Mittwoch, 26. März 2014

Fremde Bettgesellen (1964)

Wer bei der Paarung Rock Hudson/Gina Lollobrigida einen zweiten "Happy-End im September" (1961) erwartet, der wird leider mit FREMDE BETTGESELLEN (Strange Bedfellows) enttäuscht werden, denn mit der sommerlichen Leichtigkeit ihrer ersten Filmbegegnung kann dieser Nachfolger nicht mithalten. Bei Zuschauern und Kritik schnitt diese neue Variante auch nicht sonderlich gut ab. Für ein paar gute Gags und wohlfühlige Hollywood-Plüschigkeit mit zwei attraktiven Stars reicht es aber immer noch, und das ist ja nicht wenig.

Der Plot: Rock Hudson verliebt sich als steifer Amerikaner im schönen London in die heißblütige Künstlerin Lollobrigida und heiratet sie spontan. Kurz darauf beginnen die Probleme, es folgt kaputtes Geschirr, Geschrei und eine böse Trennung. Heute, fünf Jahre danach und einen Tag vor der Unterzeichnung der Scheidungspapiere, sehen sie sich wieder, und erneut sprühen die Sex-Funken. Doch auch der Streit geht wieder von vorne los. Nun muss Hudson aber zwecks beruflichen Aufstiegs in seiner konservativen Firma dringend eine funktionierende Ehe vorweisen. Die Gattin aber plant gerade einen politischen Protestakt und will - als Lady Godiva verkleidet - nackt durch London reiten...

Man merkt schon, diesen merkwürdigen Inhalt kann man nicht schnell erzählen, und er kommt auch selten auf den Punkt, weil er aus zu vielen Elementen besteht, die einzeln wahrscheinlich eine schöne Komödie abgegeben hätten, die sich in der verwickelten Ansammlung aber gegenseitig im Weg stehen. Der Film hätte auch viel Gelegenheit, böse Spitzen gegen Amerikaner, Europäer und verschiedende Weltanschauungen zu schießen, leider aber sind die Figuren allesamt cartoonhafte Abziehbilder. Hudson ist als Amerikaner bemüht charmant, ungelenk und prüde, Lollobrigida hingegen muss als Italo-Vulkan und 'Bohemian' natürlich unentwegt zetern, Teller werfen und lauter 'verrückte Sachen' anstellen. Würde man den Film ernst nehmen, wäre sie ganz klar eine Geisteskranke und gehörte dringend in Therapie, so aber ist sie eben 'nur' eine Italienerin - oder das, was man sich in Hollywood unter einer Italienierin vorstellt.

Überhaupt zeichnet FREMDE BETTGESELLEN ein bizarres Bild von Künstlern und politischen Aktivisten, wie man es auch schon aus ähnlich konfektionierter Hollywood-Ware dieser Zeit ("Ein süßer Fratz" fällt da als schlimmes Beispiel ein) kennt. Diese Freigeister sind darin allesamt grundsätzlich bescheuert, jeder 'vernünftigen Argumentation' gegenüber blind und taub, verkommen und/oder sie verfolgen heimlich ganz andere Ziele - wie Lollobrigidas Freund (Edward Judd), der sich als ideologischer Weltverbesserer gibt, in Wahrheit aber nur mit der Südländerin in die Kiste und den Widersacher loswerden will. Diese Haltung des Films zeigt nur deutlich das bemooste und konservative Weltbild Hollywoods, und wie weit entfernt man davon war, die Jugend als Zielgruppe ansprechen zu wollen, geschweige denn, sie ernst zu nehmen. Kein Wunder, dass dieses System bald zusammenbrechen sollte (heute ist es in leicht abgewandelter Form zurück), weil sich junge Zuschauer nicht mehr vom Mainstream als blöde Witzfiguren denunzieren lassen und berechtigten gesellschaftlichen Protest nicht als unqualifizierten Vandalismus dargestellt sehen wollten.

