Montag, 30. Juni 2014

Hügel der blutigen Augen (1977)

"They wanted to see something different - but something different saw them first!"

Mit dieser genialen Tagline wurde HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN (The Hills Have Eyes) beworben, den Regisseur Wes Craven nach seinem berühmt-berüchtigten Erstling "The Last House on the Left" (1972) inszenierte, mit etwas mehr Geld, aber insgesamt deutlich professioneller. HDBA wurde ein bescheidener Hit an den Kinokassen und entwickelte sich schnell zum Kultfilm. heute genießt er in Fankreisen großes Ansehen. Ich habe etwas gebraucht, um mit dem Film warm zu werden und bin erst über verschiedene Anläufe dazu gekommen, seine Qualitäten wirklich zu erkennen. Tatsächlich handelt es sich hier um einen der besten, angsteinflößendsten und verstörendsten Horrorfilme  der 70er, einen Vertreter des 'Savage Cinema', das durch Sam Peckinpah, Tobe Hoopers "Blutgericht in Texas" (1974) und John Boormans "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972) begründet wurde.

HDBA erzählt von einer Mittelklassefamilie, die mit dem Wohnwagen durch die amerikanische Wüste fährt und sich dabei verirrt. Allein auf sich gestellt und der brennenden Sonne ausgesetzt, stoßen sie bald auf eine degenerierte Familie, die in den Hügeln jenseits ihres unfreiwilligen Campingortes lebt und Durchreisende verspeist. Das erste Opfer wird der Schäferhund der Familie, und kurz darauf richten die Kannibalen ein regelrechtes Massaker an. Die gepeinigten Urlauber schlagen aber gandenlos zurück und erweisen ich als ebenso brutal wie ihre Angreifer...

HDBA ist ein Film der Gegensätze. Die beiden Hunde der Familie heißen 'Beauty' und 'Beast', wobei die Schönheit zuerst dran glauben muss und die Bestie übrig bleibt - was den Film wunderbar auf den Punkt bringt. Auf der einen Seite steht die zwar zerstrittene, aber noch funktionstüchtige Familie aus der Zivilisation, die zum Mittagessen Papierservietten in der Einöde auflegt und ihren gesamten Hausstand mit dabei hat, auf der anderen Seite lauern die 'Wilden', die Touristen lediglich als Nahrung betrachten, die schlechte Zähne und keine Manieren haben, und die alle Konflikte über Gewalt lösen. Sie sind die 'nukleare' Familie, entstanden als Kollateralschaden von Atomtests - eine Tatsache, die in der alten deutschen Kinosynchronfassung mal eben komplett verfälscht wurde. Dort sind sie Außerirdische, die irgendwann in der Wüste gelandet sind und sich seitdem dort herumtreiben. Man fragt sich, was die Gründe für eine solche Entstellung des Films gewesen sind, offenbar fand man hierzulande Cravens zynische Beschreibung des 'Gotteslandes' als durch Menschenhand verseuchten Ort zu kontrovers oder zu albern (Außerirdische sind natürlich viel weniger albern).

In seiner zweiten Regiearbeit beweist Craven, der ein kluger, studierter Mann ist (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass seine Filme alle gut sind - nach meiner persönlichen Ansicht würde ich das Verhältnis gut zu schlecht auf 50:50 schätzen), dass er sein Publikum wirklich erschrecken kann. Filmische Regeln und Verabredungen mit dem Zuschauer gibt es hier nicht mehr. Zwei Mütter werden erschossen, ein Baby wird gewaltsam entführt und soll den Hügelbewohnern als Festtagsbraten dienen, ein Hund wird ausgeweidet, eine Tote wird als Köder benutzt, um die Gegenseite anzulocken, und die netten Amerikaner verwandeln sich unter der Bedrohung in ebenso blutrünstige Bestien wie ihre Angreifer. Wenn alle Fassaden der Zivilisation bröckeln, kommen die Bestien zum Vorschein. Die Urlauber vertrauen ganz auf die Technik, die sie als erstes im Stich lässt, sie haben keine Ahnung, wo sie sich befinden oder wie sie sich helfen sollen, sie machen einen Ausflug ins Nirgendwo und wundern sich dann, dass ihre Regeln dort nicht mehr gelten. Dass ihr Hund vor einiger Zeit mal einen Pudel totgebissen hat, verstehen sie als Spaß, aber jetzt werden sie erfahren, was es heißt, Teil einer Nahrungskette zu sein und dort nicht unbedingt an der Spitze zu stehen.

