Freitag, 30. Mai 2014

Jein, ich will (2004)

Ich sage es mal, wie es ist: Ich kann Hochzeitsfilme nicht ausstehen - ganz besonders nicht, wenn sie aus Hollywood kommen. Das liegt einerseits daran, dass ich es satt habe, Brautkleid-Anproben, Test-Essen und verschwundene Ringe zu sehen, ich mag auch den grundsätzlichen Gedanken hinter diesen Filmen nicht, der stets die Ehe als das größte zu erreichende Glück (besonders für Frauen, weil sie sonst keine Lebensziele haben) und den Tag der Trauung als den "schönsten Tag im Leben" propagiert, damit ein gefräßiger Wirtschaftszweig - die Hochzeits-Industrie - weiter existieren kann. 
Natürlich gibt es Ausnahmen. "Brautalarm" (2011) ist nett unkorrekt, und immer, wenn die Ehe zumindest auf die Schippe genommen wird ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall"), bin ich zur Not auch dabei.

Der französische Spielfilm JEIN, ICH WILL, der im Original den ebenso schlichten wie schönen Titel "Mariages!"besitzt und im deutschen Fernsehen auch als "Eine französische Hochzeit" lief, geht glücklicherweise andere Wege als die zuckersüßen Hollywood-Varianten. Zwar gibt es auch hier den verschwundenen Ehering, der vom Trauzeugen verschludert wurde, aber MARIAGES ist eher an einer Aufarbeitung der Institution Ehe interessiert als am Kitsch - und darüber hinaus angenehm unverkrampft und leicht erzählt.

Die Regisseurin Valérie Guignabodet erzählt in MARIAGES eine Hochzeit auf dem Lande, zu der zwei Familien zusammenkommen. Anhand dreier Paare schildert sie die verschiedenen Aggregatzustände der Ehe (ursprünglich wollte sie anhand eines einzigen Paares die verschiedenen Stufen des Miteinander verdeutlichen, entschied sich dann aber für die Aufteilung auf drei verschiedene Beziehungen). Da wäre zunächst das jungverliebte Brautpaar (Chloé Lambert und Alexis Loret), das heiraten will, weil 'man das eben so macht', ungeachtet der Tatsache, dass sich der Bräutigam in der Nacht zuvor noch auf der Junggesellenparty vielleicht oder vielleicht auch nicht einen Blowjob von einem Transvestiten abgeholt hat. Dann sind da die bereits länger verheirateten Jean Dujardin und Mathilde Seigner, deren Ehe sich in ein Kriegsgebiet verwandelt hat, bei denen aber noch Hoffnung auf Versöhnung besteht, und zu guter Letzt haben wir ein Paar, dessen Ehe sich schon an dem Punkt befindet, wo nur noch eine Trennung helfen kann. Während die Brautmutter (Miou-Miou) verzweifelt die Kontrolle über die Feier zu behalten versucht, beginnen und enden mehrere gemeinsame Lebenswege...

MARIAGES ist auf keinen Fall geeignet für einen hübschen Mädels-Abend, bei dem Kissen geknutscht und Tränchen vergossen werden, denn der Film zieht trotz aller Heiterkeit und Verwicklungen eine eher nüchterne und desillusionierende Bilanz. Dazu ist er gespickt mit ebenso sarkastischen wie klugen Zitaten berühmter und weniger berühmter Personen über die Ehe, wie etwa Oscar Wildes "Zu einer glücklichen Ehe gehören mehr als zwei" oder „Eine Ehe ist wie eine belagert Festung: die, die drin sind wollen raus und die, die draußen sind, wollen rein“.

Dementsprechend unterschiedlich wird MARIAGES auch von Rezensenten bewertet - es hängt davon ab, mit welchen Erwartungen man an solch eine Geschichte geht. Für mich ist es wohltuend zu sehen, wie intelligent und abgeklärt der Film mit seinem Thema umgeht, ohne den Unterhaltungs- und Spaßfaktor zu vernachlässigen, er verzichtet auch weitgehend auf Slapstick und ist (fast) vollkommen kitschfrei. Anders als bei amerikanischen Vorbildern ist MARIAGES auch weitgehend unvorhersehbar. Das Happy End des jungen Brautpaares ist nicht von Beginn an in Stein gemeißelt, und nach mehreren überraschenden Wendungen konzentriert sich der Film im letzten Akt unversehens auf eine Figur, die zunächst unwesentlich scheint und eher im Hintergrund agiert, deren Geschichte dann aber die eigentlich entscheidende wird (um nicht zu spoilern, möchte ich nicht mehr verraten) - nicht umsonst erhält sie das Schlussbild, das die Befreiung, nicht das Miteiander, feiert

