Mittwoch, 15. Oktober 2014

Deepreds Kino verabschiedet sich

Alles hat mal ein Ende. Wer meinen Blog in den letzten Wochen und Monaten besucht hat, dem wird nicht entgangen sein, dass ich nur noch sporadisch bis selten Rezensionen geschrieben habe. Dafür möchte ich mich vor allem bei den regelmäßigen Lesern entschuldigen, die immer mal wieder Deepreds Blog anklicken, um dann festzustellen, dass es wieder nichts Neues gibt - und jeder sinnlose Klick ist vergeudete Lebenszeit.

Deepreds Kino ist und war immer ein ein privater Blog, den ich aus Liebe zum Film gepflegt habe. Mittlerweile fehlt mir dafür schlicht die Zeit - und auch die Energie. Meine Lieblingsfilme sind alle rezensiert (bis auf "2001 - Odyssee im Weltraum", aber über den ist so viel geschrieben worden, dass ich es überflüssig fand, auch noch meinen Senf nachzureichen). Das aktuelle Kino ist für mich weitgehend uninteressant geworden, und es gibt inzwischen so viele Film-Blogs, dass ich keinen Bedarf für einen weiteren mehr erkennen kann.

Deepreds Kino bleibt online, weil ich den Blog selbst noch gern als Datenbank nutze und mich gern an so viele schöne Filmstunden erinnere. Und wer weiß, was die Zukunft bringt? Immerhin hat auch niemand gedacht, dass "Psycho" (1960) mal fortgesetzt wird (und das gar nicht so übel).
In diesem Sinne sage ich DANKE für alle Kommentare, Klicks und die Zeit, die meinen Texten geschenkt wurde. Leben ist Veränderung. Man sieht sich. 

Long Live the New Flesh!


Samstag, 16. August 2014

Straße der Verdammnis (1977)

Es hört sich erst mal nach einer guten Nachricht an. Der Endzeit-Action-Thriller STRASSE DER VERDAMMNIS (Damnation Alley), der hierzulande jahrzehntelang nur als schundige VHS im Vollbild-Format (schwer) erhältlich war, erscheint endlich auf DVD und Blu-Ray in angemessener Qualität. Der geneigte Zuschauer kann den Film nun so sehen, wie er auch konzipiert wurde, im Widescreen-Format und in guter Bildqualität. Wer ihn noch aus Kindheitstagen als aufregendes Abenteuer-Spektakel in Erinnerung hat, wird bei dieser Meldung in Entzücken geraten. Die schlechte Nachricht folgt aber auf dem Fuße: so doll ist STRASSE DER VERDAMMNIS leider nicht. 

Worum geht es? Kurz nach dem dritten Weltkrieg (laut Voice-Over soll es lange nach dem Nuklearkrieg sein, doch die Darsteller sehen alle exakt so aus wie zu Beginn des Films) wird die verwaiste Erde von Sturmfluten und Orkanen heimgesucht. Drei Männer vom Militär (Jan-Michael Vincent, George Peppard und Paul Winfield) scheinen die letzten Überlebenden zu sein, doch dann empfangen sie ein Signal aus Albany und beschließen, in zwei stählernen Trucks den schweren Weg durch die Wüste, auf der so genannten "Straße der Verdammnis", aufzunehmen. Auf ihrer Reise lernen sie in Las Vegas eine Tänzerin kennen (wie praktisch für die Jungs, dass es keine Rentnerin ist, die die Katastrophe überlebt hat, sondern ein knackiges Mädel) und geraten in zahlreiche lebensbedrohliche Situationen mit überdimensionalen Tierchen und gefährlichen Gruppen...

Das hört sich doch nach einem furiosen Schocker voller Spannung, Action und Endzeitstimmung an. Leider aber ist die Umsetzung so langweilig und streckenweise dilettantisch geworden, dass man sich fragen  muss, wie man diesen verfilmten Groschenroman jemals ernsthaft gut finden konnte. Die Jugend entschuldigt da einiges. Schuld daran ist Regisseur Jack Smight, der schon den Trash-Heuler "Giganten am Himmel" (1975) inszenierte, welcher ein großer Action-Film sein wollte und dann doch nur für unfreiwllige Lacher sorgte.
STRASSE DER VERDAMMNIS kam zeitgleich mit "Star Wars" in die Kinos und ging dort im Schatten des Giganten gnadenlos unter. Betrachtet man beide Werke heute, muss man feststellen, dass einer von beiden furchtbar gealtert ist, und damit ist nicht George Lucas' Blockbuster gemeint (von dem ich kein Fan bin - er ist trotzdem hundertmal besser als sein Konkurrent). Was vor allem enttäuscht, sind die Spezialeffekte, die schon damals kaum überzeugend gewesen sein können. Zu Beginn des Films tauchen ein paar übergroße Skorpione auf, durch die Jan-Michael Vincent (heute ohne Helikopter) mit seinem Motorrad hindurchdüsen muss, und diese Viecher sind so schlecht in den Film hineinkopiert, dass der Zuschauer eher zu Kopfschütteln animiert wird. Gegen diese Monster wirken die Filme Jack Arnolds wie tricktechnische Meisterleistungen, und auch die überdimensionalen Echsen aus "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" (1959) wirken im Vergleich beängstigender. Der Fairness halber sei erwähnt, dass die später auftauchenden Riesen-Kakerlaken besser gemacht sind und für wenigstens ein bisschen Gänsehaut (und etwas Blut) sorgen.

Ansonsten aber gibt es in STRASSE DER VERDAMMNIS wenig Überzeugendes. Die Handlung schleppt sich trotz knapper Lauflänge so dahin, die vielen Dialogszenen zwischen den Set-Pieces sind uninteressant geschrieben, und die Charaktere bleiben ebenso farblos. Kein Wunder, dass die Schauspieler sämtlich auf Autopilot umschalten. George Peppard sieht gar so aus, als würde er jeden Moment einschlafen, er schnarcht sich wie auf Valium durch seine Rolle und versteckt sich hinter Schnauzer und Basecap. Gegen Ende sorgt ein wenig Action für einen geringen Unterhaltungsfaktor, aber insgesamt stellt STRASSE DER VERDAMMNIS doch eine ziemliche Tortur dar.

Gibt es Positives? Ja. Die Musik von Altmeister Jerry Goldsmith macht ordentlich Rabbatz mit großem Orchester und gehört eigentlich in einen hochklassigeren Film, und die Farbfilter, die für die unterschiedlichen Endzeit-Stimmungen benutzt werden, sind ganz nett anzuschauen. Die Aufnahmen der Atomkatastrophe zu beginn des Films bestehen aus dokumentarischem Material und können kurze Beklemmung verursachen. Alles andere ist zu künstlich und zu sehr Papp-Maché (auch die Figuren). Obwohl ich kein Fan von Remakes bin, wäre dies ein geeigneter Kandidat für eine Neuverfilmung. Für Nostalgiker und Fans des apokalyptischen Endzeit-Thrillers ist STRASSE DER VERDAMMNIS sicher einen Blick wert, aber man sollte bloß keinen "Mad Max" erwarten.

Die DVD/Blu-Ray-Veröffentlichung des Labels Media Target ist trotzdem sehr willkommen, weil lange überfällig. Neben der Einzel-Blu-Ray wird es auch eine Limited Edition als Blu-Ray/DVD-Combo geben. Beide Versionen bieten massig Extras, darunter Audiokommentare und die Super 8-Fassung. Auch die Covergestaltung weiß zu begeistern. Danke dafür, selbst wenn der Film weißgott nichts Besonderes ist.

05/10

Montag, 4. August 2014

Fedora (1978)

Die Hollywood-Satire FEDORA (Fedora) war der vorletzte Film des großen Billy Wilder und wurde seinerzeit von Kritikern eher schlecht aufgenommen und vom Publikum komplett ignoriert, war somit ein weiterer von vielen Flops, die Wilder am Ende seiner Karriere zu verkraften hatte.
Der Film verschwand in der Versenkung und war so gut wie nirgendwo zu finden oder zu sehen. Nun wurde er jüngst als DVD und Blu-Ray neu herausgebracht und liegt endlich in hervorragender Bild- und Tonqualität vor. Der obskure Status von FEDORA hat viele Wilder-Anhänger und Cineasten in den Jahren dazu veranlasst, ihn als verkanntes Meisterwerk zu feiern, doch das ist ebenso irreführend wie die damalige geballte Ablehnung. FEDORA war und bleibt ein schwacher Film, ein müdes Alterswerk mit einigen furchtbaren Fehlbesetzungen.

Der Inhalt: William Holden spielt einen unabhängigen Hollywood-Produzenten, der nach Korfu reist, um den großen Star Fedora (Marthe Keller) zu einem Filmprojekt zu überreden. Fedora hat sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt abgeschirmt von der Außenwelt, umgeben von skurrilen Figuren wie einer verschleierten Gräfin (Hildegard Knef) und einem plastischen Chirurgen (José Ferrer), die Fedora von einer Rückkehr zum Film abhalten wollen. Nach und nach kommt Holden hinter das Geheimnis von Fedora, die in den letzten Jahrzehnten scheinbar nicht gealtertist...

Mit FEDORA hat Wilder sein eigenes Meisterwerk "Sunset Boulevard" (1950) noch einmal aufgelegt und passenderweise William Holden erneut für die Hauptrolle verpflichtet. An den brillant-bösartigen Witz und die faszinierende Charakterstudie des Vorbilds kommt FEDORA aber in keiner Sekunde auch nur annähernd heran. Mit der Figur der Fedora wird ein ehemaliger Star gezeichnet, der an Greta Garbo oder Marlene Dietrich erinnern soll (Dietrich sollte zunächst die Rolle spielen, die im Film von Hildegard Knef verkörpert wird), doch das große Geheimnis, das der Film um ihre ewige Jugend aufmacht, ist von Anfang an so offensichtlich, dass die schlussendliche Enthüllung keine Überraschung darstellt und eher mit einem Achselzucken quittiert wird. Man fragt sich eher, warum Holden nicht viel früher darauf kommt, dass zwischen einem plastischen Chirurgen und einer zeitlos schönen Frau eventuell ein Zusammenhang bestehen könnte. Und geht es nur mir so, oder ist die Ausgangsidee des Films - unabhängiger Produzent will eine 'Anna Karenina'-Adaption mit einer 70-jährigen Hauptdarstellerin machen, weil er als Jugendlicher mal verliebt in sie war - nicht reichlich unglaubwürdig?

William Holden ist als Hauptfigur mit einer undankbaren Rolle gestraft. Er reist lediglich von A nach B, klopft an ein paar Türen und hört zu, was die Beteiligten ihm erzählen. Er durchlebt nichts und hat keinerlei Entwicklung. Zumindest spielt er aber seriös und verleiht dem Film Klasse. Das kann man von seinen C-Stars nicht behaupten. Hildegard Knef und Marthe Keller sind beide schrecklich fehlbesetzt und überbieten sich im Overacting. Marthe Keller gestikuliert wild und fuchtelt mit den Armen, wenn sie nervöse Verzweiflung darstellen soll, und die Knef macht es genau so. Beide Schauspielerinnen haben bewiesen, dass sie hervorragende Leistungen zeigen können, doch hier sind sie lediglich uninteressante Cartoon-Figuren. Beide werden in der Originalfassung zusätzlich durch eine Synchronsprecherin sabotiert, deren Stimme nicht zu den Frauen passen will, und deren Akzent dafür sorgt, dass nicht einer der Dialoge von Keller oder Knef naturalistisch klingt. In der deutschen Synchronfassung spricht übrigens die Knef sowohl ihre als auch die Rolle Marthe Kellers. Ein Kuriosum.

Unter den Nebendarstellern entdeckt man illustre Namen wie Gottfried John, Michael York, Henry Fonda (als Präsident der 'Oscar'-Academy) und Mario Adorf, aber man hat immer den Eindruck, jeder von ihnen spiele in einem anderen Film, es entsteht nie eine homogene Ensemble-Leistung. Die beste Darstellung kommt vielleicht von José Ferrer, der jede Szene an sich reißt und zumindest unterhaltsam ist.

