Mittwoch, 29. Mai 2013

Das Haus des Satans (1978)

Die junge Innenarchitektin Maggie (Katharine Ross) reist mit ihrem Freund Pete (Sam Elliott) aus den USA nach England, um dort einen gutbezahlten Auftrag auszuführen. Dort landen beide auf dem Landsitz Ravenhurst, wo sich gerade die Mitglieder einer Sippschaft versammeln und auf das Erbe des Schlossbesitzers hoffen, der im oberen Stockwerk in einem Krankenzimmer dahinsiecht, obwohl er kurz zuvor noch unseren Helden gesund und munter auf der Landstraße erschienen ist (was übrigens nie erklärt wird). Kurz darauf fällt ein Verwandter nach dem anderen einem bizarren Unglück zum Opfer, und Maggie scheint als einzige auserwählt, das Erbe anzutreten...

DAS HAUS DES SATANS (The Legacy) ist ein kleiner, solider, britischer Spukhaus-Thriller, der sich kräftig bei Vorbildern aus aller Welt bedient, namentlich "Das Omen" (1976) und "Suspiria" (1977). Von Erstgenanntem übernimmt er die kreativen Morde, die auch der einzige Grund sind, sich diesen Grusler anzuschauen, der ansonsten eher stil- und profillos von Richard Marquand inszeniert wurde. Gestorben wird durch Flammenstöße, die aus dem Kamin hervorlechzen, zerberstende Spiegel, deren Glassplitter sich in die Haut bohren, sowie durch Hühnchenknochen, die im Hals steckenbleiben und unschöne Luftröhrenschnitte unumgänglich machen. In der besten Sequenz wird eine attraktive Erbin im hauseigenen Swimming Pool erledigt, als sich plötzlich eine unsichtbare Wand über das Wasser schiebt und die Schwimmerin nicht mehr an die Wasseroberfläche kommen kann.

Aus "Suspiria" stammen die Okkultismus-Bezüge sowie die Gestalt des merkwürdigen Schlossherren (und Hexenmeisters), dessen Geist die Todesfälle in Gang setzt, und der unserer schönen Heldin mit seinen Klauenhänden einen alten Ring auf den Finger schiebt, der sie als legitime Erbin brandmarkt. Daneben gibt es noch eine Krankenschwester, die sich in ein weißes Kätzchen verwandeln kann, sowie eine recht originelle Sequenz, in der Ross und Elliottt versuchen, per Pferd und Auto das Anwesen zu verlassen, sämtliche Fluchtwege aber immer wieder zum Schloss führen.

Das klingt alles irgendwie unterhaltsam, aber das Tempo ist leider zu schleppend, die Charaktere zu uninteressant, und auch schauspielerisch mag niemand begeistern. Die hübsche Katharine Ross, die uns noch aus "Die Frauen von Stepford" (1975) in guter Erinnerung ist, muss lediglich ängstlich dreinschauen, ihr Partner Elliott darf immerhin in einer Duschszene (bei der, nein, kein Blut, sondern nur ganz, ganz heißes Waser aus der Brause kommt - shocking!) seinen nackten Hintern präsentieren. Popstar Roger Daltrey dürfte wohl das prominenteste Ensemblemitglied sein, verendet aber frühzeitig bei o.g. Hühnchen-Menü am Esstisch. Ex-Bond-Bösewicht Charles Gray ("Diamantenfieber", 1971) spielt einen deutschen Waffenhändler namens Karl Liebknecht (ohne Worte).

DAS HAUS DES SATANS lief mal vor Urzeiten im TV, ist ansonsten aber bei uns weder auf DVD noch VHS erhältlich. Auf YouTube kann man sich (momentan noch) den gesamten Film ansehen. Man kann es aber auch lassen.
Regisseur Richard Marquand inszenierte übrigens kurz darauf seinen größten Hit "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" (1983) sowie den fabelhaften Thriller "Das Messer" (1985), bevor er 1987 überraschend im zarten Alter von nur 49 Jahren an einem Schlaganfall verstarb - was uns allen vor Augen führen sollte, wie kurz das Leben ist, und dass man seine Zeit lieber nicht mit mittelprächtigen Horrorfilmen wie diesem verplempern sollte, wenn es doch richtig gute gibt. 

05/10

Dienstag, 28. Mai 2013

DVD-Veröffentlichung: Das Narrenschiff (1965)

Soeben frisch auf DVD erschienen, nachdem er lange nicht erhältlich und so gut wie nie im TV zu sehen war, ist einer meiner Lieblingsklassiker, Stanley Kramers starbesetztes Drama DAS NARRENSCHIFF (Ship of Fools), nach dem Roman von Katherine Ann Porter.

Der Film erzählt die Geschichten von von mehreren Passagieren eines Ozeandampfers, der 1933 von Mexiko nach Deutschland fährt. Neben sarkastischen Kommentaren zur Machtergreifung der Nazis gibt es jede Menge Melodram und Komik, dazu den menschelnden Rühmann, eine atemberaubende Vivien Leigh, die den aufdringlichen Lee Marvin verprügelt, und eines der ungewöhnlichsten Liebespaare der Filmgeschichte, Oskar Werner und Simone Signoret. Großes Schauspielkino!

Die DVD bietet den Klassiker in sorgfältig aufbereiteter Bildqualität, Ton ist deutsch & englisch, das Cover mit hübschem Artwork lässt sich wenden, als Bonus gibt es neben einer Bildergalerie und zwei Featurettes eine Einführung zum Film von Karen Kramer. Sehr empfohlen und lange überfällig!

Die vollständige Rezension gibt es hier.


Montag, 27. Mai 2013

American Werewolf (1981)

An dieser Stelle müsste eigentlich "American Werewolf - revisited" stehen, denn ich habe den Film schon vor einigen Jahren rezensiert. Damals konnte ich mich trotz mehrerer Versuche nie entscheiden, ob ich ihn nun gut oder überbewertet finden sollte. Nach erneuter Sichtung auf einer ausgezeichneten Blu-Ray überwiegt aber doch die Begeisterung.

Der amerikanische Student David (James Naughton) und sein Kumpel  Jack (Griffin Dunne) werden bei einem Ausflug durchs englische Hochmoor von einem Werwolf angefallen. Jack stirbt, aber David wird gerade noch gerettet und erwacht im Londoner Krankenhaus, wo sich die reizende Krankenschwester Alex (Jenny Agutter) um ihn kümmert. Bald schon aber plagen ihn Alpträume. Sein toter Freund Jack erscheint ihm und fordert ihn auf, Selbstmord zu begehen, weil sich David durch den Biss des Werwolfs selbst beim nächsten Vollmond in ein Monster verwandeln wird...

John Landis' Erfolgsfilm AMERICAN WEREWOLF (An American Werewolf in London) und Joe Dantes "Das Tier" (The Howling, 1981) sind die beiden Meilensteine des modernen Werwolf-Films, an denen sich alle anderen messen lassen müssen. Maskenbildner Rick Baker erhielt für die fantastischen Make-Up-Effekte in Landis' Werk (inklusive einer Live-Verwandlungssequenz, die es so zuvor noch nie im Kino gegeben hatte) einen Oscar, und auch wenn das letzte Werwolf-Stadium etwas merkwürdig aussieht (eher wie ein zu dick geratenes Kuschelmonster), können die Tricks heute noch begeistern - auch weil sie so schön handgemacht und nicht am Computer entworfen sind.

Mit der Mischung aus Horror und schwarzhumoriger Komödie beschritt Landis zudem ein Terrain, das bald zum Standard im Horror-Kino der 80er werden sollte. Nicht nur baut er sämtliche Songs, in denen das Wort "Moon" vorkommt, in die Handlung ein, auch die Auftritte des untoten Griffin Dunne als langsam verwesende Leiche sorgen für herzhafte Lacher ("Hast du dich schon mal mit einer Leiche unterhalten? Das ist laangweilig!"). Dazu finden viele ironische kleine Beobachtungen über die Unterschiede zwischen Briten und Amerikanern ins Drehbuch und sorgen dafür, dass AMERICAN WERWOLF nie zur bloßen Monsterschau verkommt.
Neben allem Humor nimmt Regisseur John Landis die Horror-Aspekte seines Films durchaus ernst. In den ersten zwanzig Minuten erschafft er eine sehr bedrohliche Atmosphäre, der erste Werwolf-Angriff ist brutal und schockierend, und auch im späteren Verlauf gelingen Landis mehrere hochspannende Momente, wie etwa die U-Bahn-Sequenz, in der ein britischer Geschäftsmann mit Hut und Regenschirm vom Werwolf durch das Tunnellabyrinth gejagt wird.

Und als Sahnehäubchen kann sogar die zarte Liebesgeschichte zwischen Naughton und der kecken Jenny Agutter (in einer der seltenen, realen Frauenrollen eines Genres, das nicht gerade für glaubwürdige weibliche Charaktere bekannt ist) überzeugen, die für Wärme und Menschlichkeit zwischen den blutigen Horror-Momenten sorgt.
Wenn man etwas kritisieren wollte, dann vielleicht die etwas seltsame Dramaturgie des Films. Nach dem packenden Beginn braucht Landis lange, um zu der berühmten Verwandlung zu kommen und füllt die Zeit mit zahlreichen Alptraum-Sequenzen (inklusive Alpträumen in Alpträumen), welche zwar alle nett sind, aber in der Menge beliebig wirken und den Film eher aufhalten als voranbringen.
Am Ende geht dann wiederum plötzlich alles sehr schnell, nachdem Landis (mal wieder) eine eher überflüssige Autocrash-Nummer am Picadilly Circus über die Bühne gebracht hat. Offenbar inszeniert er ineinander krachende Wagen am allerliebsten, siehe "Blues Brothers" (1980) und "Bloody Marie" (1991). So ist das Finale dann trotz fliegender Köpfe und jeder Menge Action nicht wirklich befriedigend - auch, weil Jenny Agutter nicht genug Raum bekommt und der abrupte Abspann ihr den emotionalsten Moment des Films mehr oder weniger kaputtmacht. Man kann das auch als Ironie verstehen, aber ich hätte mir da ein paar Sekunden mehr gewünscht.

Trotz dieser Mäkeleien, über die man absolut hinwegsehen kann, ist AMERICAN WEREWOLF heute noch extrem sehenswert und unterhaltsam. Tempo und Spannung stimmen, die Darsteller sind ausgezeichnet, die Effekte nach wie vor beeindruckend. Ein moderner Klassiker und mit Abstand Landis' bester Film.1997 entstand mit "American Werewolf in Paris" ein Sequel, das kurz gesagt all das falsch macht, was Landis hier richtig vorexerziert.

09/10

Sonntag, 26. Mai 2013

Der Zwang zum Bösen (1959)

In DER ZWANG ZUM BÖSEN (Compulsion) verarbeitet Regisseur Richard Fleischer nach dem Roman von Meyer Levin einen der berühmtesten und berüchtigsten Kriminalfälle der USA, den 'Leopold & Loeb'-Fall, der bereits als Vorlage für Alfred Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" (1948) diente. Abgesehen von den geänderten Namen der Hauptfiguren und einigen erfundenen Nebenrollen folgen Film und Buch sehr eng den wahren Fakten.

