Freitag, 25. Juli 2014

Der Wald vor lauter Bäumen (2003)

Um es kurz zu machen: DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN ist die vielleicht witzigste deutsche Komödie der letzten 30 Jahre (neben "Sommer vorm Balkon", 2004). Um eine definitive Aussage machen zu können, müsste ich alle deutschen Komödien der letzten 30 Jahre gesehen haben, aber das kann mir niemand ernsthaft zumuten, daher also das 'vielleicht'.
Umso bitterer ist es, dass diese wunderbare Perle kaum jemand kennt.

Eva Löbau spielt in DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN die junge Lehrerin Melanie aus der schwäbischen Provinz, die in einer Karlsruher Schule ihre erste Stelle antritt. Melanie möchte gern geliebt werden und wirklich etwas bewegen, sie ist mit Leib und Seele Lehrerin. Nur fehlt ihr dafür außer der Euphorie leider jegliches Talent, so dass sie gleich von Schülern mit Kaba-Tüten beworfen und auch sonst von niemandem ernst genommen wird. Melanie freundet sich mit ihrer Nachbarin Tina (Daniela Holtz) an, aber auch der wird die Junglehrerin bald zu aufdringlich. Mehr und mehr schwinden Melanies gute Absichten. Wird sie jemals akzeptiert, respektiert oder gemocht werden?

DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN wurde von Regisseurin Maren Ade aufgrund fehlenden Budgets mit einfachsten Mitteln und im quasi-dokumentarischen Stil gedreht. Die Schauspieler dürfen offensichtlich improvisieren, und die Kamera ist immer hautnah dabei, wenn Melanie sich wieder mal zum Affen macht.
Melanie wird von Eva Löbau schlichtweg sensationell gut gespielt. Sie trifft genau die richtigen (leisen) Töne und entblättert so viele Facetten dieser introvertierten Lehrerin, dass man nie weiß, welche Richtung der Film einschlagen wird. Er könnte sich genau so gut zum Psycho-Thriller entwickeln, denn die Liebessehnsucht von Melanie trägt durchaus soziopathische Züge. Gelegentlich wird sie gar zur Stalkerin ihrer bedauernswerten Nachbarin, und ihre anfangs so hübsch spießige Wohnung verwandelt sich immer mehr in einen Polanski-Alptraum (mehr oder weniger).

Melanie lügt, um sich interessanter zu machen, lügt dann wieder, um die erste Lüge zu entkräften, und sie biedert sich überall an, das ist beängstigend. Selten hat ein Film den Drang (und die damit einhergehende Tragik und Frustration), beliebt zu sein und Anschluss zu finden, so scharfsinnig auf den Punkt gebracht. Ständig ist man hin- und hergerissen, ob man Melanie nun bemitleiden oder fürchten soll, manchmal möchte man sie auch einfach nur schütteln. Kennen möchte man sie eher nicht. Sie hält sich für weltoffen und kontaktfreudig, dabei ist sie lediglich creepy und humorlos. Wenn sie es zu gut meint, geschehen die schlimmsten Dinge. Das ist doppelt tragisch, weil ihr Wunsch, den Kindern etwas beizubringen und ihnen 'auf Augenhöhe' zu begegnen, während die Kollegen längst jeden Idealismus verloren haben, im Grunde lobenswert ist. Doch die Art, wie Melanie mit sich und der Welt umgeht, ist ebenso traurig wie falsch - und dabei so brüllend komisch.

Regisseurin Maren Ade findet für ihre Melanie eine zauberhafte Schlusseinstellung, in der Melanie vom Steuer ihres Wagens auf den Rücksitz klettert und das Auto alleine weiterfährt. Sie hat endgültig die Verantwortung abgegeben und genießt die Aussicht. Ein Hoffnungsschimmer, oder eine Fahrt ins Nirgendwo? Mal loslassen zu können, das wäre schon gut für eine Melanie.

DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN lief auf mehreren Festivals und hat einige Preise bekommen, darunter auch einen Spezialpreis beim Sundance Film Festival. Man fragt sich, ob dort der herrliche schwäbische Dialekt von Eva Löbau eigentlich gewürdigt werden konnte, aber verdient ist das allemal.
Die deutsche DVD von DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN ist leider alles andere als großartig geraten. Muss man als mittlerweile digital verwöhnter Zuschauer schon mit der Heimvideo-Ästhetik des Films zurechtkommen (was sehr schnell gelingt), darf man dann noch das Letterbox-Format aufzoomen, was die Bildqualität erneut verschlechtert, und als Extra gibt es lediglich einen unspektakulären Trailer, nichts weiter, dabei wären hier ein Making of, Audiokommentar oder Interviews deutlich angebrachter als bei Mainstream-Schrott, wo sich ohnehin alle nur gegenseitig loben. Maren Ade drehte übrigens nach diesem Glanzstück das vielfach prämierte Drama "Alle anderen" (2009).

DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN beweist, dass es doch noch deutsche Komödien gibt, die eben nicht amerikanische Vorbilder uninspiriert für eine gschmacksentwöhnte Masse wiederkäuen und jede Filmminute mit Popsongs zuballern, damit das Publikum glaubt, es empfinde etwas, und in denen das Colour-Matching wichtiger ist als das Drehbuch, sondern die eine eigene Sprache, ein Anliegen und einen speziellen Humor haben. Zu schade, dass Filme wie dieser in der Minderheit sind - und wahrscheinlich bleiben werden. Wer jetzt Lust bekommen hat, sich den WALD anzuschauen, sei herzlich von mir animiert und eingeladen, er hat es verdient, wahrgenommen zu werden.

Bei Melanie bin ich mir da nicht so sicher... ein bisschen Angst macht die mir schon.

09/10


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