Montag, 24. Februar 2014

Auge um Auge (1996)

Selbstjustiz ist ein komplexes und zeitloses Thema, das in der Filmgeschichte gern aufgegriffen wurde, selten aber wirklich gute Werke hervorgebracht hat. 1996 versuchte sich John Schlesinger mit AUGE UM AUGE (Eye for an Eye) an solch einem Stoff und wurde von Kritikern ebenso unisono verrissen wie vom Publikum ignoriert. Selbst als großer Schlesinger-Fan fällt es schwer, AUGE UM AUGE zu verteidigen, denn das schwache Drehbuch versenkt den Rache-Thriller schon von den ersten Minuten an und kann bis zum Ende keinen einzigen intelligenten Kommentar zur aufgeworfenen Problematik abgeben. Stattdessen verliert er sich in Sentimentalitäten und gnadenloser Vorhersehbarkeit.

Sally Field spielt hier eine Frau, deren Tochter bei den Vorbereitungen zu einer Geburtstagsparty von einem schmierigen Lebensmittel-Lieferanten - gespielt von Kiefer Sutherland - überfallen, vergewaltigt und getötet wird. Den Mord muss Field am Telefon mitanhören, während sie im Stau steht, und bereits an dieser Stelle wird man als Zuschauer mit lauter unglaubwürdigen Momenten konfrontiert. So sollen wir z.B. glauben, dass nicht einer der vielen Passanten der panischen Field sein Handy borgt, um die Polizei anzurufen. Alle beeilen sich nur, die Scheiben hochzukurbeln oder die hystersiche Frau abzuwimmeln, die offensichtlich Schreckliches durchmacht. Später dann erhält Field weder Unterstützung von der Polizei noch der Justiz, so dass sie sich eine Waffe besorgt, dem Killer selbst nachstellt und sich entschließt, ihn zu ermorden.

Wie das Ganze ausgeht, kann man sich bereits denken, weil der Film alles daran setzt, sowohl bei Fields Leiden auf die Tränendrüse zu drücken als auch die von Sutherland gespielte Figur so widerlich und abstoßend wie nur eben möglich zu zeichnen, damit auch gar keine Zweifel aufkommen, wer hier den Tod verdient hat. Als White Trash muss Sutherland alte Damen bepöbeln, auf die Straße rotzen, in Vorgärten strullern und die kleine Schwester der Ermordeten auf dem Spielplatz bedrängen. Fehlt nur noch, dass er auch Hunde quält. Nein, Halt, das macht er auch!

Mit diesem Vorgehen mogelt sich AUGE UM AUGE nicht nur um jede verantwortungsbewusste Aussage herum, sondern manipuliert auf furchtbar triviale Art und Weise seine Zuschauer, um Sally Fields schlussendlichen Racheakt abzusichern, und - ACHTUNG, SPOILER! - sogar bei dem wird sie durch Notwehr entschuldigt! Damit ist Schlesingers Film keinen Deut besser als Trash wie "Eine Frau sieht rot" (mit eindeutigen Parallelen wie der Belästigung der kleinen Schwester des ersten Opfers durch den Täter), auch wenn er besser aussieht und gespielt ist.

Sally Field kann man da keinen Vorwurf machen. Sie spielt ihre Figur mit der nötigen Seriösität und ist über weite Strecken erstaunlich ungeschminkt, so dass man ihr die Verzweiflung abkauft. Ed Harris wird als Fields Ehemann leider völlig verschenkt, zumal er laut Drehbuch auch 'nur' der Stiefvater der getöteten Tochter ist - eine durchsichtige Finte, um ihn aus dem moralischen Dilemma herauszuhalten. Kiefer Sutherland zieht eine komplett eindimensionale Ekelpaket-Nummer als Abschaum aus der Hölle ab, aber seine Rolle gibt auch nicht mehr her. Man soll ihn hassen, man soll ihm den Tod an den Hals wünschen, bittesehr. Gute Nebendarsteller wie Beverly D'Angelo, Philip Baker Hall und Joe Mantegna können ebenfalls nichts reißen, wobei besonders Mantegna als ermittelnder Cop nur dazu da ist, um das Versagen des Polizeiapparats zu personifizieren. Und wie glaubwürdig ist ein Cop, der die Mutter einer Ermordeten anruft, um zu verkünden, dass er gerade einen Verdächtigen verhaftet hat, und der - ACHTUNG, SPOILER! - am Ende natürlich so viel Verständnis aufbringt, die Rächerin laufen zu lassen, weil sie ja moralisch im Recht war. Au weia!