Das durch die Bank hervorragende Ensemble befindet sich in großartiger Spiellaune. Jean Dujardin, der auf dem Höhepunkt des Films einen fantastischen Monolog über die Ehe halten darf, sah nie besser aus und befindet sich hier noch am Anfang seiner steilen Filmkarriere, an seiner Seite agiert eine starke, störrische Mathilde Seigner. Die wunderbare Grande Dame Miou-Miou hält nicht nur die Hochzeit, sondern auch den ganzen Film zusammen, und als Sidekick-Paar gibt es noch die Eltern des Bräutigams, die sich ununterbrochen über die Kosten aufregen, die sie übernehmen sollen ("Da haben Sie sich wohl gleich den ganzen Garten neu machen lassen, wie praktisch!"). Das Setting (ein Sommerhaus im Grünen) ist fantastisch, und im dritten Akt taucht noch ein trauriger Transvestit auf, der für einige Verwirrung (sowie eine tolle Shownummer) sorgt und den schönsten Moment bekommt, wenn er stolz und traurig verkündet: "Wenigstens einmal bin ich eingeladen worden".

Fazit: Wenn schon ein Hochzeitsfilm, dann bitte so einer. Et Voilá!

09/10

Montag, 26. Mai 2014

Counter Investigation (2007)

Das Cover täuscht. Bei COUNTER INVESTIGATION - KEIN MORD BLEIBT UNGESÜHNT (Contre-Enquête) handelt es sich nicht um einen Gangsterfilm oder Action-Kracher, sondern um einen französischen Krimi mit Noir-Anleihen, der deutlich leiser daherkommt als man annehmen würde. Die Hauptrolle in diesem spannenden Kriminaldrama spielt Jean Dujardin, der zu den größten Stars des französischen Kinos gehört und von Hollywood einen Oscar für "The Artist" (2011) erhielt.

Worum geht es? Während der Cop Richard (Dujardin) zu einem Drogenfall ins Revier gerufen wird, vergewaltigt und ermordet ein Unbekannter Richards kleine Tochter Emilie. Hauptverdächtiger ist Daniel Eckmann (Laurent Lucas), der von Zeugen identifiziert wurde und ein Geständnis ablegt. Obwohl er das Geständnis widerruft, wandert Eckmann in den Knast. Von dort aus bittet er Richard um Hilfe und beteuert seine Unschuld. Richard, der kaum über den Verlust des Kindes hinwegkommen kann, steckt nun in einem furchtbaren Dilemma - sollte Eckmann tatsächlich unschuldig sein, läuft der wahre Täter immer noch frei herum. Oder aber ist Eckmann doch der Scnhuldige und treibt ein hinterhältiges Spiel? Richard rollt den Fall gegen den Willen von Kollegen und Ehefrau noch einmal auf...

Autor/Regisseur Franck Mancuso kann zwar in der Inszenierung von COUNTER INVESTIGATION nicht unbedingt eine eigene Handschrift vorweisen, dafür ist aber sein Drehbuch erstklassig. Der Film besticht durch zügiges Erzähltempo sowie originellen Wendungen, und er stürzt seine Hauptfigur - glänzend verkörpert vom immer attraktiven Jean Dujardin - in zahllose Konflikte, die sich aus der schrecklichen Tat und den Folgenfür ihn ergeben. Dabei wird der melodramatische Anteil (der Verlust des Kindes, Probleme in der Ehe, Schuldgefühle, etc.) angenehm in den Hintergrund gerückt, um stattdessen dem Whodunit mehr Raum zu geben, und die Frage "War er es oder war er es nicht?" wird hochspannend erzählt. Der Krimi schließt dann mit einem unvorhersehbaren (und höchst unkorrekten Finale), nach dem man die vorangegangenen Ereignisse noch einmal aus neuer Perspektive betrachten muss und Lust bekommt, sich den Film gleich noch einmal anzusehen.

COUNTER INVESTIGATION beweist (wieder einmal), dass es für einen guten Thriller weder ständige Sensationen noch Special Effects braucht, und dass ein gutes Buch auch einige Klischees verträgt, wenn die Geschichte fesselt und die Charaktere glaubwürdig entwickelt werden. Jean Dujardin trägt den Film mühelos, und ein Blick aus seinen traurigen Augen sagt viel mehr als Worte. Die Zurückhaltung, die von allen Beteiligten an den Tag gelegt wird, zahlt sich hervorragend aus. Mancusos Film ist angenehm altmodisch geraten und braucht sich vor großen französischen Vorbildern des Polizeifilms nicht zu verstecken. Von mir gibt's eine klare Empfehlung.

8.5/10

Ein Cop am Rande des Nervenzusammenbruchs - 
Jean Dujardin in "Counter Investigation"



Donnerstag, 1. Mai 2014

Jung & schön (2013)

Die 16-jährige Isabelle (Marine Vacth) verliert im Sommerurlaub am Strand ihre Unschuld. Einige Monate später arbeitet sie neben der Schule als Callgirl. Sie trifft vorwiegend ältere Männer in Hotelzimmern, gibt sich als volljährig aus und lässt sich für Sex bezahlen. Als einer ihrer Freier an einem Herzinfarkt stirbt, flüchtet sie, doch die Polizei kommt ihr auf die Schliche. Das Doppelleben fliegt auf, und die entsetzten Eltern fragen sich,was sie falsch gemacht haben, bzw. wie Isabelle zu helfen ist. Aber braucht sie überhaupt Hilfe?

