Freitag, 30. August 2013

Schizoid (1980)

Normalerweise war der selige Klaus Kinski ja auf Sozio- und Psychopathen abonniert, daher ist es zumindest mal eine schöne Abwechslung, wenn er in SCHIZOID ("Schizoid", oder auch "Murder by Mail") die Seite wechseln und einen Therapeuten spielen darf. So ganz geistig gesund scheint der aber auch wieder nicht zu sein...

In David Paulsens weitgehend uninteressantem Slasherbeitrag treibt sich ein irrer Schlitzer herum, der - mit schwarzen Handschuhen und Schere bewaffnet - die vornehmlich weiblichen Mitglieder von Kinskis Therapiegruppe niedermetzelt und einer Kummerkasten-Journalistin (Marianna Hill) Beicht-Briefe schickt.
Könnte hinter dem Killer der sanfte Ex-Mann (Craig Wasson, "Body Double", 1984) stecken, der die Trennung nicht verkraftet? Oder doch der einsame Handwerker (Christopher Lloyd in einer seiner seltenen seriösen Rollen, kurz bevor er den Flux-Kompensator entwickelte)? Ist es vielleicht der schwarze Glatzkopf, der Frau Hill bis zur Wohnungstür folgt (nein, denn der stellt sich gleich darauf als kreischende Tunte heraus, womit der Film sich in nur einer Szene gleichzeitig als rassistisch und homophob entlarvt - Applaus!)? Oder sitzen beim Ex-Edgar Wallace-Butler Kinski doch wieder die Schrauben etwas locker?

Fragen über Fragen, deren Antwort reichlich unspannend bleibt. SCHIZOID ist ein lahmer und uninspirierter Versuch, auf den Slasherzug aufzuspringen, ohne diesem einen nennenswerten Mehrwert zu verleihen. Hier werden lediglich die Formalitäten abgehakt. Regisseur Paulsen schert sich weder um Glaubwürdigkeit noch um Atmsophäre. Die Morde sind durchschnittlich blutig, die Schocks halten sich sehr in Grenzen und sind teilweise ungeschickt inszeniert. Der Whodunit funktioniert ganz gut, da sich alle männlichen Darsteller so merkwürdig verhalten müssen, dass jeder von ihnen als Täter in Frage kommt.

Kinskis Anwesenheit sorgt natürlich für einen gewissen (nämlich den einzigen) Reiz, und der berüchtigte Exzentriker spielt seinen Therapeuten anfangs überraschend zurückhaltend. Das ändert sich allerdings schnell, wenn sein bekanntester Manierismus - von jetzt auf gleich völlig auszurasten und augenrollend herumzubrüllen - durchschlägt und sich alle paar Minuten, zuverlässig wie eine Schweizer Kuckucksuhr, wiederholt. Sein Englisch ist hier so schlecht, dass es unfreiwillig komisch wird, und ohne Kinski hätte der Film nicht mal diesen Trash-Faktor, der ihn rudimentär unterhaltsam macht.

Die Frauen im Film fliegen übrigens alle auf Kinski. Das war wohl auch im wahren Leben so und bleibt mir ein ewiges Rätsel, aber über Geschmack lässt sich ja nicht streiten. Die Mitglieder seiner Therapiegruppe überschlagen sich jedenfalls, von ihm die Finger in den Mund gesteckt zu bekommen, befummelt oder gleich im Stehen penetriert zu werden, ohne dass er auch nur den Anzug ablegen würde. Glücklicherweise befinden sich nur attraktive junge Damen in der Therapie (und sitzen schon mal zusammen im Whirlpool), und gottseidank ist eine von ihnen zufällig auch noch Stripperin von Beruf, so kann SCHIZOID auch noch ein paar nackte Brüste präsentieren und sich im Sleaze suhlen. Nicht, dass das sonderbare, nach Inzest schreiende Verhältnis von Kinski zu seiner Filmtochter, die zum Abendbrot die Negligés der verstorbenen Mama aufträgt und mit Schokopudding um sich schmeißt, alleine nicht  ausreichen würde.

Was Kinskis amerikanische Horrorfilme angeht, ist "Killerhaus" (Crawlspace, 1986) auf jeden Fall empfehlenswerter, weil der viel abstruser, geschmackloser und daher wesentlich unterhaltsamer ausgefallen ist. SCHIZOID kann nicht mal als Slasher-Beitrag wirklich überzeugen und war bislang auch schwer aufzutreiben. In den USA ist der Film soeben auf Blu-Ray veröffentlicht worden, als Double Feature mit (dem wesentlich besseren) "X-Ray - Der erste Mord geschah am Valentinstag" (1982).

3.5/10


Sonntag, 25. August 2013

Vamp (1986)

Noch so einer, mit dem die Zeit nicht gut umgesprungen ist.

Richard Wenks VAMP (Vamp) versuchte Mitte der 80er, auf den erfolgreichen Zug der Horror-Komödien aufzuspringen. Der humorvolle Vampir-Grusler "Fright Night" (1985) hatte sich gerade als äußerst beliebt erwiesen, warum also nicht anstelle eines verführerischen männlichen Vampirs einen bizarren weiblichen Vampir (Grace Jones) präsentieren, der Jugendlichen das Blut aussaugt? Und wenn man schon dabei ist, könnte man doch Scoreses "Die Zeit nach Mitternacht" (1985) gleich mit verwursten! Gute Idee? Es geht so.

VAMP erzählt von zwei jungen Studenten (Robert Rusler und Chris Makepeace), die in eine hippe Studentenverbindung aufgenommen werden wollen und zu diesem Anlass losziehen, um zwei Stripperinnen für eine Party aufzugabeln. Da beide kein Auto haben, müssen sie die Dienste eines nerdigen Mitstudenten (Gedde Watanabe) in Kauf nehmen. Zu dritt fahren sie nachts in die schäbigste Ecke der Stadt und geraten in ein Strip-Lokal, das von Obervampirin Grace Jones und ihren untergebenen Blutsaugern betrieben wird. Bald schon müssen die Jungs um ihr Leben rennen. Aber aus dem Reich der Untoten gibt es kein Entkommen...

Wer jetzt automatisch an Robert Rodriguez' "From Dusk Till Dawn" (1996) denkt, dem sei gesagt, dass der Splatter-Kultfilm sich tatsächlich heftig bei VAMP bedient hat, zumindest inhaltlich. Visuell trennen die beiden Welten. Regisseur Richard Wenk und seine Kameraleute haben viel Freude daran, die nächtliche Parallelwelt, in welche die Studenten nach kurzem Auftakt in der Realität abrupt gestoßen werden, in knalligsten Neonfarben auszuleuchten, weswegen der Hauptteil des Films aussieht wie ein typisches Musikvideo der 80er. Das ist zwar ohne Frage hübsch anzuschauen, nutzt sich als Effekt aber auch schnell ab und hat den Film insgesamt furchtbar altern lassen. Heute fragt man sich, warum genau dieser Streifen eigentlich einen doch so hohen Bekanntheitsgrad hat, denn der Plot ist relativ lahm, wirklich witzig oder spannend wird es eigentlich nie, und das ewige Herumgerenne der Figuren durch die grüne und pinkfarbene Horror-Zwischenwelt ermüdet rasch.