Leopold und Loeb heißen hier Steiner & Strauss (Dean Stockwell & Bradford Dillman). Die beiden haben nicht nur eine sehr innige und sadomasochistische Beziehung, sondern sind auch hochintelligente Studenten, die den Übermenschen-Theorien Nietzsches folgen und nach ein paar harmloseren Verbrechen einen 14-jährigen Jungen ermorden, nur um zu sehen, ob sie damit durchkommen. Die Polizei entdeckt am Tatort eine Brille, die Steiner dort verloren hat, und nach einem Katz- und Mausspiel landen die jungen Männer vor Gericht, wo der Anwalt Wilk (Orson Welles) verzweifelt versucht, sie vor der Todesstrafe zu retten...

DER ZWANG ZUM BÖSEN ist weniger Thriller als Charakterstudie, die im weiteren Verlauf zum Gerichtsdrama mutiert. Orson Welles, der Star des Films und Erstgenannte im Vorspann, taucht überhaupt erst nach einer Stunde Filmzeit auf, zuvor beschäftigt sich der Film intensiv mit den beiden von Dillman und Stockwell brillant gespielten Studenten. Beide Schauspieler gewannen seinerzeit in Cannes (gemeinsam mit Orson Welles) den Darstellerpreis, und es ist interessant, sie mit John Dall und Farley Granger zu vergleichen, die in "Cocktail für eine Leiche" die beiden Studenten spielten. Da schneidet Fleischers Film tatsächlich besser ab, was aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Zeiten sich geändert hatten und die sexuelle Beziehung der Soziopathen, die bei Hitchcock noch komplett verschlüsselt war, nun deutlicher benannt werden kann - wenngleich sie immer noch nicht offen ausgesprochen wird.

Stockwell übernimmt den Part des neurotischen Untergebenen, der stets Befehle seines Freundes entgegennimmt, während Dillman den prahlerischen Extrovertierten gibt, dem es sogar bis kurz vor der Entdeckung der Täter noch Freude macht, die Polizei auf falsche Fährten zu schicken. Wer übrigens bei den ausgestopften Vögeln in Stockwells Heim sofort an "Psycho" (1960) denkt (was leicht passieren kann, da Stockwell auch noch Anthony Perkins' deutsche Synchronstimme erhält), dem sei gesagt, dass der wahre Leopold ein begeisterter und anerkannter Ornithologe war und die Gruselausstattung somit historisch akkurat ist.
Nach Orson Welles' Auftritt werde die Studenten in den Hintergrund gerückt, was ein bisschen schade ist, aber Richard Fleischer ist ab diesem Moment mehr an der Gerichtsverhandlung interessiert. Welles' Darstellung ist nicht gerade subtil zu nennen (ebenso wie seine etwas merkwürdige Maske) und bleibt weitgehend überraschungslos, allerdings besitzt er eine so beeindruckende Präsenz, dass alle anderen Mitwirkenden neben ihm verblassen. Da geht sogar der hervorragende E.G. Marshall als Staatsanwalt unter. Welles liefert dann als Herzstück des Films ein leidenschaftliches Schlussplädoyer, das im realen Fall sage und schreibe zwölf Stunden dauerte und als wohl flammendste Rede gegen die Todesstrafe in die Justizgeschichte einging. Im Film gibt es zwar nur eine 'Kurzversion', doch die ist immer noch ziemlich lang und wird gegen Ende leicht redundant, bleibt aber jedem im Gedächtnis, der den Film gesehen hat. Sie ist übrigens heute noch aktuell.

DER ZWANG ZUM BÖSEN kann neben den exzellenten Darstellern auch mit einer hervorragenden Kameraarbeit aufwarten, die das Geschehen in kontrastreichen Schwarzweißbildern einfängt und dem Ganzen einen dokumentarischen Touch verleiht. Auch hier schlägt Fleischer einen völlig anderen Weg ein als Hitchcock, der nicht nur in Farbe drehte und die Handlung ins zeitgenössische New York verlegte (DER ZWANG ZUM BÖSEN spielt im Chicago der frühen 30er, wo der wahre Fall stattfand), sondern auch das Drama in einem Raum beließ. Und was bei Hitchcock eine amüsante schwarze Komödie war, wird bei Fleischer zum grimmig-realistischen Drama.
Lediglich auf die Nebenhandlung, in der Martin Milner und Diane Varsi ein (langweiliges) Paar spielen, das in den Fall involviert ist, hätte der Film von mir aus verzichten können, aber vermutlich wollte man wenigstens zwei Sympathiefiguren in diese düstere Geschichte bringen, und immerhin werden die Argumente für und gegen die Todesstrafe durch die unterschiedliche Haltung der beiden für den Zuschauer nachvollziehbar aufbereitet, bevor Orson Welles zum großen Monolog ansetzt.

Insgesamt ist DER ZWANG ZUM BÖSEN ein hervorragender, glänzend gespielter und hervorragend fotografierter Klassiker, der bekannter sein müsste als er ist. Der zugrunde liegende Fall wurde übrigens nicht nur von Hitchcock und Fleischer verfilmt, sondern später auch in Tom Kalins "Swoon" (1992) bearbeitet. Die faszinierenden Charaktere von Leopold und Loeb findet man u.a. in Hanekes "Funny Games" (1997) wieder, und in Curtis Harringtons (klasse) Psycho-Thriller "Was ist denn bloß mit Helen los?" (1971) spielen Debbie Reynolds und Shelley Winters die Mütter zweier Mörder, die an die berühmten Vorbilder erinnern.
Nicht zuletzt musste sich unser aller Lieblingsinspektor Columbo einst mit zwei außergewöhnlich intelligenten und abgebrühten Studenten herumschlagen (in der Folge "Luzifers Schüler/Columbo Goes to College"), die man zweifellos als Erben der berüchtigten Mörder betrachten kann.
Fazit: sehr empfohlen- und zwar alle genannten Filme.

09/10

Freitag, 24. Mai 2013

Tötet Mrs. Tingle (1999)

Manchmal muss man einfach sagen: Dumm gelaufen.
Das dachte sich bestimmt auch Kevin Williamson, dessen Regiedebüt "Killing Mrs. Tingle" leider zur gleichen Zeit in die Kinos kommen sollte, als das Columbine Schulmassaker in den USA für Entsetzen und Schlagzeilen sorgte. Eine schwarze Komödie, die den Tod einer Lehrerin im Titel trägt, schien da nicht gerade angemessen, also wurde der Start des Films verschoben und das Werk in "Teaching Mrs. Tingle" umbenannt.
An den Kinokassen ist es dann sang- und klanglos untergegangen, weil dank des verwirrenden Marketings niemand mehr wusste, ob das hier ein Horrorfilm, eine High School Komödie oder was auch immer sein soll. Wie "Scream" (1996) - der größte Hit aus der Feder des Erfolgsautors - sah der Film jedenfalls nicht aus. Die Ironie des Ganzen (ein Thema des Films) besteht darin, dass der offizielle Titel im Grunde viel besser zum Film passt, denn getötet wird weder Mrs. Tingle noch sonst jemand, aber Lektionen werden einige erteilt. Den deutschen Verleih hat der ursprüngliche Titel übrigens nicht weiter gestört, weshalb der Film bei uns als TÖTET MRS. TINGLE in die Kinos kam, dort allerdings ebenfalls nur für mäßiges Interesse sorgte.

In TÖTET MRS. TINGLE kidnappen drei Schüler (Katie Holmes, Jeffrey Tambor und Marisa Couhglan) eher unfreiwillig ihre biestige und gefühlskalte Lehrerin Mrs. Tingle (Helen Mirren) nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung, die zum sofortigen Schulverweis für die Schüler führen würde. Nun überlegen die drei, was zu tun ist, während der Schuldrachen in ihrem eigenen Haus ans Bett gefesselt ist. Doch wie es aussieht, reiten sich die Teenager dabei immer tiefer ins Unglück...

Mit seinem Film wollte Kevin Williamson eigene Schulerfahrungen verarbeiten, weswegen er die Mrs. Tingle als eine wahre Ausgeburt der Hölle porträtiert. Ihrer bissigen Ironie und persönlichen Attacken gegen Schüler und Lehrerkollegen ist niemand gewachsen. Sie kennt jedermanns Schwächen und nutzt sie gnadenlos aus, stochert in Wunden und liebt es, Träume und Illusionen zu zerstören. Immerhin aber schenkt Williamson ihr einen Grund für dieses verabscheuungswürdige Verhalten, denn ihr Hass gegen alles und jeden entspringt der Tatsache, dass sie selbst nicht imstande war, die Enge der Kleinstadt hinter sich zu lassen und etwas aus ihrem Leben zu machen. Seitdem terrorisiert sie jeden, der ihr unter die Augen kommt. Insofern ist Mrs. Tingle eine durchaus komplexe Figur.

Helen Mirren spielt diese Tingle natürlich mit genau dem richtigen Maß aus Selbstverliebtheit und Ignoranz den Gefühlen anderer gegenüber. Sie ist auch der einzige Grund, sich TÖTET MRS. TINGLE überhaupt anzusehen und spielt alle an die Wand. Mirren hat offensichtlich selbst einen Riesenspaß, den Bösewicht zu geben, und sie verleiht der Tingle eine Klasse, die vielleicht nicht unbedingt zu der Rolle passt, aber die es uns sehr viel leichter macht, uns mit ihr anzufreunden. Das hat auch damit zu tun, dass die sympathisch gemeinten Schüler im Grunde absolute Langweiler sind, sowohl die Charaktere als auch ihre Darsteller. Katie Holmes ist - mal wieder - das süße Mädel von nebenan mit der hart schuftenden Mutter (die wundervolle Lesley Ann Warren, die komplett verschenkt wird und viel mehr kann als schmalzige Ansprachen zu halten), das zu gut ist um wahr zu sein. Zwar entdeckt sie im Laufe des Films ihre 'wilde' Seite, aber außer spontanem Sex auf dem geölten Parkett und einem halbherzigen Erpressungsversuch (nachdem die Schüler entdeckt haben, dass Mrs. Tingle eine heimliche Affäre mit dem schmierigen Sportlehrer hat) kommt nicht viel dabei heraus. Jeffrey Tambor steht lediglich herum und sieht gut aus, Marisa Coughlan (als Schülerin mit Hollywood-Träumen) beweist immerhin komisches Talent und bekommt einen sehr lustigen Moment, wenn sie vor der gefesselten Mrs. Tingle den "Exorzisten" nachspielt. 

Das große Problem des Films liegt in seiner Zahnlosigkeit. Nachdem Mrs. Tingle gekidnappt wurde, passiert nichts wirklich Überraschendes mehr, so sehr sich Williamson auch bemüht, das Tempo zu halten und für Spannung zu sorgen. Da die Schüler sich nie daneben benehmen dürfen und sämtliche 'Bösartigkeit' immer nur aus (gut gemeinter) Ungeschicklichkeit entstehen darf, bleibt von vorne bis hinten alles furchtbar harmlos und nett. Und 'nett' ist der Tod für eine schwarze Komödie. Die muss nämlich weh tun, wenn sie gut sein will.
Dazu ist die Grundidee des Films nicht wirklich neu und läuft nach einem bereits bekannten Schema ab. Lediglich die bissigen Dialoge bringen hin und wieder ein bisschen Schärfe in diesen Teenager-Eintopf, der sich nie so ganz entscheiden kann, welchem Genre er eigentlich angehören will. Da aber Helen Mirren die mit Abstand besten Dialoge bekommt und die Kids schlicht zu öde (und dumm) sind, als dass man mit ihnen mitfiebern würde, verpufft der schwarzhumorig gemeinte Spaß. Man fragt sich, ob Kevin Williamson nicht wollte, konnte oder durfte, aber auf jeden Fall wäre da mehr drin gewesen. Das Publikum hat's entsprechend quittiert. Dumm gelaufen halt.

