Mittwoch, 25. September 2013

Class (1983)

Als typische Teenie-Komödie und Jungstar-Vehikel ist CLASS (Class), der vom deutschen Verleih den grauenvollen Untertitel "Vom Klassenzimmer zur Klassefrau" bekam, ein Musterbeispiel. 
Die heißen 'Brat Pack'-Stars Andrew McCarthy und Rob Lowe spielen hier zwei Jungstudenten, welche sich die unterrichtsfreie Zeit im Studentenwohnheim mit originellen Streichen versüßen. Lowe ist der verwöhnte Spross aus reichem Hause, McCarthy der sympathische Underdog, der noch nie Sex hatte. Den bekommt er bald in Hülle und Fülle bei einem Ausflug nach New York, als er die reife Millionärsgattin Jacqueline Bisset trifft, die sich sofort in seine Naivität und jugendliche Unschuld verliebt. Wie sich aber schnell herausstellt, ist die gute Jacqueline keine geringere als die Mutter seines Zimmergenossen!

Klingt nach reichlich Stoff für turbulente Verwicklungen, doch nach anfänglichen Pubertär-Witzchen und Sex-Scherzen (inklusive nackter Brüste der jungen Virgina Madsen, die als überhebliche und politisch korrekte Schulkönigin sämtliche Demütigungen über sich ergehen lassen muss - von einem vollgereiherten Auto bis zu unfreiwillig heruntergerissener Bluse) hält sich CLASS eher mit boulevardesken Einfällen zurück und konzentriert sich auf die Charaktere, insbesondere den von Jacqueline Bissets unglücklicher High Society-Dame, die in einer lieblosen Ehe mit Cliff Robertson gefangen ist und den jungen McCarthy mit Sex und Klasse um den Finger wickelt. So ganz entscheiden kann sich CLASS nicht, ob er eher eine Liebesgeschichte, eine Coming-of-Age-Story oder eine fluffige Sexkomödie sein will. Er ist alles gleichzeitig und wirkt deshalb nicht sonderlich homogen. Wer nur sinnfrei ablachen will, wird sich nach der ersten Hälfte eher langweilen, wer etwas Romantisches sehen möchte, muss sich durch viel Klamotte quälen.

Die Geschichte über die Liebe einer Frau mittleren Alters zu einem unreifen Bürschchen klingt sehr französisch, ist aber in der Umsetzung von Regisseur Lewis Carlino (keine Sorge, den muss man nicht kennen) CLASS dann doch sehr amerikanisch geworden. Die Sex-Szenen sind nicht sonderlich gewagt oder natürlich, sondern eher schwerfällig und auf Witz getrimmt (der erste Sex findet in einem gläsernen Fahrstuhl statt, bei dem es immer 'rauf und runter' geht, alles klar?). Dafür sind die Teenager-Streiche zu Beginn sehr erfrischend erdacht und derb ausgeführt (McCarthy muss an seinem ersten Tag in Damenunterwäsche über den Campus laufen und täuscht dann effektiv einen Selbstmord vor), ohne allzu tief unter die Gürtellinie zu gehen.

Auf jeden Fall ist es schön, neben den dumm-dödeligen Teenies auch erwachsene Schauspieler wie Robertson und Bisset zu sehen. Besonders Jacqueline Bisset hebt mit ihrer Darstellung den Film stellenweise auf höheres Niveau und zeigt eine ganz wunderbare Leistung. McCarthy ist ein sehr ansprechendes Sensibelchen und genau die richtige Besetzung, Rob Lowe hingegen hat wie üblich Charme und Ausstrahlung einer Schaufensteruppe. Kein Wunder, dass er später sein privates Sex-Video veröffentlichte, sonst hätte man ihm nie eine menschliche Regung zugetraut. In Nebenrollen sind einige damals unbekannte Darsteller wie John Cusack und Alan Ruck ("Ferris macht blau", 1986) zu sehen, deren Durchbruch kurz bevor stand.

Insgesamt ist CLASS eine unausgewogene, aber dennoch sehenswerte Mixtur für Nostalgiker und 80er-Fans. Neben Jacqueline Bissets Dauerwelle und Kunstpelzen, mit denen sie gelegentlich wie ein Transvestit wirkt, gibt es allerhand weitere Mode- und Designersünden zu bestaunen.

6.5/10

Sonntag, 22. September 2013

Tödliche Absichten (1994)

Die gute Jamie Lee Curtis ist in ihrer frühen Karriere so oft von maskierten Schlitzern und fiesen Psychopathen gejagt worden, dass sie offensichtlich viel Spaß dabei hatte, in TÖDLICHE ABSICHTEN mal den bösen Part zu übernehmen. Und das macht sie grandios. 

Während der Psycho-Thriller "Die Hand an der Wiege" (1992) kurz zuvor mit einem Frauenduell um Familie, Ehemann und Mutterschaft abräumte, blieb dem thematisch ähnlichen TÖDLICHE ABSICHTEN (Mother's Boys) der Erfolg weitgehend versagt, obwohl er im direkten Vergleich der intelligentere Film ist. Warum er beim Publikum nicht zündete und auch heute noch eine eher bescheidene Durchschnittsnote in der IMDB erhält, kann ich beim besten Willen nicht sagen, ich mochte ihn schon damals und habe ihn jetzt wieder mit großem Vergnügen gesehen.

