Mittwoch, 29. Januar 2014

DVD-Veröffentlichung: Das Geheimnis hinter der Tür (1947)

Am 14. Februar 2014 soll Fritz Langs Klassiker DAS GEHEIMNIS HINTER DER TÜR (Secret Beyond the Door) hierzulande in der Reihe "Filmjuwelen" auf DVD erscheinen. Das wird alle Lang-Fans, die auf die Veröffentlichung einiger seiner besten Arbeiten wie "Scarlet Street" (1945) oder "House by the River" (1950) weiterhin sehnsüchtig warten, zumindest ein bisschen trösten.

DAS GEHEIMNIS HINTER DER TÜR gehört zwar nicht zu Langs Meisterwerken, aber diese atmosphärische Gothic-Mischung aus Hitchcocks "Spellbound" (1945) und "Rebecca" (1940) ist wundervoll fotografiert und hinreißend von Joan Bennett in der Hauptrolle gespielt.
Als schöne Celia heiratet Bennett Hals über Kopf den Architekten Michael Redgrave und muss bald feststellen, dass er ihr so einiges verschwiegen hat, nämlich eine dunkle Vergangenheit, einen Sohn und ein eigenartiges Hobby: er sammelt im Keller seines Herrenhauses Zimmer, in denen Morde geschahen. Welches Geheimnis sich hinter der stets verschlossenen Tür Nr. 7 befindet, das muss Celia aber selbst herausfinden...

DAS GEHEIMNIS HINTER DER TÜR ist eine naive, aber spannende Schauer-Liebesgeschichte mit Traumsequenzen, Bodennebel, Nachtgewändern und Psychoanalyse in stimmungsvollem Schwarzweiß. Kein Geniestreich, aber sehr sehenswert. Die ausführliche Rezension gibt es hier.

Dienstag, 28. Januar 2014

Teufel in Seide (1956)

Der mittellose Komponist Thomas (Curd Jürgens) verliebt sich Hals über Kopf in die schöne, wohlhabende Melanie (Lilli Palmer), die im Vorstand eines mächtigen Musikverlags sitzt und ihm zu einer Karriere verhelfen kann. Die neurotische, besitzergreifende und eifersüchtige Melanie aber macht ihm kurz darauf das Leben zur Hölle, kapselt ihn von seinen Freunden ab, demütigt ihn und nimmt sich schließlich sogar das Leben, wofür Thomas sich als vermeintlicher Mörder vor Gericht verantworten muss...

Was für eine Teufelin, die da mit Zugluft in Curd Jürgens' Leben rauscht, und die wird in Rolf Hansens Psychodrama TEUFEL IN SEIDE unnachahmlich und intensiv von der großen Lilli Palmer dargestellt. Für Palmer war es erst der zweite Film in Deutschland, sie hatte zuvor als jüdische Emigrantin bereits in England und Hollywood Erfolge in Filmen und auf der Bühne feiern können, bevor sie in ihr Geburtsland zurückkehrte.
Sie ist auch der Grund, sich TEUFEL IN SEIDE anzuschauen. Wie Palmer als Borderline-Egomanin hier ihren Gatten bis über den Tod hinaus zerstört, das hat schon Klasse - die dem etwas plüschigen Film ansonsten aber abgeht, denn wie viele bundesdeutsche Filme der 50er ist TEUFEL IN SEIDE nicht allzu gut gealtert und wirkt heute reichlich bieder. Mit Hollywood-Glamour kann er nicht konkurrieren, wie Szenen beweisen, die in "schicken Nachtclubs" spielen sollen, welche aber so aussehen, als wären sie beim Produzenten im Wohnzimmer gedreht worden, mit Auslegware und Yucca-Palme im Übertopf an der gezimmerten Hausbar.

Neben Lilli Palmer zeigt der junge Curd Jürgens eine erstaunlich sensible Leistung, wenn man ihn doch eher als normannischen Kleiderschrank im Kopf hat, der nicht gerade zimperlich mit Widersachern umgeht und im "Tatort" gerne rothaarige Frauen erwürgt. Hier lässt er sich von Lilli Palmer von Kopf bis Fuß unterbuttern, appelliert immer wieder an ihr Herz und versucht es im Guten. Das kann man akzeptieren, weil Jürgens das gut spielt, aber dann und wann fragt man sich schon, warum er diese hysterische Frau nicht einfach sitzen lässt.

Interessant sind die Parallelen zwischen TEUFEL IN SEIDE und dem 1945 in Hollywood entstandenen Melodram "Todsünde" (Leave Her to Heaven), die im Grunde beide dieselbe Geschichte erzählen, sogar bis in Details hinein (TEUFEL basiert auf einem 1940 veröffentlichten, "Todsünde" auf einem 1944 erschienenen Roman). Dort ist es Gene Tierney, die ihren Ehemann Cornel Wilde mit ihrer Skrupellosigkeit in den Wahnsinn und nach durchgeführtem Suizid auf die Anklagebank treibt. Tierney geht aber soweit, den behinderten Bruder des Gatten im Bergsee ertrinken zu lassen und sich selbst - hochschwanger - die Treppe hinunterzustürzen, damit ihr niemand die Aufmerksamkeit des Geliebten abspenstig macht. Zudem ist "Todsünde" in satten Technicolor-Farben gefilmt und ein in jeder Hinsicht saftiges Kinostück. 
TEUFEL IN SEIDE verblasst dagegen mit seiner vornehmen Zurückhaltung. Da, wo Tierney zu Mord und Totschlag greift, macht Lilli Palmer dem armen Curd Jürgens nur lautstarke Szenen und spinnt verbale Intrigen. Kein Wunder, dass es ihn in die Arme der netten Sekretärin Winnie Markus treibt, wobei die auch eher langweilig ist. Wahrscheinlich waren es die schlimmen Erfahrungen mit Frauen, die Jürgens 1977 zum größenwahnsinnigen Bond-Gegenspieler (in "Der Spion, der mich liebte") machten, der die ganze Menschheit ausrotten und sich auf den Meeresboden zurückziehen will. Dort macht er auch kurzen Prozess mit störrischen Damen und wirft sie gleich den Haien vor. Hier hat er gegen die teuflische Palmer wenig auszurichten.

TEUFEL IN SEIDE hat durchaus Unterhaltungswert, wenn man seine Erwartungen etwas herunterschraubt. Er ist hervorragend gespielt und stellenweise hübsch surreal, bleibt aber letztlich brav und geht nie wirklich unter die Haut.

6.5/10

Samstag, 25. Januar 2014

Freier Fall (2013)

Der Polizist Marc (Hanno Koffler) verliebt sich ausgerechnet in seinen Kollegen Kay (Max Riemelt), was das Leben des bislang heterosexuellen Familienmannes, dessen Ehefrau (Katharina Schüttler) ein Kind erwartet, vollkommen durcheinanderbringt und den jungen Mann in eine tiefe Krise stürzt, die ihn dazu zwingt, eine weitreichende Entscheidung zu treffen: Haus, Familie, Kind - oder eine Liebesbeziehung mit Kay...

Wer hier den deutschen "Brokeback Mountain" (2005) erwartet, der liegt nicht ganz falsch, denn die beiden Filme haben tatsächlich viel gemeinsam, allerdings kann Stephan Lacants Drama qualitativ dem Ang Lee-Film nicht ansatzweise das Bergquellwasser reichen.
FREIER FALL wurde von Kritikern und Publikum gut aufgenommen und hat viele positive Besprechungen bekommen, dies ist keine davon. Leider hat mich das ach so seriöse Gefühlsdrama weder emotional berührt, noch hat mich der Grundkonflikt überzeugt. Dazu folgt die Geschichte einer komplett vorhersehbaren Dramaturgie und bietet keinerlei Überraschungen. Hier wird lediglich eine Checkliste des Coming-Out-Films abgehakt (wobei es hier - streng genommen - gar nicht um ein Coming Out geht), auf der sämtliche alten Bekannten des Genres sich in schöner Regelmäßigkeit die Hand geben.

