Montag, 4. August 2014

Fedora (1978)

Die Hollywood-Satire FEDORA (Fedora) war der vorletzte Film des großen Billy Wilder und wurde seinerzeit von Kritikern eher schlecht aufgenommen und vom Publikum komplett ignoriert, war somit ein weiterer von vielen Flops, die Wilder am Ende seiner Karriere zu verkraften hatte.
Der Film verschwand in der Versenkung und war so gut wie nirgendwo zu finden oder zu sehen. Nun wurde er jüngst als DVD und Blu-Ray neu herausgebracht und liegt endlich in hervorragender Bild- und Tonqualität vor. Der obskure Status von FEDORA hat viele Wilder-Anhänger und Cineasten in den Jahren dazu veranlasst, ihn als verkanntes Meisterwerk zu feiern, doch das ist ebenso irreführend wie die damalige geballte Ablehnung. FEDORA war und bleibt ein schwacher Film, ein müdes Alterswerk mit einigen furchtbaren Fehlbesetzungen.

Der Inhalt: William Holden spielt einen unabhängigen Hollywood-Produzenten, der nach Korfu reist, um den großen Star Fedora (Marthe Keller) zu einem Filmprojekt zu überreden. Fedora hat sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt abgeschirmt von der Außenwelt, umgeben von skurrilen Figuren wie einer verschleierten Gräfin (Hildegard Knef) und einem plastischen Chirurgen (José Ferrer), die Fedora von einer Rückkehr zum Film abhalten wollen. Nach und nach kommt Holden hinter das Geheimnis von Fedora, die in den letzten Jahrzehnten scheinbar nicht gealtertist...

Mit FEDORA hat Wilder sein eigenes Meisterwerk "Sunset Boulevard" (1950) noch einmal aufgelegt und passenderweise William Holden erneut für die Hauptrolle verpflichtet. An den brillant-bösartigen Witz und die faszinierende Charakterstudie des Vorbilds kommt FEDORA aber in keiner Sekunde auch nur annähernd heran. Mit der Figur der Fedora wird ein ehemaliger Star gezeichnet, der an Greta Garbo oder Marlene Dietrich erinnern soll (Dietrich sollte zunächst die Rolle spielen, die im Film von Hildegard Knef verkörpert wird), doch das große Geheimnis, das der Film um ihre ewige Jugend aufmacht, ist von Anfang an so offensichtlich, dass die schlussendliche Enthüllung keine Überraschung darstellt und eher mit einem Achselzucken quittiert wird. Man fragt sich eher, warum Holden nicht viel früher darauf kommt, dass zwischen einem plastischen Chirurgen und einer zeitlos schönen Frau eventuell ein Zusammenhang bestehen könnte. Und geht es nur mir so, oder ist die Ausgangsidee des Films - unabhängiger Produzent will eine 'Anna Karenina'-Adaption mit einer 70-jährigen Hauptdarstellerin machen, weil er als Jugendlicher mal verliebt in sie war - nicht reichlich unglaubwürdig?

William Holden ist als Hauptfigur mit einer undankbaren Rolle gestraft. Er reist lediglich von A nach B, klopft an ein paar Türen und hört zu, was die Beteiligten ihm erzählen. Er durchlebt nichts und hat keinerlei Entwicklung. Zumindest spielt er aber seriös und verleiht dem Film Klasse. Das kann man von seinen C-Stars nicht behaupten. Hildegard Knef und Marthe Keller sind beide schrecklich fehlbesetzt und überbieten sich im Overacting. Marthe Keller gestikuliert wild und fuchtelt mit den Armen, wenn sie nervöse Verzweiflung darstellen soll, und die Knef macht es genau so. Beide Schauspielerinnen haben bewiesen, dass sie hervorragende Leistungen zeigen können, doch hier sind sie lediglich uninteressante Cartoon-Figuren. Beide werden in der Originalfassung zusätzlich durch eine Synchronsprecherin sabotiert, deren Stimme nicht zu den Frauen passen will, und deren Akzent dafür sorgt, dass nicht einer der Dialoge von Keller oder Knef naturalistisch klingt. In der deutschen Synchronfassung spricht übrigens die Knef sowohl ihre als auch die Rolle Marthe Kellers. Ein Kuriosum.