In TÖDLICHE ABSICHTEN (ein nicht nur öder, sondern auch falscher deutscher Titel, denn die tödlichen Absichten kommen erst sehr spät ins Spiel) spielt Jamie Lee Curtis die wohl einzig negative Figur ihrer bisherigen Karriere (zumindest ist mir keine andere bekannt). Vor drei Jahren hat Judith (Curtis) ihren Mann (Peter Gallagher) und die drei Kinder verlassen. Jetzt kehrt sie zurück und will ihre Familie wieder haben, doch der Gatte ist bereits mit einer sympathischen Schuldirektorin (Joanne Whalley-Kilmer) liiert und immer noch sauer auf seine Ex. Nachdem Verführung, Stalking und Psycho-Terror nichts nützen, zieht Judith ihren sensiblen Sohn Kes (Luke Edwards) auf ihre Seite, mit dem sie einen mörderischen Plan ausheckt, die Konkurrentin um die Ecke zu bringen...

Natürlich ist TÖDLICHE ABSICHTEN in erster Linie ein Psycho-Thriller, weswegen die Handlung relativ lautmalerisch und übertrieben daherkommt. Dahinter aber verbergen sich durchaus geschickt bespielte Ängste, die wohl jeder, der mal eine Scheidung durchgemacht hat, nachempfinden kann. Neben (berechtigter?) Kritik am Rechtssystem, das der Mutter grundsätzlich mehr Rechte als dem Vater zugesteht, ist besonders das Gezerre um den Sohn Kes, der von beiden Seiten manipuliert wird und nicht weiß, zu wem er gehören will oder soll, schmerzlich anzuschauen, weil das ein ganz übles Spiel ist, das in der Realität nicht selten vorkommt.
Überhaupt geht TÖDLICHE ABSICHTEN mit den Kindern ziemlich robust um - die werden vom Psychokrieg der Eltern (den Jamie Lee Curtis anzettelt, während Gallagher eher hilflos dagegen hält) regelrecht zermalmt und geraten mehrfach in Lebensgefahr. Ganz besonders eine Szene gegen Ende, in der sich der Kleinste der drei Brüder an einer Glasscherbe verletzt, ist schwer auszuhalten. Gut, dass die Kinderdarsteller der Herausforderung gewachsen sind, wobei Luke Edwards als Curtis' Lieblingssohn eine sehr beeindruckende Leistung zeigt.

Den Abräumer-Part aber hat Jamie Lee Curtis, die hier furios, sexy und eiskalt agiert. Man liebt es, sie zu hassen, sozusagen. Als Zuschauer kann man ihre Sehnsucht nach der heilen Familie und den Kindern verstehen, zumal ihre Filmmutter Vanessa Redgrave (wie immer großartig) die tragische Hintergrundgeschichte für Curtis' Verhalten liefert und man Curtis auch (kurz) als Opfer sehen darf. Ihre Handlungen aber sind so hinterhältig, dass man kein Mitleid mit ihr empfindet. Regisseur Yves Simoneau reichert die Beziehung zwischen Curtis und ihrem Filmsohn Edwards dazu mit einer gehörigen Portion Inzest-Tabu an, wenn sie nackt vor ihm in der Badewanne steht und von den guten alten Zeiten schwärmt, als sie zwei Tage in den Wehen lag und er einfach 'nicht raus wollte'.
Dazu benimmt sich Curtis durchweg unberechenbar und sorgt für einen klasse Moment, wenn sie sich im Büro ihrer Rivalin mit einer Glasscherbe die Stirn aufritzt (die Scherben dienen als Leitmotiv für die kaputte Familie, die im wahrsten Sinne 'in Scherben' liegt), um den Eindruck zu erwecken, Whalley-Kilmer habe sie angegriffen.

Neben der famosen Leistung von Jamie Lee Curtis, die den Film komplett dominiert, sorgen Yves Simoneau und sein Kameramann für extrem durchgestylte Bilder und ein ausgefallenes Lichtdesign. Während das Haus der Familie in warmen, realistischen Farben gehalten ist, wird das Luxus-Apartment von Jamie Lee Curtis in grelle, knallig-kalte Farben getaucht, und je mehr Curtis Einfluss auf ihren Sohn nimmt, umso mehr schleichen sich ihre 'kranken' Farbtöne in Gallaghers Haus ein. Sehr einfach, aber sehr effektiv. Während Joanne Whalley-Kilmer Wärme und Natürlichkeit verkörpert, betont der Film immer wieder Curtis' Künstlichkeit, von den makellosen Haaren und extravaganten Kostümen bis hin zu offensichtlichen Rückprojektionen, wenn sie im Auto sitzt. An dieser Frau ist außer ihrer Zuneigung zum Sohn (die anderen beiden Kinder scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren) alles unecht.

Achtung, Spoiler:

Das Finale des Films mag einem sehr konstruiert und über die Maßen unglaubwürdig vorkommen (es ist dermaßen over the Top, dass es unfreiwillig komisch wird, wenn Whalley-Kilmer als 'Super-Mom' gleich allen drei Kindern nacheinander das Leben retten muss), aber es ist äußerst unterhaltsam und schließt gleich mehrere Kreise (Curtis, die als Kind mitansehen musste, wie ihr Vater sich zu Tode stürzte, macht selbst einen tödlichen Abflug, den wiederum ihr Sohn mitansieht). Anders als ein "Die Hand an der Wiege", wo am Ende die heile Familie triumphiert, konzentriert sich TÖDLICHE ABSICHTEN zum Schluss auf den traumatisierten Sohn, von dem man annehmen darf, dass er ähnlich soziopathische Eigenschaften entwickeln wird wie seine Killer-Mami.