Aber zurück zum Film, denn der hat auch seine guten Seiten. Die Chemie zwischen Hudson und Lollobrigida stimmt, und besonders ihre erstes Aufeinandertreffen beim Scheidungsanwalt - wo die alte Leidenschaft füreinander spontan neu ausbricht - ist mit Großaufnahmen bebender Lippen und verführerischer Augenaufschläge gut in Szene gesetzt. Es gibt auch ein paar gelungene Slapstick-Einlagen, und der beste Einfall besteht darin, dass Hudson sich im Lauf der Handlung mehrfach bei Lollobrigida entschuldigen muss, während beide in verschiedenen Taxis sitzen und die Taxifahrer jeweils die Versöhnung per Funk 'moderieren' müssen.

Die Besetzung der Nebendarsteller ist ebenfalls sehenswert. Gig Young übernimmt hier den typischen Tony Randall-Part aus den Hudson/Doris Day-Komödien und spielt den skurrilen Assistenten Hudsons. In seiner besten Szene (der besten des Films) versucht er, Lollobrigida von ihren Protest-Plänen abzubringen, indem er ihr einen angeblich lebensgefährlichen Auslands-Auftrag von Hudson vorgaukelt, bei dem sie unbedingt an seiner Seite sein muss - nur, damit sie nicht nackig durch London reitet, während Hudsons Chef in der Stadt ist.

Edward Judd spielt den Konkurrenten um die Gunst Lollobrigidas mit Sarkasmus und Selbstironie und wirkt dabei so attraktiv, dass er Hudson mehrfach überlegen ist und man ihn durchaus als Partner der Lollobrigida akzeptieren würde, wenn der Film ihn nicht ganz schnell als Dreckskerl abstempelte. Nach einer komödiantischen Verwicklung übrigens landen er und Hudson gemeinsam im Bett (sie sind die eigentlichen 'fremden Bettgesellen' des Films), und man fragt sich immer wieder, ob solche Anspielungen bewusst von den Autoren eingebaut wurden, um sich über Hudsons geheim gehaltene Homosexualität lustig zu machen, oder ob sie als beliebtes Boulevard-Element erst aus heutiger Sicht eine doppelte Bedeutung bekommen.

Wie auch immer, FREMDE BETTGESELLEN wäre sicherlich spannender, wenn sich zwischen den beiden mehr abgespielt hätte als harmlose Zickereien. So bleibt der Film ein unterhaltsames, gelegentlich witziges Star-Vehikel, das aber zu schwerfällig daherkommt, zu viele Klischees bedient und an den Esprit der Hudson/Day-Klassiker nie heranreicht. Ein Film für verregnete Sonntage - nicht nur, weil er im nebligen London spielt.

6.5/10

Montag, 24. März 2014

Verzweifelte Menschen (1971)

Ein Film, wie er nur in den 70ern entstehen konnte. In VERZWEIFELTE MENSCHEN (Desperate Characters) spielen Shirley MacLaine und Kenneth Mars das Ehepaar Sophie und Otto, zwei finanziell gut gestellte, aber zutiefst frustrierte New Yorker, die einen trostlosen Alltag durchleben. Sophie wird von einer streunenden Katze gebissen und verbringt die gesamte Handlung damit, die Sorge über den Biss zu verleugnen und sich dann unentwegt Sorgen zu machen, Otto weiß als Anwalt ohnehin alles besser und ist ein Zyniker, wie er im Buche steht. Sophies Freundin und deren Ex-Mann führen eine noch schlimmere Beziehung, die jener von Burton/Taylor in "Wer hat Angst vor Virgina Woolf" nicht unähnlich ist. Kriminalität und Vandalismus, emotionale Kälte und Tod umgeben Sophie und Otto bei jeder Gelegenheit, und als sie die Stadt verlassen, um in ihrem Sommerhaus vom Druck der Großstadt abzuschalten, wurde auch dort bereits eingebrochen und ihr Zuhause verwüstet...

Das klingt doch nach einem Film für fröhliche Video-Abende, oder? Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass VERZWEIFELTE MENSCHEN dann gar nicht so deprimierend ist wie der Titel verspricht. Der Film wurde seinerzeit auf der Berlinale mit mehreren Preisen bedacht, ist aber vom Publikum komplett ignoriert worden und irgendwo im filmischen Nirwana verschollen.

