem Zettel: "Glückwunsch, ich bin HIV-positiv" oder auch "Willkommen im Club"). So oder ähnlich wurde die Geschichte überall erzählt, niemand kannte diese ominöse Freundin, und das Ganze war natürlich nur ausgedachter, geschmackloser Quark, der aber zum Zeitgefühl passte und den Teenagern als Warnung dienen sollte.

Um diese urbanen Legenden geht es in Jamie Blanks' DÜSTERE LEGENDEN, der an einem College angesiedelt ist, wo harmlose Studenten einem Slasher zum Opfer fallen, der als Modus Operandi die Nachstellung eben jener Mythen wählt (z.B. den Killer, der sein Opfer aus dessen eigenem Haus anruft, oder der Hund in der Mikrowelle - was ich als Hundefreund empörend finde). Bevor das Final Girl Alicia Witt und ihr Verehrer Jared Leto dahinterkommen, dass die Opfer gar nicht so unschuldig waren, haben einige ihrer besten Freunde bereits das Zeitliche gesegnet, und sie selbst stehen auch auf der Liste des Killers...

DÜSTERE LEGENDEN beginnt mit einer sehr starken, nervenzerrenden Eröffnungssequenz, in der Natasha Gregson Wagner während eines Unwetters an einen unheimlichen Tankstellenwärter (Brad Dourif) gerät, der sie eigentlich nur davor warnen will, dass sich ein Fremder in ihrem Wagen befindet, vor dem sie aber so panische Angst bekommt (würden wir auch, es ist immerhin Brad Dourif, die Stimme von 'Chucky, der Mörderpuppe'!), dass sie direkt in ihr Unglück rast. Diese Vignette funktioniert auf allen Ebenen perfekt, sie ist spannend, aufregend, auf bösartige Weise witzig und hat eine überraschende, brutale Pointe (der Fremde hat eine Axt dabei).
Besser als hier wird der Film nie, aber er kann - anders als viele Billig-Vertreter dieses Fast Food-Genres - mit ausgezeichneten Production Values aufwarten, sieht schick aus, ist gut besetzt, profitiert enorm von der packenden Krawall-Musik Christopher Youngs, und die Morde sind weitgehend originell erdacht (ein Mord findet direkt neben Hauptdarstellerin Witt statt, ohne dass sie es bemerkt, weil sie den Vorgang für Sex hält). Die bekannten (und unbekannten) Pop-Mythen werden nicht nur in den Mordsequenzen detailliert aufgearbeitet, sondern auch hier und da geschickt in Szenen und Dialoge eingebunden (angebliche Todesschreie in Songs oder die Mär vom tödlichen Mix aus Cola und Bonbons).

So ernst wie "Candymans Fluch" (1992) das Thema der urbanen Mythen und ihrer Entstehung nahm, so poppig-unterhaltsam wird es hier aufbereitet. Andererseits führen zu viele Dialogszenen zu einigen kleinen Längen, und die finale Enthüllung des Täters ist komplett absurd. Hier hat der Killer zur Abwechslung sogar Dias dabei, mit denen er seine Motive langatmig erklärt - was man als Parodie auf ähnliche Szenen in anderen Slashern betrachten kann. Dennoch wünscht man sich einen Michael Myers zurück, der nicht ein einziges Wort verlieren musste, um den Zuschauer zu Tode zu gruseln. Insgesamt gehört DÜSTERE LEGENDEN aber eindeutig zu den besseren Slasherfilmen des ausgehenden Jahrzehnts. Wer auf diese Art Horror steht, ist hier gut bedient. Aber Vorsicht vor dem Sequel!

07/10

Dienstag, 9. April 2013

Ich weiß noch immer, was du letzten Sommer getan hast (1998)

Was darf man von einem Film erwarten, dessen Titel schon keinen Sinn ergibt? Sollte es nicht 'vorletzten Sommer' heißen, wenn die Ereignisse, auf die der Killer sich bezieht, mittlerweile zwei Jahre zurückliegen? Oder habe ich mir da schon viel zu viele Gedanken gemacht?