Spoiler Ende. 

TÖDLICHE ABSICHTEN ist ein rundum spannender, gut gespielter und hervorragend fotografierter Thriller mit (begrenztem) Tiefgang, der mehr Beachtung verdient hätte. Er ist zudem sehr gut gealtert und sieht sich heute noch so gut weg wie damals. Natürlich ist er kein Meilenstein der Thriller-Geschichte, aber innerhalb der engen Grenzen des Psychopathen-Genres funktioniert er bestens. Von mir gibt's keine Beanstandung.

8.5/10

Samstag, 21. September 2013

Der Frauenmörder (1988)

Anfang der 90er wimmelte es im US-Kino von Psychopathen, die heile Mittelstandsfamilien sowie erfolgreiche Yuppie-Singles drangsalierten und stets dafür mit dem Tode bezahlten.
DER FRAUENMÖRDER (Criminal Law) von Martin Campbell ("Goldeneye", 1993) ist noch vor dieser Welle entstanden und war ein Misserfolg an den Kinokassen - vielleicht auch, weil er sich nicht so recht zwischen Psycho-Thriller, Charakterstudie und Gerichts-Krimi entscheiden kann. Auf jeden Fall vermag er trotz einiger Stärken nicht vollends zu überzeugen.

Worum geht es? Gary Oldman spielt einen abgebrühten Strafverteidiger, dessen aktueller Klient Kevin Bacon wegen eines brutalen Frauenmordes vor Gericht steht. Dank eines Winkeladvokaten-Schachzugs gelingt es Oldman, Bacon freizubekommen, doch das spornt diesen nur zu weiteren Taten an, zumal er in seinem Anwalt nun einen Verbündeten sieht. Nach einem weiteren Mord, bei dem er Oldman als unfreiwilligen Augenzeugen beteiligt, übernimmt Oldman erneut Bacons Verteidigung, spielt aber der Polizei Insider-Erkenntnisse zu und versucht schließlich selbst, Bacons mörderischen Rausch zu stoppen...

DER FRAUENMÖRDER erinnert in vieler Hinsicht an Hitchcock, insbesondere die komplexe Täter/Mitwisser-Beziehung aus "Der Fremde im Zug" (1951) hat es Regisseur Campbell offenbar angetan. So sind die Szenen zwischen Oldman und Bacon dann auch die stärksten des Films, auch wenn dieser Hitchcocks Niveau natürlich nie erreicht. Kevin Bacon ist wohl die größte Überraschung, denn der spielte hier erstmals nach vielen belanglosen Komödien in den 80ern eine vielschichtige Rolle, die man so nicht von ihm erwartet hat, und das macht er außergewöhnlich gut. Dass hinter seiner hübschen Netter-Junge-Fassade ein seelenloser Killer steckt, nimmt man ihm jederzeit ab.

Leider aber bekommt Bacon nur einen Bruchteil der Filmzeit, während Gary Oldman den Hauptpart erhält, und das ist ein Problem. Oldman ist zwar ein hervorragender Schauspieler, aber auch einer, der oft zu viel gibt und gern mit Schaum vorm Mund spielt. Als Sympathieträger ist er ohnehin nur bedingt geeignet (weshalb er in den letzten Jahrzehnten auch vorwiegend den Bösewicht gibt), darüber hinaus muss er aber auch noch einen ziemlich widerlichen Yuppie spielen, dessen Motivationen höchst verschwommen sind - zunächst denkt er nur an sich und seinen Erfolg, dann packt ihn plötzlich das schlechte Gewissen (weil er über eine Leiche stolpert...ein wenig dünn), und fortan betätigt er sich als Detektiv, bricht im Handumdrehen sämtliche Regeln seines Berufsstandes und bringt sich selbst mehrfach in Lebensgefahr. Als Zuschauer hat man Schwierigkeiten, ihm zu folgen und ihm die Daumen zu drücken, weil er letztlich doch ein - Verzeihung - unsympathisches Arschloch bleibt, dem es weniger um die getöteten Frauen als seine eigene Absolution geht. Auch wenn das insgesamt eine komplexere Herangehensweise ist (anstatt ihn lediglich als unschuldiges Opfer, das von seinem Klienten missbraucht wird, zu zeichnen), will sie nicht überzeugen. In Sidney Lumets unterschätztem "Jenseits der Unschuld" (1993) funktioniert diese Katz- und Maus-Beziehung zwischen Verteidigerin in Not und Killer wesentlich besser.

Trotzdem hat DER FRAUENMÖRDER spannende Sequenzen zu bieten, etwa wenn Karen Young als Oldmans Helferin bei nächtlichem Gewitter (hier gewittert es jede Nacht) in einer Artpraxis nach Beweisen sucht, während Killer-Bacon bereits um sie herumschleicht. Da fühlt man sich an "Dressed to Kill" (1980) erinnert. Zudem ist es schön zu sehen, wie Karen Young dem üblichen Thriller-Klischee entweicht und sich nicht in die Opfer-Rolle drängen lässt, sondern sich zäh gegen Bacon zur Wehr setzt. In einer Nebenrolle liefert Elizabeth Shepherd als Bacons Mutter (und Grund für dessen Untaten) eine grandios-gruslige Leistung ab, und Jerry Goldsmiths zurückhaltender Score sorgt für die passend düstere Untermalung. Auch die Sets sind gut ausgewählt und stimmungsvoll fotografiert.