Da ist zum einen das konservative, homophobe Umfeld (eine Kulisee voller Klischees, wie das berühmte 'Beleidigen unter der Mannschaftsdusche'  - schnarch 1), dann die ruppige, aber irgendwie doch zarte Annäherung, die aus körperlicher Aktivität (hier Joggen) entsteht. Dann kommt ein Joint ins Spiel (in vergleichbaren Werken darf es auch Alkohol sein), um die unterdrückten Sehnsüchte ein bisschen lockerer zu machen, es folgt der erste Sex, das große Erwachen und dann viel Geschrei, Geheule und großes Familiendrama, blablabla. Nicht einmal das gemeinsame ins-Wasser-springen und sich-gegenseitig-untertauchen, das uns allen zum  Halse raushängt, wird weggelassen. Warum an nicht einer Stelle der Handlung irgendeine Figur etwas Überraschendes tut, erschließt sich mir nicht, und Hanno Kofflers Leidensmiene, die er 90 Minuten über die Leinwand trägt, ebensowenig.

Entschuldigung, er leidet natürlich nicht immer, denn im Bett mit Riemelt darf er auch mal unbeschwert sein. Fast. Leider sind sämtliche Szenen von Kofflers Familienleben inklusive Doppelhaushälfte und hochschwangerer Ehefrau (geht es nicht eine Nummer kleiner?) sturzlangweilig. Da hilft nicht mal die wunderbare Katharina Schüttler, die als nichtsahnendes Mäuschen erst Wind von der Affäre bekommt, dann ausrastet und dann mehr über den Vertrauensmissbrauch des Ehemannes entsetzt ist als über die Tatsache, dass er es offensichtlich gern mit Männern treibt. Selbstverständlich darf auch die bekannte "Jetzt ist mir alles egal"-Szene nicht fehlen, in der Koffler - frustriert über die kaputte heterosexuelle Fassade - eine schwule Disco besucht, mit anschließendem anonymen Herumgefummel auf der Herrentoilette, welches ihn - haben wir's nicht geahnt - so anwidert (schnarch, Take 2), dass er Reißaus nimmt und alleine eine Zigarette raucht.

Nikotin wird übrigens in FREIER FALL konsumiert als gäb's kein Morgen, was den Film aber auch nicht französischer macht, er ist und bleibt hoffnungslos deutsch - wozu auch die bleierne Schwere gehört. Ach ja, Doppelleben sind schon tragisch. Aber ehrlich, Leute, es gibt Schlimmeres als zu merken, dass man gerne mal einen behaarten Po streichelt, und erst recht, wenn dieser Max Riemelt gehört, der nie besser aussah. Humorlosigkeit bedeutet eben nicht gleich Ernsthaftigkeit, und wer einen Coming Out-Film wie "Beautiful Thing" (1996) gesehen hat, der ebenfalls in einer homophoben Umwelt spielt, der darf erkennen, dass die Figuren dort sich a) allesamt erwachsener verhalten, obwohl sie noch Kinder sind, und b) auch im größten Unglück ihren Humor nicht verlieren, weil der zum Menschsein dazugehört und uns alle stark macht.

"Brokeback Mountain" hatte für diese Humorlosigkeit einen Grund, der spielte nämlich in den 60ern, wo man als schwuler Schafhirte aufpassen musste, dass einen die Nachbarn nicht an einen klapprigen Wagen binden und zu Tode schleifen. Der Polizeidienst mag nach wie vor ein Umfeld sein, wo ein offener Umgang mit schwulen Kollegen nicht auf der Tagesordnung steht, aber FREIER FALL benutzt diese Kulisse lediglich als Vorwand, es hätte genau so gut der örtliche Fußballverein oder die Bundeswehr sein können. Eine Milieustudie gelingt dem Film jedenfalls nie, man hat auch nicht den Eindruck, als hätte er es versucht. Vielleicht steht hier jemand einfach auf Jungs in Uniform und Polsterung, das ist ja legitim.

Aber ich will nicht nur meckern. Gespielt und fotografiert ist FREIER FALL sehr ansprechend, und die Musikbegleitung angenehm zurückhaltend. Es wird gottseidank wenig geplappert (dafür allerdings zu oft bedeutungsvoll-melancholisch in die Ferne gestarrt, schnarch 3), und der Sex ist relativ unverkrampft inszeniert (Reste von Zögerlichkeit sind noch erkennbar).
Im Grunde erzählt FREIER FALL eine "verhängnisvolle Affäre"-Story, aber die hätte mir mit ein paar Kaninchen im Kochtopf und einer irren Glenn Close deutlich besser gefallen. Ich will's mal so sagen: Ich persönlich würde für eine Runde Lakenlümmeln mit Max Riemelt (über dessen Figur wir übrigens nichts erfahren, außer, dass er Kette raucht) meine schwangere Nörgelfrau jedenfalls an der nächsten Raststätte aussetzen (sorry, Schüttler). Schade, das Hanno Koffler daran so wenig Spaß hat. Ja, ich hab's schon verstanden, er kann nicht raus aus seiner Haut. Pech für ihn.

Für eine bessere Variante empfehle ich "Stadt, Land, Fluss" (2011). Der taucht dokumentarisch in sein Milieu ein und erzählt erfrischend glaubwürdig und (fast) klischeefrei. Wobei, ins Wasser gehopst wird auch dort. Sie können's einfach nicht lassen.

05/10


Sonntag, 19. Januar 2014

DVD-Veröffentlichung: Das Grauen kommt um 10 (1979)

Gute, nein, tolle Nachrichten für alle Freunde des gepflegten Grusels: der kleine Klassiker DAS GRAUEN KOMMT UM 10 (When a Stranger Calls) wurde soeben für den 4. April 2014 als DVD/Blu-Ray-Veröffentlichung angekündigt. Da der Film bislang in Deutschland nie auf DVD erschienen und lediglich auf (abgedunkelter) VHS erhältlich war, ist dies eine umso schönere Neuigkeit. In den USA bekommt man ihn zusammen mit "X-Ray" (1981) auf einer Double-Feature-Blu-Ray schon seit einiger Zeit hinterhergeschmissen.

Dazu gehört der Thriller zu meinen liebsten Genrebeiträgen der 70er und hat das allseits beliebte "Der Anruf kommt aus Ihrem Haus!" ('The Call is Coming from Inside the House!') als urbanen Mythos geprägt, mit dem Babysitter in Angst und Schrecken versetzt werden. Er hat außerdem 2006 ein völlig nutzloses, langweiliges und überflüssiges Remake namens "Unbekannter Anrufer" erhalten, das alles falsch macht, was dem Original so gut gelingt.
Für Fans des modernen Horror-Kinos dürfte Fred Waltons Suspense-Lehrstück zwar eher eine Schlaftablette sein, aber wer auf düster, leise und unheimlich steht und dazu noch gute Schauspieler wie Carol Kane und Charles Durning sehen möchte, dem sei DAS GRAUEN KOMMT UM 10 sehr ans Herz gelegt.

Meine ausführliche Rezension steht hier.