HDBA ist hart und brutal, aber nie zum Selbstzweck. Das Massaker, das die Hügelbewohner anrichten, ist ein intensives Filmerlebnis (verstärkt durch das endlose Gekreische von Hauptdarstellerin Susan Lanier, das - im positiven Sinn - wirklich an den Nerven zerrt), aber Craven konzentriert sich ebenso ausführlich auf die Trauer und den Verlust, der die Reisenden um den Verstand bringt. Die Schauspieler leisten dabei - insbesondere für einen solchen Low Budget-Film - hervorragende Arbeit, insbesondere Robert Houston als sensibler Familiensohn, der Vater, Mutter, Schwester und den geliebten Hund verliert, sowie Dee Wallace (späterer Horror-Star aus "The Howling" und "Cujo", sowie unvergessen als nette Mama in Spielbergs "E.T.").
Die Familiendynamik ist in jeder Minute glaubhaft und authentisch, und das Ungeheuerliche, was diesen Menschen zustößt, ist nicht wegen der (eher zurückgenommenen) Splatterelemente so schockierend, sondern wegen der emotionalen Kraft.

Umso befreiender ist dann die Rache der Gequälten - bis Craven das Publikum sanft darauf hinweist, dass man Gut von Böse längst nicht mehr unterscheiden kann. Was hier in der Wüste stattfindet, ist nicht nur ein Privatkrieg, sondern auch ein Klassen- und Bildungskampf. Darüber hinaus verweist Craven deutlich auf den klassischen US-Western - erinnert doch der Campingwagen stark an den Siedler-Planwagen, der dort gern von Indianern angegriffen wird.

HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN ist grimmiges, rohes und schonungsloses Kino der 70er, das heute - obwohl äußerlich leicht angestaubt - immer noch packen kann. Cravens Film war nicht nur erfolgreich, sondern hat auch andere Filmemacher stark beeinflusst. Nicht umsonst hängt in der Teufels-Hütte in Sam Raimis "Evil Dead" (1981) ein Poster des Films. Craven selbst inszenierte 1984 eine leider völlig misslungene Fortsetzung unter dem Titel "Im Todestal der Wölfe" (The Hills Have Eyes 2"), die lediglich wegen der nicht enden wollenden Rückblenden zu Teil 1 in Erinnerung bleibt (sogar der Schäferhund bekommt dort eine Rückblende!).
Der Franzose Alexandre Aja drehte im Jahr 2006 das obligatorische Remake, das dem Original beinahe Szene für Szene folgt, das Gewaltlevel aber ordentlich in die Höhe schraubt, während das kurz später nachgeschobene Sequel "The Hills Have Eyes 2" (2007) ebenso furchtbar geraten ist wie Cravens eigene Fortsetzung.

Ich bin froh, dass ich nach mehrmaligen Anläufen endlich Zugang zu diesem modernen Klassiker gefunden habe, der so viel mehr ist als billiges Exploitation-Kino. Außerdem liebe ich Filme, in denen Schäferhunde den Tag retten und den 'Bösen' ordentlich in den Hintern treten. Go, 'Beast!