Als Zeitdokument ist VERZWEIFELTE MENSCHEN absolut überzeugend, aber auch dementsprechend gealtert. Der Film greift sämtliche Probleme auf, die man im Großstadtleben der 70er nur haben konnte. Wenn die Lebenspartner nicht gerade gemein zu einem sind, sieht man alkoholisierte Passanten auf der Straße krepieren, ohne dass sich jemand um sie kümmert, im überfüllten Krankenhaus wird man wie am Fließband behandelt, Ungeziefer verbreitet Krankheiten, und dazu gesellen sich Luftverschmutzung, Straßenraub, Armut und andere soziale Errungenschaften, die ein perfektes Bild der 'Urban Paranoia' abgeben.
Die Kameraarbeit ist entsprechend ungeschönt und knallhart realistisch, mit allem Dreck und abbröckelnden Fassaden, die man in New York finden konnte. Einen Plot hat VERZWEIFELTE MENSCHEN nicht, er schildert lediglich aus der Beobachterperspektive den Alltag seiner Protagonisten - die nicht einmal sonderlich verzweifelt sind, wie man aufgrund des Titels vermuten dürfte. Sie sind bereits abgestumpft und an das ganze Elend gewöhnt. Verzweiflung wäre für sie bereits eine zu starke Emotion.

Warum VERZWEIFELTE MENSCHEN nicht so fürchterlich ist, dass man sich hinterher erschießen möchte, das liegt vor allem an Shirley MacLaines Darstellung, die zu den Meilensteinen ihrer Karriere gehört (vielleicht ist sie sogar ihre beste überhaupt), und allein deswegen ist es bitter, dass der Film so untergegangen ist. Nach den großen Erfolgen mit Billy Wilder Anfang der 60er beschränkten sich ihre weiteren Auftritte in den 60ern fast ausschließlich auf belanglose Wegwerf-Komödien, in denen sie lediglich niedlich und quirlig zu sein hatte, und in denen ihr Talent vollkommen vergeudet wurde. Mit dem Aufbruch des Autorenkinos aber konnte sie endlich zeigen, dass sie vielschichtige, authentische Figuren mit Schwächen und Defiziten spielen kann und dennoch immer ein Sympathieträger fürs Publikum bleibt (siehe auch "Die Besessenheit des Joel Delaney", der ebenfalls an den Zuschauern vorbeiging).

Auch MacLaines Filmgatte Kenneth Mars zeigt in VERZWEIFELTE MENSCHEN eine extrem glaubwürdige Vorstellung (ganz besonders, wenn man ihn noch als Gendarm mit Armprothese in "Frankenstein Junior" oder als tuntigen Schnösel in "Is' was, Doc?" in Erinnerung hat). Sie sind beide in einer lieblosen Ehe gefangen, in der Sarkasmus, Beleidigungen und Ablehnung kaum noch etwas ausmachen. Jeder Versuch, aus dem Schema auszubrechen, scheitert, jede Regung menschlicher Wärme wird umgehend von Streit abgelöst. Aber warum sollten sich Sophie und Otto auch trennen? In einer hoffnungslosen Welt braucht man auch keine Hoffnung auf privates Glück. Das Überleben steht an erster Stelle.
VERZWEIFELTE MENSCHEN ist so nüchtern und dokumentarisch erzählt, dass man als Zuschauer nicht wirklich beteiligt wird und immer auf Distanz bleibt. Das ist einerseits mutig und konsequent, auf der anderen Seite aber kann der Film auch nicht begeistern. Eines ist jedenfalls klar - im heutigen Kino wäre er undenkbar. Allein der Titel würde schon bei Marketing-Experten spontanen Herpes auslösen.

07/10

Dienstag, 18. März 2014

Die Strohpuppe (1964)

Noch so ein Film, der ungerechterweise in der Versenkung verschwunden und schwer zu bekommen ist. Früher konnte man ihn wenigstens ab und zu im TV sehen, aber auch dort ist er nicht mehr auffindbar. Warum? Niemand weiß es.