Donnerstag, 16. Januar 2014

Insomnia - Schlaflos (2002)

Um den Mord an einem Mädchen aufzuklären, reist der New Yorker Cop Dormer (Al Pacino) nach Alaska. Von Schlaflosigkeit und dem Druck einer internen Untersuchung gepeinigt, unterläuft ihm bei der Jagd auf den Mörder ein schwerwiegender Fehler, der einen Kollegen das Leben kostet. Als er das Unglück vertuschen will, meldet sich der gesuchte Mörder (Robin Williams) und erpresst Dormer. Ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen Cop und Killer beginnt...

INSOMNIA - SCHLAFLOS (Insomnia) ist das Hollywood-Remake des skandinavischen Krimis "Todesschlaf (1997). Die Atmosphäre ist unverkennbar nordisch, und Regisseur Christopher Nolan ist ein spektakulärer Thriller mit Action-Elementen gelungen, der nebenbei auch eine intensive Charakterstudie eines desillusionierten Cops erzählt, der schon in der Vergangenheit die Seiten wechselte und nun durch erneutes Fehlverhalten sowohl in einen schweren Gewissenskonflikt als auch in die prekäre Lage kommt, Beweise fälschen, einen Mord verheimlichen und einen Unschuldigen ins Gefängnis befördern zu müssen, um ungeschoren davonzukommen. Natürlich weiß der erfahrene Zuschauer, dass Pacino seine Strafe erhalten wird, so oder so.

INSOMNIA beweist in erster Linie, dass sich auch positive Filmhelden falsch verhalten dürfen, ja sogar müssen, um zu einem echten Drama zu gelangen. Obwohl Pacino als Dormer (vom französischen 'dormir' = schlafen) bereits zu Beginn seinen Kollegen erschießt (was, zugegebenermaßen, deutlich unabsichtlich geschieht - das hätte durchaus ambivalenter ausfallen dürfen), bleibt man als Zuschauer stets auf seiner Seite und hofft sogar noch, wenn ein Unbeteiligter durch seine Schuld unter Verdacht gerät, dass Pacino es irgendwie schafft, aus dem Schlamassel herauszukommen - bis einem dann klar wird, dass sich seine Figur von Anfang an in einer Abwärtsspirale befindet, für die es nur ein konsequentes Ende geben kann.

Christopher Nolan, der kurz zuvor mit "Memento" (2000) seinen künstlerischen Durchbruch feiern konnte, zeigt mit INSOMNIA eindringlich, dass er nicht nur mit einer Star-besetzten Großproduktion umgehen kann, sondern er findet auch - mit Hilfe des genialen Kameramannes Wally Pfister, mit dem Nolan seit "Memento" zusammenarbeitet - faszinierende Bilder für diese düstere Geschichte, die im Grunde das klassische Krimi-Duell zweier Männer schildert, deren Wege sich kreuzen und das jeweilige Schicksal des anderen bestimmen, so wie Hitchcock es nach Patricia Highsmiths Vorlage in "Der Fremde im Zug" (1951) vorgemacht hat. Hier wie dort liegen Gut und Böse so dicht beieinander, dass die Grenzen verschwimmen.

Für die Freunde des Schauspielkinos zeigt Pacino eine wie immer makellose und erstaunlich zurückgenommene Leistung in einer Rolle, die wie für ihn gemacht ist. Er bleibt immer interessant und verzichtet weitgehend auf Eitelkeiten und Manierismen, die man zu oft von ihm gesehen hat (wie den Hang, seine Dialoge zu brüllen). Robin Williams brach mit der Killer-Rolle erstmals aus seinem Image aus und schafft es, das schreckliche Geblödel und Gemenschel früherer Rollen vergessen zu machen, allerdings erhält er nicht genügend Filmzeit, um eine wirkliche Charakterstudie abzulegen. Die sollte ihm kurz darauf in "One Hour Photo" (2002) noch besser gelingen. Als junge Polizistin, die eine wichtige Lektion fürs Leben lernt, kann Hilary Swank in einer eher kleinen Rolle überzeugen.

Zu den Highlights des Films gehören eine Verfolgungsjagd im Nebel und die schlichtweg atemberaubende Sequenz, in der Pacino den flüchtenden Robin Williams über im Fluss schwimmende Baumstämme jagt. Ein paar wenige Längen sind leicht zu verschmerzen, so dass man INSOMNIA ganz klar zu den Thriller-Highlights der Post-"Schweigen der Lämmer"-Ära zählen kann, selbst wenn es sich 'nur' um ein Remake handelt. Wenn sich alle Neuverfilmungen so viel Mühe geben würden, müsste man viel seltener meckern. Ganz klare Empfehlung für einen hochspannenden, konfliktreichen und atmosphärischen Ausflug ins grandiose Bergpanorama und in menschliche Seelen.

09/10



Samstag, 11. Januar 2014

Open Your Eyes (1997)

Auf der deutschen DVD des Films OPEN YOUR EYES (Abre Los Ojos), der zusätzlich den beknackten Titel "Virtual Nightmare" erhalten hat, prangt grell der Vermerk: "Das Original zum Tom Cruise-Kinohit 'Vanilla Sky'!" - In einer gerechten Welt müsste hingegen umgekehrt auf der "Vanilla Sky"-DVD der Vermerk korrekt lauten: "Das überflüssige Remake zum spanischen Kino-Glanzstück 'Abre Los Ojos'". Aber es ist nun mal keine gerechte Welt, und Regisseur Alejandro Amenábar erhielt für die Übertragung der Remake-Rechte immerhin die Möglichkeit, in Hollywood seinen wunderbaren "The Others" (1999) mit Nicole Kidman zu inszenieren, also hat hier jeder, Zuschauer inklusive, gewonnen.

In OPEN YOUR EYES geht es um den jungen, gutaussehenden César (Eduardo Noriega), dessen Gesicht bei einem Autounfall, den eine eifersüchtige Ex-Loverin verursacht, schrecklich entstellt wird. Kurz darauf erhält César die Nachricht, dass die Plastische Chirurgie sein Gesicht vollständig retten kann. Prompt ist er wieder ganz der Alte und bekommt sogar seine verloren geglaubte große Liebe (Penélope Cruz) zurück. Doch immer mehr merkt César, dass seine Realitätswahrnehmung gestört ist, und bald kann er nicht mehr zwischen Fiktion, Traum und Realität unterscheiden...

Zugegeben, eine etwas kryptische Inhaltsangabe, aber ich werde hier mit Sicherheit keine der überraschenden Wendungen verraten, mit denen Alejandro Amenábar den Zuschauer ununterbrochen herausfordert und in Atem hält. Der Regisseur fordert sein Publikum stets auf, mitzudenken, eigene Theorien zu spinnen und einer Auflösung entgegenzufiebern, die vielleicht oder vielleicht auch nicht kommt (und die, wenn sie kommt, alles oder nichts erklärt). Man kann sich aber auch zurücklehnen und OPEN YOUR EYES mit seinen verschlungenen Erzählsträngen einfach nur genießen. Insofern geht er weit über das reine Hinerzählen zu einer verblüffenden Pointe (à la M. Night Shyamalan), die alles Vorausgegangene auf den Kopf stellt, hinaus.

Ob der Film über seine raffiniert konstruierte Handlung und das Spiel mit Traum, Schein und Sein noch eine ernsthafte Botschaft hat, kann ich nicht genau sagen, und das spielt auch keine Rolle. Möglicherweise geht es im Kern darum, das Leben mit 'offenen Augen' wahrzunehmen und nichts für selbstverständlich zu halten, immer auf der Hut zu sein und Veränderungen - auch drastische - als Bestandteil des Lebens zu akzeptieren, gleichzeitig aber an den Dingen und Menschen festzuhalten, die einem wirklich viel bedeuten.