Wer am Ende hofft, dass Oldman dank eines genialen juristischen Tricks den Frauenmörder zur Strecke bringt, wird leider enttäuscht werden, denn da folgt der Film dem üblichen Schema und endet mit einer simplen Ballerei. Wirklich befriedigend ist das nicht, ebenso wie der gesamte Thriller, der im übrigen auch zu lang geraten ist und stellenweise leicht durchhängt. Insgesamt ist DER FRAUENMÖRDER schwer zu beurteilen. Geschmackssache.

6.5/10

Mittwoch, 18. September 2013

Perfect (1985)

Wenn man seinen Film "Perfect" nennt, muss man sich darauf gefasst machen, dass sämtliche Kritiker und Rezensenten sich darauf stürzen und mit der Lupe nach Schwächen suchen, um sich darüber lustig zu machen und sich in sarkastischen Wortspielen zu üben. Anders aber als bei dem ähnlich mutig betitelten "Besser geht's nicht" (1997), an dem es in der Tat nichts auszusetzen gab, musste hier niemand irgendwas mit der Lupe suchen, denn PERFECT (Perfect) gehört zum schlimmsten Big Budget-Trash der 80er.
Der Film war ein Mega-Flop und ein weiterer Nagel im Sarg von John Travoltas Karriere (er wurde bekanntlich in den 90ern von Tarantino wieder aus der Versenkung geholt). Die einzige, die dieses Fiasko unbeschadet überstanden hat, war Jamie Lee Curtis, und das zu Recht, weil sie als einzige ihre Würde behält - obwohl der Film es ihr weißgott nicht leicht macht und sie mit den schlimmsten Kostümen und Dialogen bombardiert, die man im Jahrzehnt des schlechten Geschmacks, das wir alle so lieben, zu hören und zu sehen bekam.

Worum geht es? PERFECT basiert auf einigen Artikeln über die Aerobic-Szene L.A.s, die im 'Rolling Stone'-Magazin veröffentlicht wurden. John Travolta spielt einen Reporter, der sich aufmacht, hinter den Kulissen der Aerobic-Studios - den 'Single-Bars der 80er' - zu recherchieren (was genau er da zu finden hofft, bleibt unklar). Dabei verliebt er sich in die Fitness-Trainerin Jamie Lee. Die Beziehung wird aber auf eine harte Probe gestellt, als sie erkennt, dass Travolta nur hinter ihr herschnüffelt....

So, liebe Kinder, wem bei dieser Inhaltsangabe nicht sofort die Füße einschlafen, der dürfte sich wohl auch bei einer Folge "Derrick" spannend unterhalten. Man mag sich gar nicht das Meeting vorstellen, bei dem diese Idee gepitcht wurde, und auf welchen Drogen die Executives gerade drauf waren (vermutlich Kokain, immerhin waren es die 80er), um den Film durchzuwinken. Was genau aufregend an dieser lahmen Story sein soll, erschließt sich auch bei Sichtung des fertigen Werks nicht, denn das ist so sturzlangweilig, dass man nach einer Stunde verzweifelt auf die Uhr schaut und feststellt, dass gerade erst fünf Minuten vergangen sind. Die Charaktere sind allesamt uninteressant, Travolta ist als Enthüllungsjournalist vollkommen unglaubwürdig (kein Wunder, dass Carly Simon kurz vorbeischaut und ihm ihren Tomatensaft ins Gesicht schüttet), und wen interessiert schon, was die Leute in Aerobic-Kursen so treiben? Leider ist diese Welle nun auch schon ein paar Jahre vorbei, so dass PERFECT heute noch erbärmlicher wirkt als damals.

Die Langeweile wird lediglich durch einige Geschmacksverirrungen unterbrochen, die dem Film den Trash-Faktor verleihen und wenigstens unfreiwillig komisch bis peinlich sind. Das fängt damit an, dass Jamie Lee bei ihrem ersten Auftritt eine Aerobic-Klasse unterrichtet und dabei ein knappes Nichts von Gymnastikanzug trägt, das freien Blick auf Leber und Nieren der Darstellerin gewährt (Übertreibungen meinerseits sind der Dramatisierung geschuldet). Später besucht Travolta als Schüler ihre Klasse, und zu schrecklichem 80er-Pop schwingen beide roboterhaft so lange ihre Hüften, bis auch dem letzten Dödel klar geworden ist, dass das Ganze irgendwie sexy sein soll - mit anderen Worten, die beiden treiben es praktisch vor der gesamten Klasse, ohne sich dabei anzufassen. Tolle Idee für ein Traumpaar, oder? Bogart und Bacall wären neidisch. Die Sequenz ist in der Tat so lang, dass auch der notgeilste Zuschauer die Lust verliert, den beiden ruckelnden Gymnastik-Robotern noch länger zuzuschauen, und selbst Jamie Lee und John wissen offensichtlich nicht mehr, was sie da noch für Gesichter machen sollen.
Es erübrigt sich vielleicht zu sagen, dass die Chemie zwischen beiden gleich Null ist. Travolta hätte sich wohl lieber einen der Jungs aus der Klasse geschnappt, während Jamie Lee zwar ohne Frage spitzenmäßig in Form ist, aber nun mal keine sinnliche Ausstrahlung besitzt - nicht eine Schweißperle drückt sie während der ganzen Kopulationssimulation ab.