DIE STROHPUPPE (Woman of Straw) entstand 1964, als Sean Connery sich gerade auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand. Nicht nur vergötterte ihn alle Welt als James Bond 007, er hatte zudem gerade in Hitchcocks Psycho-Drama "Marnie" (1964) bewiesen, dass man ihn auch als 'seriösen' Schauspieler ernst nehmen musste. Während Hitchcock Connerys dunkle Seite aber nur sparsam für die sado-masochistischen Untertöne seiner Freudianischen Liebesgeschichte einsetzte, besetzte der britische Regisseur Basil Dearden den Schauspieler in der STROHPUPPE konsequent als eiskalten Bösewicht.

Connery spielt hier den Sohn des exzentrischen und tyrannischen Multimillionärs Ralph Richardson, der seine Hunde besser behandelt als Menschen - insbesondere seine schwarzen Hausangestellten, die er wie Sklaven hält. Erst als die schöne Pflegerin Gina Lollobrigida für den alten Despoten engagiert wird, entwickelt dieser menschliche Regungen. Das gefällt Connery gar nicht, denn der sieht schon seine Erbschaft schwinden, sollte Papa sich ernsthaft in die italienische Femme Fatale verlieben. Doch wie so oft ist nichts so, wie es scheint. Tatsächlich planen Connery und Lollobrigida gemeinsam, Richardson das gesamte Vermögen abzuluchsen. Als Richardson an einem Herzinfarkt stirbt, scheinen sie fast am Ziel ihrer Träume. Doch dann muss Lollobrigida erkennen, dass auch sie nur ein Werkzeug des cleveren Manipulators Connery ist, der für Geld über Leichen geht. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm...

Die Handlung der STROHPUPPE ist auf nur wenige Schauplätze begrenzt und spielt sich hauptsächlich im noblen Landsitz von Millionär Richardson und auf dessen Yacht im Mittelmeer ab - zwei extrem sehenswerte und kontrastierende Locations. Um Kontraste geht es auch inhaltlich, um arm gegen reich, Unterklasse gegen Oberklasse, weiß gegen schwarz, Geldgier gegen Liebe. Die Dialoge sind geschliffen, und die verschlungene Handlung bietet so viele überraschende Wendungen, dass man als Zuschauer immer wieder verblüfft wird und gleich mehrfach seine Sympathien neu verteilen muss. Lehnt man zunächst den alten Ralph Richardson als herrschsüchtigen, rassistischen Dreckskerl ab, darf man später durchaus Mitleid mit ihm haben, während der nette Connery plötzlich ganz finstere Seiten zeigt.
Die Inszenierung von Basil Dearden weist ein paar Längen im Anfangsteil auf (es dauert zu lange, bis Richardson und Lollobrigida ein Paar werden und der Thriller endlich losgeht), aber wenn die Intrigen erst einmal in Gang kommen, nimmt auch der Film deutlich Fahrt auf. Am Ende manövriert der Film die von Lollobrigida gespielte Figur so geschickt in die Ecke, dass nur noch ein Wunder sie daraus befreien kann - oder eine raffinierte letzte Wendung. Der Schlusspunkt ist dann ebenso ironisch wie gerecht.

Natürlich funktioniert der ganze Plot nur, weil Lollobrigida nicht gerade die hellste Leuchte auf dem Kronleuchter der Schöpfung ist. Das Geld ist ihr im Grunde egal, sie will vor allem Connerys Zuneigung und begibt sich dafür in kriminelle Machenschaften (oder wie es auf dem amerikanischen Kinoplakat lautet: Strohpuppen fangen schnell Feuer!). Das kann man zwar verstehen, weil Connery nie attraktiver und durchtrainierter war als 1964, aber jede einigermaßen intelligente Partnerin würde schneller drauf kommen, was für ein hinterhältiges Spiel er treibt.