Das Interessanteste an VAMP ist eher die Art, wie das nächtliche Vergnügungsviertel als schräge Parallelwelt geschildert wird, in der sämtliche Gesetze (auch die der Schwerkraft) ausgehebelt sind und die Szenerie ausschließlich von skurrilen und/oder bedrohlichen Gestalten bevölkert wird. Gelungen sind auch die handgemachten Spezialeffekte sowie der Strip-Auftritt von Grace Jones (die keine Zeile Text bekommt). Nach ihrer surrealen Tanzeinlage macht sich die exzentrische Diva gleich über den staunenden Robert Rusler her (so wie es Freddy Krueger kurz zuvor in "Nightmare 2 - Die Rache" vorgemacht hat - offensichtlich können Monster nicht die Finger von ihm lassen. Man kann es verstehen), was gleichermaßen erotisch und schaurig anmutet. Durch die offensichtliche Anspielung auf die seinerzeit grassierende AIDS-Hysterie (ungeschützter Sex mit Fremden = Tod) funktioniert VAMP hier auch als Horrorfilm ganz gut.

Leider verschwindet Rusler durch den Vampirbiss vorzeitig aus dem Film, und man bleibt mit dem langweiligen Chris Makepeace und seinem nervtötenden Sidekick Watanabe zurück, die bis zum Schluss durch Bodennebel und Disco-Lichter rennen. In einer Nebenrolle kann die hübsche Dedee Pfeiffer (die jüngere Schwester von Michelle) für ein bisschen Sex-Appeal sorgen und ist die mit Abstand sympathischste Figur im Film, doch das reicht bei weitem nicht, um VAMP unterm Strich zu einem bemerkenswerten Genre-Beitrag zu machen.

VAMP ist Fast Food-Kino der 80er, das heute allenfalls noch zum Schmunzeln anregt, und das von mir aus gerne in Vergessenheit geraten kann. Für Nostalgiker ist er einen Blick wert, aber an einen "Fright Night" kommt er mangels Ideen und Witz nie heran.

05/10

 Slave to the Rhythm - Grace Jones im 80er-Look in "Vamp"


Freitag, 23. August 2013

Nightmare (1981)

Ein Film, der beißt.

Romano Scavolinis NIGHTMARE (Nightmare in a Damaged Brain) hat nicht nur nichts mit Wes Cravens Elm Street-Reihe zu tun, man könnte ihn sogar als das genaue Gegenteil beschreiben. NIGHTMARE ist weder hochspannend noch technisch oder handwerklich perfekt und schon gar kein Mainstream-Horror. NIGHTMARE ist aus gleich mehreren Gründen ein extrem berüchtigter Billig-Sreifen, der schnell mal auf den Slasher-Zug aufspringen wollte, dabei aber so grimmig und verstörend geraten ist, dass man ihn in einem Atemzug mit William Lustigs "Maniac" (1980) nennen kann. So landete er in Großbritannien umgehend nach Erscheinen auf der Liste der "Video Nasties", und der Verleiher für 18 Monate im Knast, weil er sich weigerte, den Film (an einer Stelle) zu kürzen. In Deutschland drohte man gar mit dem sofortigen Beschlagnahmebeschluss, bevor der Film überhaupt das Licht der Videotheken entdeckte.

Der Plot von NIGHTMARE ist schnell erzählt: ein traumatisierter Killer kommt aus der Nervenheilanstalt und wird von grausamen Alpträumen geplagt, in denen sich ein schreckliches Erlebnis seiner Kindheit abspielt. Jetzt ist er auf dem Weg nach Florida zu Frau und Sohn, die er bereits mit Telefonanrufen terrorisiert. Der Drang zum Töten wird immer heftiger, je mehr sich die Alpträume häufen, und schnell müssen unschuldige Frauen und Babysitter dran glauben...

Da hat sich Romano Scavolini viel von John Carpenters "Halloween" (1978) geborgt, aber wo Carpenters Film eine perfekte Thriller-Maschine war, ist NIGHTMARE ein schundiges, schmieriges und stellenweise amateurhaftes Hinterhof-Filmchen ohne namhafte Schauspieler oder Production Values - mit einer Ausnahme. Für die Gore-Effekte, von denen es reichlich gibt, wird im Vorspann Make-Up-Meister Tom Savini genannt, und dessen Mitwirkung ist ein offenes Rätesl, denn der streitet bis heute ab, am Film beteiligt gewesen zu sein. Obwohl Fotos vom Set Savini bei der Arbeit zeigen, hat der Künstler stets behauptet, er sei bestenfalls als Berater tätig gewesen. Man spekuliert, dass Savini das aus Höflichkeit und Anstand abstreitet, weil er dem eigentlichen Maskenbildner Lester Lorrain (der sich kurz nach Veröffentlichung des Films das Leben nahm) nicht den Credit stehlen wollte. Jedenfalls drohte Savini mit Klage, wenn sein Name nicht aus dem Vorspann entfernt würde, was dann auch geschah (auf aktuellen Prints ist er aber wieder zu lesen), obwohl die Produktion versuchte, seinen Namen zu 'kaufen' - immerhin galt Savinis Mitwirkung seinerzeit als Ritterschlag und Kassengarant für jeden Horrorfilm.

Aber zurück zum Film, der sich praktisch im Sleaze suhlt. Dafür steht u.a. eine Szene, in der Hauptdarsteller Baird Stafford auf seinem Weg nach Hause eine trashige Peep-Show besucht, dort von Alpträumen heimgesucht wird und mit Schaum vorm Mund zuckend zusammenbricht. Alles nicht schön anzusehen. Die blutigen Morde sind geschmacklos und in ihrer drastischen Darstellung kaum zu überbieten. Obwohl die simplen Effekte offensichtlich sind, muss man aber sagen, dass hier die große Stärke von NIGHTMARE liegt - wenn man das als Stärke bezeichnen mag. Tatsache ist: er lässt nicht kalt. NIGHTMARE hinterlässt einen sehr unangenehmen, beunruhigenden Nachgeschmack, dem man sich schwer entziehen kann. Selbst wenn man ihn als Trash abgetan hat, geht er einem nicht so leicht aus dem Kopf, und das nicht nur wegen der Splatter-Momente, sondern wegen seiner durchweg bedrückenden Atmosphäre.