05/10

Dienstag, 21. Mai 2013

Bloody Marie - Eine Frau mit Biss (1992)

Für BLOODY MARIE (Innocent Blood) griff Regisseur John Landis auf das Rezept eines seiner größten Erfolgsfilme zurück, die Mischung aus Horror und Komödie, die seinen "American Werewolf" (1981) zu einem Hit und modernen Klassiker gemacht hatte. Statt haariger Monster gibt es hier nun eine sexy Vampirin, doch die Mixtur aus verschiedenen Genre-Elementen will nicht so recht zünden.

Worum geht es? Marie (Anne Parillaud) ist eine moderne Vampirin in Pittsburgh (was wollen Vampire ausgerechnet in Pittsburgh?), die - wie ihre Vorfahren - Blut zum Überleben braucht und deswegen töten muss, doch hat sie ein weiches Herz und nimmt sich nur Menschen vor, die den Tod auch irgendwie verdient haben. Als sie den Mafia-Boss Macelli (Robert Loggia) erledigen will, wird sie allerdings gestört, so dass dieser nun selbst zum Untoten mutiert. Als solcher kann er seinen Laden erst so richtig böse führen. Marie muss mit Hilfe des sensiblen Cops Gennaro (Anthony LaPaglia) die Dinge wieder gerade rücken...

Der deutsche Untertitel "Eine Frau mit Biss" ist zwar nett gemeint, bringt aber das Hauptproblem des Films bereits auf den Punkt, denn der hat nämlich keinen. Die unterschiedlichen Elemente aus Mafiafilm, Splatterkomödie und düsterer Liebesgeschichte (zwischen Cop und Vampirin) stehen sich eher gegenseitig im Weg, als dass sie eine schmackhafte Verbindung eingehen. Natürlich gibt es den einen oder anderen guten Lacher oder spannenden Moment, doch insgesamt lässt BLOODY MARIE ziemlich kalt.

Das ist besonders schade, weil die Besetzung mit Anne Parillaud, die sich als "Nikita" durchs französische Kultkino ballerte, ein Glücksgriff ist. Im Gegensatz zu den heutigen Kino-Vampir-Girlies ist sie eine reife, sinnliche und auch melancholische Blutsaugerin (als einsames Wesen in einem fremden Land finden sich mehrere Parallelen zur "Dracula"-Figur) mit genau der exotischen Ausstrahlung, die eine solche Rolle braucht. Leider aber haben sie und ihr Partner LaPaglia keinen Funken Chemie, da helfen auch keine offenherzigen Bettszenen mit kinky Handschellen-Sex (die eher die pubertäre Seite von John Landis zeigen). Auch die Cameo-Auftritte von Genre-Kultfiguren wie Sam Raimi, Dario Argento (als Rettungssanitäter) und Tom Savini sind lediglich nette Gags, die für ein paar kurze Schmunzler sorgen, den Film aber auch nicht besser machen.

Sehenswert ist (wie immer) Robert Loggia als Mafiaboss, der erst einmal begreifen muss, was mit ihm geschehen ist, dann aber Spaß an seinem Untoten-Dasein entwickelt, bevor er spektakulär abdankt. Die Spezialeffekte sind dabei absolut erste Sahne, und es wird stellenweise ordentlich gesplattert. Die atmosphärische Kameraführung kann man ebenfalls loben. Ähnlich wie in "American Werewolf", wo Landis jeden bekannten Song, in dem das Wort "Moon" vorkam, für den Soundtrack nutzte, um eine ironische Brechung zu erzielen, baut er hier Klassiker wie "I Got You Under My Skin" oder "That Old Black Magic" ein, doch der Effekt ist einfach nicht derselbe. Alles in allem ist die Handlung schlicht zu uninteressant, und da, wo "Werewolf" noch gut beobachtete Unterschiede zwischen Engländern und Amerikanern auf die Schippe nahm, hat BLOODY MARIE an dieser Stelle nichts zu bieten. Die Mafia-Strukturen in Pittsburgh sind nicht mal halb so aufregend.

BLOODY MARIE ist ein gut gemeinter Versuch, frisches Blut ins Horror-Kino der frühen 90er zu bringen. Leider kann John Landis aber seine Stärken niemals zeigen (abgesehen von einigen schmissigen Autostunts, die im Film gar nichts zu suchen haben). BLOODY MARIE ist leidlich unterhaltsam, aber ebenso unausgewogen wie unausgegoren. Schade.

06/10

Samstag, 18. Mai 2013

Phantom Kommando (1985)

Heute in unserer Reihe "Tiere suchen ein Zuhause": Arnie.
Arnie ist ein dominanter, aber ganz verspielter Rüde, der jede Menge 'Äktschn' braucht und am besten viel Auslauf an der frischen Luft (für die er auch mal aus startenden Flugzeugen springt). Mit Tieren und Kindern versteht er sich prima. Sind Sie jedoch ein Finsterling aus Mittel- oder Südamerika, heißt es 'aufgepasst!'. Dann wird der Arnie schon mal ein ganz Böser. Gefüttert wird Arnie am liebsten mit rohem, rotem Fleisch. Arnie wurde als Welpe aus einem Tierversuchslabor befreit, wo die Pharmaindustrie verschiedenste Anabolika an ihm teste. Zur Fortpflanzung reicht es aber noch. Sein unermüdlicher Einsatz als Kampfhund in sämtlichen Krisengebieten der Welt, die er im Alleingang aufräumte, qualifiziert ihn sogar für ein politisches Amt. Wenn Sie Interesse an Arnie haben, melden Sie sich bei einer beliebigen amerikanischen Eliteeinheit. Man kennt dort den Arnie und leitet Ihre Anfrage gern weiter, wenn's sein muss sogar per Hubschrauber.

Mark L. Lester ("Die Klasse von 1984"), der sich nie einen Dreck um politische Korrektheit scherte, inszenierte auf dem Höhepunkt von Arnold Schwarzeneggers Popularität das Action-Spektakel PHANTOM KOMMANDO (Commando), dessen Body Count höher liegt als die Anzahl der Dialogsätze. Schwarzenegger 'spielt' hier einen ehemaligen Elite-Söldner, der sich mit seinem Töchterlein (Alyssa Milano aus "Wer ist hier der Boss?") in die Ruhe der Bergwelt zurückgezogen hat, wo er Rehe füttert, kichert und seine Muskeln in Form hält. Die braucht er auch, als fiese Kerle seine Tochter entführen und ihn zwingen wollen, den Präsidenten einer Bananenrepublik (nein, nicht die USA) kalt zu machen. Ein schlechter Plan, denn Arnie nimmt nun die Sache selbst in die Hand und metzelt alles nieder, was ihm an Verbrecher-Abschaum in die Quere kommt, bis er schließlich - bis an die Zähne bewaffnet - in die Höhle des Löwen (Dan Hedaya) vordringt...

"Was erwarten Sie?" wird Arnies ehemaliger Chef gefragt, als er von dessen Alleingang erfährt, worauf der antwortet "Den dritten Weltkrieg!". So weit kommt es dann zwar doch nicht, aber man darf wohl annehmen, dass der dritte Weltkrieg nicht ganz so viele Opfer forden würde wie Arnies Kampf gegen die südamerikanischen Bösewichter, an dessen Spitze Dan Hedaya mit dem schmierigsten Akzent des Universums chargiert. Schwarzenegger stapft mit exakt zwei Gesichtsausdrücken (wütend und sehr wütend) wie ein Hulk - nur ohne die grüne Farbe - durch den Film und erhält offenbar keine Regieanweisungen, weil Mark Lester mehr damit beschäftigt ist, Arnies pralle Muskeln in Großaufnahme abzulichten. 

Macht auch nix, denn PHANTOM KOMMANDO ist ein Jungsfilm, also gibt es kaum Plot, keine Charakterisierungen, die über das Niveau von Vormittags-Cartoons hinausgehen würden, nur Rudimente einer Liebesgeschichte und weit und breit keine Schauspielkunst. Dafür aber umso mehr Geballer, Krach und verschossene Munition. Da die Frage nach Gut und Böse schnell beantwortet wird, muss man sich auch nicht lange mit der Problematik von Selbstjustiz oder deren Rechtfertigung aufhalten. Waffengewalt ist auch grundsätzlich positiv zu bewerten, wenn die Granaten aus der richtigen Richtung - sprich: der amerikanischen - geworfen werden.
Da darf sogar Rae Dawn Chong (was macht die eigentlich heute?) als Stewardess, die unfreiwillig  in Arnies Kriegszug verwickelt wird und sich umgehend in ihn verknallt, weil er als Massenmörder offenbar besseres Ehematerial abgibt als ihre üblichen Dates, kurz mal den Granatenwerfer in die Hand nehmen. Sie hält ihn leider falsch herum, wobei sie - upps - einen ganzen Straßenzug in Schutt und Asche legt, obwohl sie nach eigener Aussage doch 'die Gebrauchsanweisung gelesen' hat. Man könnte nun sagen 'Frauen und Technik', aber so frauenfeindlich ist PHANTOM KOMMANDO gar nicht - zumindest nicht speziell frauenfeindlich. Sagen wir einfach mal, der Film findet Menschen allgemein eher überbewertet.

Nachdem sich Arnie in den ersten beiden Dritteln fröhlich durch die Großstadt gemetzelt hat, erreicht er im Finale endlich die Insel, auf der sich die Bösen samt entführter Tochter verstecken. Dort schmiert er sich mit Tarnfarbe ein, schultert die Kalaschnikows und tötet alles und jeden, der ihm die Quere kommt. Die Wahl der Waffen ist da variabel. Ist das Schnellfeuergewehr gerade nicht zur Hand, werden halbe Arme mit Macheten abgehackt, Kehlen mit Messern durchschlitzt oder Köpfe mit sausenden Wurfgeschossen skalpiert. Das Publikum schreit "Wow!" und kommt beim Zählen der Toten schon lange nicht mehr mit, zumal Arnie die tolle Fähigkeit besitzt, aus jeder beliebigen Entfernung wirklich jeden Angreifer zu erwischen, er selbst aber bekommt nie auch nur eine einzige Kugel ab, selbst wenn die Schützen direkt vor ihm stehen.

Man kann das alles natürlich furchtbar zynisch und menschenverachtend finden, aber wir wollen heute mal nicht so streng sein, weil das Wetter so schön ist (außerdem kommt heute der ESC, also bin ich ohnehin gut drauf). Tatsache ist, PHANTOM KOMMANDO ist sehr unterhaltsam, zumindest bis zu eben erwähntem Finale, wo dann wirklich ein Maß erreicht und komplett überschritten wird, das man noch unterhaltsam finden möchte.
Mark L. Lester inszeniert ohne jeden Schnörkel und weitgehend stupide, aber die Action-Maschinerie ist gut geölt. Für ein paar gute Lacher ist auch Platz ("Sie sind ein lustiger Kerl. Deswegen werde ich Sie als Letzten töten!"). Im Gegensatz zu Stallones "City Cobra" (1986) verzichtet er auf die durchgestylte Musikvideo-Ästhetik und bleibt visuell konventionell, um nicht zu sagen, uninteressant. Er hält halt drauf, wo gerade draufgehalten werden muss. Keine schnittigen Montagen, kein Nebel im Gegenlicht, kein Rotstich und keine Popsongs. Doch, halt, im Abspann gibt es einen, und der wiederholt von Anfang bis Ende unermüdlich die drei Worte "Somewhere... somehow... someone". Da soll noch einer sagen, Pop hätte keine intelligenten Texte zu bieten!