Die gute Nachricht ist, dass AUGE UM AUGE mit viel Tempo inszeniert ist und sich - wenn man akzeptiert hat, wie oberflächlich er mit dem Thema umgeht - ganz gut und unterhaltsam wegschaut. Es gibt ein paar originelle und überraschende Momente, etwa wenn die entnervte Sally Field bei der Trauerfeier für ihre Tochter einen unpassenden Lachanfall bekommt, oder wenn sich die scheinbar trauernden Mitglieder einer Selbsthilfegruppe unerwartet als Waffenhändler oder Undercover-Agenten entpuppen. Für eine Empfehlung reicht das aber wirklich nicht aus. Wer sehen will, wie harmlose Menschen zu Selbstjustiz gezwungen werden, und welche Auswirkung das auf sie und ihre Psyche hat, dem kann ich nur nach wie vor den großartigen "Die Frau mit der 45er Magnum" (1981) ans Herz legen.

05/10

Samstag, 22. Februar 2014

DVD-Veröffentlichung: Ein Unbekannter rechnet ab (1974)

Am 28. März (voraussichtlich) erscheint hierzulande endlich die Agatha Christie-Adaption EIN UNBEKANNTER RECHNET AB (Ten Little Indians), die zwar mit den amerikanischen Großproduktionen wie "Tod auf dem Nil" (1979) oder "Mord im Orientexpress" (1974) vom Spannungslevel her nicht mithalten kann, dafür aber eigene Qualitäten besitzt.

Erzählt wird hier die bekannte "Zehn kleine Negerlein"-Geschichte Christies, die aus Gründen der Political Correctness heute als "Und dann gab's keines mehr" bekannt ist, und die schon zuvor (und danach) mehrfach verfilmt wurde, u.a. als "Das letzte Wochenende" (1945).

Regisseur Peter Collinson fährt in dieser 70er-Umsetzung ein Großaufgebot europäischer Stars wie Oliver Reed, Elke Sommer, Stéphane Audran und Charles Aznavour auf (sowie mit Gert Fröbe und Adolfo Celi gleich zwei Bond-Bösewichter), die zu einem Wochenende in einen Wüstenpalast eingeladen und dort hübsch der Reihe nach von ihrem unsichtbaren Gastgeber dezimiert werden.

EIN UNBEKANNTER RECHNET AB war bereits in meiner Kindheit oft im TV zu sehen und hat mir auch beim wiederholten Sehen gefallen, selbst wenn er deutlich trashiger ausfällt als die oben genannten Christie-Verfilmungen. Für mich also eine willkommene Veröffentlichung.
Jetzt sollte nur noch jemand "Die Morde des Herrn ABC" (1965) endlich mal herausbringen...

Die ausführliche Rezension zum Film findet sich hier.


Dienstag, 18. Februar 2014

Blink (1994)

Keine Ahnung, warum ausgerechnet BLINK (Blink) so komplett in der Versenkung verschwunden und hierzulande nicht einmal auf DVD erhältlich ist. Von den Mainstream-Thrillern der 90er, in denen Psychopathen und Serienmörder dominierten, ist der Film von Michael Apted nicht der schlechteste, er liegt eher im guten Mittelbereich.

Madeleine Stowe spielt in BLINK eine blinde Violinistin, die nach einer lang ersehnten Operation ihr Augenlicht wieder erlangt. Der Heilungsprozess aber sorgt für eine Verschiebung ihrer Wahrnehmung, so dass sie Details nur zeitverzögert sehen kann und manchmal nicht sicher sein kann, was sie überhaupt gesehen hat. Als sie einen Mord beobachtet, ist sie die wichtigste Zeugin für die Polizei, doch sie kann sich an das Gesicht des Killers nur schemenhaft erinnern. Der Psycho ist aber schon hinter ihr her, um die Augenzeugin loszuwerden...