Das macht aber nichts, denn Lollobrigida sah ebenfalls nie besser aus, trägt exquisite Outfits und Négligées und spielt ihren Part trotz Sprachschwierigkeiten sehr überzeugend. Ihre Rolle gibt auch sehr viel her. Zu Beginn darf sie die patente und leicht kratzbürstige Krankenschwester geben, die sich flugs in eine sinnliche Geliebte verwandelt, um dann im letzten Akt als verzweifeltes Opfer die einzig echten Emotionen in den Film zu bringen.
Connerys Charakter bleibt da im Vergleich eher eindimensional, aber er hat halt die volle Star-Präsenz. Möglicherweise war die Entscheidung, Connery in einer so unsympathischen Rolle zu besetzen, nicht gerade förderlich für den Kassenerfolg, denn ein großer Hit war DIE STROHPUPPE nicht - ebenso wie übrigens auch "Marnie", was viele dazu veranlasste, Connery weiter nur als lässigen Geheimagenten zu akzeptieren. Glücklicherweise konnte er sich irgendwann - wenngleich nie ganz - von diesem beschränkten Image befreien, und Filme wie "Marnie" und DIE STROHPUPPE zeigten schon früh, dass er mehr wollte und konnte.

DIE STROHPUPPE ist kein großer Klassiker oder Meilenstein des Thrillers, aber hochklassiges britisches Krimi-Kino - unterhaltsam, spannend, sexy, exzellent gespielt und mit viel Sorgfalt produziert - weswegen er auch gut gealtert ist. Dass der Film nicht einmal in seinem Heimatland auf DVD erhältlich ist, das kann man schon ziemlich peinlich finden. Interessierte müssen auf die spanische DVD-Ausgabe zurückgreifen.

08/10


Sonntag, 16. März 2014

Das Kabinett des Dr. Caligari (1962)

Es gehört schon eine Menge Mut dazu, seinen Film als Remake eines der berühmtesten Stummfilmklassikers aller Zeiten auszugeben. Und es gehört eine Menge Dummheit dazu, wenn der Film dann nicht einmal ein Remake ist, denn das fordert nur Kritiker und unnötige Vergleiche heraus. Gerüchten zufolge lautete der Titel des Drehbuchs zu DAS KABINETT DES DR. CALIGARI (The Cabinet of Caligari) von "Psycho"-Autor Robert Bloch komplett anders, der Film aber wurde gegen seinen Willen vom Produzenten umgetitelt, um eine Nähe zu Robert Wienes filmischen Meisterwerk von 1920 zu suggerieren. Warum auch immer, denn außer dem Figurennamen 'Caligari' und einem psychologischen Hintergrund gibt es keine Gemeinsamkeiten. Der Schuss ging dann auch voll nach hinten los. DAS KABINETT DES DR. CALIGARI wurde verrissen, ignoriert und ist heute höchstens noch Filmfreaks bekannt, die sich für obskure Titel interessieren.

Der Witz an der Sache: der Film ist gar nicht mal schlecht und hätte absolut mehr Zuspruch verdient, aber wenn man sein eigenes Werk unbedingt sabotieren will, bitte sehr.

Vergessen wir jetzt mal Wiene und kommen zum Inhalt, der schnell erzählt ist: Die attraktive junge Jane (Glynis Johns mit extrem heiserer Stimme) hat auf einsamer Landstraße eine Autopanne und sucht Hilfe. Dabei entdeckt sie ein exklusives Anwesen, in dem sich mehrere merkwürdige Menschen herumtreiben. Das Haus gehört einem Psychiater namens Dr. Caligari (Dan O'Herlihy), und nach mehreren erfolglosen Versuchen, das Anwesen wieder zu verlassen, muss Jane merken, dass sie eine Gefangene von Caligari ist, der sie heimlich beim Baden beobachtet und psychoanalytische Sitzungen mit ihr abhält. Doch ist das wirklich die Wahrheit, oder bildet sich Jane das bizarre Umfeld lediglich ein?