09/10


Donnerstag, 19. Juni 2014

Ein Mann sieht rot (1974)

EIN MANN SIEHT ROT (Death Wish), der jüngst in hervorragender Qualität auf Blu-Ray veröffentlicht wurde, ist ein moderner Klassiker des Selbstjustiz-Thrillers, war im Erscheinungsjahr enorm populär, hat mehrere Sequels und Nachahmer angestoßen und Charles Bronson zum Pin-Up aller Rächer der Enterbten gemacht. Als schweigsamer Vergelter und Säuberer der Großstadt hinterlässt Bronson in der Tat einen so nachhaltigen Eindruck, dass es auch heute nicht schwerfällt, den Erfolg des Films nachzuvollziehen. Darüber hinaus lässt sich Michael Winners Thriller immer noch gut anschauen und bietet trotz seiner (bewusst) problematischen Aussagen spannende und rasante Unterhaltung.

Bronson spielt hier den Architekten Kersey, dessen Frau und Tochter während seiner Abwesenheit von drei Straßenräubern (darunter unsere Lieblingsfliege Jeff Goldblum) überfallen, verprügelt und vergewaltigt werden. Kerseys Ehefrau stirbt an den Verletzungen, seine Tochter landet katatonisch in der Psychiatrie. Kersey, ansonsten ein friedliebender Zeitgenosse, wird durch die Unfähigkeit der Polizei und das Desinteresse seiner Umwelt dazu getrieben, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er greift zum Revolver und geht nachts auf Streifzüge durch New York, wo er Kleinkriminelle kaltblütig abknallt und die Straßen vom 'Abschaum' befreit. Die Bevölkerung sieht ihn schon als Helden und bringt damit Polizei und Politik in Bedrängnis...

Selbstjustiz-Filme sind immer dann am besten, wenn sie konsequent vorgehen und nicht auf Political Correctness achten (siehe "Die Fremde in dir", wo das Konzept in die Hose geht). Michael Winner, der stets ein ausgezeichneter Handwerker und unterschätzter Regisseur war, verzichtet in seinem Werk auf jede tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem sensiblen Thema und serviert stattdessen eine Rächergeschichte, bei der Bronson als einsamer, stiller Held eine Law & Order-Mentalität auslebt, die unsere dunkelsten Seiten anspricht.

Selbstverständlich rief der Film - ebenso wie kurz zuvor Siegels/Eastwoods "Dirty Harry" - alle Kritiker auf den Plan, die ihn wutschäumend als reaktionären Dreck betitelten, was zu erwarten war. Tatsächlich gibt es im gesamten Film keine Figur, die gegen Bronsons Vorgehen das Wort ergreifen oder zumindest die problematische Kehrseite der Selbstjustiz mal ernsthaft diskutieren würde. Da EIN MANN SIEHT ROT auch kein Psychogramm sein will, wird man auch nie schlau aus Bronsons Gemütszustand. Offenbar gehen die Morde spurlos an ihm vorbei, ja, sie scheinen ihm sogar Freude zu bereiten. Das Schlussbild, in dem Bronson in neuer Umgebung erneut die üblen Subjekte der Gesellschaft lächelnd aufs Korn nimmt, bleibt ein ebensolches Fragezeichen. Ist er nun völlig durchgeknallt und psychopathisch, oder zwinkert er nur dem Publikum zu und sagt: "Zu euch komme ich später"? Da Michael Winner alle Fragen offen lässt, macht er sich natürlich angreifbar, kann sich aber auch jederzeit damit verteidigen, dass er niemals offen Selbstjustiz propagiert, ein sehr geschickter Dreh. 