BLINK jongliert relativ geschickt mit bekannten klassischen Thriller-Elementen. Da wären zum einen der Psycho-Terror gegen ein sehbehindertes Opfer, was in Filmen wie "Warte bis es dunkel ist" (1967) oder "Stiefel, die den Tod bedeuten" (1971) bereits erfolgreich bespielt wurde, zum anderen greift er das Unbehagen gegenüber Organ-bzw. Körperteil-Transplantationen auf, das sich in Horrorstoffen wie "Body Bags" (1993) oder "Body Parts" (1991) findet. Wenn sich Regisseur Michael Apted denn nur auf seinen Thriller konzentrieren könnte, dann wäre BLINK nicht nur guter Durchschnitt, sondern womöglich ein furioser Genrebeitrag geworden. Stattdessen aber will er unbedingt noch mehr und sowohl das Psychogramm einer traumatisierten Frau (Stowe verlor ihr Augenlicht, nachdem sie von der Mutter misshandelt wurde) als auch eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte zweier Einzelgänger erzählen.

Für diese muss sich Stowe in den (leider) uncharismatischen Ermittler Aidan Quinn verlieben, hat aber aufgrund ihrer düsteren Vergangenheit so viel abzuarbeiten, dass die beiden einfach nicht zueinander finden. Überhaupt fragt man sich, warum Stowe nicht längst in psychotherapeutischer Behandlung ist. Leider nimmt diese zähe Love-Story so viel Raum ein, dass sie den Thriller überdeckt, und das große Problem liegt in der von Madeleine Stowe (sehr gut) gespielten Figur, die skurril, eigenwillig und facettenreich sein soll, tatsächlich aber mit ihren regelmäßigen Kratzbürsten-Anfällen nervt. Die Frage nach der Identität des Killers rückt zu oft in den Hintergrund, so dass BLINK in der zweiten Hälfte etwas durchhängt.

Dafür wird man aber mit mehreren ausgezeichneten Suspense-bzw. Schock-Sequenzen entschädigt. Etwa, wenn der Mörder am Morgen nach dem Mord plötzlich in Madeleine Stowes offener Tür steht, oder wenn Stowe vom Killer durch Parkhäuser und die nächtliche U-Bahn gejagt wird. Hier kopiert Michael Apted zwar "Dressed to Kill" (1980), aber wenn man schon klaut, dann eben von den Besten. Das Finale ist dagegen nicht ganz so gelungen, zumal der Film an dieser Stelle einen diabolischen (und weit hergeholten) Masterplan des Killers aus dem Hut zaubert, der zuvor kaum angedeutet wurde. Es fehlt auch ein Einfall, der BLINK wirklich einzigartig machen würde. Irgendwie hat man das Gefühl, das alles schon mal so ähnlich gesehen zu haben, auch wenn die bekannten Elemente gut genutzt werden. Einen Klassiker schafft man so aber nicht.

An den Kinokassen war BLINK kein großer Erfolg und verschwand eher sang- und klanglos. Aufgrund der exzellenten Leistung Madeleine Stowes und der inszenatorischen Highlights kann ich BLINK aber durchaus empfehlen. Vielleicht erbarmt sich ja irgendwann mal ein DVD-Verleih. Hinter größeren Thriller-Hits der Dekade wie "Die Hand an der Wiege" (1992) muss sich BLINK jedenfalls nicht verstecken.

07/10

Dienstag, 11. Februar 2014

P2 - Schreie im Parkhaus (2007)

Die hübsche junge Yuppiebraut Angela (Rachel Nichols) ist am Weihnachtsabend die Letzte, die das Bürohochhaus verlassen will, aber leider springt ihr Wagen nicht an. Vom netten Security-Mann fehlt auch jede Spur, und mit dem Handy hat sie in der Tiefgarage keinen Empfang. Da könnte der Parkhauswächter (Wes Bentley) helfen, doch der hat nicht nur einen zähnefletschenden Rottweiler an der Leine, sondern auch einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. Bald darauf erwacht Angela aus einer Ohnmacht und sitzt angekettet am weihnachtlich geschmückten Esstisch des Wächters, der sich offenbar in sie verliebt hat und einen gemütlichen Abend mit ihr verbringen will - zur Not auch mit Gewalt. Das Psycho-Duell ist eröffnet... 