Um mit einem Klassiker wie "Psycho" (1960) mitzuhalten, kommt DAS KABINETT DES DR. CALIGARI leider zu schleppend voran. Statt einer äußerlichen Handlung bietet der Film eine Abfolge mysteriöser Situationen, ist stark dialoglastig und steuert gemächlich auf seine überraschende Auflösung zu, die teilweise im Voraus zu ahnen ist, aber dennoch einen verblüffenden Schlusspunkt setzt. Auch geht es hier nicht um Mord und Totschlag, sondern allein um Sinn und Durchführung von Psychoanalyse. Wenn man schon Hitchcock als Vorbild heranziehen will, dann ähnelt der Film eher einem "Spellbound" (1945). Sex und Gewalt kommen zwar in Form von surrealen Traumsequenzen und Visionen der Hauptfigur vor, bleiben aber durchweg brav (Glynis Johns vollführt einen sehr züchtigen Striptease, um Caligari zu verwirren). Regisseur Roger Kay gelingt es nicht, Robert Blochs Geschichte als echten Paranoia-Alptraum in Szene zu setzen.

Sehenswert hingegen ist die Schwarzweiß-Cinemascope-Kameraarbeit von John Russell, der auch "Psycho" fotografiert hat. Auch der üppige Score kann sich hören lassen. Glynis Johns zeigt in der (schwierigen) Hauptrolle eine sehr ansprechende Leistung, und der unheimliche Caligari wird effektiv von Dan O'Herlihy ("Halloween 3", "RoboCop") gespielt. Obwohl die Handlung auf einen einzigen Schauplatz begrenzt ist, wird der Film nur selten langweilig, weil man als Zuschauer (im besten Fall) wissen möchte, was zur Hölle in diesem Haus vorgeht und wie die Story wohl endet. Auf jeden Fall handelt es sich hier nicht um einen 08/15-Thriller, auch wenn der Film letztlich nicht hält, was er verspricht.

DAS KABINETT DES DR. CALIGARI lief zwar seinerzeit auch in deutschen Kinos, ist aber seitdem weder auf Video noch auf DVD zu haben. Interessierte müssen schon auf die amerikanische DVD zurückgreifen. Insgesamt ist der Film schwer zu beurteilen und noch schwerer zu kategorisieren, weil er sich bei vielen Genres bedient. Am besten kann man ihn wohl als "Twilight Zone"-Folge in Spielfilmlänge bezeichnen. Einige atmosphärische Sequenzen sind mir seit der ersten Sichtung nicht mehr aus dem Kopf gegangen, weswegen ich ihn immer mal wieder schaue. Nicht unbedingt gut, aber ein netter Versuch. Hat was.

07/10

Donnerstag, 13. März 2014

Running Man (1987)

In einer fiktiven Zukunft ist die TV-Show "Running Man" der große Quotenhit. Dort werden überführte Verbrecher zur Abschreckung von engagierten Killern gejagt und zur Strecke gebracht, und das alles wird beklatscht und bejohlt von zombiehaften Fernsehzuschauern. Als es aber ausgerechnet unseren Arnie Schwarzenegger erwischt, stellt sich bald heraus, dass er nicht nur a) unschuldig ist und vom System 'entsorgt' werden soll, sondern dass er auch b) ein besserer Kämpfer ist als seine Widersacher. Nun muss er um sein Leben rennen, seine Unschuld beweisen und die Show "Running Man" als zynische Manipulationsmaschinerie des totalitären Überwachungsstaates entlarven. Da ist wieder jede Menge Ääktschn angesagt.

RUNNING MAN (The Running Man) war einer der großen 80er-Kino-Hits Arnold Schwarzeneggers und beginnt wie so oft als lauter, tumber und schlecht gemachter Action-Kracher mit simpelsten Dialogen und billigen Spezialeffekten, sowie der österreichischen Kampfmaschine als unbesiegbarem Muskelmann. Mit Beginn der "Running Man"-Fernsehshow aber entwickelt sich der Film zu einer durchaus rasanten Achterbahn, in der es auch überraschend satirische Spitzen und intelligente Einfälle gibt (wenngleich in überschaubaren Maßen, dies ist leider nicht "RoboCop"), bis es im Finale dann wieder ordentlich rummsen und unser Arnold mal wieder die Welt retten darf - und das Mädchen bekommt! Also alles wie gehabt. 