Seinen Vetter "Maniac" habe ich schon angesprochen, aber auch "Henry - Portrait of a Serial Killer" (1986) ist ein naher Verwandter, auch mein persönlicher Geheimtipp "Angst" (1983) oder Buttgereits "Schramm" (1994) schlagen in dieselbe Kerbe. Das sind alles Werke, mit denen man sich auseinandersetzen muss, weil ihr Anspruch über die übliche Horror-Zwischenmahlzeit hinausgeht. Die Gewalt in NIGHTMARE erreicht ein schwer erträgliches Level (man könnte ihn gut als "Blutbad" beschreiben), insbesondere durch die Einbeziehung von Kindern ("Halloween" wirkt dagegen extrem harmlos, gerade was die Bedrohung der Kindercharaktere angeht, an denen Michael Myers offenbar kein Interesse hat). Mord und Totschlag werden hier nicht verharmlost, um ein paar Teenies zum Kreischen zu bringen. Das Popcorn soll dem Zuschauer nicht nur im Halse steckenbleiben, sondern am besten gleich wieder hochkommen. Man tut dem Film Unrecht, wenn man ihn nur als billige Sensationsmache sieht.

Dass staatliche Prüfstellen einen solchen Film natürlich umgehend aus dem Verkehr ziehen wollen, ist klar. Das Publikum soll sich lieber anschauen, wie in Schwarzeneggers "Phantom Kommando" (1985) hunderte Nebendarsteller abgeschlachtet werden, ohne dass sonderlich viel Blut fließt und ein abgetrennter Arm noch Lacher erzeugt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden (immerhin ist "Phantom Kommando" einer der besten blöden Filme aller Zeiten), aber es muss auch die anderen Filme geben, die Gewalt als das beschreiben, was sie ist: sinnlos und abstoßend - und somit brutal realistisch (inklusive der Tatsache, dass Axt- und Messermorde eine ziemliche Schweinerei anrichten, wie man hier gut sehen kann).

Zur Wirkung von NIGHTMARE trägt besonders die Schluss-Szene bei, in der wir das traumatische Kindheitserlebnis des Killers in voller Länge sehen dürfen. Diese Sequenz (auf die ich aus Spoiler-Gründen nicht näher eingehe) ist gleichzeitig scheußlich brutal, tragisch, lächerlich und auf seltsame Weise berührend (und das Kind ist perfekt gecastet! Man fragt sich nur, welche Eltern ihren Sprössling für einen solchen Dreh hergeben). Die angehängte sarkastische Pointe ist da gar nicht mehr nötig, obwohl sie einen Kreislauf der Gewalt anspricht, in dem sich die Opfer von Terror bald selbst als Täter wiederfinden.

Ich kann NIGHTMARE weißgott nicht jedem empfehlen (und in Horror-Kreisen mag ihn auch fast niemand). Man braucht schon einen starken Magen und gute Nerven. Man braucht auch Sitzfleisch, weil es zwischendurch immer mal sehr langatmig wird. Aber er wirkt lange nach. Ein Film, der fast unmöglich zu werten ist.

7.5/10


Mittwoch, 21. August 2013

Stephen Kings "Es" (1990)

Angst vor Clowns?

Mit dieser Rezension werde ich mir vermutlich keine Freunde machen, aber ich werde es trotzdem mal angehen, denn die vielen positiven Reviews zum Film lassen mich doch eher ratlos zurück. Vorausschicken möchte ich, dass ich in der Jugend absoluter Stephen King-Fan war und alle Romane (zumindest in den 80ern, danach ermüdete meine Bewunderung aufgrund der vielen Wiederholungen in Kings Schaffen) verschlungen habe, und zwar so richtig mit Taschenlampe unter dem Bett und allem.
Kings wohl bekanntestes und meistgeliebtes Buch "Es" ist ein echter Mammutwälzer, der mich damals schon nicht unbedingt begeistert hat. Daraus überhaupt einen Film zu machen, schien lange Zeit unmöglich, bis schließlich ein dreistündiger Mehrteiler für das amerikanische Fernsehen produziert wurde. Die Regie führte Tommy Lee Wallace, der Horror-Fans bekannt sein dürfte, auch wenn er als Autor und Regisseur für mehrere Gurken wie "Halloween III" (1982) und "Fright Night 2" (1988) verantwortlich war.

Die Verfilmung hat mir seinerzeit ganz gut gefallen (wenn auch nicht vom Hocker gerissen) und genießt ohne Frage absoluten Kultstatus, aber bei erneuter Sichtung zeigten sich für mich doch so viele eklatante Schwächen und Längen, dass ich ihn  nur noch unter 'mittelmäßig' einordnen kann. Dabei will ich gar nicht den Roman zum Vergleich heranziehen. Dass viele Elemente der komplexen Geschichte dem Strich zum Opfer fallen mussten, war ohnehin klar und sollte niemanden ärgern oder überraschen.

STEPHEN KINGS ES (It) erzählt - in Kürze - von einer Gruppe Erwachsener, die aus allen Himmelsrichtungen in ihrer Heimatstadt reisen, wo sie als Kinder gegen ein Monster in Clowngestalt gekämpft haben. Damals schworen sie sich, sollte "Es" jemals wieder auftauchen, werden sie den Kampf ein weiteres Mal annehmen. Und wie es aussieht, treibt "Es" erneut sein Unwesen, und unsere Helden müssen sich den Ängsten ihrer Kindheit stellen...

Das ist ohne Zweifel eine fantastische Geschichte, die mehrere Jahrzehnte umspannt und mit vielschichtigen Themen arbeitet. Der größte Coup der Verfilmung ist die Besetzung von Tim Curry als Clown "Pennywise", die Verkörperung von "Es". Pennywise taucht gern hinter Wäschespinnen oder in Regenrinnen auf, um sich Kinder zu schnappen und aufzufressen. Tim Curry, der schon als 'Frank N. Furter' in der "Rocky Horror Picture Show" bizarr agierte, bekommt die mit Abstand erschreckendsten Momente im Film, die aber gleichzeitig grotesk-komisch sind. Hier wird Kings Fantasie sehr lebendig, und hier funktioniert ES als Horrorfilm ausgezeichnet (Currys erster Auftritt sorgt für echte Gänsehaut).
Der erste Teil, der die Kindheit der Außenseiter-Gruppe beschreibt, welche sich gegen Monster, prügelnde Eltern und halbstarke Schul-Proleten zur Wehr setzen muss, fällt überhaupt deutlich besser aus, zumal das Casting der Kinderdarsteller perfekt ist. Das kann man von den erwachsenen Schauspielern nicht durchweg behaupten. Zwar besitzen alle genügend TV-Erfahrung, aber ihr Spiel ist bestenfalls in Ordnung und kommt nicht an die Leistungen der Jungstars heran. Insbesondere Hauptdarsteller Richard Thomas ('John-Boy Walton' aus "Die Waltons" - das sind die, die sich immer "Gute Nacht" wünschen) fehlt es an Charisma.