Dass Jennifer Love Hewitts Brüste auf dem Kinoplakat größer sind als der Kopf von Mekhi Pfifer wurde schon von anderen Rezensenten erwähnt (Mr.Cranky.com), aber ich zitiere es gern, weil es Bände spricht, denn in diesem Sequel zum Hit "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" (1997) geht es mehr um Jennifers Dekolleté als um Horror oder Spannung.
Als sich herausstellte, dass der Vorgänger unerwartete Kassenrekorde aufstellen würde, wurde das Sequel ICH WEISS NOCH IMMER, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (I Still Know What You Did Last Summer) so schnell und hastig produziert, dass man sich nicht wundern muss, warum das Ergebnis so niederschmetternd bescheuert geworden ist. ICH WEISS NOCH IMMER ist eine dieser Fortsetzungen, wegen der wir Fortsetzungen hassen, ein idiotischer Film mit idiotischen Charakteren, die lauter idiotische Dinge tun, bevor ein Killer sie gnädigerweise umbringt. Ein paar Idioten überleben aber für ein noch idiotischeres Sequel.

Worum geht es diesmal? Jennifer Love Hewitt hat die Ereignisse aus Teil 1  - ganz besonders den Tod ihrer besten Freundin Sarah Michelle Gellar (und die Tatsache, dass Gellar mit "Buffy" viel erfolgreicher war als Hewitt) - immer noch nicht verkraftet und leidet unter Alpträumen und Halluzinationen. Sie sah aber glücklicherweise nie besser aus, und Hewitt spielt das durchweg mit penetranter Selbstverliebtheit, Schmollmündchen und Schlafzimmer-Augenaufschlag, egal, ob es gerade passt oder nicht. Als sie und ihre neue Freundin Brandy (noch so eine Nervensäge) bei einem Radio-Gewinnspiel eine Reise in ein abgelegenes Inselhotel gewinnen, freuen sie sich wie Bolle und machen sich gleich auf den Weg, obwohl dort ein Jahrhundertsturm angekündigt ist und sie die einzigen Gäste sind. Macht ja nix, Bikini raus und ab in den Whirlpool. Oder treibt da etwa jemand ein falsches Spiel mit den Teenies? Natürlich, denn schon bald ('bald'  bedeutet hier ca. nach einer Filmstunde, die sich wie Kaugummi zieht) rollen die ersten Köpfe...

I STILL KNOW handelt von Studenten, die nicht merken, wenn ihre Antwort 'Rio' auf die Gewinnspielfrage nach der Hauptstadt Brasiliens als richtig durchgeht, mehr muss man eigentlich nicht sagen. In einem intelligenteren Film könnte das ein ironischer Seitenhieb auf die Bildungsmisere der Amerikaner sein, die schon froh sind, wenn sie Washington als Hauptstadt der USA benennen können, doch dies ist eben kein intelligenter Film, deshalb wundert sich niemand.

Wenn die Figuren gerade nicht banales Zeug miteinander reden, reagieren sie auf jeden Pups mit totaler Hysterie. Da wird gekreischt, als gäbe es kein Morgen, obwohl nur ein paar Turnschuhe im Trockner rotieren, da flippt Jennifer komplett aus, weil "I Still Know" auf einem Karaoke-Monitor erscheint. Dafür, dass sie dermaßen an der Grenze zum Irrsinn steht, zieht sie sich aber gottseidank immer extrem sexy an und muss unbedingt unter die Sonnenbank, wenn schon ein Hurricane ihr den Strandurlaub vermiest. Es stutzt auch keiner beim Anblick von 'Re-Animator' Jeffery Combs, der das Hotel am Ende der Welt leitet und der einzige Lichtblick in dem ganzen Unsinn ist. Wenn ich meinen Urlaub in einem Hotel verbringen müsste, das von Jeffrey Combs geführt wird, würde ich die Beine in die Hand nehmen, aber ich habe ja auch noch fast alle Sinne beisammen.

Alles andere als ein Lichtblick ist dagegen Jack Black, der einen dauerkiffenden Poolboy mit Rastalocken 'spielt' und dem Publikum ab seinem ersten Auftritt so gewaltig auf den Senkel geht, dass man inständig betet, der Killer möge endlich zuschlagen und den Film von diesem unerträglich chargierenden Monster befreien. Ich fand Jack Black ohnehin noch nie witzig, aber das hier ist seine mit Abstand grauenhafteste Vorstellung, eine Jack Nicholson-Imitation für die ganz Armen. Nein, selbst die ganz Armen haben das nicht verdient, die haben es schon schwer genug. Freddie Prinze jr. ist übrigens auch wieder dabei, aber der hatte offensichtlich so wenig Bock auf den Film, dass man seine Szenen an einer Hand abzählen kann.