Am Ende fallen sich übrigens alle Überlebenden glücklich in die Arme, was absolut unfreiwillig komisch ist, da Rae Dawn Chong und Alyssa Milano sich bis zu diesem Punkt nie begegnet sind (aber trotzdem wahnsinnig froh sind, sich zu sehen) und das minderjährige Töchterlein gerade mitansehen musste, wie Papa an die hundert Leute blutig abgemurkst hat. Therapie nötig? Nö. Hauptsache, sie kann jetzt wieder Rehe mit ihm füttern.

PHANTOM KOMMANDO ist ein exemplarischer Film, was das Action-Kino der 80er angeht: über Gebühr brutal und reaktionär, dafür aber mit ordentlich Schmackes, halsbrecherischen Stunts, handgemachten Spezial- und Splattereffekten, sowie bombastischen Explosionen und einem lebenden Faltblatt aus der Muckibude in der Hauptrolle, der schon mal ganze Autositze zum Frühstück verspeist.
Heute staunt man doch, wie das Publikum seinerzeit jemanden wie Schwarzenegger, der den Charme einer Geröllhalde besitzt und weder spielen noch vernünftig sprechen kann, überhaupt als Filmstar akzeptieren konnte. Aber genau wie sein Kollege Stallone verkörperte er das konservative Amerika, das nach den drastischen Rückschlägen der 70er (namentlich Watergate und Vietnam) mit neuem Selbstbewusstsein die Wumme in die Hand nimmt und der Welt zeigt, wo der Hammer hängt.

07/10

Donnerstag, 16. Mai 2013

The Return of the Living Dead (1985)

Armer George A. Romero. Nicht nur stieß seine lange und sehnsüchtig erwartete Zombie-Fortsetzung "Day of the Dead" (1985) nur auf lauwarme Reaktionen und wenig Begeisterung, nein, ausgerechnet THE RETURN OF THE LIVING DEAD (The Return of the Living Dead), der im Kino damals noch "Verdammt, die Zombies kommen!" hieß, und der sich über Romeros Vorbilder schamlos lustig macht, ließ die Kinokassen klingeln und stellte das Werk des Meisters in den Schatten. Schuld daran ist vor allem Michael Jackon (mit freundlicher Unterstützung von John Landis), der mit seinem wegweisenden "Thriller"-Video den ganzen Trend überhaupt in Gang setzte.

Die gute Nachricht: "Day of the Dead" ist mittlerweile rehabilitiert. Und THE RETURN OF THE LIVING DEAD gehört immer noch zu den kultigsten Horror-Komödien der 80er. Mit seiner Mischung aus albern-rotzigem Humor und blutigen Splatter-Effekten war er der direkte Vorreiter von Stuart Gordons "Re-Animator" (1986).

Inszeniert wurde dieser Zombie-Spaß von Dan O'Bannon, dem Drehbuch-Schöpfer von "Alien" (1979), der hier nach einer Vorlage von John A. Russo arbeitete, welcher schon am Drehbuch von Romeros Klassiker "Night of the Living Dead" (1968) beteiligt war. So nutzt THE RETURN OF THE LIVING DEAD nicht nur dessen Grundplot (mehrere Menschen verbarrikadieren sich vor einer Horde Untoter), sondern spielt auch in den Details mehrfach auf das große Vorbild an.

Der Inhalt: zwei vertrottelte Angestellte eines medizinischen Versandhandels, die in einer abgelegenen Lagerhalle nahe des örtlichen Friedhofs arbeiten, erwecken durch einen dummen Zufall sämtliche Tote der Umgebung zum Leben. Die steigen prompt aus ihren Gräbern, verspeisen eine Gruppe Punks, die auf dem Friedhof eine Party feiert, und belagern dann die letzten Überlebenden in der Werkshalle, die verzweifelt einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage suchen...

Auch wenn sich der Humor überwiegend auf dem Niveau der 80er-Teenie-Komödie bewegt (nur eben sehr viel schwärzer), können sich die Spezialeffekte um die mordgierigen Zombies heute noch sehen lassen. Im Gegensatz zu Romeros Untoten schlurfen sie nicht in Zeitlupe durch die Landschaft, sondern zeichnen sich durch sehr unterschiedliche Charakteristika aus. Immerhin, warum sollte nicht auch die Welt der Zombies vielfältiger sein? Einige staksen zwar gewohnt ungelenk durch die Kellerräume des Warenlagers (siehe unten), andere dagegen agieren schnell und durchaus gewitzt. Sie können sogar ganze Worte sprechen - was zu einigen guten Gags führt, wenn sie über den Sprechfunk der dahingemetzelten Polizisten und Notärzte "Schickt mehr Sanitäter!" verlangen.
Die Szene, in der ein Zombie kopflos durch die Lagerhalle rennt und alles zerdeppert, was ihm in den Weg kommt, nimmt den "Re-Animator" bereits vorweg. Was alle Untoten gemeinsam haben, ist das Verlangen nach menschlichen Gehirnen. Während Romeros Zombies ihre Opfer auch mal komplett vernascht und sogar die Knochen noch abgenagt haben, sind O'Bannons Untote da eindeutig verwöhnter.

Neben den Zombie- und Maskeneffekten sorgen vor allem James Karen und Thom Mathews (die Schnecke aus "Freitag der 13. Teil 6", 1986) als Trottel vom Dienst, die nach unfreiwilliger Erweckung der Toten selbst zu Zombies mutieren, für Lacher. Ihre hysterischen Versuche, die Situation mit Hilfe des Chefs (Clu Gulager) und des örtlichen Leichenbeschauers (Don Calfa) wieder unter Kontrolle zu bekommen, führen stets dazu, dass die Lage immer aussichtloser wird.
Neben jeder Menge Humor und Gore (der aber stets im Rahmen bleibt) gibt es auch noch die gute alte Prise Sex, verkörpert von einer (wie üblich) nackten Linneau Quigley, die auf dem benachbarten Friedhof mit ihrer Punk-Gang eine Stripshow veranstaltet und ihrem Lover ungeniert in den Schritt greift (worauf dieser sagt: "Hey, wir sind auf dem Friedhof, zeig mal ein bisschen Respekt!").

THE RETURN OF THE LIVING DEAD war so erfolgreich, dass er mehrere Sequels nach sich zog. Sein Einfluss reicht bis hin zu modernen Horror-Komödien wie "Shaun of the Dead" (2004). Über den Trend der 80er, jeden Horror-Stoff ins Lächerliche zu ziehen, kann man geteilter Meinung sein, aber Dan O'Bannons Film gehört auf jeden Fall zu den besseren Vertretern des Sub-Genres. Aus heutiger Sicht ist er mit seinem rockigen Soundtrack und den Punk-Outfits dazu so durch und durch 80er, dass er auch wunderbar als nostalgische Zeitreise funktioniert.

7.5/10



"Schickt mehr Sanitäter!" - Ein Untoter aus "Verdammt, die Zombies kommen"

Dienstag, 14. Mai 2013

Puppet Master (1989)

PUPPET MASTER (Puppet Master) war der erste Film aus Charles Bands' 'Full Moon'-Schmiede, die der Produzent nach dem Bankrott seiner Empire Pictures gründete. Ursprünglich für die Kinoauswertung gedacht, veröffentlichte Band den Film aber auf doch lieber auf Video, wo er seiner Ansicht nach mehr Geld bringen würde. Die Rechnung ging auf, und der kleine Puppen-Horror entwickelte sich schnell zum Kult, dem noch viele weitere Teile folgen sollten. Die PUPPET MASTER-Reihe ist das wohl erfolgreichste Franchise, das Charles Band je geglückt ist, auch wenn das Original nicht gerade zu dein Meilensteinen des Horrorfilms zählt.

Inszeniert wurde PUPPET MASTER von David Schmoeller, und der hatte mit mordenden Püppchen (sowie mit Klaus Kinski) bereits Erfahrung, hat er doch den wundervollen B-Klassiker "Tourist Trap" (1979), eine meiner Lieblingsperlen, atmosphärisch und spannend in Szene gesetzt.
PUPPET MASTER beginnt auch sehr vielversprechend mit einem netten Vorspann-Design zur verspielten Musik Richard Bands, es folgen einige Einstellungen vom Hauptschauplatz des Films, einem einsamen Küstenhotel namens 'Bodega Bay Inn'. Trotz des von Hitchcock geborgten Namens fallen aber keine mörderischen Vögel über unschuldige Gäste oder Tippi Hedren her, stattdessen erschießt sich ein alter Puppenmacher (William Hickey) in seiner Suite, als ihn zwei Nazis aufsuchen, um ihm das Geheimnis seines teuflischen Handwerks zu stehlen. Ein paar Jahrzehnte später ist das Hotel stillgelegt, und vier übersinnlich begabte Menschen kommen zu einer Trauerfeier zusammen. Der Tote war ein Bekannter der vier und dem Mysterium des ewigen Lebens auf de Spur. Sein Plan ist es, aus dem Reich der Toten zurückzukehren und seine ehemaligen Freunde zu töten - mit Hilfe der lebenden Puppen, die sich mittlerweile in seinem Besitz befinden...

Das klingt zugegebenermaßen etwas konfus, und das ist es auch. PUPPET MASTER benutzt das klassische "Cat and the Canary"-Setting, in dem sich mehrere Personen zu einer Testamentseröffnung in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Gemäuer einfinden, um dann nach und nach ermordet zu werden. Hier geht es zwar nicht um Geld, sondern um das ewige Leben (schwierig, sich da zu entscheiden), doch der Ablauf ist so ziemlich der gleiche. Den Reiz des Films, der aus heutiger Sicht einen eher preiswerten und flachen Eindruck macht, was zu seinem Direct-to-Video-Status passt, besteht in den Spezialeffekten rund um die Puppen, die originell erdacht und effektiv eingesetzt werden - auch wenn man sich bei einigen Attacken fragt, warum sich ein normal großer Mensch nicht gegen sie zur Wehr setzen kann.

Zu den Horror-Gestalten gehören u.a. ein kleiner Kobold mit Trenchcoat und Schlitzermesser, ein asiatisches Modell, das tödliche Blutegel spuckt, eine Puppe mit Bohrer auf dem Kopf, und einen Bodybuilder mit kleinem Köpchen (Pinhead, aber nicht der aus den 'Hellraiser'-Filmen), der mit seinen Pranken ordentlich zudrücken kann. Die Tricks sind schön altmodisch (viel Stop Motion), der Splatterfaktor ist relativ hoch, dazu würzt Schmoeller das Ganze noch mit einer guten Prise Sex (ein weibliches Medium empfängt vor allem erotische Signale), und auch, wenn nie wirkliche Spannung aufkommt, bleibt PUPPET MASTER auf trashige Art durchweg unterhaltsam. Einen echten Shocker oder eine Gänsehaut erlebt man bei dem Spektakel aber nicht, und abgesehen von dem blutigen Abzählreim hat der Film auch nichts zu erzählen.