Was FEDORA über Hollywood, Schönheits- und Jugendwahn oder Star-Kult zu erzählen hat, ist ebenfalls enttäuschend wenig. "It's the Pictures that got small", sagt Gloria Swanson dort über das aktuelle Kino, und FEDORA beweist genau das. Obwohl die Kamera in herrlichen Bildern der griechischen Inseln schwelgt und dafür sorgt, dass FEDORA zumindest optisch hübsch anzuschauen ist, entsteht nie das Gefühl großen Kinos. Das Tempo ist zu schleppend, die meisten Szenen werden zu lang ausgespielt (ein Problem, das alle späten Filme Wilders, die der Regisseur mit seinem Co-Autor I.A.L. Diamond ersponnen hat, kennzeichnet), und der Humor ist überraschend schwerfällig. Von dem sprühenden Witz und dem irrwitzigen Tempo eines "Eins, zwei drei" (1961) oder "Manche mögen's heiß" (1960) ist hier weit und breit nichts zu sehen. FEDORA ist leider über weite Strecken - man mag es gar nicht aussprechen - schlicht langweilig.
Auch die Musik von Altmeister Miklos Rosza, der schon 30 Jahre zuvor den wunderbaren Score zu Wilders "Double Indemnity" (1948) komponierte, wirkt deplaziert und zu altmodisch für einen Film der späten 70er.

Am besten an FEDORA funktionieren noch die Rückblenden ins 'alte Hollywood', weil Wilder sich dort auskennt und diese Szenen einen nostalgischen Charme haben (Stephen Collins spielt den jugendlichen Holden), und die verschachtelte Erzählstruktur mit verschiedenen Zeitebenen ist durchaus interessant.

Robert Aldrich erzählte in "Große Lüge Lylah Clare" (1968) eine sehr ähnliche Geschichte, und sein Film ist deutlich gelungener. Interessanterweise borgte sich auch Fassbinder für seinen "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982) einige Ideen aus FEDORA - so bittet zum Beispiel Fedora bei ihrer ersten Begegnung William Holden um Geld, mit welchem sie ominöse Geschäfte tätigt, und hier wie dort muss der Hauptdarsteller fürchten, dass die Diva von den Menschen in ihrer Umgebung gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt wird. Fassbinders Film ist aber im Gegensatz zu FEDORA packend, konsequent, abgründig und psychologisch fesselnd.

Ich hätte selbst gern konstatiert, dass FEDORA zu Unrecht übergangen und ignoriert wurde, aber auch aus heutiger Sicht bietet Wilders Alterwerk zu wenig, um zu überzeugen. Ein paar gelungene Seitenhiebe auf Hollywood und schöne Postkartenansichten von Korfu reichen da einfach nicht. Wilder inszenierte nach diesem Flop nur noch einen Film, den ebenso misslungenen wie erfolglosen "Buddy, Buddy" (1981), bevor er in den wohlverdienten Ruhestand ging. Ein Schwanengesang ist keines seiner letzten Werke geworden. Macht auch nichts, denn Wilder hat in seiner Karriere so viele außergewöhnliche Filme geschaffen, dass er für alle Zeiten zu den größten Filmregisseuren gezählt werden wird.

05/10



Samstag, 26. Juli 2014

12:01 (1993)

In der Filmgeschichte kommt es häufig vor, dass zeitgleich sehr ähnliche Filme entstehen. So erinnern wir uns alle noch an die Flut von Unterwasser-Filmen Ende der 80er, oder die Mars-Abenteuer "Mission to Mars", "Ghosts of Mars" und "Red Planet".
Im Jahr 1993 entstanden mit "Und täglich grüßt das Murmeltier" und 12:01 (12:01) zwei Filme mit der identischen Grundidee einer Zeitschleife, in die der ahnungslose Held gerät und immer wieder denselben Tag durchleben muss. Nun kann man oft die Frage nach dem Huhn oder dem Ei stellen, doch in diesem Fall ist ganz klar, wer sich da bei wem bedient hat, denn 12:01 basiert auf einer Kurzgeschichte von Richard Lupoff, die bereits 1990 als Vorlage für einen Kurzfilm diente. die Macher des "Murmeltiers" haben sich bei Vorlage und Film kräftig bedient, was den Autor der Kurzgeschichte so auf die Palme brachte, dass er jahrelang die Gerichte beschäftigte. Leider (für ihn) wurde das "Murmeltier" von den mächtigen Columbia-Studios produziert, gegen die juristisch nicht anzukommen war. So blieb der Fall ungeklärt.

Aber genug der Hintergründe. Das Publikum profitierte immerhin davon, konnte es doch zwei gelungene Filme genießen, wobei mir persönlich 12:01 deutlich besser gefällt als der Bill Murray-Hit. Das liegt zum einen daran, dass 12:01 viel bescheidener und skurriler daherkommt (was nicht wundert, denn er wurde fürs US-Fernsehen produziert), zum anderen an dem Umstand, dass die langweilige Andie MacDowell hier nicht mitspielt, die mich immer in Tiefschlaf versetzt. Außerdem wartet 12:01 zusätzlich zu allen komödiantischen und romantischen Verwicklungen noch mit einem spannenden Thriller-Plot auf, der hervorragend umgesetzt ist, während sich das "Murmeltier" voll auf die Liebesgeschichte konzentriert.

Also, worum geht es in 12:01? Der nerdiger Büroangestellte Jonathan Silverman hasst seinen  langweiligen Job und ist heimlich in die schöne Wissenschaftlerin Helen Slater verliebt, die im selben Gebäude arbeitet, von ihm aber keine Notiz nimmt. Nach Feierabend beobachtet er entsetzt, dass seine Angebetete auf offener Straße erschossen wird, und zu Hause bekommt er einen elektrischen Schlag, der ihn in die Zeitschleife versetzt. Von jetzt an wacht er immer wieder am Morgen des Mordes auf und hat nur ein begrenztes Zeitfenster, um selbigen zu verhindern, die Hintermänner zu stellen und der Dame seines Herzens seine Liebe zu gestehen, bevor der schicksalhafte Tag wieder von Neuem losgeht...

12:01 ist vor allem eins - sympathisch. Das liegt vor allem an der unprätentiösen B-Besetzung, die prächtig als Ensemble funktioniert, ohne dass jemand eine One-Man-Show abzieht. Neben dem quirligen Silverman in der Hauptrolle spielen die wunderbare Helen Slater, die mal fast ein großer Star geworden wäre, wenn ihr Möchtegern-Blockbuster "Supergirl" (1984) nicht so ein gigantischer Flop gewesen wäre, dazu der großartige Martin Landau als Mad Scientist, dessen Experimente die Zeitschleife verursachen, sowie Jeremy Piven als skurriler Sidekick Silvermans. Sie alle sind witzig, liebenswert und haben viel Spaß mit ihren Rollen, das überträgt sich auch auf den Zuschauer.

Wie bei solchen Geschichten üblich (mittlerweile gibt es ja deutlich mehr Zeitschleifen-Filme als die beiden genannten Beispiele) wird im ersten Drittel des Films viel Wert auf Details gelegt, deren ewige Wiederholung (quasi mit Ankündigung) für reichlich Lacher sorgt. Hier sind das u.a. ein zusammenbrechender Bürostuhl, ein Anruf von Silvermans Mutter, ein Anschiss der Chefin, sowie eine Topfpflanze, die eigentlich im Müll liegen sollte, aber jeden Morgen wieder am selben Platz steht. Als durchschnittlicher Jedermann, der durch die Ereignisse lernt, sich durchzusetzen, zu sagen, was er auf dem Herzen hat, und das 'Beste' aus jedem Tag zu machen, wird er zur Identifikationsfigur für den Zuschauer und dessen Wunsch, selbst aus seiner täglichen Alltagsroutine auszusteigen. Die Zeitschleife ist ein Fantasy-Element, aber sie versinnbildlicht nur, was für viele Menschen real ist. Kein Wunder, dass diese Filme so gut beim Publikum ankommen. 

Neben der Komödie und der herzigen Romanze sorgt der Timelock um den Mord an Helen Slater dann auch noch für echte Hochspannung. Da die Zeitschleife in 12:01wissenschaftlich begründet wird (während sie in ähnlichen Filmen oft nur 'passiert'), gibt es also auch einen Weg, sie wieder abzustellen. Der ist zwar ähnlich 'glaubwürdig' wie der Flux-Kompensator aus "Zurück in die Zukunft" (1985), aber da sich der Film ohnehin nicht ernst nimmt, gehört das alles mit zum Spaß.

Für mich persönlich ist 12:01 der beste aller Zeitschleifen-Filme. Er ist extrem kurzweilig, straff erzählt, temporeich, und er verzichtet sowohl auf moralische Belehrungen (keiner muss hier ein 'besserer' Mensch werden) als auch auf allzu dick aufgetragenen Kitsch. Ein kleiner Film mit großen Stärken und - leider - immer noch ein Geheimtipp.

8.5/10


Freitag, 25. Juli 2014

Der Wald vor lauter Bäumen (2003)

Um es kurz zu machen: DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN ist die vielleicht witzigste deutsche Komödie der letzten 30 Jahre (neben "Sommer vorm Balkon", 2004). Um eine definitive Aussage machen zu können, müsste ich alle deutschen Komödien der letzten 30 Jahre gesehen haben, aber das kann mir niemand ernsthaft zumuten, daher also das 'vielleicht'.
Umso bitterer ist es, dass diese wunderbare Perle kaum jemand kennt.

Eva Löbau spielt in DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN die junge Lehrerin Melanie aus der schwäbischen Provinz, die in einer Karlsruher Schule ihre erste Stelle antritt. Melanie möchte gern geliebt werden und wirklich etwas bewegen, sie ist mit Leib und Seele Lehrerin. Nur fehlt ihr dafür außer der Euphorie leider jegliches Talent, so dass sie gleich von Schülern mit Kaba-Tüten beworfen und auch sonst von niemandem ernst genommen wird. Melanie freundet sich mit ihrer Nachbarin Tina (Daniela Holtz) an, aber auch der wird die Junglehrerin bald zu aufdringlich. Mehr und mehr schwinden Melanies gute Absichten. Wird sie jemals akzeptiert, respektiert oder gemocht werden?

DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN wurde von Regisseurin Maren Ade aufgrund fehlenden Budgets mit einfachsten Mitteln und im quasi-dokumentarischen Stil gedreht. Die Schauspieler dürfen offensichtlich improvisieren, und die Kamera ist immer hautnah dabei, wenn Melanie sich wieder mal zum Affen macht.
Melanie wird von Eva Löbau schlichtweg sensationell gut gespielt. Sie trifft genau die richtigen (leisen) Töne und entblättert so viele Facetten dieser introvertierten Lehrerin, dass man nie weiß, welche Richtung der Film einschlagen wird. Er könnte sich genau so gut zum Psycho-Thriller entwickeln, denn die Liebessehnsucht von Melanie trägt durchaus soziopathische Züge. Gelegentlich wird sie gar zur Stalkerin ihrer bedauernswerten Nachbarin, und ihre anfangs so hübsch spießige Wohnung verwandelt sich immer mehr in einen Polanski-Alptraum (mehr oder weniger).

Melanie lügt, um sich interessanter zu machen, lügt dann wieder, um die erste Lüge zu entkräften, und sie biedert sich überall an, das ist beängstigend. Selten hat ein Film den Drang (und die damit einhergehende Tragik und Frustration), beliebt zu sein und Anschluss zu finden, so scharfsinnig auf den Punkt gebracht. Ständig ist man hin- und hergerissen, ob man Melanie nun bemitleiden oder fürchten soll, manchmal möchte man sie auch einfach nur schütteln. Kennen möchte man sie eher nicht. Sie hält sich für weltoffen und kontaktfreudig, dabei ist sie lediglich creepy und humorlos. Wenn sie es zu gut meint, geschehen die schlimmsten Dinge. Das ist doppelt tragisch, weil ihr Wunsch, den Kindern etwas beizubringen und ihnen 'auf Augenhöhe' zu begegnen, während die Kollegen längst jeden Idealismus verloren haben, im Grunde lobenswert ist. Doch die Art, wie Melanie mit sich und der Welt umgeht, ist ebenso traurig wie falsch - und dabei so brüllend komisch.

Regisseurin Maren Ade findet für ihre Melanie eine zauberhafte Schlusseinstellung, in der Melanie vom Steuer ihres Wagens auf den Rücksitz klettert und das Auto alleine weiterfährt. Sie hat endgültig die Verantwortung abgegeben und genießt die Aussicht. Ein Hoffnungsschimmer, oder eine Fahrt ins Nirgendwo? Mal loslassen zu können, das wäre schon gut für eine Melanie.

DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN lief auf mehreren Festivals und hat einige Preise bekommen, darunter auch einen Spezialpreis beim Sundance Film Festival. Man fragt sich, ob dort der herrliche schwäbische Dialekt von Eva Löbau eigentlich gewürdigt werden konnte, aber verdient ist das allemal.
Die deutsche DVD von DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN ist leider alles andere als großartig geraten. Muss man als mittlerweile digital verwöhnter Zuschauer schon mit der Heimvideo-Ästhetik des Films zurechtkommen (was sehr schnell gelingt), darf man dann noch das Letterbox-Format aufzoomen, was die Bildqualität erneut verschlechtert, und als Extra gibt es lediglich einen unspektakulären Trailer, nichts weiter, dabei wären hier ein Making of, Audiokommentar oder Interviews deutlich angebrachter als bei Mainstream-Schrott, wo sich ohnehin alle nur gegenseitig loben. Maren Ade drehte übrigens nach diesem Glanzstück das vielfach prämierte Drama "Alle anderen" (2009).

DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN beweist, dass es doch noch deutsche Komödien gibt, die eben nicht amerikanische Vorbilder uninspiriert für eine gschmacksentwöhnte Masse wiederkäuen und jede Filmminute mit Popsongs zuballern, damit das Publikum glaubt, es empfinde etwas, und in denen das Colour-Matching wichtiger ist als das Drehbuch, sondern die eine eigene Sprache, ein Anliegen und einen speziellen Humor haben. Zu schade, dass Filme wie dieser in der Minderheit sind - und wahrscheinlich bleiben werden. Wer jetzt Lust bekommen hat, sich den WALD anzuschauen, sei herzlich von mir animiert und eingeladen, er hat es verdient, wahrgenommen zu werden.

Bei Melanie bin ich mir da nicht so sicher... ein bisschen Angst macht die mir schon.

09/10


Donnerstag, 24. Juli 2014

Midnight Crossing (1988)

Thriller, die mitten auf dem Ozean spielen, gibt es so einige. Phillip Noyce's wunderbarer "Todesstille" (1989) wäre das beste Beispiel. MIDNIGHT CROSSING (Midnight Crossing) besitzt eigentlich alle Zutaten, die einen spannenden Abenteuerfilm abgeben würden. Dazu gehören eine exotische Location, gute B-Darsteller plus ein A-Star (Faye Dunaway), eine gute Prise Sex, sowie eine interessante Story mit vielen überraschenden Wendungen, Intrigen, Mord und Totschlag. Was der Film leider nicht hat, sind ein fähiger Regisseur und ein gutes Drehbuch.

Die Story: Geschäftsmann Daniel J. Travanti überredet seine Angestellte Kim Cattrall und deren Ehemann John Laughlin zu einer Bootstour. Er will auf einer Insel vor Kuba einen Schatz bergen, den er in seiner Armeezeit dort versteckt hat - eine Million Dollar. Mit von der Partie ist auch Faye Dunaway als blinde Ehefrau Travantis. Zu viert schippern sie los, doch der Ausflug verläuft völlig anders als gedacht, weil beinahe jeder an Bord ein doppeltes Spiel spielt und eigene Interessen verfolgt...

Schade, schade, muss man sagen, denn das hätte ein wirklich toller Film werden können. Allein Faye Dunaway als Blinde auf einer Hochsee-Yacht, das schreit doch nach Suspense in bester "Warte bis es dunkel ist"-Tradition, ist sie doch auf Gedeih und Verderb den anderen Charakteren hilflos ausgeliefert. MIDNIGHT CROSSING aber erzählt seine Geschichte nicht aus Dunaways Perspektive, sondern aus beobachtender Distanz, was jede Identifikationsmöglichkeit mit ihren Ängsten zunichte macht.
Dabei hatte Dunaway hier einige ihrer besseren Tage. Die Diva spielt eher zurückgenommen und overacted selten (wenn, dann aber richtig), das überlässt sie gern den Co-Stars. Kim Cattrall ("Sex and the City") und John Laughlin ("China Blue - Bei Tag und Nacht") sind ein heißes Paar und dürfen sich oft nackig machen, gerade Cattrall muss aber zu oft die hysterische Nudel geben und fängt irgendwann an zu nerven (die Synchronisation mit einer übereifrig keuchenden Sprecherin versetzt ihr den Todesstoß). Daniel J. Travanti spielt den scheußlichen Fiesling, dem man absolut zutraut, seine blinde Gattin über Bord zu werfen, wenn gerade keiner guckt, und in einer Nebenrolle zieht Ned Beatty eine schlimme Schmierenkomödie als versoffener Ex-Pirat ab, die sich auf dem Niveau von John Voights Darstellung in "Anaconda" (1997) befindet. Seine Rolle bekommt allerdings einen netten Twist im letzten Akt. Von Schauspielführung ist hier also weit und breit nichts zu merken, es spielt jeder so, wie er gerade will. Ans Herz wachsen mag einem keiner der Reisenden so recht.

Ist die Konstruktion der Story durchaus spannend geraten, wird sie dummerweise von schlechten Dialogen und dem unglaubwürdigen Verhalten der Charaktere unentwegt sabotiert. Echter Suspense will sich so gut wie nie einstellen, weil Regisseur Roger Holzberg kein Gespür für Tempo oder Timing hat (hatte ich die Schauspielführung schon erwähnt?). Auch visuell fällt ihm nichts ein, weswegen der Thriller trotz üppiger Schauwerte wie ein TV-Film wirkt. Ein paar Action-Einlagen gegen Ende retten diesen Ausflug auch nicht mehr. Schön ist nur, dass der/die Richtige überleben darf, und dass der Film ein ganz bestimmtes Klischee, auf das man förmlich wartet, überraschend nicht bedient.

MIDNIGHT CROSSING ist ein Anwärter auf die "so schlecht, dass er schon wieder gut ist"-Schublade, aber ob er da wirklich hineingehört, ich weiß es nicht. Er ist vor allem mittelmäßig, wenngleich nie sterbenslangweilig. Lediglich einige der Dialoge sind so schlimm, dass man herzhaft lachen darf und sich ein wohliges Trash-Feeling einstellt. Was hier an Möglichkeiten verschenkt wird, ist mehr als bedauerlich.
Dementsprechend schlecht ist MIDNIGHT CROSSING auch aufgenommen worden. Er wurde als rasanter Kino-Reißer angekündigt und landete dann heimlich, still und leise als Videopremiere im Regal - wo er sich zum respektablen Ladenhüter entwickelte. Die gerade begonnenen Kino-Karrieren von Cattrall und Laughlin neigten sich damit ihrem Ende zu, und für Faye Dunaway war der Film ein weiterer Nagel im Karriere-Sarg. Regisseur Roger Holzberg wurde bei seinem nächsten Projekt, dem Thriller "Paint it Black", noch während der Dreharbeiten durch Tim Hunter ersetzt und drehte erst 20 Jahre später wieder fürs Kino - und zwar einen Animationsfilm für Kinder.

05/10

Dienstag, 22. Juli 2014

Ladykillers (1988)

Maskierte männliche Killer, die blutjunge, kreischende Models um die Ecke bringen, gibt es in der Film-und Horrorgeschichte mehr als man zählen kann, aber warum geht das eigentlich nicht mal andersrum?

Geht es, wie der 1988 fürs US-Fernsehen produzierte Thriller LADYKILLERS (Ladykillers) beweist. Der Titel führt schon absichtlich in die Irre, denn Frauen sind hier nicht das Ziel eines irren Slashers, sondern knackige Kerle, genauer gesagt, die muskelbepackten Mitglieder eines Stripclubs für Frauen (sozusagen die Filmversion der 'Chippendales'). Diese werden von einer geheimnisvollen Mörderin mit toupierter Wallemähne und Sonnenbrille live während ihres Auftritts und vor den Augen aller Zuschauerinnen dahingemetzelt. Die Hauptverdächtigen sind die Besitzerin des schlüpfrigen Schuppens (Lesley-Ann Down, "Fackeln im Sturm") sowie eine reiche, männerfressende Klientin (Susan Blakely). Auftritt Marilu Henner als toughe und emanzipierte Ermittlerin, deren hübscher Lover Thomas Calabro (kurz vor seinem Durchbruch als 'Melrose Place'-Fiesling Michael Mancini, den zu hassen wir so liebten) als Jungpolizist undercover im Strippermilieu untertaucht, wo er prompt ins Visier der Killerin gerät und von unserer Detektivin in letzter Sekunde gerettet werden muss...

Die Idee, sämtliche Klischee-Geschlechterrollen des Serienkiller-Films auszutauschen, ist wirklich nett, das muss man dem ansonsten harmlosen Filmchen lassen. Ich mochte LADYKILLERS sehr, als ich ihn in meiner Jugend als Videopremiere sah (es war die Zeit, als ich mir praktisch jeden - und ich meine jeden - Film angesehen habe, der neu auf VHS herauskam). Marilu Henner ("Noises Off") schlägt sich gut als schöne Polizistin mit kompliziertem Privatleben, Thomas Calabro zeigt, dass er halbnackt eine gute Figur macht, und es gibt sogar eine typische Duschszene, bei der wieder nicht die bekannte nackte Dame, sondern einer der Tänzer bedroht wird. Der leichte Screwball-Touch in den Dialogen und die Tatsache, dass der Film sich selbst nicht sonderlich ernst nimmt, sorgen für unterhaltsam-fluffigen 80er-Spaß, wenn man in sehr, sehr gnädiger Stimmung ist. In der besten Szene müssen sämtliche Polizisten des Reviers sich zu sexy Musikbegleitung entkleiden, um auszuknobeln, wer von ihnen undercover in die schwülstige Showtruppe eingeschleust werden soll. Das sieht man zugegebenermaßen nicht jeden Tag im 'Tatort'.

Leider schafft es LADYKILLERS nicht, außer den umgekehrten Geschlechtern noch irgend etwas anderes von Interesse zu erzählen. Das Drehbuch baut zwar an einer Stelle eine verheiratete Zeugin ein, die der Polizei wichtige Informationen vorenthält, weil sie heimlich in der Stripshow war und ihr Ehemann sich beim Anblick der Nachrichten laut fragt, was das wohl für verkommene Frauen sein müssen, die sich in so einer Spelunke herumtreiben, aber wer geglaubt hat, dass hier mit einer gesellschaftlichen Doppelmoral abgerechnet wird (nach welcher es Männern natürlich gestattet ist, sich halbnackte Stripperinnen anzuschauen, während Frauen sofort als Schlampen gelten, wenn sie ähnliches tun), befindet sich im falschen Film. Da Frauen das anvisierte Zielpublikum des Films sind, werden hauptsächlich die Tänzer ins rechte Licht gerückt, das war es auch schon.

Schwach sind auch die zahnlosen Mordszenen, bei denen Regisseur Robert Michael Lewis keinerlei Fantasie beweist. Allein die Mordwaffe - eine Art Designer-Teppichmesser mit mehreren Klingen - wirkt so lächerlich, dass man schon staunen muss, wie ein erwachsener Mann an solch harmlosen Kratzerchen in Sekundschnelle sterben kann. Noch unglaubwürdiger ist nur der Umstand, dass die Mörderin völlig unerkannt entkommen kann, ohne dass auch nur eine der vielen Frauen im Zuschauerraum Notiz von ihr nimmt. Von der im feurigen Finale enthüllten Backstory des Täters/der Täterin, die ihn/sie zum Morden antreibt, wollen wir gar nicht erst anfangen, die wäre eher in einem Giallo gut aufgehoben - und das meine ich ausnahmsweise nicht positiv.

LADYKILLERS ist nach der VHS-Veröffentlichung in der Versenkung verschwunden und aus selbiger bislang nicht wieder aufgetaucht. Eine DVD des Streifens sucht man weltweit vergebens. Vielleicht erbarmt sich ja irgendwann ein Anbieter und wirft sie auf den Grabbeltisch, ich würde sie kaufen. Das ist einer der wenigen Filme, von denen ich mir ein gutes Remake wünschen würde. Für die Besetzung hätte ich schon ein paar persönliche Favoriten. Aber wer bis dahin Filme über Männerstripper sehen will, sollte doch lieber zu "Ganz oder gar nicht" (1997) greifen.