ICH WEISS NOCH IMMER ist ein Film, in dem lange nichts passiert und der Zuschauer mit einer endlosen Kette von Fake Scares abgespeist wird, die immer nach dem selben Schema ablaufen. Jemand hört ein Geräusch, die Musik schwillt an, es wird laaaange und laaangsam in die Richtung geschlurft, aus der das Geräusch kam, und dann fällt ein Schukarton aus dem Kleiderschrank, oder eine Katze springt heraus, oder was weiß ich. Unentwegt! Dazu kommt das uralte Klischee, dass niemand Jennifer glaubt, wenn sie merkt, dass der Killer hinter ihr her ist. Wenn ich eine beste Freundin hätte, die ein Jahr zuvor fast einem Serienkiller in die Hände gefallen wäre, der sämtliche ihrer Freunde abgemurkst hat, würde ich dann ernsthaft zu ihr sagen: "Nein, Jennifer, Schatz, da ist keiner, das bildest du dir alles nur ein, du bist offensichtlich verrückt"? Eher nicht. Aber wie gesagt, alle Sinne und so...

Das ganze Ausmaß der Idiotie zeigt sich am Ende, wenn sich Jennifer und Brandy glücklich in die Arme fallen, weil sie das Massaker überlebt haben - und dabei offensichtlich vergessen, dass Brandys große Liebe Mekhi Pfifer zehn Minuten vorher vom Slasher verhackstückt wurde und sie selbst sich vermutlich alle Knochen gebrochen hat, als sie durch ein Glasdach geplumpst ist. Hauptsache, die Mädels haben sich wieder. Happy End. Oder wie Jennifer Love Hewitt zu Beginn sagt: "Oh - mein - Gott!"

Wer sich wirklich gruseln möchte, sollte sich ohnehin lieber unsere Jennifer in der TV-Serie "Ghost Whisperer" anschauen, wo sie dank der Errungenschaften moderner plastischer Chirurgie unheimlicher aussieht als die Gespenster, mit denen sie so flüstert... 

02/10

Sonntag, 7. April 2013

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (1997)

Nachdem Wes Cravens "Scream" (1996) gezeigt hatte, dass mit Slasherfilmen wieder große Kasse zu machen war, wollten natürlich viele einen Stück vom blutigen Kuchen abhaben, zumal diese Filme billig zu produzieren sind - man braucht lediglich einen unerfahrenen Regisseur, der auf seinen Durchbruch wartet, ein paar gutaussehende TV-Darsteller, die ebenfalls scharf auf ihren ersten Kinofilm sind (und ohnehin nur die Mindestanforderungen in Sachen Schauspiel erfüllen müssen), sowie ein paar gute Makeup- und Effektleute.
So schossen - wie Anfang der 80er - die Nachfolger wie Giftpilze aus dem Boden, und Autor Kevin Williamson wurden die Manuskripte förmlich aus den Händen gerissen, egal ob sie gut, mittelmäßig oder schlecht waren.

ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (I Know What You Did Last Summer) war der erste Film, der vom "Scream"-Hype profitieren konnte und erwies sich als sensationell erfolgreich. Das Drehbuch verzichtet weitgehend auf den selbstreflexiven Humor von Cravens Original und bietet eine solide Old-School-Slashergeschichte, in der ein ruchloser Rächer vier Teenager zur Strecke bringen will, die nach einer ausgelassenen Schulabschluss-Party einen Mann überfahren und dessen Leiche entsorgt haben, ohne die Polizei oder sonstjemanden zu informieren. Der Film weist damit zurück zu klassischen Slashern der ersten Generation wie "Prom Night" (1980).

Den Schocker nehme ich gleich mal vorweg: ich mag ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST lieber als "Scream"! Ja, ist so, tut mir Leid. Das liegt vor allem daran, dass mir das selbstgefällige Getue von Craven ziemlich auf den Keks geht und ich das ständige Zuzwinkern des Films in Richtung Publikum überhaupt nicht brauche. Ich weiß, dass diese Filme nicht sonderlich innovativ und anspruchsvoll sind, ich benötige deshalb auch niemanden, der mir das ständig um die Ohren haut. Wenn ich Satire will, schaue ich mir "Dr. Seltsam" an. Ich möchte mich bei Slashern gern spannend unterhalten, mein Popcorn in mich reinschaufeln und ein paarmal Aufjuchzen, wenn der Killer aus Spiegeln oder unter Planen hervorspringt. ICH WEISS kriegt das für meine Begriffe ziemlich gut hin.

