Montag, 21. April 2014

18 Stunden bis zur Ewigkeit (1974)

18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT (Juggernaut) von Richard Lester gehört zu den spannendsten Filmen der 70er und zu meinen All-Time-Favourites. Mit seinem gewagten Genre-Mix gelingt es ihm, sowohl das Publikum von Polizeithrillern als auch Fans des Katastrophenkinos zu begeistern, obwohl die echte Katastrophe ausbleibt.

Der Plot: an Bord des Passagierschiffes 'Britannic', das sich auf dem Weg von England in die USA befindet, hat ein Erpresser sieben Bomben deponiert, die er zu zünden droht, sollte die Reederei seiner Geldforderung nicht nachkommen. Während Scotland Yard unter Führung von Anthony Hopkins verzweifelt nach dem Täter sucht, wird der Bombenexperte Richard Harris per Hubschrauber an Bord gebracht, um die Bomben zu entschärfen. Dabei kommt es zu mehreren Todesfällen und zur ultimativen Frage: blauer oder roter Draht?

Was 18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT von amerikanischen Katastrophenfilmen unterscheidet, das sind zum einen die britisch-unterkühlte, nüchterne Erzählweise, sowie der Verzicht auf schmalzige Soap-Elemente, die selbst bei Klassikern des Genres zu unfreiwillig komischen Momenten führen. Hier gibt es weder Shelley Winters' Schlüpfer noch O.J.Simpson als Katzenretter zu sehen, und auch keinen dauerbesoffenen Walther Matthau im roten Zuhälter-Hut.
Überhaupt hält der Film die privaten Schicksale der Passagiere komplett im Hintergrund (wir haben eine kleine Romanze zwischen der wundervoll sarkastischen Shirley Knight und Kapitän Omar Sharif, einen immer gut gelaunten Animateur, sowie Sheriff Pepper aus den 007-Filmen als misstrauischen US-Bürgermeister) und kümmert sich fast ausschließlich um den Thriller-Plot. Selbst die Tatsache, dass sich die Ehefrau und beide Kinder von Ermittler Anthony Hopkins an Bord des Schiffes befinden, schlachtet der Film nie melodramatisch aus, es gibt lediglich ein kurzes Telefonat zwischen Hopkins und seinem Sohn, der ihm begeistert erzählt, dass er fast von einer Bombe zerfetzt wurde.

Ebenso wie die Erzählung bleibt auch das Spiel der Darsteller stets zurückgenommen, mit Ausnahme von Richard Harris, der natürlich wie üblich eine One-Man-Show abzieht, dabei wie ein Bierkutscher flucht, säuft und beim Bombenentschärfen philosophiert. Erstaunlicherweise behält er dabei aber immer sein Hemd an, das er in vergleichbaren Filmen zwingend ablegt (siehe "Cassandra Crossing" oder so ziemlich jeden anderen Film mit Harris), und sein Overacting ist glücklicherweise so unterhaltsam, dass es nie stört. An seiner Seite agiert der junge David Hemmings als Assistent im rosa Pullover und wird leider ein frühes Opfer des Bombenlegers.

Als Thriller bietet 18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT gleich mehrere Höhepunkte. Zu den ersten gehört die Sequenz, in der die Bombenentschärfer per Fallschirm aus dem Hubschrauber springen und an Bord der 'Britannic' klettern müssen - eine Szene, die so realistisch gefilmt ist, dass man selbst stark ins Schwitzen gerät und sich am Sessel festkrallt. Das Finale um den roten oder blauen Draht ist ebenso hochspannend erzählt (und später hundertmal kopiert worden).

Abschließend muss noch konstatiert werden, dass es sich bei den Passagieren der 'Britannic' um die wohlerzogensten Reisenden aller Zeiten handelt. Nicht nur akzeptieren alle stumm die Tatsache, dass womöglich ihr letztes Stündlein geschlagen hat, nein, auch ein gezündeter Sprengsatz auf der Brücke lässt scheinbar jeden kalt. Und auch der geplante Kostümball wird nicht etwa abgesagt, nur weil ein Stockwerk tiefer gerade jemand sieben Bomben entschärft. Ein paar lange Gesichter gibt es, aber keine Panik oder gar sinnloses Durcheinander. Vorbildlich, die Briten. Erinnert ein bisschen an die 'After Eight'-Werbung: Tun wir einfach so, als hätten wir's nicht bemerkt.

Fazit: Klassiker!