Die Schauspieler sind kaum der Rede wert und müssen hinter den animierten Puppen die zweite Geige spielen, es ist aber schön, Irene Miracle wieder zu sehen, die einst in einen Keller voll Wasser (und Leichen) abtauchte (in Argentos "Inferno"). Hauptdarsteller Paul Le Mat und der restliche Cast sind dagegen eher von der Sorte uninteressant. Einen humorigen kleinen Gastauftritt hat Barbara Crampton ("Re-Animator", 1985), die zur Abwechslung mal ihre Kleider anbehalten darf, und den alten Puppenspieler vom Mexiko, äh, Bodega Bay, spielt das skurrile Faltengesicht William Hickey.

PUPPET MASTER ist sicher keine große Kunst und kommt auch nicht eine Sekunde an "Tourist Trap" heran, aber für knapp 90 Minuten anspruchsloser Horror-Unterhaltung ist gesorgt. Stuart Gordons "Dolls" (1987) gefällt mir trotzdem besser, weil er wesentlich mehr Stil und Atmosphäre hat. Als ich PUPPET MASTER seinerzeit zum ersten Mal sah, fand ich ihn überraschend gut. Heute überrascht mich eher, wie billig der Film wirkt - ganz zu schweigen von den schrecklichen 90er-Kostümen und Frisuren...

5.5/10

Montag, 13. Mai 2013

Amityville 2 - Der Besessene (1982)

AMITYVILLE 2 - DER BESESSENE (Amityville II: The Possession) erzählt die Vorgeschichte des Horror-Hits "The Amityville Horror" (1979). Zumindest behauptet das der Film, obwohl er als Prequel voller Logiklöcher und Continuity-Fehler steckt. Es ist also grundsätzlich besser, ihn als eigenständigen Beitrag der Reihe zu sehen, ohne nach Verknüpfungspunkten zu suchen. Andererseits, muss man ihn überhaupt sehen? Eher nicht.

Ein Jahr vor den Ereignissen im Original (was streng genommen 1978 wäre, der Film spielt aber eindeutig in den 80ern) zieht die Familie Montelli (die laut Original anders hieß) in das berühmte Gruselhaus mit den Glotzaugen-Fenstern ein. Schon kurz nach ihrer Ankunft passieren seltsame Dinge. Möbel fliegen durch die Gegend, es klopft nachts an der Tür, ein Kreuz verhüllt sich von selbst, der Teenager-Sohn Sonny (Jack Magner) wird von einem Dämon besessen und fällt über seine Schwester (Diane Franklin) her, der prügelnde Vater (Burt Young) und seine hysterische, streng katholische Frau (Rutanya Alda) schreien sich nur noch an, bis schließlich Sonny-Boy zum Gewehr greift...

Das stinknormale Leben einer amerikanischen Familie also wird hier porträtiert, und für etwa 20 Minuten ist AMITYVILLE 2 ein ganz guter Horrorfilm. Nach dem atmosphärischen Vorspann (die Musik stammt erneut von Lalo Schifrin und nutzt das bekannte 'Amityville-Thema' optimal) hält sich Regissseur Damiano Damiani nicht lange auf und lässt das Grauen ohne Wartezeit auf die Familie los, so dass bereits das erste gemeinsame Abendessen im totalen Chaos und Gezanke endet. Bis hierhin sind auch die Darstellerleistungen noch ok, immerhin hat man mit Burt Young und Rutanya Alda zwei Method Actor an Bord, einer davon war sogar mal für einen Oscar nominiert (nicht, dass ich Oscar-Nominierungen irgendeinen Wert beimessen würde, immerhin hat sogar Sandra Bullock einen).

Dann aber folgt eine Szene, die dem Film den frühen Todesstoß versetzt, und zwar die mit den schwebenden Pinseln, die im Kinderzimmer ganz böse Dinge an die Wand malen, woraufhin Papa sofort den Gürtel aus der Hose zieht, die Kleinkinder vermöbelt und (ein Aufwasch) gleich noch die kreischende Gattin schlägt, bevor er vom Sohnemann den Gewehrlauf an den Hals gesetzt bekommt. An dieser Stelle hat mich der Film leider komplett verloren. Nicht nur sind die Animations-Effekte um die fliegenden Pinsel des Grauens schrecklich albern, auch die Schauspieler springen unvermittelt in einen dermaßen unerträglichen Overacting-Modus, dass einem die Spucke wegbleibt. Ob Kindesmisshandlungen und häusliche Gewalt  Themen für einen billigen Unterhaltungsfilm wie diesen sind, sei mal dahingestellt, aber das weitere Schicksal der Familie (besonders des kotzbrockigen Vaters und seiner durchgeknallten Ollen) ist einem nach diesem Ausraster leider vollkommen wurscht.
"Was geschieht nur mit uns?" fragt Rutanya Alda mit rollenden Augen. "Ihr befindet euch in einem ganz miesen Film, das geschieht mit euch!" möchte man erwidern. Alda erhielt übrigens eine verdiente Nominierung für die Goldene Himbeere für ihre grauenvolle Leistung.

Wer das ganze Geschrei bis hierhin ausgehalten hat, wird nun mit Inzest belohnt, der zwischen den pubertierenden Kindern stattfindet. Warum auch nicht, als Zuschauer ist man eh schon abgetörnt, da stört das unangenehme Gefummel auch nicht mehr weiter. Der örtliche Priester (James Olson) ist selbstverständlich entsetzt über die Vorgänge, weil seine Weihkugel plötzlich Blut spritzt und seine Bibel zerfetzt im Auto liegt. Schnell ahnt er, dass der Sohn des Hauses von einem Dämon besessen ist, der ausgetrieben werden muss. Jetzt verlässt AMITYVILLE 2 endgültig das Spukhaus-Genre, klaut alles, was ihm aus "Der Exorzist", "Das Omen", "Carrie", "Shinng" und "Poltergeist" in die Klauen kommt und rutscht in totalen Trash ab.

Die Ermordung der Familie durch den Sohn (die wir aus dem Vorgänger bereits kennen, weswegen der Film auch sp gut wie spannungslos ist) ist noch ganz anständig inszeniert, danach aber wird es so richtig bescheuert, wenn der Anwalt des Killer-Sohnes allen Ernstes vor Gericht auf unschuldig plädiert, weil sein Mandant 'von einem Dämon besessen ist'. Es folgt eine Teufelsaustreibungs-Sequenz, in welcher der 'Besessene' Jack Magner (der ansonsten die beste schauspielerische Leistung des Films zeigt) dank bizarrer Maskeneffekte plötzlich wie Malcolm McDowell (plus gelber Augen) aussieht, bis dann der gute Priester den Dämon anfleht, er möge doch in seinen Körper fahren und den Jungen in Ruhe lassen. Das kennen wir doch von irgendwoher, oder?

Trotz der billigen Machart und der völlig vermurksten Geschichte spielte AMITYVILLE 2 dank des erfolgreichen Vorgängers sehr viel Geld ein, was uns bis heute zahllose weitere, immer schlechtere Sequels sowie ein Remake des Originals bescherte. Da hilft kein Beten und kein Exorzismus - die "Amityville"-Reihe ist unsterblich und wird uns alle überleben, das steht schon mal fest.

04/10

Donnerstag, 9. Mai 2013

In ihrem Haus (2012)

Der verbitterte Lehrer Germain (Fabrice Luchini) entdeckt plötzlich wieder Freude an seiner Arbeit, als er die Aufsätze seines Schülers Claude (Ernst Umhauer) liest, in denen dieser beschreibt, wie er von dem Haus und besonders der Mutter (Emanuelle Seigner) eines Mitschülers fasziniert ist. Germain hilft dem jungen Autor, seine Geschichte fortzusetzen, nicht ahnend, dass er und seine Frau (Kristin Scott Thomas) sich bald selbst in der Geschichte wieder finden und das Leben aller Beteiligten sich mit der Fortsetzung des Aufsatzes dramatisch verändern wird... 

Mit IN IHREM HAUS (Dans La Maison) knüpft Regisseur Francois Ozon nach einigen schwächeren Werken (inklusive der überbewerteten 70er-Komödie "Das Schmuckstück", 2010) erfreulicherweise an einen seiner besten Filme an, nämlich an "Swimming Pool" (2003). Schon dort wurden wir Zeugen eines künstlerischen Schaffensprozesses der weiblichen Hauptfigur (Charlotte Rampling), welcher sich allerdings erst in den letzten Szenen für den Zuschauer als solcher offenbarte.

Hier nun wird das Publikum von Beginn an bei der Hand genommen und Schritt für Schritt durch die Entstehung einer Geschichte geführt. IN IHREM HAUS ist somit ein intellektuell-verspielter Diskurs über die Schwierigkeiten, eine Geschichte zu erfinden, sie zu gestalten, sie spannend zu erzählen und den richtigen Schluss zu finden. IN IHREM HAUS ist auch ein Film über die Fähigkeit der Kunst, das Leben zu verändern. Sagt zu Beginn noch Kristin Scott Thomas, dass aus der Literatur niemals jemand etwas lernen würde, belehrt sie (und uns) die Filmhandlung eines Besseren. 
Was IN IHREM HAUS dabei vor allem gelingt, ist die komplette Unvorhersehbarkeit. Indem Ozon sich bewusst nicht für ein Genre entscheidet und sowohl die Stilmittel der Komödie, des Dramas und des Thrillers benutzt, bleibt durchweg offen, worauf die Handlung zusteuert und welche Wendungen als nächstes folgen. Happy-End oder Katastrophe, ein Kuss oder Mord und Totschlag, alles ist möglich. Wie viele Möglichkeiten der Künstler hat, sich für Fortgang und Auflösung einer Geschichte zu entscheiden, so wird auch die Handlung von IN IHREM HAUS (zumindest die Geschichte in der Geschichte) immer wieder neu erfunden und umgebaut.

Das mag alles etwas hochtrabend klingen, aber IN IHREM HAUS ist ein wunderbar leichter und unterhaltsamer Film mit großartigen Schauspielern, der stellenweise an die besten Werke Woody Allens erinnert - nicht nur, weil Hauptdarsteller Luchini diesem äußerlich und in der Spielweise ähnelt. Es ist auch der verschlagene Witz, die Art, wie er sich etwa über Auswüchse moderner Kunst und das prätentiöse Geschwafel in Kunstkatalogen lustig macht (Kristin Scott Thomas hat mit Abstand die komischsten Momente, wenn sie als Galeristin ständig absurde Kunstobjekte - wie Hitler-Sexpuppen - präsentiert). Luchini und Kristin Scott Thomas sind ein hinreißendes Paar, das immer mehr von den Aufsätzen des Schülers Claude fasziniert ist, bis sich beide erschrocken in dessen Geschichte wiederfinden, welche ihre ganz privaten Geheimnisse offenbart ("Ich bin keine erfundene Figur!" protestiert Kristin Scott Thomas, die selbstverständlich eine erfundene Filmfigur spielt).