Das ist aber nicht alles. Regisseur Jim Gillespie holt aus seinem eher schmalen Budget (was relativ ist, da man mit dem 'schmalen' Budget hierzulande gleich mehrere Kinofilme produzieren könnte) eine Menge heraus und fängt die Atmosphäre des Fischerdorfs, in dem die Story angesiedelt ist, gut ein. Regie und Buch bemühen sich, die Charaktere nicht zu Kanonenfutter verkommen zu lassen, sondern nachvollziehbare Figuren zu zeichnen, denen man nicht sofort den Tod an den Hals wünscht. Die Ermordung von Sarah Michelle Gellar in der zweiten Filmhälfte kommt dann auch einigermaßen überraschend und kann das Publikum verunsichern, zumal die vorhergehende Stalk' & Slash-Sequenz perfekt choreografiert ist und heftig an den Nerven zerrt.

Autor Kevin Williamson findet auch ein Thema für den Film, das über die üblichen Standards hinausgeht. Seine Protagonisten sind keine unschuldigen Opfer, sondern ebenfalls Täter und tragen eine Schuld mit sich herum, die aus purem Egoismus entsprungen ist. Der tödliche Unfall, den sie verursachen, hinterlässt bei allen Spuren (weil der Slasherfilm ein extrem moralisches und konservatives Genre ist). Haben sie zu Beginn noch von großen Karrieren geträumt und standen vor einer glorreichen Zukunft, sind ein Jahr später alle Träume geplatzt. Die Schönheitskönigin (Gellar) ist im örtlichen Kaufhaus gelandet, die ambitionierte Journalistin (Jennifer Love Hewitt) leidet unter einem Posttraumatischen Syndrom, der Football-Held ist ein Alkoholiker (in sehr abgeschwächter Form, weil er von Ryan Phillippe gespielt wird, der so gut und gesund aussieht als hätte er nicht einen Tropfen Bier in seinem Leben getrunken), und der Herzensbrecher (Freddie Prinze jr.) arbeitet als besserer Angestellter auf dem Fischkutter seines Vaters.
Die Freundschaft ist auch kaputt. "Wir waren doch beste Freundinnen" sagt Gellar zu Jennifer Love Hewitt, und die erwidert nur "Wir waren mal vieles" (was keine lesbische Beziehung andeutet, wie in einigen schlüpfrigen Rezensionen angedeutet wurde, ts ts ts). Bevor sie den Killer besiegen können, müssen sie erst mit den Schatten der Vergangenheit aufräumen und erkennen, dass ihre Taten Konsequenzen hatten, nicht nur für sich, sondern auch für andere - wie die Familie des Opfers. Das Erwachsenwerden ist ein schmerzhafter Prozess. Williamson trifft hier den Nerv der Zeit (jeder ist sich selbst der nächste) und seiner Zielgruppe. 

Überbewertet? Von mir aus. Natürlich ist das alles sehr geschönt und auf Massenkompatibilität zurechtgebürstet. Natürlich glaube ich keine Sekunde, dass Freddie Prinze jemals auch nur einen rohen Fisch in seinem Leben angefasst hat, und die aufgemalten Augenringe von Jennifer Love Hewitt, die ihre Schlafstörungen ausdrücken sollen, sind weniger überzeugend als ihre ständig offene Bluse, unter der sie ihren Wonderbra spazieren führt. Die Logik holpert ebenfalls gewaltig, da der Killer zwar einen genauen Plan verfolgt, dann aber links und rechts noch völlig unbeteiligte Menschen umbringt, weil... naja, weil der Film sonst zu langweilig wäre.
Wie der Slasher eine Leiche nebst Dutzende auf ihr herumkrabbelnder Krebse binnen weniger Minuten aus einem Kofferraum auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen kann, muss mir auch mal einer erklären. Die halbherzigen Versuche, das Publikum zeitweilig glauben zu lassen, einer der Teenager könnte selbst hinter den Morden stecken, funktioniert ebenfalls nicht (weil unglaubwürdig). Und die schlussendliche Auflösung ist dermaßen kompliziert konstruiert, dass man schnell den Faden verliert, wer denn nun eigentlich wen und warum letztes Jahr auf dem Gewissen hatte. Insofern kann ich jede negative Besprechung des Films nachvollziehen.