9.5/10


Freitag, 18. April 2014

The Call - Leg nicht auf! (2013)

Da hätte ich doch geschworen, Larry Cohen sei für das Drehbuch verantwortlich, stammen doch die letzten Telefon-Thriller "Nicht auflegen" (2002) und "Final Call" (2004) aus der Feder des B-Film-Spezialisten.
THE CALL - LEG NICHT AUF! (The Call) hat sich aber zur Abwechslung mal nicht Cohen, sondern Autor Richard D'Ovidio ausgedacht, der Genrefans noch in unangenehmer Erinnerung ist, denn sein letztes Buch entstand 10 Jahre zuvor, und zwar für das öde William Castle-Remake "13 Ghosts". THE CALL schneidet deutlich besser ab, was vor allem daran liegt, das sich D'Ovidio hier ungeniert bei besseren Filmen (wie den oben erwähnten) bedient und Regisseur Brad Anderson einen nicht gerade wahnsinnig originellen, aber durchaus spannenden Thriller hinlegt.

Halle Berry spielt in THE CALL die Mitarbeiterin des Polizei-Notrufs, die nach einem tragischen Zwischenfall (ach ja, die Traumata!) ihren Beruf mehr oder weniger an den Nagel gehängt hat und seitdem nur noch als Einweiserin für Neuzugänge arbeitet, dann aber doch wieder einen Anruf entgegennehmen muss. Eine junge Frau wurde von einem Psychopathen entführt und ruft aus dem Kofferraum seines Autos an, mit dem er über den Freeway brettert. Um das Opfer aufzuspüren, darf die Telefonverbindung zwischen den Frauen keinesfalls abbrechen, und während ihr die Zeit davonläuft, setzt unsere Halle Berry alles daran, diesmal alles richtig zu machen...

Brad Anderson startet seinen Film mit einem Flugshot über Straßenschluchten, was so ziemlich der konventionellste und unoriginellste Anfang ist, den man sich vorstellen kann. Glücklicherweise erzählt er seine Story im Anschluss aber so rasant, dass man nicht viel Zeit zum Nachdenken über die vielen geklauten Ideen bekommt. Man hat zwar das Gefühl, alles schon einmal irgendwo gesehen zu haben, aber Kamera, Soundtrack und der furiose Schnitt sorgen für jede Menge Tempo, Action und eine gute Portion Suspense.

Halle Berry spielt ihre Rolle angemessen, die Tatsache, dass sie mal einen Oscar gewonnen hat, merkt man ihrer Darstellung aber nicht an. Außerdem hätte ich an ihrer Stelle meinen Haarstylisten für diesen fürchterlichen Afro-Wischmop verklagt. Und wenn der Hollywood-Mainstream endlich mal aus den vorgefertigten Schablonen ausbrechen könnte, dann hätten wir vielleicht nicht zum x-ten Mal eine Heldin, die über ein schreckliches Erlebnis in der Vergangenheit hinwegkommen und über sich hinauswachsen muss. Was wäre denn so furchtbar daran, wenn sie als Telefonistin einfach nur ihren Job gut machen würde? Nein, stattdessen muss sie ständig mit Pipi im Auge und gebrochener Stimme auf das Entführungsopfer einreden, das ebenfalls ununterbrochen heult und kreischt. Weniger aufgesetzte Emotionalität und mehr Mut in der Zeichnung tougher Frauen, die zusammen gegen einen psychopathischen Gegner antreten, hätten mir besser gefallen.

Sehr gelungen sind hingegen die Einfälle, mit denen das Drehbuch das Hauptproblem löst, nämlich diese im Grunde simple Geschichte, die alleine nicht einen ganzen Spielfilm trägt,mit zahlreichen Wendungen aufzupeppen. Die sind dann manchmal absurd und Over the Top, halten den Thriller aber am Laufen und sorgen für ein paar abgeknabberte Nägel. Lediglich der letzte Akt enttäuscht, wenn Halle Berry sich ohne Not und Verstärkung in die Höhle des Löwen schleicht, das Entführungsopfer selbst befreien und den Täter in dessen Folterkammer zur Strecke bringen muss. Das hat man wirklich schon zu oft gesehen und bedient lediglich Horrorfilm-Klischees.
THE CALL spielt danach zwar kurz mit der Idee einer sehr unkorrekten Auflösung, lässt diese dann aber gleich wieder aus Angst vor der eigenen Courage fallen, damit kein Oberschlauberger im Publikum sagen kann: "Polizisten müssen sich aber immer ans Gesetz halten, das geht so nicht!"

Unterm Strich bleiben 90 Minuten gute Unterhaltung mit wenigen Abstrichen - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da ich Null Erwartungen hatte und ein Fan von Filmen bin, die im Grunde nur aus einer einzigen Grundsituation bestehen, welche konsequent durchgespielt wird (à la "Speed" oder eben auch "Final Call"), hat THE CALL bei mir offene Türen eingerannt. Außerdem ist das Osterwetter so schön, da will ich nicht meckern. Gutes Popcorn-Kino für zwischendurch. Punkt.