Unter den Nebendarstellern entdeckt man illustre Namen wie Gottfried John, Michael York, Henry Fonda (als Präsident der 'Oscar'-Academy) und Mario Adorf, aber man hat immer den Eindruck, jeder von ihnen spiele in einem anderen Film, es entsteht nie eine homogene Ensemble-Leistung. Die beste Darstellung kommt vielleicht von José Ferrer, der jede Szene an sich reißt und zumindest unterhaltsam ist.

Was FEDORA über Hollywood, Schönheits- und Jugendwahn oder Star-Kult zu erzählen hat, ist ebenfalls enttäuschend wenig. "It's the Pictures that got small", sagt Gloria Swanson dort über das aktuelle Kino, und FEDORA beweist genau das. Obwohl die Kamera in herrlichen Bildern der griechischen Inseln schwelgt und dafür sorgt, dass FEDORA zumindest optisch hübsch anzuschauen ist, entsteht nie das Gefühl großen Kinos. Das Tempo ist zu schleppend, die meisten Szenen werden zu lang ausgespielt (ein Problem, das alle späten Filme Wilders, die der Regisseur mit seinem Co-Autor I.A.L. Diamond ersponnen hat, kennzeichnet), und der Humor ist überraschend schwerfällig. Von dem sprühenden Witz und dem irrwitzigen Tempo eines "Eins, zwei drei" (1961) oder "Manche mögen's heiß" (1960) ist hier weit und breit nichts zu sehen. FEDORA ist leider über weite Strecken - man mag es gar nicht aussprechen - schlicht langweilig.
Auch die Musik von Altmeister Miklos Rosza, der schon 30 Jahre zuvor den wunderbaren Score zu Wilders "Double Indemnity" (1948) komponierte, wirkt deplaziert und zu altmodisch für einen Film der späten 70er.

Am besten an FEDORA funktionieren noch die Rückblenden ins 'alte Hollywood', weil Wilder sich dort auskennt und diese Szenen einen nostalgischen Charme haben (Stephen Collins spielt den jugendlichen Holden), und die verschachtelte Erzählstruktur mit verschiedenen Zeitebenen ist durchaus interessant.

Robert Aldrich erzählte in "Große Lüge Lylah Clare" (1968) eine sehr ähnliche Geschichte, und sein Film ist deutlich gelungener. Interessanterweise borgte sich auch Fassbinder für seinen "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982) einige Ideen aus FEDORA - so bittet zum Beispiel Fedora bei ihrer ersten Begegnung William Holden um Geld, mit welchem sie ominöse Geschäfte tätigt, und hier wie dort muss der Hauptdarsteller fürchten, dass die Diva von den Menschen in ihrer Umgebung gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt wird. Fassbinders Film ist aber im Gegensatz zu FEDORA packend, konsequent, abgründig und psychologisch fesselnd.

Ich hätte selbst gern konstatiert, dass FEDORA zu Unrecht übergangen und ignoriert wurde, aber auch aus heutiger Sicht bietet Wilders Alterwerk zu wenig, um zu überzeugen. Ein paar gelungene Seitenhiebe auf Hollywood und schöne Postkartenansichten von Korfu reichen da einfach nicht. Wilder inszenierte nach diesem Flop nur noch einen Film, den ebenso misslungenen wie erfolglosen "Buddy, Buddy" (1981), bevor er in den wohlverdienten Ruhestand ging. Ein Schwanengesang ist keines seiner letzten Werke geworden. Macht auch nichts, denn Wilder hat in seiner Karriere so viele außergewöhnliche Filme geschaffen, dass er für alle Zeiten zu den größten Filmregisseuren gezählt werden wird.

05/10



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