Im Vorspann des Horror-Thrillers P2 - SCHREIE IM PARKHAUS (P2) werden als Ideengeber zum Drehbuch Alexandre Aja und sein Co-Autor Grégory Levasseur genannt. Ich will ja niemandem den Tag verderben, aber bei P2 handelt es sich mitnichten um eine eigene Idee, sondern um ein Remake, denn die Idee stammt von vorne bis hinten aus dem (zugegeben) völlig unbekannten 90er-Direct-to-Video-Thriller "Lower Level" (1992), in welchem David Bradley als irrer Parkhauswächter die Dame seines Herzens und deren Lover durch ein nächtliches Bürohochhaus jagt (inklusive romantischem Candlelight-Dinner, das er für sie zaubert). Wir wollen doch mal schön auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Diese Nennung beweist nur, dass Alexandre Aja zu den meistüberschätzten kreativen Köpfen des Horrorfilms zählt und sich immer nur bei anderen bedient. Die Regie bei P2 führte Franck Khalfoun, mit dem Aja kürzlich das "Maniac" (2012)-Remake neuverfilmt hat, welches mir überraschenderweise gefiel. P2 jedoch versagt auf ganzer Linie.

So ist hier denn mal wieder ein Psychopath unterwegs, und zwar Wes Bentley, dessen beste Zeiten als Begleiter einer Plastiktüte in "American Beauty" (1999) schon lange vorbei sind, und der sich nun in B-Schund wie diesem herumtreiben muss. Für einen Leading Man in einer Hollywood- RomCom ist er einfach zu creepy, und ein besonders guter Schauspieler ist er leider auch nicht, wie seine halbherzigen Versuche zeigen, einem Klischee-Irren aus der Bedarfs-Schublade so etwas wie Tiefe zu verleihen. Da das Drehbuch weder ihm noch seiner Kollegin Nichols irgendwelche interessanten Charaktereigenschaften zuweist, bleibt das ganze Spektakel nicht nur reichlich banal, sondern ist auch vorhersehbar bis zum Umfallen, wenn man Filme dieser Art ("Misery", "Der Fänger", oder den besonders albernen "The Keeper") schon mal gesehen hat. Die laufen immer nach dem gleichen Schema ab. So tauchen stets Leute auf, die Hilfe versprechen, aber die/der Gefangene muss sich jedesmal dumm anstellen, damit diese Hilfe nie stattfindet. Unsere Heldin ist sogar zu blöd, ihr Handy in der Hand zu behalten, um einen Notruf abzusenden, und wenn sie dem durchgeknallten Bentley eine Gabel in den Rücken rammt, als dieser gerade nicht hinsieht, weiß man bereits, dass dieser zaghafte Stich keinerlei weitere Auswirkungen haben wird.

Nachdem sie sich endlich von der Kette befreit hat, rennt Nichols dann im Parkhaus rauf und runter und wieder rauf, schreit um Hilfe, ersäuft fast im Fahrstuhl, der vom Bentley unter Wasser gesetzt wird (der einzig originelle, wenngleich komplett unglaubwürdige Einfall) und muss am Ende dann blutig zurückschlagen. Da ich grundsätzlich mit Leuten kein Mitleid habe, die einen unschuldigen Hund umbringen, hat mich das weitere Schicksal der Weihnachtsblondine auch nicht interessiert (nicht dass ich vorher groß mit ihr mitgefiebert hätte), zumal mein Finger an dieser Stelle ohnehin schon lange zur Fernbedienung wanderte, um die Schnellvorlauftaste zu drücken.

Für Splatterfans ist P2 auch nicht zu empfehlen, weil es außer einem zudringlichen Arbeitskollegen von Nichols, der von Bentley zu Matsch gefahren gibt, nichts Drastisches zu sehen gibt. Nervenzerfetzende Spannung will auch nie aufkommen, weil das ganze Szenario schon dutzendfach in anderen Filmen durchgenudelt wurde. Ich weiß also nicht, warum oder wem man P2 überhaupt empfehlen soll. Außer einer hübschen Einstellung, in der Bentley plötzlich im Dunkeln hinter Nichols auftaucht, hat der Film nichts zu bieten. Die Szene gibt's auch im Trailer. Es reicht also, wenn man sich den ansieht und die 90 Lebensminuten besser nutzt.