Dennoch: bei den Spannungsmomenten und den Verfolgungsjagden stimmt das Timing (die 'lebende' Schaufensterpuppe ist ein echter Schocker), der Humor wird sehr sparsam eingesetzt, das Setting ist originell, die obligatorischen Popsongs sind ausnahmsweise extrem gut ausgewählt und in den Soundtrack integriert. Außerdem kann ein Film, in dem zur Abwechslung mal nicht die Mädels, sondern Ryan Phillippe eine eigene Duschszene bekommt, nicht ganz schlecht sein, oder?

Ich stehe dazu, ich mag ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST, gebe aber zu, dass es hilft, wenn man ihn damals auf dem Höhepunkt des Slasher-Revivals im Kino gesehen hat, wo er besser funktioniert als im Wohnzimmer. Das gilt übrigens nicht für das grauenvolle, hirntote Sequel, aber dazu später mehr.

8.5/10

Samstag, 6. April 2013

Scream 3 (2000)

Und da sind wir wieder im Schlitzerland von Wes Craven, zum erneuten Aufguss, oder besser gesagt, zum dritten Teil seiner "Scream"-Trilogie. Wobei ich mich immer frage, ob sich Trilogien nicht eigentlich dadurch auszeichnen, dass sie eine durchgehende Geschichte in drei Abschnitten erzählen, während doch die "Scream"-Reihe aus mehreren Filmen besteht, die alle jedes Mal das gleiche erzählen. Man sollte nicht so lange darüber nachdenken. SCREAM 3 (Scream 3) beweist auf jeden Fall, dass man immer aufhören sollte, wenn es am schönsten ist, und nicht, wenn die Luft bereits komplett raus ist.

Worum geht es? Sidney Prescott (Neve Campbell), die durch maskierte Killer bereits mehr Freunde und Bekannte verloren hat als sie zählen kann, lebt nun abgeschieden von der Außenwelt und arbeitet als Telefonseelsorgerin für Frauen in Not, dabei ist sie die größte Heulsuse von allen. Unterdessen wird ohne ihre Mithilfe am neuen "Stab"-Sequel gearbeitet, und erneut schmeißt sich jemand ins bekannte Gruselkostüm und massakriert die Beteiligten...

Sagen wir, wie es ist. SCREAM 3 ist (weitgehend) witzlos, spannungsfrei und mittlerweile so alter Kaffee, dass er weder für Gelächter noch für Gänsehaut, sondern nur noch für gähnende Langeweile sorgt. Nicht einmal die ironische Brechung der Slasherfilm-Regeln findet noch statt, weil dritte Teile schlicht und ergreifend keinen Regeln unterworfen sind. Das sagt uns auch der Film selbst, in Form des wieder aus dem Totenreich ins Rampenlicht gezerrten Randy (Jamie Kennedy), der mittels Video-Rückblende noch einmal mitspielen darf, obwohl er doch in "Scream 2" (1997) dahingemetzelt wurde. Das zeigt schon den Grad der Verzweiflung, die hier am Werk ist. In Teil 3 kann seiner Meinung nach also ALLES passieren. Leider passiert aber außer den bekannten Szenarien herzlich wenig in SCREAM 3, und Wes Craven (der es wirklich besser wissen müsste) hat nicht einmal die Chuzpe, eine seiner Hauptfiguren umbringen zu lassen, um so ein bisschen Anarchie ins vorgestanzte Schema zu bringen, obwohl doch angeblich ALLES passieren kann. Von wegen!

Lediglich zwei Einfälle sind es wert, erwähnt zu werden. Der erste ist die von Parker Posey herrlich schräg gespielte Jungschauspielerin, die im Method-Acting-Wahn ständig hinter Journalistin Gale Weathers (Courteney Cox) herläuft und deren Mimik, Gestik und Aussprache imitiert, was dieser mächtig auf die Nerven geht. Das hat eine skurrile Qualität, die man im restlichen Film vermisst.
Der zweite Einfall betrifft die Szene, in der Neve Campbell im Filmstudio vom Killer durch eine Nachbildung ihres Hauses gejagt wird, wo sich hinter scheinbar vertrauten Türen plötzlich dunkle Abgründe auftun, weil das Set nur Kulisse ist. Diese Doppelbödigkeit sucht man ansonsten vergebens. Die Charaktere sind mittlerweile komplett uninteressant, und die Darsteller liefern uninspirierte Vorstellungen ab. Kein Wunder, wenn man immer das gleiche spielen muss.
An Courteney Cox' Stelle hätte ich übrigens die Verantwortlichen der Frisur- und Maskenabteilung entweder feuern lassen oder eigenhändig erschossen, denn sie muss den Film mit einer schreiend hässlichen Perücke (die Art Faschings-Cleopatra vom Grabbeltisch) und grusligem Makeup absolvieren. Die Haare rangieren auf einer Stufe mit Franka Potentes als Singvogel-Nest getarntem Kopfschmuck in "Anatomie" (2000) und Joan Crawfords "Ich mach' mal auf jugendlich, obwohl ich hundert bin"-Look in "Die Zwangsjacke" (1964).