Da es sich bei ES um einen TV-Film handelt, müssen natürlich auch bei der Darstellung von Gewalt und Terror Abstriche gemacht werden. Die Tricks und Effekte, von denen es viele gibt, halten den Film auf einem unterhaltsamen Level, waren aber schon damals nicht sonderlich überzeugend und sind noch schlechter gealtert. Das seltsame Spinnen-Monster, gegen das die Darsteller im Finale kämpfen müssen, scheint dann auch eher aus einem Werk Ed Woods zu stammen und sieht schlicht lächerlich aus. Der ultimative Fight, auf den die Story immerhin drei Stunden lang zusteuert, verkommt dadurch zu einer Monster-Muppetshow und verliert jede emotionale Wucht, die dieser 'Befreiungsschlag' der Gruppe eigentlich entfachen müsste.

Aufgrund der Beschränkungen des Mediums will sich auch kaum echte Atmosphäre einstellen. Zumeist ist alles hübsch bunt ausgeleuchtet und sieht heute sehr nach dem aus, was es ist - Fernsehen der 90er mit schlimmen Kostümen und Haarschnitten (besonders die der Männer, die ohnehin nicht sonderlich attraktiv anzuschauen sind, während Annette O'Toole eine ganz reizende Erscheinung ist - schade, dass ihre Karriere nie so recht in Schwung kam). Dafür kann der Film zwar nichts, weil er nunmal ein Produkt seiner Zeit ist, aber er hat sich dadurch eben auch nicht gut gehalten. Ein besserer Regisseur als Wallace, wie Romero oder Hooper (der immerhin "Salem's Lot" sehr gelungen fürs Fernsehen adaptiert hat), hätte wahrscheinlich auch visuell mehr aus der Geschichte herausgeholt.

Lange Rede, kurzer Sinn: für King-Fans ist ES auf jeden Fall zu empfehlen, weil hier eines seiner wichtigsten Werke zumindest teilweise adäquat umgesetzt wurde. Für sich genommen überzeugt ES allenfalls in den ersten 90 Minuten, bevor sich die Längen einschleichen. Das Wiedersehen war für mich eine Enttäuschung, aber die Massen von Bewunderern des Films sprechen eine deutliche Sprache. Da Stephen King in ES den Außenseiter feiert, bin ich in diesem Punkt aber gerne ein Sonderling. Mich haut ES nach wie vor nicht vom Hocker.
Sorry.

05/10

Sonntag, 18. August 2013

Die Hölle der lebenden Toten (1980)

Okay, hier haben wir einen ernsten Kandidaten für den schlechtesten Zombie-Film aller Zeiten - trotz der vielen Fans des Films, die sich heulend im Netz über die vielen bösen Verrisse ihres Lieblings beschweren.
DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN ("Hell of the Living Dead", auch bekannt als "Virus" oder "Zombie Creeping Flesh") ist nicht nur simpler Trash, sondern Trash vom Boden des Müllcontainers. Dass diese Tatsache nicht zwangsläufig bedeutet, man könne nicht viel Spaß mit dem Film haben, versteht sich von selbst, und wer nach Charakterisierungen, Plot, Logik, Schauspieltalent oder Regieleistung sucht, ist hier ohnehin im falschen Film.

Worum geht es? Aus einer Chemiefabrik irgendwo in der Nähe des Dschungels in Neuguinea entweicht eine radioaktive Wolke, die aus Lebenden zunächst Tote und dann lebende Tote macht. Ein vierköpfiges SWAT-Team, das gerade eine Geiselnahme blutig beendet hat, trifft im Dschungel auf eine fesche Reporterin und ihren Kameramann. Verzweifelt kämpfen sie gegen die Horde Zombies, die durchs Dickicht torkelt, bis sie schließlich das Chemiewerk erreichen, wo alles begann...

Bruno Mattei (im Vorspann "Vincent Dawn" genannt - Anspielung erkannt?) hat dieses Rip-Off auf dem Höhepunkt der Zombie-Welle inszeniert und bedient sich bei Romeros "Dawn of the Dead" (1978), als gäbe es kein Morgen. Da werden nicht nur Handlungsstränge geklaut, nein, sogar die Kostüme werden kopiert, es gibt einen Tom Savini-Doppelgänger, und die Musik von Goblin wurde einfach mal aus Romeros Werk...äh... übernommen (die Rechte daran wurden flugs nach Klage-Androhung seitens der Musiker von der Produktion besorgt, weswegen Goblin jetzt im Vorspann erwähnt werden, obwohl die Band keine Minute am Film gearbeitet hat). Glücklicherweise ist der Score so gut, dass er auch hier funktioniert und dem billigen Ramschfilm wenigstens ein bisschen Klasse verleiht, während Batterien von Zombie über die schlechten Darsteller herfallen.
Die Untoten sehen aus, als würden sie entweder unter Tage arbeiten, oder als hätte man ihnen schwarze Schuhcreme ins Gesicht geschmiert. Die Spezialeffekte sind blutig und weitgehend überzeugend - außer im Finale, wenn die Überlebenden in der Chemiefabrik allesamt von Zombies überrollt werden (ups, Spoiler, sorry) und der Hauptdarstellerin erst die Zunge aus dem Mund gezogen und dann die Augäpfel - plopp - von innen (!) aus dem Kopf gedrückt werden. Da musste leider eine arme Schaufensterpuppe dran glauben.

Um die Hauptdarstellerin ist es im übrigen auch nicht schade, denn die spielt von Anfang an immer nur das gleiche - jedesmal, wenn sie über Leichen oder Zombies stolpert (was ca. alle fünf Minuten passiert), steht sie da, reißt die Augen auf und kreischt sich die Seele aus dem Leib (siehe unten). Nur einmal verkleidet sie sich als Urwaldgöttin, um ungeschoren in ein Eingeborenendorf zu kommen. Dafür zieht sie schnell ein neckisches Röckchen aus Blattwerk über und bepinselt sich den nackten Luxuskörper mit Farbe. Den Trick kennen wir schon von Black Emanuelle, Ursula Andress und anderen Kannibalenfilm-Heroinen, aber fürs Überlebenstraining ist das eine sehr wichtige Lektion - wenn du in den Dschungel gehst, vergiss' die Fingerfarbe nicht, dann landest du auch nicht im Kochtopf. Die Ureinwohner setzen der Heldin dann noch einen Gipskopf auf, mit dem sie wie ein ZDF-Mainzelmännchen aussieht.