Dafür vermengt Amenábar Elemente aus Drama, Liebesgeschichte, Thriller und Horrorfilm zu einem durchweg packenden Mix und einem der originellsten Filmwerke der 90er Jahre. Dass OPEN YOUR EYES für Hollywood neu aufgelegt wurde, verwundert überhaupt nicht, denn dort sind originelle Geschichten wie diese schon lange Mangelware. Darüber hinaus aber gibt es überhaupt keinen Grund, sich nicht das Original anzuschauen (zumal die wundervolle Penélope Cruz in beiden mitspielt), weil es hervorragend gespielt, geschrieben, orchestriert und inszeniert ist. Alejandro Amenábar ist hier ein cineastisches Highlight des europäischen Kinos gelungen, von dem man sich mehr, mehr und nochmals mehr wünschen würde. Und er hat damit - nach dem ebenfalls exzellenten, aber vergleichsweise bescheidenen "Tesis" (1996) - einen verdienten Bekanntheitsgrad erhalten. Nach dem bereits erwähnten "The Others" kehrte Amenábar Hollywood wieder den Rücken und drehte den weltweiten Arthouse-Hit "Das Meer in mir" (2004), für den er vielfach ausgezeichnet wurde.

9.5/10


Samstag, 4. Januar 2014

Fliegende Liebende (2013)

Einsteigen auf eigene Gefahr!
Nachdem Pedro Almodóvar jahrzehntelang für seine Filme geliebt, verehrt und  ausgezeichnet wurde, musste der spanische Filmkünstler für sein aktuelles Werk FLIEGENDE LIEBENDE (Los Amantes Pasajeros) sehr viel Kritik und Verrisse einstecken. Dabei bietet der Film auf den ersten Blick alles, was das Herz begehrt: viele Bekannte aus früheren Almodóvar-Werken, schwule Gags, Tabubrüche, eine schrille Barbie-Traumhaus-Ausstattung, und jede Menge Sex. Doch der Film braucht eine Weile, um in Gang zu kommen, und man sollte ihn weniger als groteske Boulevardkomödie wahrnehmen (trotz mehrerer deutlicher Anspielungen auf "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs"), sondern vielmehr als politische Satire, gewürzt mit den typisch Almodóvar'schen Zutaten.

Worum geht es? Eine spanische Passagiermaschine sucht verzweifelt eine Landebahn. Ein Fahrwerk ist kaputt, die Reisenden der zweiten Klasse wurden mit  Pillen eingeschläfert, und in der ersten Klasse rechnen die Passagiere mit dem Schlimmsten. Unter den Fluggästen befinden sich unter anderem ein Medium (Lola Duenas), das durch Berühren männlicher Geschlechtsteile Kontakt mit der Zwischenwelt aufnehmen kann, die Chefin eines Escort-Services (Cecilia Roth), die brisantes Videomaterial über die Mächtigen Spaniens für Erpressung nutzt, sowie ein Auftragskiller, der auf sie angesetzt ist. Die drei männlichen Flugbegleiter (Javier Cámara, Carlos Areces und Raúl Arévalo), die selbst aufgrund privater Probleme am Rad drehen, unterhalten die Passagiere mit Musicalnummern und Drogencocktails, mit deren Hilfe einige der fliegenden Liebenden nicht nur ihre sexuelle Befreiung erleben...

Almodóvar kehrt mit FLIEGENDE LIEBENDE im Geiste zu seinen Erstlingswerken zurück, in denen er die politische Realität Spaniens in krasse Geschichten verpackte, die von sympathischen Außenseitern und den Verlieren der Gesellschaft erzählten. Hier hingegen befördert er die unteren Gesellschaftschichten (die Economy Class) gleich zu Beginn in Tiefschlaf. Während das Land hinkend (es fehlt ein Fahrwerk) seinem unbestimmten Ziel entgegentrudelt, darf nur die Top-Elite wissen, was eigentlich los ist. Während am Boden ein politischer Skandal den nächsten jagt (was wir aus den Zeitungen der Reisenden erfahren, inklusive der 'Skandal-Top 10 des Jahres'), werden die Manager und Strippenzieher über den Wolken vom Flugpersonal eingeweiht, dann abgefüllt und sicher nach Mexiko gebracht, wo sie ihre manipulativen Spielchen im Exil weiter betreiben können.

Auf der Reise finden neben einigen durch Drogen verursachte Vergewaltigungen (bzw. Sex mit komatösen Partnern, den Almodóvar immer schon lustig fand, was seine Gegner regelmäßig vor Wut schäumen lässt) auch noch das Outing eines vermeintlich heterosexuellen Co-Piloten (Hugo Silva), die Verbrüderung eines Killers mit seinem vermeintlichen Opfer und die Aufdeckung eines Beziehungswirrwarrs des bisexuellen Piloten statt. Die Darstellung der schrillen und femininen Flugbegleiter wurde Almodóvar von den üblichen  Seiten als homophob angekreidet, was so absurd ist, als würde man Gandhi vorwerfen, ein Kriegstreiber zu sein. Die wollen einfach nicht begreifen, dass sich der Regisseur nicht für politische Korrektheit interessiert und schon immer das Anderssein gefeiert hat, nicht die Gleichschaltung. Wohltuend! Und wer ihre (genial choreografierte) "I'm So Excited"-Nummer nicht witzig findet, hat selbst Schuld.

Die Almodóvar-Stars Antonio Banderas und Penélope Cruz tauchen zu Beginn kurz für eine Szene als vertrotteltes Rollfeld-Personal auf, um gleich wieder zu verschwinden. Der Humor ist gewöhnungsbedürftig, wie der gesamte Film, aber über welchen Almodóvar kann man schon sagen, dass er für jedermann geeignet sei? Ich gebe gern zu, dass ich am Anfang ebenfalls Probleme mit FLIEGENDE LIEBENDE hatte (die 'Ricardo'-Episode, die hauptsächlich am Boden spielt und den Liebesplot aus "Frauen am Rande..." wiederholt, ist tatsächlich schwach geraten) , aber das hat sich mit zunehmender Laufzeit geändert. Am Ende hat mich Almodóvar ziemlich gut unterhalten und zum Lachen gebracht. Der Soundtrack von Alberto Iglesias ist wie immer exzellent, und die Darsteller sind mit viel Freude bei der Sache.
Ein Meilenstein ist FLIEGENDE LIEBENDE definitiv nicht (und will es auch nicht sein), stattdessen aber eine kleine, schräge, bonbonfarbene, surreale und höchst bissige Satire, die formal nichts, aber inhaltlich alles mit der Realität zu tun hat. Und dazu gibt es noch haufenweise hübsche Kerle.
Was will man mehr?

08/10



Spanien geht den Bach runter, aber zu saufen gibt es noch genug. Stößchen!
Das Flugpersonal aus "Fliegende Liebende"


Mittwoch, 1. Januar 2014

Kino-Liste: 50 Lieblingsfilme der 60er

Dieses Mal kommen wir ohne lange Vorrede gleich zu meinen Favoriten der 60er Jahre, bei denen die Prioritäten klar erkennbar sind: Hitchcock, Polanski, Wilder und alte Diven mit Hackebeil.


1  PSYCHO (1960)









Norman Bates stopft für sein Leben gern Vögel aus, aber die diebische Elster, die sich in seinem Motel einnistet, landet nicht als Wandschmuck im Hotel, sondern als Leiche im Sumpf. Was wird nur Mutter dazu sagen? Hitchcocks kleiner großer Film ist ein Werk für die Ewigkeit und gehört damit auf den ersten Platz von so ziemlich jeder Liste. 