Eines ist jedenfalls klar, dumm ist Winners Film nie (anders als Nachfolger wie "Eine Frau sieht rot", der an Dummheit schwer zu überbieten ist), er stellt sich nur gelegentlich dumm. Der interessanteste Aspekt findet sich nach der Gewalttat gegen Bronsons Familie, wenn er eine Geschäftsreise nach Arizona antritt und somit direkt im Herzen des Wilden Westens landet, wo er Zeuge einer Western-Show wird, in der sich Cowboys zur Freude des klatschenden Publikums gegenseitig über den Haufen schießen. Im 'alten Amerika', so der Film, herrschte noch Zucht und Ordnung, da wurde nicht lange gefackelt, und Verbrecher wurden - am besten ohne Prozess - an Ort und Stelle aufgehängt. Im 'neuen Amerika' aber sind diese Werte nur noch Relikte und zu spaßiger Unterhaltung verkommen (so wie die Western-Show für das Publikum funktioniert, so funktioniert auch der Film selbst). Insofern verkörpert Bronsons Kersey auch den Wunsch nach Rückkehr zu einer simplen Weltordnung, einer 'Auge um Auge'-Mentalität.

Die Reaktionen auf Bronsons spätere Rachefeldzüge sind dann auch entsprechend geteilt. Die Bevölkerung verehrt ihn, weil er den Mut hat, selbst durchzugreifen, die Polizei kommt ihm schnell auf die Spur, wird aber von der Staatsanwaltschaft zurückgepfiffen, weil Bronson nicht zum Märtyrer gemacht werden soll und die Kriminalität aufgrund seiner Taten zurückgegangen ist (was der Film nur behauptet, denn Bronson wird auch am Ende noch an jeder Ecke überfallen, sobald er nur sein Haus verlässt, obwohl die Stadt doch jetzt angeblich sicherer geworden ist). An dieser Stelle verabschiedet sich EIN MANN SIEHT ROT natürlich von jeder Realität und spielt auf einem fiktiven Planeten, denn niemals würde die Polizei einen Massenmörder wie Kersey (dessen Morde selbstverständlich niemanden zur Selbstjustiz gegen ihn anstacheln, weil er ja auf der 'richtigen Seite' steht) lediglich in eine andere Stadt umsiedeln und ansonsten frei davonkommen lassen - und wenn, dann sicher nicht so plump wie hier gezeigt.

Jenseits der moralischen Fragen aber ist EIN MANN SIEHT ROT ein klasse Thriller, der sich nie lange mit unnötigem Beiwerk aufhält und schnell zur Sache kommt. Die 90 Filmminuten fliegen förmlich vorbei. Der Film ist ausgezeichnet fotografiert und packt noch einen furiosen Soundtrack von Herbie Hancock, der das Großstadt-Feeling der 70er perfekt transportiert, obendrauf.
Einige Rezensenten haben angemerkt, dass der Angriff auf Bronsons Ehefrau und Tochter von Winner so unangenehm und realistisch dargestellt wird, dass er nur schwer konsumierbar ist (weswegen der Film auch heute noch nicht für Jugendliche freigegeben ist, mal abgesehen von seiner Thematik), aber diese Szene ist extrem wichtig für den Film. Nur, wenn man die Brutalität auch als solche begreift und nachfühlt, kann man Bronson überhaupt als Rächer akzeptieren. Wenn der Film hier zauderte, würde er nicht mehr funktionieren.
Die Besetzung von Hope Lange als Bronsons Gattin ist dabei eine ganz spezielle Gemeinheit, weil die schöne und sanfte Lange im amerikanischen Bewusstsein durch ihre Erfolge in den langlebigten TV-Serien "The Ghost and Mrs. Muir" und "The Dick Van Dyke-Show" der Inbegriff weiblicher Integrität und Unantastbarkeit war, die Mutter der Nation, sozusagen.