Apropos Dschungel: DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN ist bekannt, bzw. berüchtigt, für den Einsatz von haufenweise Stock Footage aus irgendwelchen Natur-Dokumentationen, weswegen sämtliche Aufnahmen von Flora, Fauna und Eingeborenenritualen filmisch nicht zu den fiktionalen Teilen passen wollen (weil völlig anderes Filmmaterial verwendet wurde), den Film aber mühsam auf die nötige Lauflänge bringen. Das ist so haarsträubend dreist und billig, dass man schon wieder applaudieren möchte.

Aber ich will nicht nur meckern. DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN bietet gleich zu Beginn einen schön-scheußlichen Moment, wenn eine untote Ratte in den Schutzanzug eines Chemiewerk-Angestellten kriecht und sich dort sozusagen durchbeißt. Später gibt es noch ein sehr geiles Zombie-Kind mit dem fiesesten Zombie-Kinder-Blick der Splatter-Filmgeschichte, sowie eine Zombie-Oma. Dass beide von Maschinenpistolen durchlöchert werden, ist nicht nett, passt sich aber der inneren Logik des Films an, nach der zwar schnell allen Beteiligten klar wird, dass man die Zombies nur per Kopfschuss erledigen kann, die bewaffnete Guerilla aber trotzdem fröhlich weiter auf Brustkörbe und Bäuche zielt, weil das schönere Einschusslöcher macht. Am Ende haben die Zombies dann gewonnen, aber das ist wahrlich keine Überraschung, wenn man die vielen Vorbilder kennt, bei denen sich der Film bedient (dazu gehören natürlich auch Fulcis Werke).

Letzten Endes ist es eine Frage von persönlichem Geschmack. Ich liebe ja Lenzis "Großangriff der Zombies" (1980) und dürfte schon deshalb Matteis Film nicht kritisieren, weil er im Grunde kein bisschen besser ist. Trotzdem fehlen mir hier Tempo, Spannung und die wirklich absurden Einfälle. Das Herumgerenne im Dschungel und in irgendwelchen Baracken wird schnell unglaublich öde, und das immer gleiche Kreisch-Gesicht der Hauptdarstellerin, die auch in größten Gefahrensituationen ständig nur herumsteht und sich von Kerlen mit Mega-Wummen retten lassen muss, geht mir mörderisch auf den Keks. Kann die nicht selbst mal eine Waffe in die Hand nehmen? Gaylen Ross hat es doch in "Dawn of the Dead" vorgemacht! Wenn man schon so schamlos bei Romero klaut, warum dann nicht die guten Einfälle?

04/10


Hilfe, die Zombies kommen, da kreisch ich doch mal!
Margit Newton in "Die Hölle der lebenden Toten"



Freitag, 16. August 2013

Passion (2012)

Brian De Palma ist zurück in seinem Element, dem erotischen Thriller mit Hitchcock-Anleihen, den er in den 80ern perfektionierte. Aber ist das ein Grund zur Freude?

Als Vorbild nahm er das französische Psychodrama "Love Crime" (2010). Der Plot bleibt unverändert bis in die Details: Die biestige Chefin (Rachel McAdams) einer Werbeagentur hintergeht und demütigt ihre mausgraue Assistentin (Noomi Rapace) so lange, bis diese sich nur noch mit Mord zu helfen weiß und einen raffinierten Plan ausheckt, die Vorgesetzte um die Ecke zu bringen und deren Lover dafür in den Knast zu schicken.

So weit, so bekannt. Stellen wir als erstes fest, dass es rational überhaupt keinen Grund gibt, ein Remake von "Love Crime" anzufertigen, denn der ist ein exzellenter Film mit zwei wunderbaren Hauptdarstellerinnen (Kristin Scott Thomas & Ludivine Sagnier), der seine Spannung aus leisen Zwischentönen bezieht. Brian De Palma ist nun weniger der Mann fürs Subtile. Während das französische Original leise und gedämpft daherkommt (bis ins Kostümbild hinein), ist in PASSION (Passion) alles laut und schrill. Die Kostüme sind knallig, die seelenlosen Büro-Sets grell ausgeleuchtet, und die erotische Spannung zwischen den Hauptfiguren, die im Original nur knisternd angedeutet wurde, verwandelt sich unter De Palmas Regie in feuchte Küsse, wildes Gegrapsche und sexuelle Nötigung. Das wundert nicht, wenn man "Femme Fatale" (2002) gesehen hat und De Palmas kindliche Freude an neckisch-lesbischen Spielchen kennt - die ihr Verfallsdatum spätestens seit Erfindung des Internets verloren haben. Heute kann ein Spielfilm einfach niemanden mehr mit kinky Masken, Dildos und Strap-Ons hinter dem Ofen hervorlocken, außer vielleicht ein paar Hinterwäldler oder Zeugen Jehovas.

PASSION ist eine französisch-deutsche Co-Produktion, deswegen spielt der Film in Berlin (was man an schlechten Greenscreens hinter Fensterscheiben erkennen kann), und deswegen laufen deutsche Schauspieler wie Benjamin Sadler oder Dominic Raacke kurz durchs Bild und sagen klischeehafte Dialoge auf. Der Schauplatz aber spielt keine weitere Rolle, es könnte genau so gut Paris oder Rom sein. Leider stand De Palma nicht so viel Geld zur Verfügung, um den Bildern die gewohnte Ausdruckskraft zu verleihen. Offen gesagt, sieht PASSION über weite Strecken sehr billig aus und wirkt stellenweise wie eine Video-Premiere aus den 90ern (und das nicht im guten Sinne). Da helfen auch keine verzerrten Kamerapositionen oder Jalousien-Schatten an der Wand, die irgendwie einen Noir-Eindruck vermitteln sollen. Eine Betriebsfeier des Multi-Millionen-Konzerns sehen wir z.B. nie in der Totalen, so dass man schnell erkennt, dass lediglich zehn Darsteller herumstehen. Und das "tolle Werbevideo", das im Film für Furore sorgt, ist furchtbar peinlich.

Auch die De Palma-Trademarks wie Splitscreen und Alptraum-Sequenzen nützen nichts, wenn die Charaktere uninteressant sind, und hier begeht PASSION den gröbsten Fehler. Rapace und McAdams zeigen zwar annehmbare Leistungen (wobei sich McAdams eher wie eine eitle Highschool-Zicke aufführt und weniger wie die erwachsene Abteilungsleiterin eines internationalen Konzerns. Man fragt sich ohnehin, ob ein Rollentausch der Damen nicht besser gewesen wäre), doch sämtliche Emotionen und Motivationen sind geradezu absurd unglaubwürdig. Wo "Love Crime" sich für die Menschen hinter den Figuren interessiert, interessiert sich PASSION stattdessen für Fetische wie Schuhe, Accessoires und Bettwäsche. Von wegen Passion, hier gibt es weit und breit keine Leidenschaft zu sehen oder zu spüren.
Die erste Filmhälfte ist sogar - und das ist das Schlimmste, was man über einen De Palma sagen kann - todlangweilig geraten. Dazu nimmt sich der Film auch noch trotz der albernen Story viel zu ernst - es sei denn, man findet ein Schuh-Model witzig, das auf dem Laufsteg ausrutscht und auf dem Arsch landet. Und warum De Palma das Psychogramm zugunsten eines simplen Whodunits aufgibt, verstehe wer will. Das wäre Hitchcock nicht passiert.