Gibt es noch was zu sagen? Nö, außer, dass der Täter einer ist, den man - oh Wunder! - nie verdächtigt hätte, und den ich zwölf Minuten nach dem Abspann wieder vergessen habe. Es hätte auch der Gärtner sein können. Seine Motivation für die Morde ist so sehr an den Haaren (leider nicht denen von Cox) herbeigezogen, dass man nicht mehr weiß, ob hier Cravens Ironie Purzelbäume schlägt oder der Regisseur gerade seine eigene Bankrotterklärung unterschreibt. Sagen wir einfach, die Auflösung in "Eine Leiche zum Dessert" (1976) ist glaubwürdiger.

Bleibt noch eine (nicht sonderlich) brennende Frage: Wenn ein Filmemacher weiß, wie blöd Slasherfilme sind und dem Zuschauer unentwegt signalisiert, dass er das weiß, so dass er und die Zuschauer immer mal wieder drüber lachen können - ist sein Film dann letzten Endes nicht trotzdem nur ein blöder Slasherfilm? Bei SCREAM 3 ist die Antwort eindeutig: Ja.
Da schaue ich mir doch lieber einen "Hell Night" (1981) oder "Terror Train" (1980) an. Die klopfen sich wenigstens nicht ständig selbst auf die Schulter und halten sich für wahnsinnig sophisticated, sondern wollen lediglich gut unterhalten - was SCREAM 3 überhaupt nicht hinbekommt.

03/10

Freitag, 5. April 2013

Scream 2 (1997)

So intelligent Wes Craven mit dem Genre des Slasherfilms und dessen Klischees in "Scream" (1996) umging, auf das größte Klischee konnte er nicht verzichten - nämlich die obligatorische Fortsetzung. SCREAM 2 (Scream 2) spielte noch mehr Geld ein als das Original und wurde von Kritikern und Fans ebenso gelobt wie der Vorgänger. Zu Recht? 

Der Inhalt: Zwei Jahre später. Bei einer Kinovorführung des Films "Stab", der die Ereignisse aus Teil 1 schildert, findet ein neuer Killer zwei neue Opfer. Sydney Prescott (Neve Campbell), das Final Girl von damals, besucht mittlerweile das College und versucht, die traumatischen Erlebnisse hinter sich zu lassen, doch der Slasher metzelt sich unerbittlich durch ihren Freundes- und Bekanntenkreis...

SCREAM 2 geht mit den typischen Elementen eines zweiten Teils (höherer Body Count, ausgefallenere Morde, mehr Verdächtige) ebenso kreativ um wie mit Standards des Slasherfilms im Original. Tatsächlich nimmt die Zahl der Verdächtigen hier schon inflationäre Ausmaße an. Die schlussendliche Auflösung fällt dann auch eher unspektakulär aus, allerdings kann Wes Craven sie dadurch ironisch aufwerten, dass der (bzw. einer der) Killer die einzige Figur im Film ist, die schon zu Beginn Sequels verteidigt (in der College-Filmklasse), und sein Plan, die Morde vor Gericht mit der Begründung zu rechtfertigen, dass 'die Filme ihn dazu gebracht hätten', ist ein netter, zynischer Kommentar zu den realen Fällen, in denen Medien und Politik schnell mit dem Finger auf Horrorfilme oder Computerspiele zeigen und gern die Bebilderung von Gewalt mit deren Ursache verwechseln.