Randnotiz: Männerstripper waren in den 80ern echt angesagt. Die 'Chippendales' sorgten weltweit für volle Läden und feuchte äh... Händchen, die 'Playgirl' ging haufenweise über den Ladentisch (wobei eher an Männer als an Frauen), und neben LADYKILLERS gab es auch noch den Kinofilm "Ein himmlischer Lümmel" (A Night in Heaven, 1983), in dem Christopher Atkins frisch von der Blauen Lagune auf die Stripper-Showbühne gebeamt wurde, um seine Lehrerin Lesley Ann Warren verrückt zu machen. Diese unlustige Komödie war ein Mega-Flop und beendete die Karriere des blonden Jünglings auf der Stelle.
Letztendlich waren das alles plumpe Versuche, eine etwas schräge 'Gleichberechtigung' herzustellen. Was damit bewiesen wurde war jedoch nur die Erkenntnis, dass Frauen sich beim Anblick von nacktem Frischfleich genau so daneben benehmen können wie Männer.

05/10



Sonntag, 13. Juli 2014

23 Schritte zum Abgrund (1956)

Falls gerade kein Hitchcock zur Hand ist, kann man sich die Zeit mit Henry Hathaways 23 SCHRITTE ZUM ABGRUND (23 Paces to Baker Street) die Zeit sehr nett vertreiben. Obwohl aufwändig produziert und hervorragend gespielt, ist dieser klassische Thriller irgendwie in den Jahren untergegangen und heute nur schwer erhältlich.

Van Johnson spielt einen kürzlich erblindeten amerikanischen Kriminalschriftsteller, der in London sein letztes Stück überarbeitet und zufällig in einem Pub das Gespräch zweier Fremder belauscht, die offenbar ein Verbrechen planen. Die Polizei schreibt das Ganze der Fantasie des Autors zu, also macht sich Johnson - gemeinsam mit seinem Butler (Cecil Parker) und seiner Sekretärin (Vera Miles) selbst auf die Suche nach den beiden Unbekannten und kommt einem Kidnapping auf die Spur...

Eine Hauptfigur mit Körperbehinderung, uninteressierte Gesetzeshüter, vage Hinweise auf ein Verbrechen, das ständig nebelverhangene London und die schlussendliche Konfrontation mit dem Täter, gegen den der 'schwache' Held selbst antreten und um sein Leben kämpfen muss, das hat Hitchcock zwei Jahre vor diesem Film in "Das Fenster zum Hof" (1954) bereits meisterhaft umgesetzt. So liegt der Vergleich natürlich mehr als nah, zumal sich mit Vera Miles in der weiblichen Hauptrolle auch noch eine Schauspielerin an Bord befindet, die man eng mit Hitchcock assoziiert (sie sollte ursprünglich die Kim Novak-Rolle in "Vertigo" spielen und wirkte später sowohl in "Psycho" als auch in der TV-Serie "Alfred Hitchcock Presents" mit). Auch Nebendarsteller Cecil Parker ist ein alter Hitchcock-Bekannter aus Filmen wie "Eine Dame verschwindet" (1939) und "Sklavin des Herzens" (1949).

Im direkten Vergleich schneidet 23 SCHRITTE ZUM ABGRUND schlechter ab, da ihm über weite Strecke das Tempo fehlt, die Kamera trotz exzellenter Ausleuchtung immer statisch bleibt und nie ein Eigenleben entwickelt, und weil Vera Miles mit einer im Grunde langweiligen Rolle gestraft ist, in der sie nie aktiv werden kann, anders als Grace Kelly im Vorbild. Und da, wo Hitchcock immer auch eine Komödie nebenher erzählt, bleibt dieser Krimi bierernst bis zum Schluss.

Das heißt aber nicht, dass Hathaways Film keine Stärken hat. Sehenswert ist vor allem Van Johnson in der Rolle als blinder Schriftsteller, der verbittert und schlecht gelaunt die Menschen um ihn herum vor den Kopf stößt und in seiner Darstellung nie um Mitleid buhlt. Ebenso wie er bleibt der Film insgesamt angenehm unsentimental. Vera Miles, die leider nie zu verdientem Starruhm kam, spielt ihre nichtssagende Rolle (Sie steht oder sitzt immer nur hübsch neben ihrem Co-Star) mit Liebenswürdigkeit und Würde, es macht immer Spaß, ihr zuzuschauen. Gegen Ende bekommt sie einen Wutanfall, als Johnson - um ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen - sie kalt abserviert, und diesen spielt sie mit Bravour. Die Geschichte ist dazu clever gebaut, und obwohl man als Zuschauer bis zum Schluss nie wirklich in das große Geheimnis, das Van Johnson entdecken muss, eingeweiht wird (noch ein großer Unterschied zu Hitchcock), bleibt man doch dicht an ihm dran.

Henry Hathaway gelingen außerdem zwei große Suspense-Highlights, wenn Van Johnson von einem Killer nachts in ein Abrißgebäude gelockt wird, wo er fast in den gähnenden Abgrund stürzt, und wenn er am Ende in seinem Apartment gegen den Oberbösewicht antreten muss. Um die Chancengleichheit zu wahren, zerstört er sämtliche Glühbirnen in seiner Wohnung. Diesen Dreh hat Frederick Knott in seinem kurz später entstandenen Theaterstück "Wait Until Dark" erfolgreich kopiert, und Regisseur Terence Young hat daraus in seiner Verfilmung mit Audrey Hepburn einen unvergesslich spannenden Kinomoment geschaffen. Hier ist das Finale nicht ganz so packend wie bei Young, aber Hathaway kann zumindest sagen, dass er es als Erster inszeniert hat.

23 SCHRITTE ZUM ABGRUND hatte bemerkenswerten Einfluss auf den italienischen Giallo, und man fühlt sich während des Films ständig an Argento, Bava und die weniger talentierten Kollegen erinnert. Besonders Argentos "Das Geheimnis der schwarzen  Handschuhe" (1970) kommt einem in den Sinn, mit dem Schriftsteller, der zum Detektiv mutiert, Mordanschlägen bei Nebel, Killern in schwarzen Mäntel und Hüten, sowie dem wichtigen Detail, das zu Beginn falsch interpretiert wird und dem Hauptdarsteller keine Ruhe lässt - hier ist es ein Parfüm, das vielleicht oder auch nicht dem Täter gehört.

Henry Hathaways Thriller spielt zwar nicht in der obersten Liga, aber für spannende, gut gespielte und sorgfältig produzierte 90 Minuten ist er eine gute Wahl. Wäre schön, wenn sich ein DVD-Label des Films annehmen würde.

08/10

Donnerstag, 10. Juli 2014

DVD-Veröffentlichung: Thriller (1973-1976)

Ich bitte um einen kurzen Applaus für Pidax Film, die jüngst einen meiner absoluten Lieblinge bei uns veröffentlicht haben, und zwar die britische Serie "Thriller" aus den frühen 70ern.
Ich erinnere mich noch mit wohligem Grusel, wie ich als Kind bei der deutschen TV-Ausstrahlung heimlich bis spät abends aufgeblieben bin und besonders nach einer Folge wochenlang Alpträume hatte - die von der guten Sorte, wohlgemerkt.

"Thriller" wurde erdacht von Brian Clemens, dem kreativen Geist hinter "The Avengers" ("Mit Schirm, Charme und Melone"), und auch hier finden wir einige der typischen Merkmale der Kult-Agentenserie: Gastauftritte damaliger und kommender Stars wie Robert Powell, Ingrid Pitt, Denholm Elliott, Donna Mills und Judy Geeson, bizarre Plot-Wendungen, lange stumme Sequenzen, überraschende Auflösungen, viel schwarzen Humor und jede Menge Atmosphäre, auch wenn die damalige TV-Aufnahmetechnik (die Außenaufnahmen sind auf Film gedreht, die Innenaufnahmen hingegen auf Video) heute stark angestaubt wirkt. Komponist Laurie Johnson, der schon die unvergessliche "Avengers"-Musik komponierte, hat auch hier eine Titelmelodie kreiert, die im Gedächtnis bleibt, ebenso wie die kurze, stylische Titelsequenz, die nach dem jeweiligen Teaser beginnt.

"Thriller" erzählt in sich abgeschlossene Geschichten (je 65 Minuten), die vom übernatürlichen Spuk über Serienkillern bis hin zu Spionageabenteuern verschiedenste Filmgenres abdecken. Heute wäre eine solche Reihe, in der man sich als Zuschauer jede Woche auf komplett neue Figuren und ein anderes Setting einlassen muss, undenkbar, dabei liegt gerade in der Unvorhersehbarkeit der Serie der größte Reiz. "Thriller" lief erfolgreich im britischen TV über sechs Staffeln lang, mit insgesamt 43 Episoden. Das deutsche Fernsehen zeigte 11 davon in synchronisierter Fassung, diese 11 liegen nun in einer DVD-Box vor. Die komplette Serie gibt es selbstverständlich in Großbritannien (und anderen Ländern) zu kaufen, aber wer einen Eindruck erhalten will, der ist mit dieser Box sehr gut bedient, zumal man sagen muss, dass die ausgewählten 11 Folgen tatsächlich die Highlights der Serie darstellen.

Unter den Episoden befindet sich auch diejenige, die mir damals schlaflose Nächte bereitet hat ("Possession - Dämonen des Bösen"), und die (man ahnt es) von einem Spukhaus handelt, in welchem ein Serienmörder einst sein Unwesen trieb, dessen Geist nun scheinbar in den neuen Besitzer fährt. Nie vergesse ich die Hand einer Frauenleiche, die im Keller aus dem frisch betonierten Fußboden herausschaut...

Zu den weiteren Höhepunkten gehören ein verblüffender Auftritt der jungen Helen Mirren in einer Doppelrolle, die ihr ganzes Können fordert, eine Hommage an sowohl Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" als auch Agatha Christies "Mord im Orientexpress", sowie eine ultraspannende Geschichte, in der Julie Sommars von einem Killer durch ein nächtliches Bürohochhaus gejagt wird - eine Folge, die fast völlig ohne Dialog auskommt (heutzutage ebenfalls undenkbar).
Brian Clemens war ein großer Hitchcock-Fan (siehe auch sein Film "Tödliche Ferien"), das merkt man allen Folgen an. Clemens vertraut immer darauf, dass der Zuschauer mitdenkt und greift nie auf billige Effekthascherei zurück. Er versorgt den Zuschauer oft mit mehr Informationen als seine Charaktere und erzeugt somit den klassischen 'Hitchcock-Suspense'. Das beste Beispiel dafür ist die Episode "Die geschlossenen Augen", in der Gangster eine Blindenschule besetzen, um einen Mord auszuführen, und die blinden Studenten lange nicht ahnen, was da vor sich geht - ein Szenario, das Clemens auch in seinem Spielfilm "Stiefel, die den Tod bedeuten" wirkungsvoll umgesetzt hat.

Technisch geht die DVD-Box in Ordnung. Die Bildqualität ist für das Alter der Serie annehmbar, der deutsche Ton ist nicht berauschend (der O-Ton ist deutlich besser), aber akzeptabel. Danke für diese Veröffentlichnung!



Montag, 7. Juli 2014

In der Gewalt der Zombies (1980)

Der italienische Schmuddel-Maestro Aristide Massaccesi - auch bekannt als Joe D'Amato - sprang 1980 auf den erfolgreichen Zombie-Zug auf und produzierte mit IN DER GEWALT DER ZOMBIES (Le Notte Erotiche dei Morte Viventi) einen Film vom Bodensatz des Genres. Die Idee des Streifens, Splatter-Horror mit saftiger Erotik zu kombinieren, geht dabei mächtig in die Hose.

Der Inhalt ist deutlich an Fulcis Hit "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" (1979) angelehnt. Ein reicher Typ (Mark Shannon) will auf der sagenumwobenen 'Katzeninsel' eine Hotelanlage bauen und schippert mit Freundin und Skipper (George Eastman, der "Man-Eater" aus D'Amatos Schocker höchstpersönlich) dorthin. Die Insel ist so mysteriös, dass die Menschen auf dem Festland schon die Flucht ergreifen, wenn man nur ihren Namen ausspricht, und tatsächlich treiben sich dort - neben einer schwarzen Katze und einem geheimnisvollen Voodoo-Pärchen - jede Menge Zombies herum...

Bis die Zombies auftauchen,  wird aber erstmal jede Menge gerammelt, was das Zeug hält, und zwar ungefähr eine geschlagene Filmstunde lang. Der Originaltitel des Films lässt sich etwa mit "Die erotischen Nächte der lebenden Toten" übersetzen, allerdings sind es nicht die Zombies, die hier lüstern übereinander herfallen, sondern Hauptdarsteller Mark Shannon und diverse Nebendarstellerinnen, die ihn unter der Dusche abseifen, sich mit ihm in den Laken lümmeln oder auf Holztischen masturbieren, bis die Schwarte kracht. Leider sieht Shannon aus wie ein typischer Pornostar der 70er und ist mit seinem Proleten-Schnauzer ebenso abtörnend unsexy. Sein deutlich attraktiverer Co-Star Eastman behält hingegen beim Sex stets die Jeans an. Da war wohl noch ein letzter Rest Berufsehre übrig. Spielverderber.