In der zweiten Filmhälfte bemüht sich der Regisseur um etwas Suspense, aber es wird einfach nie spannend, und erotisch schon gar nicht. Am Ende (keine Sorge, es folgt kein Spoiler) bietet er seinen Fans noch eine typische De Palma-Sequenz mit verschachtelten Parallelhandlungen, Treppenhaus und Fahrstuhl an, aber die Bankrotterklärung war nie offensichtlicher, zumal er mit dem Schluss-Schock schon wieder Argentos "Tenebre" (1982) klaut, den er schon in "Mein Bruder Kain" (1992) verwurstete. Wie oft denn nun noch?

Apropos Argento - die beiden ehemaligen Thriller-Meister haben doch erstaunlich ähnliche Karrieren. Keiner von beiden hat in den letzten 20 Jahren einen wirklich guten Film gemacht, und das, was beide am meisten auszeichnete, nämlich die suggestive Bildsprache, ist beiden verloren gegangen (Argentos aktuellen "Dracula 3-D" habe ich nach 20 Minuten entnervt entsorgt, weil ich das Trauerspiel nicht mehr mitansehen konnte). In Großbritannien hat PASSION gar nicht erst das Licht der Leinwand erblickt, sondern ist gleich auf dem DVD-Markt gelandet, und das wäre ihm auch hierzulande wiederfahren, wenn nicht die deutsche Filmförderung ihre Finger im Spiel hätte. Dafür ist er im Kino sang- und klanglos untergegangen, und zwar mit Ansage.

Was gibt es zu loben? Das Beste am Film ist Pino Donaggios Musik, die den Film nicht erschlägt, sondern punktuell grandios eingesetzt wird. Im Finale komponiert Donaggio eine Hommage an seinen eigenen Score zu "Dressed to Kill" (1980), aber die lässt einen nur wehmütig an die gute, alte Zeit zurückdenken, als De Palmas Filme provokant, sexy, satirisch und mörderisch spannend waren. In einer wichtigen Nebenrolle kann Karoline Herfurth (die spektakulär gut aussieht) begeistern, obwohl ihre Figur rein funktional bleibt und - wie alle anderen - nie lebendig wird. Das Kostümbild darf man ebenfalls als sehr originell bezeichnen.

PASSION ist leidlich unterhaltsam, wenn man überhaupt nichts erwartet, aber insgesamt hat man eher den Eindruck, jemand mit deutlich geringerem Talent hätte sich an einem klassischen De Palma versucht und ist damit gründlich gescheitert. Vielleicht soll man PASSION als Parodie verstehen. Das macht ihn aber auch nicht besser.

04/10


Samstag, 10. August 2013

I...wie Ikarus (1979)

Der Präsident eines fiktiven europäischen Staates wird in der Öffentlichkeit erschossen. Ein Attentäter, der nach der Tat angeblich Selbstmord begangen hat, ist schnell gefunden. Generalstaatsanwalt Volney (Yves Montand) bezweifelt den Abschlussbericht der Untersuchungskommission und macht sich selbst mit seinem Team auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei deckt er eine Verschwörung auf, die bis nach ganz oben reicht...

Der französische Kriminalfilm I...WIE IKARUS (I...Comme Icare) gehört ohne Frage zu den besten Polit-Thrillern aller Zeiten und in eine Reihe mit Klassikern wie "Zeuge einer Verschwörung" (1976), "Die Unbestechlichen" (1976) oder "Vermisst" (1981). Regisseur und Krimi-Spezialist Henri Verneuil nimmt für seinen Thriller das Kennedy-Attentat zum Vorbild und gibt sogar seinem vermeintlichen Attentäter den Namen Daslow, ein Anagramm für Lee Harvey Oswald. Minutiös schildert Verneuil die Aufarbeitung des Attentats und lässt Montand und Kollegen immer neue Spuren finden, die in immer tiefere Abgründe und größere Zusammenhänge führen.
Geradezu beispielhaft ist der Verzicht auf jede Emotionalität - so haben weder Montand noch seine Ermittler scheinbar ein Privatleben, Montand sehen wir nie zu Hause und erfahren erst zum Schluss, dass er überhaupt mit jemandem liiert ist. Er lebt in seinem Büro und handelt als Staatsanwalt nicht aus persönlichen, sondern aus rein beruflichen Motiven. Er ist lediglich seinem Gewissen verpflichtet und versucht, seine Arbeit zu machen. Nichts im Film lenkt von dem aufzuklärenden Fall ab, und der ist so hochspannend, wie man ihn sich von einem Polit-Thriller nur wünschen kann.

Das Böse bekommt in I...WIE IKARUS kein Gesicht, sondern bleibt eine unbekannte Größe, die im Hintergrund die Strippen zieht. Und je näher Montand der Wahrheit kommt (daher die Ikarus-Metapher), umso gefährlicher wird es für ihn. Das politisch engagierte Kino der 70er scherte sich nicht um versöhnliche Aussagen, sondern brachte das tiefe Misstrauen gegenüber staatlichen Organisationen und Obrigkeit in oft verstörender Weise auf die Leinwand. Auch ich kann mich noch erinnern, dass ich I...WIE IKARUS als Halbwüchsiger im TV sah und das Ende mich lange verfolgte. Auch die Szenen, in denen die mysteriösen Tode mehrerer Augenzeugen des Attentats trocken und fast im Vorbeigehen geschildert werden, haben eine zutiefst beunruhigende Wirkung.

I...WIE IKARUS nutzt dazu das bekannte "Milgram-Experiment", in welchem die Autoritätshörigkeit von Versuchspersonen (die anderen Probanden auf Befehl körperliche Schmerzen zufügen mussten) untersucht wurde, zur Erklärung der Attentäter-Motivation und zeichnet damit ein realistisches und beängstigendes Bild einer Gesellschaft, in welcher ein Großteil der Menschen praktisch nur darauf wartet, von Machthabern missbraucht zu werden. Wenn Montand zu einem Geheimdienstler sagt, er glaube an die Wichtigkeit von Geheimdiensten, habe aber die Befürchtung, dass diese sich eines Tages der Kontrolle entziehen, sich selbstständig machen und ihre gesammelten Informationen gegen die Bevölkerung nutzen, dann erreicht I...WIE IKARUS geradezu erschreckende Aktualität.