Zuvor gelingen Craven einige starke Spannungsmomente, von denen Neve Campbells Flucht aus einem verschlossenen Polizeiwagen wohl der beste ist. Hier zeigt sich Cravens großes Talent, aus einer schon oft gesehen Szene das Maximum an Spannung herauszuholen. Ansonsten ist so ziemlich alles schon mal dagewesen. Der Killer taucht immer noch genau da auf, wo man ihn am wenigsten erwartet, die potentiellen Opfer setzen sich mit allem zur Wehr, was sie in die Finger kriegen können, und der Täter muss erneut ordentlich einstecken. Der Humor wird etwas zurückgenommen, der Blut-Gehalt dafür hochgeschraubt. Trotzdem bleibt SCREAM 2 durchweg leicht goutierbares Mainstream-Futter, das niemandem weh tut. Die besten Gags werden schon zu Beginn verschossen, wenn Craven mit dem Film-im-Film "Stab" seinen eigenen Vorgänger parodiert. Danach ist vieles in SCREAM 2 Dienst nach Vorschrift, und trotz allen Einfallsreichtums kommt das Sequel nie an die dichte Eröffnungssequenz von "Scream" heran.

Was dem Film natürlich zugute kommt, ist das Wiedersehen mit den bereits bekannten Darstellern, allerdings benötigt Craven zu viel Zeit, um sie langatmig einzuführen, weswegen SCREAM 2 nach dem starken Auftakt komplett durchhängt. Zu den Charakteren selbst ist Drehbuchautor Kevin Williamson nur bedingt Neues eingefallen. Neve Campbell guckt meistens bedröppelt aus der Wäsche (was sie in jedem Film macht), heult und/oder rennt vor dem Killer davon, Courtney Cox hat als Journalistin aus der Hölle wieder nur ihre Karriere im Sinn, und 'Sheriff' David Arquette kriegt immer noch nichts auf die Reihe. Sonderlich originell ist das nicht, und offenkundig hat keine der Figuren aus den Vorgängen in Teil 1 irgend etwas gelernt - abgesehen davon, dass Campbell jetzt eine Geheimnummer mit Anrufer-ID hat.

Die sympathischste Figur ist der von Jamie Kennedy gespielte Randy, der dem Zuschauer die Regeln des Sequels erklärt, und er wird schmerzlich vermisst, wenn er den Film viel zu früh kopfüber verlässt. In einer Nebenrolle ist Rebecca Gayheart zu sehen, die kurz darauf in "Düstere Legenden" (1998) von der Opferrolle auf die Täterseite wechselte. Glücklicherweise verzichtet SCREAM 2 auf einen Schmierenkomödianten wie Matthew Lillard, aber Jerry O'Connell ist als Campbells Lover (der ihr gesungene Liebeserklärungen in der Mensa macht) ebenfalls schwer zu ertragen, zumal die beiden absolut keine Chemie miteinander haben.

SCREAM 2 ist solides, unterhaltsames Popcorn-Kino mit zahlreichen Insider-Gags, das dem Original keine Schande bereitet, dieses aber auch nicht toppen kann. Der Zenit war bereits erreicht und überschritten, der nächste Teil sollte dann folgerichtig eine große Enttäuschung werden.

7.5/10


Mittwoch, 3. April 2013

Scream (1996)

Ende der 90er brauchte das Horror-Genre dringend neue Ideen und Wes Craven ebenso dringend einen Hit. Craven besann sich für SCREAM (Scream) auf die erfolgreiche Slasher-Welle der 80er, die er selbst mit seinem einflussreichen "Nightmare on Elm Street " (1984) maßgeblich geprägt hatte, und fügte dank des Drehbuchs von Kevilm Williamson selbstreflexiven Humor hinzu, den er bereits in "Wes Cravens New Nightmare" (1994) ausprobiert hatte, welcher aber seiner Zeit so weit voraus war, dass ihn niemand sehen wollte. Nun schien die Zeit reif, und SCREAM wurde zum weltweiten Mega-Hit.

Der Inhalt ist vermutlich bekannt, deshalb nur in Kürze: im kleinen Örtchen Woodsboro geht ein maskierter Killer um, der mit Vorliebe Teenies aufschlitzt, nachdem er ihnen dumme Fragen über Horrorfilme gestellt hat. Anders als in vielen anderen Filmen des Genres aber wissen die jungen Protagonisten um die Regeln des Genres und versuchen, alles richtig zu machen, was den Killer aber nicht daran hindert, sich weiter durch die Highschool zu metzeln. Als der Notstand ausgerufen wird und sich die Teenager zu einer Party treffen, kommt es zum ultimativen Showdown...