2. DIE VÖGEL (1963)









Tippi Hedren spielt mit Liebesvögeln, bald darauf spielen die Vögel mit ihr. Hitchcocks Screwball-Comedy, die sich zum beklemmenden Horrorfilm mausert, ist viel mehr als eine tricktechnische Meisterleistung, und die gute Tippi hat nie die Anerkennung bekommen, die sie verdient. Von mir schon! Niemand raucht so schön Zigarette, während sich im Hintergrund Dutzende von Krähen versammeln, wie unsere Tippi im grünen Designerkostüm.


3. 2001 - ODYSSEE IM WELTRAUM (1968)









Kubricks Reise ins All, die Unendlichkeit und darüber hinaus ist wahrscheinlich der beste Film aller Zeiten, und wer das Glück hatte, ihn im Kino zu sehen, wird dieses Abenteuer sein Leben lang nicht los. Sciene Fiction, wie sie sein sollte, intellektuell, philosophisch, visionär und bombastisch. "Was tust du da, Dave?"


4. ROSEMARIES BABY (1968)









Problemschwangerschaften gibt es viele, aber bei Mia Farrow ist es wie verhext. Erst schmeckt das Schokoladenmousse kalkig, dann schneidet sich Mia die Haare ab, verschlingt blutige Steaks, entdeckt dank Scrabble-Buchstaben satanische Anagramme und hält die harmlosen Senioren von nebenan für Teufelsanbeter. Oder sind sie das etwa?  "Er hat die Augen seines Vaters!" Ave Satani.


5. MARNIE (1964)









Tippi Hedren sieht rot, und Sean Connery macht nicht nur das scharf, sondern auch die Tatsache, dass die schöne Marnie eine gefühlskalte, neurotische Diebin ist, die eigentlich im Bates Motel unter die Dusche gehört. Stattdessen bringt er Marnie zu ihrer Mutter, die vor surrealen Hafenkulissen wohnt, um Marnies dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten. Hitchcocks gefloppter und lange verpönter Film hat bei mir gleich ins Schwarze, bzw. Rote getroffen. "Ein krankes Meisterwerk" nannte Truffaut den Film. Richtig. 


6. PEEPING TOM - AUGEN DER ANGST (1960)










Sissis Ex-Gatte Karlheinz ist kaum wieder zu erkennen, wenn er Prostituierte mit der Kamera verfolgt und sie mit Hilfe des angespitzten Stativs ins Jenseits befördert. Für den Extra-Kick müssen sich die Opfer auch noch selbst beim Sterben zusehen, und alles nur, weil dem irren Papa für dessen Angststudien kein anderes Kaninchen als der scheue Sohn zur Verfügung stand. Michael Powells Meilenstein wurde so heftig verrissen, dass er die Karrieren aller Beteiligten versenkte. Einige haben sich erholt, andere trafen Fassbinder, der Rest blieb zurück oder wurde später von Scorsese neu entdeckt und zu Recht gefeiert.


7. DAS TAL DER PUPPEN (1967)
 







Ein Film, der alles hat, was das Herz begehrt: schlechtes Schauspiel, absurde Musiknummern, groteske Turmfrisuren und tonnenweise Makeup auf jungen Gesichtern, Sharon Tate, Krebserkrankungen, Alkoholismus, Drogensucht, Irrenanstalten und einen Catfight auf dem Damenklo, bei dem Susan Hayward die Contenence und die Perücke verliert. "Seid Ihr auch schön geil?" fragt die Synchronfassung und setzt noch eins drauf. Der Mount Everest des Trashs. Der Haarspray-Verbrauch dieses Films ist allein verantwortlich für das Ozonloch. Der macht süchtig! "Ich will ein Püppchen!"


8. SCHLOSS DES SCHRECKENS (1961)









Gouvernante Deborah Kerr bekommt es in diesem von Freddie Francis atemberaubend fotografierten Gruselstück für Anspruchsvolle mit zwei engelsgleichen Kinderlein zu tun, hinter deren Unschuldsaugen das Böse lauert. Willkommen im Schloss des Schreckens, das eigentlich mehr ein Landsitz ist, wo unheimliche Schatten auf Dächern stehen, Gesichter hinter Fensterscheiben auftauchen, wo Geister Tränen der Trauer vergießen und eine scheinbar hilfsbereite Heldin sich in eine hysterische Domina verwandelt, die das Unglück erst heraufbeschwört. "Es war nur der Wind."


9. TANZ DER VAMPIRE (1967)









Professor Abronsius und sein trotteliger Diener Alfred wollen in den verschneiten Karpaten ein Vampirnest ausräuchern, aber die Vampire haben anderes mit den beiden furchtlosen Vampirkillern vor. Sharon Tate nimmt genau ein winterliches Schaumbad zuviel, und der junge Polanski muss sich nicht nur gegen Wölfe und axtschwingende Schergen wehren, sondern auch gegen die Avancen des hübschen Grafensohnes, der auch nur das eine will - Blut!  "Wollen wir einem Engel gestatten, durchs Zimmer zu gehen?"


10. DIE BRAUT TRUG SCHWARZ (1968)









Die heutige To Do-Liste von Jeanne Moreau: die Mörder ihres Mannes vom Balkon werfen, vergiften, mit Pfeil und Bogen erlegen, in einer Abstellkammer ersticken und auf dem Schrottplatz erschießen. Anschließend: die Strafe auf sich nehmen und ins Gefängnis gehen, um den letzten Überlebenden im Männertrakt abzustechen. Ganz schönes Pensum, das Truffaut seiner Diva zumutet, aber immerhin will er ja Hitchcock übertreffen.


11. MANCHE MÖGEN'S HEISS (1960)










Marilyn Monroe ist so heiß, dass ihr sogar der Zug hinterherpfeift. Tony Curtis ahmt als Saxophonistin Josephine nicht nur den Schmollmund seiner Tante, sondern auch Cary Grant nach, um an Marilyns Zuckerdose zu naschen, und Jack Lemmon verliert als Kontrabassistin nicht nur seine Busen, sondern auch sein rumba-rasselndes Herz an einen notgeilen Mümmelgreis und begnadeten Tangotänzer. "Nobody's Perfect!"


12. JAMES BOND 007 - IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT (1969)


"Das wär' dem anderen nie passiert!" - Was denn genau, im besten Bond aller Zeiten mitzuspielen? Hut ab und auf den Garderobenständer für George Lazenby, der sich nicht nur wacker schlägt, sondern auch das Glück hat, einen fantastischen Regisseur, eine grandiose Partnerin (Diana Rigg), mitreißende Action-Sequenzen und atemberaubende Schneelandschaften mit an Bord zu haben. Ein epischer Bond, dessen Ende zu Tränen rührt. Ich stehe dazu.


13. EIN TOTER SPIELT KLAVIER (1961)









Susan Strasberg entdeckt in der sonnigen Strandvilla tote alte Männer im Swimming Pool und kommt ein paar Erbschleichern auf die Spur, die sie um den Verstand bringen wollen. Aber Susan spielt selbst ein doppeltes Spiel, in Hammers bestem Hitchcock/Die Teuflischen-Verschnitt, inszeniert vom frühzeitig verstorbenen Seth Holt.


14. WARTE BIS ES DUNKEL IST (1967)









Audrey Hepburn will doch nur Weltmeisterin der Blinden werden, aber eine finstere Gang, die vom noch finsteren Alan Arkin angeführt wird, sucht nach einer Puppe, die in Audreys Apartment versteckt ist. Bald schon ist die ganze Wohnung finster und die Chancengleichheit vermeintlich wieder hergestellt, aber das Licht im Kühlschrank, Audrey, mein Gott, das Licht im Kühlschrank hast du vergessen...!