08/10


Freitag, 4. April 2014

Embryo - Die Brut des Bösen (1976)

Im Leben jedes Hollywood-Stars kommt der Tag, an dem er (oder sie) in einem Horrorfilm mitwirkt (oder mitwirken muss). Manche bringen es früh in der Karriere hinter sich, wenn sie noch kein Schwein kennt (Tom Hanks in "Panische Angst" oder Kevin Bacon in "Freitag der 13."), andere entscheiden sich gegen Ende der Filmkarriere dazu, wenn die großen Angebote ausbleiben. So geschehen auch bei Rock Hudson, der in den 60ern zu den umschwärmten Sex-Symbolen der Traumfabrik gehörte, sich aber in den 70ern mit Werken zufrieden geben musste, die nicht mehr dem Premium-Standard entsprachen. Deshalb entdeckt man ihn (wenn man danach sucht) in Schock-Trash wie diesem - EMBRYO (Embryo).

In EMBRYO spielt Hudson einen Wissenschaftler, der eine Methode entwickelt, Embryos in nur wenigen Tagen zu einem erwachsenen Menschen heranreifen zu lassen. Sein künstliches Geschöpf ist eine schöne Frau (Barbara Carrera), doch irgendwie verhält sie sich trotz gesteigerter Intelligenz extrem bösartig. Als Hudson dann auch noch ihren Reizen verfällt und sie schwängert (jetzt alle gemeinsam: bääääähhhhh), altert sie jedoch rapide und versucht alles, den drohenden Verfall aufzuhalten - wenn's sein muss, auch mit Mord und Totschlag...

Ja, die gute alte Mary Shelley hätte (vermutlich nicht) ihre Freude an dieser modernen Frankenstein-Adaption, die - typisch für die ökologisch und gesellschaftlich bewussten 70er - vor den Gefahren der Wissenschaft warnt. Das Klonen sollte auch bald für den Horrorfilm entdeckt werden. Rock Hudson ist hier der klassische Mad Scientist, der eine eigene Kreatur und Gespielin erschafft, dann aber die Geister, die er rief, nicht mehr los wird.

EMBRYO ist ein sehr düsterer, kalter Film, der irgendwie nie so richtig Spaß macht, was schade ist, weil er ein so hohes Trash-Potential besitzt. Dafür ist er sich aber trotz aller Absurditäten des Plots zu schade, so dass er zwischen allen Stühlen landet. Ernst nehmen kann man ihn nicht, er ist aber auch nicht so schlecht, dass er schon wieder Freude macht. Man könnte ihn noch am ehesten mit Filmen wie "Des Teufels Saat" (1977) vergleichen, der sich trotz Sex-Szenen zwischen Mensch und Maschine konsequent weigert, wirklich sleazy zu werden. So ähnlich verhält es sich auch hier. Wer aber davon träumt, sich eine eigene Barbara Carrera für Zuhause zu basteln (und haben wir das in unserer Jugend nicht alle getan?), der liegt hier schon ganz richtig.

Barbara Carrera spielt ihr Frankenstein'sches Geschöpf mit zwar wenig Ausdruck, kann aber schön fies aus der Wäsche schauen (was ihr später als Bond-Gegenspielerin in "Sag niemals nie" sehr zugute kam), und man fragt sich, wie wohl Hudson ihren exotischen Akzent in den Embryo eingepflanzt haben mag. Hudson selbst wirkt müde und etwas ausgezehrt, bemüht sich aber - wie immer - um eine seriöse Darstellung. Hudson war ja immer ein Schauspieler der zurückgenommenen Töne. Das Overacting erledigt für ihn der immer verlässliche Roddy McDowall in einer Nebenrolle als Schach-Profi, der von Carrera kalt lächelnd beim Spiel geschlagen wird und gleich darauf die Fassung verliert. Weitere bekannte Gesichter sind Diane Ladd ("Wild at Heart", 1991) als treue Laborassistentin Hudsons, sowie Anne Schedeen - richtig, das ist die Mutti aus ALF, und die hat ja Erfahrung mit merkwürdigen Geschöpfen, die nicht von dieser Welt sind.

Regisseur Ralph Nelson kriegt leider - anders als der Embryo - kein ordentliches Tempo hin, so dass sich der Film seinem makaberen Finale etwas entgegenschnarcht. Der Showdown hat es allerdings in sich und ist für Hollywood-Verhältnisse (immerhin ist dies kein Hinterhof-Schmuddelfilm, sondern eine hochkarätig besetzte Produktion) ziemlich shocking und abstoßend geraten. Man sieht halt nicht jeden Tag Hollywood-Stars, die sich an menschlichen Föten vergreifen. Das hätte man doch eher einem Joe D'Amato zugetraut.

Fazit: Noch ein Film aus der "kann man, muss man aber nicht"-Ecke. Wer Kuriositäten mag oder Hudsons nackten Hintern sehen will, kann einen Blick riskieren (kleiner Tipp: einfach mal bei YouTube schauen), wer aber Lust auf verrückte Wissenschaftler und in die Hose gegangene Experimente hat, der sollte lieber gleich zu Cronenbergs "Fliege" greifen und ist damit deutlich besser bedient.

05/10
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