Von IN DER GEWALT DER ZOMBIES existieren zwei Versionen, eine 'Zombie'-Fassung mit simuliertem Sex, sowie eine Hardcore-Variante, in welcher die Fummelei deutlich schärfer ausfällt, samt Ejakulation und oralem Verwöhn-Aroma. Die auf den Plakaten als Star aufgeführte Laura Gemser spielt im Film übrigens nur eine Nebenrolle. Sie lebt als Insel-Maskottchen mit ihrem Onkel (bei dem sich der Film nicht entscheiden kann, ob er nicht doch ihr Großvater ist) unter den Palmen und starrt gelegentlich ominös in die Nacht hinaus, bis es zur obligatorischen lesbischen Einlage am Strand kommt, welche wenigstens das Herz der heterosexuellen männlichen Zuschauer höher schlagen lassen soll. Gemser wurde in den 70ern als 'Black Emanuelle' berühmt (ach, die herrlichen 70er...) und hat als solche mehrere Softerotik-Streifen (sowie mit "Nackt unter Kannibalen" einen Vertreter des Horrorkinos) mit Joe D'Amato gedreht. Hier bekommt sie kaum nennenswerte Szenen, darf aber im letzten Akt Hauptdarsteller Shannon den Penis abbeißen und herzhaft darauf herumkauen. Guten Appetit!

Ein weiterer erotischer 'Höhepunkt' des Films ist eine Shownummer, bei der eine Tänzerin auf der Bühne eine Sektflasche auf höchst eigenwillige Weise zwischen den Schenkeln entkorkt - ein zweifelsohne toller Trick, aber man fragt sich, wo nur der Korken geblieben ist... 

Was den Horror anbelangt, der hält sich sehr in Grenzen. Ab und an marschieren ein paar Untote durchs Bild und nagen an diversen Kehlen, aber die Effekte stammen aus der untersten Schublade mit der Aufschrift 'billig'. Lediglich im Finale kann D'Amato dann doch noch mit ein paar gelungenen Momenten punkten, wenn die Zombies endlich in Grüppchen auftauchen, aus dem Wasser steigen und über die Insel schlurfen. Die Langsamkeit der lebenden Toten erinnert angenehm an Ossorios "Die Nacht der reitenden Leichen" (1971), und die Musik von Marcello Giambini sorgt zumindest für ein bisschen Klasse und Atmosphäre. Der Film endet mit einer ganz witzigen Pointe, aber das war's dann auch schon.

Joe D'Amato, der neben dem Spanier Jess Franco vielleicht exemplarischste Exploitation-Regisseur der Filmgeschichte, hat in seiner Karriere an die 200 offizielle Filme gedreht, und wer weiß, wie viele noch unter anderem Namen. Von Pornos über Horror bis zu Historienschinken hat er alles verfilmt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Schade, das er sein durchaus vorhandenes Talent viel zu oft verschleuderte. An guten Tagen gelingen ihm durchaus starke Horror-Momente (wie in "Man-Eater" oder seinem wohl besten Genrefilm "Sado - Stoß das Tor zu Hölle auf").

IN DER GEWALT DER ZOMBIES aber ist von vorne bis hinten todlangweiliger Trash, der eher zum Einschlafen als zum Mitfiebern einlädt. Überhaupt ist die Mixtur aus Sex und Gewalt eine merkwürdige Idee, sollen doch die erotischen Einlagen den Zuschauer erregen, die Zombie-Angriffe ihn aber gleichzeitig anekeln. Der Gedanke dahinter, dass jeder was für sein Geld bekommt, ist nachvollziehbar, tatsächlich aber bekommt stattdessen keiner so richtig was.
Immerhin konnten seinerzeit - als es noch keine Videotheken gab - Opas mit Hut und Regenmantel, sowie deren pubertierende Enkel, unter dem Vorwand, sich den neuesten Horrorstreifen reinzuziehen, ins örtliche Bahnhofskino latschen, um dort feixend ein paar ordentliche Hardcore-Momente zu erhaschen. Ist doch auch was.

Zuletzt sei erwähnt, dass auch IN DER GEWALT DER ZOMBIES seine Fans hat, die den Film lieben. Und deswegen ist es so wunderbar, ein Horror-Fan zu sein. In diesem Genre findet jedes Töpfchen sein Deckelchen, und  sei es noch so verranzt und unansehnlich.

03/10

Montag, 30. Juni 2014

Hügel der blutigen Augen (1977)

"They wanted to see something different - but something different saw them first!"

Mit dieser genialen Tagline wurde HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN (The Hills Have Eyes) beworben, den Regisseur Wes Craven nach seinem berühmt-berüchtigten Erstling "The Last House on the Left" (1972) inszenierte, mit etwas mehr Geld, aber insgesamt deutlich professioneller. HDBA wurde ein bescheidener Hit an den Kinokassen und entwickelte sich schnell zum Kultfilm. heute genießt er in Fankreisen großes Ansehen. Ich habe etwas gebraucht, um mit dem Film warm zu werden und bin erst über verschiedene Anläufe dazu gekommen, seine Qualitäten wirklich zu erkennen. Tatsächlich handelt es sich hier um einen der besten, angsteinflößendsten und verstörendsten Horrorfilme  der 70er, einen Vertreter des 'Savage Cinema', das durch Sam Peckinpah, Tobe Hoopers "Blutgericht in Texas" (1974) und John Boormans "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972) begründet wurde.

HDBA erzählt von einer Mittelklassefamilie, die mit dem Wohnwagen durch die amerikanische Wüste fährt und sich dabei verirrt. Allein auf sich gestellt und der brennenden Sonne ausgesetzt, stoßen sie bald auf eine degenerierte Familie, die in den Hügeln jenseits ihres unfreiwilligen Campingortes lebt und Durchreisende verspeist. Das erste Opfer wird der Schäferhund der Familie, und kurz darauf richten die Kannibalen ein regelrechtes Massaker an. Die gepeinigten Urlauber schlagen aber gandenlos zurück und erweisen ich als ebenso brutal wie ihre Angreifer...

HDBA ist ein Film der Gegensätze. Die beiden Hunde der Familie heißen 'Beauty' und 'Beast', wobei die Schönheit zuerst dran glauben muss und die Bestie übrig bleibt - was den Film wunderbar auf den Punkt bringt. Auf der einen Seite steht die zwar zerstrittene, aber noch funktionstüchtige Familie aus der Zivilisation, die zum Mittagessen Papierservietten in der Einöde auflegt und ihren gesamten Hausstand mit dabei hat, auf der anderen Seite lauern die 'Wilden', die Touristen lediglich als Nahrung betrachten, die schlechte Zähne und keine Manieren haben, und die alle Konflikte über Gewalt lösen. Sie sind die 'nukleare' Familie, entstanden als Kollateralschaden von Atomtests - eine Tatsache, die in der alten deutschen Kinosynchronfassung mal eben komplett verfälscht wurde. Dort sind sie Außerirdische, die irgendwann in der Wüste gelandet sind und sich seitdem dort herumtreiben. Man fragt sich, was die Gründe für eine solche Entstellung des Films gewesen sind, offenbar fand man hierzulande Cravens zynische Beschreibung des 'Gotteslandes' als durch Menschenhand verseuchten Ort zu kontrovers oder zu albern (Außerirdische sind natürlich viel weniger albern).

In seiner zweiten Regiearbeit beweist Craven, der ein kluger, studierter Mann ist (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass seine Filme alle gut sind - nach meiner persönlichen Ansicht würde ich das Verhältnis gut zu schlecht auf 50:50 schätzen), dass er sein Publikum wirklich erschrecken kann. Filmische Regeln und Verabredungen mit dem Zuschauer gibt es hier nicht mehr. Zwei Mütter werden erschossen, ein Baby wird gewaltsam entführt und soll den Hügelbewohnern als Festtagsbraten dienen, ein Hund wird ausgeweidet, eine Tote wird als Köder benutzt, um die Gegenseite anzulocken, und die netten Amerikaner verwandeln sich unter der Bedrohung in ebenso blutrünstige Bestien wie ihre Angreifer. Wenn alle Fassaden der Zivilisation bröckeln, kommen die Bestien zum Vorschein. Die Urlauber vertrauen ganz auf die Technik, die sie als erstes im Stich lässt, sie haben keine Ahnung, wo sie sich befinden oder wie sie sich helfen sollen, sie machen einen Ausflug ins Nirgendwo und wundern sich dann, dass ihre Regeln dort nicht mehr gelten. Dass ihr Hund vor einiger Zeit mal einen Pudel totgebissen hat, verstehen sie als Spaß, aber jetzt werden sie erfahren, was es heißt, Teil einer Nahrungskette zu sein und dort nicht unbedingt an der Spitze zu stehen.

HDBA ist hart und brutal, aber nie zum Selbstzweck. Das Massaker, das die Hügelbewohner anrichten, ist ein intensives Filmerlebnis (verstärkt durch das endlose Gekreische von Hauptdarstellerin Susan Lanier, das - im positiven Sinn - wirklich an den Nerven zerrt), aber Craven konzentriert sich ebenso ausführlich auf die Trauer und den Verlust, der die Reisenden um den Verstand bringt. Die Schauspieler leisten dabei - insbesondere für einen solchen Low Budget-Film - hervorragende Arbeit, insbesondere Robert Houston als sensibler Familiensohn, der Vater, Mutter, Schwester und den geliebten Hund verliert, sowie Dee Wallace (späterer Horror-Star aus "The Howling" und "Cujo", sowie unvergessen als nette Mama in Spielbergs "E.T.").
Die Familiendynamik ist in jeder Minute glaubhaft und authentisch, und das Ungeheuerliche, was diesen Menschen zustößt, ist nicht wegen der (eher zurückgenommenen) Splatterelemente so schockierend, sondern wegen der emotionalen Kraft.

Umso befreiender ist dann die Rache der Gequälten - bis Craven das Publikum sanft darauf hinweist, dass man Gut von Böse längst nicht mehr unterscheiden kann. Was hier in der Wüste stattfindet, ist nicht nur ein Privatkrieg, sondern auch ein Klassen- und Bildungskampf. Darüber hinaus verweist Craven deutlich auf den klassischen US-Western - erinnert doch der Campingwagen stark an den Siedler-Planwagen, der dort gern von Indianern angegriffen wird.

HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN ist grimmiges, rohes und schonungsloses Kino der 70er, das heute - obwohl äußerlich leicht angestaubt - immer noch packen kann. Cravens Film war nicht nur erfolgreich, sondern hat auch andere Filmemacher stark beeinflusst. Nicht umsonst hängt in der Teufels-Hütte in Sam Raimis "Evil Dead" (1981) ein Poster des Films. Craven selbst inszenierte 1984 eine leider völlig misslungene Fortsetzung unter dem Titel "Im Todestal der Wölfe" (The Hills Have Eyes 2"), die lediglich wegen der nicht enden wollenden Rückblenden zu Teil 1 in Erinnerung bleibt (sogar der Schäferhund bekommt dort eine Rückblende!).
Der Franzose Alexandre Aja drehte im Jahr 2006 das obligatorische Remake, das dem Original beinahe Szene für Szene folgt, das Gewaltlevel aber ordentlich in die Höhe schraubt, während das kurz später nachgeschobene Sequel "The Hills Have Eyes 2" (2007) ebenso furchtbar geraten ist wie Cravens eigene Fortsetzung.

Ich bin froh, dass ich nach mehrmaligen Anläufen endlich Zugang zu diesem modernen Klassiker gefunden habe, der so viel mehr ist als billiges Exploitation-Kino. Außerdem liebe ich Filme, in denen Schäferhunde den Tag retten und den 'Bösen' ordentlich in den Hintern treten. Go, 'Beast!

09/10


Donnerstag, 19. Juni 2014

Ein Mann sieht rot (1974)

EIN MANN SIEHT ROT (Death Wish), der jüngst in hervorragender Qualität auf Blu-Ray veröffentlicht wurde, ist ein moderner Klassiker des Selbstjustiz-Thrillers, war im Erscheinungsjahr enorm populär, hat mehrere Sequels und Nachahmer angestoßen und Charles Bronson zum Pin-Up aller Rächer der Enterbten gemacht. Als schweigsamer Vergelter und Säuberer der Großstadt hinterlässt Bronson in der Tat einen so nachhaltigen Eindruck, dass es auch heute nicht schwerfällt, den Erfolg des Films nachzuvollziehen. Darüber hinaus lässt sich Michael Winners Thriller immer noch gut anschauen und bietet trotz seiner (bewusst) problematischen Aussagen spannende und rasante Unterhaltung.