15. MISFITS - NICHT GESELLSCHAFTSFÄHIG (1961)










"Warum bringt ihr euch nicht selber um und seid glücklich?" fragt Marilyn in ihrem letzten vollendeten Film den Mann, den sie sich zeitlebens als Vater gewünscht hat, den kantigen Clark Gable, der sich beim Kampf mit den Wildpferden so verausgabt, dass der Herzinfarkt nicht lange auf sich warten ließ. Montgomery Clift, von privaten Unglücksfällen entstellt, komplettiert als neurotisches Muttersöhnchen und abgehalfterter Rodeo-Reiter diese Ansammlung von Gezeichneten, in John Hustons Abkehr vom klassischen Westernhelden, der im Niemandsland verzweifelt seine Männlichkeit sucht und stattdessen die eigene Verwundbarkeit entdeckt.


16. EINS ZWEI DREI (1961)










Coca Cola-Chef James Cagney muss in wenigen Stunden im geteilten Berlin den Kommunisten Horst Buchholz in einen vorzeigbaren Kapitalisten-Schwiegersohn verwandeln, um seine eigene Karriere zu retten. Zur Seite stehen ihm die sexy Sekretärin Lilo Pulver, Hubert von Meyerinck samt Adelsgeschlecht aus Blutern, eine russische Lustmolch-Delegation und Hanns Lothar, der bei den Nazis im Untergrund, sprich: in der U-Bahn, tätig war und von allem nichts gewusst hat, weil er ja unten war und nciht wusste, was oben so passiert, schon klar. Und Billy Wilder hat wirklich geglaubt, dass 1961 jemand darüber lachen kann?


17. BIS DAS BLUT GEFRIERT (1963)









In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine, besagt ein alter Schlager, aber in Hill House ist immer Nacht und niemand jemals alleine. Das merkt auch bald Julie Harris' Eleanor, die nur ein Zuhause sucht und es schließlich auch findet. Das ist aber kein Happy End in Robert Wises exemplarisch zurückhaltendem Grusel-Klassiker, der auch durch ein saudummes Remake nicht kaputt gemacht werden konnte. In der Nacht. In der Dunkelheit.


18. DIE WAHRHEIT (1960)










Brigitte Bardot kämpft nach einem Verbrechen aus Leidenschaft um ihre Ehre und gegen die spießbürgerliche Moral des Strafgerichts, das die jugendliche Sünderin gern auf dem Scheiterhaufen brennen sehen würde. Ein packendes Drama um Schuld und Unschuld, und die beste Leistung, die Bardot je zeigte. Das Merci vielmals geht an Henri-Georges Clouzot.


19.  16 UHR 50 AB PADDINGTON (1961)









Margaret Rutherfords Miss Marple beobachtet einen Mord im vorbeifahrenden Zug, arbeitet kurz darauf als Köchin beim englischen Landadel und bekommt es mit dem unheimlichen Mörder zu tun, der seine Taschenuhr zurück haben will. Witz, Spannung, Charme und Grusel halten sich in diesem ersten Film der berühmten Reihe so perfekt die Waage, dass man ihn immer und immer und immer wieder sehen kann. They don't make 'em like this anymore.


20. DAS INDISCHE TUCH (1963)










Auf dem Landsitz 'Mark's Priory' geht der Halstuchmörder um und schickt eine versammelte Erbschleichergesellschaft der Reihe nach ins Jenseits, in diesem ironischen Wallace, in dem Teewagen von selber fahren, wo sich hinter jedem Schrank ein Geheimgang verbirgt und Inspektor Fuchsberger sich nur per Telefon meldet, weil Kollege Heinz Drache schon zugegen ist. Und der mit dem armen Edgar so gar nichts mehr zu tun hat.


21. WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JANE? (1962)










Bette Davis hat als ehemaliger Kinderstar zwar noch ihre alten Puppen im Schrank, aber schon lange nicht mehr alle Tassen, worunter besonders ihre an den Rollstuhl gefesselte Schwester Joan Crawford leiden muss. Die aber schleppt selbst ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das ihr erst nach servierten Mittagessen aus Kanarienvögeln und Ratten an Blattsalat entlockt werden kann. Da sind bei Miss Davis aber schon sämtliche Schrauben aus der Fassung geraten, in Robert Aldrichs grandioser Abrechnung mit den grausamen Mühlen Hollywoods, der Selbstverliebtheit seiner Stars und dem Horror verblassenden Ruhms. 


22. SPIEGELBILD IM GOLDENEN AUGE (1967)









Major Marlon Brando schmiert sich die Feuchtigkeitscreme seiner Gattin Elizabeth Taylor ins Gesicht, um für einen jungen Soldaten attraktiver zu sein, der gerne nackt auf Pferden reitet. Elizabeth wirft ihm dafür die Unterwäsche an den Hals oder prügelt ihn mit der Reitgerte, wenn sie es nicht gerade mit Brian Keith in den Brombeerbüschen treibt. Keiths Ehefrau Julie Harris hingegen schneidet sich die Brustwarzen mit der Heckenschere ab. Da ist ganz schön was los in diesem perversen Südstaaten-Armeestützpunkt, gegen den 'Sodom und Gomorrah' wie Disneyland wirkt.


23. CHARADE (1963)









Audrey Hepburn muss als leidgeprüfte Heldin stets essen, wenn sie unter Stress steht. Davon kann man zwar nichts sehen, aber Stress bekommt sie genug, wenn plötzlich ihr Gatte tot aus dem Zug fällt und Gauner hinter dessen verborgenen Vermögen her sind. Cary Grant wechselt seine Identitäten häufiger als Miss Hepburn ihre Garderobe, und über den Altersunterschied sehen wir gnädig hinweg, denn Stanley Donens Thriller-Komödie im besten Hitchcock-Stil ist einfach von Drehbuchautor Peter Stone zu schön erdacht, um Fragen nach Logik oder Wahrscheinlichkeit zu stellen. 


24. MITTERNACHTSSPITZEN (1960)









Doris Day erhält als amerikanische Ehefrau von Rex Harrison anonyme Drohanrufe, wird vor den Bus geschubst und unter einstürzenden Baugerüsten begraben, und das alles nur, damit sie einmal nicht singt. Für einen Hitchcock zu simpel, aber für einen David Miller spannendes Whodunit-Kino mit einer wundervollen Hauptdarstellerin, die im Finale die Mitternachtsspitzen überwerfen und die Treppe kreischend hinunterkriechen darf, während John Gavin seinen britischen Akzent sucht.


25. ARABESKE (1966)









Stanley Donen setzt auf "Charade" noch eins drauf und hetzt seine Stars Gregory Peck und Sophia Loren durch ein bonbonfarbenes Swinging London, verfolgt von finsteren Arabern mit Schuhfetischen, monströsen Landmaschinen, Falken und Bulldozern. Noch bizarrer als die extravaganten Kostüme der Loren sind nur die verzerrten Optiken und Kameramätzchen, die nicht nur die Stars schwindlig machen. Ein durch und durch-geknallter Agentenspaß, der immer wieder Freude macht - nicht nur wegen Lorens Stiefeln. "Warum habe ich dir bloß nicht geglaubt?" - "Vielleicht, weil ich immer so schrecklich viel lüge!"


26. BLUTIGE SEIDE (1964)









Ein gesichtsloser Killer mordet sich auf der Suche nach einem verräterischen Tagebuch durch einen Modesalon, und Mario Bava inszeniert mit viel Liebe für satte Farben, schöne Frauen und raffinierte Kameraspiele einen erlesen komponierten Alptraum. Die Geburtsstunde des Slashers und die Haute Couture des Horrorfilms.