Kritisieren könnte man stattdessen einige schwache Nebenrollen, insbesondere Bronsons Filmschwiegersohn, der langweilig geschrieben ist und ausdruckslos gespielt wird, immer am Rande eines Tränenausbruchs und ein echter Waschlappen. Das hat - wie alles im Film - natürlich auch Methode, weil er die verweichlichte und angesichts der alltäglichen Gewalt gelähmte, passive Gesellschaftshaltung repräsentieren soll - trotzdem könnte er interessanter oder zumindest attraktiver sein!
Charles Bronson hingegen leistet hier ein echtes Bravourstück. Obwohl er weitgehend emotionslos Dutzende von Leuten abknallt, bleibt man auf seiner Seite und möchte eigentlich nicht, dass er verhaftet wird. Schlimmer noch - als ihm gegen Ende einer der Schurken beinahe entkommt, hofft man, dass er auch diesen noch zur Strecke bringt. Da hat einen der Film komplett im Griff, und ein bisschen schämt man sich dafür. Jugendschützer und wütende Kritiker sollten dennoch nicht zu hart mit den reaktionären Untertönen ins Gericht gehen. An meiner persönlichen Einstellung gegen Selbstjustiz oder die Todesstrafe hat der Film rein gar nichts geändert (auch nicht, als ich noch jünger und naiver war), und überhaupt muss man ihn nicht ernster nehmen als er sich selbst nimmt.

Fazit: EIN MANN SIEHT ROT ist kontroverses, unkorrektes und extrem sehenswertes Kino der 70er, ein einflussreicher moderner Klassiker und knallharte Unterhaltung - mit Biss.

09/10


Mittwoch, 4. Juni 2014

Das Haus der Verfluchten (1985)

Wer noch seine alte Ufa-Videokassette im Regal stehen hat, der kann diese nun getrost entsorgen, falls er nicht aus sentimentalen Gründen daran hängt, denn DAS HAUS DER VERFLUCHTEN (7 Hyden Park, Formula for a Murder, La Casa Maledetta) ist nun ENDLICH in guter Qualität und vor allem ungeschnitten auf DVD/Blu-Ray erhältlich! Wenn das mal keine gute Nachricht ist.
Ehrlich gesagt habe ich so lange auf eine Uncut-Fassung gewartet, dass mir der Film in deutlich besserer Erinnerung war, denn so doll ist er leider nicht. Macht aber nichts, es ist trotzdem schön, diesen kleinen Spät-Giallo nach vielen Jahren wieder zu genießen.

"David Warbeck Goes Beserk!" ruft das englische DVD-Cover, und genau darum geht es. David Warbeck, alter Bekannter aus vielen Genre-Streifen inklusive einiger Fulcis ("The Beyond", "The Black Cat") spielt hier einen scheinbar freundlichen und harmlosen Sportlehrer, der sich an die Millionenerbin Joanna (Christina Nagy) heranmacht. Joanna ist an den Rollstuhl gefesselt, seit sie als Kind von einem psychopathischen Priester vergewaltigt wurde (vermutlich wusste man damals noch nicht, dass man als Minderjährige/r lieber die Beine in die Hand nehmen und um sein Leben rennen sollte, wenn einem ein katholischer Priester über den Weg läuft). Gleichzeitig werden mehrere Menschen in Joannas Umgebung per Rasiermesser und Spaten abgemurkst. Könnte es sein, dass unser David dahintersteckt, weil er an Joannas Geld rankommen will? Oder spielt Joannas beste Freundin (Carroll Blumenberg) ein doppeltes Spiel? Wird sich Joannas Talent, mit Pfeil und Bogen umzugehen, im mörderischen Finale womöglich auszahlen?

DAS HAUS DER VERFLUCHTEN ist ein Giallo aus einer Zeit, als der Giallo schon durch war, und streng genommen handelt es sich hier nicht einmal um einen Vertreter unseres geliebten Italo-Genres. Zwar ist der Schocker mit einigen der typischen Details angereichert und kann mit blutigen Morden aufwarten, die so ziemlich den einzigen Schauwert darstellen, aber im Grunde haben wir es mit einer Mischung aus "Die Teuflischen" (1956) und "Ein Toter spielt Klavier" (1961) zu tun (ich entschuldige mich in aller Form bei den Herren Clouzot und Holt, die bestimmt nicht mit diesem Film in einen Topf geworfen werden wollen).
Statt psycho-sexueller Störung geht es dem Täter hier lediglich ums schnöde Geld, und dafür soll die liebe Joanna in den Tod getrieben werden, denn wie sagt doch Joannas Arzt mit knallharter Miene (sinngemäß): "Wenn sie sich an den Vorfall aus ihrer Kindheit erinnert, wird der Schock sie sofort töten!" Gut, dass der Mann studiert hat, sonst könnte man das vielleicht als reine Spekulation abtun, aber wer sich so sicher ist, der kann sich ja nicht irren.