Bronson spielt hier den Architekten Kersey, dessen Frau und Tochter während seiner Abwesenheit von drei Straßenräubern (darunter unsere Lieblingsfliege Jeff Goldblum) überfallen, verprügelt und vergewaltigt werden. Kerseys Ehefrau stirbt an den Verletzungen, seine Tochter landet katatonisch in der Psychiatrie. Kersey, ansonsten ein friedliebender Zeitgenosse, wird durch die Unfähigkeit der Polizei und das Desinteresse seiner Umwelt dazu getrieben, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er greift zum Revolver und geht nachts auf Streifzüge durch New York, wo er Kleinkriminelle kaltblütig abknallt und die Straßen vom 'Abschaum' befreit. Die Bevölkerung sieht ihn schon als Helden und bringt damit Polizei und Politik in Bedrängnis...

Selbstjustiz-Filme sind immer dann am besten, wenn sie konsequent vorgehen und nicht auf Political Correctness achten (siehe "Die Fremde in dir", wo das Konzept in die Hose geht). Michael Winner, der stets ein ausgezeichneter Handwerker und unterschätzter Regisseur war, verzichtet in seinem Werk auf jede tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem sensiblen Thema und serviert stattdessen eine Rächergeschichte, bei der Bronson als einsamer, stiller Held eine Law & Order-Mentalität auslebt, die unsere dunkelsten Seiten anspricht.

Selbstverständlich rief der Film - ebenso wie kurz zuvor Siegels/Eastwoods "Dirty Harry" - alle Kritiker auf den Plan, die ihn wutschäumend als reaktionären Dreck betitelten, was zu erwarten war. Tatsächlich gibt es im gesamten Film keine Figur, die gegen Bronsons Vorgehen das Wort ergreifen oder zumindest die problematische Kehrseite der Selbstjustiz mal ernsthaft diskutieren würde. Da EIN MANN SIEHT ROT auch kein Psychogramm sein will, wird man auch nie schlau aus Bronsons Gemütszustand. Offenbar gehen die Morde spurlos an ihm vorbei, ja, sie scheinen ihm sogar Freude zu bereiten. Das Schlussbild, in dem Bronson in neuer Umgebung erneut die üblen Subjekte der Gesellschaft lächelnd aufs Korn nimmt, bleibt ein ebensolches Fragezeichen. Ist er nun völlig durchgeknallt und psychopathisch, oder zwinkert er nur dem Publikum zu und sagt: "Zu euch komme ich später"? Da Michael Winner alle Fragen offen lässt, macht er sich natürlich angreifbar, kann sich aber auch jederzeit damit verteidigen, dass er niemals offen Selbstjustiz propagiert, ein sehr geschickter Dreh. 

Eines ist jedenfalls klar, dumm ist Winners Film nie (anders als Nachfolger wie "Eine Frau sieht rot", der an Dummheit schwer zu überbieten ist), er stellt sich nur gelegentlich dumm. Der interessanteste Aspekt findet sich nach der Gewalttat gegen Bronsons Familie, wenn er eine Geschäftsreise nach Arizona antritt und somit direkt im Herzen des Wilden Westens landet, wo er Zeuge einer Western-Show wird, in der sich Cowboys zur Freude des klatschenden Publikums gegenseitig über den Haufen schießen. Im 'alten Amerika', so der Film, herrschte noch Zucht und Ordnung, da wurde nicht lange gefackelt, und Verbrecher wurden - am besten ohne Prozess - an Ort und Stelle aufgehängt. Im 'neuen Amerika' aber sind diese Werte nur noch Relikte und zu spaßiger Unterhaltung verkommen (so wie die Western-Show für das Publikum funktioniert, so funktioniert auch der Film selbst). Insofern verkörpert Bronsons Kersey auch den Wunsch nach Rückkehr zu einer simplen Weltordnung, einer 'Auge um Auge'-Mentalität.

Die Reaktionen auf Bronsons spätere Rachefeldzüge sind dann auch entsprechend geteilt. Die Bevölkerung verehrt ihn, weil er den Mut hat, selbst durchzugreifen, die Polizei kommt ihm schnell auf die Spur, wird aber von der Staatsanwaltschaft zurückgepfiffen, weil Bronson nicht zum Märtyrer gemacht werden soll und die Kriminalität aufgrund seiner Taten zurückgegangen ist (was der Film nur behauptet, denn Bronson wird auch am Ende noch an jeder Ecke überfallen, sobald er nur sein Haus verlässt, obwohl die Stadt doch jetzt angeblich sicherer geworden ist). An dieser Stelle verabschiedet sich EIN MANN SIEHT ROT natürlich von jeder Realität und spielt auf einem fiktiven Planeten, denn niemals würde die Polizei einen Massenmörder wie Kersey (dessen Morde selbstverständlich niemanden zur Selbstjustiz gegen ihn anstacheln, weil er ja auf der 'richtigen Seite' steht) lediglich in eine andere Stadt umsiedeln und ansonsten frei davonkommen lassen - und wenn, dann sicher nicht so plump wie hier gezeigt.

Jenseits der moralischen Fragen aber ist EIN MANN SIEHT ROT ein klasse Thriller, der sich nie lange mit unnötigem Beiwerk aufhält und schnell zur Sache kommt. Die 90 Filmminuten fliegen förmlich vorbei. Der Film ist ausgezeichnet fotografiert und packt noch einen furiosen Soundtrack von Herbie Hancock, der das Großstadt-Feeling der 70er perfekt transportiert, obendrauf.
Einige Rezensenten haben angemerkt, dass der Angriff auf Bronsons Ehefrau und Tochter von Winner so unangenehm und realistisch dargestellt wird, dass er nur schwer konsumierbar ist (weswegen der Film auch heute noch nicht für Jugendliche freigegeben ist, mal abgesehen von seiner Thematik), aber diese Szene ist extrem wichtig für den Film. Nur, wenn man die Brutalität auch als solche begreift und nachfühlt, kann man Bronson überhaupt als Rächer akzeptieren. Wenn der Film hier zauderte, würde er nicht mehr funktionieren.
Die Besetzung von Hope Lange als Bronsons Gattin ist dabei eine ganz spezielle Gemeinheit, weil die schöne und sanfte Lange im amerikanischen Bewusstsein durch ihre Erfolge in den langlebigten TV-Serien "The Ghost and Mrs. Muir" und "The Dick Van Dyke-Show" der Inbegriff weiblicher Integrität und Unantastbarkeit war, die Mutter der Nation, sozusagen.

Kritisieren könnte man stattdessen einige schwache Nebenrollen, insbesondere Bronsons Filmschwiegersohn, der langweilig geschrieben ist und ausdruckslos gespielt wird, immer am Rande eines Tränenausbruchs und ein echter Waschlappen. Das hat - wie alles im Film - natürlich auch Methode, weil er die verweichlichte und angesichts der alltäglichen Gewalt gelähmte, passive Gesellschaftshaltung repräsentieren soll - trotzdem könnte er interessanter oder zumindest attraktiver sein!
Charles Bronson hingegen leistet hier ein echtes Bravourstück. Obwohl er weitgehend emotionslos Dutzende von Leuten abknallt, bleibt man auf seiner Seite und möchte eigentlich nicht, dass er verhaftet wird. Schlimmer noch - als ihm gegen Ende einer der Schurken beinahe entkommt, hofft man, dass er auch diesen noch zur Strecke bringt. Da hat einen der Film komplett im Griff, und ein bisschen schämt man sich dafür. Jugendschützer und wütende Kritiker sollten dennoch nicht zu hart mit den reaktionären Untertönen ins Gericht gehen. An meiner persönlichen Einstellung gegen Selbstjustiz oder die Todesstrafe hat der Film rein gar nichts geändert (auch nicht, als ich noch jünger und naiver war), und überhaupt muss man ihn nicht ernster nehmen als er sich selbst nimmt.

Fazit: EIN MANN SIEHT ROT ist kontroverses, unkorrektes und extrem sehenswertes Kino der 70er, ein einflussreicher moderner Klassiker und knallharte Unterhaltung - mit Biss.

09/10


Mittwoch, 4. Juni 2014

Das Haus der Verfluchten (1985)

Wer noch seine alte Ufa-Videokassette im Regal stehen hat, der kann diese nun getrost entsorgen, falls er nicht aus sentimentalen Gründen daran hängt, denn DAS HAUS DER VERFLUCHTEN (7 Hyden Park, Formula for a Murder, La Casa Maledetta) ist nun ENDLICH in guter Qualität und vor allem ungeschnitten auf DVD/Blu-Ray erhältlich! Wenn das mal keine gute Nachricht ist.
Ehrlich gesagt habe ich so lange auf eine Uncut-Fassung gewartet, dass mir der Film in deutlich besserer Erinnerung war, denn so doll ist er leider nicht. Macht aber nichts, es ist trotzdem schön, diesen kleinen Spät-Giallo nach vielen Jahren wieder zu genießen.

"David Warbeck Goes Beserk!" ruft das englische DVD-Cover, und genau darum geht es. David Warbeck, alter Bekannter aus vielen Genre-Streifen inklusive einiger Fulcis ("The Beyond", "The Black Cat") spielt hier einen scheinbar freundlichen und harmlosen Sportlehrer, der sich an die Millionenerbin Joanna (Christina Nagy) heranmacht. Joanna ist an den Rollstuhl gefesselt, seit sie als Kind von einem psychopathischen Priester vergewaltigt wurde (vermutlich wusste man damals noch nicht, dass man als Minderjährige/r lieber die Beine in die Hand nehmen und um sein Leben rennen sollte, wenn einem ein katholischer Priester über den Weg läuft). Gleichzeitig werden mehrere Menschen in Joannas Umgebung per Rasiermesser und Spaten abgemurkst. Könnte es sein, dass unser David dahintersteckt, weil er an Joannas Geld rankommen will? Oder spielt Joannas beste Freundin (Carroll Blumenberg) ein doppeltes Spiel? Wird sich Joannas Talent, mit Pfeil und Bogen umzugehen, im mörderischen Finale womöglich auszahlen?

DAS HAUS DER VERFLUCHTEN ist ein Giallo aus einer Zeit, als der Giallo schon durch war, und streng genommen handelt es sich hier nicht einmal um einen Vertreter unseres geliebten Italo-Genres. Zwar ist der Schocker mit einigen der typischen Details angereichert und kann mit blutigen Morden aufwarten, die so ziemlich den einzigen Schauwert darstellen, aber im Grunde haben wir es mit einer Mischung aus "Die Teuflischen" (1956) und "Ein Toter spielt Klavier" (1961) zu tun (ich entschuldige mich in aller Form bei den Herren Clouzot und Holt, die bestimmt nicht mit diesem Film in einen Topf geworfen werden wollen).
Statt psycho-sexueller Störung geht es dem Täter hier lediglich ums schnöde Geld, und dafür soll die liebe Joanna in den Tod getrieben werden, denn wie sagt doch Joannas Arzt mit knallharter Miene (sinngemäß): "Wenn sie sich an den Vorfall aus ihrer Kindheit erinnert, wird der Schock sie sofort töten!" Gut, dass der Mann studiert hat, sonst könnte man das vielleicht als reine Spekulation abtun, aber wer sich so sicher ist, der kann sich ja nicht irren.

Na, jedenfalls klappt der Plan nicht so ganz, obwohl ständig ein als Priester verkleideter Irrer auftaucht und Joanna eine blutige Puppe vor die Nase hält, die offenbar noch aus Hitchcocks "Die rote Lola" (1951) übrig geblieben ist. Dazu erklingt jedes Mal ein bizarres Kinderlied, dessen Text ich aufgrund der Stimmenverfremdung bis heute nicht verstanden habe - irgendwas mit Leichen und aufgeschlitzten Bäuchen. Ist auch egal.
Überraschenderweise wird der Täter bereits nach 30 Minuten enthüllt, damit sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel entwickelt, doch leider schafft es Regisseur Alberto de Martino nicht, ein solches zu inszenieren, weil die Geschichte zu fade bleibt. Der Inhalt des Films ist geradezu erschreckend simpel - Warbeck und Nagy versichern sich ihrer Liebe, turteln durch Gärten und New York, und dazwischen wird der eine oder andere Priester dahingemetzelt. Nicht sonderlich aufregend, das Ganze. Im Finale kann sich Nagy dann gegen ihren Angreifer wehren, doch der - hätten Sie's geahnt? - taucht in schöner Michael Myers-Regelmäßigkeit immer wieder auf, um nach Joanna zu grapschen, bis er endgültig zur Hölle geschickt wird.