Dazu kommt, dass der gesamte Film nichts weiter als Werbung für das 'Rolling Stone'-Magazin sein will. Für das Kinoplakat und den Vorspann wurde sogar der Filmtitel im RS-Design gestaltet. Eigentlich müsste "Dauerwerbesendung" durchgehend eingeblendet werden. Sehr künstlerisch.

Viele Filme sind besser als ihr Ruf. PERFECT gehört allerdings verdientermaßen in die Hall of Shame der Hauptdarsteller. Mehr als ein paar unfreiwillige Lacher und voyeuristische Ansichten beider Beckengegenden hat der Film nicht zu bieten.

02/10


"Pump it Baby, ich hab' keinen Schlüpper an!" - John  Travolta in "Perfect"



Freitag, 13. September 2013

Mannequin (1986)

Bleiben wir noch kurz in den 80ern und wenden uns dieser romantischen Fantasy-Komödie zu.
MANNEQUIN (Mannequin) war seinerzeit ein respektabler Kino-Hit, und zwar aus zwei Gründen: Andrew McCarthy und der Filmsong von 'Starship'. McCarthy war erklärter Teenie-Schwarm und Liebling aller BRAVO-Leserinnen (sowie aller Leser, ähem), während 'Starship' (vormals 'Jefferson Starship') den Song "Nothing's Gonna Stop Us Now" beisteuerten, der zu einem Mega-Hit wurde und sogar heute noch extrem hörbar ist - zumindest gehört er zu meinen persönlichen Favoriten des 80er-Pop.
Warum man sich den Film ansonsten anschauen sollte, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Seinerzeit hat er mir ganz gut gefallen, aber da befand ich mich auch mitten in der Pubertät. Aus heutiger Sicht ist MANNEQUIN eher eine Katastrophe.

Worum geht es? Der erfolglose Künstler McCarthy bastelt in einer Schaufensterpuppenfabrik seine Traumfrau zusammen, wird aber - wie so oft - schneller gefeuert als er gucken kann, weil er sich nicht an die Regeln hält. Nach mehreren Hilfsjobs landet er als Lagerist in einem großen Warenhaus (welches Estelle Getty, 'Sophia' aus den 'Golden Girls' gehört) und begegnet dort seiner Puppe wieder. In dieser steckt jetzt der Geist einer ägyptischen Prinzessin, und weil Andrew sie so liebt, wird sie für ihn lebendig (bitte keine Fragen stellen, ich gebe nur wieder). Zusammen gestalten sie die fantasievollsten Schaufenster und verlieben sich, doch die Konkurrenz ist schon auf den Plan gerufen und versucht das fröhliche Treiben zu beenden...

Zugegeben, die Idee ist im Grunde ganz charmant, und Hauptdarstellerin Kim Cattrall (später populär als sexhungrige Samantha in "Sex and the City") passt perfekt in die Rolle der Schaufensterpuppe (das meine ich positiv). Auch McCarthy ist als Loser gut besetzt. leider aber sind sie die einzigen, die mit etwas Würde auftreten, während sämtliche Nebendarsteller - darunter Hochkaräter wie James Spader - einen geradezu unglaublichen Wettbewerb im Chargieren hinlegen, bei dem keiner gewinnt und der Zuschauer als Verlierer vom Platz geht. Es bereitet regelrecht Schmerzen, diesem Aufmarsch aus Durchgeknallten zuzusehen, wie sie grimassieren, schlechten Slapstick abliefern und unwitzige Pointen absondern.
Am schlimmsten erwischt es den von Meshach Taylor gespielten Schaufensterdekorateur 'Hollywood', der nicht nur schwul ist (damit könnte man zur Not leben, obwohl auch das schon ein Klischee ist), nein, er muss auch als kreischende Supertunte mit Mädchenstimme durch den Film hüpfen und sich weibischer gebärden als das komplette Ensemble von "Priscilla - Königin der Wüste" (1994). Das ist so beleidigend, dass einem die Worte fehlen, und sogar den Darstellern scheint es hin und wieder peinlich zu sein.

Aber was soll man machen, wenn einem Michael Gottlieb als Regisseur vorgesetzt wird, der sich hier erstmals an einem Kinofilm ausprobierte und offenbar nie etwas von Timing, Humor oder "weniger ist mehr" gehört hat. Nach drei weiteren 'Komödien' ähnlichen Kalibers war übrigens Schluss mit der Karriere, bzw. wechselte Gottlieb ins Videogame-Fach, wo er hoffentlich weniger Schaden anrichtet.
Zu den grauenvollen Einfällen von MANNEQUIN gehört auch G.W. Bailey ("The Closer") als Kaufhaus-Wachmann mit furzendem Köter namens 'Rambo' (später bekommt er einen neuen Hund namens 'Terminator' - was haben wir gelacht!), und man darf sich erneut für James Spader fremdschämen, der mal wieder einen gelackten Fiesling abgibt.