03/10

Sonntag, 9. Februar 2014

Taking Lives (2004)

Hier haben wir es mit einem etwas verspäteten Serienkiller-Thriller zu tun, der gern auf der "Se7en"-Welle mitschwimmen möchte, welche aber 2004 bereits durch zu viele (unter-)durchschnittliche Nachahmer abgeklungen war. TAKING LIVES (Taking Lives) ist eine US-kanadische Co-Produktion, weswegen der Film mit einigen interessanten französischen Stars aufwarten kann, aber inhaltlich gibt es eher das Altbekannte.

Angelina Jolie spielt in TAKING LIVES eine Top-Profilerin, die nach Montreal reist, um der dortigen Polizei bei der Aufklärung eines Verbrechens zu helfen, was den hiesigen Ermittlern (Olivier Martinez, Jean-Hugues Anglade) gar nicht ins Konzept passt. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dem gesuchten Killer um einen Serientäter handelt, der stets die Identität seiner Opfer annimmt. Die Frage ist nur - handelt es sich bei dem Augenzeugen des letzten Mordes (Ethan Hawke) um den unbekannten Mörder oder um dessen nächstes Opfer? Und ist es eine gute Idee, wenn Angelina  mit ihm in die Kiste steigt?

Diese Fragen werden schnell beantwortet, denn jedem Zuschauer dürfte bereits in den ersten 10 Minuten klar sein, wer sich später hinter der Maske des Killers verbirgt, denn der Schauspieler, der ihn als Jugendlichen im Prolog darstellt, wurde offensichtlich aufgrund seiner frappierenden Ähnlichkeit mit seinem erwachsenen Pendant besetzt. So besteht die Spannung eher in der Frage, wann die heiße Profilerin und die nörgeligen Kollegen ihm endlich auf die Schliche kommen, bevor es noch mehr Tote gibt.
Damit sich der Thriller von den vielen ähnlichen Filmen unterscheidet, hat man hier einen zumindest originellen Modus Operandi für den Täter gefunden, der von Identität zu Identität springt, ohne Spuren zu hinterlassen. Das hört sich allerdings aufregender an als es dann in der etwas verwirrenden Umsetzung ist (so kann sich der Film z.B. nie entscheiden, inwieweit sich die Opfer eigentlich ähneln oder nicht ähneln). Ansonsten bleibt es beim bewährten Konzept, das schon mit dem ausgenudelten Vorspann-Design im Stil von "Se7en" beginnt (um die Nerds und Puristen nicht zu verärgern, sei hier schnell angemerkt, dass dieses x-mal wiederholte Design bei "Se7en" erst im Abspann kommt).

Angelina Jolies eigensinnige und einsame Profilerin ist ein ebenso oft verwendetes Klischee und muss sich gelegentlich merkwürdig verhalten, damit sie so etwas wie eine Charakterisierung erhält (etwa, wenn sie murmelnd auf der Straße sitzt und auf Eingebung wartet oder sich die Ohren zuhält, um besser denken zu können). Über ihre schauspielerische Leistung lässt sich nicht viel sagen. Sie sieht gut aus, trägt hübsche Klamotten und starrt meistens mit unbewegtem Gesicht und Katzenaugen in die Gegend. Die Kamera mag das, und wem's gefällt, bitteschön. Beim Sex mit Hawke darf sie dafür kurz die nackten Brüste servieren, das freut womöglich den heterosexuellen Fan. Für ihre Darbietung wurde sie übrigens für die Goldene Himbeere nominiert, und das kann man irgendwie nachvollziehen. Ich weiß bis heute nicht, ob Jolie eigentlich spielen kann oder nicht. Man sieht ihr ganz gern zu, das ist für einen Filmstar oft ausreichend (siehe Keanu Reeves). Um sie sexy zu finden, ist sie mir persönlich zu kalt und künstlich.