Regisseur Paul Michael Glaser, den die meisten als 'Starsky' aus "Starsky & Hutch" kennen, hat zwar keine eigene Handschrift vorzuweisen, aber er hält das Spektakel immerhin so unterhaltsam, dass man zuschauen kann, ohne einzuschlafen. Man muss aber durch die schlimme erste Viertelstunde durch, am besten mit geschlossenen Augen und Ohren. Sein Film ist weder so brutal-dümmlich wie frühere Schwarzenegger-Vehikel (à la "Phantom Kommando", der vom selben Drehbuchautor stammt), noch erreicht er die Klasse oder inszenatorische Kraft eines "Predator" (1987). Die Szenen, in denen die unfreiwilligen Teilnehmer von "Running Man" zum Spielbeginn auf die Startbahn 'geschossen' werden, sind überhaupt die besten (was dem Film bewusst ist, denn er wiederholt sie gleich mehrfach).

Schauspielerisch bewegt sich alles auf sehr anspruchslosem, aber solidem Niveau. Schade, dass Maria Conchita Alonso als einzige Frau im Team eine so schrecklich blöde und nervende Zimtzicke spielen muss, die alle ständig in Gefahr bringt und nie ihre Klappe halten kann. Da war das Kino der 80er eigentlich schon weiter. Herrlich unfreiwillig komisch wird es, wenn Yaphet Kotto als Arnies Best Buddy den Löffel abgibt und im Sterben eine völlig verkitschte Rede in bester "Begrab' mich an der Biegung des Flusses" oder "Wir sehen uns auf der anderen Seite"-Manier hält, bei der kein Auge trockenbleibt. So trashig ist RUNNING MAN leider nur selten. Und so schwarzhumorig hier auch das TV-Publikum und die seelenlosen Fernsehmacher gezeichnet werden, so zahnlos bleibt dann doch letztlich alles, man will das anvisierte Publikum (sprich: pubertierende Jungs) auch nicht überfordern.

Die inhaltlichen Elemente von RUNNING MAN hat man alle schon vorher gesehen, sie reichen von Horror-Klassikern wie "Graf Zaroff" (Die Menschenjagd als Luxusvergnügen) über Sci-Fi der 70er wie "Rollerball" (Blutiger Sport als moderne Brot-und-Spiele-Variante) bis zu Satiren wie dem TV-Juwel "Das Millionenspiel". Die Romanvorlage zum Film stammt übrigens von Stephen King, der dafür sein Pseudonym Richard Bachmann wählte.

Wer auf knallige 80er-Action mit ein wenig mehr Grips als unbedingt nötig steht, und wer sich an den Synthie-Klängen von Filmkomponist Harold Faltermeyer im besten John Carpenter-Modus erfreuen kann, dem sollte RUNNING MAN Spaß machen. In der Liste der Schwarzenegger-Filme würde ich ihn trotzdem weiter unten ansiedeln, weil er sein Potential nie wirklich nutzt und zu oft schon damals abgenudelte Klischees bedient. Dass RUNNING MAN in Deutschland bis vor kurzem noch auf dem Index stand, verstehe wer will, er ist weder übermäßig brutal noch sonstwie kontrovers und könnte locker ab 16 freigegeben werden.

06/10

Montag, 10. März 2014

Dead Heat (1988)

Warum ausgerechnet dieser B-Movie-Trash der 80er wieder aus der Versenkung geholt wurde, man weiß es nicht genau. Aber dennoch, ein herzliches Willkommen im Blu-Ray-Zeitalter, DEAD HEAT. Als ich knackige 18 war, da war DEAD HEAT (Dead Heat) ein Knaller auf jeder Video-Party. Mit genügend Knabberzeug und Grüner Wiese (ja, das Kultgetränk) konnte man sogar die blödesten Sprüche von VokuHila-Darsteller Joe Piscopo ertragen. Und gesplattert wird hier obendrein auch noch ganz ordentlich.