Spannend ist das alles nicht sonderlich, und auch filmisch bleiben viele Wünsche offen. Bis auf ein paar verzerrte Optiken ist DAS HAUS DER VERFLUCHTEN trotz des Cinemascope-Formats uninspiriert fotografiert. Lediglich ein wuchtiger Fenstersturz gegen Ende kann da für etwas Begeisterung sorgen. Dazu mixt Filmkomponist Francesco de Masi gelangweilt verschiedene Motive aus den Scores zu "Samen des Bösen" (1981) und seinem eigenen "Der New York Ripper" (1982) zusammen, was insofern passend ist, da eine zentrale Szene auf der New Yorker Staten-Island-Fähre spielt, auf der in Fulcis Klassiker schon ein junges Mädel blutig zu Tode kam. Um den Film als amerikanische Produktion auszugeben, müssen übrigens die Italiener im Vorspann falsche Namen annehmen (Alberto de Martino heißt hier Martin Herbert).

DAS HAUS DER VERFLUCHTEN ist insgesamt leidlich unterhaltsam, wenn man gar nichts erwartet und geht als Trash noch am besten durch. Dafür sorgen das Overacting von Warbeck im besten Jack Nichsolson-Modus, sowie einige haarsträubende Dialoge - etwa, wenn Warbeck den bereits erwähnten seriösen Doktor, der ihm soeben von Joannas schwerem Kindheitstrauma erzählt hat, ungrührt fragt, ob seine Patientin wohl den Geschlechtsverkehr mit ihm überleben würde oder gleich einen Herzinfarkt bekäme - wahrscheinlich, weil er so ein toller Hengst ist und mit seiner Manneskraft schon mehrere Damen dahingerafft hat.

Wer so lange auf eine gute Veröffentlichung des Films gewartet hat wie ich, der sollte mit der aktuellen DVD/Blu-Ray-Ausgabe jedenfalls bestens bedient sein, auch wenn der Film (wie so oft) nicht halten kann, was die sentimentale Erinnerung verspricht. 


05/10



Dienstag, 3. Juni 2014

Atmen (2011)

Der neunzehnjährige Roman (Thomas Schubert) sitzt seit fünf Jahren im Jugendknast, nachdem er einen gleichaltrigen Jungen zu Tode getreten hat. Roman hofft auf frühzeitige Entlassung und nimmt dafür einen Job bei einem Wiener Bestattungshaus an, wo er den Umgang mit Toten lernen muss und den Anfeindungen eines älteren Kollegen ausgesetzt ist, der ihn unentwegt demütigt. Als eine Tote mit gleichem Nachnamen aufgefunden wird, beginnt Roman, nach seiner Mutter zu suchen, die ihn als Kind dem Jugendamt übergeben hat...

ATMEN ist das Regiedebüt des österreichischen Schauspielers Karl Markovics, das  bei Kritikern Begeisterung auslöste und mehrere Preise auf wichtigen internationalen Festivals gewann. Der Film ist ein bewegendes und authentisches Jugenddrama (ich vermeide den schrecklichen Begriff 'Coming of Age'), das behutsam seine ganze Kraft entfaltet. Gesprochen wird nicht viel, die Sprachlosigkeit ist Teil von Romans Persönlichkeit.
Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht, der zu den besten seiner Zunft gehört, sind perfekt durchkomponiert, und die größte Entdeckung ist Laiendarsteller Thomas Schubert, der nur durch Zufall zum Casting kam, und der hier eine sensationelle Leistung zeigt. Er ist in jeder Sekunde glaubwürdig, und die innere Wandlung seiner Figur, das langsame Erwachsenwerden, das Herantasten ans Leben (ironischerweise über den Tod), drückt er allein durch Blicke und Körpersprache aus, wo andere Filme und Darsteller haufenweise Dialoge benötigen.

Filmisch erleben wir diese Wandlung durch die Wiederholung von Situationen und Abläufen, in denen sich lediglich Romans Verhalten nach und nach ändert. So ist er etwa zu Beginn nicht in der Lage, sich die für die Arbeit notwendige Krawatte selbst zu binden, und die Anfeindungen des Kollegen lässt er wortlos über sich ergehen, ebenso die täglichen Kontrollen im Knast. Später widersetzt er sich dem Kollegen, bindet sich die Krawatte mühelos und hält den Blicken von Wachleuten und Vorgesetzten Stand. So wie er ihnen in die Augen blickt, so kann er sich auch mit seiner Tat auseinandersetzen, die ihn ins Gefängnis gebracht hat, und den Konsequenzen seiner Handlungen 'ins Auge sehen'.

Regisseur Markovics ist dicht dran an seiner Hauptfigur und schildert Romas 'Rückkehr ins Leben' leise, nüchtern und ohne jeden Kitsch oder falsche Melodramatik. Die detaillierten Abläufe im Bestattungshaus sind in ihrer dokumentarischen Qualität hervorragend in das Drama integriert und stehen nie für sich, obwohl sie allein einen überzeugenden Dokumentarfilm abgeben würden. Der Umgang des Films mit dem Tod und den Toten bleibt immer respekt- und würdevoll, trotz gelegentlicher Prisen schwarzen Humors. Gelegentlich wird ATMEN auch poetisch - etwa, wenn ein Vogel sich in die Leichenhalle verirrt und von Roman nach draußen in die Freiheit geleitet wird (was in meiner Nacherzählung rühriger und symbolbeladener klingt als es sich im Film darstellt).

Fazit: ATMEN ist ein sehr sehenswertes Jugenddrama mit einem famosen Hauptdarsteller. Ein Film der leisen Töne und der nachwirkenden Bilder, der zu Recht vielfach ausgezeichnet wurde. So sicher und präzise ATMEN gelungen ist, so unvorstellbar scheint es, dass es sich hier bei Regie und Hauptrolle um Debüts handelt. Große Leistung!

09/10


 Roman (Thomas Schubert) auf der Reise zwischen Leben und Tod, Gefängnis und Freiheit.


Freitag, 30. Mai 2014

Jein, ich will (2004)

Ich sage es mal, wie es ist: Ich kann Hochzeitsfilme nicht ausstehen - ganz besonders nicht, wenn sie aus Hollywood kommen. Das liegt einerseits daran, dass ich es satt habe, Brautkleid-Anproben, Test-Essen und verschwundene Ringe zu sehen, ich mag auch den grundsätzlichen Gedanken hinter diesen Filmen nicht, der stets die Ehe als das größte zu erreichende Glück (besonders für Frauen, weil sie sonst keine Lebensziele haben) und den Tag der Trauung als den "schönsten Tag im Leben" propagiert, damit ein gefräßiger Wirtschaftszweig - die Hochzeits-Industrie - weiter existieren kann. 
Natürlich gibt es Ausnahmen. "Brautalarm" (2011) ist nett unkorrekt, und immer, wenn die Ehe zumindest auf die Schippe genommen wird ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall"), bin ich zur Not auch dabei.

Der französische Spielfilm JEIN, ICH WILL, der im Original den ebenso schlichten wie schönen Titel "Mariages!"besitzt und im deutschen Fernsehen auch als "Eine französische Hochzeit" lief, geht glücklicherweise andere Wege als die zuckersüßen Hollywood-Varianten. Zwar gibt es auch hier den verschwundenen Ehering, der vom Trauzeugen verschludert wurde, aber MARIAGES ist eher an einer Aufarbeitung der Institution Ehe interessiert als am Kitsch - und darüber hinaus angenehm unverkrampft und leicht erzählt.

Die Regisseurin Valérie Guignabodet erzählt in MARIAGES eine Hochzeit auf dem Lande, zu der zwei Familien zusammenkommen. Anhand dreier Paare schildert sie die verschiedenen Aggregatzustände der Ehe (ursprünglich wollte sie anhand eines einzigen Paares die verschiedenen Stufen des Miteinander verdeutlichen, entschied sich dann aber für die Aufteilung auf drei verschiedene Beziehungen). Da wäre zunächst das jungverliebte Brautpaar (Chloé Lambert und Alexis Loret), das heiraten will, weil 'man das eben so macht', ungeachtet der Tatsache, dass sich der Bräutigam in der Nacht zuvor noch auf der Junggesellenparty vielleicht oder vielleicht auch nicht einen Blowjob von einem Transvestiten abgeholt hat. Dann sind da die bereits länger verheirateten Jean Dujardin und Mathilde Seigner, deren Ehe sich in ein Kriegsgebiet verwandelt hat, bei denen aber noch Hoffnung auf Versöhnung besteht, und zu guter Letzt haben wir ein Paar, dessen Ehe sich schon an dem Punkt befindet, wo nur noch eine Trennung helfen kann. Während die Brautmutter (Miou-Miou) verzweifelt die Kontrolle über die Feier zu behalten versucht, beginnen und enden mehrere gemeinsame Lebenswege...

MARIAGES ist auf keinen Fall geeignet für einen hübschen Mädels-Abend, bei dem Kissen geknutscht und Tränchen vergossen werden, denn der Film zieht trotz aller Heiterkeit und Verwicklungen eine eher nüchterne und desillusionierende Bilanz. Dazu ist er gespickt mit ebenso sarkastischen wie klugen Zitaten berühmter und weniger berühmter Personen über die Ehe, wie etwa Oscar Wildes "Zu einer glücklichen Ehe gehören mehr als zwei" oder „Eine Ehe ist wie eine belagert Festung: die, die drin sind wollen raus und die, die draußen sind, wollen rein“.

Dementsprechend unterschiedlich wird MARIAGES auch von Rezensenten bewertet - es hängt davon ab, mit welchen Erwartungen man an solch eine Geschichte geht. Für mich ist es wohltuend zu sehen, wie intelligent und abgeklärt der Film mit seinem Thema umgeht, ohne den Unterhaltungs- und Spaßfaktor zu vernachlässigen, er verzichtet auch weitgehend auf Slapstick und ist (fast) vollkommen kitschfrei. Anders als bei amerikanischen Vorbildern ist MARIAGES auch weitgehend unvorhersehbar. Das Happy End des jungen Brautpaares ist nicht von Beginn an in Stein gemeißelt, und nach mehreren überraschenden Wendungen konzentriert sich der Film im letzten Akt unversehens auf eine Figur, die zunächst unwesentlich scheint und eher im Hintergrund agiert, deren Geschichte dann aber die eigentlich entscheidende wird (um nicht zu spoilern, möchte ich nicht mehr verraten) - nicht umsonst erhält sie das Schlussbild, das die Befreiung, nicht das Miteiander, feiert

Das durch die Bank hervorragende Ensemble befindet sich in großartiger Spiellaune. Jean Dujardin, der auf dem Höhepunkt des Films einen fantastischen Monolog über die Ehe halten darf, sah nie besser aus und befindet sich hier noch am Anfang seiner steilen Filmkarriere, an seiner Seite agiert eine starke, störrische Mathilde Seigner. Die wunderbare Grande Dame Miou-Miou hält nicht nur die Hochzeit, sondern auch den ganzen Film zusammen, und als Sidekick-Paar gibt es noch die Eltern des Bräutigams, die sich ununterbrochen über die Kosten aufregen, die sie übernehmen sollen ("Da haben Sie sich wohl gleich den ganzen Garten neu machen lassen, wie praktisch!"). Das Setting (ein Sommerhaus im Grünen) ist fantastisch, und im dritten Akt taucht noch ein trauriger Transvestit auf, der für einige Verwirrung (sowie eine tolle Shownummer) sorgt und den schönsten Moment bekommt, wenn er stolz und traurig verkündet: "Wenigstens einmal bin ich eingeladen worden".

Fazit: Wenn schon ein Hochzeitsfilm, dann bitte so einer. Et Voilá!

09/10

Montag, 26. Mai 2014

Counter Investigation (2007)

Das Cover täuscht. Bei COUNTER INVESTIGATION - KEIN MORD BLEIBT UNGESÜHNT (Contre-Enquête) handelt es sich nicht um einen Gangsterfilm oder Action-Kracher, sondern um einen französischen Krimi mit Noir-Anleihen, der deutlich leiser daherkommt als man annehmen würde. Die Hauptrolle in diesem spannenden Kriminaldrama spielt Jean Dujardin, der zu den größten Stars des französischen Kinos gehört und von Hollywood einen Oscar für "The Artist" (2011) erhielt.