Mit der Figur der ägyptischen Prinzessin stellt sich MANNEQUIN auch noch selbst ein Bein. Die wird am Anfang - im alten Ägypten - als durchaus selbstständig denkende, eigenwillige Frau gezeichnet, die sich gegen eine Zwangsheirat (mit einem Kameldunghändler) wehrt und ihren eigenen Weg gehen will. Nachdem sie aber durch die Zeiten gedüst ist, bleibt sie ausgerechnet in den 80ern hängen, findet die große Liebe und landet - Taraa! - vor dem Traualtar! Von wegen Karrierefrau! Warum sie überhaupt durch die Zeit reisen kann, warum sie nur für McCarthy zum Leben erwacht, oder warum sie am Ende plötzlich auch für andere sichtbar wird (oder mit welchen Papieren sie wohl die Hochzeitserlaubnis bekommen hat), bleibt das Geheimnis des Films, der sich um derlei Fragen einen Dreck schert.

Was bleibt, sind ein paar hübsche Drehbuch-Ideen zu Beginn, wenn McCarthy jeden Job verliert, weil er zu künstlerisch veranlagt ist (er braucht Stunden, um eine Pizza zu dekorieren und schneidet Hecken in Häschenform), die auf dem Papier sicher nett zu lesen waren, im Film aber mit dem Holzhammer totegprügelt werden. Schön ist das Wiedersehen mit Estelle Getty, diesmal ohne weiße Perücke, und natürlich wird man vor dem Abspann mit dem lang erwarteten "Nothing's Gonna Stop Us Now" versöhnt, das es tatsächlich schafft, den Eindruck zu erwecken, man habe sich amüsiert.

MANNEQUIN war so erfolgreich, dass es 1991 ein als Sequel getarntes Remake gab, mit William Ragsdale und Kirsty Swanson in den McCarthy/Cattrall-Rollen. Und man sollte es kaum glauben - der war noch schlechter!

3.5/10

Montag, 9. September 2013

Staatsanwälte küsst man nicht (1986)

Die Krimikomödie STAATSANWÄLTE KÜSST MAN NICHT (Legal Eagles) war einer der großen Mainstream-Hits der 80er. Die Zutaten: zugkräftige Stars, eine nicht allzu verzwickte Handlung, eine rührige Liebesgeschichte, ein bisschen Action und etwas Screwball Comedy.

Die Handlung: Staatsanwalt Tom Logan (Robert Redford) untersucht auf Bitten der Verteidigerin Laura Kelley (Debra Winger) den Fall eines Einbruchsdiebstahls, bei dem die attraktive Künstlerin Chelsea (Daryl Hannah) ein wertvolles Gemälde an sich bringen wollte. Kurz darauf ist ein angesehener Galerist tot, auf Tom und Laura werden Mordanschläge verübt, und Chelsea landet in Toms Bett...

STAATSANWÄLTE KÜSST MAN NICHT ist eine durch und durch gefällige Angelegenheit, die neben der Starbesetzung vor allem mit hohen Production Values aufwarten kann. Immerhin gehörte der Film mit ca. 40 Millionen Dollar Kosten zu den teuersten Spielfilmen seiner Zeit - was angesichts des dünnen Plots und der absoluten Harmlosigkeit des Ganzen schon überrascht. Regisseur Ivan Reitman ist mit Sicherheit kein Howard Hawks, und das Gespann Redford/Winger kann den Vorbildern Hepburn/Tracy nicht das Wasser reichen, immerhin aber besitzen beide genug Charisma (und sind hübsch anzuschauen), um gut über die Runden zu kommen. Redford spielt hier (mal wieder) den charmanten Sonnyboy, der lediglich durch eine gewisse Trotteligkeit aus dem Rahmen fällt - die man Redford allerdings nicht wirklich abnimmt. Debra Winger - wohl eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation - wird völlig unterfordert und muss die etwas biestige, aber liebenswerte Anwältin geben, die sich natürlich in Redford verliebt.
Da der Sex-Appeal von Daryl Hannah beigesteuert wird (und das gelingt ihr ausnehmend gut), muss Winger in unkleidsam-konservativen Business-Kostümen durch den Film schreiten, die wahlweise in schwarz oder grau gehalten sind (Loriot würde sagen: "Soll ich da mal ein ganz frisches steingrau vorschlagen?"). Die unschmeichelhaften Outfits (siehe Plakat) sind eine Frechheit gegenüber Winger. Was lernen wir daraus? Karrierefrauen dürfen keinesfalls auch sexy sein, und sexy Frauen wie Hannah sind allesamt Luder, die meistens noch eine Knarre in der Manteltasche haben. Die darf man - wie im Fall von Redford - auch mal über Nacht flachlegen, aber für die Ehe - oder gar beruflichen Erfolg - sind sie vollkommen ungeeignet. Die feurige Kunst-Performance, die Hannah dem verdutzten Redford in ihrem Loft vorführt, ist übrigens absolut überzeugend und die einzig wirklich originelle Szene des gesamten Films.