Das restliche Ensemble kann sich durchaus sehen lassen. Ethan Hawke ist ein attraktiver Partner für Jolie, auch wenn er mich in seinem Spiel irritierend an Tom Cruise erinnert hat. Ich möchte ihn aber nicht beleidigen, weil ich ihn ganz knuddelig finde. Schön, ihn einmal nicht als abgeranzten Loser, sondern mit tadellosem Haarschnitt und sauberen Socken zu sehen. In einer Kleinstrolle, die komplett überflüssig ist, darf man Kiefer Sutherland entdecken, wenn man nicht gerade blinzelt. Ihn als 'roten Hering' (eine offensichtlich falsche Fährte) zu bezeichnen, wäre zu viel der Ehre. Und dann haben wir noch die große Gena Rowlands, die die Mutter des Psychopathen verkörpert und eine gute Leistung abliefert, auch wenn ihr blutiges Ende sehr unschön daherkommt. Das ist dann doch etwas respekt- und geschmacklos gegenüber dieser Grande Dame des Autorenfilms.

Was die Spannung anbelangt, ist TAKING LIVES guter Durchschnitt, hat aber insgesamt doch einige Längen. Es gibt ein paar wirkungsvolle Schock-Momente (u.a. einen heftigen Autounfall gleich zu Beginn und eine Grusel-Sequenz, in der Jolie einen alten Keller durchsucht, wo sie eine überraschende Entdeckung macht), das eigentlich gute Finale aber wird durch einen lang gezogenen Epilog zunichte gemacht, der herzlich wenig Sinn ergibt und unnötig krude geraten ist. Um nicht zu spoilern, möchte ich nicht weiter darauf eingehen.

Sehr gelungen ist hingegen die Musikbegleitung des Komponisten Philip Glass, das einzig ungewöhnliche Element des gesamten Films, der ansonsten zu sehr in ausgetretenen Fußstapfen wandelt. Neben der Kinofassung existiert noch ein Director's Cut, der ein bisschen mehr Erklärungen, Blut und Sex bietet. Ist aber kein Grund, in Ekstase zu geraten.

06/10


Donnerstag, 6. Februar 2014

Maniac (2012)

Huch, was ist das denn? Der hat mir doch tatsächlich gefallen!

Aber von vorne. William Lustigs "Maniac" (1980) ist ein Klassiker des Schund-Slasherfilms der 80er, ein roher Splatter-Klotz von unheimlicher Kraft, dessen Ruf mittlerweile immer besser wird, nachdem sich sogar die  Beteiligten seinerzeit von ihm distanziert haben. Was konnte man also erwarten, wenn sich im Zuge des immer noch grassierenden Remake-Wahnsinns der Franzose Alexandre Aja ("High Tension", 2003) dieses Schmuddelfilms annimmt, und das auch noch mit - ausgerechnet - 'Frodo' Elijah Wood in der Rolle, die Joe Spinell legendär schmierig ausfüllte?
Ich zumindest hatte gar keine Erwartungen und bin sehr positiv überrascht worden.

Die Geschichte ist schnell erzählt, bzw. kaum vorhanden. Frank Zito (Wood) ist ein Serienkiller, der tagsüber einen Laden für Schaufensterpuppen betreibt  und nachts Frauen abschlachtet, um den Puppen in seinem Zuhause die blutigen Skalps seiner Opfer an den Kopf zu tackern. Als er die nette Fotografin Anna (Nora Arnezeder) kennenlernt, scheint er zum ersten Mal etwas anderes zu empfinden als Mordlust, aber gegen seinen Trieb kommt er nicht an...

Inszeniert wurde MANIAC (Maniac) von Ajas Landsmann Franck Khalfoun, der zuvor mit "P2 - Schreie im Parkhaus" (2007) bereits die Horror-Gemeinde gespalten hat. Und der hat sich das Original von William Lustig, der auch als Co-Produzent fungiert, mal so richtig zur Brust genommen und mehr eine Hommage als ein Remake gedreht. Das geht so weit, dass er sogar das berüchtigte Kinoplakat des Klassikers nachstellt und das Geschehen mit einem hypnotischen Soundtrack unterlegt, der mit seinen düsteren Synthie-Klängen die 80er wieder auferleben lässt. Aus dem schmutzigen Moloch New York wird hier das zeitgenössische Los Angeles, dessen einsame nächtliche Straßen und U-Bahnhöfe nicht mehr wie weiland in Dreck und Abschaum versinken (auch das heutige, 'gesäuberte' New York könnte niemals mehr eine solche Kulisse abgeben), aber eine ganz eigene Faszination ausüben, die MANIAC genial einfängt.