Worum geht es? Während der Cop Richard (Dujardin) zu einem Drogenfall ins Revier gerufen wird, vergewaltigt und ermordet ein Unbekannter Richards kleine Tochter Emilie. Hauptverdächtiger ist Daniel Eckmann (Laurent Lucas), der von Zeugen identifiziert wurde und ein Geständnis ablegt. Obwohl er das Geständnis widerruft, wandert Eckmann in den Knast. Von dort aus bittet er Richard um Hilfe und beteuert seine Unschuld. Richard, der kaum über den Verlust des Kindes hinwegkommen kann, steckt nun in einem furchtbaren Dilemma - sollte Eckmann tatsächlich unschuldig sein, läuft der wahre Täter immer noch frei herum. Oder aber ist Eckmann doch der Scnhuldige und treibt ein hinterhältiges Spiel? Richard rollt den Fall gegen den Willen von Kollegen und Ehefrau noch einmal auf...

Autor/Regisseur Franck Mancuso kann zwar in der Inszenierung von COUNTER INVESTIGATION nicht unbedingt eine eigene Handschrift vorweisen, dafür ist aber sein Drehbuch erstklassig. Der Film besticht durch zügiges Erzähltempo sowie originellen Wendungen, und er stürzt seine Hauptfigur - glänzend verkörpert vom immer attraktiven Jean Dujardin - in zahllose Konflikte, die sich aus der schrecklichen Tat und den Folgenfür ihn ergeben. Dabei wird der melodramatische Anteil (der Verlust des Kindes, Probleme in der Ehe, Schuldgefühle, etc.) angenehm in den Hintergrund gerückt, um stattdessen dem Whodunit mehr Raum zu geben, und die Frage "War er es oder war er es nicht?" wird hochspannend erzählt. Der Krimi schließt dann mit einem unvorhersehbaren (und höchst unkorrekten Finale), nach dem man die vorangegangenen Ereignisse noch einmal aus neuer Perspektive betrachten muss und Lust bekommt, sich den Film gleich noch einmal anzusehen.

COUNTER INVESTIGATION beweist (wieder einmal), dass es für einen guten Thriller weder ständige Sensationen noch Special Effects braucht, und dass ein gutes Buch auch einige Klischees verträgt, wenn die Geschichte fesselt und die Charaktere glaubwürdig entwickelt werden. Jean Dujardin trägt den Film mühelos, und ein Blick aus seinen traurigen Augen sagt viel mehr als Worte. Die Zurückhaltung, die von allen Beteiligten an den Tag gelegt wird, zahlt sich hervorragend aus. Mancusos Film ist angenehm altmodisch geraten und braucht sich vor großen französischen Vorbildern des Polizeifilms nicht zu verstecken. Von mir gibt's eine klare Empfehlung.

8.5/10

Ein Cop am Rande des Nervenzusammenbruchs - 
Jean Dujardin in "Counter Investigation"



Donnerstag, 1. Mai 2014

Jung & schön (2013)

Die 16-jährige Isabelle (Marine Vacth) verliert im Sommerurlaub am Strand ihre Unschuld. Einige Monate später arbeitet sie neben der Schule als Callgirl. Sie trifft vorwiegend ältere Männer in Hotelzimmern, gibt sich als volljährig aus und lässt sich für Sex bezahlen. Als einer ihrer Freier an einem Herzinfarkt stirbt, flüchtet sie, doch die Polizei kommt ihr auf die Schliche. Das Doppelleben fliegt auf, und die entsetzten Eltern fragen sich,was sie falsch gemacht haben, bzw. wie Isabelle zu helfen ist. Aber braucht sie überhaupt Hilfe?

Der französische Regisseur Francois Ozon hat zu seinem jüngsten Werk JUNG & SCHÖN (Jeune & Jolie) erklärt, er habe bei den Dreharbeiten zu "In ihrem Haus" (2013) Lust bekommen, ein Jugenddrama zu inszenieren, ohne aber die Jugend dabei zu verklären, sondern als eine Zeit zu zeigen, in der die Teenager ihre Grenzen testen und überschreiten, in der sie irrational handeln und sich auf gefährliche Experimente einlassen, in der sie - um es überspitzt zu sagen - unzurechnungsfähig sind. Das ist ihm fabelhaft gelungen, trotzdem bleiben einige Wünsche offen. Für die schwierige Hauptrolle wählte Ozon die noch unbekannte Marine Vacth, und sie erweist sich als seltener Glücksfall für den Film. Sie ist nicht nur in der Tat jung und sehr schön, sie bewahrt auch bis zum Schluss ihr Geheimnis. Sie wirkt ebenso unschuldig-naiv wie abgründig. Nie erfährt der Zuschauer, was wirklich hinter dieser hübschen Fassade vor sich geht, was sie motiviert, das ist so gewollt. Bei ihrem ersten Sex am Strand zeigt Ozon, wie Isabelle kurz aus ihrem Körper aussteigt und sich selbst zuschaut. Isabelle kann Liebe und Sex trennen, sie fühlt sich nicht schuldig, und auch der Film versucht nie, ihre Handlungen zu rechtfertigen oder sie dafür zu verurteilen.

Gerade die Anfangsszenen ihrer erotischen Begegnungen in diversen Hotels haben eine besondere Faszination, zu der auch die ständige Verwandlung Isabelles vom Schulmädchen in Schlabberklamotten zur Männerfantasie in High Heels und Mini gehört. Zugleich wird Isabelles familiäres Umfeld als liebevoll und harmonisch beschrieben, eine wohltuende Abkehr vom üblichen 'Problemfilm', in dem stets das kaputte Elternhaus mit Scheidung, Gewalt und Alkoholismus zu Verhaltensauffälligkeiten der Kinder führt. Nein, Ozon ist das zu billig, er beschreibt Isabelles Werdegang und Lust am Verbotenen stets als eigene, freie Entscheidung, die nie aus der Not geboren wird, nicht einmal aus finanzieller. Die Tatsache, dass es heutzutage so einfach ist, sich mit Hilfe von Internet und Smartphones zu prostituieren und anderen zur Verfügung zu stellen, wird ebenfalls nie moralisch gewertet, sie bildet nur den glaubwürdigen Hintergrund für diese sehr reale Geschichte.

Leider kann JUNG & SCHÖN in der zweiten Filmhälfte die innere Spannung der ersten nicht ganz halten Nachdem Isabelles Doppelleben entdeckt wurde, plätschert der Film für meinen Geschmack ein wenig zu ziellos vor sich hin. Isabelle muss zum Psychiater, muss sich Fragen anhören, ihre Mutter wird eifersüchtig, als Isabelle den Stiefvater einen Tick zu liebevoll anschaut. Das sind alles gute Szenen, aber man ahnt schon, worauf es hinausläuft, und es gibt auch kein Geheimnis mehr zu entdecken. Natürlich kann Isabelle nicht widerstehen und lässt sich erneut auf eine Hotelbegegnung ein. Dass dort ausgerechnet in der letzten Szene die großartige Chatlotte Rampling, Star vieler Ozon-Werke, vorbeischaut, ist ohne Frage das größte Schmankerl in JUNG & SCHÖN, zumal Marine Vacth wie eine jüngere Ausgabe der Diva wirkt. Ozon wollte übrigens zunächst die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der sich prostituiert, und man darf sich fragen, wie dieser Film ausgesehen hätte.

JUNG & SCHÖN ist ein kleiner, intimer und unaufdringlicher Film, der sich in Ozons Schaffen eher zu Werken wie "Rückkehr ans Meer" (2009) gesellt, nicht zu den poppig-knalligen Starvehikeln à la "Das Schmuckstück" (2010). Dazu sind Kamera und Musikbegleitung wie üblich bei Ozon exzellent. Der Regisseur nutzt seinen Hauskomponisten Philippe Rombi hier nur wenig und spielt an dramaturgisch wichtigen Stellen Chansons von Francoise Hardy ein, was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. So ganz begeistern konnte mich der Film nicht, aber die Darstellung von Marine Vacth ist auf jeden Fall sehr sehenswert.

07/10

Montag, 21. April 2014

18 Stunden bis zur Ewigkeit (1974)

18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT (Juggernaut) von Richard Lester gehört zu den spannendsten Filmen der 70er und zu meinen All-Time-Favourites. Mit seinem gewagten Genre-Mix gelingt es ihm, sowohl das Publikum von Polizeithrillern als auch Fans des Katastrophenkinos zu begeistern, obwohl die echte Katastrophe ausbleibt.

Der Plot: an Bord des Passagierschiffes 'Britannic', das sich auf dem Weg von England in die USA befindet, hat ein Erpresser sieben Bomben deponiert, die er zu zünden droht, sollte die Reederei seiner Geldforderung nicht nachkommen. Während Scotland Yard unter Führung von Anthony Hopkins verzweifelt nach dem Täter sucht, wird der Bombenexperte Richard Harris per Hubschrauber an Bord gebracht, um die Bomben zu entschärfen. Dabei kommt es zu mehreren Todesfällen und zur ultimativen Frage: blauer oder roter Draht?

Was 18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT von amerikanischen Katastrophenfilmen unterscheidet, das sind zum einen die britisch-unterkühlte, nüchterne Erzählweise, sowie der Verzicht auf schmalzige Soap-Elemente, die selbst bei Klassikern des Genres zu unfreiwillig komischen Momenten führen. Hier gibt es weder Shelley Winters' Schlüpfer noch O.J.Simpson als Katzenretter zu sehen, und auch keinen dauerbesoffenen Walther Matthau im roten Zuhälter-Hut.
Überhaupt hält der Film die privaten Schicksale der Passagiere komplett im Hintergrund (wir haben eine kleine Romanze zwischen der wundervoll sarkastischen Shirley Knight und Kapitän Omar Sharif, einen immer gut gelaunten Animateur, sowie Sheriff Pepper aus den 007-Filmen als misstrauischen US-Bürgermeister) und kümmert sich fast ausschließlich um den Thriller-Plot. Selbst die Tatsache, dass sich die Ehefrau und beide Kinder von Ermittler Anthony Hopkins an Bord des Schiffes befinden, schlachtet der Film nie melodramatisch aus, es gibt lediglich ein kurzes Telefonat zwischen Hopkins und seinem Sohn, der ihm begeistert erzählt, dass er fast von einer Bombe zerfetzt wurde.

Ebenso wie die Erzählung bleibt auch das Spiel der Darsteller stets zurückgenommen, mit Ausnahme von Richard Harris, der natürlich wie üblich eine One-Man-Show abzieht, dabei wie ein Bierkutscher flucht, säuft und beim Bombenentschärfen philosophiert. Erstaunlicherweise behält er dabei aber immer sein Hemd an, das er in vergleichbaren Filmen zwingend ablegt (siehe "Cassandra Crossing" oder so ziemlich jeden anderen Film mit Harris), und sein Overacting ist glücklicherweise so unterhaltsam, dass es nie stört. An seiner Seite agiert der junge David Hemmings als Assistent im rosa Pullover und wird leider ein frühes Opfer des Bombenlegers.

Als Thriller bietet 18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT gleich mehrere Höhepunkte. Zu den ersten gehört die Sequenz, in der die Bombenentschärfer per Fallschirm aus dem Hubschrauber springen und an Bord der 'Britannic' klettern müssen - eine Szene, die so realistisch gefilmt ist, dass man selbst stark ins Schwitzen gerät und sich am Sessel festkrallt. Das Finale um den roten oder blauen Draht ist ebenso hochspannend erzählt (und später hundertmal kopiert worden).

Abschließend muss noch konstatiert werden, dass es sich bei den Passagieren der 'Britannic' um die wohlerzogensten Reisenden aller Zeiten handelt. Nicht nur akzeptieren alle stumm die Tatsache, dass womöglich ihr letztes Stündlein geschlagen hat, nein, auch ein gezündeter Sprengsatz auf der Brücke lässt scheinbar jeden kalt. Und auch der geplante Kostümball wird nicht etwa abgesagt, nur weil ein Stockwerk tiefer gerade jemand sieben Bomben entschärft. Ein paar lange Gesichter gibt es, aber keine Panik oder gar sinnloses Durcheinander. Vorbildlich, die Briten. Erinnert ein bisschen an die 'After Eight'-Werbung: Tun wir einfach so, als hätten wir's nicht bemerkt.

Fazit: Klassiker!

9.5/10


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