27. BUNNY LAKE IST VERSCHWUNDEN (1965)









Otte Premingers zu Unrecht vergessener Psycho-Thriller schildert die verzweifelte Suche einer jungen Mutter nach ihrem Kind, das sie im Kindergarten abgegeben hat, an das sich aber niemand erinnern kann - oder will. Ein teuflisches Komplott, oder sitzt bei Carol Lynley vielleicht selbst eine Schraube locker? Wer "Black Christmas" kennt, ahnt die Auflösung dieses hochspannenden Krimis. Die große Überraschung aber ist ein völlig entspannter und zurückgenommener Laurence Olivier als freundlicher Ermittler.


28. WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE (1964)









Wieder Bette Davis, aber diesmal ohne Crawford, die nach wenigen Tagen aus dem Projekt ausstieg und den Platz räumte für Olivia de Havilland, die ganz eigene Erfahrung mit Hassbeziehungen zu Verwandten hat (von denen Schwester Joan Fontaine ein Liedchen singen könnte, wenn sie nicht kürzlich verstorben wäre). Robert Aldrich vermengt Grand Guignol, Tennesse Williams und Sunset Boulevard zu einem morbiden Schauer-Cocktail, und der arme Bruce Dern, der zuvor bereits von Hitchcocks Marnie mit dem Schürhaken erlegt wurde, verliert hier Kopf und Hand per Hackebeilchen. Pech. "Ich nehme nur meine Sachen und gehe!" - "Seit wann gehört meine Cousine zu Ihren Sachen?"


29. DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1964)









Der Film, der Barbara Steele zur Horror-Ikone machte, ein böses Märchen über einen schwarzen Sonntag, einen alten Hexenfluch, düstere Fledermaus-Grüfte, Geheimgänge hinter der Ahnengalerie ein kleines Mädchen, das zum Kühemelken durch den dunklen Mitternachtswald gehen muss. Die Stunde, wenn eine Gänsehaut nach der anderen kommt, und der vielleicht beste italienische Horrorfilm überhaupt. Von Maestro Bava, selbstverständlich. Ohne Dracula.


30. DIE VERDAMMTEN (1969)


Lucino Viscontis grausame Oper über die Machtergreifung der Nazis, den tiefen Fall einer Industriellenfamilie, das verführerische Böse und die Perversionen der Macht, mit Bezügen zu  Macbeth und hart wie Krupp-Stahl. Helmut Berger stürzt sich erst in Drag, dann in die SS-Uniform und treibts mit Kindern, seiner Mutter und mit sonstwem. Dirk Bogarde ist erst Mitläufer, dann Strippenzieher und darf sich am Ende selbst samt Gattin das Leben nehmen. Früher war alles besser, aber nicht im Deutschland der 30er. "Kinder, heut' Abend, da suche ich mir 'nen Mann!"


31. KÜSS MICH DUMMKOPF (1964)









Im "Apartment" hat Jack Lemmon nur seine Wohnung an lüsterne Kollegen vermietet, hier verleiht der manisch eifersüchtige Schlagerkomponist Orville Spooner gleich seine Gattin an den durchreisenden Dean Martin, um ein paar Gassenhauer zu verhökern. Die örtliche Prostituierte spielt die Ehefrau, während die Ehefrau die Freuden der Prostitution kennenlernt. Und Billy Wilder dachte im Ernst, dass er Amerika DAS als heitere Unterhaltung vorsetzen könne?


32. DR. SELTSAM ODER WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN (1964)










Zunächst als ernthafter Thriller über die Atombomben-Bedrohung geplant, wurde Kubrick schnell klar, dass viel absurde Komik im Aufrüstungs-Wahnsinn liegt. Voila: die beste Filmsatire aller Zeiten, genial ausgestattet von 'Bond'-Designer Ken Adam und meisterhaft verrückt gespielt von allen Beteiligten, allen voran Peter Sellers, der neben einem Offizier und dem amerikanischen Präsidenten auch noch den merkwürdigen Dr. Seltsam mit Hitler-Komplex spielen darf.


33. VIER FRAUEN UND EIN MORD (1963)









Miss Marple geht als widerspenstige Geschworene erst dem Richter auf die Nerven, dann spielt sie großes Provinz-Theater, um einen Mörder zu finden, dessen Name irgendwas mit einer Rose zu tun hat, und an dessen Identität ich mich nie erinnnern kann, obwohl ich diesen zweitbesten Marple-Film schon hundertmal gesehen habe. Aber wen interessiert schon der Krimi-Plot, wenn Margaret Rutherford die Bühne betritt?


34. DIE KAKTUSBLÜTE (1967)









Ingrid Bergman spielt für ihren Chef die Ehefrau und tanzt mit Senior Sanchez den 'Dentist', Goldie Hawn trägt die flauschigsten Puschen der Welt, lässt die schönsten Tränen kullern und räumt für ihre erste Filmrolle des Oscar ab. In der launigen Verwechslungskomödie zeigen sich alle von ihrer besten Seite. "Sie sind eine Frau, die man kennen muss!"


35. URTEIL VON NÜRNBERG (1961)











"Wir haben doch von allem nichts gewusst! Das müssen Sie mir glauben!" beteuert Marlene. Aber Spencer Tracy weiß bald nicht mehr, was er glauben soll. Ein Urteil gegen die Naziverbrecher muss er trotzdem fällen. Maximilian Schell versucht es ihm so schwer wie möglich zu machen, während sich Judy Garland und Montgomery Clift die Seelen aus dem Leib spielen. Großes Thema, große Besetzung, großes Kino von Stanley Kramer.


36. DAS APARTMENT (1960)










Zur Ausbeutung gehören immer zwei. Jack Lemmon vermietet als schüchterner Angestellter seine Wohnung an den fremdgehenden Chef, der sich dort mit Fahrstuhldame Shirley MacLaine vergnügt, bis diese dort einen Selbstmordversuch startet und von Lemmon auf den rechten Weg gebracht werden muss. Die schönste Tragikomödie der Filmgeschichte über die kleinen Leute in den unteren Etagen des (Berufs-)Lebens und das Finden der Selbstachtung.  Einer von Billy Wilders größten Hits und ein kluger, zeitloser Klassiker. "Shut up and deal!"


37. DER SCHWARZE KREIS (1964)









Zweimal Bette Davis zum Preis von einer bietet diese grimmige Mischung aus Melodram und Kriminalstück. Die gute Bette mordet die böse Bette und nimmt deren Platz ein, doch der Hund des Hauses erkennt den Unterschied, mag die neue Bette aber trotzdem lieber und zerfleischt stattdessen den schmierigen Peter Lawford, der die neue Bette erpressen will. Beste Szene: weil sie die Unterschrift der echten Bette nicht fälschen kann, versengt sich die falsche Bette selbst die Hand am feurigen Schürhaken. Aua!


38. WER DIE NACHTIGALL STÖRT (1962)










Nachtigall, ick hör' dir trapsen, aber gestört wird der gefiederte Nachbar, der Geschenke in Bäumen versteckt, nur kurz, um zwei Kinder zu beschützen, die von Rassismus und Hass bedroht werden. Ihr Vater Gregory Peck kämpft vor Gericht für die Gleichbehandlung von Schwarz und Weiß, scheitert aber tragisch an der nie versiegenden Dummheit der Menschen. Wäre die nicht ein Rohstoff, mit dem man bis in alle Ewigkeit Energie erzeugen könnte? Diese alte Geschichte aus dem Süden der 30er bleibt immer aktuell, und Robert Mulligans Film ist der Grund, warum das Kino erfunden wurde. Wer hier am Ende keine Tränen vergießt, hat einfach kein Herz.