Die Markenzeichen von Joe Spinells Darstellung, das Grummeln und Grunzen, das findet sich ebenso in Elijah Woods Interpretation wieder wie die Skalpierungen der Opfer, die ebenso unschön anzusehen sind wie damals. Der Splatter-Faktor von MANIAC ist sehr hoch, auch das ist eine Reminiszenz ans Vorbild. Das erwartet der Fan, und Khalfoun liefert mit Schmackes. Für zartbesaitete Gemüter ist MANIAC nichts, ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass das Remake noch frauenfeindlicher und hässlicher ist als das Original, wo zumindest einige der Opfer sympathisch waren.Elijah Wood gibt alles, um aus der 'Frodo'-Schublade zu kommen. Das gelingt ihm auch ganz gut, allerdings wirkt er doch immer ein wenig zu schmächtig, um eine echte körperliche Bedrohung darzustellen. Die Fußstapfen von Joe Spinell sind auch einfach zu groß.

Dazu kommt, dass Khalfouns Kamera von der ersten Einstellung bis zum Schluss konsequent die Perspektive des Killers einnimmt, so dass dieser lediglich zu sehen ist, wenn er mal in Spiegel blickt oder sich in Schaufensterscheiben spiegelt. Diese Ego-Perspektive ist keine neue Idee und wurde bereits in "The Lady in the Lake" (1947), einem Klassiker des Film Noir, angewandt, und sie ist gleichzeitig Fluch wie Segen. So nah man als Zuschauer durch diese Art der Auflösung auch am Psychopathen klebt, man kommt ihm doch nicht näher und bleibt emotional auf Distanz.
Das liegt auch daran, dass das Drehbuch nie versucht, hinter die Fassade zu schauen, wie es zum Beispiel der großartige "Angst" (1983) schafft, der keine subjektive Kamera braucht, um ganz tief ins Innere des Psychopathen zu blicken. Zudem sind die bemühten küchenpsychologischen Erklärungen für den Mordinstinkt des Killers so eindimensional wie ausgelutscht. Wieder einmal ist es die Mama, die den kleinen Frank zum Mörder werden ließ, weil sie eine koksende Schlampe war, die es mit jedem trieb. Das ist nun wirklich ein alter Hut. Hatte man Hitchcock nicht bei "Marnie" (1964) vorgeworfen, naiv zu sein? Und der Film ist 50 Jahre älter!

Seltsamerweise stört mich das hier aber weniger als in ähnlichen Fällen, weil MANIAC eben jenen alten Hut vor William Lustigs Werk zieht und seine simple, ja, minimalistische Storyline konsequent durchzieht. Dafür findet er Bilder, die unter die Haut gehen, wie etwa die Visionen Franks, der sich u.a. im Restaurant von sämtlichen Gästen angestarrt fühlt. Das sind ebenso nette Ideen wie die Fliegen in Franks Apartment, die um die Schaufensterpuppen mit den vergammelnden Skalps kreisen.

Trotz seiner Schwächen hat mich MANIAC insgesamt überzeugt, weil er seinen geistigen Vater nie leugnet oder auf-Teufel-komm'-raus modernisieren will, sondern ihn in bewundernswerter Weise huldigt. Er ist eine Verbeugung vor einem Film, der jahrzehntelang angefeindet, verboten, beschlagnahmt und bespuckt wurde (ja, auch von Ihnen, Herr Savini!). Der Respekt ist lange überfällig und hochverdient. Ist MANIAC ein überflüssiger und unnötiger Film? Absolut. Er hat nichts Neues zum Thema Serienkiller zu erzählen, er ist nicht einmal sonderlich spannend. Aber er hat Atmosphäre und ein klares Stilprinzip - genau wie das Original.

08/10

Dienstag, 4. Februar 2014

The Conjuring - Die Heimsuchung (2013)

Im neu erworbenen Haus der Familie Perron spukt es gewaltig, weswegen sich das Dämonologen-Ehepaar Warren (Patrick Wilson und Vera Farmiga) aufmacht, das Gemäuer vom Bösen zu befreien. Neben Poltergeistern und Dämonen müssen sie dann noch an der Hausherrin (Lilli Taylor) einen Exorzismus durchführen - eine harte Arbeitswoche für die Geisterjäger...