Polanski-Ehefrau Emmanuelle Seigner bekommt da schon etwas weniger zu tun, muss in erster Linie schön sein und das zarte Objekt der Begierde für den jungen Schriftsteller spielen. Mit der angedeuteten sexuellen Beziehung zwischen Seigner und dem 16-jährigen Schüler betritt Ozon ureigenstes Terrain des französischen Filmdramas. Als Schüler Claude erweist sich Jungdarsteller Ernst Umhauer als reiner Glücksfall. Er zeigt so viele verschiedene Gesichter, dass er mühelos den Film dominiert. Wie die Story selbst ist auch er undurchschaubar, im selben Moment engelhaft unschuldig wie finster durchtrieben. Man weiß nie, ob er im nächsten Moment eine Liebeserklärung anstimmt oder zur Mordwaffe greift. Ozons Kamera zeigt immer wieder Umhauers neugierigen Blick, mit dem er die Welt um sich herum betrachtet. Er ist Ozons Stellvertreter, der Puppenspieler, der die anderen Charaktere so manipuliert, wie er sie für seine Geschichte braucht.
Wenn zu Beginn der Lehrer Luchini seinen Schüler mit den (vermeintlich) unumstößlichen Regeln des Schreibens bombardiert (so wie es vermeintliche Regeln gibt, nach denen Filme stets einem bestimmten Genre zugeordnet werden müssen), dann rebelliert Ozon mit seinem Film gegen eben jene Vorschriften und die beschränkte Denkweise, die Kunst in Schubladen einteilen will, und zeigt, wie vielfältig sowohl die Literatur als auch das Kino sein kann.

Wie schwierig es ist, für eine gute Geschichte einen ebenso guten Schluss zu fnden, wird in IN IHREM HAUS thematisiert, der verschiedene Varianten anbietet und sich dann für eine entscheidet, die vielleicht etwas zu holprig daherkommt und nicht ganz befriedigend ist. Dass manche Rezensenten den 'Klamauk' bemägeln, wenn Lehrer Luchini in den Fantasien seines Schülers auftaucht (wo ihn - abgesehen von Claude - die handelnden Figuren nicht wahrnehmen), kann ich hingegen nicht nachvollziehen.

Mit IN IHREM HAUS beweist Ozon, dass er nichts von seiner Kreativität und Frische verloren hat. Der ehemals Junge Wilde hat sich in einen etablierten, reifen und lässigen Geschichtenerzähler verwandelt, der sein Publikum nicht mehr schocken muss, um von ihm ernst genommen zu werden. Ihm ist ein Film voller Kraft und Inspiration gelungen, der im Flug vorbeigeht, der von Philippe Rombis Musik grandios untermalt und von einem exzellenten Ensemble getragen wird, das man gerne jeden Tag im Kino sehen würde.
IN IHREM HAUS ist nicht nur der beste Ozon seit Jahren, er ist auch der beste und intelligenteste Film, den ich seit langem gesehen habe. Merci!

9.5/10

Das Kabinett des Professor Bondi (1953)

Der Gruselklassiker DAS KABINETT DES PROFESSOR BONDI (House of Wax) hat Vincent Price als feste Größe im Horrorkino etabliert und war der erste Farbfilm, der in 3-D und Stereo in die Kinos kam. Er ist außerdem einer der besten Horrorfilmen der 50er - wenn nicht gar der beste. Er ist außerdem der Beweis dafür, dass Remakes nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sind.

Der Film spielt um 1910. Price spielt den Bildhauer Henry Jarrod ('Professor Bondi' in der deutschen Synchronfassung, die aus der Heldin 'Sue' eine 'Susi' macht!), dessen Wachsfigurenkabinett in Flammen aufgeht, weil sein Geschäftspartner die Versicherung betrügen will. Jarrod verschwindet in den Flammen. Kurz darauf wird der gedgierige Brandstifter von einem deformierten Monster im schwarzen Umhang ermordet, und seine Leiche taucht Jahre später im neu eröffnetem Wachsfigurenmuseum des inzwischen wieder genesenen Jarrod auf. Doch auch andere Wachsfiguren kommen der Polizei merkwürdig bekannt vor...

DAS KABINETT DES PROFESSOR BONDI ist eine Remake des legendären Horror-Klassikers "Mystery of the Wax Museum" (1933) von Michael Curtiz, welcher lange als verschollen galt, heute aber restauriert als Extra auf der 'Bondi'-DVD zu bewundern ist (womit die DVD zum Pflichtkauf für Horrorfans wird). Die Neuverfilmung folgt der Story des Originals sehr dicht, verzichtet aber auf den Comic Relief und lässt die weibliche Protagonistin (Phyllis Kirk) selbst zur Zielscheibe des wahnsinnigen Wachsfigurenkünstlers werden. Im Original hatte der von Lionel Atwill gespielte Bildhauer es noch auf deren beste Freundin (Fay Wray) abgesehen.

Inszeniert wurde das Remake von André de Toth, der ironischerweise auf einem Auge blind war und den 3-D-Effekt überhaupt nicht wahrnehmen konnte. Dennoch hat er einen furiosen Thriller gedreht, der keinerlei Längen aufweist und mit sehr guten und aufwändig produzierten Spezialeffekten aufwarten kann. Er ist außerdem wundervoll ausgestattet und geleuchtet. Das barocke Design erinnert nicht zufällig an spätere Werke von Bava und Argento. Die Sequenz, in der unsere schöne Heldin vom vermummten Mörder durch die nebligen Gassen gejagt wird, findet sich deckungsgleich in Bavas "Lisa und der Teufel" und "Baron Blood" (1972) wieder, während das unheimliche Schaufenster, an dem sie mehrfach vorbeikommt, fast exakt dem des Antiquitätenhändlers Kazanian in Argentos "Inferno" (1980) entspricht.

Die 3-D-Effekte beschränken sich auf zumeist amüsante Gimmicks, wenn Ping-Pong-Bälle oder Stühle in die Kamera geworfen werden oder zartbesaitete Damen beim Anblick der Wachsfiguren in Ohnmacht, bzw. dem Zuschauer direkt in den Schoß fallen. Vincent Price spielt seinen verrückten Professor mit typischer Hingabe und hinterlässt einen so bleibenden Eindruck, dass er bald darauf mit den Poe-Verfilmungen Roger Cormans zur Horror-Ikone wurde. Der Moment, in dem unsere Protagonistin auf Price einprügelt und dabei dessen Wachsmaske zerschlägt, unter der sein entstelltes Gesicht zum Vorschein kommt, ist eine deutliche Anspielung auf einen weiteren  Klassiker des Horrorkinos, "Das Phantom der Oper" (1929), und Price tritt damit das Erbe des großen Lon Chaney an. Die große Kunst von Price besteht darin, jede auch noch so absurde Figur ernst zu nehmen und ihr einen guten Schuss Melodramatik zu verleihen. Man glaubt ihm, dass er als Künstler von der Schönheit seiner Kreationen besessen ist, und man glaubt ihm die Trauer und Verzweiflung, wenn er zusehen muss, wie diese in Flammen aufgehen.

Unter den Nebendarstellern findet sich übrigens der junge Charles Bronson (ja, wirklich), der als taubstummer Handlanger des Professors nur grunzen und die Muskeln spielen lassen darf. Ein Schelm, wer jetzt denkt, dass er in seinen späteren Star-Rollen auch nicht viel mehr gezeigt hat.
Zu den frühen Opfern des Monsters gehört die ununterbrochen kichernde Carolyn Jones (die spätere 'Morticia Addams' in der "Addams Family") mit der schmalsten Wespentaille des Universums.

Der Plot von PROFESSOR BONDI schnurrt nur so vor sich hin, allerdings lösen sich die Konflikte gegen Ende sehr schnell auf (ähnlich wie im Original). Dafür greift die Polizei zu einer etwas bizarren Methode und lässt den alkoholkranken Angestellten Professor Bondis so lange nach einer vollen Whiskyflasche geifern, bis er alles zugibt. Während die Polizei ins Wachsfigurenkabinett saust, genehmigt er sich dann erst mal einen großen Schluck, ohne dass ihn jemand irgendwie belangen, verhaften oder einsperren würde. Hm... diese Art der Folter wäre heute wohl nicht mehr politisch korrekt.

Es erübrigt sich zu sagen, dass DAS KABINETT DES PROFESSOR BONDI um Lichtjahre besser ist (auch aus heutiger Sicht) als das erneute Remake von 2005, dessen Macher nicht ahnen konnten, wie schnell 3-D plötzlich wieder in Mode kommen sollte und den Film lediglich im 2-D-Verfahren drehten - was für eine verpasste Gelegenheit! Noch schöner aber ist die Nachricht, dass im 50er-Original von Paris Hilton weit und breit nichts zu sehen ist.

09/10

Mittwoch, 8. Mai 2013

Hollow Man (2000)

Hollow Film?

Der Regie-Exzentriker Paul Verhoeven brauchte nach seinem katastrophalen (aber wunderbar trashigen) Flop "Showgirls" (1995) und dem eher mittelmäßig erfolgreichen "Starship Troopers" (1998) unbedingt einen Hit, um an der Spitze der Nahrungskette in Hollywood zu bleiben. Da lag es nahe, einen futuristischen Action- und Horrorfilm voll atemberaubender Special Effects zu machen, so wie er es in seinen besten und kassenträchtigsten Filmen "RoboCop" (1987) und "Total Recall" (1990) geübt hatte.

Was die Effekte anbelangt, ist HOLLOW MAN (Hollow Man) in der Tat atemberaubend. Die Story allerdings ist so hohl, dass auch der hartgesottenste Fan nur mit dem Kopf schütteln kann. Obwohl sich der Regisseur mit Exzessen stark zurückhält, ist der typische Verhoeven-Touch aber dennoch spürbar, im guten wie im negativen Sinne.

Worum geht es? Eine Gruppe von Wissenschaftlern experimentiert in einem von der Außenwelt abgeschotteten, unterirdischen Labor unter der Leitung des eigensinnigen Forschers Caine (Kevin Bacon) an einer Formel, die Lebewesen unsichtbar machen soll. Diese Formel soll wie üblich militärischen Zwecken dienen, aber das kümmert unsere Wissenschaftler (natürlich) herzlich wenig. Ein Versuch mit einem Gorilla geht furchtbar in die Hose, aber dann gelingt es Caine im Selbstversuch, vor aller Augen zu verschwinden. Leider klappt die Rückverwandlung nicht, und Caine bleibt unsichtbar. Während seine Kollegen hektisch daran arbeiten, ihn wieder sichtbar zu machen, entdeckt Caine die böse Seite seines Ichs und die vielen Möglichkeiten, die ihm sein Zustand bietet...

...und da dies ein Paul Verhoeven-Film ist, bestehen diese vorrangig in Sex und Gewalt. Das Drehbuch stammt diesmal nicht von Joe Eszterhas, dessen Karriere nach "Showgirls" so gut wie erledigt war, aber es bewegt sich auf ähnlich pubertärem Niveau, was die Fantasien seines Protagonisten anbelangt. Der hat tatsächlich als Unsichtbarer nichts Besseres zu tun, als erst mal die sexy Nachbarin heimlich in ihrer Wohnung zu beobachten, um sie dann später zu vergewaltigen. Durch diesen Akt gerät er vollends außer Kontrolle, tötet einen fiesen Militär-Oberst (William Devane), bevor er sich anschickt, sämtliche seiner Kollegen ins Jenseits zu befördern.
Dieser 180 Grad-Schwenk in Kevin Bacons Charakter wird nur dadurch begründet, dass er sich schon von Anfang an wie ein Arschloch benimmt, leichte Anzeichen von Größenwahnsinn zeigt und die schöne Kollegin und Ex-Freundin Elisabeth Shue jetzt mit seinem Untergebenen Josh Brolin zusammen ist (was man verstehen kann, weil Brolin den deutlich trainierteren Körper hat, und darum geht es nun mal in Verhoeven-Filmen). Sinn ergibt das Verhalten von Bacon nie, und man fragt sich doch, ob ein studierter Wissenschaftler sich wirklich wie ein 12-jähriger, der davon träumt, allein im Süßigkeitenladen eingesperrt zu sein, verhalten muss, oder ob es nicht doch andere Betätigungsfelder gibt, auf denen er sich als Unsichtbarer austoben kann.