39. TELEFON BUTTERFIELD 8 (1964)










"Mach die Augen auf, Mama, ich bin die größte Schlampe der Stadt!" schreit Elizabeth Taylor und spricht damit aus, was alle denken. Als Edel-Callgirl putzt sich die Diva die Zähne mit Whisky, klaut Nerzmäntel, bohrt ihre High Heels in Laurence Harvey Füße und schreibt böse Nachrichten mit Lippenstift an Spiegel. Am Ende bekommt sie, was sie verdient, bzw. was Hollywood meint, dass eine Frau wie sie verdient. Einen Oscar gab's auch noch, aber den bekam Elizabeth eher aus Mitleid, weil sie gerade schwerkrank war, und Shirley MacLaine schaute in die Röhre. Hochglanz-Trash mit Soap-Charakter, aber hoch unterhaltsam. 


40. EIN PYJAMA FÜR ZWEI (1961)










Doris Day und Rock Hudson konkurrieren als Werbemanager um V.I.P., das Produkt, das es noch gar nicht gibt. Hudson spielt Day das zarte Lämmchen vor, ist aber in Wirklichkeit ein scharfer Wolf, der nur darauf wartet, Day die absurden Hüte vom sportlichen Leib zu reißen. Day hingegen schlüpft elegant aus ihren Pantoffeln und schlägt verzaubert die Eier in der Kaffeemaschine auf. Tony Randall ist die Königin der Lifte, und Hudson wird im Vorbeigehen für einen Transvestiten gehalten. "Von dem hätte ich das am allerwenigsten erwartet." Jaja.. 


41. DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN (1968)










"Sie kommen, um dich zu holen, Barbara!" George Romero erfindet die Mitternachts-Matinee und schickt seine Helden durch eine wahrhaft erschreckende Nacht, in der sie sich vor einer Horde Zombies verbarrikadieren müssen, um am Ende doch dran glauben zu müssen. Töchter bringen ihre Mütter um, und die Hinterwäldler knallen Schwarze noch lieber ab als Untote. Ein Hinterhof-Film, der tief in die amerikanische Psyche eindrang und das Kino für immer verändert hat.


42. WER HAT ANGST VOR VIRGINA WOOLF? (1966)










Burton und Taylor saufen, streiten und demütigen sich vor den Augen ihrer Gäste, doch das ist erst der Anfang des gemütlichen Beisammenseins. Taylor erhielt für das furiose Regiedebüt von Mike Nichols ihren zweiten Oscar, und der war dieses Mal sogar verdient. Die Ansammlung von Kraftausdrücken hingegen sorgte für Aufruhr bei den Zensurbehörden und ist hauptverantwortlich für das heute noch gültige Ratingsystem Hollywoods.


43. EKEL (1965)










Stille Wasser sind tief, und manchmal tragen sie auch gehäutete Kaninchen in der Handtasche mit sich herum und träumen von Vergewaltigung, während die Wände ihres Apartments immer näher zu rücken scheinen. Männer sollten Catherine Deneuve lieber nicht in die Quere kommen, dann greift die Blondine zu Rasiermesser und Kerzenhalter. Polanskis düstere Psycho-Show über Risse in Beton und Seelen ist Arthouse-Horror vom Feinsten.


44. LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU (1963)











Connery war nie attraktiver und abgebrühter als in diesem Agenten-Thriller, der wirklich eine Geschichte erzählt, anstatt seinen unkaputtbaren Helden durch eine Action-Nummernrevue mit größenwahnsinnigen Erzschurken und deren Comic-Helfern zu jagen. Die Liebesgrüße fallen daher auch weniger romantisch als beinhart aus. Robert Shaw, Lotte Lenya, eine unvergessliche Reise im Orient-Express und die schnurrige Daniela Bianchi, deren Mund für Connery "genau die richtige Größe hat" (ähem) sorgen wir knisterndes Entertainment.


45. LETZTES JAHR IN MARIENBAD (1961)








Was genau im letzten Jahr in Marienbad geschah, werden wir nie erfahren, aber auf jeden Fall wurde kräftig auf der Orgel gespielt. Surrealismus als Salon-Theater, Menschen, die wie Schachfiguren hin- und hergeschoben werden, Delphine Seyrig als geheimnisvolle Schönheit und ein Labyrinth aus Andeutungen und verschlungenen Pfaden im Inneren wie im Äußeren machen dieses Musterbeispiel des intellektuellen Kunstkinos, das sämtliche Regeln der Filmerzählung bricht, zum Meisterstück. 


46. DAS GEHEIMNIS DER FALSCHEN BRAUT (1967)










Truffaut ahnte nicht, dass das Publikum die schöne Catherine Deneuve nicht als eiskalte Mörderin und schon gar nicht den geliebten Nationalhelden Jean-Paul Belmondo als schwaches Opfer einer Femme Fatale akzeptieren würde. So geriet der ambitionierte Film Noir trotz und vor allem wegen der Starbesetzung zum Flop. Die Zeit gab Monsieur Truffaut aber Recht, denn diese Hitchcock-Hommage über eine sado-masochistische Liebe gehört zu seinen besten Werken.


47. BOTSCHAFTER DER ANGST (1962)









Kriegsheld Laurence Harvey bekommt vom Feind ordentlich die Haare und das Gehirn gewaschen und wird als Sleeper eingesetzt, um ein Attentat zu begehen. Sein Armeekumpel Frank Sinatra kommt ihm auf die Schliche, und Angela Lansbury zieht als abgründig böse Mama im Hintergrund die Strippen. Politisch höchst umstrittenes, aber formal perfektes Paranoia-Kino von John Frankenheimer, das die Nation bis ins Mark verunsicherte.


48. FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY (1961)









Für Truman Capote war Marilyn Monroe die Idealbesetzung, aber niemand frühstückt so reizend vor Schaufenstern wie Audrey Hepburn als Holly Golightly. Blake Edwards verpackt die New Yorker Liebesgeschichte zwischen einem Callgirl und einem Stricher so elegant und amüsant, dass man gar nicht merkt, was einem da vorgesetzt wird. Geschmackliche Entgleisungen gibt es trotzdem, und die heißen alle Mickey Rooney. Das Studio war dagegen, Audrey "Moon River" singen zu lassen. Wie falsch kann man liegen?


49. NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS (1969)









Eine deprimierende Story aus der Depressionszeit wird unter der Leitung Sydney Pollacks zu einem deprimierenden, aber außergewöhnlichen Filmerlebnis, in dem Jane Fonda sich vom Image des aufblasbaren Sexpüppchens endgültig freitanzt. Ein erschöpfendes Drama über den Willen zum Überleben in verzweifelten Zeiten, über menschliche Würde, Brot und Spiele. Über Menschen, die mitmachen, aufgeben oder sich die Kugel geben. Pferde erschießt man ja auch.


50. DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE (1966)









Ein Mann wechselt die Identität und wird als Rock Hudson neu geboren, doch das geborgte Leben ist nicht mehr rückgängig zu machen. In John Frankenheimers zweitem Geniestreich der 60er darf Hudson beweisen, dass er auch ohne Doris Day zurechtkommt und sich hinter dem Pin-up ein echter Schauspieler mit Tiefe versteckt. Der kafkaeske Alptraum ging am Publikum vorbei und muss dringend neu entdeckt werden.


UND DANN WÄREN DA NOCH:

Blow Up (1966)
Fahrenheit 541 (1966)
Spiel mir das Lied vom Tod (1968)
Asphalt Cowboy (1969)
Bonnie und Clyde (1967)
Das Dorf der Verdammten (1960)
Goldfinger (1964)
Belle de Jour - Schöne des Tages (1967)
Die toten Augen von London (1961)
Petulia (1968)
Eine Witwe mordet leise (1969)






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