Der Spukhaus-Film gehört zu meinen liebsten Horror-Subgenres, vermutlich, weil ich mich als Kind oft nachts im Haus gefürchtet habe. Man muss aber auch sagen, dass es lange keinen wirklich gelungenen Vertreter dieser Filmgattung mehr gegeben hat, weil doch so ziemlich alles gesagt wurde, was man über knarrende Türen und wehende Vorhänge erzählen kann.

THE CONJURING (The Conjuring) macht da keine Ausnahme. Der Film wirkt wie ein 'Best of' des Geisterhaus-Films, mischt sämtliche Zutaten aus "The Amityville Horror" (1979) mit "Poltergeist" (1982) und baut in schöner Reihenfolge alles ein, was irgendwie dazugehört, fügt aber nichts Neues hinzu. Da er zu seiner Geistergeschichte auch noch einen Exorzismus erzählt, könnte man ihn am besten als Remake von "Amityville Horror 2" (1982) bezeichnen, der auch schon alles in den Horror-Suppentopf warf, was gerade angesagt war. THE CONJURING beruht (angeblich) auf wahren Begebenheiten - ein Zusatz, der schon "The Amityville Horror" zu großem Kassenerfolg verhalf. Den Wahrheitsgehalt darf man bezweifeln, allerdings gab es das von Wilson und Farmiga gespielte Ehepaar Warren tatsächlich.

Formal ist THE CONJURING nichts vorzuwerfen. Er ist sehr hübsch in gedeckten Farben gefilmt, das zunächst gemächliche Tempo sorgt dafür, dass die Spannung gut aufgebaut wird und die wohldosierten Schocks stimmen (ganz besonders zwei Hände, die aus dem Kleiderschrank hervorschnellen, sind extrem wirkungsvoll), die 70er-Ausstattung ist angenehm zurückhaltend, und die Besetzung mit Patrick Wilson und Lilli Taylor in wichtigen Hauptrollen kann sich ebenfalls sehen lassen. Lilli Taylor hat ja schon einige (schlechte) Erfahrungen in dem Subgenre, durfte/musste sie doch in Jan de Bonts grässlichem "Haunting"-Remake mitwirken ('mitspielen' wäre zu viel gesagt).

Da schneidet THE CONJURING im Vergleich besser ab, kann aber auf der anderen Seite mit wirklich originellen Spukhaus-Filmen wie "Das Waisenhaus" (2007) nicht mithalten, dazu ist alles zu sehr nochmal aufgebrühter kalter Kaffee. Der Familienhund, der nicht ins Haus möchte, weil er das Böse spürt, Geheimgänge hinter Wänden, unsichtbare Spielgefährten der Kinder, böse dreinglotzende Puppen, hüpfende Bälle aus dem Nichts (offenbar übrig geblieben aus "Das Grauen"), fliegende Möbel und die immer gern genommenen Uhren, die zur selben Zeit stehen bleiben, ja, das hatten wir alles schon mehrfach. Dazu bleiben die Charaktere weitgehend farblos, auch wenn sie auf realen Vorbildern basieren. Die beiden Geisterjäger haben natürlich auch mit einem privaten Trauma zu kämpfen, und wenn im Finale die sensible Exorzisten-Mutti Farmiga die von Dämonen besessene Lilli Taylor vom Bösen befreit, indem sie diese an ein Familienwochenende am Strand erinnert, wo alle noch glücklich waren (nach dem Motto: gegen Dämonen helfen nur die Werte der heilen amerikanischen Mittelklasse-Familie), dann sind wir wieder auf bekanntem Hollywood-Kitsch-Terrain, bei dem mir ganz schnell die Füße einschlafen.

THE CONJURING ist ein Film der Sorte 'kann man sehen, muss man aber nicht'. Die überwiegend jubelnden Kritiken kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Hier gibt es nichts zu sehen, was nicht zuvor schon x-mal verwurstet wurde. Wie schön, dass Warner Brothers bereits angekündigt haben, aus THE CONJURING ein Franchise zu basteln (mit Wilson und Farmiga als Geisterjäger auf Abruf in neuen, spannenden Abenteuern) und dazu noch die Geschichte der Puppe Annabelle, die zu Beginn von THE CONJURING eine gruslige Rolle spielt, zu einem eigenen Film auszubauen. Da hört man doch schon die Kassen klingeln, und das ist (leider) heute die Hauptsache.

6.5/10

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