DEAD HEAT ist eine seltsame Mischung aus Knaller-Baller-Action à la "Lethal Weapon" und parodistischem Zombie-Schocker à la "The Return of the Living Dead" (1985). Der Plot: L.A. wird von einer Diebesbande in Atem gehalten, die Juwelenläden ausraubt und scheinbar nicht zu stoppen ist, auch nicht durch Kugeln. Die beiden Ermittler Bigelow (Piscopo) und Mortis (Treat Williams) vom Typ Prolo & Smart, deren Namen nicht zufällig an die Rollennamen von Gibson & Glover in oben erwähnter Action-Reihe erinnern (zumal 'Mortis' dann noch den Tod im Namen verbirgt, da hat sich jemand echt Gedanken gemacht), kommen einer Armee von Untoten auf die Spur, die durch eine Art Re-Animationsmaschine über Superkräfte verfügen. Als Mortis bei einem Einsatz stirbt, wird er flugs selbst unter diesen Zombie-Toaster gelegt und ermittelt nun selbst als Untoter weiter...

Ja, das ist alles ziemlich abgefahren, und damit meine ich nicht nur die schrecklichen Frisuren von Williams und Piscopo. Piscopo war übrigens in den 80ern kurzzeitig irgendwie populär, was nur an seinen strammen Bizeps liegen kann, mit denen er dem damaligen Kino-Titan Schwarzenegger ähnelte. Seine flotten Sprüche jedenfalls rangieren von cool bis unerträglich, ein paar Brüller sind allerdings dabei ("Entschuldigung, wenn ich Ihre Erektion kurz unterbreche, aber ich möchte gern den Manager sprechen"). In der Originalversion sind die Gags auch noch einen Tick gelungener als in der blödelnden Synchronfassung.

DEAD HEAT ist das Regiedebüt des Spitzencutters Mark Goldblatt, und der weiß, wie man Action inszeniert und rasant schneidet. So finden hier haufenweise sinnlose Schießereien statt, die jedem Pubertierenden der 80er die Freudentränen in die Augen getrieben haben. Die Masken und Make-Up-Effekte sind wundervoll handgemacht, und es gibt genügend originelle Einfälle, um die knappe Laufzeit wie im Kugelhagel verfliegen zu lassen.
In der besten Szene werden durch die Re-Animationsmaschine sämtliche gehäuteten und gerupften Tiere in der Vorratskammer eines China-Restaurants lebendig und fallen über die Ermittler her, die sich nun gegen kopflose Hühner und halbe Rinderhälften zur Wehr setzen müssen. Der Umstand, dass Treat Williams im Laufe der Handlung immer mehr zum Untoten mutiert, sorgt für ein paar gute Dialoge ("Ich hab' mich nie im Leben so gut gefühlt!" - "Das ist schwer zu glauben bei jemandem, der keinen Herzschlag hat!"), die zweifellos Robert Zemeckis zu seinem Mainstream-Hit "Der Tod steht ihr gut" (1992) inspiriert haben. Und am Ende gibt es noch eine hübsche 'Casablanca'-Parodie, wenn unsere Helden - nun beide untot - in die ewigen Jagdgründe schlendern und Piscopo davon träumt, als 'Sattel eines Damenfahrrades' wiedergeboren zu werden. Ja, das ist so ziemlich das Humor-Level des Films, aber man kann ihm nicht böse sein.

Die beste Idee von DEAD HEAT aber ist die Mitwirkung des großen Vincent Price (bitte jetzt verbeugen) als Erfinder der Zombie-Maschine. Nicht nur handelt es sich hier um einen der letzten Film-Auftritte unserer geliebten Horror-Ikone, sondern seine Darstellung veredelt einen Film, der eigentlich keine Veredelung verdient hätte.
Wer knallige Action mit wenig Budget, aber viel Einfallsreichtum und einer guten Portion Zombie-Splatter mag, der ist bei DEAD HEAT genau richtig. Zum echten Kult reicht es nicht, aber für den schnellen 80er-Happen allemal. Ein Film, der all denjenigen gefallen dürfte, die "Elvira, Herrscherin der Dunkelheit" (1987) ebenso lieben wie ich.

07/10


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