Verhoeven würde dazu wahrscheinlich sagen, die gäbe es, dann hätten wir aber keinen Horrorfilm mit nackten Brüsten und Metzeleien, also sei's drum. Vielleicht will uns der Film auch erzählen, dass selbst die zivilisiertesten Menschen sich wie Neandertaler verhalten, wenn man sie nur lässt. Das ist zwar eine etwas zynische Grundhaltung, doch die passt schon ins Universum des Herrn Verhoeven. Der gibt sich alle Mühe, HOLLOW MAN zumindest, was das Tempo anbelangt, auf Hochtouren zu halten. Der erste Akt zieht sich zwar ein bisschen und folgt etwas zu sehr der Storyline von Cronenbergs "Die Fliege" (der schief gegangene Testlauf, der Selbstversuch aus Eifersucht, das fatale Ergebnis), aber nachdem Kevin Bacon sich in ein blutgeiles Monster verwandelt hat, gibt es so viel Action, dass man sich über die vielen Logiklöcher keine Gedanken mehr zu machen braucht. Die Special Effects sorgen für immer neues Erstaunen, und der Film schafft es ziemlich gut, jedes erdenkliche Szenario durchzuspielen, den Unsichtbaren sichtbar zu machen, sei es durch Wasser, Feuer, Dampf, oder indem man ihn mit Blutkonserven beschmeißt.

Den sarkastischen Verhoeven erkennt man in den Details, etwa in der Art, wie Elisabeth Shue im Finale nonchalant durch eine Blutlache schlittert, anstatt drum herum zu laufen. Überhaupt muss die Ärmste einiges einstecken und den Schlusskampf gegen Bacon alleine über die Bühne bringen, was ihr fabelhaft gelingt. Nachdem sie zuvor stets als nette Blondine in romantischen Drecks-Komödien wie "Cocktail" (1988) verschwendet wurde und mit "Leaving Las Vegas" (1995) endlich auch als Schauspielerin Anerkennung fand, ist es schön, sie in solch einem Kracher zu sehen, der kaum Talent, aber viel Körpereinsatz verlangt. Dazu sind sie und Josh Brolin ein heißes Paar, und im Gegensatz zu Sharon Stone in "Basic Instinct" (1991) darf Shue ihren Schlüpfer anbehalten. Der Film schenkt ihr sogar einen absurden 'MacGyver'-Moment, in dem sie mit ein paar Utensilien schnell mal eine Bombe baut, um aus einem verschlossenen Kühlraum zu entkommen. Tolles Mädel!

Dass man sämtlichen Darstellern keine Sekunde die Wissenschaftler abnimmt, macht nichts, das gehört zum B-Film dazu, und HOLLOW MAN ist exakt das - ein B-Film, der dank protziger Production Values und Effekte, sowie dank freundlicher Unterstützung von Jerry Goldsmiths Brachial-Score so tut, als sei er großes Kino. Mehr als nette Unterhaltung, bei der man lieber sein Gehirn an der Kasse abgeben sollte, bevor man sich setzt, ist nicht dabei herausgekommen, aber man kann sich auch schlechter amüsieren. Mit dem großen Klassiker "The Invisible Man" (1933) hat das alles selbstverständlich gar nichts mehr zu tun.

07/10

Montag, 6. Mai 2013

Murder Rock (1984)

Wie sehr Regisseure von Drehbüchern abhängig sind, zeigt uns MURDER ROCK (Murderock - Uccide a passo di danza), eine Mischung aus 'Flashdance' und Giallo (ja, ehrlich), mit einem Schuss "Suspiria".
Gedreht hat diesen mäßig spannenden und oft unfreiwillig komischen Thriller Lucio Fulci, der noch wenige Jahre zuvor für einige Meisterwerke des Genres verantwortlich war. Von dessen Talent aber ist hier weit und breit kaum etwas zu merken, und das betrifft leider alle seine Spät-Werke. Mitte der 80er befand sich das italienische Horror-Kino ohnehin im steilen Sinkflug, und MURDER ROCK ist ein trauriger Beleg dafür.

Der Plot ist schnell erzählt. In einem Jazzdance-Studio geht ein schwarzbehandschuhter Killer um (wie oft denn noch?), der die begabtesten Tänzerinnen erst chloroformiert und dann mit einer Hutnadel zu Tode piekst. Die Ermittlungen der Polizei kommen nicht voran, dafür leidet die Besitzerin des Studios (Olga Karlatos) unter Alpträumen, in denen sie vom Mörder verfolgt wird...

Wer sich noch an die geile Fernsehballett-Szene aus Umberto Lenzis "Großangriff der Zombies" (1980) erinnert, in der ein Haufen Zombies über die Hupfdohlen des örtlichen TV-Aerobic-Studios herfällt, der weiß ungefähr, auf was er sich bei MURDER ROCK einlassen muss. Nur ohne Zombies, leider. Und wer jetzt in Gedenken an Fulcis Klassiker Blutorgien erwartet, der hat falsch gedacht, denn die Morde sind bis auf ein paar diskrete Stiche in den Brustkorb der weiblichen Opfer komplett blutleer. Dafür geht das Licht immer mal wieder an und aus (die Tanzschule scheint ein ernstes Problem mit der Elektrik zu haben), und auf dem Soundtrack hört man während der Mordsequenzen die Herztöne der Opfer - mit schönen Grüßen von Dario Argento.

Apropos Soundtrack, der stammt von Keith Emerson (von Emerson, Lake & Palmer), welcher schon Argentos "Inferno" (1980) ganz wunderbar untermalt hat, hier aber nur Plastik-Pop mit einigen haarsträubenden Disco-Nummern abliefert, bei denen man nicht weiß, ob man schreiend weglaufen oder in die Auslegware beißen soll.
Überhaupt ist schon die Grundidee von MURDER ROCK grauenvoll. Wer will denn bitte 'Flashdance' mit Mord sehen? War der nicht schon Horror genug? Na, macht ja nichts, die Kamera bleibt jedenfalls immer schön auf Beckenhöhe der schwitzenden Damen und Herren, die sich in ihren heißen Aerobic-Outfits die Seele aus dem dürren Leib hoppeln. In einer Szene klaut Fulci dann mal so richtig und lässt eine Tänzerin ein Solo veranstalten, das eine 1:1-Kopie der 'Maniac'-Nummer aus "Flashdance" darstellt, inklusive fliegender Schweißperlen, Lockenköpfchen und Nahaufnahmen ekstatisch hämmernder Oberschenkel. Peinlich!

Was gibt es sonst? Unter den Darstellern findet man viele Fulci-Veteranen (sogar der unvermeidliche Al Cliver hat einen ungenannten Gastauftritt als Stimmen-Analytiker), allen voran Olga Karlatos. Die hat in Fulcis Zombie-Klassiker "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" (1979) den berühmten Holzsplitter ins Auge bekommen, und als Zuschauer wünscht man sich beim Anschauen von MURDER ROCK ein ähnlich gnädiges Schicksal. Karlatos sieht aber toll aus und spielt ihre hysterische Tanzstudio-Besitzerin ganz überzeugend, besonders, wenn sie in ihren Träumen im durchsichtigen Negligé vor dem Killer davonrennt. Genre-Schönling Ray Lovelock ("Das Leichenhaus der lebenden Toten", 1974) bleibt dagegen blass, und auch der Rest vom Cast kommt nicht übers Mittelmaß hinaus. Dazu müssen die italienischen Darsteller wieder mal so tun, als wären sie Amerikaner und tragen als solche klingende Groschenheft-Namen wie Jill, Joan, George und Bob. Die deutsche Synchronfassung macht alles noch schlimmer.

Der beste Einfall ist wohl das gleißende Licht, in das die Darsteller an den jeweiligen Tatorten getaucht werden, wenn der Polizeifotograf Aufnahmen von den Leichen macht. Das sieht nett aus und deutet zumindest an, dass hier jemand hinter der Kamera stand, der es viel, viel besser kann. So funktioniert aber MURDER ROCK weder als Krimi noch als Slasher. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Auflösung der Mordgeschichte aus der Kategorie 'abstrus' stammt.

Den Vogel schießt übrigens die hiesige DVD (vom Label CCI) ab. Die präsentiert den Film in eigentlich guter Qualität, wenn man aber den englischen oder italienischen Originalton anwählt, darf man sich den gesamten Film über den Schriftzug "Only for Sale in Germany, Austria and Switzerland" am unteren Bildrand durchlesen. Da möchte man doch gerne selber zur Hutnadel greifen.

04/10

Sonntag, 5. Mai 2013

New York Express (1965)

Nicht jeder kann ein Hitchcock sein.

Die Thriller-Komödie NEW YORK EXPRESS (Blindfold) war - obwohl seinerzeit recht erfolgreich in den Kinos - so gut wie nie im TV zu sehen, geschweige denn auf VHS oder DVD veröffentlicht und somit bereits in Vergessenheit geraten. Nun wurde er unerwartet wieder ausgegraben, hat eine exzellente DVD-Veröffentlichung erhalten und erscheint demnächst sogar auf Blu-Ray. Warum, weiß man nicht genau, denn so schön es auch ist, wenn vergessene Filme wieder entdeckt werden, NEW YORK EXPRESS hätte auch in der Versenkung verschwunden bleiben können.

Mit "Der unsichtbare Dritte" (1959) schuf Alfred Hitchcock den Prototyp des romantischen Agenten-Thrillers, der u.a. als Blaupause für die gesamte James Bond-Reihe (und zwar bis heute) dient. Natürlich wollten viele auf den erfolgreichen Zug aufspringen, aber nur wenigen gelang es, die Mischung aus intelligentem Witz und aufregender Spannung so hinzubekommen wie der Meister selbst es vorgemacht hatte. Statt des lässigen Cary Grant haben wir hier Rock Hudson am Start, die wohl zweitbeste Wahl (neben Gregory Peck) für einen Film dieser Art. Hudson gehörte nie zu den vielschichtigsten Schauspielern, aber er sieht gut aus, ist körperlich fit genug für Verfolgungsjagden und befand sich dank der Doris Day-Komödien sowohl in bester Spiellaune als auch auf dem Höhepunkt seiner Popularität.

Als Psychiater Dr. Bartholomew Snow (was für ein Name!) wird Hudson unversehens zur Zielscheibe finsterer Machenschaften, nachdem er auf Bitten eines Generals (Jack Warden) einen Wissenschaftler behandelt, der gerade einen Nervenzusammenbruch hatte. Zu diesem Zweck wird Hudson mit Augenbinde an einen geheimen Ort kutschiert, da der Forscher über Geheimwissen verfügt, das andere gern in die Finger bekommen würden. Als jedoch die hübsche Schwester (Claudia Cardinale) des Patienten auftaucht, die Hudson für den Entführer ihres Bruders hält, und dazu noch andere zwielichtige Gestalten Jagd auf ihn machen, gerät er prompt in Lebensgefahr...