Ein weiteres Highlight stellt der Ausbruch von Winger und Redford aus einer verschlossenen Lagerhalle dar, in der eine Bombe deponiert wurde ("Was tickt denn hier so? Ist das Ihre Uhr?"). Zwischen Winger und Redford stimmt darüber hinaus die Chemie. Man wünscht sich nur, der Film würde sich nicht ständig bemühen, beide unentwegt so schrecklich sympathisch zu machen. So ist eine Sequenz, in der beide unabhängig voneinander ihre Schlafprobleme angehen (er singt und tanzt im Bad, sie stopft sich mit Fast Food voll und bügelt - man beachte die Rollenverteilung!), viel zu lang und über die Maßen eitel geraten.

Der Krimiplot, der das Ganze zusammenhält, ist wahrscheinlich das schwächste Element des Films. Nicht nur ist er extrem simpel und durchsichtig, er bleibt auch durchweg uninteressant. Deswegen sackt STAATSANWÄLTE KÜSST MAN NICHT in den letzten 20 Minuten - wenn die Charaktere zu Ende erzählt sind und der Film sich stattdessen auf Schießereien, Autoverfolgungsjagden und Feuersbrünste konzentriert - in totale Belanglosigkeit und Langeweile ab. Wie unglaubwürdig der Plot ist, zeigt sich am besten daran, dass der Film in verschiedenen Fassungen völlig unterschiedliche Enden aufweist. Im Kino kommt Daryl Hannah noch unschuldig davon, in späteren TV-Ausstrahlungen ist sie plötzlich doch eine Mörderin, und in einer weiteren Fassung ist sie ebenfalls schuldig, aber an einem völlig anderen Mord. So viel zum Thema inhaltliche Stringenz.

STAATSANWÄLTE KÜSST MAN NICHT ist fluffige Unterhaltung, die keine zehn Minuten länger im Gedächtnis bleibt als nötig. Dass der Film ein Hit werden sollte, sieht man ihm in jeder Minute an. Er ist gnadenlos auf Erfolg gebürstet und daher von allen Ecken und Kanten befreit.
Der Film ist darüber hinaus eines der frühen Beispiele für die steigende Macht der Hollywood-Agenturen in den 80ern, denn die CAA (Creative Artists Agency) schnürte das gesamte Paket und besetzt sämtliche Rollen und Crewmitglieder ausschließlich mit Agenturklienten. Hauptdarstellerin Debra Winger war darüber so erbost (sie war der Meinung, man sollte die bestmöglichen, nicht die am leichtesten verfügbaren Leute besetzen), dass sie die CAA verließ. Später bezeichnete sie Ivan Reitman und Taylor Hackford (mit dem sie 1982 den Hit "Ein Offizier und Gentleman" drehte) als die schlechtesten Regisseure, mit denen sie je gearbeitet hat. Nach weiteren ähnlichen Aussagen wurde sie kurz darauf zur Persona non grata in Hollywood erklärt und zog sich für einige Jahrzehnte aus dem Filmgeschäft zurück. Hollywood und Frauen mit eigenem Standpunkt passen eben nicht zusammen.

07/10


Samstag, 7. September 2013

Unter Null (1987)

Aus der Reihe "Was macht eigentlich...?" stammt dieses Jugend-und Drogendrama der späten 80er, das auf dem gleichnamigen Roman von Bret Easton Ellis ("American Psycho") basiert und eine ziellose Generation von wohlhabenden Beverly Hills-Schulabgängern beschreibt, die sich dank Kokain, Crack und Speed Leben und Zukunft ruiniert.

Der Plot: Clay (Andrew McCarthy), Julian (Robert Downbey Jr.) und Blair (Jamie Gertz) waren beste Freunde in Schultagen, jetzt haben sich ihre Wege getrennt. Zur Weihnachtsfeier kommt Clay auf Bitten von Blair nach Hause und muss erkennen, dass seine ehemaligen Freunde tief im Drogensumpf stecken. Während das erfolgreiche Model Blair sich das Hirn wegkokst, greift Julian bereits zu härteren Sachen und schuldet dem ehemaligen Schulfreund Rip (James Spader), der sich jetzt als Dealer betätigt, einen Haufen Geld, das er als Stricher abarbeitet...

Keine schöne Geschichte, aber eine interessante Umkehr der typischen 80er-Teenie-Komödien à la "Das Geheimnis mein es Erfolges" (1984), in denen stets das Yuppietum gefeiert wurde. Die Protagonisten von UNTER NULL (Less than Zero) wachsen in exklusiv designten Nobelhütten auf, fahren teure Wagen und gehen auf coole Parties, stammen aber allesamt aus zerrütteten Familien, haben jeden emotionalen Kontakt zu Eltern und Freunden verloren und trudeln unaufhaltsam in den Abgrund.
Was in Ellis' Roman eine zynische Abrechnung mit den Werten der 80er und eine Zustandsbeschreibung der nutzlosen Menschen ('Useless People') von Beverly Hills war, verkommt im Film leider zu einer eher oberflächlichen "Sag nein zu Drogen"-Nummer. Verständlich, wenn man bedenkt, dass die Reagans gerade an der Macht waren (die Anti-Drogen-Kampagne war Nancys Steckenpferd), aber trotzdem schade. Eine Großaufnahme von Andrew MccCarthy, der in eine Schüssel mit Jelly Beans (Ronald Reagans Lieblings-Süßigkeit) greift, ist eine deutliche Anspielung auf die Ära und möglicherweise eine Entschuldigung des britischen Filmemachers Marek Kanievska, der kurz zuvor mit dem anspruchsvollen Internatsdrama "Another Country" (1984) einen Achtungserfolg feiern konnte, sich hier aber komplett dem Hollywood-Mainstream unterordnen muss. Das ist bitterer als Robert Downey Jr.'s Drogenexzesse im Film.