Der französische Regisseur Francois Ozon hat zu seinem jüngsten Werk JUNG & SCHÖN (Jeune & Jolie) erklärt, er habe bei den Dreharbeiten zu "In ihrem Haus" (2013) Lust bekommen, ein Jugenddrama zu inszenieren, ohne aber die Jugend dabei zu verklären, sondern als eine Zeit zu zeigen, in der die Teenager ihre Grenzen testen und überschreiten, in der sie irrational handeln und sich auf gefährliche Experimente einlassen, in der sie - um es überspitzt zu sagen - unzurechnungsfähig sind. Das ist ihm fabelhaft gelungen, trotzdem bleiben einige Wünsche offen. Für die schwierige Hauptrolle wählte Ozon die noch unbekannte Marine Vacth, und sie erweist sich als seltener Glücksfall für den Film. Sie ist nicht nur in der Tat jung und sehr schön, sie bewahrt auch bis zum Schluss ihr Geheimnis. Sie wirkt ebenso unschuldig-naiv wie abgründig. Nie erfährt der Zuschauer, was wirklich hinter dieser hübschen Fassade vor sich geht, was sie motiviert, das ist so gewollt. Bei ihrem ersten Sex am Strand zeigt Ozon, wie Isabelle kurz aus ihrem Körper aussteigt und sich selbst zuschaut. Isabelle kann Liebe und Sex trennen, sie fühlt sich nicht schuldig, und auch der Film versucht nie, ihre Handlungen zu rechtfertigen oder sie dafür zu verurteilen.

Gerade die Anfangsszenen ihrer erotischen Begegnungen in diversen Hotels haben eine besondere Faszination, zu der auch die ständige Verwandlung Isabelles vom Schulmädchen in Schlabberklamotten zur Männerfantasie in High Heels und Mini gehört. Zugleich wird Isabelles familiäres Umfeld als liebevoll und harmonisch beschrieben, eine wohltuende Abkehr vom üblichen 'Problemfilm', in dem stets das kaputte Elternhaus mit Scheidung, Gewalt und Alkoholismus zu Verhaltensauffälligkeiten der Kinder führt. Nein, Ozon ist das zu billig, er beschreibt Isabelles Werdegang und Lust am Verbotenen stets als eigene, freie Entscheidung, die nie aus der Not geboren wird, nicht einmal aus finanzieller. Die Tatsache, dass es heutzutage so einfach ist, sich mit Hilfe von Internet und Smartphones zu prostituieren und anderen zur Verfügung zu stellen, wird ebenfalls nie moralisch gewertet, sie bildet nur den glaubwürdigen Hintergrund für diese sehr reale Geschichte.

Leider kann JUNG & SCHÖN in der zweiten Filmhälfte die innere Spannung der ersten nicht ganz halten Nachdem Isabelles Doppelleben entdeckt wurde, plätschert der Film für meinen Geschmack ein wenig zu ziellos vor sich hin. Isabelle muss zum Psychiater, muss sich Fragen anhören, ihre Mutter wird eifersüchtig, als Isabelle den Stiefvater einen Tick zu liebevoll anschaut. Das sind alles gute Szenen, aber man ahnt schon, worauf es hinausläuft, und es gibt auch kein Geheimnis mehr zu entdecken. Natürlich kann Isabelle nicht widerstehen und lässt sich erneut auf eine Hotelbegegnung ein. Dass dort ausgerechnet in der letzten Szene die großartige Chatlotte Rampling, Star vieler Ozon-Werke, vorbeischaut, ist ohne Frage das größte Schmankerl in JUNG & SCHÖN, zumal Marine Vacth wie eine jüngere Ausgabe der Diva wirkt. Ozon wollte übrigens zunächst die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der sich prostituiert, und man darf sich fragen, wie dieser Film ausgesehen hätte.

JUNG & SCHÖN ist ein kleiner, intimer und unaufdringlicher Film, der sich in Ozons Schaffen eher zu Werken wie "Rückkehr ans Meer" (2009) gesellt, nicht zu den poppig-knalligen Starvehikeln à la "Das Schmuckstück" (2010). Dazu sind Kamera und Musikbegleitung wie üblich bei Ozon exzellent. Der Regisseur nutzt seinen Hauskomponisten Philippe Rombi hier nur wenig und spielt an dramaturgisch wichtigen Stellen Chansons von Francoise Hardy ein, was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. So ganz begeistern konnte mich der Film nicht, aber die Darstellung von Marine Vacth ist auf jeden Fall sehr sehenswert.

07/10
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