Obwohl sich Regisseur Philip Dunne sehr bemüht, sind die Fußstapfen von Hitchcock einfach ein paar Nummern zu groß. Der Humor in NEW YORK EXPRESS ist zu bieder, das Tempo zu langsam, der Plot nur mittelmäßig spannend, und die junge Claudia Cardinale sieht zwar äußerst attraktiv aus und hat eine ganz gute Chemie mit ihrem Co-Star Hudson, bleibt schauspielerisch aber blass. Ihr starker Akzent steht ihr im Weg, und ihre Figur nervt eher, als dass sie dem Film weiterhilft. 
Rock Hudson geht die Sache sportlich an und ist - neben der Musik von Lalo Schifrin - noch das Beste am Film. Es ist übrigens wieder amüsant zu sehen, wie Hudsons streng vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Homosexualität in dieser Phase seiner Karriere immer wieder verschlüsselt Eingang in die Drehbücher fand. Wir erinnern uns an die augenzwinkernden Dialoge in den Doris Day-Filmen ("Dein Sexleben wird dir noch mal zum Verhängnis" oder "Von dem hätte ich das am allerwenigsten gedacht!"). In NEW YORK EXPRESS wird Hudson gleich zu Beginn als Junggeselle beschrieben, der ständig mit wechselnden Frauen verlobt ist, aber irgendwie nie den letzten Schritt zur Ehe schafft, weil er... hm... sich nicht fest binden mag. Jaja. Das Problem hatte übrigens auch Cary Grant im "unsichtbaren Dritten", dort wurde es aber mit deutlich spritzigeren Dialogen umschrieben ("Sie haben Angst vor Bindung." - "Ich war zweimal verheiratet!" - "Sehen Sie, was ich meine?"). Hier wirkt es etwas angeschafft, so wie man Hudson auch den studierten Psychiater nicht ganz abnimmt.

Positiv kann man sagen, dass NEW YORK EXPRESS hübsch gefilmt und ausgestattet ist und leidlich unterhält, wenn man gerade wirklich nichts Besseres zu tun hat. Ein Sonntagnachmittags-Film bestenfalls, aber weißgott nicht die Entdeckung eines verschollenen Klassikers, für die ihn viele preisen werden. Dass man einen Hitchcock nicht mal eben erreichen kann, ist klar, aber selbst die nach dem gleichen Vorbild gestalteten "Charade" (1963) oder "Arabeske" (1964) spielen ein paar Ligen höher als NEW YORK EXPRESS.

05/10


Freitag, 3. Mai 2013

Die 27. Etage (1965)

Während eines Stromausfalls stürzt ein berühmter Anwalt, der sich für den Weltfrieden einsetzte, aus der 27. Etage eines Wolkenkratzers. Gleichzeitig sucht der Buchhalter Stillwell (Gregory Peck) im Dunkeln einen Weg aus dem Gebäude und folgt einer Unbekannten (Diane Baker) ins 4. Untergeschoss, wo sie spurlos verschwindet. Am nächsten Morgen stellt Stillwell fest, dass er sich an die letzten zwei Jahre seines Lebens nicht mehr erinnern kann. Sein Büro im Hochhaus ist verschwunden, seine Bekannten fragen ihn, wo er die letzten Monate gewesen ist, und das vierte Untergeschoss existiert gar nicht. Verliert Stillwell den Verstand, oder spielt da jemand Jojo mit seinem Gedächtnis? Und wenn ja, warum?

DIE 27. ETAGE (Mirage) ist ein äußerst spannender Paranoia-Thriller, der an die Klassiker des Film Noir anknüpft - was nicht überrascht, denn Regisseur Edward Dmytryk hat ein paar davon inszeniert. Der (nicht ganz) unschuldige Held, der versehentlich in ein Netz aus finsteren Machenschaften gerät, bei dem eine schöne, aber mysteriöse Fremde eine Schlüsselrolle spielt, das sind die typischen Zutaten des Genres, und DIE 27. ETAGE schafft es ganz wunderbar, von der ersten Szene an eine Atmosphäre konstanter Bedrohung aufzubauen. Der Film erinnert natürlich auch an Hitchcock, allein durch die Mitwirkung von Gregory Peck und Diane Baker. Anders aber als bei Hitchcock gibt es nur wenig  Humor, der die intensive Atmosphäre auflockert, und - der größte Unterschied - der Zuschauer weiß an keiner Stelle mehr als der Protagonist. Statt Suspense setzt DIE 27. ETAGE mehr auf Mystery, indem der Film immer neue Fragen stellt und bis zum Finale keinerlei Lösungsansätze anbietet. Als angeblicher Buchhalter, der in Wirklichkeit ein Wissenschaftler ist, wandelt Gregory Peck durch seinen ganz privaten Alptraum, und man muss zwangsläufig seinen Recherchen folgen, um herauszufinden, welches Geheimnis sich hinter dem merkwürdigen Geschehen verbirgt.

Das Drehbuch zur 27. ETAGE stammt von Peter Stone, der zuvor mit dem sehr an Hitchcock angelehnten "Charade" (1963) große Erfolge feiern konnte. Dessen Nebendarsteller George Kennedy und Walter Matthau sind auch hier wieder an Bord, wobei Matthau als skurriler Privatdetektiv, der ein bitteres Ende findet, eine Galavorstellung gibt und Hauptdarsteller Peck lässig an die Wand spielt. Matthau scheint überhaupt auf Drehbücher von Peter Stone abonniert zu sein, denn auch das Script zu "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3" (1974) wurde von Stone verfasst. Der Autor ist ein Spezialist für kantige Charaktere und verschlungene Plots. Als Zuschauer ist man gespannt, wie sich das Rätselspiel der 27. ETAGE am Ende entwirrt, aber man ahnt schon, dass vermutlich keine Erklärung wirklich befriedigend ausfallen wird. Die Auflösung gerät dann in den Bereich der Science Fiction und ist in der Tat nicht vollkommen überzeugend, aber man wird auch nicht übers Ohr gehauen.

Gefilmt ist DIE 27. ETAGE in kontrastreichem Schwarzweiß, was der Story und der transportierten Weltsicht, in der Menschen von einer nicht greifbaren Übermacht kontrolliert werden und die besten Freunde einem in den Rücken fallen, wenn genug Geld im Spiel ist, gut zu Gesicht steht. Neben den eher kargen Studioaufnahmen gibt es mehrere Originalschauplätze in New York zu bewundern, die dem Film - ebenso wie die zeitgemäße Musik von Quincy Jones - trotz seiner fantastischen Geschichte einen realistischen Anstrich verpassen. Der Thriller spielt nicht ganz in derselben Liga wie etwa Frankenheimers "Manchurian Candidate" (1962), kommt dem aber schon sehr nahe.
Gregory Peck, der von Robert Mitchum einst uncharmant als 'ödester Schauspieler Hollywoods" ('dullest actor in motion pictures') bezeichnet wurde, funktioniert gut als Identifikationsfigur, neben den bereits erwähnten Nebendarstellern Kennedy und Matthau können Jack Weston als Auftragskiller und Robert H. Harris als cholerischer Psychiater überzeugen. Diane Baker sieht wie immer bezaubernd aus, die überflüssige (und wahrscheinlich auf Druck des Studios integrierte) Liebesgeschichte zwischen ihr und Peck verlangsamt allerdings den Film im Mittelteil.

Insgesamt handelt es sich hier um erstklassiges Unterhaltungskino der 60er, spannend, wendungsreich und mit schauspielerischen Glanzlichtern. Von mir sehr empfohlen und bei uns jüngst (endlich) auf DVD erschienen.

8.5/10

Donnerstag, 2. Mai 2013

Jeepers Creepers 2 (2003)

Der 'Creeper' ist zurück und mal wieder auf der Suche nach Frischfleisch. Diesmal hat er sich einen Bus voller Basketballer und Cheerleader ausgesucht, die aufgrund einer Motorpanne mitten in der Prärie auf Hilfe warten müssen. Die Essensglocke für das Monster ist damit geläutet...

Nach dem finanziellen Erfolg des vergleichsweise kleinen Vorgängers "Jeepers Creepers" (2001) musste selbstverständlich ein Nachfolger her. Man darf es Regisseur Victor Salva anrechnen, dass er nicht den gleichen Plot noch einmal erzählt, sondern sowohl inhaltlich als auch formal andere Wege geht. Dafür stehen ihm deutlich mehr Geld und bessere Production Values zur Verfügung, weswegen JEEPERS CREEPERS 2 (Jeepers Creepers 2) auch einen schickeren und professionelleren Eindruck macht als der schmalbrüstige Vorgänger.

Während das Original jedoch in zwei Hälften - eine gute und eine sehr schlimme - zerfiel, ist das Sequel durchgängig mau, weder besonders gut noch furchtbar schlecht. Fast-Food-Kino zum Einmalsehen und Vergessen. Trotz eines stimmungsvollen Beginns, in dem sich der 'Creeper' als Vogelscheuche tarnt und einem kleinen Jungen nachstellt (schon wieder diese Fantasien...), trotz mehrerer Hitchcock-Anspielungen in den letzten beiden Dritteln und trotz guter Kameraarbeit kommt JEEPERS CREEPERS 2 einfach nie übers Mittelmaß hinaus.

Dafür sorgen vor allem die zwar knackigen, aber heillos unsympathischen Protagonisten, die hier als Kanonenfutter für das Monster verbraten werden, und die nichts anderes sind als eine nervige Gruppe plappernder, kreischender und intriganter Zicken, Machos und Feiglinge. Da ist kein Sympathieträger weit und breit zu entdecken, und ob einer von ihnen - oder alle - zur Hölle fahren, ist vollkommen wurscht. Die Mädels bleiben übrigens relativ züchtig, während sich die Jungs halbnackt auf dem Busdach sonnen oder gemeinsam zum Pinkeln gehen dürfen, womit der Film eher zu den wenigen homoerotischeren Beiträgen des Genres gezählt werden darf. Aber das nur am Rande.

Unter den ansonsten unbekannten und profillosen Darstellern findet sich ein Bekannter, nämlich Lynch-Schauspieler Ray Wise ("Twin Peaks"), der nach dem Tod seines Filmsohnes einen privaten Rachefeldzug gegen den 'Creeper' startet und sich dafür ein tolles 'Monstermobil' konstruiert hat. Dieser ganze Strang ist so hoffnungslos albern und trashig, dass man sich eher für den Darsteller schämt und unangenehme Erinnerungen an die 'lustigen Rattenfänger' in Argentos missglücktem "Phantom der Oper" (1998) aufkommen.

JEEPERS CREEPERS 2 hat ein paar spannende Momente, die aus der schutzlosen Situation entstehen, in der sich die potentiellen Opfer befinden, er weist auch eine überzeugende Hochsommer-Atmosphäre auf und kann mit ein paar ausgewählten Splatter-Momenten punkten. Insgesamt aber gehört dieses Sequel zu den 'kann man sehen, muss man aber nicht'-Fällen. Die Meinungen gehen da wieder sehr auseinander, manche finden ihn besser als den Vorgänger (weil teurer und actionreicher), die anderen können gar nichts mit ihm anfangen, weil die Figuren so uninteressant sind. Ich persönlich würde mir lieber die erste Hälfte des Originals noch einmal ansehen als den kompletten 2. Teil.

5.5/10



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