So muss Andrew McCarthy nun als konsequenter 'Nein'-Sager durch den Film gehen und den sympathischen Saubermann spielen, dessen Motive abedr immer unklar bleiben. Er ist ein Beobachter und bleibt bis zum letzten Drittel komplett passiv. Da der Film die jugendliche Zielgruppe ansprechen, diese aber nicht verschrecken will, bleibt das ganze Drama stets Fassade. UNTER NULL geht trotz seiner düsteren Themen nie dahin, wo es weh tut. Wenn überhaupt mal Realismus durchblitzt, dann in Robert Downey Jr.'s Spiel, das den Film absolut sehenswert macht. Zyniker würden bemerken, dass seine Besetzung geradezu prophetisch anmutet, hat er doch später ausreichend eigene Erfahrung mit Drogenkonsum gemacht. Aber wer hätte damals gedacht, dass von den heißen Jungstars du jour, die UNTER NULL bevölkern, ausgerechnet Downey heute noch ein Mega-Kinostar ist, während Andrew McCarthy und Jamie Gertz  zwar noch gut  im Fernsehen beschäftigt, aber weit entfernt von Starruhm sind?

Neben ihnen spielt übrigens James Spader (zum wiederholten Mal neben Andrew McCarthy, die zum sogenannten 'Brat Pack' der 80er  gehörten) einen albern-schmierigen Drogendealer (komplett mit gegelten Haaren, Whirlpool und wasserfestem Handy von der Größe eines Ziegelsteins), und man kann froh sein, dass der talentierte Spader nach vielen ähnlich grotesken Auftritten (in Komödien wie "Mannequin" oder "Baby Boom", wo er stets den skurrill-ekelhaften Bösewicht mimte) von Steven Soderbergh in "Sex, Lügen und Video" (1990) endlich als Schauspieler entdeckt wurde und seitdem eine beachtliche Filmografie vorweisen kann.

Der größte Schwachpunkt von UNTER NULL ist aber doch das Ende, das wunderbar als Musterbeispiel für Mainstream-Schizophrenie herhalten kann. Da wird endlich mal ein konsequent-bitterer Schlusspunkt gesetzt, nur um diesen dann mit einem komplett unglaubwürdigen 'Hoffnungsschimmer' aufzuweichen, der das Publikum versöhnen soll (damit es nicht deprimiert nach Hause geht und allen Bekannten erzählt, der Film sei ein 'Downer'), der aber keinen Sinn macht, wenn man die Charaktere ernst nimmt. Mit dem Ende des Romans hat es natürlich auch nichts zu tun.

Aber genug mit dem Gemecker, denn neben allen Schwächen muss man sagen, dass UNTER NULL extrem unterhaltsam ist und - vor allem - fantastisch aussieht. Wer eine Zeitreise in die 80er unternehmen will, braucht keinen Flux-Kompensator, sondern kann einfach die DVD einlegen. Ausstattung, Kostüme und Musik übertreffen sich förmlich an Zeitgeist-Kreativität. Die Anzüge sind grau und ausladend, die Ohrringe gigantisch, aufgestapelte Fernseher dienen als Dekorationsobjekte, dazu dröhnt an allen Ecken und Enden gut ausgewählter Pop. UNTER NULL ist von vorne bis hinten durchgestylt, gnadenlos auf Schick getrimmt und ein Fest fürs Nostalgie-Auge.
Obwohl Robert Downey jr. den Film schauspielerisch dominiert, sind die Leistungen seiner Kollegen ebenfalls durchweg sehenswert (bei MccCarthy bin ich mir nach wie vor nicht sicher, ob er nur hübsch aussieht oder auch spielen kann). Filmkomponist Thomas Newman sorgt mit seinen wenigen Score-Passagen zwischen den Popsongs für die Emotionalität, die dem Film ansonsten abgeht. Wirklich warm wird man nie mit einer der Figuren, aber das ist auch nicht zwingend notwendig, um UNTER NULL genießen zu können. Man lehnt sich einfach zurück, genießt den 80er-Flash und sieht zu, wie sich die verzogenen Gören das Leben zur Hölle machen.

UNTER NULL war nicht der erwartete Hit an den Kinokassen, weil die Teenager der 80er offenbar keinen Bock auf moralische Zeigefinger hatten (so erging es auch dem zeitgleichen Drama "Die grellen Lichter der Großstadt", in dem Teenie-Liebling Michael J. Fox eine hervorragende Vorstellung gab, die seine Fans aber leider nicht von ihm sehen wollten). Auch die Kritiker sprangen sehr unsanft mit dem Film um. Ich persönlich mochte UNTER NULL schon damals und konnte bei aktueller Sichtung feststellen, das er ausgezeichnet gealtert ist und heute vielleicht sogar besser funktioniert. Als einprägsames und gut beobachtetes Zeitdokument gehört er sicher zu den unterschätzten Beiträgen des 80er-Kinos. Er ist außerdem gelungener als die 'erwachsene Variante' "Der Preis des Erfolges" (1988). Wer allerdings die ungeschönte Drogenhölle der 80er-Kids sehen will, der sollte sich lieber gleich "Christiane F." (1981) anschauen. 

7.5/10

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