Na, jedenfalls klappt der Plan nicht so ganz, obwohl ständig ein als Priester verkleideter Irrer auftaucht und Joanna eine blutige Puppe vor die Nase hält, die offenbar noch aus Hitchcocks "Die rote Lola" (1951) übrig geblieben ist. Dazu erklingt jedes Mal ein bizarres Kinderlied, dessen Text ich aufgrund der Stimmenverfremdung bis heute nicht verstanden habe - irgendwas mit Leichen und aufgeschlitzten Bäuchen. Ist auch egal.
Überraschenderweise wird der Täter bereits nach 30 Minuten enthüllt, damit sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel entwickelt, doch leider schafft es Regisseur Alberto de Martino nicht, ein solches zu inszenieren, weil die Geschichte zu fade bleibt. Der Inhalt des Films ist geradezu erschreckend simpel - Warbeck und Nagy versichern sich ihrer Liebe, turteln durch Gärten und New York, und dazwischen wird der eine oder andere Priester dahingemetzelt. Nicht sonderlich aufregend, das Ganze. Im Finale kann sich Nagy dann gegen ihren Angreifer wehren, doch der - hätten Sie's geahnt? - taucht in schöner Michael Myers-Regelmäßigkeit immer wieder auf, um nach Joanna zu grapschen, bis er endgültig zur Hölle geschickt wird.

Spannend ist das alles nicht sonderlich, und auch filmisch bleiben viele Wünsche offen. Bis auf ein paar verzerrte Optiken ist DAS HAUS DER VERFLUCHTEN trotz des Cinemascope-Formats uninspiriert fotografiert. Lediglich ein wuchtiger Fenstersturz gegen Ende kann da für etwas Begeisterung sorgen. Dazu mixt Filmkomponist Francesco de Masi gelangweilt verschiedene Motive aus den Scores zu "Samen des Bösen" (1981) und seinem eigenen "Der New York Ripper" (1982) zusammen, was insofern passend ist, da eine zentrale Szene auf der New Yorker Staten-Island-Fähre spielt, auf der in Fulcis Klassiker schon ein junges Mädel blutig zu Tode kam. Um den Film als amerikanische Produktion auszugeben, müssen übrigens die Italiener im Vorspann falsche Namen annehmen (Alberto de Martino heißt hier Martin Herbert).

DAS HAUS DER VERFLUCHTEN ist insgesamt leidlich unterhaltsam, wenn man gar nichts erwartet und geht als Trash noch am besten durch. Dafür sorgen das Overacting von Warbeck im besten Jack Nichsolson-Modus, sowie einige haarsträubende Dialoge - etwa, wenn Warbeck den bereits erwähnten seriösen Doktor, der ihm soeben von Joannas schwerem Kindheitstrauma erzählt hat, ungrührt fragt, ob seine Patientin wohl den Geschlechtsverkehr mit ihm überleben würde oder gleich einen Herzinfarkt bekäme - wahrscheinlich, weil er so ein toller Hengst ist und mit seiner Manneskraft schon mehrere Damen dahingerafft hat.

Wer so lange auf eine gute Veröffentlichung des Films gewartet hat wie ich, der sollte mit der aktuellen DVD/Blu-Ray-Ausgabe jedenfalls bestens bedient sein, auch wenn der Film (wie so oft) nicht halten kann, was die sentimentale Erinnerung verspricht. 