SCREAM beginnt stark mit einer Episode, die mittlerweile in die Geschichte des modernen Horrorfilms eingegangen ist. Von Hitchcock borgte sich Craven das Konzept, das Publikum zu verunsichern, indem man den größten Star des Films frühzeitig dahinmetzelt. Was aber in "Psycho" (1960) an die 40 Minuten dauert, erledigt Craven in zehn Minuten. Drew Barrymore ist hier das Opfer und die prominenteste Schauspielerin des Ensembles, die in diesem fulminanten Einstieg ihr Leben lassen muss. Der Telefonterror, dem sie ausgesetzt wird, erinnert nicht nur zufällig an "Das Grauen kommt um 10" (1979), sondern ist auch zum Zerreißen spannend inszeniert.

Nach diesem Paukenschlag folgt der der übliche Ablauf eines Slasherfilms, mit der entscheidenden Neuerung, dass das Verhalten der Charaktere sich geändert hat. Die laufen noch immer kreischend - und vor allem in die falsche Richtung - davon, haben aber genug Horrorfilme gesehen, um zu wissen, was sie lieber nicht tun sollten. Craven und sein Autor Williamson sprechen hier gezielt eine Generation von Kinogängern an, die mit Filmen wie "Halloween" (1978) aufgewachsen ist, die mit dem Medium Film umgehen kann und sich nicht in einem Paralleluniversum bewegt, in dem niemand weiß, dass der Satz "Ich bin gleich wieder da" bedeutet, dass man eben nicht gleich wieder da ist, sondern vermutlich nie wiederkommt. 
Aber auch der Täter hat sich gewandelt, ist nicht mehr nur übermächtige Schreckensfigur, sondern wird auch für humoristische Einlagen benutzt, wenn er aus völlig ungeahnten Ecken springt, und er kriegt von den potentiellen Opfern ordentlich auf die Mütze. Das macht ihn nicht weniger bedrohlich.  

Neben diesen intelligenten Brechungen der Klischees gibt es haufenweise Insider-Gags, etwa einen kurzen Auftritt vom ehemaligen 'Exorzisten'-Mädel Linda Blair als Reporterin, die über die schrecklichen Ereignisse in Woodsboro berichtet (als hätte sie nicht selbst Jahrzehnte zuvor Erbsensuppe gespuckt, ihren Kopf um 360 Grad gedreht und Priester zum Fenster hinausbefördert), oder Wes Cravens Cameo als Hausmeister im Freddy Krueger-Pullover. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass Hauptdarsteller Skeet Ulrich wie eine drittklassige Kopie von Johnny Depp wirkt - der hat nämlich in Cravens Original-"Nightmare" eine seiner ersten Kinorollen gespielt.

Was ein wenig stört an SCREAM ist die Tatsache, dass er sich für wahnsinnig clever hält (was er über weite Strecken auch ist) und sich unentwegt selbstverliebt auf die Schulter klopft, obwohl er den selbstreflexiven Humor weißgott nicht erfunden hat. Den gab es bereits bei Joe Dante oder John Landis, ebenso wie in zahlreichen früheren Vertretern des Slasherfilms wie "Die Horror-Party" (1986), in dem sich sämtliche Morde des Slashers als Aprilscherz herausstellen.
Die Selbstgefälligkeit, mit der SCREAM da bei der Sache ist, will deshalb nicht durchweg schmecken, zumal er auch noch andere Schwächen hat. Dazu gehören Fremdschäm-Momente, in denen Neve Campbell und ihr Lover Skeet Ulrich den Stand ihrer Beziehung mit den Altersfreigaben für Kinofilme vergleichen, oder auch das nervige Overacting von Matthew Lillard, der sich durch zahlreiche Horrorfilme der späten 90er chargierte und hier zu sabbernder, augenrollender Höchstform aufläuft. Beim finalen Aufeinandertreffen von Killer(n) und Final Girl Neve Campbell dreht Craven so heftig an der Absurditäts-Schraube, dass man nicht mehr weiß, ob der Humor gerade beabsichtigt oder unfreiwillig ist.

Trotz dieser Mäkeleien ist Wes Craven mit SCREAM ein ebenso spannender (und blutiger) wie humorvoller Film gelungen, der frischen Wind ins Genre brachte, einige seiner Darsteller zu Stars machte und einen neuen Trend schuf, den er allerdings mit den Sequels 2 und 3 gleich wieder tottrampelte. Das hinderte Dutzende von Nachahmern nicht, das Rezept ebenfalls auszuprobieren. SCREAM ist zweifellos der einflussreichste Horrorfilm der 90er.

08/10
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