Umso wichtiger sind Filme wie dieser, die den Zuschauer mit unangenehmen Fragen und Wahrheiten konfrontieren - besonders, wenn sie dazu noch so fesselnd sind. Auch formal ist IKARUS ein Meisterstück, gerade weil er so bescheiden und nüchtern inszeniert ist. Eine moderne Variante wie "8 Blickwinkel" (2008) erreicht trotz allen Aufwands und massig Action nicht ansatzweise die innere Spannung eines I...WIE IKARUS, in dem ein simpler Anruf aus einer Telefonzelle und zwei Autoscheinwerfer ausreichen, um dem Publikum die Haare zu Berge stehen zu lassen.
Schade nur, dass die deutsche DVD ein so schlechtes Bild aufweist (4:3 Letterbox, flackernd und extrem körnig). Wenigstens geht der Ton in Ordnung, so dass Ennio Morricones fabelhafter Score gut zur Geltung kommt.
Wenn man überhaupt etwas an I...WIE IKARUS aussetzen wollte, dann höchstens die merkwürdige Perücke Montands. Das grenzt aber an Mäkelei. Alles andere am Film ist oberste Liga.

10/10




Freitag, 9. August 2013

Zum Tod von Karen Black (1939-2013)

Am 08.08.2013 verstarb die Schauspielerin Karen Black.

Karen Black gehört zu meinen Lieblings-Kinogesichtern, seit ich mich zurückerinnern kann. Sie war ein Star des New Hollywood der frühen 70er, spielte in großen Filmen ("Nashville", 1975) und Kultklassikern ("Easy Rider", 1969), arbeitete mit Altman, Hitchcock, Schlesinger und anderen Meisterregisseuren, und sie war auch im Horror-Genre eine feste Größe - wobei sie immer betonte, dass sie keine Horrorfilme, sondern Science Fiction mache (den etwas merkwürdigen Unterschied hatte ihr Regisseur Dan Curtis eingeflüstert, mit dem sie mehrere Filme drehte).

Karen Black besaß wegen ihres ungewöhnlichen Äußeren, das nicht dem klassischen Hollywood-Schönheitsideal entsprach, einen hohen Wiedererkennungswert und zeigte als ausgebildete Method Actress immer intensive und unterhaltsame Darstellungen, die gelegentlich in Camp abglitten.
Sie musste im Alleingang eine Passagiermaschine landen ("Giganten am Himmel", 1974), hat gegen eine afrikanische Kriegerpuppe um ihr Leben gekämpft ("Trilogy of Terror", 1975), wurde von einem bösen Sommerhaus in Norman Bates' Mutter verwandelt, die Oliver Reed aus dem Dachzimmer-Fenster schmeißt ("Landhaus der toten Seelen", 1976), hat mit William Devane als brünette Blondine Diamanten geklaut ("Familiengrab", 1975), als Hollywood-Vamp Donald Sutherland um den Verstand gebracht ("Der Tag der Heuschrecke", 1976), als toughe Journalistin schlagfertige Dialoge mit Elliott Gould ausgetauscht ("Unternehmen Capricorn", 1978) und wurde gemeinsam mit ihrem Sohn Hunter Carson von außerirdischen Invasoren gejagt ("Invasion vom Mars", 1986).

Langweilig war es nie, wenn Karen Black auftrat. Unvergessen ist auch ihre Mitwirkung im Making of von "Familiengrab", wo sie Hitchcock wunderbar imitiert. Viele ihrer Filme gehören zu meinen All Time Favourites. Karen Black war eine der Schauspielerinnen, von denen ich hoffte, dass sie ewig leben.

Mach's gut, Karen. Du wirst nicht vergessen!







Dienstag, 6. August 2013

Weekend (2011)

Wer kennt das nicht? Ein harmloser One Night Stand im Alkoholrausch, und bumms, ist man verliebt. Was dann?

Bademeister Russell (Tom Cullen) lebt in einem anonymen Neubau in Nottingham und lernt nach einem durchzechten Abend in einem schwulen Club den Künstler Glen (Chris New) kennen. Aus einer leidenschaftlichen Nacht werden drei gemeinsame Tage, an denen sich beide näher kommen, doch am Ende des Wochenendes hat Glen eine zweijährige Reise in die USA geplant. Wird das Wochenende daran etwas ändern?

Was in der Beschreibung wie eine typische Gay-Romanze mit rührigem Happy End klingt, das ist in Wirklichkeit einer der besten Filme des Jahres 2011, eine britische Independent-Produktion, die durch Realismus, Bescheidenheit, fantastisch ausgearbeitete Charaktere und zwei exzellente Hauptdarsteller begeistert.

WEEKEND (Weekend) ist eine Liebesgeschichte, kommt aber komplett ohne Kitsch aus (wenngleich nicht ohne Tränen, sowohl bei den Figuren als auch bei weiten Teilen des Publikums) und ist von vorne bis hinten unverstellt und ungekünstelt, eine Art "Brokeback Mountain" im Cinema-Vérité-Stil. Eine äußerliche Handlung gibt es nicht, Regisseur Andrew Haigh verzichtet auch auf einen begleitenden Score, sondern setzt Musik nur punktuell ein, wenn sie auch zur Szenerie gehört (in Clubs, Kneipen, auf Parties).
WEEKEND folgt damit Vorbildern wie "Before Sunrise" (1995) und lässt die Romanze lediglich über Spiel und Dialoge entstehen, die nur selten einen geschriebenen Eindruck machen, sondern vielmehr spontan, imprivisiert und naturalistisch wirken. Gleichzeitig gibt es unendlich viele kleine Charakterdetails, welche die Figuren zu greifbaren, auch widersprüchlichen Persönlichkeiten machen. Der Sex ist (weitgehend) unverklemmt, daneben wird eine Menge gesoffen, gekokst und gekifft, aber stets ohne moralischen Zeigefinger, weil es als Alltags- bzw. Wochenendbeschäftigung der Charaktere dazugehört und nicht zu 'dramatischen Konsequenzen' führt.

Das Beste an WEEKEND aber ist die Chemie der beiden Hauptdarsteller Cullan und New, ohne die der Film vermutlich nicht funktionieren würde. Beide spielen ihre Rollen so nuanciert und glaubwürdig, dass man oft das Gefühl hat, die Kamera würde unfreiwillig in das Intimleben dieser zwei Menschen eindringen. Obwohl WEEKEND bekannte Themen wie Coming Out, Ausgrenzung und schwules Selbstbewusstsein bespielt (Russell ist zwar geoutet, hat aber ein Problem mit Intimität in der Öffentlichkeit und spricht mit seinen Freunden nicht über sein Sexualleben, obwohl sie von seiner Homosexualität wissen), verkommt der Film nie zur vorhersehbaren Schmonzette, sondern bleibt durchgehend authentisch. Das ausgelutschte, schreckliche Wort 'gefühlsecht' trifft hier auf positive Weise voll ins Schwarze.