05/10



Dienstag, 3. Juni 2014

Atmen (2011)

Der neunzehnjährige Roman (Thomas Schubert) sitzt seit fünf Jahren im Jugendknast, nachdem er einen gleichaltrigen Jungen zu Tode getreten hat. Roman hofft auf frühzeitige Entlassung und nimmt dafür einen Job bei einem Wiener Bestattungshaus an, wo er den Umgang mit Toten lernen muss und den Anfeindungen eines älteren Kollegen ausgesetzt ist, der ihn unentwegt demütigt. Als eine Tote mit gleichem Nachnamen aufgefunden wird, beginnt Roman, nach seiner Mutter zu suchen, die ihn als Kind dem Jugendamt übergeben hat...

ATMEN ist das Regiedebüt des österreichischen Schauspielers Karl Markovics, das  bei Kritikern Begeisterung auslöste und mehrere Preise auf wichtigen internationalen Festivals gewann. Der Film ist ein bewegendes und authentisches Jugenddrama (ich vermeide den schrecklichen Begriff 'Coming of Age'), das behutsam seine ganze Kraft entfaltet. Gesprochen wird nicht viel, die Sprachlosigkeit ist Teil von Romans Persönlichkeit.
Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht, der zu den besten seiner Zunft gehört, sind perfekt durchkomponiert, und die größte Entdeckung ist Laiendarsteller Thomas Schubert, der nur durch Zufall zum Casting kam, und der hier eine sensationelle Leistung zeigt. Er ist in jeder Sekunde glaubwürdig, und die innere Wandlung seiner Figur, das langsame Erwachsenwerden, das Herantasten ans Leben (ironischerweise über den Tod), drückt er allein durch Blicke und Körpersprache aus, wo andere Filme und Darsteller haufenweise Dialoge benötigen.

Filmisch erleben wir diese Wandlung durch die Wiederholung von Situationen und Abläufen, in denen sich lediglich Romans Verhalten nach und nach ändert. So ist er etwa zu Beginn nicht in der Lage, sich die für die Arbeit notwendige Krawatte selbst zu binden, und die Anfeindungen des Kollegen lässt er wortlos über sich ergehen, ebenso die täglichen Kontrollen im Knast. Später widersetzt er sich dem Kollegen, bindet sich die Krawatte mühelos und hält den Blicken von Wachleuten und Vorgesetzten Stand. So wie er ihnen in die Augen blickt, so kann er sich auch mit seiner Tat auseinandersetzen, die ihn ins Gefängnis gebracht hat, und den Konsequenzen seiner Handlungen 'ins Auge sehen'.

Regisseur Markovics ist dicht dran an seiner Hauptfigur und schildert Romas 'Rückkehr ins Leben' leise, nüchtern und ohne jeden Kitsch oder falsche Melodramatik. Die detaillierten Abläufe im Bestattungshaus sind in ihrer dokumentarischen Qualität hervorragend in das Drama integriert und stehen nie für sich, obwohl sie allein einen überzeugenden Dokumentarfilm abgeben würden. Der Umgang des Films mit dem Tod und den Toten bleibt immer respekt- und würdevoll, trotz gelegentlicher Prisen schwarzen Humors. Gelegentlich wird ATMEN auch poetisch - etwa, wenn ein Vogel sich in die Leichenhalle verirrt und von Roman nach draußen in die Freiheit geleitet wird (was in meiner Nacherzählung rühriger und symbolbeladener klingt als es sich im Film darstellt).

Fazit: ATMEN ist ein sehr sehenswertes Jugenddrama mit einem famosen Hauptdarsteller. Ein Film der leisen Töne und der nachwirkenden Bilder, der zu Recht vielfach ausgezeichnet wurde. So sicher und präzise ATMEN gelungen ist, so unvorstellbar scheint es, dass es sich hier bei Regie und Hauptrolle um Debüts handelt. Große Leistung!

09/10


 Roman (Thomas Schubert) auf der Reise zwischen Leben und Tod, Gefängnis und Freiheit.


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