Lediglich der letzte Akt mag ein ganz kleines bisschen enttäuschen, aber da der Film einen Großteil seiner Spannung aus der Frage zieht, wie das Wochenende für beide ausgehen wird, will ich an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Trotzdem soll erwähnt werden, dass WEEKEND am Ende eine Szene, die wir schon gefühlte tausendmal gesehen haben, durch radikalen Verzicht und die Konzentration aufs Wesentliche wirklich herzergreifend hinbekommt, und das ist keine Kleinigkeit.

WEEKEND ist erwachsenes, ehrliches und berührendes Kino, das man sich hierzulande nur wünschen kann, und das (gottseidank) von künstlichen Hollywood-Romanzen Lichtjahre entfernt ist. Klare Empfehlung, nicht nur für die Zielgruppe. Für mich der beste schwule Film seit vielen Jahren.

09/10





Montag, 5. August 2013

DVD-Tipp: Die Körperfresser kommen (1978)

Für alle, die es - wie ich - lange nicht mitbekommen haben: In der so genannten 'Horror Cult Uncut'-Reihe von 20th Century Fox/MGM, in der moderne Horror-Klassiker wie "Carrie" (1976) noch einmal aufgelegt wurden, ist auch Philip Kaufmans wunderbares Don Siegel-Remake DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN (Invasion of the Body Snatchers) erschienen, welches zweifellos zu den besten  Neuverfilmungen aller Zeiten gehört. 

Der Clou: während die anderen Titel aus der Reihe schlichte Umverpackungen darstellen oder veränderte FSK-Einstufungen aufweisen (wie Romeros "Der Affe im Menschen", der nun uncut ab 16 freigegeben wurde), liegen die KÖRPERFRESSER hier erstmals in Deutschland in anamorpher Abtastung vor! Die bisher erhältliche DVD von MGM bot den Film lediglich in einer 4:3/Letterbox-Version.

An die US-Blu-Ray kommt die Bildqualität zwar nicht heran, ist aber der alten Fassung klar überlegen. Die DVD bietet außerdem ein Wendecover, welches das unschöne FSK-Siegel sowie den grafischen Rahmen verschwinden lässt, sowie den Audiokommentar des Regisseurs (der auch vorher schon enthalten war). Der Preis ist relativ gering und liegt momentan bei ca. 8 Euro, insofern gibt es hier gar nichts zu meckern. Für mich eine sehr willkommene Veröffentlichung (nein, für diese Werbung werde ich nicht bezahlt, ich habe mich nur gefreut, sie entdeckt zu haben).

Die ausführliche Rezension gibt es hier.


Samstag, 3. August 2013

Hotel zur Hölle (1980)

In Farmer Vincents Räucherfleisch stecken jede Menge guter Zutaten - unter anderem auch die Gäste seines Motels, das er irgendwo in der Einöde führt, und dessen Name 'Motel Hello' sich gern in 'Motel Hell' verwandelt, weil das 'O' der Leuchtreklame ständig flackert. Vincent (Rory Calhoun) lebt hier zusammen mit seiner Schwester Ida (Nancy Parsons). Im Garten seines Grundstücks baut er neben Obst und Gemüse auch Durchreisende an, die lebendig bis zum Hals dort vergraben sind und nicht nur guten Dünger abgeben, sondern auch den besonderen Geschmack ins Räucherfleisch bringen...

HOTEL ZUR HÖLLE (Motel Hell) wurde von Kevin Connor auf dem Höhepunkt der Slasher-Welle inszeniert und bewegt sich irgendwo zwischen Splatterfilm, schwarzer Komödie, Parodie und Satire. Er nimmt Vorbilder wie "The Texas Chainsaw Massacre" (1974) oder "The Last House on the Left" (1972) auf die Schippe und besitzt wegen seines extrem bizarren Einfalls der eingebuddelten Opfer, denen Farmer Vincent die Stimmbänder herausoperiert hat, damit sie nicht schreien können (und deswegen nur ein sehr unangenehmes Gurgeln von sich geben), einen beachtlichen Kultstatus. Ich persönlich konnte mit HOTEL ZUR HÖLLE nie wirklich viel anfangen und kann ihm auch nach erneuter Sichtung nicht mehr abgewinnen. Er ist weder wirklich komisch noch spannend, das Tempo geht durchweg gegen Null, und die Figuren sind uninteressante Abziehbilder - oder eben Parodien uninteressanter Abziehbilder aus ähnlichen Werken. Der Film weist außerdem wegen seines Settings starke Ähnlichkeiten zu Tobe Hoopers "Blutrausch" (1977) auf, in dem Tobe Hooper bereits selbst ironisch mit seinem Texas-Meisterwerk umgeht, und der im Vergleich deutlich besser abschneidet.

In der Hauptrolle schlägt sich Rory Calhoun als Farmer Vincent wacker, aber wenn man bedenkt, dass er 30 Jahre zuvor an der Seite von Marilyn Monroe und Robert Mitchum im Klassiker "Fluss ohne Wiederkehr" (1954) mitspielte, ist das schon ein ganz schöner Abstieg. Den Sprung zum Top-Star hat er nie geschafft, weswegen er sich die Rente mit Filmen wie diesem (oder Gastauftritten bei "Hart aber herzlich") aufbessern musste. Als Vincents übergewichtige Schwester führt Nancy Parsons ein Schmierentheater auf und wird vom Film als 'fette Lesbe' denunziert, was nicht wegen der Unkorrektheit sauer aufstößt, sondern wegen der Einfallslosigkeit.

Inszeniert wurde HOTEL ZUR HÖLLE von Kevin Connor, der nach mehreren Trashfilmen (wie "Caprona - Das vergessene Land") für die große Leinwand beim Fernsehen landete, wo er heute noch bombig im Geschäft ist und einen Film nach dem anderen dreht.
Warum genau HOTEL ZUR HÖLLE so viele Fans hat, erschließt sich mir nicht wirklich. Ich bin bei zwei Versuchen eingeschlafen und konnte mich auch jetzt nur mühsam wach halten. Sehenswert ist lediglich das Finale, wenn Farmer Vincent in einer grotesken Schweinemaske im Schlachthaus zum ultimativen Kettensägen-Duell gegen seinen jüngeren Bruder antritt, während eine junge Schönheit - gefesselt an ein Förderband - unaufhaltsam in Richtung rotierender Fleischsäge rollt. Das ist Grand Guignol vom Feinsten. Bis dahin aber sollte man sich Streichhölzchen in die Augen stecken, sonst könnte man es sanft schlummernd verpassen.
Was mordgierige Hinterwäldler angeht, ist mir ein kleiner, feiner "Tourist Trap" (1979) zehnmal lieber.

4.5/10
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